Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart
Part 5
Der Sport ist sicherlich die notwendige und wohltätige Reaktion gegen Schul- und Schreibstuben- und Fabrikarbeit. Aber der Sportmatador hat viel zu sehr die bewundernden Blicke auf sich gezogen und den Sinn abgelenkt von der körperlichen Arbeit, die greifbare Werte schafft. Geh aufs Land hinaus und sieh die Arbeit der Bauern. Sie bestellen den Acker, und von den Erzeugnissen ihrer Arbeit, von Kartoffeln, Kornfrucht, Grünzeug, Obst und Viehzucht nährt sich das ganze Volk. Ist das nicht wertvoller als sechs Tage lang wie ein Besessener im Kreis herumzuradeln und klüger noch, als bei diesem Unsinn zuzusehen?
Aber im Frühjahr und namentlich im Herbst ist auf dem Lande Leutenot. Haben wir Deutschen nicht genug Hände zum Arbeiten? Ei, jawohl! Aber sie stecken in den Hosentaschen und sind -- manikürt. Und während der Bauer am Abend sorgend den drohenden Himmel betrachtet und vor Sonnenaufgang aufsteht, um in harter Arbeit, mit Frau und Kindern und mit den wenigen Kräften, die er bekommen kann, den Reichtum seiner Fluren in den Scheunen zu bergen, sitzen in der Stadt Tausende im Kaffeehaus, spielen sie Tennis- und Fußball und tragen in sich den glückseligen Gedanken von der »Gesundheit des Sports«.
Ja, gewiß ist er gesund! Aber ließe sich nicht ein weniges von all der spielenden Kraft in Ernst, in Arbeit umwandeln? Sollen wir geschlagenen Deutschen nicht eine ganz neue Zukunft bauen? Könnten nicht die jungen Burschen, die Sportklubs, die Wandervögel und Pfadfinder, zum mindesten in den Ferien, einmal zu den Bauern hinauswandern, um zu arbeiten? Muß man immer spielen? Und vielleicht nur deshalb spielen, weil zu jedem Sport auch gleich ein »schickes« Kostüm erdacht wird? Ja, die kostümlich-dekorative Marke verdrängt oft sehr aufdringlich die innere Kraft der Sache. Die Arbeit auf dem Lande wäre für die jungen Burschen aller Stände nicht nur gesundheitlich förderlich, sondern auch ein kräftiger Faktor ihrer sozialen Erziehung.
Das deutsche Volk war vor dem Kriege auf jener Stufe der Degeneration angelangt, wo in einem letzten Aufflackern der Körperkraft der Gedanke an die Arbeit im Sport ästhetisch kultiviert wurde. Alle Welt litt und erkrankte an der körperlichen Untätigkeit und der geistigen und nervösen Überreizung. Alle Welt schaffte sich nicht Hunger und Verdauungskraft in der Arbeit, sondern hatte die Mahlzeiten zu einer Haupt- und Staatsaktion erhoben und litt am zu vielen Essen. Das Geschlechtliche war das Ventil, aus dem die krankhafte Spannung entwich, und der geschlechtliche Mißbrauch folgte der körperlichen Untätigkeit und der Unmäßigkeit des Essens und Trinkens auf dem Fuße. Aber das ging an die Nervenkraft, und alle Welt ging in die Sanatorien, um -- die Zeit weiter totzuschlagen. Das große Heilmittel für die Neurastheniker und die anderen Leidenden, die Körperarbeit, wollte niemand versuchen. Hatte der Arzt eine Überzeugung, so mußte er sie für sich behalten, sonst kostete sie ihn die Kundschaft. Nur wenigen gelang es, sich dem großen Humbug mit Erfolg entgegenzustemmen. Nun hat der Krieg uns aus dem Hindämmern aufgeschreckt, uns den Abgrund gezeigt, an dem wir hintaumelten. Nun soll ernste, strenge, harte Arbeit uns einen ganz neuen Weg führen.
