Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart
Part 7
Wenn darum Stimmen laut wurden und namentlich gegen das unbedingt folgerichtige Verabuch Schriften über Schriften erschienen, die gerade im Geschlechtsleben ~vor~ der Ehe eine Art von Läuterung und Ausreifung der Persönlichkeit sehen, so ist demgegenüber auf das Wort des positivistischen Philosophen ~Comte~ hinzuweisen, daß man sich nicht durch Unsauberkeiten auf ein Ideal vorbereiten kann. Unsauberkeiten sind es aber; denn alles Häßliche, das das menschliche Geschlechtsleben erfaßt und überwuchert hat, kam aus der Verletzung der moralischen Gesetze. Ja, sicherlich nicht nur für das Geschlechtsleben, sondern für das ganze Menschenleben ist nichts von so furchtbaren Folgen gewesen als diese geschlechtliche Unsittlichkeit, diese Treulosigkeit gegenüber sittlichen Gesetzen, die in der göttlichen Natur des Menschen liegen.
Mit jeder Verletzung der Moral schreiten wir rückwärts, durchqueren wir das Weltgesetz der Entwicklung, das nach oben und nicht nach unten, nicht rückwärts, führt. ~Mit jeder Verletzung der Moral greifen wir störend in die Rechte und das Wohl anderer ein. Denn es gibt keine persönliche Sittlichkeit, es gibt nur eine Sittlichkeit, die die Gesamtheit fördert.~ Diese Sittlichkeit haben auch tiefstehende Völker, ja selbst Tiere haben sie; denn wir sehen die Tiere handeln nach Gemeinschaftsgesetzen. Die Gemeinschaft der Lebewesen braucht die Geschlechtskraft, und der blühende Empfindungsreichtum der Zeugung ist das große Wunder der Natur. Aber sie braucht diese Geschlechtskraft natürlich und rein und nicht als einen gegen das soziale Wohl gerichteten Eigennutz. Wer das nicht fühlt, hat darum nicht das Recht für sich. Und der Stolz junger Menschen müßte sich aufbäumen gegen die schlaffe Massenauffassung des Alltags. In hochentwickelten Einzelmenschen nur leben die Sittengesetze als gesunder Rasseninstinkt, und wir andern werden ihnen nacheifern, wenn wir an ~Carlyles~ Wort denken:
»Die Menschen leben um des Besten willen!«
Prof. ~A. Herzen~ sagt[4]: »Die wirkliche sittliche Handlungsweise ist diejenige, welche man als allgemeine Verhaltungsmaßregel aufstellen kann; und diese Regel wird sofort von jedem normalen kultivierten Menschen angenommen werden, der nicht mit geistiger oder sittlicher, angeborener oder erworbener Unzulänglichkeit oder mit Wahnsinn behaftet ist.«
Wenn nun, wie wir wissen, die Zeugungskraft und Liebesfähigkeit ein Hauptstamm des Lebens ist, dessen verschiedene Abzweigungen wir Menschen- und Nächstenliebe, Spannkraft, Begeisterungsfähigkeit, Mut, Ritterlichkeit, künstlerische Kraft usw. nennen, müssen nicht alle diese Kräfte eine Verschlechterung erfahren, wenn die Liebeskraft mit unreinem Denken genährt wird?
Diese Besudelung des Liebeslebens ist schlimmer, als die meisten ahnen. Und es ist darum wohl erklärlich, daß heute mehr über diese Dinge gesprochen wird, als dem feinempfindenden Menschen lieb sein kann. Aber wir müssen darüber einmal zur Klarheit kommen, schon deshalb, weil das Wort vom »Sichausleben« zur Phrase geworden ist und unsere Jugend verderbliche Wege führt. Warum bewegt sich die Wirklichkeit dieses Sichauslebens denn nur immer im Rahmen eines unsauberen Geschlechtslebens und richtet sich nicht auf körperliche und geistige Höchstentwicklung?
