Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart
Part 4
Die Pflanzenkost verlangt wegen ihres größeren Darmballastes mehr körperliches Bewegen; aber sie befähigt dazu auch in weit höherem Maße, denn Pflanzenkost macht den Körper frischer und beweglicher, den Geist und den Willen frischer und mobiler. Pflanzenkost hält auch die Darmtätigkeit rege, während starke Fleischnahrung nach einiger Zeit Darmträgheit, also Verstopfung, im Gefolge hat. Dadurch entstehen giftige Gase, die die Gewebe durchdringen und reizend und erregend auf die Geschlechtsnerven einwirken. Das tut ja nun das Fleisch schon an und für sich, und zwar durch Stoffe, die ohnehin in ihm enthalten sind, und durch andere Stoffe, die durch den Vorgang des Schlachtens oder denjenigen des Jagens in dem getöteten Tier erzeugt worden sind, und die man schlechthin als »Angststoffe« bezeichnen kann. Das Vorhandensein und die Wirkung dieser Angststoffe ist durchaus keine Phantasie, sondern eine durch nichts hinwegzudisputierende Tatsache. Jedem geistigen Vorgang geht ein bestimmter Stoffwechselvorgang parallel. Spritzt man den Angstschweiß eines gejagten Tieres einem anderen ins Blut, so kann dasselbe sterben. Ja, das geängstete Tier kann ebenso wie der geängstete Mensch am Herzschlag sterben. Das ist nur und ausschließlich die Wirkung der freigewordenen giftigen Angststoffe.
Es ist verständlich, daß diese im Fleisch enthaltenen, durch das Töten vermehrten Stoffe auch auf den Menschen ihre reizende und erregende Wirkung entfalten. Dieser Reiz ist, weil widernatürlich, ein Überreiz, und er wirkt überall da am stärksten, wo die Widerstandsfähigkeit am geringsten ist. Wer zur Trägheit neigt, wird durch das Fleisch noch träger, wer jähzornig ist, wird durch das Fleisch noch mehr gereizt, und so wird durch das Fleisch auch die geschlechtliche Reizbarkeit gesteigert und die Onanie gefördert. Der Fleischgenuß soll also auf das geringstmögliche Maß herabgesetzt oder ganz ausgeschaltet werden.
Es ist recht interessant, daß Kinder, die frühzeitig lebhaft nach Fleisch verlangen, zu frühzeitigem geistigem und körperlichem Verfall neigen, während andererseits Kinder, die sich dem Fleisch widersetzen, eine kräftigere, ruhigere, überhaupt normalere Entwicklung nehmen.
Besonderer Gunst erfreut sich ja das Wildbret (Hasen-, Rehbraten u. dergl.). Und doch ist gerade von unserem Gegenstand aus vor dem Fleisch des Wildes zu warnen. Denn abgesehen davon, daß das Wild vor dem Tode gehetzt wurde, läßt man es meist vor der Zubereitung noch tage-, ja wochenlang (drei Wochen!) »abhängen«, um einen bestimmten Geschmack zu erzeugen, den man »_haut goût_« nennt. Dieser Geschmack ist aber nur die Folge eines Zerfall- (Verwesungs-) Vorganges, der bestimmte Zerfallsstoffe freiwerden läßt, deren Geruch und Geschmack dem unverdorbenen Menschen höchst widerlich sind, deren aufreizende Wirkung auf den Organismus jedenfalls sehr stark ist und nicht in Frage gestellt werden kann. Denn ausgesprochenermaßen ist das ja der Zweck des Wildbretgenusses.
Noch vorsichtiger sollen alle diejenigen, die unter geschlechtlichen Anfechtungen leiden, mit dem Genuß von Wurst sein. Abgesehen davon, daß sie ein recht teures und an Nährwert dem Preise durchaus nicht entsprechendes Nahrungsmittel ist, wird einigen und gerade den besseren Sorten recht viel Gewürz (Pfeffer, Salz usw.) beigemengt, dessen Wirkung auf die Geschlechtserregung durch alltägliche Beobachtung bewiesen wird.
