Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart

Part 3

Chapter 33,224 wordsPublic domain

Die Fortpflanzungstätigkeit hat zum großen Teil ihren Strahlpunkt im mittleren (Kreuz-) Teil des Rückenmarks. An den Kreuzschmerzen nach geschlechtlichen Ausschweifungen und bei Geschlechtskrankheiten ist das sehr wohl zu erkennen. Der Grenzbezirk der Geschlechtlichkeit im Rückenmark ist aber nur sehr schwer zu trennen von demjenigen der Verdauungs- (Magen- und Darm-) Tätigkeit. Und diese Tatsache ist einerseits sehr folgenschwer für den Geschlechtsmißbrauch, andrerseits aber ein klarer Beweis für die Richtigkeit der von ~Dr. Damm~ aufgestellten Behauptung, daß der Geschlechtsmißbrauch weit mehr als alle anderen Schäden als die Hauptursache der Degeneration, d. h. des dauernden Kraftverlustes, anzusehen ist. Das gilt für den einzelnen Menschen genau so wie für das ganze Volk.

In der Tat macht sich der Kraftverlust meist zuerst in Störungen der Magen- und Darmtätigkeit bemerkbar. Und die geschwächte Verdauungstätigkeit ist so bezeichnend für das Gesamtbild onanistischer Folgen, daß wir außer der nervösen Schwächung durch den krankhaften Geschlechtsreiz auch eine auf gleicher Ursache beruhende Verminderung der inneren Ausscheidung annehmen müssen. Denn das Nervensystem bringt alle Teile des Organismus zueinander in rege Beziehung, und wenn die krankhafte Geschlechtserregung sich eine Zeitlang dem ganzen Körper mitgeteilt hat, dann tritt in allen Teilen eine gewisse Erschöpfung ein.

Der Magen wird schwach und zeigt Reizbarkeit und eine Art von Launenhaftigkeit, die sich in Merkwürdigkeiten des Appetits äußert. Zeitweilig schwindet der Appetit, zeitweilig aber auch tritt er heftiger hervor, und man vermag zu beobachten, daß mancher geschlechtlich ausschweifende Mensch einen auffallend gesteigerten Appetit hat. Es scheint dann, als wolle die Natur den Verlust wieder ersetzen. Aber da durch eine Herabsetzung der inneren Absonderungen die aufbauende Kraft vermindert ist, so kann die Nahrung nicht »anschlagen«. Trotz guter Ernährung findet sich dann ein Gefühl der Schwäche, der Mattigkeit und Erschöpfung ein, was oft durch das ganze fernere Leben hindurchgeht und oft allein vom Magen seinen Ausgang nimmt.

Auch Darmstörungen, meist Trägheit und Verstopfung, sind bezeichnende Folgen geschlechtlichen Mißbrauchs, und mancher Verdauungsneurastheniker wird gestehen müssen, daß in oder nach den Jahren der Onanie seine Verdauungsbeschwerden und seine Mattigkeit begannen.

Darunter leidet natürlich bald die Ernährung und der Neuaufbau des Körpers, ebenso die Blutbildung und das gute Aussehen.

Die Herz- und Muskelkraft und das Muskelgewebe erleiden eine Einbuße, und die Freudigkeit an der Körperarbeit, an Gymnastik, Sport und Spiel läßt nach.

Es ist wohl zu verstehen, warum gerade ein Organ, wie das Herz, das an allen Erregungen des Körpers und der Sinne direkten und unmittelbaren Anteil nimmt, durch häufige und starke Geschlechtserregungen besonders erschöpft werden muß. In der Tat treten oft schon nach den zwanziger Jahren nervöse Herzbeschwerden auf, zunächst als beschleunigter, oft ganz heftiger, beängstigender Herzschlag sich zeigend, während später eine gewisse Herzschwäche sich einstellen kann.

Der verminderten Stoff- und Säfteumwandlung in den Geweben folgt auch eine Verminderung der Wärmebildung, und leichtes und öfteres Frösteln, Gefühl von Unbehaglichkeit, tritt auf. Kalte Hände und Füße, dazu beide leicht schwitzend, stellen sich ein.

