Jugend, Liebe und Leben Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart

Part 10

Chapter 103,302 wordsPublic domain

Häßlicher und schlimmer noch sind die syphilitischen Geschwüre, die noch in dem sekundären Stadium auftreten und als schmerzhafte Gewebszerstörungen überall im und am Körper auftreten können. So namentlich an den Nasenflügeln und dem Nasensteg, in den Mundwinkeln, am Zahnfleisch, an der Zunge, den Stimmbändern, dem Zäpfchen usw. Wie viele Redner, Sänger, Schauspieler usw. haben schon durch diese fressenden Geschwüre ihre Stimme und damit ihre Existenz und ihre Lebensfreudigkeit verloren! Wieviel Entstellungen des Gesichts, wieviel Sprachstörungen haben allein diese Ursache! Wohl selten ahnt jemand, daß der leichtfertige Augenblicksgenuß bei der Dirne oder das zufällige Geschlechtserlebnis der Straße ein so grauenhaftes Ende nehmen kann.

Manchmal, wenn der Kranke sich schon ganz oder fast ganz geheilt glaubt, bricht mit einem Male die Krankheit in voller Stärke wieder aus. Der ganze körperliche und seelische Jammer ist wieder da, und es ist wohl zu verstehen, von welch grenzenloser, dumpfer Verzweiflung oft die Unglücklichen befallen werden.

Glaubt man aber die sekundäre Syphilis völlig geheilt, ja, versichert sogar der Arzt, daß sie völlig geheilt sei, so liegt auch darin nicht eine Spur von Sicherheit; denn nach Jahren oder Jahrzehnten bricht die Syphilis mit völlig verändertem Charakter wieder aus und wird dann in der Tat furchtbar. Sie ist in ihr drittes (tertiäres) Stadium eingetreten und nimmt insofern einen gänzlich anderen Weg, als die sekundäre Syphilis ausschließlich die Haut und die Schleimhäute befällt, während im tertiären Stadium vorwiegend die inneren Organe (Knochenhaut, Muskeln, Darmsystem, Leber, Nieren, Lungen, Gehirn und das ganze Nervensystem) erkranken.

Bei der tertiären Syphilis erscheinen runde oder ovale Papeln, die bald geschwürig zerfallen und rotbraune Färbung gewinnen. Man nennt solch ein Geschwür Gumma. Mehrere Gummata können zu einem einzigen Geschwür sich vereinigen, das sich tief in das Gewebe hineinfrißt.

Das ist gerade das Entsetzliche dieser Gummata, daß sie die tieferen Gewebsschichten und die inneren Organe angreifen und diese zu geschwürigem Zerfall bringen.

So wird häufig die Nasenscheidewand durchgefressen, und die im Innern abgefressenen Gewebsteile werden beim Räuspern oder Husten ausgestoßen. Von den vorkommenden Kehlkopfzerstörungen ist wohl ein reichliches Teil auf tertiäre Syphilis zurückzuführen. Die schrecklichen und widerlichen Verwüstungen der Nase kann man ja hin und wieder auf der Straße beobachten.

Die Knochen erfahren Auftreibungen und Verdickungen und werden stellenweise ausgefressen, ausgehöhlt, so daß dauernde und auffallende Veränderungen zurückbleiben. Ja, es kann beispielsweise der lange Unterschenkelknochen so weit durchgefressen werden, daß er bei irgendeiner Gelegenheit bricht.

Besonders schmerzhaft und gefährlich ist das Gumma, wenn es am Schädelknochen sitzt. Dann frißt es sich bis zu den Hirnhäuten durch, durchlöchert also die Schädeldecke und kann das Leben zerstören.

Schwere Nieren-, Leber-, Lungen- und Herzerkrankungen treten bei der tertiären Syphilis auf und können gleichfalls den Tod herbeiführen.

Ergreift die tertiäre Syphilis das zentrale Nervensystem, so ist der Kranke unrettbar dem Tode verfallen. Das am Schädel sitzende Gumma frißt sich durch den Knochen hindurch oder treibt ihn auf; daraus erklären sich die Vorboten jener fürchterlichen Krankheit, der Gehirnerweichung, die wohl in den meisten Fällen den Charakter der tertiären Syphilis trägt. Diese Vorboten sind: dauernder Kopfschmerz, Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Gedächtnisschwäche, tiefe Gemütsverstimmung und die lange Reihe jener merkwürdigen, unüberlegten und sinnlosen Handlungen, die oft bei einem früher klugen, geistvollen Menschen auftreten und den Gehirnparalytiker verraten, ehe noch die schreckliche Krankheit zum furchtbaren Ausbruch kommt. Daß ein sonst sparsamer Mann auf einmal ein unruhiger Verschwender wird, ein sittenstrenger Mann zum wüsten, ausschweifenden Erotiker, erklärt sich nur durch teilweisen und fortschreitenden Verfall des Gehirns.

