Chapter 5
Brutus. Die Trennung nicht erduldend; Und Gram, daß mit Octavius Mark Anton So mächtig worden--denn mit ihrem Tod Kam der Bericht--das brachte sie von Sinnen, Und wie sie sich allein sah, schlang sie Feuer.
Cassius. Und starb so?
Brutus. Starb so.
Cassius. O ihr ewgen Götter!
Lucius kommt mit Wein und Kerzen.
Brutus. Sprecht nicht mehr von ihr.--Gebt eine Schale Weins! Hierin begrab ich allen Unglimpf, Cassius. (Trinkt.)
Cassius. Mein Herz ist durstig, Euch Bescheid zu tun. Füllt, Lucius, bis der Wein den Becher kränzt; Von Brutus' Liebe trink ich nie zuviel. (Trinkt.)
Titinius und Messala kommen.
Brutus. Herein, Titinius! Seid gegrüßt, Messala! Nun laßt uns dicht um diese Kerze sitzen Und, was uns frommt, in Überlegung ziehn.
Cassius. O Portia, bist du hin!
Brutus. Nicht mehr, ich bitt Euch! Messala, seht, ich habe Brief' empfangen, Daß Mark Anton, mit ihm Octavius, Heranziehn gegen uns mit starker Macht Und ihren Heerzug nach Philippi lenken.
Messala. Ich habe Briefe von demselben Inhalt.
Brutus. Mit welchem Zusatz?
Messala. Daß durch Proskription und Achtserklärung Octavius, Mark Anton und Lepidus Auf hundert Senatoren umgebracht.
Brutus. Darüber weichen unsre Briefe ab. Der meine spricht von siebzig Senatoren, Die durch die Ächtung fielen; Cicero Sei einer aus der Zahl.
Cassius. Auch Cicero?
Messala. Ja, er ist tot, und durch den Achtsbefehl.-- Kam Euer Brief von Eurer Gattin, Herr?
Brutus. Nein, Messala.
Messala. Und meldet Euer Brief von ihr Euch nichts?
Brutus. Gar nichts, Messala.
Messala. Das bedünkt mich seltsam.
Brutus. Warum? Wißt Ihr aus Eurem Brief von ihr?
Messala. Nein, Herr.
Brutus. Wenn Ihr ein Römer seid, sagt mir die Wahrheit.
Messala. Tragt denn die Wahrheit, die ich sag, als Römer: Sie starb, und zwar auf wunderbare Weise.
Brutus. Leb wohl denn, Portia!--Wir müssen sterben, Messala; dadurch, daß ich oft bedacht, Sie müß einst sterben, hab ich die Geduld, Es jetzt zu tragen.
Messala. So trägt ein großer Mann ein großes Unglück.
Cassius. Durch Kunst hab ich soviel hievon als ihr, Doch die Natur ertrüg's in mir nicht so.
Brutus. Wohlan, zu unserm lebenden Geschäft! Was denkt Ihr? Ziehn wir nach Philippi gleich?
Cassius. Mir scheint's nicht ratsam.
Brutus. Euer Grund?
Cassius. Hier ist er: Weit besser ist es, wenn der Feind uns sucht; So wird er, sich zum Schaden, seine Mittel Erschöpfen, seine Krieger müde machen. Wir liegen still indes, bewahren uns In Ruh wehrhaften Stand und Munterkeit.
Brutus. Den bessern Gründen müssen gute weichen. Das Land von hier bis nach Philippi hin Beweist uns nur aus Zwang Ergebenheit, Denn murrend hat es Lasten uns gezahlt. Der Feind, indem er durch dasselbe zieht, Wird seine Zahl daraus ergänzen können Und uns erfrischt, vermehrt, ermutigt nahn. Von diesem Vorteil schneiden wir ihn ab, Wenn zu Philippi wir die Stirn ihm bieten, Dies Volk im Rücken.
Cassius. Hört mich, lieber Bruder!
