Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart

Part 9

Chapter 93,218 wordsPublic domain

Ist der Tripper erst einmal chronisch geworden, so bietet er der Behandlung weit größere Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann man die Erkrankung als chronisch ansehen, wenn sie einer zweckmäßigen Behandlung nicht innerhalb drei Monaten weicht. Dann wird der Tripper zu einem langwierigen, schleichenden Leiden, das monate- und jahrelang, ja durchs ganze Leben hindurch bestehen und schließlich tödliche Erkrankungen hervorrufen kann. Jedenfalls haben die neueren klinischen Erfahrungen das Gesamtbild des Trippers ganz wesentlich gefahrvoller erscheinen lassen, als man es früher glaubte. Subjektiv sind die Beschwerden zunächst nicht sonderlich groß und bestehen im wesentlichen darin, daß morgens die Harnröhrenmündung verklebt ist und auf Druck einen grau-weißlichen Schleimtropfen absondert, in welchem die bakteriologische Untersuchung manchmal Gonokokken, manchmal aber auch nur Eiter nachzuweisen vermag. Das Urinieren ruft häufig, besonders nach dem Genuß scharfer Speisen, Schmerzen hervor.

Was aber dem chronischen Tripper erst seinen heimtückischen Charakter gibt, das sind seine Folgeerscheinungen, von denen vorerst die gefährlichen Strukturen, das sind Verengerungen der Harnröhre durch Bindegewebswucherungen, zu nennen sind. Dieselben sind oft ungeheuer schmerzhaft, erschweren das Harnlassen und können zu schweren Nervenstörungen führen.

Zum zweiten ist zu nennen die sogenannte ~Prostatitis~; das ist eine Entzündung der zwischen Harnröhre und Blase liegenden Vorsteherdrüse, die große Schmerzen hervorruft und mit einem starken Eiterausbruch endet. Auch diese Krankheit kann chronisch werden und ist dann verhängnisvoll für die Geschlechtstätigkeit, da sie sexuelle Neurasthenie hervorrufen kann.

Bei Vernachlässigung, namentlich aber bei der leichtsinnigen Selbstbehandlung und dem Gebrauch innerlicher, reizender Mittel, schließt sich dem Tripper ein ~Blasenkatarrh~ an, ein im akuten Stadium äußerst schmerzhaftes Leiden, das mit fortwährendem Harndrang verbunden ist und sehr leicht chronisch werden kann. Dann kann es monate- und jahrelang bestehen, ja während des ganzen Lebens eine Schwächung der Blase und ihres Schließmuskels hinterlassen und so zu einem ganz außerordentlich lästigen und hinderlichen Leiden werden. Ja, in der chronisch erkrankten Blase bildet sich der entsetzlich schmerzhafte Blasenstein, der die den Strukturen folgende Harnverhaltung unter Umständen zur Ursache schwerster Blutvergiftungen, Vereiterungen und tödlicher Prozesse werden lassen kann.

Zu den schlimmsten Folgekrankheiten des Trippers gehört die ~Nebenhodenentzündung~, bei der im Zeitraum von einem oder mehreren Tagen einer der beiden Hoden anschwillt auf das Zwei- und Dreifache seiner normalen Größe, sich heiß und äußerst schmerzhaft anfühlt und das Gehen, sowie jede Bewegung unmöglich macht. Wird die Behandlung dieses Entzündungsprozesses nicht energisch, bei völliger Bettruhe, in die Hand genommen, so bleiben Verhärtungen zurück, die jahrelang oder auch während des ganzen Lebens bestehen bleiben.

Vor allem aber besteht die Gefahr, daß die Entzündung ~beide~ Hoden ergreift und dann durch Zerstörung des Hodengewebes, das wir als die Brutstätte der befruchtenden Samenzellen anzusehen haben, zur dauernden Unfruchtbarkeit führt. Das geschieht tatsächlich in 85% aller Fälle von doppelseitiger Hodenentzündung. Man stellt dann entweder ~Azoospermie~ fest, d. i. gänzliches Fehlen von Samenfäden (Spermatozoen), oder aber unbewegliche, also tote, zur Befruchtung unfähige Samenfäden.