Bei der Rückenmarksschwindsucht ist ihr Zusammenhang mit der Syphilis (oder mit ihrer Quecksilberbehandlung?) so offenbar, daß man fast von Ausnahmslosigkeit sprechen kann.

Die bei Tabes des oberen Rückenmarkes auftretenden Sehstörungen, namentlich Augenlähmungen und Entzündungen der Iris, sind fast alle syphilitischen Charakters.

Es gibt keinen Teil am und im Körper, der nicht von der Syphilis ergriffen und zerstört werden könnte. Zwar trifft die Krankheit nicht jeden so schwer; aber sie ist heimtückisch und unberechenbar, und wenn ein von dieser Krankheit befallener Körper nicht genügend Lebenskraft hat, sich vernachlässigt und noch dazu ein ausschweifendes, nervenzerstörendes Leben führt, so kann ihn die Krankheit bei lebendigem Leibe zum Verfaulen bringen.

Die Syphilis ist erblich, das ist ihr größtes Schreckbild. Die Nachkommen empfangen das Gift im Keim, und dieser angefaulte Keim wird -- wenn er nicht abstirbt -- zu einer faulen Frucht. Dies ist das Schrecklichste im Leben, der grauenvolle Leichtsinn, mit dem ein syphilitisch Kranker das Gift auf Weib und Kinder überträgt und Leben erweckt, das morsch, faul und unglücklich ist. Wieviel jammervolle Menschen laufen umher, denen die Syphilis des Vaters oder der Mutter die Kraft nahm und die Flügel gebrochen hat! Das ist die fluchwürdigste Tat, deren ein Mensch fähig ist.

Die erbliche Übertragung der Syphilis geschieht durch syphilitische Vergiftung der Keimzellen. Die Folgen sind Absterben der Frucht, Frühgeburten und Fehlgeburten oder ganz elende, schwächliche und erbärmliche Kinder.

Prof. ~Neumann~ machte im »Archiv für Kinderheilkunde« folgende Angaben über die geradezu verheerenden Wirkungen der vererbten Syphilis: »Es gebaren 71 Mütter im sekundären Stadium der Syphilis insgesamt 99 Kinder, d. h. es standen so viele Fälle zur Beobachtung. Dabei fanden sich: 40 mal Abortus, 4 Frühgeburten, 3 Totgeburten, 24 Kinder, die gleich nach der Geburt starben, 5 waren lebend, aber syphilitisch, und nur 2 schienen gesund zu bleiben. ~Die Sterblichkeit war also 98 Prozent!!~

Dies große Kindermorden bezeichnet überall den Weg der Syphilis. Zwar mildert sich das Bild, wenn die syphilitische Ansteckung der Mutter nicht vor der Befruchtung oder zugleich mit ihr, sondern später erfolgte. Zwar ist dann immer noch die Gefahr für das Kind groß; aber es bleibt wahrscheinlich am Leben. Ist aber einmal die Syphilis im Körper einer Frau, so ergreift sie die Keimzellen, die im weiblichen Organismus in den Eierstöcken von Jugend auf fertig ausgebildet sind, und jedes nachher geborene Kind wird geschädigt. Darin liegt die Furchtbarkeit der Syphilis beim Weibe. Die Samenzellen des Mannes werden fortdauernd neu gebildet, so daß beim Ausheilen der Syphilis auch die Erblichkeit erloschen ist. Das ist beim Weibe nicht der Fall, weil immer in den fertigen und auf Befruchtung wartenden Eizellen Syphiliskeime zurückgeblieben sein können. Eine einmal syphilitisch gewesene Frau sollte darum nie wieder Kinder bekommen. Und gerade hier sieht man die ganze Schrecklichkeit dieser Krankheit, erkennt man, wie sie alles Mutterglück für alle Zeit ersticken kann, und wie ein unschuldiges Weib krank und unsagbar unglücklich werden kann, weil der Mann ihr in schrecklichem Leichtsinn den Keim einer Krankheit übertrug, die er in einer Stunde des bloßen Vergnügens erwarb.