Brutus. Erlaubt mir gütig!--Ferner müßt Ihr merken, Daß wir von Freunden alles aufgeboten, Daß unsre Legionen übervoll Und unsre Sache reif. Der Feind nimmt täglich zu; Wir, auf dem Gipfel, stehn schon an der Neige. Der Strom der menschlichen Geschäfte wechselt; Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück; Versäumt man sie, so muß die ganze Reise Des Lebens sich durch Not und Klippen winden. Wir sind nun flott auf solcher hohen See Und müssen, wenn der Strom uns hebt, ihn nutzen; Wo nicht, geht unser schwimmend Gut verloren.
Cassius. So zieht denn, wie Ihr wollt; wir rücken selbst Dem Feind entgegen nach Philippi vor.
Brutus. Die tiefe Nacht hat das Gespräch beschlichen, Und die Natur muß frönen dem Bedürfnis, Das mit ein wenig Ruh wir täuschen wollen. Ist mehr zu sagen noch?
Cassius. Nein. Gute Nacht! Früh stehn wir also morgen auf, und fort.
Brutus. Lucius, mein Schlafgewand! (Lucius ab.) Lebt wohl, Messala! Gute Nacht, Titinius! Edler, edler Cassius, Gute Nacht und sanfte Ruh!
Cassius. O teurer Bruder, Das war ein schlimmer Anfang dieser Nacht. Nie trenne solcher Zwiespalt unsre Herzen, Nie wieder, Brutus.
Brutus. Alles steht ja wohl.
Cassius. Nun, gute Nacht!
Brutus. Gute Nacht, mein guter Bruder!
Titinius und Messala. Mein Feldherr, gute Nacht!
Brutus. Lebt alle wohl.
(Cassius, Titinius und Messala ab.) Lucius kommt zurück mit dem Nachtkleide.
Brutus. Gib das Gewand, wo hast du deine Laute?
Lucius. Im Zelte hier.
Brutus. Wie? Schläfrig? Armer Schelm, Ich tadle drum dich nicht; du hast dich überwacht. Ruf Claudius her und andre meiner Leute, Sie sollen hier im Zelt auf Kissen schlafen.
Lucius. Varro und Claudius!
Varro und Claudius kommen.
Varro. Ruft mein Gebieter?
Brutus. Ich bitt euch, liegt in meinem Zelt und schlaft; Bald weck ich euch vielleicht, um irgendwas Bei meinem Bruder Cassius zu bestellen.
Varro. Wenn's Euch beliebt, wir wollen stehn und warten.
Brutus. Das nicht! Nein, legt euch nieder, meine Freunde.-- (Die beiden Diener legen sich nieder.) Vielleicht verändert noch sich mein Entschluß.-- Sieh, Lucius, hier das Buch, das ich so suchte; Ich steckt es in die Tasche des Gewandes.
Lucius. Ich wußte wohl, daß mein Gebieter mir Es nicht gegeben.
Brutus. Hab Geduld mit mir, Mein guter Junge, ich bin sehr vergeßlich. Hältst du noch wohl die müden Augen auf Und spielst mir ein paar Weisen auf der Laute?
Lucius. Ja, Herr, wenn's Euch beliebt.
Brutus. Das tut's, mein Junge. Ich plage dich zuviel, doch du bist willig.
Lucius. Es ist ja meine Pflicht.
Brutus. Ich sollte dich Zur Pflicht nicht über dein Vermögen treiben; Ich weiß, daß junges Blut auf Schlafen hält.
Lucius. Ich habe schon geschlafen, mein Gebieter.