So kann der Leichtsinn des vor- und außerehelichen Geschlechtslebens eine fürchterliche Strafe finden, kann ein Augenblick der ungezügelten Sinnlichkeit, der zum Haus der Dirne trieb oder eine jener zufälligen und wahllosen Geschlechtsverbindungen bewirkte, mit dem Verlöschen der Zeugungsfähigkeit enden. Das Wort »Vater« verliert seinen Klang, und alles, was es an Schönheit und Freude in sich einschließt, ist begraben, ehe es ins Leben treten kann. Die edelste Kraft wird eingebüßt, und diese Möglichkeit allein müßte jeden Leichtsinn im Keim ersticken.

Aber mit diesen festumrissenen Folgekrankheiten erschöpft sich der Tripper nicht, und wir werden noch sehen, welch ein furchtbarer Leichtsinn es ist, vom Tripper lächelnd als von einer »Kinderkrankheit« zu reden, wie es unter jungen Leuten oft geschieht. Es besteht ja die verhängnisvolle Anschauung, daß man einmal ein »kleines Tripperchen« gehabt haben müsse, um gegen spätere Ansteckungen gefeit zu sein. Das direkte Gegenteil ist richtig; denn wer einmal einen Tripper hatte, neigt in außerordentlichem Maße zu weiteren Ansteckungen, weil die Schleimhäute ihre Widerstands- und Abwehrkraft eingebüßt haben.

Leider bleibt der Tripper nicht einmal auf die Entzündung der Geschlechtsorgane beschränkt; vielmehr wird durch den Blut- und Säftestrom das Trippergift überall im Körper umhergetragen und kann an allen Organen schwere Entzündungen hervorrufen. Seit man bei gewissen Krankheitsformen den ~Neisserschen~ Gonokokkus gefunden hat, liegen die Zusammenhänge klar zutage. Darüber sagt Prof. Dr. ~Wyß~-Zürich[5]:

»So ist vor allem der Tripperrheumatismus als eine sicher durch Transport von Gonokokken durch die Blutbahn von der erkrankten Schleimhaut der Harnröhre nach den serösen Häuten der Gelenke bedingte Entzündung anzusehen; wir verstehen, daß auch andere seröse Häute erkranken können; wir wissen, daß gewisse schwere Entzündungen der Herzklappen unter Umständen mit all ihren weiteren Komplikationen: Nierenerkrankungen, Gehirnerkrankungen, Lungenerkrankungen usw., die Folge einer Gonorrhöe sind; doch auch ohne Beteiligung des Herzens können akute eiterige Entzündungen im Gehirn und Rückenmark oder deren Häuten durch den Gonokokkus sich ereignen und unrettbar den Tod herbeiführen. Gewisse Nasen- und Ohrenerkrankungen, Dickdarmerkrankungen, Speicheldrüsen- und Knochenhautentzündungen sind durch ihn bedingt. Somit ist der Tripper für den Mann oft als eine lebensgefährliche Krankheit erkannt worden, und zwar zuweilen selbst dann noch, wo er örtlich keine Erscheinungen mehr oder nur noch ganz unbedeutende gemacht hat.« --

Bliebe der Tripper auf sich selbst beschränkt, so könnte man den Gedanken hegen, daß der Schuldige büßen muß für Unwissenheit, Fehl, Leichtsinn und Gewissenlosigkeit. Zwar ist oft die Strafe zu hart; denn nicht immer ist der Einzelne schuld an seinem Tun, wenn ihm ein warnendes Wort von Eltern und Lehrern fehlte. Und wenn die alkoholische Lustigkeit einer Tafelrunde bei der Dirne endete, so büßen viele ihr Leben lang den Augenblick des Leichtsinns, der ausreichte, eine Geschlechtskrankheit zu übertragen. Mit Tränen in den Augen haben sie oft vor mir gestanden, die jungen Männer, die körperlich und seelisch an der geheimen Häßlichkeit ihrer venerischen Krankheit leiden. Gar zu hart hatte sie's betroffen.

