Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart

Part 2

Chapter 23,510 wordsPublic domain

Es gab eine Zeit, da erzählte man dir vom Storch, der die kleinen Kinder bringe und sie aus dem Brunnen oder einem großen Teich hole. Ja, ja, aus dem großen Meer der Schöpfung sind sie ja gekommen; aber es war nicht jener Verlegenheitsstorch der Fabel, der sie brachte, sondern die Liebe, die geschlechtliche Verbindung deiner Eltern, die den Werdekeim entfachte. So wie die Natur für alles in unserem Tun ein bestimmtes Organ, ein Körperglied mit einem besonderen Zweck, schuf, wie sie uns zum Gehen Beine und Füße, zum Greifen Arme und Hände, zum Sehen die Augen, zum Kauen die Zähne gab, so verlieh sie auch dem gewaltigen Sehnen nach Liebe und Zeugung, das die Menschen in sich tragen, bestimmte Organe, durch die der Wille der Natur und das Liebesgefühl der Menschen einen körperlichen Ausdruck finden kann. Diese Geschlechtsorgane sind bei Mann und Frau ganz verschieden. Sie liegen teils außerhalb, teils innerhalb der Leibeshöhle, teils sind es Brutstätten, Werkstätten für die Erzeugung der Keimzellen, teils Wege, diese Keimzellen zum Ausstoßen und zur Vereinigung zu bringen. Beim weiblichen Organismus liegen in der Leibeshöhle die sogenannten Ovarien, die Eierstöcke, in denen während einer Fruchtbarkeitszeit von etwa 30 Jahren rund 400 Eichen (das ist allmonatlich eins) reifen und ausgestoßen werden. Beim Manne wird der Samen in den beiden Hoden bereitet, aber nicht nur 400 Samenzellen, sondern viele Millionen. Die Geschlechtserregung nun, die den erwachsenen Menschen von Zeit zu Zeit ergreift, läßt alle Empfindung in die Geschlechtsorgane strahlen. Alle Wünsche schweigen. Alle Kräfte von Körper und Seele beugen sich dem großen Zeugungswillen der Natur und konzentrieren sich im Zeugungsakt. Die Geschlechtsorgane vereinigen sich, und die männlichen Samenzellen werden ausgestoßen in die weiblichen Organe und suchen in großer Zahl das weibliche Ei. Aber nur die stärkste Samenzelle, die die größte Kraft und Lebensenergie hat, erreicht -- allen anderen voraus -- die Eizelle, durchbohrt sie, und die Befruchtung ist geschehen. Jeder weiteren Samenzelle ist dann der Eintritt verwehrt.

Hier sehen wir im kleinen und doch so gewaltig-großen Zeugungswunder, daß das Leben sich immer nur aus der verhältnismäßig größten Kraft aufbaut, daß darum der Stärkste und Beste das größte Recht auf Leben und Zeugung besitzt. Der Kampf der Samenzelle um die Eizelle ist wie eine Darstellung des menschlichen Lebenskampfes.

Obwohl das alles so natürlich, so groß und schön ist, hat man dir die Wahrheit nicht sagen wollen, ist alle Welt mit der Geschichte vom Storch, mit Unsicherheit und Verlegenheit, um dich herumgegangen. Warum? wirst du fragen.

