Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend

Part 10

Chapter 103,580 wordsPublic domain

Die Abneigung unseres Klassenlehrers gegen die in Zimmer =IV= bestehenden kleinen Kommunikationen von den Knabenpulten zu denen der Mädchen hinüber weckte in mir den innigen Wunsch nach der Entfernung des guten Mannes, und da dieser ohnehin leidend war, Aufregungen scheute und leicht in Zorn geriet, wurde es mir nicht allzu schwer, tagtäglich mit Hilfe einiger der Mitschülerinnen neue Missethaten zu ersinnen, die den armen Mann in steter Aufregung hielten und ihn veranlaßten, gesundsheitshalber -- so hieß es -- seine Entlassung zu fordern. Wir atmeten auf. Unter den uninteressierten Augen der Hilfslehrer wurden wir zu freien Menschen. Tommie konnte ungehindert seine Liebesdienste verrichten, und er war ein ausgezeichneter Liebhaber; gerade nicht von besonderer Geistesanlage, auch sonst auf den Inhalt seiner Bücher nicht neugierig, war er doch von rührender Opferfähigkeit. Er schleppte mir mit ritterlicher Unverdrossenheit die Mappe nach und überbrachte mir, ohne den geringsten Anspruch auf Halbierung zu erheben, die ihm von der blaßblonden Daisy Rimpel heimlich zugesteckten Äpfel. Ich verzehrte sie ohne Gewissensbisse -- ja, ich besaß die Kaltblütigkeit, sie vor seinen Augen mit Fanny Dayson, der ältesten der Klasse, zu teilen -- mit ihr sogar über die tölpelhafte Treue meines Tommie zu spotten; denn, um wahr zu sein, muß ich gestehen, daß mich an der Person des treuen Sklaven, nachdem ich es zu Stande gebracht, ihn der Daisy Rimpel abspenstig zu machen, nachdem ich weiter die Luchsaugen des Klassenlehrers nicht zu scheuen hatte, wenig fesselte, und mein leichtaufflackerndes Interesse am Schwinden war.

So weit hielten wir, als der neue Klassenlehrer uns gemeldet wurde. Es war an einem Mittwoch -- Vormittagsstunde. Wir packten gerade die in der Schreibstunde benutzten Hefte fort, ich steckte noch hinter meinem aufgeklappten Pultdeckel, als sich die Thüre der Schulstube öffnete. Vor uns stand unser neuer Lehrer. Er war gar nicht sommersprossig, sein Haar war gar nicht borstig. Aufs modischste gekleidet, aufs sorglichste gescheitelt stand er vor uns -- das junge bartlose Gesicht mit den ernst blickenden, graubraunen Augen uns grüßend zugekehrt. Es wäre unmöglich, die Aufregung zu schildern, in die sein Erscheinen uns, die Klasse, mich und -- ich sah es mit einigem Staunen -- die sonst so kühle Fanny Dayson versetzte. Wenn ich jemals die vornehme Ruhe dieser unserer ältesten Mitschülerin bewundert hatte, wenn mich ihre Reserve je entzückt hatte -- an diesem Morgen war mir die Gemessenheit mit der sie Antwort gab, die Sicherheit, mit der sie sich verneigte, aufs Empfindlichste zuwider, um so mehr als ich gewahrte, daß Herr Page -- so hieß der neue Lehrer -- sie mehrfach angeblickt und sie, deren Äußeres etwas Gleichgiltiges hatte, die Augen -- Fanny hatte seltsame schläfrige Augen -- unter langen Wimpern hervor auf ihn gerichtet hielt. Ich weiß nicht, ob ich dieses Mädchen liebte oder haßte. Gewiß ist, daß mich ihre Kühle verletzte und ihre Überlegenheit reizte -- gewiß ist weiter, daß ich, nicht ohne Trotz gestand ich mir's, unter ihrem Einfluß stand. Diesem Einfluß dankt' ich es -- das sah ich jetzt -- daß ich die Liebesbezeugungen Tommies gering geschätzt und diesem Einfluß dankte ich es ferner, daß ich -- ihrem Beispiele folgend -- den neuen Lehrer mit ganz eigenen Gefühlen ansah. Wenn er die reservierte Fanny interessierte, so war das grund für mich, ihn anzubeten. Ich war es nicht gewohnt, lange unbeachtet zu bleiben -- ich steckte noch immer hinter meinem aufgeklappten Pulte und sah's mit heißen Wangen, wie der Lehrer Fanny angeblickt -- mein Herz begann zu klopfen -- die trotzige Unbändigkeit des Wesens ließ mich die Folgen einer Missethat nicht übersehen -- ich schlug mit einem lauten »Klaps« mein Pult zu -- warf den Wulst störrischen blonden Gekräusels, der mir mähnenartig in die Stirne hing, zurück, und der Augenblick war da. Die Blicke des jungen Gottes begegneten den meinen, ein halb überlegenes, halb belustigtes Lächeln ging über seine Lippen, meine Schläfen begannen ein wildes Hämmern, meine Wangen glühten -- vergessen war Fanny -- Daisy Rimpel -- Tommie -- alles -- -- ich liebte! Es war zum lachen und doch ist es etwas Rührendes um so ein junges Lieben. Ich wurde, Sie dürfen es mir glauben, ein wahrhaft vornehmes Geschöpf in dem Zeitabschnitt dieser, meiner ersten Liebe, und es ist schade um die enttäuschende Katastrophe -- -- aber ich greife vor.