Was aber sollen wir sagen, wenn die Unschuldigen leiden müssen, büßen für den Leichtsinn eines andern, büßen ein Leben lang, büßen ohne Schuld, leiden, wo sie liebten oder wo die Liebe ihnen das Leben gab? Denn der Tripper ist ansteckend, ist übertragbar auf die Frau, die liebend und voll Vertrauen dem Manne in die Ehe folgt und von demselben Manne, dem sie all ihre Jugend, ihre Frische dargeboten, den Krankheitskeim empfängt, der sie von der gleichen Stunde ab zur leidgequälten Frau macht.

Das Gefährliche des weiblichen Trippers besteht darin, daß er sich nicht auf die Harnröhre beschränkt, sondern alle äußeren und inneren Geschlechtsteile auf das heftigste erfassen kann. Das alles sind äußerst schmerzhafte, quälende, störende Leiden, die sehr verschiedenartige Erscheinungen machen können, so daß man früher oft eine andere Diagnose stellte, wo heute eine Tripperansteckung zweifelsfrei feststeht.

Ja, von den sogenannten »Frauenleiden« beruhen drei Viertel wohl auf nichts anderem, als auf venerischer Ansteckung durch den Mann. Denn der Tripper geht tiefer in die inneren Organe hinein und befällt besonders die Gebärmutter, am Hals derselben beginnend und allmählich sie ganz überziehend, so daß in solchen Fällen die Unfruchtbarkeit der Frau eine unausbleibliche Folge ist.

Wieviel Jammer und Tränen hängen mit dem Worte Unfruchtbarkeit zusammen! Wieviel ungestillte Muttersehnsucht, wieviel bittere Entsagung schließt es in sich ein! Ich habe Frauen gesehen, die weinten, wenn sie Kinder sahen, sie herzten und küßten, weil ihnen selbst dies größte Frauenglück versagt geblieben war. Und wie oft regnet es Vorwürfe von seiten des Mannes auf die arme Frau herab, deren Herz nach einem Kindchen jammert, deren mütterliche Kraft aber im Keim erstickt wurde durch eine Tripperinfektion. Entweder leidet der Mann an Azoospermie (Fehlen von Samentierchen) infolge von tripperhafter Hodenentzündung, oder aber die inneren Organe der Frau sind durch die Ansteckung angegriffen.

Die heimtückische chronische Form des Trippers bietet selbst beim Schwinden der Symptome keine unbedingte Sicherheit für den Glauben an Heilung. Chronische Tripper können in furchtbarer Heftigkeit wieder akut werden. Ja, es kommt vor, daß ein chronisch tripperkranker Mann mit einer Frau Umgang hat, diese aber gesund bleibt, und die abgelagerten Gonokokken beim nächsten Mal rückwirkend beim Manne einen akuten Tripper erzeugen.