Aus Arbeit und rauhen Notwendigkeiten entstieg die Kraft und erblühte das Leben in tausend Schönheiten. Nun war die Kraft im Schwinden, und ihre Wiedergeburt, die Regeneration, muß auch erst wieder durch die rauhe Notwendigkeit der Arbeit, durch Einfachheit, durch Körperstählung und durch geschlechtliche Reinheit hindurchgehen.
Die Menschen haben sich an den Anblick der körperlichen und seelischen Leiden und an das häufige und allgemeine Schmerzgefühl so sehr gewöhnt, daß sie glauben, Schmerz und Krankheit lägen in der Natur der Dinge und seien unvermeidliches und unabwendbares Schicksal. Darum ertragen viele ihre Leiden in gedankenloser Ergebenheit oder führen Klage über ihr persönliches Unglück. Die heftigen, impulsiven Naturen murren auch wohl gegen das »Schicksal«. Die wenigsten nur sind es, die bei sich selbst nach den Ursachen spähen und -- durch Erkenntnis klug geworden -- in vorsichtigerer Lebensführung alle die allgemeinen Übel vermeiden.
Von nichts aber dürfen wir mehr überzeugt sein als davon, daß bei vernünftiger Lebensführung Krankheiten ganz außerhalb der Lebensgesetze des menschlichen Organismus liegen. Haben wir nur ein klein wenig natürlich denken gelernt, so müssen wir erkennen, daß die Natur Gesundheit und Glück gewollt hat, und die Irrtümer und Fehler des Lebens dem Einzelmenschen schaden und von ihm aus die Gesamtheit angreifen.
Die Verletzung der Naturgesetze -- im Geschlechtsleben mehr als anderswo -- verwirrt die Wege der Kraft, der Schönheit und des Glückes, die den Menschen von der Natur gewiesen sind, und bringt Krankheit, Schwäche und Tod. Wir Menschen von heute aber haben etwas, was niemand je vorher besaß, die klare Erkenntnis von den wahren und eigentlichen Ursachen des Verfalls. Wir sehen mit Entsetzen den Geschlechtsmißbrauch die Kraft der Menschen und der Völker zerstören und sammeln alle Kräfte, um dieser zerstörenden Gewalt zu begegnen. Die klare Erkenntnis hat uns Hoffnung, Mut und Wille gegeben, und das Leben, das vor uns liegt, steht im Zeichen einer neuen Zeit, in der in einem gesunden Körper wieder eine gesunde Seele lebt.
Zweiter Teil.
Der junge Mann und das Weibliche.
Rätsel und Irrtümer der Liebe.
»Errötend folgt er ihren Spuren Und ist von ihrem Gruß beglückt. Das Schönste sucht er auf den Fluren, Womit er seine Liebe schmückt.«
Schiller.
Die alten Griechen hatten einen Gott, den sie Janus nannten, und den sie sich mit zwei Köpfen dachten. Wollten wir Menschen die Liebe darstellen, wahrlich, auch sie hätte einen Januskopf; denn kein Empfinden gibt's im Leben, das so sehr Glück und Leid, Jubel und Tränen, Freude und Trauer umschließt, kein Empfinden, das mit so viel stürmenden Hoffnungen begann und mit so viel bitterer Resignation endete. Heiße, große Jugendsehnsucht auf dem einen Gesicht und begrabene und beweinte Wünsche auf dem andern, das ist der Januskopf der Liebe.
Aller Jammer, alles Elend, alle Krankheit entspringt dem Irrtum. In den Geschlechtsirrtümern verlieren die Menschen ihre Kraft.
1.
Das Erwachen der Liebe.
