Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart

Part 6

Chapter 63,456 wordsPublic domain

Es mag darüber gestritten werden können, ob wir dem häufigen Samenverlust allein die Schäden, von denen die Rede war, zuschreiben sollen. Keinesfalls dürfen wir aber der gewaltigen allgemeinen Erschütterung vergessen, die der Organismus in der Geschlechtserregung erleidet. Kommt sie schon in der Jugend, noch ehe der Gesamtbau seine ordentliche Kraft und Festigkeit erlangt hat, und wiederholt sie sich zu oft, so verlieren die gar zu stark erregten Nerven, die in der Erregung gar zu oft ausgedehnten Blutgefäße, verliert das stark erregte Herz, verlieren die oft krampfhaft angespannten Muskeln die Fähigkeit, wieder zu vollkommener Ruhe, zur physiologischen Norm zurückzukehren. Alles erschlafft, und diese Erschlaffung ist traurige Widerstandsunfähigkeit und Empfindsamkeit. Und in demselben Maße, in dem die Kraft und die Energie zu tüchtiger Arbeit verloren gehen, bemächtigt sich des Organismus jene lüsterne Träumerei, die selbst am Tage alles Geschlechtliche umkreist und gewissermaßen mit angehaltenem Atem auf der Lauer liegt, um alles Geschlechtliche gierig einzusaugen und selbst das Harmlose im Gespräch, im Leben, in Büchern und Bildwerken, zum Geschlechtlichen zu machen. Dann zehrt die Sinnlichkeit von der körperlichen und geistigen Kraft, und es fehlt meist jenes notwendige Maß körperlichen Ausarbeitens, um die gefährlich wuchernde Sinnlichkeit einzudämmen.

Es ist sehr oberflächlich, wenn ein junger Mann seinen Geschlechtsverkehr mit seiner scheinbaren Reife, mit den nächtlichen Pollutionen und mit dem Hinweis auf die Erwachsenen entschuldigt. Denn erstens habe ich gezeigt, daß die scheinbare Reife sehr wohl frühzeitige Triebsteigerung sein kann, die als nervöse Anlage sich genau so erblich überträgt wie irgendeine Krankheit. Daß zweitens die Pollutionen eine recht zweifelhafte Erscheinung sind, und daß wir große, starke und gesunde Männer mit wenig oder gar keinen Pollutionen, dagegen oft schwächere, nervöse, blasse Jünglinge mit häufigen Pollutionen antreffen, sowie, daß die Pollutionen durch Onanie hervorgelockt werden können. Drittens, daß die Jahre der Geschlechtsreife beileibe nicht die Rechte geschlechtlicher Tätigkeit mit sich bringen, sondern durch die Steigerung der Samenerzeugung und der inneren Absonderungen dem Körper die geschmeidige, jugendliche Kraft und Biegsamkeit, dem Geist die Frische und die Fähigkeit schnellen Erfassens und der Seele Tiefe und Wärme verleihen sollen.

Es mag als Grundsatz gelten, vor vollendetem Längenwachstum alle sexuellen Kräfte zu sparen.

Die Tierzüchter haben reiche Erfahrungen in diesen Dingen gesammelt, und keiner von ihnen wird ein nicht völlig ausgewachsenes Tier zur Fortpflanzung zulassen. Jeder von ihnen weiß, wie schwer dadurch das Tier in seinem ferneren Wachstum aufgehalten und wie empfindlich man schließlich die ganze Rasse schädigen wird. Es mag auch nicht unerwähnt bleiben, daß, wenn man kranken, schwächlichen, nervös erschlafften Menschen Samenflüssigkeit unter die Haut spritzt, sie eine bedeutende Vermehrung ihrer körperlichen und geistigen Frische zeigen.

Die Athleten und die Sportsleute, die sich zu besonderen Höchstleistungen vorbereiten, müssen Geschlechtsenthaltsamkeit beobachten. Ja, diese ist ein ganz besonderes Erfordernis des »Trainings«. Wir erkennen daran das Gesetz von der Umwandlung der Kräfte im Organismus, und es darf als sicher gelten, daß die geschlechtliche Selbstzucht nicht nur die körperlichen Kräfte mehrt, sondern vor allem auch Ausdauer und jenen äußersten Willen weckt, der bei besonderen Leistungen den Ausschlag gibt.

