Junge Herzen: Erzählungen für die reifere Jugend
Part 1
Junge Herzen.
Erzählungen für die reifere Jugend
von Sara Hutzler.
Stuttgart. Verlag von Carl Krabbe.
Alle Rechte vorbehalten. Druck von _Carl Hammer_ in Stuttgart.
Meinen lieben Eltern
im fernen Continente
zugeeignet
Weihnachten des Jahres 1884
Sara.
Inhalt.
Seite
Durch die Liebe 1
Des Nachbars Junge 55
Die Geschichte einer Wäscherin 71
Lora 91
Haß und Liebe 121
Gesiegt 152
Zu spät 165
Erste Liebe 177
Das Lied 193
Durch die Liebe.
»Verzeihen Sie -- bin ich hier recht bei Herrn Harvey?«
»Das ist mein Name!«
Die Fragerin, ein noch sehr junges, schlank gebautes Mädchen, stand auf der inneren Schwelle der Thüre des großen Bureauzimmers, während der am Schreibpult beschäftigte Herr sich umsah, erhob und der zögernden Mädchengestalt um einige Schritte entgegentrat.
»Womit kann ich dienen?« Der Ton, in dem er sprach, war nicht ermutigend. Es klang daraus etwas von Kühle, etwas von Mißbilligung über die erfahrende Störung. Das Mädchen sandte einen forschenden Blick zu ihm auf. Sie trat dann, wie um sich gegen die eigene Scheu zu wappnen, rasch vor und stand dem Manne gegenüber.
»Ich komme mit einer Bitte, mein Herr!« Sie machte eine Pause, in der sie vielleicht eine ermunternde Entgegnung erwartete; da sie ausblieb und der Mann mit gleich unbeweglichem Ernste vor ihr stand, sah sie nieder und sprach rasch und geläufig weiter. »Der Samariterverein hat beschlossen einen Ball mit Bazar zu arrangieren, dessen Ertrag zum Bau eines konfessionslosen Krankenhauses verwandt werden soll. Ich wollte Sie bitten, mir einige Billette abzukaufen. Ich komme zu Ihnen, weil man Ihnen große Mildthätigkeit nachrühmt. Wie viele Karten wünschen Sie?«
Sie hatte, indem sie sprach, ein Täschchen geöffnet. Sie trat dem Manne etwas näher und blickte, da er nicht sofort sprach, verwundert zu ihm auf.
»Wie viele?« fragte sie nochmals, etwas leiser als zuvor. Ihre Augen begegneten den seinen. Es lag in den stillen ernsten grauen Männeraugen etwas Prüfendes. Er verneigte sich leicht. Seine Antwort kam höflich, aber entschieden:
»Ich muß bedauern. Ich wünsche mich nicht zu beteiligen!«
»Nicht zu beteiligen!« Sie wiederholte seine Worte unwillkürlich, fast mechanisch, und plötzlich stieg es jäh und heiß in ihre Wangen auf. Mit einer unwilligen Geberde verletzten Selbstgefühls warf sie den braunlockigen Kopf zurück. »Mein Herr, es ist eine Wohlthätigkeitssache!« Hatte sie sich getäuscht oder lächelte er ein wenig, ganz wenig? -- -- Seine Ruhe, sein schlichtes »ich weiß wohl« kränkte sie mehr noch als vorhin sein Bescheid.
Mit funkelnden Augen und erregt bebender Stimme trat sie zurück.