Brutus. Du tatest recht und sollst auch wieder schlafen. Ich will nicht lang dich halten; wenn ich lebe, Will ich dir Gutes tun. (Musik und ein Lied.) Die Weis ist schläfrig--Mörderischer Schlummer, Legst du die blei'rne Keul auf meinen Knaben, Der dir Musik macht?--Lieber Schelm, schlaf wohl, Ich tu dir's nicht zuleid, daß ich dich wecke; Nickst du, so brichst du deine Laut entzwei; Ich nehm sie weg, und schlaf nun, guter Knabe. Laßt sehn! Ist, wo ich aufgehört zu lesen, Das Blatt nicht eingelegt? Hier, denk ich, ist's. (Er setzt sich.) Der Geist Cäsars erscheint. Wie dunkel brennt die Kerze!--Ha, wer kommt? Ich glaub, es ist die Schwäche meiner Augen, Die diese schreckliche Erscheinung schafft. Sie kommt mir näher--Bist du irgendwas? Bist du ein Gott, ein Engel oder Teufel, Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt? Gib Rede, was du bist.
Geist. Dein böser Engel, Brutus.
Brutus. Weswegen kommst du?
Geist. Um dir zu sagen, daß du zu Philippi Mich sehn sollst.
Brutus. Gut, ich soll dich wiedersehn?
Geist. Ja, zu Philippi. (Verschwindet.)
Brutus. Nun, zu Philippi will ich denn dich sehn. Nun ich ein Herz gefaßt, verschwindest du; Gern spräch ich mehr mit dir noch, böser Geist.-- Bursch! Lucius!--Varro! Claudius! wacht auf! Claudius!
Lucius. Die Saiten sind verstimmt.
Brutus. Er glaubt, er sei bei seiner Laute noch. Erwache, Lucius!
Lucius. Herr?
Brutus. Hast du geträumt, daß du so schrieest, Lucius?
Lucius. Ich weiß nicht, mein Gebieter, daß ich schrie.
Brutus. Ja doch, was tatst du; sahst du irgendwas?
Lucius. Nichts auf der Welt.
Brutus. Schlaf wieder, Lucius.--Heda, Claudius! Du, Bursch, wach auf!
Varro. Herr?
Claudius. Herr?
Brutus. Weswegen schriet ihr so in eurem Schlaf?
Varro und Claudius. Wir schrieen, Herr?
Brutus. Ja, saht ihr irgendwas?
Varro. Ich habe nichts gesehn.
Claudius. Ich gleichfalls nicht.
Brutus. Geht und empfehlt mich meinem Bruder Cassius; Er lasse früh voraufziehn seine Macht, Wir wollen folgen.
Varro und Claudius. Herr, es soll geschehn.
(Alle ab.)
Fünfter Aufzug
Erste Szene Die Ebene von Philippi
Octavius, Antonius und ihr Heer
Octavius. Nun, Mark Anton, wird meine Hoffnung wahr. Ihr spracht, der Feind werd auf den Höhn sich halten Und nicht herab in unsre Ebene ziehn; Es zeigt sich anders: seine Scharen nahn! Sie wollen zu Philippi hier uns mahnen Und Antwort geben, eh wir sie befragt.
Antonius. Pah, steck ich doch in ihren Herzen, weiß, Warum sie's tun. Sie wären's wohl zufrieden, Nach andern Plätzen hinzuziehn, und kommen Mit bangem Trotz, im Wahn, durch diesen Aufzug Uns vorzuspiegeln, sie besitzen Mut. Allein dem ist nicht so.
Ein Bote tritt auf.
Bote. Bereitet euch, ihr Feldherrn. Der Feind rückt an in wohlgeschloßnen Reihn. Sein blutges Schlachtpanier ist ausgehängt, Und etwas muß im Augenblick geschehn.
Antonius. Octavius, führet langsam Euer Heer Zur linken Hand der Ebene weiter vor.
Octavius. Zur rechten ich; behaupte du die linke.
Antonius. Was kreuzt Ihr mich, da die Entscheidung drängt?
Octavius. Ich kreuz Euch nicht, doch ich verlang es so.
(Marsch.) Trommeln werden gerührt. Brutus und Cassius kommen mit ihrem Heere; Lucilius, Titinius, Messala und andre.
Brutus. Sie halten still und wollen ein Gespräch.
Cassius. Titinius, steh! Wir treten vor und reden.