Der Gegenstand meiner Anbetung bevorzugte mich sichtlich -- die gehässige Haltung der Mitschülerinnen -- die grimmigen Blicke Tommies, bewiesen dies zur Genüge. Ich durchlebte alle Wonnen, die der Anbetungsdienst eingiebt und alle Schmerzen, die er fordert. Ich war eifersüchtig. Zwischen meinem Idol und Fanny bestand eine gewisse Reserve, die zu den von mir mit Argusaugen bewachten Blicken beider nicht im Einklang stand. Fanny war eine vorzügliche Schülerin, sie war tadellos von Benehmen, und ihr Äußeres! -- es war unleugbar, daß der Anflug von dunklem Flaum, der einem jeden andern Gesichte einen unreinlichen Anstrich gegeben hätte, ihrem gelblich blassen Teint einen besondern Reiz verlieh. Ich war eifersüchtig! -- Ich bewachte mit neidischen Blicken die Geberden des Lehrers -- ich haschte mit selbstquälerischer Lust nach einem jeden kleinen Zeichen eines Einvernehmens -- und schämte mich, wenn ich bei ruhigem Sinnen nichts Verräterisches fand. Fanny war gütiger gegen mich als sonst, so gütig, daß ich begann, mein böses Mißtrauen zu verlieren, als ein kleines Ereignis mich von Neuem in die alte Erregung brachte. Es war nach einer Freipause. Die große Glocke hatte die Stunde bereits eingeleitet -- die Kinder kamen in eiligen Gruppen vom Hofe in die Schulstube gerannt und nahmen ihre Plätze ein. Fanny fehlte. Ich rückte schon ungeduldig auf meinem Platze umher, meine Blicke flogen vom Lehrerpult, an dem auch _er_ noch nicht erschienen war, zur Thüre und meine Hände wühlten unruhig in den Griffelkasten herum, da -- trat Tommie auf mich zu.

»Sie können beide noch nicht heraufkommen,« flüsterte er mit nichtswürdigem Augenzwinkern, »er hat sich die Hand beschädigt, und sie verbindet sie ihm mit ihrem Taschentuch.« Ich fuhr in die Höhe. Das Blut strömte mir in die Schläfen.

»Beschädigt!« schrie ich, »und sie -- sie« -- selbst wußte ich nicht, ob mein Mitgefühl oder meine eifersüchtige Wut größer war. Tommie stand lächelnd, höhnisch lächelnd vor mir. Ich fühlte, daß ich ihn haßte.

»'s ist eine Lüge!« rief ich, am ganzen Leibe zitternd, und mit erhobener Rechten zielte ich auf die einst geliebten blauen Augen los.