Sind aber nicht auch die Jahre der Jugend eine Art Training, eine Vorbereitung für tüchtige Leistungen im Leben? Sollte die Jugend nicht ebenfalls alle die Kräfte sparen, deren Besitz die offenbare Quelle für körperliche und geistige Leistungsfähigkeit ist? Wenn die Eltern alle Nahrungssorgen auf sich nehmen, nur damit die Kräfte der Jugend sich nicht zwischen Entwicklung und Daseinskampf zersplittern, hat dann die Jugend ein Recht, diese Kräfte trotzdem zu vergeuden, und zwar in der Geschlechtslust?

Die Spannung, die durch Enthaltsamkeit erzeugt wird, ist Triebkraft und hat sowohl hohen kulturlichen wie lebenssteigernden Wert. Nichts ist sicherer, als daß die Geschlechtsenthaltsamkeit der Jugend und die Mäßigkeit der Erwachsenen nicht nur für den Einzelnen Sinn und praktische Bedeutung haben, sondern vielmehr für ein ganzes Volk von einschneidendem kulturlichem Wert sind. Eine Nation, die ihr Gewicht in die Wagschale der Geschehnisse werfen will, muß ihre geschlechtlichen Kräfte sparen. Das mögen wir Deutschen uns für den mühsamen Aufstieg, der die nächsten Jahrhunderte unserer Geschichte ausfüllen wird, und für unsere ganze Zukunft merken.

4.

Die Geschlechtsehre.

Freilich wird ja ein junger Mann, wenn er ins Leben hinaustritt, in einen argen Zwiespalt gebracht. Aus dem Knaben wird ein »Mann«, und diese »Männlichkeit« ist im dickflüssigen Strom einer geschmacklosen Überlieferung leider gar zu sehr aus geschlechtlicher Abenteuerei und Renommisterei zusammengesetzt worden. Wer ein »Mann« sein will, glaubt, etwas erlebt haben zu müssen und sieht mit Überlegenheit und Spott auf jüngere Kameraden herab, die noch einen Rest des Schamgefühls aus den Erziehungsjahren in sich tragen. Aber die freche Großsprecherei und der Spott der Älteren verwirrt den Jüngeren. Zwar weiß er ganz gut, wie der anständige Mensch zu handeln hat. Aber sein Wissen in diesen Dingen ist Stückwerk, ist unklar, unbestimmt, seine Persönlichkeit ohne Entschiedenheit, ohne Festigkeit. Diesen ewigen Verlockungen, den spöttelnden Angriffen, erliegt schließlich das gute Gewissen. Ja, der dumpfe, nicht gezügelte Geschlechtstrieb setzt sich in einem Augenblicke über Dinge hinweg, die bei ruhiger Betrachtung häßlich, abstoßend und empörend sind, über Schmutz, Roheit und ernste Krankheitsgefahr.

Darin liegt die große Niedertracht der Gesellschaft überhaupt, daß einer, der eine Dummheit macht, den anderen zu sich herabziehen will; denn die vergesellschaftete Dummheit erstickt ihren eigenen Vorwurf. Der Pluralis erscheint ihr als Entschuldigung, und so holt sich denn die jugendliche »Männlichkeit« weiter ihr Rüstzeug -- bei der Dirne.