Wüßten die jungen Leute nur erst, wie sie ihr eigenes Glück schädigen, weil die Dirne ihnen die Achtung vor dem Weibe und allem Weiblichen nimmt! Der Glaube an die Mutter hat einmal unsere Jugend verschönt, und diese schöne Erinnerung folgt uns in das Leben. Was hat die Mutter alles für dich getan? Mit Schmerzen hat sie dich geboren, deinetwegen mußte sie auf so vieles verzichten, was dem Manne das Leben vielgestaltig macht. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist ein kleines Heiligtum, das der Mann als Gatte und Vater schützt.
~In jedem Weibe aber steckt die Mutter.~ Jedes Weib soll Reinheit dem Manne darbringen, der sie zur Mutter macht. Willst du vorzeitig in dies Heiligtum eingreifen? Willst du, der du als Mann Schützer und ritterlicher Hüter des Weibes sein sollst, ihr Verderber, ihr Verführer werden? Sei gut und voll Achtung zu jedem Weibe, achte und ehre die Mutter in ihr!
Du wirst antworten, daß nicht immer der Mann die Schuld trage, sondern oft das Weib die Verführerin sei, und daß die Prostituierte nicht Achtung verdiene, sondern genommen werden müsse, wie sie ist. Ich will die Dirne nicht besser machen, als sie ist. Aber wie viele von denen, die auf den Straßen sich verkaufen, sind durch Verführung, Elend, schlechte Erziehung in das Schandgewerbe hineingetrieben worden! Darfst du die elende Lage, in die ein Mensch durch eigene oder fremde Schuld hineingetrieben wurde, für deine Genüsse mißbrauchen? Und wenn du die Prostituierte gar nicht achten kannst, wenn sie dir verworfen erscheint und du dich darum der Verantwortung überhoben glaubst, so bleibt es für dich entwürdigend, mit einem Menschen in Beziehung zu treten, den du verachtest.
Aber mit der Verachtung sollten wir vorsichtig sein. Im Gewoge des Lebens steigt einer nach oben, der andere sinkt unter. Gute erbliche Anlagen erleichtern das Leben, schlechte erschweren es. Dem Weib, das Dirne wurde, gab die Vererbung wohl schlimme Keime. Schlimme Verhältnisse ließen das Schlechte aufblühen. Aber mache sie nicht schlechter! Wenn du ihr Gewerbe benutzest, so bringst du sie -- wie so viele andere -- noch tiefer in den Sumpf hinein. Warum wolltest du das tun?
5.
Das »Verhältnis«.
Das Erwachen der Liebe bringt der Jugend Gefahren und Irrtümer. Je stärker ausgeprägt der sinnliche Trieb ist, desto lebhafter werden Beziehungen zu weiblichen Wesen gesucht. Wie die Sonne alles in ihre Farben taucht, so umspielt die Erotik Mann und Weib. Eine freudig-festliche Stimmung, Lichterglanz, ein paar Musikakkorde, ein erregter Tanz oder dergleichen, und schon ist der Liebesfunke zur Flamme angefacht. Schon schiebt sich der Begriff »ewig« in das eben geknüpfte Band ein. Manchmal ist's ja ein Band fürs Leben, häufig aber zerreißt's schon früh, und manchmal sieht der andere Morgen schon Ernüchterung und Reue.
Aus diesen losen, flüchtigen Beziehungen hat sich das herausgeschält, was Tausende von Männern kennen, und was in unserer Gesellschaft ein öffentliches Geheimnis ist, das »Verhältnis«. Ein im Grunde einfacher Vorgang: eine geschlechtliche Beziehung zu einem Mädchen, das nicht Dirne ist, sondern Bürgerstochter, Verkäuferin, Modistin, Schneiderin oder Ähnliches, und das man eines Tages verläßt, um eine andere zu heiraten. Sie gibt sich ihm hin, weil seine bessere soziale Stellung ihrer Eitelkeit schmeichelt, oder weil er die ihm geschenkte Gunst bezahlt, oder auch, weil -- sie ihn liebt und glaubt, von ihm geheiratet zu werden.