Arme, arme, bejammernswerte Frauen, die nichts Böses taten und so schwer leiden müssen! Wie kam so bitteres Unrecht in die Welt? Und wie ist es auszudenken, daß es Männer gibt, gewissenlos und verbrecherisch genug, wissend Leib und Seele einer Frau zu zerstören!

Ein syphilitisch erblich zerstörtes Kind ist das Grauenhafteste, was man sich vorstellen kann. Ein jammervolles Leben, das schuldlos eine schwere Bürde trägt. Eine Haut, die unter Umständen mit roten Flecken, Blasen, nässenden Wunden und Eiterbeulen bedeckt ist, kranke, wuchernde Schleimhäute, chronische Nasen- und Ohrenkatarrhe mit eiternden, stinkenden Ausscheidungen, dazu wohl auch Taubheit, Blindheit, Knochenentzündungen und Knochenauftreibungen mit schrecklichen Formänderungen und ein rascher Zerfall der Zähne. Gehirn und Rückenmark sind meist bei solchen unglücklichen Kindern angegriffen, und es zeigen sich schon früh teilweise oder vollständige Lähmungen, Krämpfe, Zuckungen, Epilepsie und vielerlei geistige Störungen, von einfachstem Gedächtnisschwund und der Gemütsbedrückung angefangen bis zu Wahnvorstellungen, fixen Ideen, furchtbaren Ausbrüchen und völliger geistiger Zerrüttung.

Vierter Teil.

Der Kampf um Sittlichkeit und Gesundheit.

Das ist das Schreckbild der Geschlechtskrankheiten, und wer je offene Augen hatte, der wird nichts für Übertreibung halten.

Du kennst nun die Gefahr. Und die Gefahr wird deinen starken Willen wecken, und du beginnst den Kampf. Den Kampf? Gegen was? Gegen alles, was dich bedroht; denn ohne Kampf geht es nicht ab. Wahrlich, es gibt einen Kampf zwischen triebhaftem Leib und sieghaftem Willen. Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein, und dieser Kampf ist der Menschheit urewiges Erbstück.

Schmiede Waffen für diesen Kampf! Und willst du die wirksamsten kennen, so suche sie im Widerstreit der Kräfte in deinem eigenen Körper und Geist. Auf ~Arbeit~ sind alle deine Kräfte eingestellt. Sinnliche Verschwendung zehrt an deiner Arbeitskraft, macht dich schlaff, unlustig, geistlos. Die Arbeit aber zähmt und bändigt deine sinnlichen Triebe. Darum stelle dein Leben auf Arbeit ein! Stecke dir ein Ziel, und setze an die Erreichung dieses Zieles alle deine Kräfte. Dann wird die Arbeit Inhalt und Halt deines Lebens, sie wird dir Sittlichkeit und Grundlage der Persönlichkeit werden.

Völker sind durch Arbeit groß geworden, sind mit ihrer Arbeit gewachsen, und es war stets ein Zeichen des Niederganges, wenn ein Volk sich teilte in Arbeitende und Müßiggänger. Denn unter diesen Müßiggängern, die nicht einen einzigen Tag mit ernsten Pflichten erwachen, sondern sich treiben lassen von ihren Stimmungen und Einfällen, führt die Sucht nach Unterhaltung über Sport und Spiel zu Liebesabenteuern und Geschlechtserregungen. Und je weniger der Körper durch den strengen Willen und die rauhe Notwendigkeit der Arbeit gebändigt ist, desto weichlicher und haltloser wird der Charakter, desto ungebärdiger und zügelloser die Phantasie, und eine wirre, unsaubere Sinnlichkeit erfüllt den Geist, dem durch Mangel an Arbeit die straffen Zügel genommen sind.

Sicherlich gibt es Menschen von ruhelosem Arbeitsdrang, Menschen, denen die Arbeit zum Laster, zur Krankheit, zu einem neurasthenischen Zwang wurde, die ruhelos arbeiten müssen, um die gejagten Nerven zu befriedigen und um sich über die entsetzliche Leere ihres Inneren hinwegzutäuschen. Solche Menschen sind uns nicht Vorbild. Sie sind die eine Ausschreitung, der Müßiggänger die andere.