Um das 15., 16. oder 17. Jahr herum geschieht es, daß aus dem Knaben ein junger Mann wird und der Körper alle jene bedeutsamen Veränderungen erlebt, die vereint den Geschlechtscharakter bilden. Der Körper entwickelt besondere Triebkraft im Wachstum, und dieses rasche, oft schußweise Wachsen im Knochenbau, dem die Muskelfülle nicht ganz zu folgen vermag, gibt der Gestalt jene merkwürdige Eckigkeit und Unbeholfenheit, die uns den jungen Mann in den »Flegeljahren« oft so lächerlich ungeschickt erscheinen lassen. Auf der Oberlippe erscheint der erste Bartflaum, die sexuellen Organe entwickeln sich stärker; es mehren sich die Schamhaare; die Stimme verliert den kindlichen Klang; sie »bricht« und gewinnt jenen dunklen, oft rauhen Timbre, aus dem man den »Stimmbruch« eine Zeitlang deutlich heraushört.
Dieser ganzen äußeren Entwicklung, die einen ausgeprägt geschlechtlichen Charakter trägt, entspricht auch eine innere Entwicklung. Denn das geistige Leben wird beeinflußt und gespeist von jenen inneren Absonderungen der Keimdrüsen, die in dieser Zeit lebhafter zu arbeiten begonnen haben. Das Geschlechtsgefühl ist nun nicht mehr bloß allgemein körperlich, sondern wird reicher an plastischen, geistigen Vorstellungen. Denn in demselben Maße, in dem das eigentlich Männliche sich in dem jungen Manne ausbildet und äußerlich und innerlich ausprägt, stellt sich sein ganzer männlicher Organismus auf das Weibliche in seiner Umgebung ein. Männlichkeit und Weiblichkeit bilden eben im kosmischen Geschehen jene gewaltige Polarität, aus der das weltenbewegende Wunder der Liebe entsteigt. Jeder Pol sucht seinen Gegenpol, und alle die feinen und starken Ausstrahlungen der Männlichkeit suchen und finden das Weibliche, das sie mit dem gleichen Gesetz anziehen und sich zu verschmelzen trachten. So gewinnt das Weibliche eine gewisse Herrschaft über das Männliche, das sich -- gebändigt durch unklare sinnliche Wünsche -- dieser Herrschaft gern beugt, ja sich manche »süße Tyrannei« eines jungen Mädchens gefallen läßt und aus Liebe und Ritterlichkeit zu jedem Dienst und -- jeder Torheit fähig ist.
Das sind etwa so die Tanzstundenjahre. Eine kleine Welt für sich, deren glückliches Hoffen nie wiederkehrt. Je stärker und unklarer diese männliche Sehnsucht ist, desto verlegener und ungeschickter kann der sonst ganz ruhige und sichere junge Mann werden, wenn in der Gesellschaft ein junges Mädchen all seinen stürmend-sehnsüchtigen Gefühlen ein naheliegendes Ziel gibt. Dann ist es mit der Ruhe vorbei. Er möchte den allerbesten Eindruck machen, die Ritterlichkeit in Person sein, glaubt sich von allen Anwesenden beobachtet und möchte sich doch um alles in der Welt vor seiner »Angebeteten« keine gesellschaftliche Blöße geben. Das geringste Mißgeschick bringt ihn in unglaubliche Verwirrung. Er steckt das Tischtuch als Serviette ins Knopfloch, schüttet der Dame die Suppe aufs Kleid, wirft einen Stuhl um und sucht verzweifelt nach einem Gesprächsthema.
Das Liebesspiel hat begonnen, und alle die grotesken Verlegenheiten sind nur die grenzenlose Verwirrung, die das Weibliche anrichtet in der Seele des jungen Mannes, dessen erwachte Geschlechtlichkeit sich in dieser neuen Welt noch nicht zurechtzufinden weiß.
