Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend

Part 2

Chapter 23,629 wordsPublic domain

Lily sah rasch auf. Sie öffnete die Lippen zu lächelnder Entgegnung, schloß sie indes wieder und sah während einiger Augenblicke sinnend in den Kamin. Plötzlich hob sie den Blick.

»Denkt er so?« fragte sie, und Marie Müller sah sie verwundert an.

»Wer?« fragte sie zurück.

»Herr Harvey?«

»Herr Harvey? O, der denkt in allen Beziehungen so rechtlich,« entgegnete Marie, »ich habe hierüber mit ihm nie gesprochen; aber ich bin überzeugt, daß er in diesem Punkt so denkt wie ich!«

»So?« Lily Elsworth war aufgesprungen. Es überkam sie eine Heftigkeit, für die sie sich keine Erklärung gab. Sie warf mit kindlichem Ungestüm das widerspenstige Stirngelock zurück und eiferte ganz ohne Grund auf die Freundin ein: »Es ist sehr leicht, ein Urteil zu fällen über andere, und alles was sie thun, unrecht zu finden. Ich möchte wissen, ob Herr Harvey eine Ahnung davon hat, was es heißt, sich langweilen!«

Marie Müller antwortete sehr prompt: »Nein, davon hat er sicherlich keine Ahnung. Herr Harvey hat Pflichten!«

»Pflichten, ja! Es gibt aber Menschen, die keine haben -- ich zum Beispiel!«

»Das liegt an Ihnen. Seien Sie mir nicht böse, aber Sie könnten sich welche schaffen. Ihrem Leben fehlt, das meinte Herr Harvey auch, ein rechter Inhalt; den könnten Sie -- aber Lily, was ist Ihnen? Sie zürnen mir, Sie weinen!«

Lily hatte plötzlich beide Hände vor's Gesicht geschlagen.

»Nein,« rief sie, »ich zürne Ihnen gar nicht, aber --« hier bebte ihre Stimme in losbrechendem Schluchzen, »er -- er hat sich gar nichts um mich zu kümmern! Ich verlange nicht zu wissen, was Herr Richard Harvey über mich denkt!«

»Lily,« bat die andere, von der Leidenschaft des Mädchens sichtlich verlegen gemacht, »ich bitte Sie, weinen Sie nicht! ich war ungeschickt. Herr Harvey -- Sie thun ihm unrecht; er sprach an jenem Abend nach der Begegnung mit Tom Warren von Ihnen und da meinte er -- Sie seien viel besser als das so den Anschein hätte.«

Es war eigentümlich, wie lange dem Mädchen die letzten Worte in den Ohren klangen. Sie saß, lange nachdem die Freundin gegangen war, vor dem Kamin und sann über dieselben nach, und als sie am Nachmittag des nächsten Tages in das Vereinslokal trat, um Abrechnung zu liefern über die am Abend des Festes eingegangenen Gelder, staunte sie selbst, als sie ohne jede Veranlassung die Worte vor sich hin sprach: »Besser, als das so den Anschein hat.« -- Unmutig über sich selbst betrat sie den Saal; unmutiger wie je hatte sie ihn wieder verlassen. Unter den schriftlich übersandten mildthätigen Gaben für den Bau hatte sich ein Check von »Rechtsanwalt Harvey« vorgefunden. Ein Check über 100 Dollars! Geben wollte der Mann also, der Sache dienen, ja, es war also offenbar nur Abneigung gegen ihre Person, die ihn zu seinen Weigerungen veranlaßt. Abneigung! War es denn möglich, daß sie ihm unangenehm war, sie, die gewohnt war zu gefallen und sich feiern zu lassen? -- Lily ging nachdenklich vor sich hin; ein Zug großen Unwillens lag auf ihrem Antlitz, der auch dann nicht schwand, als sie sich anrufen hörte.

»Fräulein Elsworth-Lily!«

Lily hob den Kopf. Aus dem Erkerfenster eines der großen villaartig gebauten Häuser beugte sich das sanfte Gesicht Marie Müllers. »Wohnen Sie da?« fragte Lily herauf und die andere nickte lebhaft.