Viel Aufhebens wird ja in der Ernährung des Volkes von Fleischbrühe und Fleischextrakt gemacht. Erstens herrscht darin die gedankenlose Überlieferung und zweitens die suggestive Macht der ungeheuren Reklame, die für künstliche Fleischextrakte gemacht wird. Es muß gesagt werden, daß der Gehalt an eigentlichen Nährstoffen bei der Fleischbrühe nur sehr, sehr gering ist, und man die anregende Wirkung nur jenen Auszugsstoffen zuschreiben muß, über deren reizende und erregende Rolle wir schon sprachen. Wenn die Fleischbrühe hier und da im medizinischen Sinne als Reizmittel Verwendung findet, so hat das seine Gründe. Als Nahrung aber ist die »Bouillon« nicht das, was man von ihr hält. Sie gehört mit zu jenen inneren Geschlechtsreizen, die um so gefährlicher werden, je weniger man sie in ihrem Wesen kennt, je häufiger und gedankenloser man sie also verwendet. Wer über seine Sinne wachen muß, der darf sich nicht am guten Willen genügen lassen, sondern muß jene oft handgreiflichen Triebkräfte seiner sinnlichen Erregbarkeit abstellen, damit nicht der Geist den Kampf gegen das -- »Fleisch« im doppelten Sinne zu führen hat.
Auch andere Nahrungsmittel gibt es, die in diesem Sinne keineswegs unbedenklich sind. Ich nenne vor allem die Eier. Sie scheinen die Samenerzeugung zu steigern, haben aber besonders eine Wirkung auf den Blutdruck. Hoher Blutdruck drängt gewissermaßen zur geschlechtlichen Entspannung, durch die er herabgesetzt wird, weshalb alles, was ihn steigert, vermieden werden sollte. Das chemische Medium dabei sind die Alkaloide, die als »Harnsäure« eine nach verschiedenen Richtungen hin krankmachende Wirkung entfalten. Sie sind aber auch im Kaffee und im Tee enthalten, weshalb diese Getränke jedenfalls nicht gewohnheitsmäßig und nicht in starkem Aufguß genossen werden sollten. Ein schwacher Tee ist weitaus besser als der übliche Kaffee, der bei den meisten Menschen ganz bedenklich die Magenarbeit stört, die Nerven erregt und bei jungen Menschen recht geeignet ist, sinnliche Bilder in die Phantasie hineinzuspiegeln.
Gewürze sind über ein gewisses Maß hinaus zu verwerfen. Denn als Fremdstoff üben sie eine reizende Wirkung auf die Geschlechtsnerven aus. Werden die Nahrungsmittel, besonders die Salate und Gemüse, richtig zubereitet, so verlangen sie nicht einmal so viele Gewürze, aber gerade weil man in der Ernährung den Boden des Einfach-Notwendigen verlassen und sich oft zur sogenannten »Delikatesse«, zur Feinschmeckerei, zur Raffiniertheit verstiegen hat, hat man den Geschmack an einfachen und natürlichen Nahrungsmitteln verloren und das Nervensystem in einen beständigen Aufruhr, in eine »Süchtigkeit« versetzt, die heftig das verlangt, an das es gewöhnt wurde, wenn es auch falsch war. An diesem Aufruhr ist das Geschlechtsempfinden beteiligt. Es wird aus der gesunden Ruhe aufgescheucht, zu krankhafter Erregung getrieben, und es wäre recht gut und förderlich, wenn alle die jungen Menschen, die in heißem Ringen um ihre sittliche Würde immer wieder der geschlechtlichen Anfechtung verfallen, ganz sorgfältig die Nahrung prüfen würden, damit die inneren Geschlechtsreize unterbunden werden, bevor man den sittlichen Willen in den Kampf schickt.