Das hat zweierlei Gründe, einen guten und einen schlimmen. Der gute liegt in der Sache selbst. Das Geschlechtsempfinden gehört nicht dem lauten Lärm des Alltags. Der feinfühlende Mensch wird das, was in Schönheit und geheimnisvoller Spannung in seinem Innern aufkeimt, was ihm das Herz zum Springen füllt, und was so viel Sehnsucht in ihm reifen läßt, er wird das alles nicht mit nüchternem, lautem Wort in den Kreis der alltäglichen Dinge ziehen. Dies Geschlechtsempfinden, das soviel ganz Persönliches, soviel unaussprechlich Feines und Zartes in sich birgt, wird dem feinfühligen Menschen sein Allerheiligstes sein, das er der Welt und der Neugierde anderer verbirgt. Darum ist das Geheimnisvolle im Geschlechtsleben eben gerade das Menschliche, die ästhetische Verfeinerung eines im Anfang rohen und wilden Triebes. Diese ästhetisch-geheimnisvolle Umschleierung ist unlösbar mit unserem Glücksbestand verbunden; denn das Geschlechtliche, das zugleich Urgewalt und feinste Kulturblüte ist, enthüllt so sehr das innerst Persönliche eines Menschen, daß es sich nur schwer in Worte fassen läßt. Zwischen starken Empfindungen und ruhig-erklärenden Worten liegt immer ein Widerstreit. Darum rang man nach Worten, um dir die Wahrheit über das Geschlechtliche zu sagen, und schließlich fand man die Worte nicht und darum auch nicht den Mut.

Der andere und schlimmere Grund aber ist der, daß der Geschlechtstrieb in der Allgemeinheit des Volkes überstark und krankhaft geworden ist und sich nun dem Leben und der Persönlichkeit als etwas Feindseliges entgegenstellt. Man fürchtet, ihn durch Belehrung zu wecken, und glaubt, ihn durch Schweigen im Zaume zu halten. Das ist ein Irrtum.

Der große und manchmal so hoffnungslose und traurige Kampf mit dem krankhaft gesteigerten Geschlechtstrieb brachte die tiefe Zweiteilung von »Fleisch« und »Geist«. Die Sinnlichkeit wurde »Sünde« genannt. Und sie ist doch nur Natur. Dieses feindselige Denken gegen die Geschlechtlichkeit hat die Prüderei geboren, die ängstlich darüber wacht, daß auch nicht eine Silbe über diese Dinge gesprochen werde, und die doch weiß, daß viel Häßliches geschieht.

Es ist nicht gut, etwas, was in der Natur liegt, für unnatürlich und »sündig« zu halten; denn damit geraten wir in Zweifel. Und wenn dieses Etwas dann als ein starker Trieb in uns Menschen groß wird, das mit unserem Wesen, unserem Charakter sich verbindet und zuzeiten uns ganz allein auszufüllen scheint, so ist es richtiger, einen festen, klaren Blick dem Geschlechtlichen gegenüber zu behalten, um es zu beherrschen und zu bemeistern, nicht aber ängstlich, prüde und verlegen zu sein, den Trieb für tierisch zu halten und dadurch von einem Konflikt in den andern zu stürzen. Schließe dich nicht dieser unwahren, lebensfeindlichen Denkart an, sondern erkenne im Geschlechtstrieb die Quelle alles Empfindungslebens, erkenne ihn als die Grundmauer des Lebens und die treibende Kraft aller Entwicklung. Sage nicht, daß er tierisch und häßlich und sündig sei, sondern daß durch ihn der Mensch erst wahrhaft Mensch wird, daß durch ihn der göttliche Wille des Schöpfers in jeden einzelnen Menschen gelegt worden ist, und daß gerade im Liebesgefühl und im Liebesleben der Reichtum der Menschennatur sich entfaltet, so wie im Blütensegen des Frühlings die Natur in ihrer Schöpferkraft jubelt.

Verstehe mich nicht falsch! Du sollst dem Geschlechtstrieb stark und ehrlich und mutvoll gerade ins Auge sehen. Sollst ihn erkennen als das Schöpfungswunder der Natur und als die in dich selbst gelegte Schöpferkraft, mit der du dem Willen der Natur dienen sollst. Aber darum darfst du nicht sagen: »Dieser Trieb ist mein Recht! Habt ihr prüde jedes Wort von ihm vermieden, so ist er doch in mir emporgewachsen, und nun lebt er in mir, und ich will und darf ihn betätigen.«

Schau um dich in der Natur! Auch die jungen Bäume treiben Blüten, aber sie tragen noch keine Frucht. In der Natur herrscht ruhige und langsame Entwicklung; denn nur die Ruhe ist Kraft. Alles vorschnell Entwickelte trägt schon den Verfall in sich. Wenn im Geschlechtlichen das Leben sich aufbaut, dann muß auch gerade das Geschlechtliche den Zerfall bringen, wenn es dem Mißbrauch entgegentreibt.