Und dann ergreift das Weibliche immer mehr Besitz vom Denken und Fühlen des jungen Mannes. Es schärft auf der Straße und in der Gesellschaft seine Augen für Jugend und Schönheit, Grazie und Charme. Es dringt in seine Träume ein, und während der gesunde, wohlerzogene junge Mann die Schönheit dieser Jugendjahre nicht ihres idealen Gewandes entkleidet und die Poesie der jungen Liebe nicht in der sexuellen Gier vernichtet, kämpfen viele -- und namentlich diejenigen, die den onanistischen Geschlechtserregungen verfallen sind -- mit sexuellen Vorstellungen. Und während bei dem einen die ersten Regungen der Liebe zugleich seinen männlichen Stolz und seine sittliche Selbstachtung wecken, und ihm die Liebe zur Waffe gegen seine unreine Verirrung wird, gerät der andere noch tiefer in die Gewalt des krankhaften Triebes.
Hier findet der zügelnde Wille und die Klugheit einer gesunden Lebensführung einen besonderen Boden, zumal es sich darum handelt, jene nächtlichen automatischen Samenergüsse, die sogenannten Pollutionen, in ihren physiologischen Grenzen zu halten.
Mancher junge Mann wird verwirrt oder erschreckt, wenn er in der Nacht oder am Morgen einen Samenverlust beobachtet, der von einer mehr oder weniger starken Erregung, von mehr oder weniger lebhaften sinnlichen Träumen begleitet war. Den Unwissenden und Ängstlichen mag gesagt sein, daß die Pollutionen nichts Krankhaftes an sich haben, sondern eine normale Entscheinung sind, wenn sie etwa alle 10-20 Tage sich höchstens einmal einstellen. Darüber hinaus und besonders dann, wenn der Pollution am nächsten Tag schlaffes, schlechtes Befinden, blasses Aussehen, Kopfschmerz, Kreuzschmerzen, Nervosität und dergleichen folgen, haben wir es mit nervöser Schwäche zu tun, oder der Samenerguß war durch einen äußerlichen oder innerlichen Reiz, jedenfalls aber durch einen Fehler in der Lebensführung, herbeigeführt worden. In solchen Fällen wirst du gut tun, lieber Freund, alle die Ratschläge zu befolgen, die ich schon zur Heilung der Onanie gegeben habe, und namentlich die Abendmahlzeit nicht nach 6 Uhr einzunehmen und sie nur aus Brot und Früchten bestehen zu lassen.
Wenn es möglich wäre, die Menschen in ihrer Allgemeinheit wieder zu einer gesunden und einfachen Lebensweise zurückzuführen, so müßten wahrscheinlich die Pollutionen entweder gänzlich schwinden oder auf ein äußerst geringes Maß zurückgehen. Aber diese Erscheinungen hängen wohl mit der nervös gesteigerten Erregbarkeit des Lendenmarkes, mit körperlicher Untätigkeit und mit einer falschen Ernährung weit mehr zusammen, als man auch nur ahnt. Wenn aber zum Beispiel eine geschlechtliche Erscheinung mit der Ernährung zusammenhängt und zugleich mit dieser geändert werden kann, so ist es doch zum mindesten recht schwer, zu sagen, sie sei so, wie sie ist, normal.
Keinesfalls aber läßt sich aus solchen Erscheinungen die Anschauung herleiten, daß nun der Organismus reif sei für die Fortpflanzungstätigkeit, und daß nun die Geschlechtsbetätigung für den jungen Mann zu einem persönlichen Recht und zu einer gesundheitlichen Forderung werde. Denn wenn auch -- was jedenfalls bestreitbar ist -- die Pollutionen normale, physiologische Erscheinungen wären, so könnten sie doch nur eine passiv-automatische Übung und Wachstumssteigerung eines Triebes darstellen, der seiner sozialen Beziehungen und Folgen wegen nicht allein in der körperlichen Entladung begriffen werden kann.
2.
Die Sittlichkeitsfrage.
Hier haben wir mit einem Male einen Sprung mitten in die sogenannte »Sittlichkeitsfrage« hinein getan. Denn der Begriff des »Sittlichen« hat sich stillschweigend und in seiner ganzen Ausdehnung an das Geschlechtliche angeschlossen.