»Ich habe wohl mehr als zehn Bureaux besucht, mein Herr,« sagte sie, »und nirgends hat man mich abschlägig beschieden, d. h. wo man mir ›Nein‹ sagte, gab man artigerweise seine Gründe an!«
»Dann that man mehr als nötig war. In Wohlthätigkeitssachen schuldet man nur sich allein Erklärung und Rechenschaft!«
Des Mannes Worte enthielten eine Zurechtweisung -- das Mädchen mochte sie empfinden. Mit einer kindlich herrischen Geste klappte sie das Täschchen zu und wandte sich rasch um zu gehen. In diesem Augenblick fiel ihr Blick in das angrenzende Bureauzimmer, in dessen Innern sich einige neugierige Männerköpfe von den Pulten aufgerichtet hatten, um die kleine Billetverkäuferin in sehr bewundernder Weise anzustarren. Diese stumme Huldigung mochte ihr Selbstgefühl wachrufen. Ihr eigentliches Selbst in seinem ganzen verzogenen Eigensinn trat plötzlich bei ihr zu tage. Sie, Lily Elsworth, das verwöhnte Schoßkind der Gesellschaft, sollte es sich bieten lassen von einem Manne, den sie gar nicht kannte, von einem häßlichen Manne, der sie nichts anging, eine Zurechtweisung zu empfangen, eine Zurechtweisung noch dazu in einer Angelegenheit, in der sie sich herabließ von fremden Menschen etwas zu erbitten, sie -- Lily Elsworth, das reichste, gesuchteste Mädchen der Stadt! Sie sollte es sich sagen lassen, daß man es gewagt hatte, sie mit einem »Nein« abzufertigen -- oh nicht doch! Sie war gekommen, um Billette für eine gute Sache loszuwerden, und loswerden würde sie dieselben und wäre es auch nur, um dem arroganten Menschen -- -- »Sie erlauben!« Den braunen Kopf zurückwerfend trat sie an Herrn Harvey vorüber und näherte sich ohne weitere Erklärung den im Bureauzimmer befindlichen jugendlichen Schreibern.
»Sind die Herren auch gegen Ball und Tanzvergnügen eingenommen?« fragte sie in lautem, dabei herausforderndem Tone, »oder sind Sie geneigt einer wohlthätigen Sache zu dienen, indem Sie mir einige Billette abnehmen? O wie liebenswürdig!«
Herr Harvey hatte seinen Platz am Schreibpult wieder eingenommen. Beim Klang der eigenartig einschmeichelnden Mädchenstimme, die nun im Gespräch mit den sie umstehenden jungen Angestellten eine so helle Färbung gewann, hob er rasch den Kopf.
Das Mädchen stand, den Nacken leicht vornübergebeugt, mit niedergeschlagenen Augen da und zählte -- eine Reihe schneeiger Zähne wurden hinter rosigen Lippen sichtbar -- die verkauften Billette ab. Die Gestalt, welche tannengerade in die Höhe ging, war von auffällig schlankem Ebenmaße.
»Am vierten -- ja! Ich danke bestens!« Ihre Worte drangen zu Herrn Harvey herein. Aufblickend sah er, wie sich das Mädchen mit leicht graziöser Neigung ihres Köpfchens den Herren empfahl. Sie hatte die Thürklinke des Vorsaales bereits erfaßt, als ihr Auge die Gestalt Harveys gewahrte, der emsig schreibend über seinen Akten saß. Rasch ließ sie ihre Hand wieder sinken.
»Mein Herr!«
Er fuhr leicht zusammen und sah sich um. Er erhob sich.
»Mein Fräulein!« Ersichtlich frappierte sie seine unbeirrte Höflichkeit. »Ich -- ich --« Da seine Miene an Strenge nicht nachließ, sondern unverändert ernst verblieb, wallte es in kindlichem Trotz bei ihr auf. Er brauchte nicht zu denken, daß sie eine Niederlage empfunden, und daß er ihr durch seine Haltung etwa imponierte -- sie wollte, sie mußte ihm den Gedanken nehmen, und so warf sie mit kindlichem Unwillen den Kopf in den Nacken, zog sie den unruhig bewegten Mund in eine gerade Linie ein und sprach mit einem Triumphton ihre Meinung:
»Es thut mir leid, Sie zu enttäuschen,« sagte sie gelassen, »aber mildthätig sind Sie nicht. Wenn man Ihre Güte jemals wieder in meinem Beisein rühmt, so werde ich das Gegenteil aufs kräftigste nachweisen! Guten Morgen!« Ein rascher Aufblick aus tiefblauen Augen -- ein geschicktes Wenden -- zwei gerade resolute Schritte -- weg war sie.
Über das ernste Antlitz des Mannes ging ein leises Lächeln, das alsbald wieder schwand, um den alten Ausdruck unbeweglichen, fast melancholischen Ernstes anzunehmen.
* * * * *
Der Tag des Festes war herangerückt. In dem großen hellerleuchteten Saale des Germania-Klubs wogte eine bunte Menschenmenge lärmend durcheinander. Die riesigen Säulen, welche kleine traute Nebenräume vom Tanzsaale trennten, waren mit Kränzen umwunden, und in den tiefsten Tiefen des Raumes lag die Bühne wie ein exotisches Treibhaus geschmückt da.