Von seiner Seite ist's nicht Liebe, sondern die Gewohnheit des Geschlechtsgenusses. Liebe nur, wenn die sozialen Abstände die Ehe unmöglich machen. Manche Tragik entsprang dieser Wurzel; das sogenannte »Verhältnis« aber ist meist für den jungen Mann ein bequemer Weg des Geschlechtsgenusses, der keine ernstliche Verantwortung mit sich bringt. An sich selbst denkt er, und die Geschlechtserregung mag ihm ja auch Liebe vortäuschen, aber seine Absicht geht gegen ein dauerndes Band. Das kann nicht Liebe sein. Und wenn die Stunde der Trennung kommt, gibt's oft viel Weh im Herzen des jungen Mädchens, viel Jammer und Bitten und Tränen, weil doch die Liebe des Weibes, das seinen Leib hingab, ein Stück von ihrem Leben ist, während der junge Mann sich von seinen Geschlechtserlebnissen oft mit rücksichtsloser Kälte loslöst.
Können diese Rohheiten Vorbereitung auf die Ehe sein? Zerstören sie nicht die Gemütstiefe, die einer Ehe Inhalt und Schönheit gibt? Wird nicht die Liebeskraft vergeudet, die ungebrochen einem einzigen Weibe gehören soll?
Und was wird aus dem Mädchen, das verlassen ist? Findet sie einen anderen Mann, der sie heiratet, so wird sie verschweigen müssen, was sie erlebt. Was man verschweigen muß, kann nicht gut gewesen sein. Oft aber geht sie aus einer Hand in die andere und endet als Dirne. Denk' einmal, wenn es deine Schwester wäre! Welch ein entsetzliches Geschick für dich und deine Familie! Und viele junge Leute häufen, nur weil sie genießen wollen, solches Leid auf die anderen, die oft schwer daran zu tragen haben.
Es liegt im »Verhältnis« eine Unehrlichkeit, die die sittliche Persönlichkeit untergräbt. Du verlierst die Ehrfurcht vor dem Weibe, weil du es nicht mit Achtung als Mensch, sondern mit Sinnlichkeit als Geschlechtswesen genommen hast.
Es gibt gewissenlose Schürzenjäger, deren dumme Frechheit jahrelange Erfolge hat, weil selbst unter den Freunden und Kameraden niemand ihnen sagt, daß ihr Tun nicht Mannhaftigkeit, sondern Erbärmlichkeit ist. Wir müßten für mehr Klarheit in unserem Urteil sorgen.
An geistig hochstehenden, wertvollen Frauen prallt der schale Witz solcher Laffen ab; sie können sich höchstens ihrer Erfolge bei Dirnen und charakterlosen Elementen rühmen, und auch da sind sie oft betrogene Betrüger, ausgenutzte Dummköpfe gewesen.
Das »Verhältnis« ändert seinen durch die Erregung der Sinnlichkeit immer wieder beschönigten Charakter in demselben Augenblick, in welchem die hier ebenso notwendigen wie häßlichen Maßnahmen zur Verhütung der Befruchtung mißlungen sind, und das werdende Kind als eine angstvolle Tatsache da ist, das nun das wohlbehütete Geheimnis dieser Geschlechtsbeziehungen der Öffentlichkeit zu enthüllen droht. --
Und dann?
Beim Manne tödliche Verlegenheit, Sorge für Ruf, Stellung, Name, Gedanken an Trennung, weil nun das »Verhältnis« lästig wird. Beim Mädchen jagende Angst, Wunsch nach Schutz, Furcht vor dem Entdecktwerden und dazu körperliche Leiden. Und dasselbe Kind, das zwei sich wahrhaft liebende Menschen in der Ehe erst recht fest aneinanderkettet, trennt meist zwei Menschen, die den bloßen Geschlechtszweck ihres »Verhältnisses« mit dem Worte -- »Liebe« zu entschuldigen suchten.
Auf dem Lande und bei der Arbeiterschaft pflegt die unwillkommene Liebesfrucht meist den Entschluß zur Ehe zu erzwingen. Man heiratet sich, und das ist ehrlich. Damit bereitet man dem Kinde ein Nest, ein Heim, und die junge Mutter ist geschützt vor Sorgen und bösen Lästerzungen.