~Das ist die große Wunde am Leben der Völker: der Geschlechtsmißbrauch!~ Daran sind sie zugrunde gegangen, die Kulturvölker des Altertums, und das ist es, was heute noch die Völker zerstört: die Vergeudung der Geschlechtskraft!

~Denn Geschlechtskraft ist Lebenskraft!~ Wer das eine verschwendet, der zerstört das andere. Aus dem Geschlechtsmißbrauch kam die Degeneration in die Völker. Die Geschlechtlichkeit, die der Kraft und dem Aufstieg des Lebens dienen sollte, wurde dem Menschen zum Verhängnis, ja zum Fluch. Die Sünden der Väter wurden heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.

Von allen Lebewesen ist der Mensch das einzige, dessen Geschlechtstrieb unter die Herrschaft der Vernunft gestellt wurde. Indes:

»Er nennt's Vernunft und braucht's allein, Um tierischer als jedes Tier zu sein!«

Gerade die ideale Verbindung des Körperlich-Sinnlichen mit der Gesamtheit geistigen Lebens, eine Verbindung, die so viel Schönheit und so viel Möglichkeiten kluger Beherrschung und sittlicher Gesetze in sich birgt, ist verhängnisvoll geworden; denn das Geistige (Gedanke, Empfindung, Vorstellung, Kunst) wird zum Einfallstor des Sinnlichen, und bei gar zu vielen liegt die Vernunft in ewiger Fehde mit dem sinnlichen Trieb.

Das ist es, was so viel schwüles Schweigen erzeugt: Die lüstern lockende Geschlechtsempfindung im Innern, mit der man ringt, und das böse Gewissen, die trübe Erinnerung an vieles, was nicht gut war.

Aber soll das weiter und immer so bleiben? Sollen wir ruhig danebenstehen, wenn starke und mannhafte Geschlechter im Geschlechtsirrtum ihre Kraft verlieren? Wenn wir sehen, daß junge Menschen durch krankhafte Erregungen zur Erschöpfung getrieben werden?

6.

Die Verirrungen der Jugend.

Alle Welt kennt das große und traurige Geheimnis, das junge Menschen mit sich herumtragen, das drückende Geheimnis der Geschlechtsverirrung, der Onanie. Nur ganz wenigen ist der Sinn frei davon geblieben, und diese kennen nicht den bitteren Kampf, den der sittliche Wille mit dem Triebe führt, der sich quälend und entnervend im Körper und in den Sinnen breit gemacht hat. Immer wieder rafft man allen Willen zusammen, immer wieder bäumt sich der Stolz auf, und man sagt »Ich will nicht«, aber so oft ist dieser Trieb der Stärkere. Es ist wie ein Ringen um die Oberherrschaft. Je schwächer das Nervensystem und je nachgiebiger und schlaffer das Denken, desto mehr reißt der sinnliche Trieb die Oberherrschaft an sich.

Ein offenes, freies Wort würde den Kampf mildern, ein Freund, ein Vertrauter, dem man von sich in diesen Dingen sprechen kann, würde die seelische Bedrücktheit verscheuchen und den Mut heben können. Aber alle jungen Menschen sind ratlos, tragen ihr Geheimnis weiter mit sich herum und -- verfallen weiter in der Einsamkeit dem wühlenden sinnlichen Trieb.

Dies traurige Schauspiel muß vor allen Dingen der Einsamkeit und dem Schweigen entrissen werden. Man muß darüber sprechen, deutlich und ernsthaft, damit der Vergeudung der Lebenssäfte Hemmnisse in den Weg gelegt werden, damit die geschwächten Körper wieder frischer und gesunder, der Wille wieder zuversichtlicher, der Mut wieder froher und das Auge wieder klarer wird. Es soll alles aus dem Leben heraus, worüber man sich schämen muß.