Die Hauttätigkeit kann gleichfalls erschlaffen; denn sie steht in regsten Wechselbeziehungen zu den Nervenzentren und vor allem zu der Geschlechtstätigkeit. Ebenso wie sie durch Rötung, Blutfülle, Schwitzen usw. an den Geschlechtserregungen teilnimmt, wird sich die organische Erschlaffung auch durch herabgesetzte Hautarbeit kennzeichnen. Es fehlt der Haut die pralle, blutreiche Straffheit. Sie beteiligt sich nicht mehr regsam genug am allgemeinen Stoffwechsel, verliert ihre Fähigkeit, sich zusammenzuziehen und auszudehnen und dadurch der wechselnden Witterung und plötzlichen Kälteeinflüssen sich anzupassen. Sie fröstelt leicht, es bilden sich krankhafte Schweiße, und namentlich im Kreuzteil des Rückens ist der Wechsel von heiß und kalt und jenes angstvolle Schwächegefühl oft eine ständige Erscheinung. Die Unreinlichkeiten der Haut, Pickel, Ausschläge, die schon während der jugendlichen Onanie so bezeichnend sind, kann man bei den geschlechtlich erschlafften Menschen oft im ganzen Leben beobachten. Das Haar verliert seinen Glanz und seine Triebkraft, und bald beginnt es grau zu werden oder auszufallen. Daß wir heute Kahlköpfe selbst unter den jungen Leuten sehen, ist kein Ruhmeszeichen für unser deutsches Volk. Denn wenn schon die Jugend Erscheinungen des Alters trägt, dann hat das Volk den Weg abwärts beschritten.

Der Haarausfall hängt ganz sicherlich auch mit der Verminderung der ausdünstenden Tätigkeit der Haut zusammen, deren Gleichmäßigkeit eine notwendige Bedingung der Gesundheit ist. Der durch die erschlafften Gewebe bewirkte unvollkommene Stoffwechsel stellt eine Vergiftung des Körpers durch chemische und gasförmige Stoffe dar, die den Haarboden zerstören. Ebenso bedeutet aber auch die krankhafte Schweißbildung, die in den Folgen des geschlechtlichen Mißbrauches auftritt, eine nervöse und Gewebserschlaffung.

Da nun das Leben und die mancherlei Berufe große Anforderungen an die Nervenkraft stellen, denen der geschwächte Organismus nicht mehr gewachsen ist, so sehen wir bald das Bild der Nervosität in all den trüben Farben, die uns jeder Tag und sozusagen jeder Mensch zeigt. Schlaflosigkeit, Unruhe, Zerfahrenheit, Zerstreutheit, Gedächtnisschwäche, Mangel an Konzentration und Willenskraft, Melancholie und alle diese Feinde eines gesunden, frischen Lebens stellen sich ein, die geistige Schwungkraft und Arbeitsfreudigkeit der Jugendjahre schwinden. Die Denkkraft vermindert sich, und der Kampf zwischen Wollen und Können endet oft in der bitteren und verzweifelten Erkenntnis des Nichtmehrkönnens.

Wie viele sind es schon, die mir diesen beklagenswerten Zustand erzählt haben, viele, die ganz genau wissen, wie geistig munter sie früher waren, und welch ein geistiges Wrack sie nun geworden sind! Wie vielen habe ich in dieser Lage schon Trost und Mut und Rat für eine Lebensführung geben können, die den Körper wieder kräftigt[1].

Auch die Lungen und Bronchien leiden unter den erschöpfenden Erregungen und dem Samenverlust. Ist die Lunge von Haus aus schwach, so kann sie ernstlich erkranken. Ein durch sinnliche Fehler erschöpfter Organismus ist ganz sicher ein besserer Angriffspunkt für die Tuberkulose, für Lungenentzündung und für ungünstige klimatische Einflüsse als ein vollsaftiger Organismus.

Die krankhaften Veränderungen des Seelenlebens, Gereiztheit, Launenhaftigkeit, Übelnehmen, Einbildung, Trübseligkeit und dergleichen machen den Menschen sich selbst und gegenseitig das Leben schwer.

Wenn wir dann diese Veränderung des Charakters und die Abschwächung des Willens sorgfältig beobachtend verfolgen, so ist es durchaus einleuchtend, daß bei einem so untergrabenen körperlichen und sittlichen Fundament gewisse angeborene krankhafte Neigungen, wie Unverträglichkeit, Gehässigkeit, Neid, Trägheit, ja selbst verbrecherische Triebe, eine Steigerung erfahren können. Der Mensch und sein Leben sind nichts Fertiges und Unveränderliches, sondern sind ein immerwährendes Werden, ein Etwas, das sich aus Anlage und äußeren Einflüssen werdend ergibt. Sind die körperlichen Grundlagen erschüttert und die sittlichen Hemmungen geschwächt, so wird es einer krankhaften oder verbrecherischen Neigung leichter gemacht, zu triumphieren. Das erscheint mir durchaus logisch und bestätigt sich auch durch die Erfahrung. Überall hat die Onanie einer schlechten Anlage Vorschub geleistet.