Unwissenheit und Schamgefühl hindern das weibliche Geschlecht mehr noch als das männliche, den Tripper gleich nach Ausbruch ärztlich behandeln zu lassen. Das ist der Grund, warum der Tripper bei der Frau so verheerend wirkt. Denken wir nun daran, daß der Tripper so ungeheuer verbreitet ist, daß nach den Angaben des amerikanischen Arztes ~Noegerath~ von 1000 Männern 800 einmal in ihrem Leben an Tripper erkrankt gewesen sind, und daß die meisten davon ihn nie wieder verloren, so sehen wir mit einem Schlage, daß es sich hier nicht um eine Einzelkrankheit handelt, der man bisher mit lächelndem Spott gegenübergestanden hat, sondern um eine furchtbare Seuche, die der Kraft eines ganzen Volkes Wunden schlägt. Man lachte über ~Noegerath~, hielt ihn für einen ideologischen Schwarzseher. Aber seine aus der Praxis des Arztes gewonnenen unerbittlichen Zahlen vermochten doch schließlich unter den deutschen Ärzten den Indifferentismus und den Gleichmut zu beseitigen, womit man bisher diesen Dingen gegenüberstand. Man sah genauer hin, beobachtete schärfer, arbeitete gleichfalls statistisch und -- fand, daß ~Noegerath~ recht hatte. Man erkannte mit einem Male, daß man mit der angeblichen Heilbarkeit des Trippers gar zu optimistisch umgegangen war, daß der Tripper geradezu ungeheuer häufig chronisch wird und auch dann noch bestehen kann, wenn ihn selbst der Arzt für geheilt erklärt, daß er dann noch ansteckend auf die Frau oder auf den Mann wirkt. Man sah von da ab auch die Frauenleiden mit ganz anderen Augen an und fand in weit größerem Umfange als bisher als Ursache -- den Tripper. Von den leichten Formen des Weißflusses an, der sich oft schon ganz kurz nach der Hochzeit einstellt, bis zu den schweren Entzündungen der Eileiter, Eierstöcke, der Gebärmutter und selbst des Bauchfells, überall fand man den Gonokokkus, und -- manches Rätsel war gelöst.

Prof. _Dr._ ~Wyß~-Zürich sagt darüber[6]:

»Während der Geschlechtsapparat des Mannes nach dem Bauchfellraum hin abgeschlossen ist, kommunizieren die inneren Schleimhäute der Geschlechtsorgane im weiblichen Organismus direkt mit dem Peritoneal- oder Bauchfellsack. Infolgedessen greift der Entzündungsprozeß, den der Tripper auf der Schleimhaut des Geschlechtsapparates der Frau erzeugt, leicht auch auf das Bauchfell über. Sowohl für sich, als auch in Verbindung mit anderen Mikroben (Bakterien) werden dadurch akute und chronische Entzündungs- und Eiterungsprozesse bedingt, welche die Frau schwer erkranken machen, und welche leider oft in kürzerer oder erst nach längerer Zeit den Tod herbeiführen, mindestens aber monate-, ja jahrelanges Kranksein und oft fürs ganze Leben Leidendsein bedingen. Da diese Zustände oft einsetzen im Anschluß an eine Geburt oder einen anderen physiologischen oder auch pathologischen Vorgang (Menstruation, Abortus, vorzeitige Geburt), so hat man früher, als man die Krankheitserreger noch nicht kannte, jene Vorgänge der Ätiologie beschuldigt, die wahre Ursache nicht erkannt. Erst seit der Gonokokkus in solchen Entzündungsprodukten mikroskopisch nachgewiesen werden konnte, ist man auf die richtige Fährte gelangt und weiß man, daß viele früher auf eine »böse Geburt« zurückgeführten tödlichen Erkrankungen oder heutzutage oftmals zu schweren Operationen oder in anderen Fällen auch wiederum zu langem Siechtum führenden Affektionen junger, blühender, bis zu ihrer Verheiratung absolut gesunder Frauen -- auf einen nicht ausgeheilten oder geheilt erschienenen Tripper des Herrn Gemahls zurückzuführen sind.«

So finden wir's in allen Gesellschaftsschichten. Wann wird es eines Tages gelingen, diese fürchterlichen Tatsachen in die Herzen der männlichen Jugend einzugraben, damit sie abläßt vom gewissenlosen geschlechtlichen Leichtsinn! In die Ohren müßten wir's ihr hineinschreien, wieviel Jammer das sexuelle »Amüsement« in die Welt bringt. Als Prof. ~Bumm~ in Leipzig einst unter den Hörern seines Kollegs Fragezettel bezüglich eines etwaigen Trippers verteilte, antworteten 36 von 53 Studenten mit »Ja«. Das waren 70%. Die übrigen 30% werden ihn leider früher oder später auch noch bekommen haben.