Wie ist es doch sonderbar, daß ein junger Mann, kaum daß er in das Leben hinausgetreten ist -- und oft schon vorher -- ein Geheimnis in sein Leben hineinträgt, das ihn in einen inneren Widerspruch zu seiner gesamten Erziehung bringt. Ein Geheimnis, dessen er sich -- würde es offenbar -- vor aller Welt schämen müßte. Ja, er selbst schämte sich, und scheu und angstvoll, daß er um alles in der Welt nicht gesehen würde, umschlich er das geheimnisvolle Haus, das die eigenen Kameraden oder seine lüsterne Neugier ihm gezeigt, und verschwand darin in einem günstigen Augenblick. Wäre nicht der Stolz in der sexuellen Spannung erstickt, so müßte sich die Wirklichkeit des bezahlten Geschlechtsgenusses dem Bewußtsein in ihrer ganzen Widerlichkeit aufdrängen. Ein Weib, das nicht mehr Weib, sondern wahlloser Sinnlichkeitsgegenstand wahllos sich einfindender Männer ist, das oftmals die einfachsten Gesetze der Reinlichkeit übersieht, für eine Weile zu besitzen, kann einen Mann von wahrer Mannhaftigkeit nicht locken. Was die jungen Männer zu diesen frühzeitigen geschlechtlichen Verbindungen treibt, ist ja auch bei aller Sinnlichkeit tief im Innern die Sehnsucht nach Liebe und das urewige Rätsel des Weibes. Aber diese zarten knospenden Empfindungen, die sich in der Ehe, in der Familie, in echter, mannhafter Liebe ausreifen sollen, werden von den jungen Männern in Schmutz und gemeine Niedertracht geworfen. Daher die verkümmerte Empfindungswelt so vieler Menschen, die ihre eigene Lebenspoesie zerstört haben. Wünsche, Träume, Sehnsucht und Vorstellungen dürfen nicht in gar zu häßlicher Wirklichkeit erstickt werden, sonst ist das Ende seelische Erschlaffung, Pessimismus.

Die vorehelichen Geschlechtsbeziehungen haben eine so ungeheure Ausdehnung gewonnen, daß viele in ihnen eine Art von normaler Vorschule der Ehe erblicken. Wie riesenweit ist aber der Abstand zwischen Bordell und Familie, zwischen der Dirne und der Mutter, zwischen bezahltem Geschlechtsgenuß und der Liebe zweier Menschen, die miteinander in ihrer Kinder Land einziehen! Kann dies Gemisch von Lüsternheit, geschlechtlichem Schmutz, alkoholischer Frechheit und sittlicher Erniedrigung, das das Dirnenleben durchzieht -- kann das die richtige Vorbereitung sein für die Ehe, in der das Glück der Gatten und das Wohl der Kinder aus Kraft und Reinheit kommen sollen?

Man spricht viel und gern von dem Kampf, den die voreheliche Geschlechtsentsagung mit sich bringt. Freilich ist es ja wohl am bequemsten, diesen Kampf durch die erste beste Dirne zu beenden. Aber ist es denn gut, ihn so rasch zu beenden? Ist nicht der Kampf die treibende Kraft aller Entwicklung? Weckt er nicht alle verborgenen Kräfte? Wer die Flinte ins Korn wirft, ist sittlich ein Feigling. Dieser kampflose, bezahlte, bequeme Geschlechtsgenuß vor der Ehe, dessen sich junge Männer und auch junge Mädchen bemächtigen, schadet der Ehe, schadet den Kindern; denn er nimmt dem Leben und dem Geschlechtsgefühl die Hochspannung. Er befriedigt die Wünsche, tötet die Sehnsucht, zerstört Illusionen. Enthaltsamkeit ist biologische Spannung, deren Fehlen man den Kindern vom Gesicht herunterlesen kann.

Wie bilden sich denn eigentlich Charaktere? In der Entsagung, im Kampf mit sich selbst. Was ist denn überhaupt ein Charakter? Ein Mensch, der seine tierische Triebwelt unter die Herrschaft seiner sittlichen Erkenntnis gebracht hat und mit festem Willen seiner Erkenntnis folgt, der durch Willenskraft und Folgerichtigkeit sich Selbstachtung und Selbstvertrauen erwarb. Solche Charaktere, solche Persönlichkeiten braucht ein Volk, braucht das Leben; denn sie haben Erfolg. Wie kann aber ein Mensch Selbstvertrauen und Selbstachtung haben, der im Kern seines Wesens, im Geschlechtsgefühl, wider seine bessere Erkenntnis handelt, der in seinem Tun sich immer wieder durch den Geschlechtstrieb vom Wege abreißen läßt?