Man darf behaupten, daß eine vegetarische Diät weit mehr den natürlichen Lebensgesetzen des menschlichen Organismus angepaßt und darum nach jeder Richtung hin geeignet ist, Unruhe und Krankheit aus dem Körper zu beseitigen und normale, ruhige, gesunde Verhältnisse wiederherzustellen. Dem menschlichen Geschlechtsleben ist der starke Fleischgenuß verderblich gewesen, und eine Rückkehr zu einfacher Pflanzennahrung wird wieder gesunde Ruhe und ruhige Kraft bringen.
Kennst du so die gefährliche Wirkung der mit der Nahrung eingeführten Reizstoffe, so mußt du auch daran denken, daß die Resterzeugnisse des Verdauungs-, Assimilations- und Stoffwechselvorganges gerade wegen ihres Zerfallscharakters auch nichts anderes als schädliche Reizstoffe sind. Sie müssen den Körper sobald wie möglich verlassen. Nur dann, wenn es geschieht, kann man von einem gesunden Stoffwechsel sprechen. Es geschieht aber nicht immer, und die Zahl der Menschen ist Legion, die an Darmträgheit oder Verstopfung leiden.
Über die Ursachen dieses Übels sprachen wir schon. Zu viel Fleischkost und zu wenig Bewegung, also nervöse und Muskelerschlaffung. Später wird die Darmerschlaffung eine Folge des geschlechtlichen Mißbrauches in der Jugend. Mit diesen Ursachen kennen wir zugleich auch die Mittel zur Beseitigung. Notwendig ist diese; denn der gefüllte Darm übt rein mechanisch einen Druck aus, der sich in Geschlechtserregung auslöst. Grobes Brot (Schrot-, Graham-, Simons- oder Molkenbrot), Gemüse, Salate und reichlich Obst führen in den meisten Fällen eine gute Darmtätigkeit herbei.
Auch die gefüllte Blase steigert auf reflektorischem Wege den Geschlechtsreiz, und namentlich junge Männer haben am Morgen beim Erwachen meist Gliederregungen, die mit dem Harndrang zusammenhängen. Ist die Harnblase entleert, so ist meist auch die Erregung verschwunden. Im Hinblick darauf sollten junge Männer es vermeiden, am Abend viel zu trinken. Das Trinken ist ja schon an sich sinnlos, aber für die Zurückdrängung der Sinnlichkeit besonders zu beachten.
Den alkoholischen Getränken gegenüber entschließest du dich am besten zu vollkommener Enthaltsamkeit. Bier, Wein, Schnaps, Liköre und dergleichen haben keinen Wert als Nahrungsmittel und werden darin von den allereinfachsten Dingen wie Milch, Brot, Käse, Obst und Obstsäften übertroffen. Als Reizmittel aber sind sie dem Nervensystem verderblich, dem Geschlechtstrieb gefährlich, und darum ist es sinnlos, sie zu trinken. Im Kampf mit dem Geschlechtstrieb muß man solche gefährlichen Gegner, wie den Alkohol, zu allererst verscheuchen.
Ich will an dieser Stelle einiges über das Bett sagen; denn auf sein Schuldkonto ist manches von den sinnlichen Verirrungen zu setzen. Mit zunehmender Kultur wurden Unter- und Oberbett und auch die Kissen immer weicher, schmiegsamer. Dadurch wird die Berührung dieser Dinge mit dem Körper inniger, und das ist angesichts der großen Empfindsamkeit der äußeren Nerven nicht unbedenklich. Es entsteht unter den Federbetten eine Wärmestauung, und Wärme steigert überall das Empfinden. Wenn nun aus gesteigerter Wärme und äußeren Tastreizen sinnliche Träume entstehen, so geschieht es leicht, daß die Hände die geschlechtlichen Organe berühren und eine Geschlechtserregung unbewußt im Schlafe oder auch bewußt herbeiführen. Mancher junge Mensch wacht plötzlich vom Schlafe auf in einem Augenblicke, wo der onanistische Akt ganz oder teilweise vollführt ist.