Wie viele von diesen Trippern bleiben ungeheilt, werden chronisch und richten in der Ehe körperliche und seelische Verwüstung an! ~Noegerath~ hält den Tripper überhaupt für -- unheilbar!!! Das ist zum Teil die Folge seines medikament-medizinischen Standpunktes, den wir nicht teilen. Aber daß überhaupt ein ernster Forscher und warmherziger Menschenfreund wie ~Noegerath~ zu einer solch furchtbaren Auffassung kommt, das ist's, was uns erschreckt.

Tatsächlich trotzen viele Tripper jeder Behandlung. Der Patient ist eine Zeitlang trostlos. Dann gewöhnt er sich an den Krankheitszustand, hält ihn für immer weniger ernst, heiratet und -- steckt seine Frau an. Damit beginnt dann für die Frau und für die Ehe die lange Leidenskette, schwere Unterleibsleiden und unter Umständen Unfruchtbarkeit.

Prof. ~Flesch~-Frankfurt a. M. sagt: »In meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich es nur zu oft erlebt, daß unglückliche Frauen der ärmeren Klassen, wenn Hunger und Sorge wegen ihrer andauernden Arbeitslosigkeit >wegen Unterleibsentzündung< eingezogen waren, daß Frauen der bemittelten Klassen, wenn Kinderlosigkeit die Ehe vergiftete, sich den Tod herbeiwünschten, sich den schwersten Operationen unterzogen, und ihre Männer noch um Verzeihung baten, weil sie ihren Mann unglücklich machten. Und der um Vergebung Angeflehte war fast immer, ohne es zu ahnen, der Urheber des Unglücks.«

Aber auch damit macht der Tripper nicht halt. Das Trippergift, das in den Geburtswegen einer Frau abgelagert ist, kann während des Geburtsaktes in die Augen des Kindes kommen. Dann entsteht eine Bindehautentzündung, die das Augenlicht zerstört. 60 von 100 Blinden haben ihr namenloses Unglück aus dieser lebentötenden Quelle. Gibt es Worte für soviel Jammer? Tausende büßen mit Blindheit den Jugendleichtsinn ihrer Väter.

Und dieses gedankenlose »Vorleben« wird immer noch entschuldigt! Immer noch finden sich Stimmen, die von »Männlichkeit« sprechen, wenn ein junger Mann geheime Wege geht. Wären diese qualvollen »Frauenleiden« nicht allesamt vorher »Männerleiden«, oder bliebe die Krankheit auf den Mann beschränkt, so könnte er sündigen, wenn er für sich allein büßen will. Aber Unschuldige büßen! Unschuldige zu Hunderttausenden! Hört ihr's, ihr jungen Männer? Laßt dies Leid der Unschuldigen nicht größer werden! Das junge Mädchen, das still und in den Träumen der Jugend im Elternhaus lebte, vergiftet ihr! Ihre Augen leuchten, wenn ihr Liebesworte sprecht! Und ihr Herz weiß nicht, was ein junger Mann im Haus der Dirne sah und tat. Es liegt ein böses, aufreizendes Unrecht in diesem Vorleben. Mit einer niederträchtigen Disharmonie beginnt die Ehe: ~sie~ geschlechtlich unschuldig oder harmlos, ~er~ weiterfahren, sexuell blasiert und -- mit einem chronischen Tripper behaftet. Nach kurzer Ehe sind die frohen Hoffnungen der Brautzeit zusammengefallen. Aus dem fröhlichen Mädchen wurde eine müde, kranke Frau, gereizt, übellaunig oder todestraurig. Wir denken an das Wort ~Noegeraths~, der sagte: »Es ist so weit gekommen, daß junge Damen sich fürchten, in die Ehe zu treten, weil sie wissen, daß alle ihre Bekannten erkrankt und nicht wieder gesund geworden sind.«

Die zweite in dem Trio der Geschlechtskrankheiten ist

~der weiche Schanker~ (_Ulcus molle_).