Tausende sagen. »Es ist unmöglich, ihn zu bändigen!« Aber wie viele davon haben's denn ehrlich versucht? Sind nicht die meisten bei der ersten Versuchung umgefallen? Sie haben die Geschlechtserregung kennen gelernt, kennen sie durch die Onanie und manches andere, haben ihre Phantasie mit Sinnlichkeit erfüllt. Das Nervensystem birgt in sich ein Gesetz der Periodizität. Erregungen wiederholen sich periodisch. Das macht den Kampf zunächst so schwer. Wie selbst den Magenkranken die dumme Gewohnheit des dreimaligen täglichen Hungerns quält und seine Heilung stört, so meldet sich im Hirn und Lendenmark das gewohnte Geschlechtsgefühl, und dem Bewußtsein wird der alberne und gefährliche Satz aufgedrückt »Ich kann den Trieb nicht bändigen!« -- Wer freilich den Kampf aufgibt, ehe er ihn begonnen hat, was weiß der von seinen Kräften! Treibe deine Gefühle nur erst ein wenig zurück, siege erst einmal, dann noch einmal, und es wächst das Vertrauen, und es wachsen die Kräfte. Die gesparte Geschlechtskraft speichert sich in dir auf als Spannkraft der Nerven und Muskeln, als Mut und geistige Frische. Das alles sind deine Waffen, die darum immer stärker werden.

Wenn's sein kann, sprich dich mit den Eltern, mit dem Lehrer, mit einem guten Freund von gesundem Denken und gutem Charakter darüber aus! Sei nicht wie jene, die im geheimen sündigen und die Nase rümpfen, wenn ein Wort über Geschlechtliches gesprochen wird. Das Geschlechtliche soll weder im bösen noch im guten Sinne das Gesprächsthema sein; aber ein offenes Wort an rechter Stelle hat oft befreiend gewirkt. Ein klares Wort entreißt oft junge Menschen der schwülen Phantasiearbeit. Betrachte das Geschlechtliche als eine besondere Kraft, dich selbst ebenso, und frage dich. »Wer von uns beiden soll herrschen, ich oder du?«

~Du mußt herrschen, immer und allerwege!!!~

Schäme dich nicht dieses Triebes, und sei niemals niedergeschlagen im Kampf. Alles Leben entsteigt dem Liebeswollen. Aber die Zeugung ist nicht die alleinige Lösung dieses Ewigkeitsrätsels. Eine allstündliche, ununterbrochene Neuzeugung im Einzelorganismus ist es, die wir vor allem diesem Triebe verdanken. Der geheimnisvolle Quell der inneren Zeugungsorgane entsendet ununterbrochen Stoffe, die als Spannkräfte wirken, in Körper und Geist. Darum aber darf diese Urquelle nicht verschüttet werden. Wir verstehen jetzt sehr wohl, warum der Lebenslauf mit dem Geschlechtsleben in der Jugend zusammenhängt, warum die Geschlechtssparsamkeit in der Jugend einen Gewinn für das spätere Leben ergibt. Nicht nur für unser kleines, eigenes Leben -- nein, die ganze Menschheit trinkt ihre Verjüngung aus diesem Quell, und ~jeder Einzelmensch ist zum Sachwalter der Menschheitsgesundheit und Menschheitswürde bestellt, weil er einen Teil der kosmischen Liebeskraft in sich trägt~.

Der Augenblick, der Mann und Weib in der Liebeserschütterung vereinigt, erzeugt ein neues Leben. Aber nicht dieser Augenblick entscheidet, sondern alles, was Vater und Mutter in ihrem ganzen Leben waren und taten. Davon hängen Kraft und Gesundheit des Kindes ab. Sollte das nicht schon lange vor der Ehe dem Triebe Zügel anlegen, damit er nicht die Kraft vergeudet, die dem Kinde darum fehlen wird?

