Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart
Part 8
In der Tierzucht ist es ein ganz selbstverständlicher Grundsatz, Tiere niemals vor vollendeter Reife zur Geschlechtsbetätigung zuzulassen, weil man dadurch das Tier schwächt, seine Leistungsfähigkeit (z. B. bei Rennpferden, Jagdhunden, Lasttieren) vermindert und schließlich die ganze Rasse herabzüchtet. Zwischen Fortpflanzungstrieb und Lebensdauer besteht eben ein unlösbarer Zusammenhang. Ganze Völker versinken in der Widerstandslosigkeit gegen den Geschlechtsreiz. Den Indiern hat nichts so sehr die Kraft genommen, als die frühen Heiraten, die schon von Kindern geschlossen werden. Es kann niemals gut sein, wenn ein Trieb sich so entwickelt, daß er alles beherrscht. Eine Schwächung des Ganzen muß die Folge sein.
~Noch nie, solange die Welt steht, hat die Keuschheit so ungeheuren und entsetzlichen Schaden angerichtet, wie die Ausschweifung.~
Die Schäden, von denen man spricht, sind aufgebauscht und werden zur bequemen Entschuldigung für den Geschlechtstrieb, den zu zügeln man nicht die Kraft und den Willen hat. In diesem Punkte gibt es so viele Täuschungen, als es Behauptungen gibt. Denn alle die Zustände, die man in den bequemen und gedankenlosen Begriff »nervös« zusammenfaßt, die Unruhe, Schlaflosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, allgemeine Schlaffheit, Verdauungsträgheit, Mißmut, Gemütsbedrücktheiten u. dergl., die fast alle aus völlig unnatürlicher Lebensart sich ergeben, wenn die Freuden der Tafel über die Bedürfnisse des Lebens hinausgehen und der Körper nicht genug Bewegung hat, diese Zustände werden gern und vorschnell dem Mangel an Geschlechtsgenuß zugeschrieben, weil man so die Sinnlichkeit, mit Gründen wohl versorgt, auf den glatten Boden eines vergnügten Lebens hinausschicken kann. Denn um ein Vergnügen handelt sich's wohl bei all den jungen Männern, die ihre leichtfertigen Liebesabenteuer mit der Flagge der bedrohten Gesundheit verteidigen.
Die gesamte Art der Menschheit, zu leben, zu arbeiten, zu essen und zu trinken, und demgemäß zu denken und zu fühlen, ist so grundfalsch, so von den natürlichen Gesetzen abgewichen, auf Abwege geraten, daß auch unser Urteil über den Geschlechtstrieb und seine Äußerungen notgedrungen falsch sein muß. Wie kann man aus ungesunden Lebensformen physiologische Gesetze folgern wollen?
Es ist wohl gut, auf einige Äußerungen von Männern hinzuweisen, die auf Grund ihres wissenschaftlichen Urteils und ihrer Lebenserfahrungen gehört zu werden verdienen. Dabei will ich verzichten auf die Wiedergabe des bekannten Schreibens der medizinischen Fakultät der Universität Christiania, erstens, weil es aus dem Jahre 1887 stammt, und vor allem, weil mehrfach angezweifelt worden ist, ob in der Tat die ~ganze~ Fakultät es unterzeichnete. Tatsache aber bleibt, daß die jüngeren norwegischen Ärzte in ihrem Fachblatt das erwähnte Urteil der Fakultät zu ihrem eigenen gemacht haben.
Der bekannte Nerven- und Irrenarzt Prof. _Dr._ ~Aug. Forel~ sagt: »Die angebliche Nervosität resp. physische Erregbarkeit, Abspannung usw., welche die Keuschheit nach sich ziehen soll, wird als ein Hauptargument zur Verteidigung der staatlichen Fürsorge für weiberbedürftige Männer herangezogen. Ich bin in meiner ärztlichen Laufbahn von zahlreichen jungen Neurasthenikern und Hypochondern konsultiert worden, welche früher keusch waren, erst auf ärztliche Anordnung hin Bordelle besuchten und vielfach dort venerisch angesteckt, jedoch weder von Neurasthenie noch von Hypochondrie kuriert wurden. Einen irgendwie nennenswerten Erfolg von dieser Therapie habe ich selbst nie beobachtet.
