Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart
Part 11
Hier stehen wir auf der Grenze, wo die körperlichen Anreize der Geschlechtlichkeit in die geistigen übergehen. Und so, wie du den Körper freihalten mußt von unsauberen Dingen, so gib auch dem Geist nur und ausschließlich gute Nahrung. Leicht mag das nicht sein. Denn die erotische Hochspannung der Kultur hat auch in die Literatur und in die Kunst einen erotisch-neurasthenischen Ton hineingetragen. Die Betonung des Sexuell-Sinnlichen kommt dem Interesse der Menge entgegen. Sexuelle Dinge werden breit, mit zynischer Behaglichkeit oder mit geschickt und elegant verborgener Lüsternheit geschildert oder gemalt. Vor nichts scheut man zurück, und die Schamlosigkeit macht sich breit unter dem Deckmantel des »Realismus«.
Wir wollen ganz absehen von Kolportageromanen, die auf die niedrigsten Instinkte spekulieren. Nein, auch fähige Schriftsteller, begabte Bildhauer und Maler haben sich der Erotik verschrieben und prostituieren ihre Kunst, um den billigen Beifall der Menge zu erhaschen.
Wieviel Unheil richten sie in jugendlichen Köpfen an! Unruhige sinnliche Wünsche werden geweckt, sittliche Begriffe gestürzt; denn das, was ohne Zweifel schlecht ist, wird durch diese erotische Literatur »interessant« gemacht. Wieviel schlechte Handlungen entsteigen der durch schlechte Lektüre verwilderten Phantasie! Wie oft erfährt der Richter, daß ein schlechtes Buch den Antrieb zu einer sittlichen oder strafrechtlichen Entgleisung gab!
Die Zahl der scheußlichen Witzblätter ist groß, und selbst Witzblätter, denen manch ernstes Wort eine Bedeutung gab, haben sich dem erotischen Zynismus mit Haut und Haaren verschrieben. Die Inseratenseiten wimmeln von Anzeigen erotischer Literatur, von Anpreisungen von »Aktzeichnungen«, die angeblich nur für »Kenner« oder »Künstler« bestimmt sind. Aller Schmutz kann in solchen Inseratteilen abgeladen werden, und die vielen Anzeigen von Heiratsgesuchen, von Wohnungen »mit separatem Eingang« und dergleichen sind nur eine schwungvolle geldliche Ausnützung der allgemeinen Lüsternheit.
Schmach und Schande über eine Presse, die sich ihrer erzieherischen Pflicht so wenig bewußt ist!
Am meisten hast du dich zu schützen vor jener Literatur, die angeblich »Aufklärung« verbreiten will in geschlechtlichen Dingen und mit allerlei unverfänglichen oder auch verfänglichen Titeln die Neugier der Jugend erregt. Ich weiß aus vielen Berichten, die mir zugegangen sind, wie solche Bücher Schaden anrichten. Die Lüsternheit und Sinnlichkeit des Verfassers steigt zwischen den Zeilen auf und teilt sich dem Leser -- ihn erregend -- mit, so daß mancher mir schon berichtete, wie sehr ihn gerade diese Aufklärungsliteratur zur Onanie und sinnlichen Gesprächen verleitete.
Auch da, wo der Inhalt des Buches an sich richtig und gut ist, kann diese Gefahr bestehen, denn hier macht der Ton die Musik, und ich stehe keineswegs bei denjenigen, die da meinen, man müsse aus Gründen der »Natürlichkeit« den letzten zarten Schleier der Schamhaftigkeit von den geschlechtlichen Dingen hinwegnehmen. Nicht das restlose Wissen, nicht die absolute Entschleierung ist der beste Schutz, sondern die zarte, poesievolle und doch kraftvoll-gesunde Auffassung vom Liebesleben, jene innere, tiefe und wahrhaftige Schamhaftigkeit. Nicht im Verstand liegt die Sittlichkeit, sondern in der Seele. Darum haben diejenigen die höchsten sittlichen Kräfte, die die stärksten Glaubenskräfte haben.