Diese Gefahr ist ganz besonders groß morgens kurz vor oder nach dem Erwachen, wo die gefüllte Harnblase eine Erregung verursacht und die Bettwärme sinnliche Bilder entstehen läßt. Am Morgen ist namentlich bei nervösen oder sonstwie leidenden Menschen die allgemeine Kraft und besonders die Willenskraft noch gering. Beide wachsen erst an den Arbeitspflichten des Tages. In dem Träumen und Hindämmern im Bett nach dem Erwachen liegt etwas riesig Gefährliches, und es hat wohl schon ungezählte Tausende von jungen Menschen ihrem guten Vorsatz entfremdet.
Es gilt hier, wie in so vielen Gefahren des Lebens, der Satz. »_Principiis obsta_«. Widerstehe dem Anfang! Wenn du erwachst, so erhebe dich mit einem mannhaften Entschluß! Stehe frisch entschlossen auf, kleide dich an, bewege dich und beginne zu arbeiten. Gib dich nicht eine Sekunde dem sinnlichen Hindämmern hin. Es ist immer ein Ringen zwischen Trieb und Wille. Je mehr du den sinnlichen Trieb träumend ansteigen lässest, desto schwächer wird dein Wille, bis er schließlich ganz unterliegt. Mache es dir vor allem zum ~eisernen Grundsatz~, die Geschlechtsorgane nur dann zu berühren, wenn die Notdurft des Leibes es verlangt, ~sonst unter keinen Umständen~. Jenes Spielen, das die angenehme leichte Erregung herbeiführt, ist wie ein Zunder in einem Explosionsstoff. Du willst nicht die Explosion, aber es glüht und glüht, bis mit einem Male dein Wille und dein moralischer Widerstand zusammenbrechen unter der angetriebenen Sinnlichkeit, und es -- wieder einmal geschehen ist. _Principiis obsta!_ Widerstehe dem Anfang!
Auch Krankheitserscheinungen mancherlei Art gibt es, die geschlechtsreizend wirken. Von den schweren Leiden, wie Lungenschwindsucht, mit ihrer oft verzehrend-fieberhaften Sinnlichkeit, will ich nicht sprechen. Wohl aber von örtlichen Störungen in der Geschlechtsgegend, die von einem mehr oder weniger heftigen Juckreiz gefolgt sind. Entweder finden sich dann Darmparasiten, Eingeweidewürmer mancherlei Art, oder es handelt sich um Hautmilben oder Hautleiden, welch letztere von Blasen-, Knötchen- oder Borkenbildung gefolgt sind und ein oft fürchterliches Jucken und Kratzen veranlassen. Wohl immer sind dies Folgen von Unsauberkeit, und der wohlmeinende Hygieniker hat ernstlich darüber Klage zu führen, daß die wohltätige und gesundheitswichtige Gewohnheit des Badens noch nicht genügend weit im Volke verbreitet ist. Auf ein einmaliges Bad in der Woche bildet man sich schon mancherlei ein. Aber für junge Menschen, die über geschlechtliche Anfechtungen klagen und sich von der Onanie befreien oder freihalten wollen, genügt das keineswegs. Sie sollten die gar zu warmen Bäder meiden und allabendlich eine Waschung des gesamten Unterleibes einschließlich der Oberschenkel und des unteren Rückens mit kühlem Wasser machen und könnten, wenn die sinnliche Erregung nur schwer zu bändigen ist, diesem Wasser etwa ein Fünftel Kampferspiritus beimengen; das kühlt und beruhigt. Namentlich ist es dem jungen Manne ratsam, den vorderen Teil des Gliedes, die Eichel, öfter durch Zurückziehen der Vorhaut freizulegen und kühl abzuwaschen. Dadurch entfernt man jenen Ausscheidungsstoff, der sich hier festsetzt und die Geschlechtsnerven reizt.