»Zweifellos dagegen ist es, daß der ausposaunte angebliche Schutz gegen Syphilis (von einem Schutze gegen gonorrhöische Infektion wagt niemand zu sprechen), verbunden mit den zahllosen Lockungsmitteln, welche die in diesen Geschäften pekuniär interessierten Personen zur Vermehrung ihrer Kundschaft anwenden, die Zahl der sich prostituierenden jungen Männer ungeheuer steigert; es bildet sich unter denselben allmählich die >Suggestion<, daß die Keuschheit ein unmögliches Ding sei, daß ein keuscher Jüngling kein >Mann< sei u. dergl. mehr. -- Zwar liefert überall die Landbevölkerung, ohne daß wir an unsere Vorfahren zu appellieren brauchten, den Beweis, daß ohne regulierte Prostitution und ohne Prostitutionshäuser die Männer existieren und gesund bleiben, sogar viel gesünder werden können. Es beweisen ferner zahlreiche Einzelfälle, daß die Keuschheit ohne Nachteil für die Gesundheit bestehen kann ... Doch wird dies meist ignoriert.
»Die Prostitution ist kein Heilmittel gegen die Onanie. Beide bestehen sehr oft nebeneinander...... Tatsache ist ..., daß der Geschlechtsreiz durch vermehrte Befriedigung sich steigert, zu einem immer häufigeren Bedürfnis wird. Das erklärt die weitere Tatsache, daß ... sehr viel Exzedenten daneben noch onanieren oder nächtliche Pollutionen haben...
»~Nie habe ich eine durch Keuschheit entstandene Psychose gesehen, wohl aber zahllose solche, die die Folgen von Syphilis und Exzessen aller Art waren~...
»Wir müssen dabei bleiben, daß für den jungen Mann bis zu seiner Verehelichung die Keuschheit nicht nur ethisch und ästhetisch, sondern auch der Prostitution gegenüber hygienisch das Zuträglichste ist.«
Auch der hervorragende Psychiater Prof. _Dr._ ~Eulenburg~ bezweifelt in seiner »_Neuropathia sexualis_«, »daß schon irgend jemand bei sonst vernünftiger Lebensweise durch geschlechtliche Abstinenz allein krank, speziell neurasthenisch oder sexual-neurasthenisch geworden ist.« Er sagt weiter: »Ich halte diese immer wiederkehrenden, phrasenreichen Behauptungen für völlig leeres und nichtssagendes Gerede, wobei es sich nur um gedankenloses Miteinstimmen in den allgemeinen Chorus oder -- noch schlimmer -- um ein bewußtes Kniebeugen vor Vorurteilen handelt... Jene im Laienpublikum außerordentlich beliebte und leider auch von gewissen Ärzten laut oder stillschweigend gebilligte Meinung von der unbedingten Schädlichkeit geschlechtlicher Abstinenz wirkt zumal auf die heranwachsende Jugend in hohem Maße verderblich; sie treibt diese dem illegitimen Geschlechtsverkehr, d. h. der Prostitution, geradezu in die Arme...«
Das Wort von den Schäden durch Enthaltsamkeit ist am lautesten im Munde derjenigen, die die Venus Anadyomene (sinnliche Liebe) kennen und ihr nicht entsagen wollen. Sie wissen nicht, daß das zur Periodizität neigende Rückenmark aus einem gewöhnlichen Reiz ein gebieterisches Recht macht. Findet man nicht im Essen, im Trinken, im Rauchen und in allen Lebensgewohnheiten genau dasselbe? Man entziehe nur einmal einem starken Esser oder Trinker sein gewohntes Quantum, und er wird -- obwohl die Entsagung seinem Organismus höchst dienlich ist -- Unbehaglichkeiten, ja Qualen erleiden. So ergeht's dem Raucher, so dem Morphinisten. Ist darum in ihren Wünschen, ihren Gefühlen, ihren Ansichten auch nur ein Schimmer von Recht?