Aber in der Stadt besteht für alle »besseren Schichten« die bequeme Einrichtung der »Alimente«. Die Vatersorgen und die anständige Gesinnung werden abgelöst durch ein geringes monatliches Geldopfer. Gewiß, der Gesetzgeber konnte vielleicht nicht anders. Er kann nur einige rechtliche Ordnung schaffen. Aber er hat uns zu viele Möglichkeiten geschaffen, Gemütswerte durch Geldwerte abzulösen.
Es wäre falsch, zu sagen, daß der Leichtsinn des »Verhältnisses« die Pflicht zur Ehe in sich trägt, wenn das Kind dem sinnlichen Idyll ein jähes Ende bereitet. Denn dann könnte die Schwangerschaft eine Leimrute sein, mit der ein raffiniertes Weib einen Gimpel fängt. Ich will nur die Verwirrung beleuchten und die Rohheit zeigen, die oft mit dem unehelichen Kind sich entwickeln. Manche himmelstürmende Liebe endet durch die Abtötung der Frucht vor dem Strafrichter.
Die Zahl der Totgeburten übersteigt bei den unehelichen Kindern überall in Europa anderthalbmal diejenige bei den ehelichen. Manches eben geborene Kind wird von der ratlosen, verzweifelten Mutter getötet oder an Fremde abgegeben.
Das Höchste, Heiligste, was wir Menschen kennen, die Mutterschaft, wird besudelt, entehrt, wird zum Verbrechen. Grenzenloser Jammer erstickt das Gefühl des Mädchens, das Mutter wurde und verlassen wurde.
Rings um die großen Städte wohnt in ländlichen Bezirken ein Kreis von Menschen, die sich mit der Pflege unehelicher Kinder gegen einmalige oder periodische Vergütung systematisch und beruflich beschäftigen, systematisch und beruflich aber auch unter dem Deckmantel der Pflege die -- Tötung besorgen. Manchmal weiß das die Mutter nicht, manchmal aber weiß sie es.
Das Leid des unehelichen Kindes ist zu oft gesungen worden, als daß ich dazu Mollakkorde geben müßte. Verbrechen und Unehelichkeit, Prostitution und Unehelichkeit, das sind fast unlösbare Zusammenhänge. Der Unterbau des Lebens und der Charakterbildung, die mit Liebe und Achtung durchzogene Ehe, fehlt dem unehelichen Kinde. Gerade in den Kinderjahren, den Jahren der Weichheit und Aufnahmefähigkeit, der Lenkbarkeit, fehlen oft die festen Grundsätze gesunder Erziehung, herrschen oft Willkür, Vernachlässigung und der verderbliche Einfluß der Straße. Der Vater fehlt, die Familie fehlt. Dem Genuß eines Augenblicks entsteigt ein neues Menschenleben, das verfehlt und verdorben ist, weil die Verantwortung fehlte.
Es ist oft, als sei im Geschlechtsleben das Rechtsgefühl vollkommen geschwunden, das doch beispielsweise in den kleinsten Geschäfts- und Geldsachen so fein entwickelt ist. Wer ein Geldstück stiehlt, kann ins Gefängnis kommen. Wer aber im Geschlechtsleichtsinn einem andern Menschen Glück und Namen, Ehre und Leben stiehlt, der kann sich auch ohne viel Geschick durch die Paragraphen hindurchwinden. Die gesetzeberatenden und gesetzemachenden Männer haben augenscheinlich zu wenig an das Weib gedacht; denn die Rechtsprechung aller zivilisierten Länder läßt dem Manne überall da Durchschlupfe, wo sich das Weib in den Irrgängen der sexuellen Doppelmoral fängt. Ja, die napoleonischen Gesetze Frankreichs zeigen eine offenbare Verachtung der Frau. Diese Verwirrung in Geschlechtsfragen hat scheußliche Zustände gezeitigt. Irgendein junger Mensch ist der Verführer. Seine sexuellen Wünsche sind lebendig geworden. Er lernt ein Mädchen kennen, und seine Sinnlichkeit treibt ihm betörende Lügen auf die Lippen. Sie glaubt ihm und wird verführt. In irgendeinem verschwiegenen Winkel kommt sie nieder. Alle Welt zeigt mit Fingern auf sie: »sie hat ein Kind.« Warum nicht auch auf ihn? Es ist doch auch ~sein~ Kind. Ein uneheliches Kind kann die Ursache sein, daß die Mutter in Ächtung, Verzweiflung und Tod getrieben wird, daß sie ein Leben lang büßt für eine Stunde voll glühender Worte. Der Mann aber kann am nächsten Tage die gleiche Komödie wiederholen. Und wenn dieser brutale Egoismus soundso oft mal in das Leben von soundso vielen Frauen zerstörend eingegriffen hat, dann deckt leicht eine glänzende Heirat den Schleier der gesellschaftlichen Stellung über die innere Erbärmlichkeit.