Octavius. Antonius, geben wir zur Schlacht das Zeichen?
Antonius. Nein, Cäsar, laßt uns ihres Angriffs warten. Kommt, tretet vor! Die Feldherrn wünschen ja Ein Wort mit uns.
Octavius. Bleibt stehn bis zum Signal.
Brutus. Erst Wort, dann Schlag: nicht wahr, ihr Landsgenossen?
Octavius. Nicht, daß wir mehr als ihr nach Worten fragen.
Brutus. Gut Wort, Octavius, gilt wohl bösen Streich.
Antonius. Ihr, Brutus, gebt bei bösem Streich gut Wort. Des zeuget Cäsars Herz, durchbohrt von Euch, Indes Ihr rieft: "Lang lebe Cäsar, Heil!"
Cassius. Die Führung Eurer Streiche, Mark Anton, Ist uns noch unbekannt; doch Eure Worte Begehn an Hyblas Bienen Raub und lassen Sie ohne Honig.
Antonius. Nicht auch stachellos?
Brutus. O ja! auch tonlos, denn Ihr habt ihr Summen Gestohlen, Mark Anton, und drohet weislich, Bevor Ihr stecht.
Antonius. Ihr tatet's nicht, Verräter, Als eure schnöden Dolch' einander stachen In Cäsars Brust. Ihr zeigtet eure Zähne Wie Affen, krocht wie Hunde, bücktet tief Wie Sklaven euch und küßtet Cäsars Füße; Derweil von hinten der verfluchte Casca Mit tückschem Bisse Cäsars Nacken traf. O Schmeichler!
Cassius. Schmeichler!--Dankt Euch selbst nun, Brutus, Denn diese Zunge würde heut nicht freveln, Wär Cassius' Rat befolgt.
Octavius. Zur Sache! kommt! Macht Widerspruch uns schwitzen, So kostet rötre Tropfen der Erweis. Seht! auf Verschworne zück ich dieses Schwert: Wann, denkt ihr, geht es wieder in die Scheide? Nie, bis des Cäsar dreiundzwanzig Wunden Gerächt sind, oder bis ein andrer Cäsar Mit Mord gesättigt der Verräter Schwert.
Brutus. Cäsar, du kannst nicht durch Verräter sterben, Du bringest denn sie mit.
Octavius. Das hoff ich auch; Von Brutus' Schwert war Tod mir nicht bestimmt.
Brutus. O wärst du deines Stammes Edelster, Du könntest, junger Mann, nicht schöner sterben.
Cassius. Ein launisch Bübchen, unwert solchen Ruhms, Gesellt zu einem Wüstling und 'nem Trinker.
Antonius. Der alte Cassius!
Octavius. Kommt, Antonius! fort! Trotz in die Zähne schleudr' ich euch, Vertäter! Wagt ihr zu fechten heut, so kommt ins Feld, Wo nicht, wenn's euch gemutet.
(Octavius und Antonius mit ihrem Heere ab.)
Cassius. Nun tobe, Wind! schwill, Woge! schwimme, Nachen! Der Sturm ist wach und alles auf dem Spiel.
Brutus. Lucilius, hört! ich muß ein Wort Euch sagen.
Lucilius. Herr?
(Brutus und Lucilius reden beiseite miteinander.)
Cassius. Messala!
Messala. Was befiehlt mein Feldherr?
Cassius. Messala, dies ist mein Geburtstag; grade An diesem Tag kam Cassius auf die Welt. Gib mir die Hand, Messala, sei mein Zeuge, Daß ich gezwungen, wie Pompejus einst, An eine Schlacht all unsre Freiheit wage. Du weißt, ich hielt am Epicurus fest Und seiner Lehr; nun ändr' ich meinen Sinn Und glaub an Dinge, die das Künftge deuten. Auf unserm Zug von Sardes stürzten sich Zwei große Adler auf das vordre Banner; Da saßen sie und fraßen gierig schlingend Aus unsrer Krieger Hand; sie gaben uns Hieher bis nach Philippi das Geleit; Heut morgen sind sie auf und fortgeflohn. Statt ihrer fliegen Raben, Geier, Krähn Uns überm Haupt und schaun herab auf uns Als einen siechen Raub; ihr Schatten scheint Ein Trauerhimmel, unter dem das Heer, Bereit, den Atem auszuhauchen, liegt.