Von Seite zu Seite hingen Guirlanden in phantasievoll verschlungenen Bögen herab, während aus den Coulissen Fahnen verschiedenster Nationen herauswehten.
Kleine reizende Nischen, aus Oleandern und Palmen gebildet, luden mit ihren bunten Lampions, ihren =tête à tête= Stühlen und ihren Amorstatuetten zu neckischen Plauderstündchen ein. In dem Vordergrund der Bühne gruppierten sich eine Reihe helllachender jugendlicher Mädchen, welche mit unglaublicher Gewandtheit kleine Knopflochsträußchen wanden, um sie den Vorübergehenden zum Verkaufe anzupreisen. In den Nebensälen standen die üblichen verlockenden Buden. Zuerst die Post, ein aus Brettern errichtetes, von Bannern und Fahnen umwehtes Häuschen, dessen Pforten und Schalter reizende Beamtinnen bergen, Beamtinnen, welche durch neckisches Geplauder doppeltes und dreifaches Porto erzielen. »Für die gute Sache,« hallte es triumphierend aus dem Innern hervor, und aus der Nebenbude, wo sich ein Glücksrad dreht, hört man nach jedesmaligem erneutem Glücksversuch den Satz wiederholen: »Für die gute Sache!«
Die gute Sache verlangt viel. Überall ist etwas anderes zu sehen. Hier ein Tisch mit Luxusartikeln, dort eine Nische mit Erfrischungen von zierlichen Mädchen mit Kellnerschürzen serviert, dann einige Zelte, daraus gewahrsagt wird, und endlich ein Cigarrenverkauf! Letzterer trägt am Eingang ein Riesenschild mit enormer Annonce: »Feine Havannas!«
Der Abend nahte sich seinem Höhepunkt und noch hatte sich der Schwarm von Menschen, welcher gerade dieses Zelt umstand, nicht um das Mindeste gelichtet. Aus dem Innern dringt eine helle Mädchenstimme, bei deren Klang sich die bereits stehende Gruppe nur noch vermehrt.
»Die kleine Elsworth, beim Jupiter!« ruft ein sehr jugendlicher bartloser Blondin, sich nicht ohne Geschick bis an die Zeltöffnung vordrängend und gleich darauf steht er mit der Linken einen vermeintlichen Schnurrbart drehend mit hochrotem Gesicht vor der jungen Verkäuferin.
»Bin entzückt, Miß Lily, entzückt! Und ausverkauft? Alles? Na ja natürlich, wer könnte Ihnen widerstehen?«
»Niemand!« gibt das Mädchen prompt und keck lachend zurück und rasch an ihm vorübertretend hält sie an der Zeltöffnung angelangt ein weißes Händchen hoch.
»Noch drei Cigarretten, meine Herren!« ruft sie lächelnd; »der Meistbietende erhält sie -- es sind die letzten!«
Es entsteht ein Drängen und ein Stoßen, ein Haschen nach der zurückweichenden Mädchenhand. Männerstimmen schwirren hinüber, die helle Mädchenstimme klingt zurück und endlich ist der letzte Kauf geschehen.
»Fünf Dollars. Danke Ihnen für die gute Sache, -- Sie wissen! So, addio Cigarrenduft, jetzt gehts zu den Blumen -- wer folgt?«
Lily Elsworth hat sich zum Gehen gewandt, als ihr der bartlose Blonde den Weg vertritt.
»Aber Miß Lily, unser Tanz --!«
»Tanz!« Sie lacht hell zu ihm auf. »Tanz, heute -- hier? Wenn Sie nicht gerade oben auf meinem Zelt walzen möchten, sehe ich nicht recht ein, wie Sie's in dem Gedränge anstellen wollten!«
»Aber Miß Lily, ich muß --!«
»Muß! Oh, oh!« Das Mädchen zieht plötzlich eine heuchlerische Trauermiene und blickt zu ihm auf, dann schlägt sie rasch beide Hände zusammen und lehnt den braunen Kopf neckend zur Seite.