Und wenn dann dem großen Wollen und Wünschen im Leben sich Schwäche und Krankheit in den Weg stellen, wenn die frühzeitige Erschlaffung sich körperlich und geistig bemerkbar macht und der Organismus, den Blick auf das Lebensziel gerichtet, auf halbem Wege zusammenbricht, dann zieht oft trostlose Verzweiflung ins Gemüt. Reue und Selbstanklagen zermartern den Sinn; denn es wurde ja vorzeitig im Leben die Kraft vergeudet, die all dies große Wollen zur Tat werden lassen sollte.

Die Reizempfänglichkeit des Körpers wird mehr und mehr auf geschlechtliche Eindrücke eingestellt, und er beantwortet schließlich mit geschlechtlicher Erregung auch solche Reize, die keinerlei geschlechtlichen Charakter tragen und an einem gesunden Organismus spurlos vorübergehen. Diese häufige Geschlechtserregung halten viele in einem bedauerlichen Wahn für Kraft. Sie ist aber meist das Gegenteil, ist nervöse Schwäche.

Diese häufigen Erschütterungen von Rückenmark und Gehirn, an denen alle Organe, Herz, Lungen, Magen, Leber, Haut usw. teilnehmen, können schließlich jene äußerste Schwächung des Nervensystems im Gefolge haben, die wir als Neurasthenie kennen, und die mit ihren Erscheinungen endlich auch in das geschlechtliche Leben hineinragt, weil sie die geschlechtliche Kraft zu vermindern und mancherlei Störungen hervorzurufen vermag.

Von diesen Störungen erwähne ich vor allem die Pollutionen, jene nächtlichen Samenergüsse, die als Zeichen der Lendenmarksschwäche häufiger auftreten. Sie werden ausgelöst durch viele äußere und innere Reize, die an sich ganz unbedeutend sein können und beim Gesunden auch tatsächlich keinen Eindruck machen. Hier aber wird der Schlaf sehr durch wollüstige Träume gestört, und Samenergüsse vermehren die allgemeine Mattigkeit und das Gefühl des körperlichen Elends.

Der durch die sinnlichen Verirrungen bewirkten krankhaften Geschlechtserregung folgt fast mit Sicherheit im späteren Leben ein frühzeitiges Sinken der Geschlechtskraft. Und dieser disharmonische, unnatürliche Zustand, der das ganze Volk durchzieht, raubt den Menschen viel Liebesglück und Daseinsfreude und den Ehen sehr viel, oft alles, von der inneren Poesie.

Bei der ausgedehnten und sehr feinen Durchnervung des gesamten Geschlechtssystems muß ja das Nervensystem unter geschlechtlichen Fehlern am meisten leiden. Das macht sich in der oft so grenzenlos matten und verzweifelten Stimmung bemerkbar, in ihrer raschen Wandelbarkeit und Sprunghaftigkeit, sowie in einer Reizbarkeit oder Abgestumpftheit der Sinne. Namentlich Augen und Ohren leiden. Denn während einerseits Sehschwäche, und zwar Kurzsichtigkeit, ganz sicherlich in vielen Fällen auf heftige Onanie zurückzuführen ist, finden wir andrerseits das Ohrensausen als ein ganz außerordentlich verbreitetes Zeichen nervöser Störungen. Auch der Geschmack leidet und richtet sich darum oftmals auf ganz merkwürdige Dinge. Vor allem ist oft das Sättigungsgefühl verloren, und dadurch kommt es zu überstarker Nahrungsaufnahme.

Nicht jeden trifft's so schwer. Und wen die Vererbung mit großer Kraft bedachte, der vermag noch Leistungsfähigkeit ins spätere Leben hinüberzuretten. Aber doch sollte niemand die Gefahr verkennen und mit leichtem Sinn und scherzendem Wort über diesen tiefinneren Zusammenhang zwischen Geschlechtskraft und Lebensaufbau, zwischen Geschlechtsmißbrauch und Lebenszerfall hinweggehen.