Messala. Nein, glaubt das nicht.
Cassius. Ich glaub es auch nur halb, Denn ich bin frischen Mutes und entschlossen, Zu trotzen standhaft jeglicher Gefahr.
Brutus. Tu das, Lucilius.
Cassius. Nun, mein edler Brutus, Sein uns die Götter heute hold, auf daß wir Gesellt in Frieden unserm Alter nahn! Doch weil das Los der Menschen niemals sicher, Laßt uns bedacht sein auf den schlimmsten Fall. Verlieren wir dies Treffen, so ist dies Das allerletzte Mal, daß wir uns sprechen: Was habt Ihr dann Euch vorgesetzt zu tun?
Brutus. Ganz nach der Vorschrift der Philosophie, Wonach ich Cato um den Tod getadelt, Den er sich gab (ich weiß nicht, wie es kommt, Allein ich find es feig und niederträchtig, Aus Furcht, was kommen mag, des Lebens Zeit So zu verkürzen), will ich mit Geduld Mich waffnen und den Willen hoher Mächte Erwarten, die das Irdische regieren.
Cassius. Dann, geht die Schlacht verloren, laßt Ihr's Euch Gefallen, daß man durch die Straßen Roms Euch im Triumphe führt?
Brutus. Nein, Cassius, nein! Glaub mir, du edler Römer, Brutus wird nie gebunden gehn nach Rom; Er trägt zu hohen Sinn. Doch dieser Tag Muß enden, was des Märzen Idus anfing; Ob wir uns wieder treffen, weiß ich nicht: Drum laßt ein ewig Lebewohl uns nehmen. Gehab dich wohl, mein Cassius, für und für! Sehn wir uns wieder, nun, so lächeln wir; Wo nicht, so war dies Scheiden wohlgetan.
Cassius. Gehab dich wohl, mein Brutus, für und für! Sehn wir uns wieder, lächeln wir gewiß; Wo nicht, ist wahrlich wohlgetan dies Scheiden.
Brutus. Nun wohl, rückt vor! O wüßte jemand doch Das Ende dieses Tagwerks, eh es kommt! Allein es gnüget, enden wird der Tag, Dann wissen wir sein Ende.--Kommt und fort!
(Alle ab.)
Zweite Szene Das Schlachtfeld
Getümmel. Brutus und Messala kommen
Brutus. Reit, reit, Messala, reit! Bring diese Zettel Den Legionen auf der andern Seite. (Lautes Getümmel.) Laß sie auf einmal stürmen, denn ich merke, Octavius' Flügel hält nur schwachen Stand; Ein schneller Anfall wirft ihn übern Haufen. Reit! reit, Messala! Laß herab sie kommen!
(Beide ab.)
Dritte Szene Ein andrer Teil des Schlachtfeldes
Getümmel. Cassius und Titinius kommen
Cassius. O sieh, Titinius! sieh! die Schurken fliehn. Ich selbst ward meiner eignen Leute Feind: Dies unser Banner wandte sich zur Flucht; Ich schlug den Feigen und entriß es ihm.
Titinius. O Cassius! Brutus gab das Wort zu früh. Im Vorteil gegen den Octavius, setzt' er Zu hitzig nach; sein Heer fing an zu plündern, Indes uns alle Mark Anton umzingelt.
Pindarus kommt.
Pindarus. Herr, flieht doch weiter! flieht doch weiter weg! Antonius ist in Euren Zelten, Herr; Drum, edler Cassius, flieht! Flieht weit hinweg!
Cassius. Der Hügel hier ist weit genug. Schau, schau, Titinius! Sind das meine Zelte nicht, Wo ich das Feuer sehe?