Prostituiert ist auch die bildende Kunst. Vorbei ist die Hoheit der griechischen Meister, die mit der Darstellung der Nacktheit höchste Schamhaftigkeit und sittliche Würde verbanden. Wir leugnen gar nicht die sinnlichen Elemente des Kunstgenießens. Aber die Kunst soll unsere Sinnlichkeit idealisieren, durch das körperlich Schöne den Enthusiasmus der Seele wecken, nicht aber die rohe Sinnlichkeit entflammen und den aufstrebenden Geist in die Fesseln der quälenden Körperlichkeit bannen. Eine gemeine Kunst verführt zu einsamen Triebverirrungen, zu Lüsternheit und Ausschweifung. Es ist nicht ratsam, in Kunstfragen den Staatsanwalt und die Polizei zur obersten Instanz zu machen. Bessere Richter einer gesunkenen, feilen und geilen Kunst sind guter Geschmack, anständige Gesinnung und Selbstachtung. Das Angebot wird durch die Nachfrage hervorgelockt, und jeder vernünftige Mensch sollte es für unter seiner Würde halten, ein Bildwerk zu betrachten oder gar zu kaufen, das die Lüsternheit herausfordert.
Der Stolz müßte sich auch aufbäumen gegen den Schmutz, der sich in photographischen oder literarischen Pikanterien breit macht. Warum gehen junge Männer nicht diesen gemeinen Anreizen aus dem Wege? Warum erschweren sie sich den Kampf und lassen sich immer mehr herabziehen? Nicht die gewissenlosen Händler sollte man anklagen, sondern die charakterlosen Männer, die den Schmutz begehren.
Das Denken in geschlechtlichen Dingen ist sehr wohl ein Maßstab der allgemeinen Kraft und Sittlichkeit eines Volkes überhaupt, und es ist charakteristisch, wenn wir aus Frankreich hören, daß dort die Väter ihren beim Militär dienenden Söhnen zur Unterhaltung pornographische Photographien senden.
Was aber soll man dazu sagen, wenn sogar die dramatische Kunst, die den stärksten Einfluß auf das Volk hat, ihre Verantwortlichkeit verliert und im sexuellen Zynismus landet? Die Kunst geht nach Brot, und wenn der Brotherr, das Publikum, einen verkommenen Geschmack hat und mit gierigem Blick nach Lüsternheiten Ausschau hält, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Bühne französische Ehebruchsdramen und zynisch-erotische Vaudevilles aufführt. Da ist der Held der Bühne nicht der stolze, edle Mensch, nicht Tell, Tasso oder Posa, sondern der seine Frau betrügende Ehemann, der weichlich-erbärmliche Don Juan, der in tausend Ängsten vor dem Entdecktwerden und in tausend Nöten von einer jammervollen Situation in die andere gerät, und der uns dann als von den Frauen besonders begehrt dargestellt wird. Sieht man, wie vollbesetzt diese Theater sind, und wie im Publikum die Mienen ohne alle Selbstbeherrschung gierig-lüstern werden, so kann man das Gefühl von Scham und Empörung nicht unterdrücken über ein Volk, das so seine großen Männer vergißt, und über Menschen, die so sehr alles Edle, Schöne, Menschliche von der Geilheit überwuchern lassen.
Schule deinen Geschmack und deinen ganzen inneren Menschen an echter, edler Kunst und sei zu stolz, ein Spielball dieser lüstern-geschäftlichen Spekulationskunst zu werden.
Halte dich auch fern von den auf niedriger Stufe stehenden Varieté-Theatern, wo der Humorist ein privilegierter Zotenreißer ist und die Tänzerinnen mit dem Mangel an Kleidung den noch größeren Mangel an Können verdecken, wo ein rauch- und bierdunstiges Lokal bis zum letzten Platz mit Männern angefüllt ist, und sogar Frauen sich nicht scheuen, ihr eigenes Geschlecht auf der Bühne prostituiert zu sehen. Warum sind die Varietés, die Singspielhallen, die Konzertcafés mit erotisch-winselnder Geigenmusik überfüllt, und warum können sich ernste Bühnen so schwer halten? Weil die Massen korrumpiert sind, und weil die wachsende Degeneration die Sinnlichkeit triumphieren läßt und zugleich die Selbstkritik schweigen heißt.
Diese bedrohlich angewachsene Sinnlichkeit wird von dem Kapital in raffinierter Weise ausgeschlachtet. Ganze Industrien rechnen ja mit dieser Sinnlichkeit. Aber wieviel Unheil richtet sie an! Wieviel Nervenkraft und Menschenglück wird dabei zerstört! Es ist nicht ehrlich, Geld zu verdienen, wenn ein anderer dabei geschändet wird.