Die kluge Gewohnheit des Badens wird an Wert und gesundheitlicher Bedeutung noch übertroffen durch das Luftbad. Es schließt eine natürliche Form des Lebens in sich und bringt viel Kraftsteigerung für das Nervensystem. Es gehen viele ins Luftbad, die krank sind und sich von ihren Leiden befreien wollen. Aber klüger ist es wohl, schon -- ehe man krank geworden -- einen Teil der Jugendjahre im Luftbade zuzubringen, um im kräftigenden Reiz der atmosphärischen Luft, im freien Lauf und im frisch-fröhlichen Spiel die sinnliche Lust einzudämmen und umzuwandeln in Spannkraft des Körpers und des Geistes. Die sitzende Lebensweise in den Schulen, Bureaus, Werkstätten und Fabriken führt zu einer Stockung des Blutes und der Säfte in den inneren Organen und zur Erschlaffung der Muskeln und der äußeren Haut; das häufige Luftbaden schafft gründliche Änderung darin und bringt, namentlich wenn es grundsätzlich auch im Winter im Freien genommen wird, mit der Abhärtung zugleich auch einen frischen offenen Sinn, der es für verderblich und unmännlich halten muß, sich schlaffen, sinnlichen Träumereien hinzugeben.
Um im Luft- und Sonnenbade ganz richtig zu handeln, dir nicht zu schaden, lies mein Buch »Die Heilkraft des Luft- und Sonnenbades. Rationelle Körperpflege durch Luft, Licht und Wasser«[3]. Du findest darin eine ganz eingehende Darstellung dieses vornehmsten Gesundheitsmittels und genaue Anweisungen für dein Verhalten.
Da, lieber Leser, sind wir überhaupt bei der Frage der Muskelarbeit angelangt, und damit bei einer Frage von so großer Wichtigkeit, daß wir darüber noch einiges sagen müssen.
Das Leben ist eine wunderbare Einheit, und tief im Innern des Organismus, im Chemismus der Gewebe, werden in geheimnisvoller Weise die Kräfte frei, die das Leben zur Entfaltung bringen. Im ewigen Kampf ums Dasein empfing jedes Lebewesen, empfing auch der Mensch seine ganz bestimmte Form, seine körperliche und geistige Organisation. Der Kampf ums Dasein zog die Kräfte bald hierhin, bald dorthin und hat vor allen Dingen in der Notwendigkeit der Körperarbeit und der körperlichen Anstrengungen die Muskeln stark und leistungsfähig gemacht.
Mit einem Male wurde die Muskelarbeit zurückgedrängt. Durch die Entfaltung der Technik, der Industrie, der Wissenschaften, wurden immer mehr geistige Kräfte verlangt, während die Körperkraft im Kampf ums Dasein von Tag zu Tag mehr ihre Bedeutung verliert.
Namentlich der Jugend aber, die ihres raschen Wachstums und Stoffwechsels wegen und ihrer ganzen Anlage nach zu körperlicher Bewegung drängt und darauf angewiesen ist, wenn sie sich normal entwickeln soll, ist das viele Stillsitzen gefährlich geworden. Die frei werdenden Kräfte finden keine Verwendung, keinen Ausweg. Würden sie in Körperarbeit verwendet, so würde sich der Körper dabei aufbauen, würde die gelösten Stoffe sich selber als dauernden Besitz anbauen, würde stark und kräftig werden. So aber suchen sich die herrenlosen Kräfte einen Ausweg und werfen sich auf den Geschlechtssinn, den sie erregen und steigern und zur Entladung drängen. So ist vielfach die Onanie eine Entladung von Kräften. Aber diese Kräfte werden dem körperlichen und geistigen Dauerbau entzogen, und statt daß sie in ihrer stetigen Verwertung den Organismus stark machen sollen, führen sie nun ein Anwachsen, eine Züchtung des Geschlechtstriebes herbei. So verstehen wir es, daß eine starke Geschlechtsbetätigung eine verhehrende Wirkung auf Körper und Geist hat.