Wer nicht direkt und unmittelbar den Schaden der Kraftvergeudung verspürt, der darf darum nicht sagen, es habe ihm gar nichts geschadet. Denn in den Gesetzen des Nervenlebens liegt es, daß die feindseligen Reize zunächst eine Kraftsteigerung bringen, der aber früher oder später das Niedergehen der Kraft folgt. Der Kräftige hat freilich mehr Widerstand als der Schwächling, aber wohl jeder wird an einen Zeitpunkt gelangen, wo mit einem Male seine Widerstandskraft gegen Arbeit, Unruhe, Klima und Temperatur, schwerere Speisen, Ärger und dergleichen geringer wird und er mehr oder weniger klar empfindet, wie eng das mit der Kraftverschleuderung in den Jugendjahren zusammenhängt.

Das Geschlechtsproblem löst sich nicht allein in der Zeugung und Fortpflanzung. Nach außen zwar läßt die Geschlechterliebe in der Tiefe der Leidenschaft ein neues Menschenleben entstehen. Aber ich wies schon darauf hin, daß in ihrer inneren Wirkung die Geschlechtlichkeit sowohl den männlichen wie den weiblichen Charakter ausgestaltet. Werden die Organe, in denen der Zeugungsstoff entsteht, also beim Manne die Hoden (Samenbereiter), auf operativem Wege entfernt, wie es bei der Entmannung in den morgenländischen Völkern und teilweise auch bei abendländischen geschah und geschieht, so sehen wir von derselben Stunde an eine völlig andere Entwicklung des betreffenden Individuums. Es entsteht ein von Grund aus anderer Charakter, der etwas Rückschrittliches, Unentwickeltes, darstellt und teilweise unangenehme Züge aufweist.

Hier haben wir einen glänzenden Beweis für die entscheidende Bedeutung des Geschlechtlichen im Menschenleben. Und wir erkennen, daß der Geschlechtsmißbrauch auch eine Art Entmannung ist; denn er ist Verlust der Kraft auf andere Weise.

Die Wissenschaft hat den hochwichtigen Beweis erbracht, daß der Körper in seinem Innern außer den Keimzellen in den Keimdrüsen noch durch einige andere Drüsen, die an der Entstehung des Geschlechtsempfindens mitbeteiligt sind, einen chemischen Stoff erzeugt, der im ganzen Körper anregend und belebend wirkt. Darum verstehen wir, warum die aufkeimende Liebesempfindung des einen Menschen zum andern so wunderbar fördernd auf ihn selber wirkt. Darum eben erkennen wir in dem Liebes- und Geschlechtsempfinden die Quelle alles Empfindens, alles Denkens und aller Kraft überhaupt. Es ist der geheimnisvolle Urquell all der wunderbaren Spannung, die die Jugend vor dem Alter auszeichnet. Gerade darum aber wirst du auch verstehen, warum diese jugendliche Spannung, diese Kraft und Frische, dieser schnell erfassende Geist, dieser rasche Entschluß, dieser feste Wille, dieser Reichtum des Empfindens, warum das alles schwinden und der trübseligen Schwäche Platz machen muß, wenn in der häufigen Onanie die Zeugungskeime verschwendet werden und jenem wunderbaren chemischen Lebensstoff der Weg zu seiner Wirksamkeit verlegt wird.

Von allen Seiten türmen sich Gründe auf, aus denen du selbst den Schluß ziehen kannst, daß die geschlechtliche Reinheit, das Freisein von geschlechtlicher Ausschweifung, die wichtigste Entwicklungsfrage deiner Jugend ist.

8.

Die Hoffnung auf neue Kraft.

Glaube nicht, daß ich in irgendeinem Punkte übertrieben habe, oder daß ich nur deshalb übertrieb, um dich von falschem Tun abzuschrecken. Und wenn du schon ein Opfer krankhafter geschlechtlicher Erregungen wurdest, so möchte ich nicht, daß meine Worte in dir Verstörung, Angst und Verzweiflung erregen. Das, was geschah, war nicht gut, war schädlich. Gewiß! Aber laß es dich nicht niederdrücken! Trage nicht die Ketten trüber Erinnerungen mit dir herum, sondern schau auf die nächste Zukunft. Wir Menschen irren viel. Und wenn's geschah, soll die Erkenntnis niemanden niederdrücken, sondern Mut und Entschluß geben zu einem kraftvolleren, gesunderen Leben. Der Wille zum Guten muß vorhanden sein, der rasche, frische Wille. Laß dich das Bild der Folgen nicht niederdrücken, aber laß es dir den energischen Entschluß geben, von heute ab den ruhigen, verständigen Kampf gegen die einsame Verirrung aufzunehmen.