Aber niemand ist genötigt, sich diesen Schäden hinzugeben. Setze an die Stelle dieses wirren und wüsten Treibens deinen Stolz, deine Würde, dein besseres Ich und eine ernste Arbeit mit festem Lebensziel, dann wird die Gefahr deine Kräfte stählen. Die Arbeit ist die Grundlage deines Lebens, und die Stunden, die nicht deinen Pflichten gehören, sondern dir selbst, die sollst du ausfüllen mit Schönem, mit guter Lektüre. Unser deutsches Schrifttum ist reich an guten Büchern. Du sollst die freien Stunden benutzen, gute Kunst kennen zu lernen. In Museen und Galerien ist Gelegenheit dazu. Und vor allem sollst du die Natur, deine Heimat, kennen lernen und wandern, damit dein Körper stark und dein Geist fröhlich werde. ~Geh allem aus dem Wege, was dich herabzieht. Schaue nur Schönes, denke nur Gutes, handle nur edel, dann wirst du den Sinn und die Schönheit des Lebens in dir selbst finden, weil du in Harmonie mit dem Weltprinzip bist.~
Schlußwort.
So bist du mir nun gefolgt, lieber junger Freund, und wir haben das Gebiet durchwandert, das gleicherweise Glück und Unglück, Jubel und Tränen, Schönheit und Grauen umschließt, in das fast alle Menschen mit Kraft und Sehnsucht einziehen, und in dem wir sie weiterwandern sehen mit Krankheit, Schwäche, gebrochener Seele, verlorener Jugend und beladen mit wirren und schwülen Geheimnissen.
So viel Jammer entsteigt der Unwissenheit!
War's da nicht recht, deine Augen sehend zu machen? Ich habe dir nicht nur Häßliches zeigen und dich vor Gefahren warnen wollen, nein, auch die Schönheiten des Liebesgefühls habe ich in dir keimen lassen, weil ich weiß, daß alle Lebensschönheit nur in der Natur steckt und die Natur auch im Menschen wohnt. _Naturalia non sunt turpia!_
Nicht das ist die wahre Sittlichkeit, die einen Gegensatz zwischen Mensch und Natur errichtet, die vom Menschen ein Abtöten seiner Natur verlangt und ihn in einen letzten Endes vergeblichen Kampf zwischen Tun und Willen stürzt. Nein, die wahre Sittlichkeit liegt im Erkennen der erdgeborenen Natur des Menschen und in dem festen Willen, schrittweise und allmählich auf höhere Stufen zu gelangen. Weder haben diejenigen recht, die leichtsinnig in den Tag hineinleben, die alles, so wie es ist, für gut halten und vom Baume des Lebens so viel Früchte herabnehmen, wie sie erhaschen können, noch können wir denjenigen folgen, die in düsterem Pessimismus alle Lebensschönheit nicht sehen wollen und sich auf den Himmel vorzubereiten wähnen, während doch zugleich ihr Aszetismus ein göttliches Gebot in den Staub zieht.
Zwischen diesen zwei Irrenden steht der wahrhaft sittliche Mensch, der sein Leben und seine Persönlichkeit reich und kraftvoll entfaltet, aber nicht eingreift in die Rechte der anderen und nicht das Wohl der Nachgeborenen untergräbt. Dem die tiefe Erkenntnis der biologischen Zusammenhänge ein starkes Selbstverantwortlichkeitsgefühl aufzwingt, und der seine Wünsche schweigen heißt, wenn ihre Befriedigung die feinen geheimnisvollen Fäden verwirrt, die alle Menschen in Glück und Unglück miteinander verbinden.
Da sehen wir die strengen Grenzen zwischen individueller und sozialer Ethik. Die eine lebt sowohl im Aszetismus wie in der Vergnügungssucht der Masse, die sich in ihrem oberflächlichen Individualismus eine Kollektivethik geschaffen hat. Beide aber maßen sich an, selbst Richter aller Dinge zu sein. Hoch über beiden steht die soziale Ethik, die von Einzelnen in das Volk getragen wird, von jenen Einzelnen, in denen die schreiende sexuelle Not der Menschen ein Echo fand, und in denen das Menschheitsgewissen, jene feine und sichere Unterscheidungskraft zwischen Gut und Böse, lebte.
Diese soziale Ethik nimmt einem natürlichen Triebe alles, was ihn häßlich macht und die Menschennatur herabwürdigt, und sie gestaltet sein Äußern so, wie es das Wohl der sozialen Gesamtheit verlangt.