Wo bleibt hier das Rechtsbewußtsein, die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft? Wie viele Männer gibt es, Geschäftsleute, Direktoren von Theatern, Gesellschaften, Kaufhäusern usw., die ihre soziale Macht und die soziale Bedrängnis ihrer Angestellten dazu ausnutzen, die hübscheren jungen Mädchen in ihre Hand zu bekommen, die aber bei der Heirat sich doch nach einer Frau »von gutem Ruf« umsehen.
Welch ein beschämender Mangel an einfachem Rechtsgefühl! Mancher Mann, der ein unschuldiges junges Mädchen zur Mutter gemacht hat, ist dadurch wie ein wildes Tier in das Glück und den Frieden einer ganzen Familie eingebrochen. Und doch geht uns die Phrase nicht aus den Ohren, die Geschlechtsbeziehungen des Mannes seien weniger verhängnisvoll als diejenigen des Weibes.
Wenn die Mädchen, die heiraten, immer wüßten, wie sehr die häßlichen Bilder der Vergangenheit ihres Geliebten den schönen Phrasen des Augenblicks widersprechen, wenn sie wüßten, wieviel himmelschreiendes Unrecht, begangen an anderen, durch die Ehe sanktioniert werden soll, wenn sie wüßten, wie oft es vorkommt, daß abseits von dieser Ehe ein verlassenes, verhärmtes Weib in Not und mit Bitterkeit für das Kind des Geliebten sorgt, dann würden Schatten durch glückliche Gesichter ziehen, und in mancher Frau würde wohl die Erkenntnis reifen, daß für das Glück der Menschen und die Schönheit der Ehe die voreheliche Reinheit des Mannes genau so wichtig ist, wie die Reinheit des Weibes. Immer ist die Liebe die Lebensgestalterin. Sie gestaltet es gut oder schlecht. Darum muß diese gestaltende Kraft rein gehalten werden.
An der alljährlichen Zunahme der unehelichen Geburten erkennen wir die ins Grenzenlose gewachsene geschlechtliche Gewissenlosigkeit der Jugend. Der unehelichen Mutter hat das Kind die soziale Lage sehr erschwert. Um so schutzbedürftiger sieht sie nach dem Manne; um so schmachvoller ist es, wenn dieser sie verläßt. Nur die Ehe kann dem mütterlichen Weibe und dem Kinde ein sicherer Hort sein. Darum lockern diese leichtsinnigen Geschlechtsverbindungen das ganze Gebäude unseres sozialen Fühlens, Denkens und Handelns. Geschlechtliche Ungebundenheit ruiniert ein Volk; denn sie ist eine Roheit und eine Gefahr für den Nachwuchs. Sie ist ein ununterbrochener, geheimer und niederträchtiger Kampf gegen die Einehe, die als höchstes Sittenideal unserer in uns schlummernden Ethik entstiegen ist. Alles, was die monogamische Ehe fördert und vorbereitet, ist zugleich sittliche Ordnung, Festigkeit, Gesundheit, Kraft und Menschenglück, alles, was sie stört, bringt Zerfall, Unglück, Proletariat, Krankheit. Das ist ~das uralte und urewige Gefüge der Natur, daß der Mann Hüter und Schützer von Weib und Kindern sein soll.~ Mag auch die Strömung der Zeiten die Frau »emanzipieren«, ihr soziale Selbständigkeit und Unabhängigkeit geben wollen, was vermag dies Eifern vor dem gebietenden Wort der Natur! Das Weib ist Mutter! Das ist sein Glück und sein Ruhm, aber auch die ewige Bedingtheit ihrer Lebensform, ihre ewige und unabänderliche Abhängigkeit vom Mann.