Er ist ein meist an der Eichel oder der Vorhaut des Geschlechtsgliedes durch Ansteckung beim Geschlechtsverkehr entstehendes Geschwür, das ein bis fünf Tage nach der Ansteckung sich mit Jucken und Brennen bildet und meist eine durch Unreinlichkeit oder sonstwie verletzte, eingerissene Stelle der Schleimhaut zur Voraussetzung hat. Bei Sauberkeit und unverletzter Schleimhaut findet das Schankergift keinen Eingang.

An der entzündlich geröteten Ansteckungsstelle bildet sich ein Bläschen, das nach seinem Zerfall einen Eiter absondert und einen wulstigen aber weichen, ein wenig ausgezackten Rand bildet. (Das syphilitische Erstgeschwür hat harte Ränder; daher »harter Schanker« genannt.)

Sehr häufig schwellen die Drüsen in der Schenkelbeuge, die sogenannten Leistendrüsen, an (Bubonen), ja, es kann zu Vereiterungen derselben und zum Durchbruch des Eiters nach außen kommen.

Ist auch der weiche Schanker nicht von so ernstem und gefährlichem Charakter wie der harte, so darf er doch nicht leichtsinnig aufgefaßt werden, weil einerseits üble und häßliche Folgeerscheinungen auftreten können, wie namentlich der phagedänische (d. i. der weiterfressende, gewebszerstörende) Schanker, und andrerseits alle venerischen Krankheiten so merkwürdig vielgestaltig auftreten, daß selbst der erfahrene Arzt nicht sicher vor Täuschungen bleibt.

Konstitution und zweckmäßiges Verhalten entscheiden darüber, ob der weiche Schanker harmlos bleibt und schnell ausheilt, oder ob er der Ausheilung hartnäckigen Widerstand entgegensetzt.

Unsere ganz besondere Aufmerksamkeit aber verlangt

~die Syphilis~ (_Lues venera_),

zumal ihr Charakterbild nach jeder Richtung hin in der Geschichte und in der Gegenwart schwankt.

Die Erscheinung der Syphilis ist der sogenannte ~harte Schanker~ (_Ulcus dure_), der in den weitaus meisten Fällen durch den geschlechtlichen Verkehr mit einer syphilitischen Person entsteht, und zwar dadurch, daß das syphilitische Gift durch eine kleine Schrunde, einen kleinen Riß in der Haut eintritt. Die Möglichkeit, daß eine solche kleine Hautverletzung besteht oder beim Geschlechtsumgang entsteht, ist allerdings so groß, und die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis so ungeheuer, daß der geschlechtlichen Verbindung mit einer syphilitisch kranken Person fast stets eine Ansteckung folgt.

Das Ansteckungsfeld ist zumeist der uneheliche Geschlechtsverkehr. _Dr._ ~Blaschko~-Berlin erzählt, daß einmal von 1129 Geschlechtskranken in seiner Poliklinik (1009 Männer und 120 Frauen) die Männer ihre Syphilis fast ausschließlich außerhalb der Ehe, die Frauen innerhalb der Ehe von den Männern erworben hatten. Welch eine furchtbare Anklage bedeutet das für den Mann, welch ein entsetzliches Martyrium schließt das für die Frau ein! Der Jugendleichtsinn des Mannes, den Weib und Kind in der Ehe büßen müssen!

Die Verbreitung der Syphilis hat Zahlen angenommen, die Entsetzen wecken.

Sie ist eine der furchtbarsten Volkskrankheiten geworden, die das Interesse der ärztlichen Wissenschaft und der behördlichen Organe unausgesetzt beschäftigt. Unsummen gehen in Heilungskosten auf, und das Ende dieses unseligen Zerstörungsprozesses in der Menschheit ist nicht abzusehen.