»Keine Lüge!« knurrte er, den Kopf wie eine Dogge gesenkt, die Blicke lauernd schadenfroh aufwärts gerichtet, »sie standen versteckt an der Flurthür und plauderten -- und der Wind schlug die Thüre auf seine Hand, und sie nahm sie so« --

Tommies anschauliche Geste raubte mir den Rest meiner Fassung. »Fort von mir!« befahl ich -- selbst nun mit unterdrückter Stimme -- und im selben Augenblick wurde die Klassenthüre geöffnet. Fanny trat ein, hinter ihr -- ein wenig blaß aber schön wie ein Apoll -- die Hand, die wundervolle Hand in einer weißen Schlinge -- kam er. Ich brauchte ihn nur zu sehen, und mein Mitleid verdrängte jedes andere Empfinden. Er war verwundet, er litt und -- ich liebte ihn. Über das Geschichtsbuch gebeugt, fielen meine Thränen auf das Blatt herab und verwischten vor meinen Augen den weiten Druck. Er stand vor seinem Pulte. Mit der Linken führte er das Blei, mit dem er die eingehändigten Abschriftseiten durchstrich und zeichnete. Wenn er mit leis' verzogenem Munde innehielt und mit der guten Hand im Schmerz die kranke faßte, durchfuhr mich's wie ein Stoß. Von neuem lebte die fatale Eifersucht in meinem Herzen auf. Ihr Tuch lag um die Wunde -- es war ihr weißes Linnen, das er sanft berührte. Sie saß so ruhig da -- die selbstbewußte Samariterin, deren Tuch so weiß war -- so abscheulich weiß und sein -- ich zog verlegen an dem meinen. Es sah beschämend aus. Ich stopfte -- ohne Kommentare -- das gefleckte arg zerknitterte Häufchen einst rein gewesener grober Leinwand mit Hast in sein Versteck zurück und ließ mein nasses Angesicht nur tiefer sinken. Was hatten sie sich plaudernd auf den Flur zu stellen, er und sie? Weshalb blieb sie vor uns so reserviert, wenn sie im Flur mit ihm so viel zu plaudern hatte? Vor meinen Augen schwirrte es. Die krummgezogenen Finger kritzelten unleserliches Zeug ins Heft und strichen durch und fingen wieder vorne an, und immer wieder fielen meine Thränen auf das Heft. O -- ich war tief unglücklich. Da trat er auf mich zu.

»Nun Kleine -- will es nicht gehen?« Ich fuhr zusammen. Meine Hände zitterten. Er beugte sich und sah auf mich herab. Fort war der heftige Schmerz, den ich gefühlt -- fort auch -- meine mühsam bewährte Tapferkeit. Wie goldiger Sonnenschein durchflutete es mein Inneres -- ich warf aufschluchzend meinen Kopf auf meine Arme nieder und fühlte, am ganzen Körper erbebend, die Hand -- die angebetete -- auf meinem Haar; dann ertönte grell die Schulhausglocke. Die Stunde war zu Ende.

Die Welt war plötzlich schön geworden. Von jenem Tage an vertraute ich Fanny Dayson all meinen Liebesschmerz -- haßte ich Tommie, der den Verräter spielte -- liebte ich mehr denn je -- den Lehrer, der mich verzog, und als das Schreckliche geschah -- fiel es vernichtend auf mein liebendes Gemüt. Mr. Page ward plötzlich entlassen. Wieso -- warum -- woher -- darüber herrschte unverbrüchliches Schweigen. Wie eine Todesbotschaft traf uns die Vermeldung seines bevorstehenden Scheidens, und wir wehrten uns redlich dagegen. Leider vergebens. Eine Petition mit Namensunterschrift sämtlicher Schulkinder wird vom Direktor mit Nichtachtung beiseite gelegt. Trauermienen -- zu allen Stunden an den Tag gelegt -- erfuhren die schärfste Rüge. Die Wochen gingen zu Ende, der Tag des Abschieds war da. Wie eine Versammlung leidtragender Vereinsglieder umzingelten wir Mädchen den geliebten Erzieher. Fanny fehlte an jenem Tage. Der Tisch des Lehrers prangte von Feldblümchen und schöngebundenen Rosenbouquets -- kleine Andenken und Liebesgaben aus enthusiastischen Kinderhänden. Die Abschiedsrede des Mannes hatte die Klasse in Thränen überfließen lassen. Wohl zehnmal machte er abschiednehmend unter ihr die Runde, wohl zehnmal hatten ausgestreckte tintebekleckste Hände den Ausgang an der Thüre gesperrt.