Wer sein Kind anschaut und aus seinem Gesicht die Schwäche liest, muß der nicht niedergedrückt werden, wenn er sich selbst daran schuldig weiß? Wer an seinen Kindern häßliche Züge, Lüsternheit und Verirrungen bemerkt, muß der nicht entsetzt sein, wenn er weiß, daß sie nur seine eigene Jugend von neuem beginnen? Es vererbt sich nicht nur Kraft, sondern auch Schwäche, nicht nur Körperliches, sondern auch Geistiges, nicht nur gutes Denken, reines Empfinden, sondern auch geschlechtlich verirrtes Denken, Charakterlosigkeit und Ausschweifung. Nie kann ein Mensch etwas anderes erzeugen, als was er selber ist. Ein Kind ist wie Vater und Mutter, gut oder schlecht. Darum sei gut, handle gut, damit dein Kind gut sei und gut handle! Laß alles Unsaubere aus deinem Liebesempfinden heraus, damit dein Kind ein schönes, reines Empfinden habe! Gehe nicht den traurigen Weg vom Gott zum Tier, sondern geh den einzig menschenwürdigen Weg, auf dem Gott den Menschen zum Herrn über das Tierische eingesetzt und ihm eine Durchgeistigung und Beseelung seiner Triebe geboten hat. Denn ein geistiger Grundsatz, ein göttliches Gebot, herrscht in der Welt! Erkennst du das, so wird das Geschlechtliche dir zur Lebensschönheit, und du wirst die Kraft sparen, die erst ~deiner~ Reife dienen soll, ehe sie dir in der Ehe und in den reinen Augen deiner Kinder unendliches Glück bringen wird.

Es gibt Gründe, die dir die Geschlechtsbeziehungen vor der Ehe entschuldigen und beschönigen wollen. Und gewiß ist, an sich gesehen, nicht alles häßlich, was nicht die Ehe sucht. Aber ob's für diese spätere Dauergemeinschaft gut ist, das ist der Frage innerster Kern. Und wenn auch die Farbenspiele bestechender Gründe den eigensüchtigen Liebesgenuß umstrahlen -- macht uns die Selbsttäuschung besser? Vor dem unbestechlichen Schiedsamt des Menschenwohles sind die schimmernden Entschuldigungsgründe wie Seifenblasen.

Stähle die sittliche Kraft deiner Jugend in der Entsagung! Je weniger du den Geschlechtstrieb aufkommen lässest, desto mehr verliert er das körperlich Aufdringliche, ~desto mehr verschmilzt er mit deiner Seele, deinem ganzen Menschen~. Mehr und mehr wirst du dann zu jenen Menschen gehören, deren körperliche Liebe allein aus dem Wunderborn der Seele quillt, und nicht zu denen, deren Seele schweigt, während zugleich ihr Körper von Geschlechtserregung gepeitscht ist.

Und du wirst Achtung vor der Frau und vor allem Weiblichen haben. Die Welt ist so, wie wir sie sehen. Siehst du sie gut, so ist sie gut. Siehst du sie schlecht, so ist sie schlecht. Es ist eine traurige Mannhaftigkeit, die sich ihrer Verachtung alles Weiblichen rühmt, weil sie Siege errang, die nur bezahlte Willfährigkeit waren. Wer nur die Dirne kennt, kennt nicht das Weib, und sein Urteil ist Anmaßung. Es ist Zeit, daß anständige junge Menschen den Mut finden, die frechen Zotenreißer und bramarbasierenden Bordellhelden zum Schweigen zu bringen.

Wenn ein Mann das Weib, das er liebt, anschaut, so drängen sich dazwischen gar leicht seine früheren Erlebnisse. Dann werden sie begehrlich wieder lebendig, und Augen, die im Stolz leuchten sollten, werden zu Boden gerichtet, weil ein Geheimnis die schöne Wirklichkeit trübt. Wer nur zur Befriedigung seiner Sinnlichkeit den Spuren des Weibes folgte, kann nur schwer die Sinnlichkeit aus seinem Fühlen, seinen Blicken scheuchen. Und er kennt nicht den wunderbaren Einklang zweier Seelen, die in ihrer Liebe unbewußt den Willen zum Guten, die große, allumfassende Menschenliebe in sich tragen.