Wie wohltuend steht dazwischen der ruhig und kraftvoll Arbeitende! Das, was er schafft, gibt ihm Ernst und Würde, gibt ihm Stolz, und in dieser Würde, diesem Stolz liegt die große Widerstandskraft gegen alles Schlechte. Die Arbeit ist eine innere Spannung, die über Mißgeschick hinweghilft und eine stille Fröhlichkeit um sich verbreitet. Wer sein Geld durch Arbeit erwarb, wird es höher schätzen, wird sparsamer sein als der Müßiggänger, der mit des Vaters ererbtem Gelde seine Stunden totschlägt und aus Überdruß nach vielen Genüssen nur noch den Geschlechtsgenuß kennt. Dann ist's mit der Arbeit vorbei, denn Arbeit verlangt Kraft und innere Stählung, und nichts zerstört diese Kraft so sicher, wie die Sinnlichkeit, wenn sie unbeherrscht und krankhaft in Leib und Sinn wühlt.

Niemand wird eine gesunde Sinnlichkeit abtöten können. Und niemand soll es tun. Aber sie soll als bewegende Kraft in der beherrschenden Kraft des Willens liegen und nicht durch beständigen Anreiz zu einer triumphierenden und den Menschen versklavenden Macht werden. Ernste Arbeit entzieht dich vielen solchen Anreizen, und ein festes Lebensziel fesselt deinen Willen an diese Arbeit.

~Schopenhauer~ schrieb 1813 in sein Tagebuch: »An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur Wollust am stärksten ist, ... gerade dann sind auch die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewußtsein zur größeren Tätigkeit bereit, ob zwar in dem Augenblicke, wo das Bewußtsein sich der Begierde hingegeben hat und davon voll ist, latent; aber es bedarf nur einer gewaltigen Anstrengung zur Umkehr der Richtung, und statt jener quälenden, bedürftigen, verzweifelnden Begierde (dem Reich der Nacht) füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das Bewußtsein (das Reich des Lichts). In besagten Zeiten ist wirklich das kräftigste, tätigste Leben überhaupt da, indem beide Pole mit der größten Energie wirken. Dies zeigt sich bei ausgezeichnet geistreichen Menschen. In besagten Stunden wird oft mehr gelebt als in Jahren der Stumpfheit.«

Schiller hat diesen Gedanken in wundervolle Worte gekleidet:

Leidenschaften sind schäumende Pferde, Angespannt an den rollenden Wagen. Wenn sie entmeistert sich überschlagen, Zerren sie dich durch Staub und Erde. Aber lenkest du fest den Zügel, Wird ihre Kraft dir selbst zum Flügel, Und je ärger sie reißen und schlagen, Um so herrlicher rollt dein Wagen.

Dein Leben gelte der Arbeit! In diesem Zeichen wirst du siegen.

Aber es gilt, auf der Hut zu sein, um alles zu vermeiden, was eine Geschlechtserregung herbeiführen könnte. Je gesünder und normaler der Organismus, desto gleichmäßiger sind seine Kräfte in den Nervenzentren verteilt. Der nervöse, überhaupt der geschwächte Mensch hat meist eine Schwäche und leichte Erregbarkeit im Lendenteil des Rückenmarkes. Hier ist der hauptsächlichste Sitz des Geschlechtsgefühls. Alles, was stark auf den Organismus einwirkt, trifft am meisten dies schwache und wegen seiner Schwäche leicht erregbare Fundament. Darum werden nicht nur rein geschlechtliche Dinge hier gefährlich, sondern auch ungünstige Einwirkungen durch Essen und Trinken, Überanstrengung, Trägheit, d. h. Mangel an Arbeit, falsche Lektüre, seelische Erregungen usw.

Natürlich ist der rein geschlechtliche Reiz der weitaus stärkste, weshalb denn für diese oft vorhandene Schwäche des Lendenmarkes nichts unheilvoller und verhängnisschwerer wird als Onanie oder vorzeitiger Geschlechtsumgang. Das Nervensystem neigt zur Periodizität, und jede Übung steigert die Reizempfänglichkeit. Es ist deshalb nicht ohne weiteres richtig, zu sagen, daß die Betätigung den Trieb befriedigt. Nein, durch die Geschlechtsbetätigung wird oft erst ein Bedürfnis geschaffen, was in gleicher Stärke vorher nicht vorhanden war.

Über die rein körperlichen Ursachen der Geschlechtserregung haben wir schon im ersten Teile gesprochen. Meide also das viele Stillsitzen, das den Unterleibs- und Geschlechtsorganen eine stockende Blutüberfüllung gibt und das Nervensystem in einen Zustand von Gereiztheit versetzt. Gerade das in den Schulen, in allen Studienanstalten und in allen Schreibstuben geübte dauernde Stillsitzen ist eine verbreitete Ursache der Onanie und aller sinnlichen Erregung überhaupt.