Ich stand -- ein nie genug zu preisender Glückszufall hatte mich mit einem denkwürdig reinlichen Taschentuch versehen -- dicht an des Lehrers Tisch und schluchzte still in meine Hände hinein. Als der entscheidende Moment seines Abschieds wirklich gekommen war, und er mit einigen Schritten an mir vorüber wollte -- überkam's mich plötzlich wie eine bange Ahnung bevorstehenden tiefen Schmerzes. Ich sollte ihn verlieren, ihn, den ich liebte, den ich immer lieben würde -- -- ehe ich mir dessen selbst bewußt wurde -- hatte ich mich auf ihn gestürzt. Mit meinen Händen krallte ich mich an seinen Arm, während meine glühenden Wangen von Naß überströmt an den Zweireihknöpfen seines Rockes umherwühlten. Mit welchen Mitteln weicher Zuredungskunst es ihm gelang, mich zu beruhigen -- ich weiß es nicht, gewiß ist, daß wir alle der in ein graues kurzes Jaquet gekleideten elastischen Gestalt die Treppe hinab das Geleit gaben, dem Scheidenden in herzzerreißender Weise unser »=Farewell Mr. Page=« nachschluchzend.

Mit ernsten Mienen standen die übrigen Lehrer des Instituts an den Ausgangsthüren ihrer Klassen. Die gemessene Art, mit der sie unserem Abgott ihr »Leben Sie wohl!« sagten, war für uns -- für mich geradezu empörend. Von Mitgefühl überwältigt, trabte ich -- im Gefolge der ganzen Klasse -- neben dem Manne her, immer von neuem das klagende »=Oh, Mr. Page! Farewell, Mr. Page!=« in die Sonne hinausweinend.

Die Straße, in der wir uns trennen mußten, war erreicht. Weiße Tücher, von Thränen feucht, flatterten dem Idol Abschied winkend nach. Gebrochen, schmerzgelähmt -- gramerfüllt kam ich nach Hause. Was hatte das Leben nun noch frohes für mich? Die Dämmerstunde war gekommen. Ich hatte mir eine jede einzelne Zärtlichkeitsäußerung meines Helden vor die Erinnerung gerufen -- ich hatte in meinem Schmerz gewühlt, bis zur Unerträglichkeit. Mein Herz schrie nach Mitteilung. Ich mußte von ihm sprechen, seinen Namen nennen, nennen hören -- mußte klagen und mich trösten lassen. Aber wo -- wer? Ah -- ein Gedanke. Fanny. Sie hatte in der Schule gefehlt. Sicherlich war sie krank. Das war eine Ausrede, als ich -- ein Tuch über den Kopf schlingend -- im Dämmerlichte an den Häusern entlang schlich, bis ich das Eckhaus erreichte, dessen Vorgarten zu durchschreiten war, um an die kleine Pforte zu gelangen, die zur Freitreppe führte. Die Gartenthür stand offen und ich trat ein. Unter den halb gesenkten Jalousien des Wohnzimmers zu ebener Erde leuchtete eine niedergeschraubte Lampe über den frischgeworfenen Kiesweg. War Fanny drinnen? Schlief sie vielleicht? Diese Gedanken jagten mir durch den Kopf, als ich zögernden Fußes über den Weg schritt. Plötzlich hörte ich Stimmen. Flüsternde Stimmen. Ich stand still, um zu lauschen. Sie kamen über den Zaun, der den Garten von der freien Wiese trennte. Ich stand im Nu auf den Stufen der Freitreppe. Von dort übersah ich den Zaun. Die Wiese lag im Dunkel. Stimmen drangen zu mir herüber und mein Auge -- an die Dunkelheit rasch gewöhnt -- erblickte zwei Gestalten. Warum ich -- mit ahnungsvollem Herzen -- hinüberstarrte, wußte ich nicht. Was ich sah, machte mich schwindelig, was ich hörte raubte mir das Bewußtsein. An einen Baumstamm gelehnt stand -- mein Idol -- bei ihm, die weißen Hände auf seiner Brust gefaltet -- den Kopf zurückgeworfen -- Fanny -- meine heimtückische Rivalin. Ich hörte ihre Worte.