Und wer aus der traurigen Nüchternheit und grenzenlosen Banalität vieler Ehen eine Waffe zur Bekämpfung der ehelichen Gemeinschaft überhaupt sich herrichtet und in der »freien Liebe« das Heil sieht, der sollte sich fragen, ob denn die freie Liebe etwas ändert an den ehernen Naturgesetzen, die die Ehe geformt haben, sollte sich fragen, ob denn die Menschen, deren Seelen matt sind und die kraftlos zu einem Liebesideal aufschauen, in einer ungebundenen Liebe die Verjüngung finden, die sie glücklicher machen kann. Das Leben bedarf so sehr dieser ewigen Verschmelzungs- und Verjüngungsprozesse durch Mann, Weib und Kind, daß sich die Forderung der vorehelichen Reinheit, das Ideal der Treue und die Tatsache der monogamischen Ehe als biologische, soziale und sittliche Grundforderungen herausgebildet haben.
Der Vergleich mit der geschlechtlichen Wahllosigkeit mancher Ur- und Primitivvölker ist nicht stichhaltig. Sie haben ein auf tiefster Stufe stehendes Geistesleben und kennen darum nicht die Liebe, können uns nicht Maßstab sein. Aber die Liebe ist durch die Jahrtausende hindurchgeschritten und steigerte ständig ihre Seelenkraft, vertiefte und verfeinerte sich, und ward so eine duftige Blüte zartester Seelenkultur. Jeder rohe körperliche Akt, dem die Seele mangelt, treibt sie wieder zurück bis dahin, wo sie angefangen. In dem unbewußten Stammeln der im Selbstvernichtungsrausch versinkenden Liebenden »Nur du«, »ewig du allein«, liegt unbewußt die allerstärkste Betonung der Monogamie.
6.
Vor der Ehe.
Es kann nur ~einen~ Weg der Vorbereitung auf die glückliche Ehe geben, das ist der der eigenen Reinheit und die bei aller unbewußten Erotik geschlechtslose Beziehung zu Frauen. Wehe dem Manne, der im Weiblichen nur das Geschlechtliche sehen kann, der für dies ~eine~ seinen Sinn steigerte und für alles andere stumpf wurde. Ihm hat auch die Ehe nur Geschlechtsinhalt. Er kennt nicht die höchsten Genüsse, die in der innigen Ergänzung der besonderen geistigen Persönlichkeit des Mannes mit weiblicher Art, weiblichem Denken liegt. Meide den Umgang mit wertlosen Frauen, aber suche und pflege mit der Freundschaft zu guten Menschen besonders die geistigen Beziehungen zu edler Weiblichkeit. Deine Männlichkeit, dein Auftreten, deine Lebensformen werden ausreifen, wenn der Hauch gesunder Weiblichkeit dich umweht. Kannst du deine Interessen mit einer Freundin austauschen, so bekommt deine Anschauung noch eine andere, sich ergänzende Richtung.
Und siehst du in der Freundin eines Tages die Geliebte, denkst du sie dir als Gefährtin des Lebens, nun, so war's wohl ein guter Entschluß. Aber prüfe, ehe du dich bindest! Hast du dich entschlossen, so glaube nur nicht, jetzt sexuelle Rechte zu haben! Gerade dies »Poussieren«, diese häufigen Geschlechtserregungen in allen Winkeln und dunklen Ecken, diese Liebkosungen sexueller Art sind so verderblich für das Nervensystem. So wenig Haltung bewahren oft junge Menschen, daß sie jedes Alleinsein zu unsauberem Denken und Tun mißbrauchen, oft nur, weil sie zu geistlos und zu sehr ohne inneren Wert sind, als daß sie das Alleinsein mit Schönerem ausfüllen könnten. Wenn so schon der Jugend die Poesie gestorben ist, sollte man den Schritt zur Ehe nicht mehr wagen; denn die Ehe wird zum Ekel.