Diese Sittlichkeitsfrage beschäftigt sich im wesentlichen damit, ob es einem jungen Manne erlaubt sein kann, vor der Ehe und in noch jugendlichem Alter geschlechtliche Beziehungen zu unterhalten.
Diese Frage ist durchaus neueren Datums. Denn erstens waren die sittlichen Anschauungen von früher strenger und straffer, zweitens hat die Gesellschaft heute in allen Fragen, und somit auch in der sexual-moralischen, die soziale und sittliche Kritik über das gedankenlose Sichgehenlassen gesetzt, und drittens ist gerade mit dem Erwachen dieses kritischen Geistes jener eigenwillige Individualismus großgezogen worden, der über die Rechte der Persönlichkeit hinaus auch die Ungebundenheit des Trieblebens mit »Individualität« und anderen Phrasen verteidigt, die sozialen Wurzelungen lockert und dieses ganze philosophische Vorspiel nur beginnt, um endlich und insbesondere dem vorehelichen Geschlechtsleben eine unbeschränkte Freiheit zu verschaffen.
Beiläufig gesagt: nur dem männlichen, nicht dem weiblichen Geschlechtsleben. Denn daß das junge Mädchen vor der Ehe keusch zu leben habe, ist eine so verbriefte, so tiefempfundene sittliche Forderung, daß ein Sturm sich erhob, als einige dem Lager der Frauenbewegung entstammende Schriften auch diese Schranke zu durchbrechen suchten. Nicht nur tiefe und bedeutsame biologische Gründe, sondern schlechterdings der sexuelle Egoismus des Mannes verlangen es, daß das junge Mädchen vor der Ehe seine Jungfräulichkeit bewahre.
Der gleiche Sturm der Verwunderung und Entrüstung erhob sich aber auch, als vor nunmehr etwa 30 Jahren in der Öffentlichkeit klipp und klar gesagt wurde, daß es auch für den Mann die sittliche Forderung der Enthaltsamkeit gebe.
Das traf die gedankenlosen Gehirne wie ein scharfer Sonnenstrahl, der die Augen blendet. Bis dahin hatte der Mann dasselbe getan, was er noch heute mit der gleichen aufreizenden Selbstverständlichkeit tut: er hatte jede sich bietende Gelegenheit zum Geschlechtsgenuß bereitwilligst benutzt.
Die Forderung der Enthaltsamkeit war durchaus nicht neu. Die christliche Religion und auch andere Kulte hatten sie aufgestellt. Nur war die Gedankenlosigkeit des Alltags allmählich über das unerschütterliche Gefüge ethischer Grundgedanken hinweggewuchert. Da fiel wie ein Funke ins Pulverfaß jene Erstaufführung des Björnsonschen Dramas »Der Handschuh« durch die Berliner »Freie Bühne« Ende des Jahres 1889. Die Heldin dieses Dramas, Svava, erfährt, daß ihr Bräutigam früher schon Geschlechtsverkehr mit einem Mädchen hatte, und sagt sich von ihm los. In der reichen literarischen Nachfolge, die diese Arbeit fand, finden wir den gleichen Gedankengang namentlich in »Vera. Eine für viele«.
Der starke und imponierende ~Björnson~ hatte also sich selbst zum Wortführer einer geschlechtsmoralischen Forderung gemacht und sie dadurch, daß er sie auf der Bühne abhandelte, in den Brennpunkt des allgemeinen Interesses gerückt. Die Presse griff denn auch diesen -- »Handschuh« wie ein Mann auf, die einen mit Hohnlachen und dem zeternden Wortschwall einer angstvollen Verteidigung, die andern mit wohlwollender Zustimmung.
Genug, der Stein war ins Rollen gekommen, und ~Björnson~ selbst sorgte dafür, daß die Sache zumindest in den skandinavischen Ländern nicht so bald zum Stillstand kam. Man erinnert sich seiner eindrucksvollen, faszinierenden Persönlichkeit, die überall den strengen Sittlichkeitsgedanken, ~die monogamische Ehe~, in glänzender Rede gegen jede geschlechtliche Lauheit, gegen jedes psychologisch oder philosophisch umschleierte Triebleben verteidigte.