»Wer hat uns verraten?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht,« flüsterte er.

»Und die Briefe?« sagte wieder sie.

»Ich habe sie« -- er.

»Und du mußt fort?« Die Schamlose duzte ihn.

»Muß wohl,« seufzte das verräterische Idol, »aber ich sehe dich wieder!«

»O mein Gott!« stöhnte sie, und dann war es still und der Mond drängte sich durch die Zweige des Baumes, dessen Laub sie deckte, und ich sah -- sah's mit wilder Qual, wie er den angebetenen Kopf neigte und sie küßte.

»Die Kleine?« hört ich sie fragen, »hat sie getobt?« Wie ein Messerstich durchfuhr es mein Herz bei seiner lächelnden Antwort.

»Wie eine Katze -- das wilde kleine Geschöpf -- es that mir fast leid!«

Sie lachten beide. Der Mond war nun voll durch die Wolken gedrungen. Sein Silberlicht durchkreuzte die vom Winde leicht bewegten Zweige. Ich sah's noch, wie er den kleinen Reif vom Finger zog, um ihn an ihre Hand zu stecken, wie er sich beugte, um die kleine Hand zu küssen. -- »Braut« sagte er leise und in meinem Innern ward es plötzlich totenstill. Schweigend -- heimlich, wie ich gekommen -- schlich ich mich wieder davon. In dem hohen Grase auf der andern verborgenen Seite der Wiese -- lag ich bis zu später Stunde hingeworfen -- das Gesicht zur Erde gekehrt, und weinte -- weinte schmerzzerrissen -- leidenschaftlich erzitternd, meine erste Enttäuschung -- in die feuchten Gräser hinein, unter dem Glanze des stillfahrenden Mondes, in der tiefdunklen Einsamkeit der Nacht.

Das Lied.

Aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes lugte der blonde Krauskopf eines Kindes. Die kleine Gestalt mußte auf Fußspitzen stehen und aufs äußerste gereckt sein, denn den vorübergehenden Passanten ward nur die Spitze einer aufwärtsgehenden kleinen Nase und ein Wulst in die Stirne fallender krauser gelber Haare sichtbar. Um so deutlicher aber drang eine Kinderstimme auf die Straße herab, welche in monotoner Wiederholung mit der ganzen Beharrlichkeit eigensinniger Kleinen halb klagend halb gereizt den Ruf »Jinnie oh Jinnie« ertönen ließ.

Die Ausdauer des Kindes, verbunden mit dem drollig vorgestreckten unsicher schaukelnden Köpfchen hätte etwas Lächerliches gehabt, wenn nicht in dem tiefen, von Thränen erstickten Tonfall etwas Rührendes gelegen, das den Vorübergehenden unwillkürlich zurückblicken ließ.

Frau Martha Terris hob gerade mit Hilfe ihres Hausmädchens den Kinderwagen von den Stufen ihres gegenüber gelegenen Wohnhäuschens, um darin ihr acht Wochen altes Erstgeborenes in der Morgensonne auf und ab zu fahren, als der Ruf des kleinen Menschen vom zweiten Stockwerk des Thompsonschen Hauses zu ihr herabdrang:

»Jinnie oh Jinnie!«

»Thompsons Junge hat schon wieder seinen Anfall,« bemerkte sie mit einem Aufblick nach der Richtung der gelben Locken -- dann nahm sie mit einem besorgten »leise, leise« der Dienerin das schlafende Baby ab und bettete es sorglich in die Kissen des Wagens.

»Ich sehe es kommen, daß der Schreihals sie weckt,« murmelte sie halb vor sich hin, einen ängstlichen Blick von ihrem schlafenden Sproß fort zum Fenster hinaufsendend, und mit der ihr eigenen entschlossenen Hast setzte sie das kleine Gefährt in Bewegung, damit das Räderrollen ihre Stimme übertönte, und wandte sich geärgert dem beharrlich rufenden Krauskopf zu.