Die Onanie tritt oft schon in sehr frühem Alter auf. Desto gefährlicher ist sie. Dann handelt es sich aber um einen Organismus, der wahrscheinlich erblich geschwächt ist, eine »nervöse Anlage« hat.

Solch ein geschwächter Organismus ist ungemein empfänglich für alles Sinnliche. Worte, Bilder, die auf das Erotische Bezug haben, sind wie ein Feuerfunken in einen Strohhaufen. Ja, wie mit einem schwülen Drang wird aus allen Gesprächen, aus Bildern und Büchern das Geschlechtliche hervorgesucht. Diese grüblerisch-ungesunde Art raubt dem Betreffenden viel frischen Sinn für das Wirkliche, viel Arbeitskraft und Lebensfreude. Immer lenkt das Geschlechtliche seinen Blick ab, und es ist nicht jeder unter den jungen Menschen stark genug, sich frisch loszureißen von der schwächlich-lüsternen Phantasiearbeit.

Gehirn und Zeugungsorgane scheinen sich da in einem schwächlichen und verderblichen Reizabhängigkeitsverhältnis voneinander zu befinden. Und oft ist es so, daß die Betreffenden von sinnlichen Bildern geradezu verfolgt werden, daß sie harmlosen Worten eine sinnliche Bedeutung geben, daß sie ein angeschautes Bildwerk oder eine Plastik zu sinnlichen Vorstellungen gebrauchen, daß sich in die Lektüre, in das Studium, in das Anhören eines Vortrages oder namentlich der Musik ein bestimmtes erotisches Bild einschiebt, von dem sie nur schwer wieder loskommen. Gewisse angeborene Neigungen, die sich am Gesicht oft erkennen lassen, spielen hier eine Rolle. Das ganze Leben scheint da in die fieberhafte Geschlechtserregung hineingezogen zu werden, und die Gefahr der Selbstbefleckung rückt immer näher.

Nicht lange dauert es, dann kommt es zu Berührungen der Geschlechtsteile, in denen diese Empfindungen sich konzentrieren. Durch diese Berührungen und Bewegungen kommt es zum krampfhaften, konvulsivischen Höhepunkt geschlechtlicher Erregung, und zum ersten Male findet beim Knaben ein Verlust von Samenflüssigkeit, beim Mädchen eine starke Absonderung gewisser Drüsen statt.

Warum hat dir bisher niemand die Gefahr gezeigt? Warum antwortete man deiner stummen Frage nicht und gab dir Anlaß, dich mit deinen Bekannten oder mit anderen insgeheim über diese Dinge zu besprechen? Und wie es so oft vorkommt, kam's vielleicht da zur Verführung. Ältere Schulkameraden oder häßlich denkende andere Menschen, Dienstboten, Arbeitsgenossen usw. vergnügen sich oft damit, in den jüngeren den geschlechtlichen Sinn zu wecken. Wenn's eine Strafe für sie gäbe, könnte sie nicht scharf genug sein.

Gar zu viele wissen davon zu berichten, daß in der Jugend die Dienstboten für sie die Lehrer dieser geheimen Fehler gewesen sind, und sie fühlen es ganz genau, welch ein Maß von Kraft sie dabei eingebüßt haben. Die besonderen Brutstätten dieser geheimen Verfehlungen aber sind die Schulen. Und man sieht, wie das Übel sich in den Klassen forterbt, wie es von einem frivolen Schüler, einer Schülerin, durch Verführung auf die anderen übergehen kann. Ja, die jüngeren denken sich nicht einmal was dabei, wenn die älteren sie dazu verleiten, an versteckten Orten mit den Geschlechtsorganen zu spielen, bis dann der geweckte Trieb sich schwer wieder eindämmen läßt und die Erregungen zur willkürlichen Gewohnheit werden. Das trübe, schlaffe, verlegene Aussehen, der unreine Teint vieler Kinder sollten Eltern und Lehrer darüber belehren, wie dieses Übel der Selbstbefleckung gerade in den Schülerjahren und in den Schulen ausgebreitet ist.