Bei hoher geschlechtlicher Reizbarkeit sind auch gewissen Sportsübungen sinnlichkeitsreizende Gefahren nicht abzusprechen. Das ist z. B. das Klettern, das Reiten und das Radfahren. Die Bewegungen und Reibungen der Geschlechtsorgane sind bei vielen erregbaren jungen Menschen nicht unbedenklich. Der beste Kenner dieser Dinge in Deutschland, _Dr._ ~Rohleder~ in Leipzig, behauptet, daß infolge des Reitens die Onanie bei der Kavallerie ungeheuer verbreitet sei.

Und noch eins ist zu erwähnen, das ist der Tanz. Er hat schon entwicklungsgeschichtlich so viel geschlechtlich-symbolische Züge, daß man auch seine sexualerregende Wirkung wohl verstehen kann. Wenn du durch ihn in dieser Richtung gefährdet bist, so schränke ihn ein. Ja, bringe unter Umständen deiner Gesundheit das Opfer, ihn ganz zu lassen. Jedenfalls bringe nicht Tanz und Alkohol zusammen; denn das leicht erregbare Nervensystem ist diesem doppelten Reiz nicht gewachsen.

Achte auf das Bett, wie ich schon früher sagte. Laß dein Lager kühl und hart sein und schlafe nicht länger, als es dir dienlich ist. Vor allem träume nicht im Bett in die Morgenstunden hinein.

Bade fleißig! Halte den Körper und namentlich die Geschlechtsorgane sauber. Schwimme und turne, wandere, singe und sei fröhlich!

An erster Stelle soll in der Pflege deines Körpers das Luftbad stehen. Ich hab's genau beschrieben in einem anderen Buche: »Die Heilkraft des Luft- und Sonnenbades«[7]. Nackt in der Luft stählst du die Nerven. Nur meide die starke Sonne und träges Herumliegen in der Sonne. Es erschlafft den Körper und kann sinnlich erregen. Hat es dich erschlafft, so nimm ein kühles Fluß- oder Brausebad. Überhaupt sind kühle Bäder und kühle Waschungen zuträglich, wenn die Gefahr der sinnlichen Erregung naht. Hast du morgens beim Erwachen Erektion, so stehe rasch auf, mache eine kühle Abwaschung und kleide dich rasch an. Aber übertreibe diese Dinge niemals, weil sonst Schwächung eintritt, die doch wieder zu sinnlicher Erregung führt. Übertreibe auch nicht bei gymnastischen und sportlichen Dingen, bei Wanderungen und ehrgeizigen Wettveranstaltungen. Alles Übermaß führt zur Disharmonie, und nur in der Harmonie aller Kräfte liegt die Möglichkeit zu ihrer Beherrschung.

Und sei einfach und mäßig in deiner Nahrung. Denke daran, daß jedes Übermaß deine Geschlechtsbegierde steigert, und daß namentlich Fleisch, Fleischbrühe, Wurst, Eier und alter, scharfer Käse, sowie Gewürze, die Sinnlichkeit erregen und den Kampf gegen diese namenlos erschweren. Wir Menschen haben meist keinerlei Vorstellung davon, wie eng unser ganzes geistiges und Gefühlsleben mit den Stoffen zusammenhängt, die wir als Nahrung zu uns nehmen. Nichts zeigt unsere Erdgebundenheit mehr, als diese unbestreitbare Abhängigkeit.

Namentlich das Abendessen sei einfach und mild. Du mußt es früh einnehmen, damit nicht die Arbeit der Verdauung deinen Schlaf stört und eine Phantasietätigkeit weckt, die dir gefährlich werden kann. Die einfachsten Speisen sind die zuträglichsten. Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper neigen zur Einfachheit. Schwache Nerven erzeugen Unmäßigkeit und die Sucht nach Pikantem.

Auch erregende Getränke haben direkten und unzweifelhaften Einfluß auf Körper und Geist und namentlich auf die Geschlechtlichkeit. Und nichts gibt es, das in dieser Hinsicht so verderblich, so furchtbar niederreißend ist wie der Alkohol. Er ist ja innerhalb der menschlichen Gesellschaft geradezu der Quell aller unerlaubten, unsauberen Beziehungen, alles unehrlichen, schlechten Denkens und aller niedrigen, gemeinen Handlungen geworden.