Zähme deine Ungeduld und lasse nicht erneute Trostlosigkeit einziehen, wenn die Schäden der Verirrungen nicht gleich verschwinden. Es braucht dazu oft viel Zeit und viel Geduld. Nicht jeder kehrt wieder zur ursprünglichen Kraft zurück. Wenn's auch bei dir so ist, so wisse, daß dein Leben sich den krankhaft veränderten Verhältnissen in deinem Organismus anpassen muß. Verringerte Kraft bedingt ein weniger ergiebiges Leben. Dies alles, also die Grundlagen deiner zukünftigen Lebensweise, lernst du kennen aus _Dr._ ~Alfred Damms~ Reizlehre, und du kannst sie aufmerksam studieren in meinem Buche »Der nervöse Mensch«.[2]

Lasse dich nicht täuschen durch die Anpreisung von Heilmitteln und von Stoffen, die entweder nur vorübergehend als Reiz wirken und Gesundung vorspiegeln oder aber einige Erscheinungen unterdrücken und dadurch zu einem weniger sorgfältigen Leben Anlaß geben, während doch zugleich die Schwäche weiter und geheimnisvoller sich im Körper einnistet. Viele solcher Mittel und Medikamente erhöhen nur den Geschlechtstrieb. Aber es folgt später eine um so tiefere Erschlaffung. Die Gesundung und Kräftigung kann immer nur aus dem Organismus selbst kommen, aus seinem verbesserten und vorsichtig überwachten Lebensbetrieb. Das ist ein zwar langer und langsamer Weg, aber einer, der sicher zum Ziele führt. Versuche nur niemals durch Reizmittel und starke Antriebe irgendwelcher Art deine Schwäche zu überwinden. Denn oft liegt gerade in dem Gefühl der Schwäche ein Bestreben des Körpers, Herr zu werden über einen krankhaften Vorgang, einen Überreiz zu beseitigen, eine besondere Anpassung oder Absonderung zu bewirken. Aus jenem obengenannten Buche über das Nervenleben wirst du erkennen, daß der Organismus ein einheitliches Getriebe ist, und daß alle günstigen oder ungünstigen Einflüsse nicht nur ein einzelnes Organ, sondern das ganze System treffen. So kann also die Kräftigung nur eine allgemeine organische, langsame, aber umfassende sein.

9.

Die Kräftigung nach jugendlichen Verirrungen. Die Bekämpfung krankhafter Sinnlichkeit.

Was soll ich nun tun, um mich wieder zu kräftigen? Und wie werde ich des Triebes Herr, der mich quält und unruhig mir im Fleisch sitzt? --

Diese Frage liegt dir auf den Lippen, und ich höre sie von Tausenden deiner Altersgenossen. Auch darüber wollen wir sprechen.

Der Trieb kommt aus dem Fleische, aus dem chemisch-physikalischen Getriebe des Körpers, und darum ist es wohl ein Gebot der Klugheit, ihm zunächst mit den Waffen der körperlichen Pflege und der gesundheitlichen Zucht beizukommen.

Das wird nicht von allen Seiten anerkannt, und es gibt Leute, die viele Worte machen und dicke Bücher schreiben, und entweder an der Onanie und den einsamen Leiden junger Menschen mit ein paar Worten vorbeigehen oder aber das Körperliche dabei kaum beachten. Ich will diesen Leuten keinen Vorwurf machen, so sehr der Ernst der Sache es rechtfertigen würde. Aber ich sage es, um dich ganz besonders auf die körperliche Entstehung des Geschlechtstriebes und damit auf die körperlichen Heilungsmöglichkeiten der Onanie hinzuweisen.

Pflege deinen Körper! Halte dich gesund und frisch und straff! Ich sagte dir schon, daß ein geschwächtes und darum reizbares Nervensystem den sinnlichen Anreizen, die von überall herkommen, und die man nicht alle abwehren kann, keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag. Es erliegt der geschlechtlichen Erregung. Der gesunde Körper, der Mark und Saft hat, bleibt eher im Gleichgewicht. Alles Gesunde ist in sich ruhig.

Was gehört zur gesunden Lebensführung?

Nichts weiter, als die einfache Befolgung der Naturgesetze, die sich für den Menschen aus der vergleichenden Naturbeobachtung ergeben. Ein gesunder Gebrauch der Kräfte und Organe, damit sie in ruhiger, gleichmäßiger Anstrengung erstarken.

Aus Atmung, Ernährung, Muskelarbeit und Ausscheidung setzt sich das körperliche Leben zusammen.