Hüte dich, mit deinesgleichen oder überhaupt mit anderen über das Geschlechtliche zu sprechen, wenn du nicht weißt, daß sie dir wohlwollen.

Und meide alle jene lüsternen, schmutzigen Unterhaltungen, die sich nur um das Geschlechtliche bewegen. In Schulen, Internaten, Seminaren sind die Gespräche der Schüler, wenn sie allein sind, oft von beschämender und empörender Häßlichkeit, und man kann es kaum fassen, wie das Schamgefühl so weit erstickt werden konnte. Die Lüsternheit verzerrt die Mienen, und die Unsauberkeit des Denkens weicht oft nicht mehr von dem Gesicht. Halte deine Phantasie rein von schmutzigen Vorstellungen, dein Denken gesund! Weise die leichtsinnigen Zungen ernst und überlegen zurück und stelle eine geistige Scheidewand zwischen dich und sie! Beschäftige dich auch nicht mit sinnlich erregender Lektüre oder lüsternen Bildern, die oft geheimnisvoll unter den Schülern und Schülerinnen verbreitet werden.

Wenn Eltern wüßten, in welch eine sinnlich schwüle Atmosphäre sich Kinder verirren, sie würden offenere Augen haben und die Gefahren abzulenken suchen, ehe es zu spät ist.

Die Reue über das Falsche und Schädliche, was man getan, läßt die Erinnerung daran wachbleiben.

Und es ist zu beobachten, daß wohl alle jungen Menschen Scham empfinden. Die fröhliche Offenheit, mit der sie sonst alles Tun vollziehen, macht vor ihren sinnlichen Fehlern halt; denn hier sagt schon ohne alle äußerliche Belehrung der natürliche Instinkt, daß man Unrechtes tut, und diese geheimnisvolle Triebverirrung sucht stets ein Versteck. Ja, das Bewußtsein des Unrechttuns ist so lebendig, daß bei den jungen Menschen oftmals das schlechte Gewissen sich in dem scheuen Blick kundgibt, der nichts mehr hat von der reinen, unschuldigen Natürlichkeit eines Kinderauges. Sie glauben sich beobachtet und in ihrem geheimen Treiben erkannt und werden deshalb oft verwirrt und untauglich für gesellschaftlichen Umgang. Sie lieben es, allein zu sein, zu grübeln, weil sie mit der Geschlechtskraft zugleich jene antreibenden Kräfte erschöpfen, welche einen jungen Menschen in das Leben hinaustreiben und seine sozialen Fähigkeiten entwickeln.

So ist aus der Erschöpfung der in sozialer Hinsicht antreibend wirkenden Geschlechtskraft durchaus jene geistige und gesellschaftliche Unfreiheit zu erklären, die den richtigen Onanisten oft durch das ganze Leben hindurch verfolgt. In gesunder Geschlechtskraft liegen die Wurzeln zu sozialer Entwicklung. Der Verlust der Lebenssäfte untergräbt die Energie, und das drückende Bewußtsein des geheimen geschlechtlichen Unrechts prägt sich störend und hemmend der Persönlichkeit und dem ganzen Auftreten der Betreffenden auf. Je fester aber diese einsame Triebverirrung den jungen Menschen umklammert, desto schwerer wird es, von der unsauberen Gewohnheit zu lassen.

Je häufiger ein menschlicher Trieb rein körperlich und losgelöst von seinen geistigen Beziehungen betätigt wird, desto mehr sinkt er ins Körperliche hinab und verliert seine geistige Beherrschung.

Immer wieder triumphiert der dumpfe, schwüle Geschlechtsdrang über den sittlichen Willen, und jede Niederlage schwächt den Glauben an die eigene sittliche Kraft, zumal jeder einzelne Akt der Onanie die allgemeine Kraft verringert und die nervös-geschlechtliche Erregbarkeit vermehrt. Dann sieht es oft verworren und trostlos im Innern solcher Menschen aus. Und mancher hat schon vor mir gestanden mit tränendem Auge und zuckendem Munde, weil die Scham über seine Schwäche ihm namenlose Qual verursachte.