»Kommen Sie auf ein Weilchen herein,« bat sie, und bei der freundlich gesagten Bitte wurde Lilys Antlitz düster wie vorher. Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Eile!« sagte sie schroff.

»So warten Sie ein bißchen, ich komme zu Ihnen!«

Lily mußte es mit der Eile nicht allzuernst gewesen sein. An Marie Müllers Seite wanderte sie ein Stück Wegs und machte plaudernd mit ihr kehrt. Unweit des Hauses blieben die Mädchen stehen.

»Seien Sie gut,« bat Marie, die Hände der Freundin fassend, »jetzt sind Sie nicht mehr verdrossen, kommen Sie zu mir herauf!«

»Lassen Sie mich,« erwiderte die andere mit Ernst; »ich sage Ihnen ungern »nein«, aber in das Haus des Herrn Harvey gehe ich nicht!«

»Sie kommen ihm ja nicht nahe, wenn Sie mich besuchen. Ich weiß nicht, was Sie gegen ihn einnimmt, will es gar nicht wissen, aber es verletzt mich zu sehen, daß Sie mich deswegen meiden --«

»Das thue ich nicht,« unterbrach sie Lily, und --

»Das thun Sie aber ja,« eiferte Marie. »Sehen Sie, mein Zimmer liegt ganz apart von den andern, die Kinder sind ausgegangen, ich bin ganz allein, kommen Sie mit hinauf!«

Marie Müller hatte sie halb gezogen, halb gedrängt. Zögernd betrat sie mit ihr das Haus.

»Dies ist mein Revier,« sagte lächelnd Marie, als sie den Gast in ein kleines, überaus wohnliches Gemach führte; »machen Sie sich's recht bequem, ich laufe nur eben hinunter, um Auftrag zu geben, daß uns die Kinder nicht überfallen!«

Es lag in der Atmosphäre etwas von Harmonie, deren Einfluß Lily wohlthat.

Lily war allein. Sie hatte sich in dem im Erker befindlichen Schaukelstuhl niedergelassen und ihre Hutbänder gelöst, als sie an der Thüre leises Klopfen vernahm. »Herein!« rief sie, ohne sich zu besinnen, und herein trat -- Lily erbleichte vor Schrecken und Verlegenheit -- Herr Harvey.

Er sprach im Eintreten, offenbar die im Schatten des Erkers sitzende Gestalt nicht erkennend: »Ich störe Sie nur auf eine Minute, Fräulein Marie, behalten Sie Platz; ich bin über Frau Warren in Unruhe, Sie waren wohl bei ihr? Hat sie Nachrichten über Toms Verbleiben?«

Lily war bei den rasch aufeinanderfolgenden Fragen aufgestanden und dem Manne näher getreten. Bei den letzten wallte es ihr plötzlich heiß auf. Dicht vor Herrn Harvey hintretend sprach sie mit Hast die Worte einzeln hervorstoßend: »Ich bin es, Herr Rechtsanwalt. Marie Müller überredete mich, sie hierher zu begleiten; sie ist auf einige Minuten hinuntergegangen. Sie sagten etwas über Tom Warren und seine Mutter -- ist sie krank? und ist er fort?«

Der Mann achtete nicht im mindesten auf die sichtliche Erregung des Mädchens, er näherte sich der Thüre. »Verzeihung, ich glaubte Fräulein Müller zu finden! Die Mitteilungen, die ich machte, oder besser die Fragen, die ich stellte, waren privater Natur.«

Er war an der Thüre. Lily sprang rasch vor und deckte sie mit ihrer tannengeraden Gestalt. »Privater Natur? wie können sie das sein, wenn sie von Tom Warren handeln, von einem Menschen, den Sie selbst mit mir antrafen und der -- oh bitte, sagen Sie mir ausführlich was geschehen ist!« Der letzte Satz war im Wortlaut sehr weich, der Ton aber war mehr herrisch als bittend und Herr Harvey blickte sehr ruhig in das aufgeregte Gesichtchen vor ihm und entgegnete ernsthaft:

»Ich wiederhole Ihnen, daß meine Mitteilungen Fräulein Müller galten, dieselben können Sie nicht interessieren --«

Lily unterbrach ihn: »Sie weichen mir aus. Wie können Sie das sagen? Wenn Tom Warren fort ist, so geschah es vielleicht durch mich?«

»_Vielleicht?!!_« -- Herr Harvey hatte das Wort mit ironischer Emphase gesprochen. Lily verstand ihn; sie stand einen Augenblick regungslos, während die weißen Finger ihrer Hände nervös ineinander arbeiteten, dann zwang sie sich zu mäßiger Ruhe:

»Das eine Wort gibt mir Aufschluß, mein Herr. Sie geben mir für das Geschehene die Schuld und halten mich für so herzlos, kein Interesse dafür zu haben!«

Herr Harvey sah sie rasch an. »Herzlos? Nein,« entgegnete er langsam, »man veranlaßt oftmals durch Leichtsinn Kummer; dieser leichte Sinn hilft auch dann über den Ernst der Sache hinweg.«

»So? Und das denken Sie von mir?« Lilys Lippen zuckten wie bei einem gescholtenen Kinde. »Sie denken, daß ich oberflächlich bin, und daß ich nichts empfinde, und daß --«

Harvey unterbrach sie. »Verzeihung, mein Fräulein, Sie täuschen sich. Wie käme ich dazu, ein so unfreundliches Urteil über eine junge Dame zu fällen, die ich so wenig kenne! Ich bedaure unendlich, Sie in ganz unnötige Aufregung gebracht zu haben. Darf ich?« -- Er machte eine Bewegung der Thüre zu.

Lily warf heftig den Kopf zurück. Sie sah den Mann mit aufblitzenden Augen an, mit Augen, die unter seinen ruhigen Blicken weich wurden, und die Hände mit einer halb herrischen, halb kindlichen Art zusammenbringend trat sie dicht vor ihn hin. »Sagen Sie mir, warum Sie mich hassen!« Ihre Worte, ihre Haltung waren frappierend. Sie waren mit so eigenartigem Ungestüm, dabei so ehrlich treuherzig ausgerufen, daß es dem Manne eigen milde überkam; dennoch blieb er bei seiner Kühle von vorher, als er höflich und bestimmt erwiderte: »Ich hasse Sie nicht, mein kleines Fräulein!«

Lily sah zu Boden. Ein ihr unerklärliches Gefühl gab es ihr ein, weiter in ihn zu drängen. »Aber Sie geben mir die Schuld an dem Verschwinden Tom Warrens --«

»O nein! Daran nicht, aber an der nächtlichen Scene, welche -- -- aber mein Fräulein, ich habe nicht das mindeste Recht, Ihnen etwas vorzuhalten -- --«

»Sie _sollen_ mir aber etwas vorhalten!« Lily hatte es mit einem Anflug ihres alten Trotzes gerufen, bei seinem nachsichtsvollen, ein wenig amüsierten Lächeln dämpfte er sich sofort wieder. »Bitte, sagen Sie mir, was ich that, um die Dreistigkeiten des Mannes herauszufordern!«

Herr Harvey sah sie prüfend an. »Das, mein Fräulein, wissen Sie am besten selbst. Ohne vorherige Aufmunterung pflegen Männer nicht dreist zu werden --«

»Herr Harvey!«

Ihr Ausruf hinderte ihn nicht weiterzusprechen. »Sie sind kokett; das ist für Sie nicht schmeichelhaft und gar nicht ehrend. Kokette Mädchen sollten bedenken, daß sie sich selbst preisgeben -- -- Oh, mein Fräulein!« Er brach plötzlich ab. Die blauen Augen des Mädchens, voll zu ihm aufgeschlagen, hatten sich bei seinem herben Ton mit Thränen gefüllt. Harvey wurde es, da er das schmale Gesichtchen betrachtete, seltsam weich zu Sinn. Er streckte dem Mädchen in warmer Geste die Hand entgegen. »Sie dürfen nicht weinen,« sagte er, »ich wollte Ihnen nicht weh thun.« Er hatte ihre Hand erfaßt, sich, wie um sie zu trösten, vorgebeugt, da -- öffnete sich die Zimmerthüre. Marie Müller trat ein. Harvey ließ die Mädchenhand fahren. »Ich spreche Sie später,« sagte er rasch zu Marie, indem er sich eilig entfernte.