»Ich komme nachher wieder und höre mir Ihre Seufzer an, Mr. Tom Warren, _jetzt_ muß ich Blumen verkaufen!«
Fort ist sie. Tom Warren steht inmitten des Kreises junger Leute und sieht der schwebenden elfenhaften kleinen Gestalt nach.
»By Jove!« murmelt er verdrossen, indem er mit gierigen Augen die Richtung verfolgt.
Sie steht dicht vor der bunt dekorierten Bühne und nimmt mit der ihr eigenen resoluten Hast die ihr dargereichten Sträußchen zum Verkaufe in Empfang. Zu gleicher Zeit plauderte sie unbefangen nach allen Richtungen hin.
»Wo ich die alle anbringen soll, weiß ich so recht nicht. Alle Knopflöcher sind bereits besetzt.« Sie wandte sich rasch zu einem neben ihr stehenden Bekannten: »Sehen Sie vielleicht noch irgendwo ein unverblümtes Knopfloch?«
Ohne die Entgegnung abzuwarten, steuerte sie bereits auf ihr Ziel los. An der Ausgangsthür des Saales stand die breitschulterige Gestalt eines Mannes, dessen etwas vorgebeugter Kopf der Thüre zugekehrt war. Er trug seinen Hut in der Hand. Lily blickte bis zur Bruststelle hinauf. Er hatte keine Blumen. Im Nu stand das Mädchen vor ihm. Es war ein siegessicheres Lächeln, das ihren Mund umschwebte, als sie ihn ansprach.
»Ohne Knopflochbouquet verläßt keiner den Saal, mein Herr, bitte, einen Dollar, oder so viel mehr als Sie wollen. Sie bekommen dafür diese Veilchen -- und der Weg ist frei!«
Sie sprachs, ohne aufzusehen. Ihre schlanken Finger wählten unter den im Korbe umhergestreuten Blumen. Der Mann hatte sich ihr zugewandt. Er zögerte einen Moment mit der Entgegnung und als sie kam, zuckte das Mädchen leicht zusammen.
Rechtsanwalt Harvey stand vor ihr. Seine Stimme klang ernster noch, als bei der vorigen Begegnung.
»Es thut mir aufrichtig leid,« begann er, »daß ich in die Lage komme, Ihnen zweimaligen abschlägigen Bescheid geben zu müssen, indes --«
Helles Rot stieg in des Mädchens Wangen. Sie unterbrach ihn rasch. »Bitte, mein Herr, sprechen Sie nicht weiter. Ich würde Sie ja doch nie angeredet haben, wenn ich Sie erkannt hätte, da ich zur Genüge erfahren habe, wie unangenehm Ihnen Wohlthätigkeiten sind!«
»Die sogenannten -- ja!«
Das Mädchen blickte auf. Ihre Lippe kräuselte sich verächtlich.
»Das verstehe ich nicht. Übrigens ist es ja gleich, welche Ausrede Sie wählen!«
Des Mannes Stirn zog sich in Falten. Es schien, als ob er fast gegen seinen Willen die weiteren Worte sprach.
»Ausreden, meine verehrte junge Dame, kommen bei mir nicht vor. Eine ›_sogenannte_‹ Mildthätigkeit ist es, wenn sie zum Hauptzweck hat, jungen Mädchen ein Deckmantel zu sein für unwürdiges Amüsement!«
»Mein Herr!« Lily Elsworth richtete sich hoch auf. Ihre Augen blitzten. Einen Augenblick schien es, als wollten sie Feuer sprühen, dann aber zuckten die Lippen stolz und das Mädchen fragte, sich gewaltsam beherrschend:
»Ist es ein ›Amüsement‹, den ganzen Abend in einem engen Zelt zu stehen und Cigarren zu verkaufen?«
»Cigarren verkaufen! _Das thaten Damen?_«
»Das that _ich_, mein Herr, und ich thäte um einer guten Sache zu dienen noch einiges andere!« Sie stand ihm gerade gegenüber. Sie blickte ihm gerade in die Augen, Trotz und Herausforderung in ihrer ganzen Haltung. Wollte er nicht antworten oder ärgerte ihn ihre Rede so sehr? Das Mädchen blieb einen Augenblick stumm, dann sprach sie, und ihre Stimme hatte den alten spöttischen Ton: »Ich muß mich wundern, daß ein Herr, dem Mildthätigkeiten so zuwider sind, das Fest mit seiner Gegenwart beehrt!«
»Das würden Sie verstehen, wenn ich Ihnen sagte, daß ich kam, um einem Wesen, das lange am Krankenbette gesessen, eine Abwechslung zu verschaffen!«
Lily schwieg. Gegen ihren Willen fühlte sie sich beschämt. Das bessere Gefühl in ihr gewann plötzlich Oberhand und es war unwillkürlich, daß sie suchend umsah, unwillkürlich, daß sie das ihr unbekannte Wesen beneidete, um derentwillen dieser streng bleibende Mann ein Opfer brachte. Es lag in der Art wie sie den braunen Kopf zurückwarf etwas vom schmollenden Kinde.