Der Onanist träumt sich selbst in die Gewalt der sinnlichen Empfindung hinein und treibt dadurch jedesmal wieder seinem Fehler entgegen. Und doch wäre es ratsamer, wenn er sich vorher jenen Zustand von Mattigkeit, herabgesetzter Spannung, schwächerer Atmung und Herztätigkeit, Reue und sittlichem Elend vorstellen wollte, der dem Samenverlust folgt. Dies Bild wäre wohl imstande, seine sinnliche Erregung zu verdrängen.

7.

Die Folgen der sinnlichen Fehler.

Man muß die Gefahr in ihrem ganzen Umfange kennen, wenn man ihr überlegen begegnen will. Darum will ich dir vorerst einmal sagen, welchen Schaden diese krankhafte Erregung mit dem Samenverlust bringt. Ich will nicht übertreiben; denn deine einsamen Verirrungen haben dir Sorge und Angst genug gemacht. Und ich warne dich vor jenen albernen und dummen Büchern, die dir das Gespenst eines schrecklichen körperlichen und geistigen Verfalls vor die Augen malen. Gerade die übertriebenen Schreckbilder haben schon viel Schaden angerichtet. Ich will die Wahrheit über die Folgen nicht übertreiben; aber du sollst die Wahrheit auch nicht fürchten. Also höre!

Die einmalige Onanie ist von einer starken Erregung begleitet, die alles Leben rascher in dir antreibt. Die Pulse fiebern, das Gesicht rötet sich, der ganze Körper ist angespannt und wird von dieser einen verzehrenden Empfindung beherrscht. Es gibt aber ein Gesetz in der Natur und im Organismus, daß jeder Kraftsteigerung ein Nachlassen der Kraft, jeder Erregung eine Erschlaffung folgt. So auch hier. Und diese Erschlaffung zeigt sich auch äußerlich, je mehr die Onanie sich wiederholt, in blassem Aussehen oder bei gutem Aussehen in merkwürdiger Unreinheit der Gesichtsfarbe, in dunklen Ringen unter den Augen, in dem Erscheinen von Pickeln auf der Stirn, in schwitzenden Händen und oft in gestörter Verdauung.

Es ist leicht einzusehen, daß ein Schaden, dem jugendlichen Organismus zugefügt und in die Wachstumsjahre fallend, weit nachteiliger sein muß, als wenn er in reiferem Alter einen festen und kräftigen Körper trifft. Dies ist der Fall bei den sinnlichen Fehlern der Jugend, deren größte Gefahr eben in der frühzeitigen, unbehinderten und häufigen Ausübung liegt. Denn es gibt viele Knaben und Mädchen, die dem Übel der Selbstbefleckung längere Zeit hindurch mehrmals am Tage verfallen.

Der Organismus zieht aber alle Reservekräfte heran, um dem Schaden zu begegnen. Er überwindet ihn einmal, zweimal, zehnmal und noch öfter. Der starke Erregungsvorgang setzt sich aber schließlich im ganzen Nervensystem fest. Denn das Nervensystem ist dasjenige Organ, das alle diese Vorgänge vermittelt. Die Erregung wird also bleibend, wird zu einer besonderen Eigentümlichkeit des ganzen Menschen. Eine Zeitlang ist das Leben dann von besonders kraftvollem Ausdruck, körperlich und geistig herrscht Hochspannung. Das ist in den zwanziger Lebensjahren, und viele meinen da, die Onanie habe ihnen nichts geschadet, weil sie womöglich gut aussehen und keine Klage über mangelhafte Gesundheit zu führen haben. Trotzdem sie vielleicht gerade noch in dieser Zeit häufiger onanieren.

Aber gemach! Es ist immer oberflächlich, die Dinge nur so zu beurteilen, wie sie im Augenblick erscheinen. Es gibt keinen festen Punkt in der Natur und im Leben, alles ist ein Werden oder Vergehen. Nicht eine Sekunde steht das Leben still.