Lily war in großer Aufregung. Auf ihr stürmisches Drängen hatte ihr Marie Müller die Einzelnheiten über das Warren'sche Haus mitgeteilt. Tom war der Ernährer seiner alten Mutter gewesen; die Nüchternheit, welche der nächtlichen Scene gefolgt war, hatte ihn Scham empfinden lassen. Er fürchtete sowohl die Entlassung aus den Diensten des Herrn Harvey, dessen Buchhalter er war, als auch die öffentliche Schande, die sich für einen Mann daran knüpfte, ein seinem Schutze anbefohlenes Mädchen zu überfallen. Tom Warren war heimlich abgereist, seine Mutter ohne Nachricht über sein Verbleiben zurücklassend, was diese infolge fortgesetzter Aufregung krank darniederwarf.

»Ist sie schwer krank?« hatte Lily gefragt und Fräulein Müller hatte ihr geantwortet, daß eine ernste Sache zu befürchten sei, worauf Lily lange schweigend mit gesenkten Blicken verharrt hatte, um endlich aufblickend ihr Vorhaben kundzuthun.

»Ich gehe zu ihr!« Lilys Handlungen folgten stets ihrem Wort. Der Nachmittag des nächsten Tages fand sie einigermaßen zaghaft vor dem niedern, zweistockigen Häuschen, dessen obere Stübchen von Frau Warren bewohnt waren, stehen.

Auf ihr wiederholtes Klopfen war keine Antwort erfolgt. Mit resoluter Hand öffnete sie und trat ein.

»Frau Warren!«

Aus den überaus sauberen Kissen des schneeigen Bettes richtete sich ein fieberndes Frauenantlitz auf. Die tiefliegenden greisen Augen hafteten mit mißtrauischem Ausdruck auf der Mädchengestalt. »Wer ist da?«

Lily trat etwas näher. Ihre Rede begann sie zaghaft, wurde aber allmählich beherzter. »Ich bin eine Freundin von Fräulein Müller,« sagte sie; »dieselbe ist heute behindert zu kommen, und damit Sie doch nicht allein wären, kam ich. Ich wohne in der Nähe und ich habe viel Zeit, die ich Ihnen widmen möchte, wenn Sie es mir gestatten. Ihr Sohn --« hier stockte sie, »Ihr Sohn ist mir bekannt, und eigentlich -- ich will ganz ehrlich sein, Frau Warren -- eigentlich habe ich Schuld --«

»Sind Sie -- sind Sie -- --«

Das Mädchen nickte bei der aufgeregten Frage der Alten mit dem Kopf und sagte kleinlaut: »Lily Elsworth -- ja -- die bin ich!«

Die Kranke stützte sich mit aller ihr zu Gebot stehenden Kraft auf die Ellenbogen, um sich so dem Mädchen näher zu bringen. Die fieberhaft erregte Stimme klang heiser und bewegt. »Sie also sind es,« schrie sie lebhaft, »die meinen Jungen erst toll gemacht und dann verjagt hat, Sie mit ihrer aufgespielten Tugendhaftigkeit! Was, ich sollte mich von Ihnen pflegen lassen, von Ihnen, die Sie ja doch kein Herz im Leibe -- oh! oh!«

Stöhnlaute erstickten ihre Rede. Sie sank mit Atemnot und Husten kämpfend in die Kissen zurück und schloß die Augen, und das Mädchen, das bis dahin regungslos an der Thüre gestanden hatte, trat ohne sich zu besinnen heran und richtete, das Sträuben der Kranken nicht achtend, das Kopfkissen, auf dem sie lag, empor. Sie sprach nichts, sie verteidigte sich nicht. Mit ihrem kräftigen Mädchenarm stützte sie den Körper der alten Frau und diese sank endlich keuchend wieder in die Kissen, während Lily regungslos neben ihr stand und die abgerissenen Schmähworte mit bleichem Antlitz und zusammengepreßten Lippen stumm über sich ergehen ließ.