Wer das Geschlechtsgefühl häufiger kennen lernte, hat seinen Organismus sozusagen darauf eingestellt. Wie Wellenlinien durchzieht's die Nervenzentren, periodisch sie erregend. Dann bringt zunächst die Enthaltsamkeit Beschwerden, wie allen, die unbeherrscht und triebhaft leben. Aber nur zunächst. Bald stellt sich das Nervensystem mit dem ganzen Organismus auf diese neue Marschroute ein, und die inneren Absonderungen vermehren bald merkbar die Spannkraft des Körpers und des Geistes. Ja, wer beobachten kann, findet bald heraus, daß der die Geschlechtskraft sparende Organismus mit einem geringeren Maß von Schlaf und Nahrung auskommt, weil er trotz erhöhter Leistungsfähigkeit sparsamer wirtschaftet. Für viele, viele Menschen ist der Geschlechtsgenuß ein jedesmaliger Kraftverlust, sie erschlaffen tagelang nachher, und Menge und Wert ihrer Arbeit leidet. Sie brauchen Tage, um durch Ruhe und Sorgfalt in der Ernährung wieder auszugleichen, was sie in einer Minute verloren haben. Trotzdem aber können sie nicht loskommen von dem entnervenden Glauben an die Notwendigkeit geschlechtlichen Lebens.
Freilich bedingt ein so besonders beherrschtes Leben auch veränderte Lebensgewohnheiten. Wenn du an Kopfschmerzen leidest, an unruhigem Herzen, an Schlaflosigkeit und wüsten Träumen, oder durch Pollutionen erschlafft wirst und in all diesen Dingen Gründe für ein voreheliches Geschlechtsleben siehst, dann handelst du wie ein Kind, das die eine Dummheit durch die andere beseitigen will. Du sollst deine Eßgewohnheiten ändern, den Alkohol meiden, das Rauchen einschränken, Gewürze und gewürzte Nahrung fortlassen und alles das beachten, was wir schon beim Kapitel der Onanie miteinander besprochen haben. Und wenn der Arzt in all den eben genannten Störungen die Zeichen eines zu hohen Blutdruckes erkennt, so sollte er seinen Patienten nicht auf den gefährlichen Weg zur Dirne senden, sondern den Blutdruck durch den gesünderen und klügeren Rat der fleischlosen Nahrung, der Vermeidung von Kaffee und Tee und Alkohol herabsetzen. Kann diese gedankenlose Suggestion der Dirnennotwendigkeit sich bei der ärztlichen Autorität ihr Lebensrecht holen, dann ist es kein Wunder, wenn die Köpfe junger Männer erfüllt sind von wilden, ungezügelten und schmutzigen sexuellen Vorstellungen, die den erregten Körper zu nächtlichen Samenergüssen und damit zur Erschlaffung mit Rückenschmerzen, Verdauungsschwäche und Melancholie treiben! Ein straffes Halt der lüsternen Phantasie gebieten, Geist und Körper in ernste, energische Arbeit einspannen, das hält den Geist sauber und den Körper gesund!
In Klöstern, wo die Frauen arbeiten, hat man selten Hysterie gefunden; bei Prostituierten dagegen ist sie häufig.
Du wirst einsehen, daß gerade die wunderbare Tatsache der ~inneren~ Drüsenabsonderungen der Jugend die Pflicht der Keuschheit auferlegt. Denn der Organismus, der diese Drüsensekrete zu seiner Entwicklung gebraucht, kann nicht zu seiner vollen Entwicklung kommen, wenn ihm vorher das Wachstumsmaterial entzogen wird. Und wenn dem Körper die Kraft genommen ist, wie sollte er Kraft seinen Nachkommen geben können? Dem eigenen Leichtsinn folgt die Schwäche der Nachkommen, und sie ist ein drückender Vorwurf für den, der noch ein Gewissen hat.