Titinius. Ja, mein Feldherr.
Cassius. Wenn du mich hebst, Titinius, so besteig Mein Pferd, setz ihm die Sporen in die Seite, Bis es zu jener Mannschaft dich gebracht Und wieder her, damit ich sicher wisse, Ob jene Mannschaft Freund ist oder Feind.
Titinius. Wie ein Gedanke bin ich wieder hier. (Ab.)
Cassius. Geh, Pindarus, steig höher auf den Hügel, Denn mein Gesicht ist kurz; acht auf Titinius Und sag mir, was du auf dem Feld entdeckst. (Pindarus ab.) An diesem Tage atmet ich zuerst; Die Zeit ist um, und enden soll ich da, Wo ich begann; mein Leben hat den Kreislauf Vollbracht.--Du dort, was gibt's?
Pindarus (oben). O Herr!
Cassius. Was gibt's?
Pindarus. Titinius ist von Reitern ganz umringt; Sie jagen auf ihn zu, doch spornt er weiter. Nun sind sie dicht schon bei ihm--nun Titinius! Sie steigen ab--er auch--er ist gefangen; Und horcht! sie jubeln laut. (Freudengeschrei.)
Cassius. Steig nur herunter, sieh nicht weiter zu. O Memme, die ich bin, so lang zu leben, Bis ich den besten Freund vor meinen Augen Gefangen sehen muß! Pindarus kommt zurück. Komm, Bursch, hieher! Ich macht in Parthia dich zum Gefangnen Und ließ dich schwören, deines Lebens schonend, Was ich nur immer tun dich hieß', du wollest Es unternehmen. Komm nun, halt den Schwur! Sei frei nun, und mit diesem guten Schwert, Das Cäsars Leib durchbohrt, triff diesen Busen. Erwidre nichts! Hier fasse du das Heft, Und ist mein Angesicht verhüllt, wie jetzt, So führ das Schwert.--Cäsar, du bist gerächt Und mit demselben Schwert, das dich getötet. (Er stirbt.)
Pindarus. So bin ich frei, doch wär ich's lieber nicht, Hätt es auf mir beruht.--O Cassius! Weit weg flieht Pindarus von diesem Lande, Dahin, wo nie ein Römer ihn bemerkt. (Ab.)
Titinius und Messala kommen.
Messala. Es ist nur Tausch, Titinius; denn Octav Ward von des edlen Brutus Macht geschlagen, Wie Cassius' Legionen von Antonius.
Titinius. Die Zeitung wird den Cassius sehr erquicken.
Messala. Wo ließt Ihr ihn?
Titinius. Ganz trostlos, neben ihm Sein Sklave Pindarus, auf diesem Hügel.
Messala. Ist er das nicht, der auf dem Boden liegt?
Titinius. Er liegt nicht da wie lebend.--O mein Herz!
Messala. Nicht wahr, er ist es?
Titinius. Nein, er war's, Messala: Doch Cassius ist nicht mehr.--O Abendsonne! Wie du in deinen roten Strahlen sinkst, So ging in Blut der Tag des Cassius unter. Die Sonne Roms ging unter; unser Tag Ist hingeflohn; nun kommen Wolken, Tau, Gefahren; unsre Taten sind getan. Mißtraun in mein Gelingen bracht ihn um.
Messala. Mißtraun in guten Ausgang bracht ihn um. O hassenswerter Wahn! der Schwermut Kind! Was zeigst du doch dem regen Witz der Menschen Das, was nicht ist! O Wahn, so bald empfangen, Zu glücklicher Geburt gelangst du nie Und bringst die Mutter um, die dich erzeugt.
Titinius. Auf, Pindarus! Wo bist du, Pindarus?
Messala. Such ihn, Titinius; ich indessen will Zum edlen Brutus und sein Ohr durchbohren Mit dem Bericht. Wohl nenn ich es durchbohren; Denn scharfer Stahl und giftge Pfeile würden Dem Ohr des Brutus so willkommen sein, Als Meldung dieses Anblicks.