Zur selben Zeit begann die Wissenschaft, die bis dahin scheu und ängstlich dieses Gebiet gemieden hatte, sich doch damit aus biologischen und medizinischen Interessen zu beschäftigen. Die Geschlechtswissenschaft (Sexuologie) spürte den geheimnisvollen Gesetzen dieser menschlichen Leidenschaft nach, um alle Zusammenhänge zu finden. Und mit einem Male übersah man auch klarer als bisher die ungeheuren gesundheitlichen Schäden, die das gedankenlose vielweiberische (polygamische) Geschlechtsleben des Mannes angerichtet hatte. Man erkannte den Einfluß alles Geschlechtlichen auf die Erziehung, das Denken überhaupt, auf alle sozialen Beziehungen, auf die Vererbung, auf Lebensgestaltung und Lebensglück, und es war wie ein jähes Erwachen, das den erschreckend neuen Eindruck von der gewaltigen Bedeutung alles Geschlechtlichen in zahllosen Schriften festhalten zu wollen schien.
Und was bis dahin nie und nirgendwo geschehen war: die Frauen hatten aufgehorcht. Sie, die bis dahin in der allgemeinen Komödie der Prüderei die Statisterie gemacht hatten, gewannen nun mit einem Male das Bewußtsein, daß es eine empörende Ungerechtigkeit ist, wenn der Mann vom Weibe voreheliche Enthaltsamkeit verlangt, während er sich selbst doch zu gleicher Zeit recht munter amüsiert und der Frau als Dank für ihre sittliche Bewahrung eine -- Geschlechtskrankheit als Morgengabe in die Ehe bringt.
Was Wunder, daß gerade die Frauen sich gegen diesen Zustand auflehnten und mit großer Energie die sexuelle Frage der prüden Umschleierung entrissen.
Wir stehen ja noch heute vor der Tatsache, daß junge Männer, wenn sie die Schule und das Elternhaus verlassen haben, oft ohne alle Gewissensbisse von den sich bietenden Gelegenheiten zum Geschlechtsverkehr Gebrauch machen, ohne der moralischen und sozialen Gesetze zu gedenken, welche sich natürlicherweise gegen den eigenwilligen geschlechtlichen Individualismus auftürmen. Denn die Beurteilung eines Triebes, der über den Einzelmenschen hinaus von sozialen Folgen ist, erschöpft sich keineswegs in den Wünschen und Rechten des Individuums, sondern muß notwendigerweise eine soziale sein. Die tiefsitzende Inkonsequenz beginnt aber schon mit der Forderung der Keuschheit der jungen Mädchen, und die sozialen und mehr noch die sittlichen Zwiespalte fallen zusammen mit der gesellschaftlichen und seelischen Verwirrung, die ein Mann im Leben eines Weibes anrichtet, wenn sie der Gegenstand seiner geschlechtlichen Wünsche geworden ist.
3.
Geschlechtsleben und Gesundheit.
Das jugendliche Geschlechtsleben mit den Forderungen der Gesundheit zu entschuldigen, ist eine jener sophistischen Ungereimtheiten, die nur da entstehen, wo die erotischen Wünsche das Gewissen zum Schweigen bringen wollen.