Atme planmäßig, tief und ergiebig. Besser, als du es bisher getan, und gründlicher, als es die meisten Menschen tun. Atmung ist Leben. Die Atmung ist die dynamische, das heißt die Antriebskraft für den ganzen Organismus. Von hier aus gehen die feinen Schwingungen, die überall die Organe zur Tätigkeit anregen. Der Atem ist Stoffwechsel. Denn wir entnehmen der Luft den belebenden Sauerstoff, das Brennmaterial des Lebens, und befreien im Ausatmen den Körper von der giftigen Kohlensäure. Die Kohlensäure ist ein lähmendes Gift, das, wenn es zurückgehalten wird, den Körper erschlafft, den Aufbau in den Geweben hemmt, den Geist träge macht und durch all dies der Geschlechtserregung die Tore öffnet. Tiefes Atmen, namentlich energisches Ausatmen, befreit den Körper von der Kohlensäure.

Darum atme grundsätzlich dreimal jeden Tag etwa 10 bis 15 Minuten lang tief und ergiebig ein und aus. Etwa morgens gleich nach dem Erwachen, mittags vor dem Essen und abends vor dem Schlafengehen. Nimm dabei eine aufrechte Haltung mit zurückgebogenen Schultern an, und wenn du glaubst, gut ausgeatmet zu haben, dann versuche zum Schlusse noch -- ohne neuen Atem zu nehmen -- den Buchstaben _e_ langsam singend herauszupressen, solange du kannst, dann wird der letzte Rest verbrauchter Luft aus der Lunge entfernt sein, und du kannst die wundersame Saugkraft deiner Lungen wieder in einem nun um so tieferen Atemzug bewundern.

Du wirst mir für diesen Rat dankbar sein, wenn du erkennst, welche Wunder solch ein tiefes, planmäßiges und vor allen Dingen tägliches Atmen an Körper und Geist zuwege bringt.

Die zweite -- und sicherlich die wichtigste -- Forderung liegt in der Ernährung.

Die Nahrung soll den Körper aufbauen, ihm seine Wohlgestalt und die Kraft zur Arbeit geben.

Als die erzeugende Substanz der Kraft gilt das Eiweiß. Und weil davon das Fleisch besonders viel enthält, so ist seit langem in der Wissenschaft, und von da aus in den allgemeinen Anschauungen, der Satz feststehend, daß Fleisch = Kraft sei. Die praktische Folge davon ist, daß alle Welt gern und viel Fleisch ißt. Je mehr das Volk in seiner Gesamtheit degeneriert, desto mehr sucht es durch Fleischnahrung seiner sinkenden Kraft aufzuhelfen.

Das ist verständlich, so groß auch wohl der Irrtum ist. Und die Vegetarier, das sind die ohne Fleisch und nur von Pflanzenkost lebenden Menschen, haben durch glänzende Siege bei sportlichen und gymnastischen Veranstaltungen längst jenen alten Satz der Medizin widerlegt. Unter den Siegern bei solchen Veranstaltungen sind die meisten Vegetarier.

Jedes Nahrungsmittel hat seine ganz bestimmte chemische Zusammensetzung, und jeder von diesen chemischen Stoffen hat eine besondere Wirkung auf den Körper und damit auch auf den Geist. Sie können nun so wirken, daß sie die Blutbeschaffenheit beeinflussen, oder so, daß sie direkt das Nervensystem erregen, und schließlich so, daß sie bei der Ausscheidung ihrer Stoffwechselreste durch die Nieren ~reflektorisch~ erregen, d. h. erst die Schleimhäute der Harnwege und von diesen aus die Geschlechtsnerven erregen. In jedem Falle kann ein erregender Einfluß auf die Geschlechtsempfindungen zustande kommen, und das können wir vom Fleisch mit Bestimmtheit behaupten.

Es wäre mit dem Fleisch nicht gar so schlimm, wenn man nicht zwei Übelstände nebeneinander sich ausbreiten sähe. Die Grenzlinie für eine normale, ausreichende Ernährung hat sich längst verschoben, und die Menge dessen, was viele Menschen essen, geht weit über das Maß des für sie Zuträglichen hinaus. Namentlich wird zu viel Fleisch gegessen. Andererseits fehlt aber das für eine solch starke Nahrungsmenge notwendige Maß von Bewegung, zumal Fleischnahrung an und für sich träge macht. So kommt also eine schädliche Wechselwirkung zustande.