Alle Ethik hat ihre Wurzeln im Geschlechtsleben. Denn das Geschlechtsgefühl ist die eigentliche Urquelle aller menschlichen Sympathiegefühle und aller sozialen Organisationen überhaupt. Ist daher das Geschlechtsleben krank und verdorben, so muß der ganze Bau des Menschendaseins erschüttert werden.
Das Geschlechtsleben ist die höchste und stärkste Entwicklungskraft der Menschheit. Es hat der Religion Nahrung gegeben, hat Kultur, soziale Gemeinschaft und Kunst entwickelt und dem Geist seine feinsten Blüten gegeben. Aber es ist auch die Kraft, die wie keine andere die Menschen hinabstößt in Schwäche und Elend, in Verwilderung und Versumpfung, in leiblichen und geistigen Tod. Das Geschlechtsgefühl ist dem Menschengeschlecht Himmel und Hölle zugleich. Darin liegt sein tiefer, eherner Ernst.
Aus dem Geschlechtsgefühl quillen Menschenwerte. Ein niedriges Geschlechtsleben schafft Krankheit und niedriges, schlechtes Denken. Ein reines Geschlechtsleben dient der Gesundheit, adelt den Menschen und veredelt die Rasse. Diese Reinheit vereinigt Natürlichkeit mit feinstem Schamgefühl, gesunde Kraft mit zartschöner, idealistischer Auffassung.
Das ist's, wozu ich dich mit diesem Buche hinführen wollte. Nicht die »Natürlichkeit« in jenem stumpfen Sinne einer seelenlosen Nüchternheit, die das Geschlechtliche zu einer Alltagsgebärde stempelt. Die dem Liebesgefühl seine Gefahren dadurch nehmen will, daß man es in der Nüchternheit körperlicher Selbstverständlichkeit erstickt. Nein, diejenige Natürlichkeit will ich dich lehren, die zwar den körperlichen Untergrund aller Dinge sieht, aber alle Körperkultur nur als Ausgangspunkt einer kraftvollen Seelenkultur erkennt.
Dem Seelenkultus dienen wir! Der rohe Körperkult dient letzten Endes der Form- und Zügellosigkeit, wenn der Seele feinste Strömungen nicht das körperliche Tun durchwehen. Die Seele allein birgt die wahre Scham, des Geschlechtsempfindens zarteste Blüte.
So habe ich dir die Wege deines Tuns gewiesen. Unbeirrt und klaren Auges kannst du in das Leben hinaustreten. Trenne dich von der Masse, von denen, die ideallos geworden sind, folge dem Stern deines besseren Ich, schreite mutig und siegreich durch alle Gefahren! Vermehre nicht das Unglück und den Kummer der Menschen, sondern sei in deiner sittlichen Kraft wie ein Licht, das ins Dunkle strahlt und auch anderen Menschen das Leben verschönt.
~So trenne ich mich von diesem Buche und trenne mich von dir.~
~Lebe wohl!~
~Dein Leben sei rein und ehrlich und voll Glück! Und daß es so sei, gehe den einsamen Weg der Guten!~
~Lebe wohl!~
Fußnoten:
[1] Man lese »Arbeit, Kraft und Erfolg«, Wege zur Steigerung der Leistungsfähigkeit in körperlichem und geistigem Schaffen. Von Emil Peters. Mk. 4.25. Zu beziehen durch den Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee.
[2] Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee.
[3] Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk. 4.50.
[4] Wissenschaft und Sittlichkeit, Berlin 1908.
[5] Die Gefahren des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. 2 Aufl. München 1904. A. Müller.
[6] a. a. O., S. 6.
[7] Volkskraft-Verlag Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk. 4.50. Porto 25 Pfg.
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Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:
andererseits (Seiten 38 und 39) und andrerseits (Seiten 26, 31, 97 und 106)
gesunderen (Seite 34) und gesünderen (Seite 90)
gesunder (Seite 19) und gesünder (Seiten 88 und 116)
Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
geändert wurde "Daß ist die große" in "Das ist die große" (Seite 18)
geändert wurde "Buche »Der nervöse Mensch«." in "Buche »Der nervöse Mensch«.[1]" (Seite 34)
geändert wurde "den _~GonoccociNeisseri~_ oder" in "den _~Gonoccoci Neisseri~_ oder" (Seite 96)
geändert wurde "führt zur Dishamonie, und" in "führt zur Disharmonie, und" (Seite 118)
geändert wurde "Volkskraf-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2,75, geb. Mk. 4,50." in "Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk. 4.50." (Fußnote 3)