Ja, gerade die in der Gegenwart so beliebt gewordene Methode der frühen geistigen Erziehung der Kinder fördert ihre sinnliche Entwicklung maßlos. Die Freude der Mutter über die regen geistigen Interessen ihrer Lieblinge ist verderbliche Naivität; denn die geistige Regsamkeit ist nervöse Entwicklung. Diese unsinnige Erziehung: geistiger Drill bei körperlicher Trägheit! Unaufhaltsam werden die Kinder der Geschlechtserregung zugetrieben. Die Eltern sind blind, sehen nichts und lassen zwischen ihren Kindern oder zwischen den Kindern und den Dienstboten Dinge geschehen, über die sie entsetzt sein würden, wenn sie nur ein einziges Mal Augen- oder Ohrenzeugen wären. Und dabei sind es oft Väter und Mütter, die mit größtem Ernst, mit sittlichen und religiösen Mitteln ihre Kinder erziehen wollen und doch sie verderben.
Nichts ist notwendiger in unserer Zeit, als diesen Kräftestrom wieder in sein natürliches Bett zurückzulenken, die natürlichen Lebensbedingungen wiederherzustellen, körperlich zu arbeiten. Oder, wo das nicht ausgiebig möglich ist, Sport und Gymnastik zu betreiben. Der gesunde Instinkt der Jugend hat das überall erkannt. Und überall in Deutschland begegnet man jetzt den Wandervögeln, den Pfadfindertrupps, sieht man Tennisspiel, Fuß- und Faustball u. a., gibt es Turn- und Sportvereine, Sommer- und Wintersport, Berg- und Wassersport. So ist es recht, und niemand sollte sich davon ausschließen. Ein junger Mensch, der immer zu Hause sitzt und nicht da draußen seine Kräfte übt, seine Lungen weitet, hat keine rechte Jugend gekannt. Und daß gerade die blassen Stillsitzer unter den Onanisten so häufig zu finden sind, beweist die Gefahren der körperlichen Untätigkeit. Die Wandervögel, die Pfadfinder sind an Zahl gewachsen. Aber zehnmal, hundertmal so viel müßten es sein. Ein nationales Erwachen müßte durch das Volk, müßte vor allem durch die Jugend gehen, daß wir mehr von den Büchern und der blassen Stubenhockerei und dem verdammten Kneipen-, Sauf- und Lumpenleben loskommen. Das deutsche Volk wurde vor dem Kriege leider immer reicher an Theoretikern, Maulhelden und Schlafmützen und an jenen ästhetischen, saftlosen Dekadenten, die elegant und blasiert im Café saßen, über Gott und die Welt räsonnierten und überlegen philosophierten, aber selber im Leben nirgendwo einen rechten Platz ausfüllten, sondern nur die Scheu vor der Arbeit allerorten großzogen. Diese schlaffen Kerle kriegen nur Spannung, wenn das Erotische ihr Auge oder ihr Ohr trifft, wenn »die Weiber« das Gesprächsthema bilden. Alles andere vermag ihre ausgelaugte Intelligenz nicht mehr hervorzulocken.
Laß dir dies kühl blasierte Gesicht nicht imponieren! Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Laß dir daran gelegen sein, einen kräftigen, gesunden, elastischen Körper zu gewinnen, den diese »moderne« Schlaffheit und Moralfaulheit nicht überwinden kann. Sparst du die Geschlechtskraft, so lenkst du sie um in alle Organe deines Körpers und baust dir aus dem geheimnisvollen Lebensstoff ein Leben, das im Alter die Klugheit deiner Jugend segnet.
Es ist wahrlich keine Schwarzseherei, wenn ich darauf hinweise, daß auch das Turnen in mancherlei Hinsicht Gefahren in sich trägt. Die Geschlechtsorgane sind bei vielen, namentlich bei den nervös veranlagten jungen Menschen leicht reizbar. Darum ist es geraten, zum Beispiel beim Klettern an Stangen und Tauen Reibungen der sexuellen Organe zu vermeiden. Wo eine Gefahr besteht, kann man nicht genug auf der Hut sein. In den Schulen und beim Militär wird ja auch auf einen korrekten Kletterschluß geachtet.