»Wenn Sie denn nur kamen, um jemandem gutes zu erweisen, so werden Sie ja mit dem Jemand wieder gehen, und alle unliebsamen Begegnungen gleich vergessen -- nicht?«
Herr Harvey lächelte ein wenig. Für Lily war das Lächeln eine Kränkung. Thränen des Zornes füllten ihre Augen und zitterten in ihrer Stimme nach, und mit dem Ausruf: »Ich freue mich, daß ich Sie amüsiere, mein Herr!« wandte sie sich rasch und eilte davon. Sie drängte sich unter die Menschen, scherzte, lachte, pries ihre Blumen an, sehnte sich plötzlich inmitten all der lachenden Menschen fort nach Hause, nach dem Alleinsein.
Tom Warren traf es ungeschickt, daß er dem Mädchen gerade in der Stimmung entgegentrat. Mit dem faden Lächeln und den noch faderen Reden, die er stets geführt, die aber dem Mädchen, halb Kind, halb Weib, das sie war, nie so zuwider gewesen waren wie heute, faßte er sie an der Thüre ab und erging sich in höflichen Schmeichelreden.
Lily hörte ihm zerstreut zu. Erst als er ihr seine Begleitung antrug und erklärte, daß ihr Onkel, der sie herbegleitet, ermüdet nach Hause gegangen und ihm, Tom Warren, das Mädchen anvertraut habe, sah sie rasch und prüfend zu dem blonden Menschen auf.
»Ich glaube, ich gehe lieber allein,« sagte sie zögernd.
Seine glänzenden Augen, seine geröteten Wangen ließen auf hohen Weingenuß schließen.
»Wie? allein? Oh nimmermehr! Ich habe Ihrem Onkel versprochen -- ich bin glücklich, Ihnen endlich sagen zu dürfen -- die Gefühle meiner Seele aushauchen -- --«
»Oh! oh! oh! Mr. Warren!« Sie lachte schon wieder, erst leise, dann, sein komisches Gesicht sehend, laut auf. »Aushauchen ist sehr nett; das ist eine neue Wendung. Aushauchen haben Sie doch gesagt, glaube ich!«
Tom Warren sah sehr ernsthaft drein. Er zupfte mehrfach an seinem Halskragen und sagte mit beleidigter Miene: »Sie -- mein Fräulein -- ich -- Sie lachen über mich!«
Sie sah ihn keck an. »Ja,« sagte sie mit einem Anflug ihres alten Übermutes; »ja, ich glaube in der That, daß ich lache! Im übrigen« -- Lily wurde plötzlich ernster -- »seien Sie gescheid, Tom Warren, schmachten Sie nicht, ›aushauchen‹ steht Ihnen nicht. Sie sind zu -- wohlgenährt. Nach Hause geleiten dürfen Sie mich, ich gehe in zehn Minuten!«
Lily hatte die Garderobenthüre erreicht. Im Begriff, die Klinke zu erfassen, begegnete ihre Hand einer anderen, welche sich offenbar in derselben Absicht genähert hatte.
»=Pardon!=« sagte eine sehr weiche Stimme, und Lily betrachtete im Garderobenzimmer stehend nicht ohne Mitgefühl die eintretende Gestalt. Es war ein nicht mehr ganz junges Mädchen mit glattzurückgestrichenen braunen Haaren und großen dunklen, ernstblickenden Augen. Die Gestalt war traurig entstellt durch schmale hochgebaute Schultern, aus denen der Kopf mit seinem kurzen Hals unglückselig genug hervorkam. Lily hatte wenig Gelegenheit gehabt, unglückliche Menschen kennen zu lernen; in ihrem an Zerstreuung reichen Leben fand sie richtig gesagt keine Zeit, die Leiden und Gebrechen der Welt zu beachten. Eine besonders weiche Stimmung mußte wohl heute über sie gekommen sein, daß sie so nachdenklich verblieb bei dem Anblick der armen Verwachsenen.