~Lerne bewundernd zu lieben, ohne zu begehren!~ Dann wird das, was du liebst, dir lange, lange das Schöne bleiben! Liebe ist Wunsch, ist Sehnsucht, ist Spannkraft der Seele. Töte das alles nicht, indem du vorschnell an dich reißest, was deiner Sehnsucht lebendiges Ziel sein soll. Mag auch ein sinnliches Begehren dich zu dem Mädchen, das du liebst, hinreißen, falle ihm nicht zum Opfer. Ihr entschleiert das Bild zu Saïs! Solange die unerfüllten sinnlichen Wünsche ~in~ dir leben, beschwingen sie deine Liebe und treiben dir Worte der Poesie auf die Lippen. Du siehst alles, alles schön und farbenprächtig, idealisierst die Wirklichkeit, hast Jugend in dir; denn Jugend ist Wunsch und poesievolle Spannung. Die befriedigte Liebe aber, wenn sie nur körperliches Begehren war, wird arm an Worten, und es ist die tiefe Tragik der Liebe, daß sie in ihrem höchsten Begehren stirbt. Sie kann sich selbst bekämpfen, in der eigenen Glut aufzehren, und es braucht klare Augen und einen festen Willen, sie in Schranken zu halten.
Wieviel unglückliche Ehen entsteigen dieser geschlechtlichen Voreiligkeit! Die Erregung raubt Besonnenheit und Urteil. Ein Kind ist entstanden und treibt die zwei leichtsinnigen Menschen in die Ehe hinein, den Mann oft gegen seinen Willen. Was freieste Entschließung und seelische Hochspannung zweier Menschen sein sollte, wird eine Zwangsmaßnahme, die aus innerer Angst und aus Furcht vor dem Skandal geschah. Gerade wenn der Wunsch nach dem Weibe die Sinne füllt, sollte man mit Entschlüssen zögern. Was wir gar zu heftig begehren, sehen wir nur in seinen Vorzügen, nicht auch in seinen Schwächen und Mängeln. Und manches Mädchen, das für den Geliebten »göttlich« war, wird für den Gatten, wenn der Alltag der Ehe den Morgentau der Liebe abstreifte, mehr als irdisch. Darum prüfe dich lange und zähme immer deine Sinnlichkeit. Denn durchbricht sie die Schranken, so entscheidet sie oft über Dinge, die noch gänzlich unentschieden sind, und knüpft oft ein Band, das besser ungeknüpft bliebe.
So betrachtet, wird dir die Liebe zur beschwingenden Kraft. Aus dem Gegenspiel von Erotik und ihrer Beherrschung erwächst dir die Achtung vor dir selbst und vor der Weiblichkeit. Je größer diese doppelte Achtung ist, desto weiter rückst du ab von der Prostitution und allem, was aus ihr entspringt und mit ihr zusammenhängt.
7.
Schadet der Jugend die Enthaltsamkeit?
Es wird viel und gern davon gesprochen, daß die geschlechtliche Betätigung vor der Ehe eine Notwendigkeit sei, eine Forderung der Gesundheit. Diese letztere solle Schaden nehmen in der Enthaltsamkeit.
Die einen stellen diese These auf und verteidigen sie mit Hartnäckigkeit, die anderen bestreiten sie energisch. Ich zögere keinen Augenblick, zu sagen, daß es viele Fälle von Schäden der Enthaltsamkeit gibt, Schäden, die sich bei der geistigen Arbeit, im Schlaf, im ganzen geistigen und körperlichen Leben überhaupt zeigen. Es wäre falsch und widerspräche der Wissenschaft und den alltäglichen Vorkommnissen, einer sittlichen Absicht zuliebe physiologische Erscheinungen rundweg leugnen zu wollen. Das erzeugt Widersprüche, die zu Waffen in der Hand der Gegner werden.
Aber derartige Schäden treten erst bei der Geschlechtsenthaltsamkeit der Erwachsenen auf und haben für die Jahre der Entwicklung, für die Jugend, nicht die mindeste Geltung. ~Für die Jugend ist die Enthaltsamkeit nicht nur nicht schädlich, sondern eine Grundbedingung vollkommener Entwicklung.~