Vorzügliche Beachtung verdient neben den Wanderungen, die den Körper stärken und den Geist zugleich ablenken und ausfüllen, das ~Schwimmen~. Junge Menschen, deren sinnlicher Trieb sich in den Vordergrund drängt, sollten fleißig das Schwimmen üben; denn es behebt die Blutfülle in den Unterleibsorganen, die oft die unmittelbare Ursache der geschlechtlichen Erregungen ist. Auch werden die sinnlichen Vorstellungen und Träume, die aus solchen Blutstauungen entstehen, durch das Schwimmbad energisch beseitigt und durch den niederschlagenden Kältereiz stets auf einige Zeit zurückgehalten. Ich empfehle aber rasches Auskleiden, energisches Hineingehen ins Wasser und schnelles Wiederankleiden. Nichts aber ist nach allen Seiten hin von so großem Werte wie das tüchtige ~Luftbaden~. Es vereinigt viele Faktoren der Gesundheitspflege und Nervenstählung in sich und stellt die kraftvollste und unmittelbarste Verwirklichung jenes »Zurück zur Natur« dar, das seit Rousseau immer lebendiger in die allgemeinen Lebensanschauungen hineingetreten ist. Zeitweilig und regelmäßig sich im Freien, in abgeschlossenen Luftbädern oder im einsamen Wald, der Kleider zu entledigen und den nackten Körper bei guter und schlechter Witterung der Luft auszusetzen, das ist eine Klugheit und eine Wohltat zugleich. Ein Kraftzuwachs ist der Gewinn dieser Klugheit. Und wenn das Luftbad mit tüchtiger Bewegung, Laufen, Springen, Turnen oder -- wo es geht -- mit Schwimmen verbunden wird, dann verscheucht es sicherlich alle die wirren sinnlichen Phantasien, unter denen der blasse Stubenhocker leidet. Der gewaltige Bewegungsdrang der Jugend will und muß entladen werden, denn dieser Bewegungsdrang ist ja eben Jugend, und in seiner Betätigung liegt das Geheimnis des Wachstums, der Erstarkung. Wird alles Körperliche, Spiel, Sport, Gymnastik, Schwimmen, Luftbad, Turnen, unterbunden, und zwingen Elternhaus und Schule zur Stillsitzerei hinter den Büchern, dann stauen sich die Jugendkräfte und entladen sich da, wo krankhafte Reizbarkeit ihnen ein Tor öffnet, in der Geschlechtssphäre. Wenn so die drängenden, jugendaufbauenden, lebengestaltenden Kräfte in der Onanie einen Ausweg gefunden haben, dann verlangt der erschöpfte Organismus nicht mehr nach körperlicher Kraftentladung. Dem erschlafften Körper ist das Stillsitzen ein Bedürfnis, eine Wohltat, und aus dem Onanisten entwickelt sich oft in der Schule der blasse, folgsame Streber, der der Stolz des Lehrers ist und den doch das Leben später, wenn er nicht mehr so recht vorwärtskommt, darüber belehrt, daß nicht allein geduldiges Sitzen, sondern Entschlußkraft, Mark und Saft dazu gehören, ein Ziel zu erreichen. Dies sind aber Werte, die durch geschlechtliche Reinheit in der Jugend gewonnen werden.
Besser noch und richtiger als alles, wovon ich oben sprach, besser als Sport, ist die Arbeit, die rauhe körperliche Arbeit. Der Sport hat noch kein Volk groß gemacht, sondern die Arbeit, die harte, rauhe Notwendigkeit. Denn Sport verleitet überall zu Rekordleistungen, zu Übertreibungen, zu Fexerei und -- Schwindel. Der Sport läßt hier und da nichts mehr von seinem inneren Werte merken und ist zum Schaustück, zur Unterhaltung, zum Nervenkitzel geworden. Das beweisen -- die Wetten und der Totalisator. Die Sucht nach wahnsinnigen Gipfelleistungen ist eine Erscheinung der Neurasthenie eines ganzen Volkes. Schlaffe Nerven antworten nur auf starke Reize.