Es ist nicht geschickt, zur eigenen Entschuldigung auf die Männer hinzuweisen, die trotz ihrer sexuellen Ausschweifung geistig groß, bedeutend und machtvoll waren. Denn erstens sind solche Männer in der Minderzahl, zweitens hätten sie bei größerer Selbstzucht noch Größeres erreicht. Die Zahl der Großen aber, die ihr persönliches Leben unter die ordnende Macht sittlicher und gesundheitlicher Gesetze gestellt haben, ist wesentlich größer, und man braucht nur auf ~Immanuel Kant~, auf ~A. v. Humboldt~ hinzuweisen, um sexuelle Enthaltung und geistige Größe eindrucksvoll nebeneinander zu sehen. Jedenfalls hat frühzeitiger Geschlechtsverkehr noch keinen großen Mann gezeitigt. Dagegen fällt das Auge überall auf Menschen, die durch vorzeitige Vergeudung der Zeugungskräfte an Körper und Geist verarmt und verkümmert und zu jedem geistigen Hochflug unfähig geworden sind.
Obermedizinalrat Prof. _Dr._ ~Gruber~ in München sagt: »An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist nicht zu denken.« Er weist darauf hin, daß die Samenflüssigkeit, wenn sie als Auszug aus Tierhoden unter die Menschenhaut gespritzt wird, die Leistungsfähigkeit der Muskeln erhöht und diese sich rascher erholen. Er weist ferner auf die Enthaltung von Gelehrten und Künstlern hin und sagt: »Während der Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt, und seine Bestandteile gelangen ins Blut. Dies wirkt nicht schädlich, sondern günstig.« --
Zweifellos gibt es Menschen von so heftiger geschlechtlicher Begierde, daß sie sich wie ein Wesenszug ihrer besonderen Persönlichkeit ausprägt und oft ihrem Handeln eine bestimmte Note gibt. Sie können sich nicht bezähmen, sondern werden von ihrer Begierde beherrscht. Solchen Menschen erscheint der Gedanke an geschlechtliche Entsagung lächerlich, und sie sind es auch, die, von ihrem eigenen Zustand ausgehend, ihren jugendlichen Kameraden die Gefahren der Keuschheit anschaulich machen wollen. Sie geben oft einer Unterhaltung den Ton, und die anderen schämen sich, ihre Unschuld zu zeigen oder gar zu verteidigen. Wir wollen nicht Pharisäer sein und Steine werfen auf diejenigen, deren heftige, unstillbare Begierde die Selbstbeherrschung übersteigt. Aber man soll in diesen Dingen das Herdenmäßige niederhalten, damit nicht der eine zur gefährlichen Antriebskraft für die anderen wird, die zu spät den gefährlichen Weg, den Krankheitsjammer und das moralische Elend erkennen, in das ihre durch ein paar verführende Worte angefachte Sinnlichkeit sie hineingetrieben hat. Man kann, durch ein Irrlicht geleitet, leicht in einen Sumpf geraten. Ob aber die Kraft zum Herauskommen später noch da ist, ist nicht vorherzusagen.
Prof. _Dr._ ~Albert Heim~ hat in einer kleinen Schrift, »Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkt der natürlichen Entwicklungsgeschichte«, vortrefflich nachgewiesen, daß diese sexuelle Planlosigkeit und Willkür, die wir in der »zivilisierten« Menschheit finden, nicht einmal beim Tiere existiert, daß für das in Freiheit lebende Tier durchaus keine Geschlechtsfreiheit besteht, daß es vielmehr in polygamischer oder monogamischer Ehe lebt. Er sagt:
»Und indem allmählich die zeitliche Beschränkung der Geschlechtsliebe auf Brunftzeiten verschwunden ist, die Zeit der Brutpflege und der Erziehung der Nachkommen sich immer verlängert hat, wird die Familie fester und dauernder und dadurch die ~lebenslängliche Einzelehe~ immer ~natürlich-notwendiger~. In geschichtlicher Zeit sehen wir in der Menschheit selbst alle Stufen von Unregelmäßigkeit, polygamischer, monogamischer Ehe sich fortschreitend entwickeln bis gegen die Alleinherrschaft der lebenslänglichen Einzelehe in Praxis, in Sitte und in Gesetz. Was die Natur schon am Tierreiche in verschiedenen Zweigen aufsteigend entwickelt und mit verstärkter Notwendigkeit dem Menschen als Erbe überbunden hat, das wird sie nicht zurücknehmen können. Es gibt kein anderes Rückwärtsschreiten als dasjenige zum Untergang.