In großen Städten schleicht das Gespenst der Syphilis durch alle Straßen. Wo die Menschen dichter zusammenwohnen, steigert sich das Leben, vermehren sich auch die Krankheiten. Und die Prostitution, die die Moral der Männer verschlingt, speit dafür die Geschlechtskrankheiten, Tripper und Syphilis, auf die Menschheit aus.

Dieser Gifthauch trifft auch die Bewohner des Landes, dessen junge Söhne in den Städten als Soldat dienen oder ein Handwerk, ein Geschäft lernen und ausüben oder die Schulen, die Universität besuchen und mit der Kultur der Stadt auch die Syphilis in die Heimat bringt. Der vierjährige Feldzug hat die Zahlen der Geschlechtskrankheiten ins Fürchterliche gesteigert.

Die Syphilis beginnt mit einem kleinen Knötchen, das 2-4 Wochen nach erfolgter Ansteckung auftritt (sogenannter Primäraffekt) und bald zu zerfallen beginnt. Dabei bildet sich ein tiefer fressender Untergrund und ein etwas erhöhter Randwulst. Beide sind hart, weshalb man hier vom harten Schanker spricht. Auch Schwellungen der Leistendrüsen stellen sich ein.

Die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis ist eine ganz außerordentliche. Jedes Hautritzchen genügt, um das syphilitische Gift eindringen zu lassen, und zwar nicht nur an den Geschlechtsteilen, sondern überall am Körper. Es gibt demnach eine außergeschlechtliche Syphilis, die bei 4% aller Syphilitiker vorliegt. Dieselbe wird ungemein leicht erworben, beispielsweise durch Küssen, Händedrücken, durch Benutzung von Handtüchern, Bettwäsche, Kissen, Polstern usw., die vorher mit syphilitischen Geschwüren in Berührung kamen.

Eine sekundenlange Berührung genügt -- und das Gift ist in den Körper eingedrungen und spielt seine verderbliche Rolle. Wenn's Schuld war, kann man von Sühne sprechen. Was aber sagt ihr zu den Unglücklichen, die ohne Schuld, ganz ohne Liebe und Geschlechtsumgang die Syphilis erwarben? Die unwissend, schuldlos und wehrlos ein zerstörendes Gift empfangen und es womöglich monate- und jahrelang in sich tragen, ohne den Charakter der Leiden zu ahnen, die sie nacheinander heimsuchen?

Ist das syphilitische Erstgeschwür ausgeheilt, so beginnt etwa nach 8-10 Wochen die sekundäre Syphilis, meist als roter Fleckenausschlag, als Knötchen (Papeln) oder eiterige Pusteln, die sich über den ganzen Körper verbreiten und namentlich in Hautfalten (Schenkelbeuge, Geschlechtsgegend, zwischen den Fingern usw.) als nässende Wunden auftreten können. Die Absonderungen dieser Ausschläge haben eine starke Ansteckungsfähigkeit. Dazu gesellt sich ein Schorf auf der behaarten Kopfhaut, der das Haar büschelweise zum Ausfallen bringen kann.

Dazu stellt sich Fieber ein, Mattigkeit, Abgeschlagenheit der Glieder, rheumatismusähnliche Schmerzen in den Gelenken und den Knochen (namentlich in den langen Arm- und Schenkelknochen), am Tage Frostschauer und in der Nacht Schweiße, dazu schwere Gemütsverstimmungen.

In den Schleimhäuten zeigen sich vielerlei Störungen, vom einfachsten Katarrh angefangen bis zu den Papeln, die zu eiterigen Wucherungen (sogenannten Kondylomen) werden können. Diese treten vor allem gern im Rachen und im Munde auf und haben eine ungeheure Ansteckungsfähigkeit. Nie ist beim Besuch einer Prostituierten der Besucher sicher, daß nicht irgendwo am Körper ein Kondylom ihm die tückische Krankheit überträgt.