»Neddie Thompson -- wen rufst du denn?«

Die zwei kleinen Hände, die zur besseren Stütze des hin und her balancierenden Körpers die Fensterbank umklammert hielten, fuhren weiter hinaus und klammerten sich von neuem ein. Das Kind mußte sich innen an der unter dem Fenster entlanglaufenden Holzeinrahmung festgestemmt haben, denn der blonde Lockenkopf tauchte plötzlich über der Brüstung hervor, und ein sehr verweintes blaues Augenpaar heftete sich auf die Fragerin.

»Wen du rufst, wollte ich wissen!« Der Ton der guten Frau war wenig geeignet, das Zutrauen eines Kindes zu erwecken; der Schmerz des Kleinen mochte indes alle anderen Bedenken in den Hintergrund gedrängt haben -- das Köpfchen nickte wie zur Bekräftigung seines Rechtes zweimal und der zuckende Mund erklärte beharrlich ernsthaft: »Jinnie will ich!« Frau Terris blickte während einiger Sekunden vor Mißbilligung stumm geradeaus.

»Hat man je so etwas« -- murmelte sie, unterbrach sich aber mit einem sehr beredten Achselzucken. »Wo ist denn deine Jinnie?« fragte sie streng.

»Fort!« Der Antwort folgte jene Pause, in der von oben der sehnsüchtige Kindesruf wieder angestimmt wurde, und gleich darauf drang aus dem Innern des Wagens leises Wimmern.

»Ein abscheulicher Junge,« schimpfte die junge Frau, indem sie das Gefährt energisch hin und her schaukelte, »wenn meine junge Dame da drinnen sich jemals einfallen lassen sollte, einen solchen Singsang anzustimmen, ich wollte ihr meine Meinung über derartige Anwandlungen klar machen -- das wollt' ich. Sei doch mal still du -- Neddie Thompson -- _such' doch_ deine Jinnie!« Frau Terris sah sich nach diesem ihrem Ausbruch wohlgemeinter Entrüstung genötigt, ihr nun hellweinendes Baby eine Strecke zu fahren. Sie bog ohne weitere Beachtung des Gegenstandes ihres Verdrusses in die Straßenecke ein. So bemerkte sie denn auch nicht, wie die Rufe vom zweiten Stock nachließen, wie die kleinen Hände sich nach der empfangenen Strafpredigt von dem Fenstersims lösten und das Stumpfnäschen -- darüber der gelbe Lockenwulst -- aus dem Rahmen desselben verschwand. Es hätte sie jedenfalls in Erstaunen gesetzt, zu bemerken, wie nach einer Viertelstunde die kleine dicke Kindergestalt sich unbeholfen rückwärts schiebend die steile Wendeltreppe hinabkletterte, durch die wegen der milden Sommerluft offenstehende Hausthüre trat und mit unbeschuhten Füßchen und barhäuptig die Straße erreichte und unbekümmert darum, daß die heiß und heißer werdenden Sonnenstrahlen ihm auf das unbedeckte Köpfchen fielen -- seinen Weg geradeaus nahm und um die scharfe Ecke verschwand. Noch mehr würde es die junge Frau gewundert haben zu hören, wie der kleine Fußgänger von einem alten Gärtner angehalten, nach dem Ziel seiner Wanderung befragt, mit wohlgelungener Nachahmung des Terrisschen Tonfalls »ich such' meine Jinnie« erwidert hatte.

Als Frau Terris nach einstündigem Spaziergang die Richtung ihres Hauses wieder einschlug -- das Gefährt mit dem schlafenden Terrisbaby vor sich herschiebend -- gewahrte sie zwischen dem ihren und dem Thompsonschen Hause eine Anzahl gestikulierender Menschen, welche unter bedauerlichem Achselzucken nach allen Richtungen hindeuteten und die Köpfe schüttelten.

»'s ist der Junge von drüben,« erklärte das herbeigeeilte Hausmädchen, das -- ihrer Pflichten eingedenk -- die Vorkommnisse der Nachbarschaft in Abwesenheit der Herrin getreulich überwachte und zungengeläufig herzählte. »'s ist der Junge von drüben!«

»Gestürzt?« fragte Frau Terris rasch -- etwas Neugier, etwas Angst im Ton.