»Die ~monogamische Lebensehe~ ist in ihrer Ausbildung ein allgemeines Naturgesetz, und indem das Sittengesetz der Menschheit dieselbe fordert und anstrebt, ist es eben nicht ein Stück »zivilisatorischer Unnatur«, sondern ein ~Stück Natur~. ~Ein ungehemmtes Verfolgen seiner Triebe ist kein Naturrecht. Die freie Natur gibt dies bei höheren Tieren nirgends zu.~ Auch das Tier würde bei Geschlechtsfreiheit rasch zugrunde gehen. Der außereheliche Geschlechtsverkehr ist in der Natur gar nicht vorgesehen; er ist nur eine unglückliche Abirrung der Zivilisation, ein Irrtum! Je intensiver der Geschlechtstrieb, je beseligender seine Befriedigung wird, desto bestimmtere und engere Schranken setzt ihm die Natur, desto höher und heiliger aber auch gestaltet sie die geschlechtliche Verbindung; sie wird zur Liebe, zur Ehe. Beim Menschen gibt uns Liebe und Gegenliebe, nicht der Geschlechtstrieb, Recht aus Geschlechtsgenuß.
»Das Gerede vieler Männer von der Unnatur der Enthaltsamkeit und der monogamischen Lebensehe ist also eitel Säbelgerassel und steht im grellsten Widerspruche mit den Leitlinien der natürlichen Entwicklung. Diesem Gerede zuliebe wird die Natur nicht umkehren, sondern wer ihren Entwicklungsgedanken zuwider lebt, der wird an seinem Laster verderben! Aus der Natur, aus ihren Gesetzen, kommen wir nimmer heraus!«
Dritter Teil.
Die Geschlechtskrankheiten.
Ja, wenn noch aus all dieser lüstern-lockenden Welt der geschlechtlichen Ungebundenheit Glück und Kraft und Schönheit käme! Wenn die Wege des Genusses nicht zur Reue führten, die oft fassungslose Verzweiflung ist! Denn das voreheliche Geschlechtsleben hat einen Januskopf. Auf der einen Seite das lächelnde Antlitz des Augenblicksgenusses und auf der anderen die grause Kehrseite der venerischen Krankheiten, allen voran Tripper (Gonorrhöe) und Syphilis. Weißt du, welche Schrecken diese Krankheiten für den Einzelnen, welche Geißel sie für das Volk sind? Ruinierte Kräfte, zerstörte Leben auf der ganzen Linie. Nur ein paar Zahlen sollen den Umfang der venerischen Seuche zeigen:
Das Kultusministerium in Preußen versandte im Jahre 1900 Fragebogen, die Geschlechtskrankheiten betreffend, an die Ärzte. Aus der Beantwortung derselben ergab sich, daß am 30. April des genannten Jahres 41000 Geschlechtskranke sich in ärztlicher Behandlung befanden. Darunter waren allein 11000 an frischer Syphilis Erkrankte. Berlin zählte allein 11600, darunter 3000 frisch Syphilitische. Es kamen somit in Preußen auf 10000 Einwohner = 28 Geschlechtskranke, in Berlin 142. Berücksichtigt man, daß ein Drittel aller Ärzte die Fragebogen unbeantwortet gelassen hatte, und daß zahllose Erkrankte ohne eine Ahnung von ihrem Leiden herumlaufen oder aber leichtsinnigerweise nicht zum Arzt gehen, so kann man sehr wohl für Preußen eine Zahl von 100000 Geschlechtskranken am Tage annehmen. Professor ~Brentano~ sprach 1903 in München auf dem Kongreß der »Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten« sogar von 170000.