Titinius. Eilt, Messala! Ich suche Pindarus indessen auf. (Messala ab.) Warum mich ausgesandt, mein wackrer Cassius? Traf ich nicht deine Freunde? Setzten sie Nicht diesen Siegeskranz auf meine Stirn, Ihn dir zu bringen? Vernahmst du nicht ihr Jubeln? Ach, jeden Umstand hast du mißgedeutet! Doch halt, nimm diesen Kranz um deine Stirn; Dein Brutus hieß mich dir ihn geben; ich Vollführe sein Gebot.--Komm schleunig, Brutus, Und sieh, wie ich den Cajus Cassius ehrte! Verzeiht, ihr Götter!--Dies ist Römerbrauch: Komm, Cassius' Schwert! triff den Titinius auch. (Er stirbt.)
Getümmel. Messala kommt zurück mit Brutus, dem jungen Cato, Strato, Volumnius und Lucilius.
Brutus. Wo? Wo, Messala? sag, wo liegt die Leiche?
Messala. Seht, dort! Titinius trauert neben ihr.
Brutus. Titinius' Antlitz ist emporgewandt.
Cato. Er ist erschlagen.
Brutus. O Julius Cäsar! Du bist mächtig noch; Dein Geist geht um, er ist's, der unsre Schwerter In unser eignes Eingeweide kehrt.
(Lautes Getümmel.)
Cato. Mein wackrer Freund Titinius! Seht doch her, Wie er den toten Cassius gekränzt!
Brutus. Und leben noch zwei Römer, diesen gleich? Du letzter aller Römer, lebe wohl! Unmöglich ist's, daß Rom je deinesgleichen Erzeugen sollte.--Diesem Toten, Freunde, Bin ich mehr Tränen schuldig, als ihr hier Mich werdet zahlen sehen; aber, Cassius, Ich finde Zeit dazu, ich finde Zeit. Drum kommt, und schickt nach Thassos seine Leiche, Er soll im Lager nicht bestattet werden; Es schlüg uns nieder.--Komm, Lucilius! Komm, junger Cato! Zu der Walstatt hin! Ihr, Flavius und Labeo, laßt unsre Scharen rücken! Es ist drei Uhr, und, Römer, noch vor Nacht Versuchen wir das Glück in einer zweiten Schlacht.
(Alle ab.)
Vierte Szene Ein andrer Teil des Schlachtfeldes
Getümmel. Soldaten von beiden Heeren, fechtend; darauf Brutus, Cato, Lucilius und andre
Brutus. Noch, Bürger, o noch haltet hoch die Häupter!
Cato. Ein Bastard, der's nicht tut! Wer will mir folgen? Ich rufe meinen Namen durch das Feld: Ich bin der Sohn des Marcus Cato, hört! Feind der Tyrannen, Freund des Vaterlands! Ich bin der Sohn des Marcus Cato, hört!
Brutus (dringt auf den Feind ein). Und ich bin Brutus, Marcus Brutus, ich; Des Vaterlandes Freund: kennt mich als Brutus!
(Ab, indem er auf den Feind eindringt. Cato wird überwältigt und fällt.)
Lucilius. O junger, edler Cato! bist du hin? Ja! tapfer wie Titinius stirbst du nun, Man darf dich ehren als des Cato Sohn.
Erster Soldat. Ergib dich, oder stirb!
Lucilius. Nur um zu sterben Ergeb ich mich. Hier ist soviel für dich (Bietet ihm Geld an), Daß du sogleich mich töten wirst; nun töte Den Brutus, und es ehre dich sein Tod.
Erster Soldat. Wir dürfen's nicht.--Ein edler Gefangner.
Zweiter Soldat. Platz da! Sagt dem Antonius, daß wir Brutus haben.
Erster Soldat. Ich will es melden.--Sieh, da kommt der Feldherr. Antonius tritt auf. Wir haben Brutus, Herr! wir haben Brutus!