Welch eine Welt von Schönheit verschließt sich mancher Mensch, weil die sinnliche Schwerfälligkeit seines Körpers ihm den geistigen Flug verwehrt! Manche Seele hat sich in diesen rohen Geschlechtsverbindungen verblutet und nur einen gierigen Körper zurückgelassen, in dem alles Zarte, Schöne, alles Weiche und Feine, erstickt ist. Das ist seelische Verarmung -- das allerschlimmste Menschenlos. Es ist ein Leben, das keine Sonne, keine Wärme mehr hat. Warum nur schätzen wir diese wundervolle Spannung der Keuschheit nicht höher? Warum ist die Jugendkeuschheit nur ein Ideal für das Weib und nicht auch für den Mann? Warum warten junge Männer denn geradezu darauf, diese Reinheit von sich zu werfen, und warum muß die vielgerühmte »Männlichkeit« sich denn zuerst auf den gegensozialen Wegen des Dirnentums bewegen?

»Ist denn wirklich die Geschlechtsehre des Mannes eine andere als die des Weibes?« sagt ~Vera~ in »Eine für viele«. Und weiter. »Ist die Notwendigkeit der geschlechtlichen Befriedigung in den jüngsten Jahren nicht ein wohlorganisierter Schwindel? Oder ein großes Irren der Ärzte? Kann die Keuschheit je so furchtbare, leben- und glückzerstörende Krankheiten nach sich ziehen wie die Unkeuschheit?« Und weiter. »Der Mann verlangt von dem Mädchen seiner Wahl nicht Keuschheit allein, sondern auch einen unbefleckten Ruf. Mit Recht! Und das Weib soll ihren Gatten mit Straßendirnen teilen? Sie soll die Schmerzen der Mutterschaft tragen, mit dem furchtbaren Bewußtsein, daß der Vater ihrer Kinder in gekauften Umarmungen seine Jugendkraft vergeudete -- -- -- sich nicht scheute vor dem Schmutz, vor ekelhaften Krankheiten, in gemeiner tierischer Sinnlichkeit seine Reinheit fortwarf ... der Vater ihrer Kinder -- sage ich.« -- --

Dies Verabuch war trotz seiner Härten wie eine Fanfare, die eine neue Zeit und eine neue Menschheit ankündete. Die geschlechtssittlichen Forderungen konnten seitdem nicht mehr unterdrückt werden. Wir werden an ihrer Durchführung arbeiten müssen, um den Menschen durch ein reineres Geschlechtsleben eine festere Grundlage des Glückes zu geben.

~Es wird eine Zeit kommen, in der das, was die Menschen heute belachen, wie eine heiße, große Sehnsucht in ihnen lebt. Vielleicht erwächst diese Sehnsucht gerade aus dem Geschlechtselend unserer Tage. Dies Irren, dies Leiden und Dulden in Geschlechtsausschweifungen, die dem Manne Unterhaltung, dem Weibe schandbare Versklavung sind, wird sicher einmal als entsetzliche Last empfunden werden, wenn die Menschen über den stumpfen Materialismus hinaus die feinen, geistigen Gesetze erkennen lernen. Dann erst werden die Menschen das Märchenland der Liebe finden, wenn kein häßliches Erinnern mehr ihre Seele verwirrt.~

Das Leben ist darum nicht verloren, weil die Jugend nicht rein und voll Schönheit war. Ja, mancher Charakter formte sich erst aus trüben Erinnerungen, aus Fehl und Schuld. Aber den meisten hat doch der Dirnengeist die Jugend vergiftet; denn für die Seelenweichheit der Jugend ist das Geschlechtsabenteuer ein starker Eindruck, vielleicht in seiner rohen Sinnlichkeit stärker als das, was später ein reines, liebendes Weib gibt. Und von all den Roheiten der bezahlten Liebe wird etwas ins Erinnern eingefügt und schiebt sich häßlich in all die blühende Schönheit, die die Liebe bringt.