Vielleicht lag auch in der Stimme der Fremden ein Etwas, was unwillkürlich anzog. Lily horchte plötzlich teilnahmvoll auf das Gespräch, welches zwischen ihr und der Garderobiere stattfand.
»Oh nein, das kann ich nicht,« hörte sie das Mädchen sagen; »es ist ja natürlich eine Verwechslung, aber da ich ja nicht weiß mit wem, kann ich doch nicht einen beliebigen Mantel einer andern mitnehmen.«
»Na, wenn Sie nicht wollen!«
Lily sah, wie die wohlbeleibte Garderobiere sich achselzuckend abwandte und im Nu stand sie an der Seite der hilflos dastehenden kleinen Gestalt.
»Verzeihen Sie,« redete sie dieselbe entschlossen an, »ich gebe Ihnen mit Vergnügen _meinen_ Mantel mit. Ich wohne so nahe, daß ich ihn nicht einmal entbehre!«
Die Angeredete hob bei der so unerwartet freundlichen Ansprache den Blick. Es leuchtete darin von wirklichster Rührung. »Oh wie gütig!« sprach sie, und wieder war es der weiche Ton, der so eigen warm in das Herz Lilys eindrang -- --
»Darf ich also?« Sie nahm, wie um einer kommenden Weigerung zu entgehen, rasch und resolut ihren pelzverbrämten Umhang auf und drängte ihn der schüchternen kleinen Gestalt auf. »Ich wohne wirklich zwei Häuser von hier,« eiferte sie, während ein ihr bis dahin fremdgebliebenes Gefühl von Befriedigung sie durchzog, »es ist mir eine Freude, Ihnen aus der Verlegenheit helfen zu können, so, fassen Sie zu, bitte! Wohnen Sie weit von hier?«
Die Fremde hatte Miene gemacht, das Anerbieten abzulehnen. Nun, da die andere mit so liebenswürdiger Dringlichkeit sprach, ließ sie sie still gewähren und antwortete halb gerührt, halb verlegen: »Ziemlich weit. Ich bin Erzieherin im Hause des Herrn Harvey -- --« Lilys Haltung wurde plötzlich weniger freundlich; das Mädchen gewahrte es und sprach mit zaghafter Stimme ihren Satz zu Ende: »Gewöhnlich bestellt Herr Harvey den Wagen, es war nur heute unbestimmt, wie spät wir bleiben würden und Herr Harvey läßt so ungern die Pferde in der Kälte warten; darf ich Ihnen meinen Namen nennen? Ich heiße Marie Müller.«
»Lily Elsworth,« war die einfache Entgegnung, die Lily halb mechanisch gab. Sie gedachte in Verbindung mit der Rücksichtnahme Harveys auf seine Pferde, seine ablehnende Herbheit ihr gegenüber. Sie tauschte immer noch mechanisch mit dem Mädchen Wohnungsadressen aus, und schritt später, nachdem die andere gegangen war, schweigsam an der Seite Tom Warrens die Haupttreppe des Hauses hinab. Sie ließ sich, draußen angelangt, den Paletot des jungen Mannes um die Schultern legen und hielt denselben, da es doch empfindlich kalt geworden war, mit der kleinen Hand unter dem Kinn zusammen. Sie waren bis zu der Häuserreihe gelangt, deren eines von Lilys Verwandten bewohnt war, und Lily fiel es zum erstenmale auf, wie ungewöhnlich schweigsam ihr Begleiter den Weg zurückgelegt. »Ist Ihnen etwas?« fragte sie eifrig, indem sie sich aus seinem Paletot herausschälte und ihm ihren Hausschlüssel zum öffnen hinhielt, »ist Ihnen etwas?«
Er erfaßte -- Lily bemerkte erst jetzt seine unsicheren Bewegungen -- mit dem Schlüssel die ganze Hand des Mädchens, drehte sich plötzlich um, daß sein Rücken den Eingang der Thüre deckte und beugte sein gerötetes, unstät zuckendes Antlitz zu dem Mädchen nieder. »Ob mir etwas ist, wollen Sie wissen? Ha -- ha -- ja, mir ist, mir ist etwas. Sie haben mich verspottet, Sie verspotten mich immer, aber zuerst locken Sie und dafür will ich --«
»Was fällt Ihnen ein, Tom Warren, ich rufe um Hilfe!«
Er hatte ihre Hände erfaßt, sie an sich gezogen. »Rufen Sie nur, es wird Sie kein Mensch hören. Ich lasse Sie los, wenn ich meine Rache habe -- ich liebe Sie!«
»Sind Sie wahnsinnig?« Des Mädchens Lippen zitterten.