»Mit jedem Wort haben Sie ihn 'rangelockt, meinen Jungen, anstatt wie ein ehrbares Mädchen seine Aufmerksamkeiten zurückzuweisen, und dann in der Nacht -- spröde zu spielen, Komödie, weil es gerade so paßte, weil Menschen kamen. Was hat er Ihnen denn so schlimmes gethan, mein Tom? -- he? Warum sollte er das nicht dürfen, nach dem wie Sie zu ihm standen -- wär 'n wohl ein anderer lieber gewesen --«

»Frau Warren -- oh! oh!« Die Stimme, welche ermahnend von der Schwelle ertönte, ließ das Mädchen zusammenfahren.

Herr Harvey war unbemerkt eingetreten und hatte den letzten Teil der Rede der Alten gehört. Er sprach beschwichtigend auf die Kranke ein, welche von Neuem nach Atem ringend unter krampfhaftem Husten in die Kissen sank.

»Lassen Sie mich die Kranke stützen,« sagte Lily herantretend, »es wird gut sein, den Arzt zu holen!«

Harvey legte, ohne zu sprechen, das Haupt, der nun völlig bewußtlosen Frau in des Mädchens Arm, rückte ein Gefäß mit Wasser an das Bett und ging eiligst davon. Es dauerte lange, bis es Lily gelang, die Ohnmächtige ins Leben zurückzurufen.

Die Dämmerung war eingetreten, als Harvey mit dem Arzte endlich erschien. Die Untersuchung währte nicht lange.

»Die Frau bedarf der besten Pflege,« lautete der Ausspruch des Arztes, »sind Sie eine Verwandte?« seine Frage an Lily.

»Nein,« sagte sie rasch, »aber ich übernehme die Pflege!«

Harveys Augen hefteten sich fest auf Lilys Antlitz. Seine Lippen öffneten sich zum Protest, dann schien er sich zu besinnen. Das war eine Frage, die ohne die Anwesenheit des Arztes erledigt werden konnte, und so wartete er, schweigend in seiner Ecke verharrend, bis sich derselbe entfernt hatte. Dann trat er auf das Mädchen zu: »Sie werden die Pflege nicht übernehmen, ich bestelle eine Wärterin!«

»Das thun Sie nicht!« gab Lily mit ebenderselben Bestimmtheit zurück.

»Eine Pflegerin vom Fach ist hier notwendig!« behauptete er, und Lily stand plötzlich neben ihm und sagte in leisem aber entschlossenem Tone: »Bestehen Sie nicht darauf, Herr Harvey, ich bitte Sie darum!« Es lag etwas eigenartig zwingendes in ihrer Haltung, wenn sie diesen halbleisen energischen Ton anschlug. Herr Harvey antwortete nicht sofort. Er wandte sich von ihr ab und trat sinnend an das Fenster. Die Kranke schlief. Lily zog behutsam die Bettvorhänge zusammen, dann näherte sie sich langsam dem Fenster, an dem der Mann stand. »Herr Rechtsanwalt, standen Sie vorhin schon lange dort?« fragte sie. Er verstand sofort, daß sie mit dem »dort« die Thürschwelle meinte, von dem aus er die Worte der Kranken vernommen. Er bejahte. »Und Sie hörten, was Sie sagte?« Wieder bejahte er, und Lily senkte einen Augenblick die Lider, dann fragte sie stockend: »Ist das alles wahr, was sie sagte?« Er sah rasch auf.