Es gibt gegenwärtig wenige Fragen, in deren Beantwortung so heftige Widersprüche herrschen, wie diejenige des Nutzens oder Schadens der vorehelichen Geschlechtsenthaltsamkeit. Aber selbst wenn die Wissenschaft sich zugunsten der -- Frivolität entscheidet und Fälle von Schädigungen durch Enthaltsamkeit bei der Jugend aufzählt, so müßte sie doch der degenerativen Entwicklung Rechnung tragen. Sie müßte in Rücksicht ziehen, daß die Kultur weit von den physiologischen Gesetzen der menschlichen Natur abgerückt ist, und daß durch geschlechtlichen Mißbrauch, durch die Raffiniertheit und Grenzenlosigkeit der Ernährung, sowie durch körperliche Untätigkeit eine sexualnervöse Reizbarkeit gezüchtet wurde, die das ordnende Urteil trübt. Was aber ein sinnlich gesteigerter Organismus verlangt, das darf die Wissenschaft nicht als allgemeines Geschlechtsrecht im ganzen Volke austeilen. Erkennt man, daß ein Trieb durch Mißbrauch sich im Organismus in den Vordergrund drängte, so muß man den Begriff des »Natürlichen« an diesem Trieb arg beschneiden. Und selbst wenn man, ohne der mißbräuchlichen Steigerung zu gedenken, den Trieb mit Recht »natürlich« nennt, so vermag man ihn doch in keiner Weise zu trennen von den seelischen, sittlichen und sozialen Kräften, die das Wohl der menschlichen Gemeinschaft und ihre Entwicklung bedingen. Wird der Geschlechtstrieb rein körperlich gezüchtet, so bringt er das Menschengeschlecht rückwärts, nicht vorwärts.
Wenn ein Mensch ißt und dabei den Zweck des Essens vergißt und zur Eßgier gelangt; wenn er trinkt, nicht weil der Körper Flüssigkeit verlangt, sondern weil er der Leidenschaft des Trinkens verfallen ist, so werden die geistigen Kräfte in demselben Maße schwinden, in dem die körperliche Sucht sich steigert. So bedeutet auch der unerlaubte Geschlechtsverkehr der Jugend, eben weil er die sozialen und sittlichen Kräfte nicht auslöst, eine Hemmung der geistigen und charakteriellen Entwicklung.
Daß die geschlechtlichen Erschütterungen und die Samenverluste einen noch nicht ausgereiften Organismus in seiner Entwicklung hemmen, ist eine ganz allgemeine Erfahrung. Es ist schon rein logisch und ohne jeden wissenschaftlichen Beweis einzusehen, warum jene geheimnisvollen Lebensstoffe, deren Entstehung im Körper zu einem solchen Reichtum und Überschwang des Gefühls führt, die das Urgeheimnis der polaren Spannung zwischen Mann und Weib in sich bergen, und die in der Leidenschaft ihrer Vereinigung das Wunder der Menschwerdung vollbringen, warum sie ohnedies dem Organismus, solange er sich in der Entwicklung befindet, seine Spannung geben; denn diese Stoffe, die immer wieder neues Leben auf die Bahn des Werdens schleudern, sind nicht nur Ursubstanz des Lebens, sondern zugleich auch seine feinste Blüte. Sie behalten immer ihre gestaltende Kraft. Und es liegt große Klugheit darin, durch diese gestaltende Kraft zunächst den eigenen Organismus auf den möglichen Höhepunkt seiner Entwicklung zu bringen, ehe man im bloßen Geschlechtsgenuß Rechte sucht, die erst der mit sich selbst fertige, vollendete Organismus besitzt.
An den Erscheinungen der Geschlechtsreife (Pubertät) erkennen wir die treibende und gestaltende Kraft jener Lebensstoffe. Ein Ausreifen nach allen Richtungen ist es, das wir beim Erwachen der Liebesempfindung staunend beobachten. Was späterhin das neue Leben formt, das verleiht einige Jahre vorher der Stimme ihren tieferen Vollklang, das treibt den Bart als eins der Zeichen der Mannheit, das gibt dem Charakter seine Festigkeit und dem Geiste Stolz und Kühnheit. Entfernen wir die Keimdrüsen (Kastration) so hört alle diese Entwicklung ins Männliche mit einem Male auf. Die treibenden Kräfte sind unterbunden. Die Stimme bleibt dünn, der Bart wächst nicht, der Charakter bleibt weichlich, ängstlich, tatenlos oder verschlagen.