»Gestürzt nicht. Verschwunden -- verloren -- fort. Sie suchen ihn überall!«

»=Gracious Goodness!= (»Herr des Himmels!«) welch ein Junge! Wo mag er nur sein!«

Ja -- wo mochte er sein? Die trostlos versammelten Nachbarn sprachen einer dem andern den Satz nach und blickten mit der allen müßigen Gaffern eigenen Albernheit die Häuser zuerst, dann die Bäume und endlich sich gegenseitig mitleidsvoll an.

Frau Terris verlor unter ihnen die Geduld. Ohne weiter auf die immer größer werdende Menschenzahl zu achten, faßte sie behutsam die Räder des Kinderwagens und bedeutete dem redseligen Dienstmädchen, ein gleiches auf der Rückseite zu thun.

»Tragen Sie sie leise hinauf,« befahl sie -- »ich gehe zu Thompsons hinüber, um zu hören!«

Frau Terris hörte bei den Thompsons wenig, aber das Wenige genügte, um sie einigermaßen zu verstimmen. Frau Thompson fiel von einer Ohnmacht in die andere, während Thompson Gatte mit Hilfe der willigen Nachbarn die nahegelegenen Straßen absuchte. Die Dienerschaft allein vermochte es, der energischen Frau Terris schluchzend Rede und Antwort zu stehen.

»Jinnie war entlassen worden -- Jinnie das schwarze Kindermädchen. War zu spielerisch -- machte keine Arbeit mehr ordentlich. Missus hatte recht und Neddie -- der süße Engel -- Kinder seien ja alle gleich -- und die Jinnie, das raffinierte Ding, geberdete sich so toll, kein Wunder, daß der »süße Engel« Neddie anfing zu weinen und sich an sie hängte, so daß »Missus« ihn nach oben trug. Missus habe beim Einkochen aufgepaßt, sie hätten Quittengelee gemacht, und während sie in der Küche beschäftigt waren -- hätte der süße Engel -- der herzige Engel --

»Ob ihm denn niemand begegnet sei?«

»Ja -- der alte Gärtner von der Bahnhofsecke. Er habe den Kleinen angehalten -- das »süße Kind« habe mit dem Kopfe vorwärts gedeutet und immer gesagt: »Such' meine Jinnie -- such' meine Jinnie!«

»Und der gräßliche Mensch habe ihn gehen lassen?« Stummes Kopfschütteln -- erneuetes Schluchzen -- weiter erfuhr Frau Terris nichts, und was sie gehört, ließ sie etwas von ihrem vielgepriesenen Selbstvertrauen einbüßen.

»'s ist keine Kleinigkeit,« erzählte sie später dem heimgekehrten männlichen Terris; »wenn ich bedenke, daß ich es war, der den abscheulichen Jungen ausschimpfte, daß ich es war, der ihm sagte, er solle das Frauenzimmer suchen, anstatt sich -- hörst du mich auch, mein lieber Terris?«

Es machte Terris einige Schwierigkeiten zu hören, wenn seine Frau, wie das hier der Fall war, so auffällig beim Decken des Tisches mit den Tellern klapperte, und er, nebenbei gesagt, hinter dem Zeitungsblatt versteckt, die Kurse studierte; trotzdem hob er mit einem vorwurfsvollen Blick den Kopf und versicherte, daß er mit dem größten Interesse aufpasse, und aufs Lebhafteste gespannt sei -- der Schluß des Satzes verlor sich in erneuetem Tellergeklapper.

»Es ging mich vielleicht nichts an, wirst Du sagen,« sprach Frau Terris mit erzwungen gleichmütigem Tone weiter, »wenn der Junge da herunter lamentiert, aber wenn man mit Mühe und Not sein eigenes Baby in den Schlaf gekriegt -- Mary Ann ist seit zwei Tagen schwer einzuschläfern -- und man will sie ein Stückchen auf und ab fahren, und so ein Junge maltraitiert einen mit seinem Singsang -- da kann es dem besten Menschen passieren, daß man einmal derb die Meinung sagt und --«