»Fräulein Elsworth, warum fragen Sie mich? Sie wissen doch sicherlich am besten, wie viel davon verdient und wie viel ungerecht war!«

»Nein!«

Bei dem mit großem Ernste gesprochenen einfachen Worte sah er sie scharf an und begegnete ihrem voll zu ihm aufgeschlagenen Blick. »Nein?« wiederholte er fragend, »aber Sie sind doch darüber klar, daß nur Ihre vorherige Haltung Tom Warren gegenüber ihn zu der Rücksichtslosigkeit ermutigt haben konnte. Sie wissen doch bestimmt, daß der Ton, den Sie mit Männern anschlagen, ein herausfordernder, ein gefährlicher ist! Es thut mir leid, daß gerade ich Ihnen all diese bitteren Dinge sagen muß, während es nicht meine, sondern Ihrer Eltern Sache ist, Sie darauf hinzuweisen!«

»Ich habe keine Eltern!«

Es war wieder jener seltsame Ton, der so seltsam vibrierte und von verhaltener Empfindung sprach. Herr Harvey sah mitleidig auf sie herab.

»O, das wußte ich nicht. Ich bitte um Verzeihung!«

»Das sollen Sie nicht, Herr Harvey. Es wäre gut, wenn man mich öfter tadelte. Meine Eltern sind lange tot. Mich hat nie jemand auf eine Unziemlichkeit aufmerksam gemacht. Mein Großonkel, bei dem ich wohne, findet alles gut, was ich thue. Ich bin in einer Pension erzogen, in der man mich unbedingt lobte, und so war ich nahe daran, mich für ein ungefähr vollkommenes Geschöpf zu halten!«

Sie sprach die letzten Worte mit einem Anflug von Spott, und Herr Harvey blickte eine Weile schweigend ernst auf sie herab. Als er sprach, that er es wie jemand, der mit sich uneinig ist über die einzuschlagende Richtung: »Es ist traurig, was Sie da sagen. Es beweist, daß Sie nie darüber nachgedacht haben, was denn eigentlich unter dem Worte ›vollkommen‹ bei einem Weibe zu verstehen ist. Sie haben vielleicht niemals begriffen, daß die Art, wie Sie mit ihren Vorzügen umgehen, für Sie weder ehrlich noch verdienstlich ist. Sie wundern sich über die Dreistigkeit Tom Warrens, ich sage Ihnen, daß jeder einzelne Herr Ihrer Bekanntschaft, mit dem Sie so verkehren, wie ich es von Ihnen zu sehen in meinem eigenen Bureau Gelegenheit hatte, dieselbe Dreistigkeit bei Ihnen wagen würde und mit vollster Berechtigung, denn der Mann hat ein Recht darauf, ehrlich behandelt zu werden. Es ärgerte Sie, daß ich keine Billette von Ihnen nahm. Ich weigerte mich nicht aus Härte oder Mangel an Sympathie. Aber ein solcher Billetthandel, getrieben von jungen Mädchen, ist ein Markt für schöne Blicke und feines Lächeln, und jeder ehrenwerte Mann müßte schon aus Respekt für seine Schwestern und seine Mutter einen solchen Handel verhüten und zu verhindern suchen. Sie boten mir am Bazarabend Blumen zum Kauf, Sie sagten »für die gute Sache«. Ich sah Sie an, Ihre kleine Gestalt, Ihre hellen Augen, und ich sagte mir, daß es schade sei um so ein Wesen wie Sie. Schade, daß man Sie glauben ließ, es sei eine gute Sache zu nennen, wenn man seine kokettsten Blicke dem Meistbietenden anträgt. Ich bin mir an jenem Abend darüber klar geworden, daß ein Bazarverkauf in vollstem Sinne des Wortes verwerflich ist, und daß der Reinertrag, mag er so groß ausfallen, wie er kann, doch nur ein Raubgeld ist, das schon um der Art seines Entstehens halber nichts gutes stiften kann. Ein solcher Bazarverkauf ist ein Bildungsinstitut für weibliche Koketterie! Sie meinten den Grund von Mildthätigkeit nach dem messen zu können, was man in dem Bazar ankauft. Unter all den dort anwesenden Herren gab es nicht zehn, die aus gutem Herzen für den guten Zweck gaben. Sie gaben den schönen Augen der Damen ihr Geld!«