Diese Krankheiten kosten dem Volke an Mindereinnahmen und Mehrausgaben (für Behandlung) viele Millionen.
Das Elend, das diese Zahlen in sich einschließen, ist kaum zu schildern und hat etwas Grauenhaftes, wenn man sieht, daß ihm die Menschen mit lächelndem Leichtsinn entgegeneilen. Denn fast alle Geschlechtskrankheiten (90%) entstehen bei der Prostitution oder durch die flüchtigen »Verhältnisse« mit Kellnerinnen und dergl.
_Dr._ ~Iwan Bloch~-Berlin berichtet (»Sexualleben«), daß in Berlin alljährlich ein Drittel aller Kellnerinnen als geschlechtskrank aufgegriffen werden, daß unter den Geschlechtskranken folgende Skala besteht: 30% Kellnerinnen, 25% Studenten, 16% Kaufleute, 9% Arbeiter, 4% Soldaten. Daß die Studenten gleich hinter den Kellnerinnen stehen, spricht für ihren bodenlosen Leichtsinn. Der verstorbene Leipziger Nervenarzt _Dr._ ~Möbius~ sagt (»Vermischte Aufsätze«, 1898): »Der, der Erfahrung hat, muß zugeben, daß wenigstens acht von zehn, die durch Dirnen angesteckt worden sind, nicht durch Leidenschaft dazu gekommen sind, sondern einfach durch Leichtsinn und Übermut, Verführung und Betrunkenheit. Ja, viele setzen sich kaltblütig der Gefahr aus, bloß weil man ihnen eingeredet hat, regelmäßiger Geschlechtsverkehr sei zur Gesundheit nötig.
»Wüßten die Leute ganz klar, wie groß die Gefahr ist, daß sie bei jedem Verkehr mit Dirnen die Gesundheit, ja das Leben auf das Spiel setzen, so würden gewiß viele sich zurückhalten. Deshalb halte ich es für eine ernste Pflicht aller Wohlmeinenden und ganz besonders der Ärzte, so oft und so nachdrücklich wie möglich die Wahrheit über die venerischen Krankheiten anszusprechen, ja den Menschen ins Ohr zu schreien. Jeder bedenke, welche Verantwortung er auf sich lädt, wenn er diese Dinge leichtsinnig behandelt. Sollten Ärzte lächelnd von >Kinderkrankheiten< reden, oder wohl gar zum Besuche der Dirnen ermuntern, so darf man von ihnen sagen, daß sie >viel schlimmer als die Pest< wirken.«
Weil Wissen überall die starke Waffe der Sittlichkeit ist, wollen wir hier kurz die häufigsten und schrecklichsten Geschlechtskrankheiten darstellen. Es sind dies 1. der Tripper (Gonorrhöe), 2. der weiche Schanker, 3. die Syphilis.
Der ~Tripper~ ist eine uralte Krankheit, die schon ~Moses~ zu ernsten Maßregeln veranlaßte. Das Mittelalter hat eine große Ausdehnung des Trippers erlebt, aber die großen Irrtümer über diese Krankheit waren für die Kranken von sehr trüben Folgen. Klarheit brachte erst die im Jahre 1879 gemachte Entdeckung von Prof. ~Neisser~-Breslau, daß der Tripper eine zunächst lokale Entzündung der Harnröhrenschleimhaut ist, die auf bestimmten Mikroorganismen (Kleinwesen), den _~Gonoccoci Neisseri~_ oder Tripperkokken, beruht.
Es gibt keine andere Ursache für den Tripper oder die Gonorrhöe als den Geschlechtsverkehr. Was man sonst darüber redet, ist falsch. Man kann ohne weiteres sagen, daß alle käuflichen Dirnen geschlechtskrank sind, und daß die sittenpolizeiliche Kontrolle (Reglementierung) nicht den geringsten Schutz gegen die ungeheure Ansteckungsgefahr gewährleistet.