Antonius. Wo ist er?
Lucilius. In Sicherheit; Brutus ist sicher gnug. Verlaß dich drauf, daß nimmermehr ein Feind Den edlen Brutus lebend fangen wird. Die Götter schützen ihn vor solcher Schmach! Wo ihr ihn findet, lebend oder tot, Er wird wie Brutus, wie er selbst, sich zeigen.
Antonius. Dies ist nicht Brutus, Freund, doch auf mein Wort, Ein nicht geringrer Fang. Verwahrt ihn wohl, Erweist nur Gutes ihm; ich habe lieber Zu Freunden solche Männer als zu Feinden. Eilt! seht, ob Brutus tot ist oder lebt! Und bringt Bericht zu des Octavius Zelt, Wie alles sich begeben.
(Alle ab.)
Fünfte Szene Ein andrer Teil des Schlachtfeldes
Brutus, Dardanius, Clitus, Strato und Volumnius treten auf
Brutus. Kommt, armer Überrest von Freunden! ruht An diesem Felsen.
Clitus. Herr, Statilius zeigte Das Fackellicht, doch kommt er nicht zurück; Er ist gefangen oder gar erschlagen.
Brutus. Setz dich zu mir. Erschlagen ist die Losung, Es ist des Tages Sitte.--Höre, Clitus! (Spricht leise mit ihm.)
Clitus. Wie, gnädger Herr? Ich? Nicht um alle Welt.
Brutus. Still denn! kein Wort!
Clitus. Eh tötet ich mich selbst.
Brutus. Dardanius, hör! (Spricht leise mit ihm.)
Dardanius. Ich eine solche Tat?
Clitus. O Dardanius!
Dardanius. O Clitus!
Clitus. Welch einen schlimmen Antrag tat dir Brutus?
Dardanius. Ich sollt ihn töten, Clitus; sieh, er sinnt.
Clitus. Nun ist das herrliche Gefäß voll Gram, So daß es durch die Augen überfließt.
Brutus. Komm zu mir, Freund Volumnius: ein Wort!
Volumnius. Was sagt mein Feldherr?
Brutus. Dies, Volumnius: Der Geist des Cäsar ist zu zweien Malen Mir in der Nacht erschienen; erst zu Sardes, Und vorge Nacht hier in Philippis Ebne. Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.
Volumnius. Nicht doch, mein Feldherr.
Brutus. O ja, es ist gewiß, Volumnius. Du siehst, Volumnius, wie es um uns steht; Der Feind hat uns zum Abgrund hingetrieben. (Getümmel.) Es ziemt sich mehr, von selbst hineinzuspringen, Als zu erwarten seinen letzten Stoß. Volumnius, wir gingen in die Schule Zusammen, wie du weißt. Ich bitte dich Um jener unsrer alten Liebe willen: Halt du mein Schwert, indes ich drein mich stürze.
Volumnius. Das, Brutus, ist kein Dienst für einen Freund.
(Fortdauerndes Getümmel.)
Clitus. Flieht, Herr, o flieht! Hier gilt kein Säumen mehr.
Brutus. Lebt wohl denn, Ihr--und Ihr--und Ihr, Volumnius. Du, Strato, lagst die ganze Zeit im Schlaf: Leb wohl auch du!--Mitbürger, meinem Herzen Ist's Wonne, daß ich noch im ganzen Leben Nicht einen fand, der nicht getreu mir war. Ich habe Ruhm von diesem Unglückstage, Mehr, als Octavius und Mark Anton Durch diesen schnöden Sieg erlangen werden. So lebt zusammen wohl! Denn Brutus' Zunge Schließt die Geschichte seines Lebens bald. Nacht deckt mein Auge, mein Gebein will Ruh, Es strebte längst nur dieser Stunde nach.
(Getümmel. Geschrei hinter der Szene.--"Flieht! flieht! flieht!")
Clitus. Flieht, Herr! o flieht!