Herr Harvey schwieg. Er hatte sich in Eifer gesprochen, jetzt blickte er auf das Mädchen herab, das unbeweglich mit herabhängenden Händen und niedergegeschlagenen Augen vor ihm stand, und die Art, wie sie aufrecht ohne Halt, ohne Stütze in der Mitte des Gemaches wie angewurzelt verblieb, verlieh ihr in dem dunkelwerdenden Gemache etwas abgeschlossenes, verlassenes, einsames, das dem Mann zu Herzen ging. Er beugte sich zu ihr: »Ich hätte das alles vielleicht nicht sagen sollen,« flüsterte er weicher als Lily es noch gehört, »ich glaube, es waren Ihre eigenen Worte, die mich dazu ermunterten. Ich werde Ihnen nicht mehr wehe thun! Aber, mein Gott, was ist Ihnen?« Lily hob ihr Gesicht. Es war geisterhaft bleich. Im Begriff, etwas zu erwiedern, stürzten ihr plötzlich die Thränen aus den Augen und flossen unaufhaltsam an ihren Wangen herab, während ihre ganze Gestalt ein heftiges Zittern überkam. Sie tastete nach einem Stuhl. Herr Harvey hatte sie mit seinen Armen gestützt, er hielt ihre Hände, er sprach sanft mit ihr wie mit einem leidenden Kinde und eilte endlich hinweg, um unter den Bewohnern des Hauses eine gütige Hand zu finden, die sich der Krankenpflege Frau Warrens vorderhand annehmen sollte, bis er das erregte junge Mädchen nach Hause besorgen konnte.

Lily machte keine Einwendungen. Sie fügte sich; matt wie ein Kind vom vielen Weinen, ließ sie sich von ihm die Stufen des Hauses hinabgeleiten und in den bereitstehenden Wagen heben. Harvey saß neben ihr. Schweigend durchfuhren sie die dunkelgewordenen Straßen. Lily lehnte teilnahmlos in einer Ecke.

»Ist Ihnen besser?« fragte Harvey, kurz bevor sie hielten; Lily wandte sich ihm nicht zu und nickte nur still.

Der Wagen hielt. Sie standen nebeneinander auf der kleinen Treppe, auf der sich die Scene mit Tom Warren abgespielt hatte. Dachten sie wohl beide daran? Lily lehnte, während Herr Harvey die Glocke zog, an der Mauer, die sich zu beiden Seiten der Treppe entlangzog, und als Harvey sie ansprach, fuhr sie leicht zusammen.

»Darf ich Sie hineinführen?« fragte er.

Sie wandte den Kopf und sah ihn zum erstenmal voll an. Als sie sprach, klang ihre Stimme herb.

»Sie würden aus freiem Antrieb diese Schwelle wohl nicht übertreten haben, Herr Harvey?«

»Weshalb nicht?«

Sie lachte nervös: »Ich dachte nur, Sie würden doch niemals ein Mädchen aufsuchen, das so -- das solche verderbten Eigenschaften hat, wie ich!«

»Es sind das nicht Eigenschaften, es sind die Folgen schlechter Erziehung. Es steht bei Ihnen, dieselben abzulegen, und ich bin überzeugt, daß Sie es auch thun werden!«

»Wirklich?« Lily rief das eine Wort grell, fast jubelnd heraus und ebenso rasch sammelte sie sich wieder und legte ihre Hände bittend zusammen. Ihre Augen schlug sie auf. Es perlten darin Thränen: »Ich möchte, daß Sie mich nicht mehr haßten!«

Harvey sah auf das Mädchen nieder. Was war's, was ihm plötzlich so heiß durchs Herz fuhr? Sich selbst im Unklaren über die Strömung in seinem Innern, ergriff er, ohne es zu wollen, fest die bittend zusammengelegten Hände und hielt sie in den seinen.

»Ich Sie hassen? Lily, das denken Sie ja selbst nicht!« Die Worte thaten es nicht. Es war in der Stimme etwas, was sie beide durchzuckte. Aus den blauen Mädchenaugen leuchtete ein eigenes Etwas, das dem Mann nachging und ihn verfolgte bis in sein Heim.

* * * * *