»Wahnsinnig, ja aus Liebe wahnsinnig, Lily Elsworth, Sie sind allein mit mir, und nun sollen diese Lippen, die mich lockten und dann höhnten --«
»Ich bin in Ihrem Schutz, wie können Sie wagen, lassen Sie los!«
Des Mädchens angsterfüllter Ruf drang weithin durch die Nacht: »Hilfe -- Hilfe!«
War es ein Irrtum oder nahten rasche Schritte? Lily rang mit aller Kraft, ihr Kopf bog sich weit zurück, da -- ein Erlösungsschrei tönte von ihren Lippen -- taumelt ihr Begleiter von starker Hand geschleudert zurück. Lily sieht, wie im Nebel, das erschreckte bleiche Gesicht der verwachsenen Erzieherin Harveys und neben ihm ein ernstes herbes Männerantlitz, das sich mit befehlerischer strenger Stimme an Tom Warren wendet. Die Hausthüre ist geöffnet. Lily stützte sich erschöpft auf Marie Müllers dargebotenen Arm. Das Wort des Dankes erstirbt ihr auf den Lippen, da Richard Harvey vor ihr steht und mit der Miene strengen Ernstes, die sie kennt, die Thüre weit geöffnet hält, um sie hineinzulassen.
* * * * *
Seltsam ist es, wie sich zwei so sehr entgegengesetzte Naturen oft in innigem Einvernehmen zusammenfinden. Einen größeren Kontrast gab es so leicht nicht, wie die stille Erzieherin Marie Müller und das verzogene Weltkind Lily Elsworth. Dennoch hatte sich zwischen ihnen ein Freundschaftsbündnis gestaltet, das auf beide günstig zu wirken schien. So saßen sie denn zwei Tage nach dem Vorangegangenen plaudernd in dem luxuriös ausgestatteten Wohnzimmer des Elsworth'schen Hauses, Marie lehnte in einem behaglichen Fauteuil, während Lily auf einem niederen Schemel vor dem Kamin hockte und abwechselnd in das ernste Antlitz der Besucherin, dann in die prasselnden Kamingluten blickte. Nach Mädchenart besprachen sie das Fest.
»Die Blumen, die Sie sehen, sind alle noch daher,« erzählte Lily nicht ohne Eitelkeit und Marie zog einen der herrlichen Rosensträuße zu sich heran und fragte, ob sie ihr vom Komite nachgesandt worden seien.
Lily lachte hellauf: »Vom Komite! Nein, Sie liebe Unschuld! Das sind lauter enthusiastische Widmungen von Verehrern. Ich bekomme fast täglich Sachen zugeschickt: Bonbonnieren, Parfüme u. dgl.«
»Und Sie nehmen sie an?«
»Aber natürlich. Es hätte ja gar keinen Sinn, sie abzulehnen. Ich amüsiere mich über die Spender! Sie sind mir alle ganz gleichgiltig!«
»Ganz gleichgiltig?« Marie Müller wiederholte die Worte, als seien sie ihr nicht verständlich. »Wenn Sie die Herren nicht ermutigen, wie können sie dann wagen -- --«
Lily unterbrach sie lebhaft: »Das ist es eben! Ich ermutige sie immer. Mein Gott, das Leben wäre schrecklich langweilig, wenn man dieses Amüsement nicht hätte!«
Marie Müller blickte plötzlich sehr ernst. »Sie nennen das Amüsement, Lily? Das ist ein Unrecht!«