Wie viele Frauen bereuen die Ehe, hassen und verachten den Mann, den sie doch einmal über alles geliebt haben. Aber er hat sie getäuscht. Mit ein wenig Charakterlosigkeit und geschlechtlichem Schmutz in seinem Vorleben begann es. Das fraß sich in ihm fest. Das durchwob sein Inneres so, daß ihm die Ehe zu rein, zu langweilig erscheint. Zunächst verschweigt er sein Vorleben. Dann kann dies trübe Geheimnis nichts Gutes für seine Ehe sein. Oder er sagt's seiner jungen Frau. Dann werden ihre Gedanken versuchen, sich in dieser ihr innerlich fremden Welt zurechtzufinden, und unter Tränen, mit viel Weh im Herzen, entwickelt sich die Ehe aus -- einem Verzicht. Oder aber die Frau ist flach und oberflächlich, dann lacht sie, und es ist ihr alles gleichgültig. Die Vera-Naturen aber sind zahlreicher, als man glaubt, Frauen, in deren Innerem in solcher Stunde eine Saite angeschlagen wird, deren Ton für immer dem Ohr verklingt. Sie, deren monogamischer Instinkt höchstes Feingefühl ist, können nicht oder nur mit Überwindung einem Manne folgen, der aus einer ganz anderen, viel gröberen Gefühlswelt kommt, und den die Häßlichkeit geschlechtlicher Ereignisse, ein anderes Weib, ein uneheliches Kind, von ihnen trennt.

Zwar leben wir in einer Zeit sittlicher Neuordnung. Und ehe aus dem Streit der Meinungen das feste Gefüge der neuen, gerechteren Moral sich bildet, wird großherziges Verzeihen, auch von seiten der Frau, dem Manne den Weg ebnen von den wirren Geschlechtsirrtümern der Jugend zur Reinheit der Ehe. Wie groß ist aber der Jammer der vielen Frauen, deren Männer das heilige Treuversprechen gebrochen haben, weil die Dirnenerinnerungen wie Unkraut, wie eine böse Krankheit der Phantasie, in ihnen fortwucherten, bis der ganze Schmutz der Untreue und der sittlichen Verlumpung sich auf die Ehe wirft und sie zerstört! Von ungefähr kommen doch diese Eheskandale nicht. Die Untreue, dieses rein körperliche, gemeine, geschlechtliche Veränderungsbedürfnis hat sich der Mann angezüchtet bei den wechselnden Dirnen und der treulosen Zufälligkeit seiner »Verhältnisse«. Und wer festigt dem Weibe den Begriff der Treue, wenn sie als Mädchen einmal in dieses, ein andermal in jenes Mannes Händen war? Die geschlechtliche Treulosigkeit vor der Ehe baut dem Treubegriff der Ehe ein morsches Fundament.

Die moralisch-monogamischen Forderungen, die wie eine neue Ordnung -- aber aus uralten Entwicklungsgesetzen heraus -- von Frauen erhoben worden sind, können nicht mehr verstummen. Denn Einehe (Monogamie) ist das Gesetz des Weiblichen, ist der Unterbau der Ehe, die sittliche Grundlage der Erziehung. Prof. ~Albert Heim~, Zürich sagt: »Der monogamische Instinkt ist von der Natur erzüchtet. Bricht ihn die Menschheit im ganzen und dauernd wieder, so bricht sie mit ihm zusammen«.

Je willenloser ein Mensch sich dem Geschlechtsempfinden hingibt, desto mehr ist er Sklave seiner unsauberen Erinnerung geworden. Will er die Erinnerung auslöschen, so braucht's einen mannhaften Entschluß: »Bis hierher! Nun nicht mehr weiter!«

Wer so ein neues Leben auf dem festen, fröhlichen Willen zum Guten beginnt, den wird das Schlechte, das er getan, nicht in alle Zukunft hinein verfolgen. Es ist abgetan, und schön und rein leuchtet dir die Zukunft.

Der Mensch ist Wille!

Die Ehe ist ein Idealzustand und trägt in sich den Zweck und die Möglichkeiten einer unendlichen Vervollkommnung der Menschheit. Die Forderung der Treue, die wir für die Ehe aufgestellt haben, entspricht dem uns eingeborenen sittlichen Empfinden, und diese tiefinnerliche Moral ist immer diejenige, welche dem Fortschritt der Rasse dient.