Ein oder mehrere Tage nach der Ansteckung macht sich ein lästiges Brennen und Jucken in der Harnröhre bemerkbar, das häufige Gliederektionen mit erhöhtem Schmerzgefühl bewirkt und besonders beim Harnlassen sich steigert. Zugleich beginnt ein schleimiger Ausfluß, der in kurzer Zeit zu einem mehr oder weniger übelriechenden grünlich-gelben Eiter wird. Die Menge dieser eiterigen Absonderung hängt von der Heftigkeit der Erkrankung und von der gesamten Kräfte- und Säftebeschaffenheit des Patienten ab. Die Harnröhrenmündung erscheint gerötet. Wird bei der Untersuchung der Harn in ein Glas gelassen, so senkt sich der Eiter darin in dicker Schicht zu Boden, und man kann die Gonokokken darin mit Sicherheit feststellen.
Die schmerzhaften Gliederregungen, der gestörte Schlaf, das Angegriffensein des ganzen Nervenapparates, sind natürlich für den Patienten sehr angreifend. Der Verlust an Säften und Kräften läßt sich wohl auch bei jedem heftigen Tripper an dem schlechten Aussehen des Patienten erkennen.
Je nach Umständen läßt nach 3-4 Wochen die Heftigkeit des Ausflusses nach. Der Eiter verliert seine Dickflüssigkeit und gewinnt wieder das Aussehen wie zu Beginn der Krankheit; er wird wässeriger und heller.
Es kommt vor, daß ein leichter Tripper verhältnismäßig lange Zeit besteht und hartnäckig erscheint, daß aber andrerseits hin und wieder ein sehr heftig auftretender Tripper in kurzer Zeit verschwindet. Das hängt ganz von Konstitution und Lebensweise und von der im Körper wirkenden Heilkraft ab.
Meist hat der Tripper seinen Sitz zunächst in dem vorderen Teil der Harnröhre. Durch unrichtiges Verhalten, vor allem durch unzweckmäßige Behandlung, verbreitet er sich aber über den hinteren Teil der Harnröhre, und damit beginnt sein ernster Charakter, beginnen die Gefahren des Blasenkatarrhs, der Nebenhoden- und Prostataentzündung usw. Jetzt können Schäden entstehen, die im ganzen Leben nicht wieder gutzumachen sind, wenn nicht mit allem Ernst die Behandlung in die Wege geführt wird.
Wird die zweckmäßige Behandlung versäumt, so geht der frische (akute) Tripper in das chronische Stadium über. Damit gewinnt diese Krankheit ihren wahrhaft heimtückischen Charakter. Man kann deshalb nicht ernst genug raten, sofort nach dem Ausbruch der Krankheit einen Arzt aufzusuchen. Warnen muß man vor allem vor der Selbstbehandlung, die junge Männer auf den Rat »erfahrener« Freunde beginnen, weil sie sich schämen, zum Arzte zu gehen, oder weil sie Störungen in ihrem Berufe und Entdeckungen seitens der Angehörigen fürchten. Wer sich nicht schämte, sich die Krankheit bei der Dirne oder einem sonstwie unerlaubten Geschlechtsumgang zu holen, der sollte auch den Mut besitzen, sich durch einen erfahrenen Arzt ausheilen zu lassen, um sich selbst und seine spätere Familie vor schlimmen Folgen zu bewahren. Die Selbstbehandlung ist ein Leichtsinn und eine Unklugheit, weil durch sie oft die Krankheit erst ins chronische Stadium hineingetrieben wird. Übrigens schützt das ärztliche Berufsgeheimnis den Patienten vor jedem bösen Klatsch und vor gesellschaftlicher Ächtung. Das ist bei der herrschenden besonderen Auffassung der Geschlechtskrankheiten doppelt wichtig. Zwischen der medikamentösen Behandlungsweise und der naturgemäßen entscheide ich mich unbedingt für die letztere, die in der ärztlichen Praxis mehr und mehr an Anerkennung und Würdigung gewinnt.