Auch hier schreitet es weiter, aber nicht mehr aufwärts, sondern abwärts. Es beginnt die Erschlaffung, der Kraftverlust.

Wie ist das zu erklären?

Kennst du ein elektrisches Element? Das ist ein Gefäß, das verschiedenartige chemische Stoffe enthält, durch die der elektrische Strom erzeugt wird, den dann der metallische Draht an seinen Verbrauchsort leitet. So ist es mit der Kraft im Körper, der Lebenskraft. Sie entsteht und wird frei in der chemischen Umwandlung des Körperstoffes. Wir können also sagen, Lebenskraft sei tierische Gewebselektrizität.

Speisest du mit den elektrischen Elementen etwa eine Klingelanlage oder sonst einen elektrischen Betrieb, so bedeutet jeder Gebrauch eine elektrische Entladung, also eine vorübergehende Erschöpfung der Elemente. Das Element, also die Brutstätte des Kraftstromes, sammelt in der Ruhe wieder die notwendige Kraft. Wird es aber überstark, ohne genügende Zwischenpausen, also mißbräuchlich benutzt, so erschöpft sich das Element vollkommen, wird also zerstört, unbrauchbar.

Genau so ist es im Körper, der auch ein Element, eine allgemeine Brutstätte für Lebenskraft ist. Die in den Geweben erzeugte Elektrizität wird als Kraft durch das Nervensystem allen Teilen des Körpers zugeführt. Die Onanie bringt eine Steigerung der gesamten Lebenstätigkeit, eine schnellere Entwicklung, etwa so wie man Pflanzen durch die schwüle Treibhaushitze zu schnellerem Wachstum, aber auch zu schnellerem Verblühen bringt. Infolgedessen wird zwar im Körper Kraft verbraucht, aber auch rascher neu erzeugt, weil der junge, in der aufsteigenden Entwicklung stehende Körper sich wie ein Akkumulator immer wieder mit neu erzeugter Kraft ladet. Schließlich aber erschöpft sich die Brutstätte und erschöpft sich das Krafthauptlager, als das wir das zentrale Nervensystem -- Rückenmark und Gehirn -- erkennen.

Die Geschlechtsorgane sind eine Stätte für elektrische Entladungen. Und sicher ist, daß beim normalen Zeugungsvorgang zwischen Mann und Weib eine Stromübertragung stattfindet, die bei der Befruchtung und für dieselbe eine große Rolle spielt. Mann und Weib sind Gegenpole, auch im rein elektrischen Sinne aufgefaßt. Der Stromentladung folgt eine Ladung von seiten des Gegenpols. Dem Kraftverlust folgt ein Zustrom an Kraft, und dieser Vorgang fehlt bei der Onanie gänzlich. Sie ist nur und ausschließlich Entladung, nur Kraftverlust. Und wenn auch der junge Körper eine Zeitlang immer wieder den Ausgleich schafft, so vermag doch -- namentlich wenn die Onanie zu häufig ausgeübt wird -- der Körperakkumulator sich nicht wieder genügend und völlig zu laden. Der Kraftstrom wird immer geringer. Die Kraft schwindet, und die chronische, also dauernde Schwäche schleicht heran und breitet sich im ganzen Organismus aus. Im Nervensystem zeigt sich dieser Zustand in der Veränderung der Marksubstanz. Das Nervenmark verliert seine Geschmeidigkeit und gleichmäßige Verteilung. Und weil es gewissermaßen den Strahlpunkt und den Kernstoff des Lebens bildet, so kann man wohl verstehen, daß das Leben selber, nun, wenn es seinen gar zu frühzeitigen Höhepunkt überschritten hat, langsam zurückgeht.

Nun haben alle Tätigkeitsgruppen des Organismus im Gehirn und im Rückenmark ihre ganz bestimmte Lagerung. Mit diesem Teile steht die Atmung und die ganze Lungentätigkeit in Verbindung, mit jenem Teil das Herz, mit einem dritten die Haut, und so fort.