Der Alkohol ist des deutschen Volkes angestammtes Laster. Schon die alten Deutschen verkauften im Trunk Haus und Hof, Weib, Ehre und Freiheit. Das Trinken ist Gewohnheit, Gesellschaftskodex, eiserner Bestand, historisches Gesellschaftsrecht geworden. Es herrscht überall und drückt allem Handeln der Deutschen seinen besonderen Stempel auf.

Eine fluchwürdige Entwicklung, in der man nicht weiß, was man mehr verachten soll, die Schlaffheit derjenigen, die immer weiter trinken, oder die Gewissenlosigkeit des Braukapitals, das an allen Straßenecken zum Trinken verleitet.

Nirgendwo aber spielt der Alkohol eine so verheerende Rolle, wie im Nervensystem der Menschen und vor allem im Geschlechtsleben. Der Alkohol ist, weil ein dem Körper durchaus fremder, nicht assimilierbarer Stoff, ein Überreiz, der nicht nur den Körper schwächt, sondern vor allem höchst merkwürdige Wirkungen an Geist und Seele entfaltet. Er bewirkt eine Erregung, die sich als gesteigerte Phantasie, als erhöhter Mut, als Fessellosigkeit des Denkens, als sexuelle und allgemeine Unternehmungslust äußert, in Wirklichkeit aber Schwäche ist, denn der klaffende Spalt zwischen gesteigertem Wollen und geschwächtem Können ist eine wesentliche alkoholische Merkwürdigkeit.

Vor allem aber reißt der Alkohol das nieder, was die Menschheit in jahrtausendealter Kulturentwicklung aufgebaut hat und was das Ziel aller Erziehung und aller Persönlichkeitsentwicklung ist, jene feinen und klaren Unterscheidungen zwischen Gut und Böse und jene Hemmungen der Einsicht, der Moral und des Willens, die sich gegen das Schlechte, das Niedrige und Rohe aufrichten. Fällt das alles, so tritt der Mensch in seiner ursprünglichen Roheit und Brutalität wieder hervor, wie wir es ja in der Alkoholwirkung tatsächlich sehen.

Wo anders kann das deutlicher sich zeigen als in den geschlechtlichen Dingen? Hier steigert der Alkohol die Begierde und wird zum Kuppler, weil er das Verantwortlichkeitsgefühl tötet, die sittliche Würde und Selbstbeherrschung zurückdrängt und zu Geschlechtsverbindungen treibt, die in solcher Art und solcher Häufigkeit bei nüchternem Kopfe undenkbar wären.

Der Alkohol verleitet tatsächlich zu den leichtsinnigsten Geschlechtsverbindungen und gefährlichsten Abenteuern. Tausende von jungen Männern erwerben ihre Geschlechtskrankheit, wenn sie angeheitert zum Haus der Dirne gehen. Ja, die meisten haben wohl die Bekanntschaft der Prostitution erst mit erleichternder Hilfe des Alkohols gemacht. ~Forel~ machte unter seinen geschlechtskranken Patienten eine Statistik und fand, daß 75% davon sich unter dem Einfluß des Alkohols angesteckt hatten.

Je höher der Alkoholgehalt eines Getränkes, desto stärker auch seine Wirkung. Aber von den Getränken mit geringem Alkoholgehalt, wie z. B. Bier, werden oft solche Mengen getrunken, daß trotzdem stärkste Wirkungen, Trunkenheit, leichtsinnige Geschlechtsverbindung, venerische Ansteckung, geschlechtliche Verirrungen u. dergl. zustande kommen. Und die Statistik lehrt, daß die Zahl der unehelichen Geburten mit dem Bierverbrauch in den einzelnen Städten steigt und sinkt.

Von den Sittlichkeitsdelikten kommt ein sehr hoher Prozentsatz aus dem Alkoholgenuß. Und was diesen vielen und vielerlei Ausschreitungen, Fehlern, Unbesonnenheiten und Vergehen an Unglück, Familienjammer und sozialem Elend folgt, das ist kaum zu übersehen. Hier gibt's für den einsichtsvollen Menschen nur einen Weg, den der Enthaltsamkeit vom Alkohol.

Wie Schreck fährt's manchem durch die Glieder, wenn es heißt, er soll kein Bier mehr trinken. So fest sitzt es in seinen Lebensbegriffen, daß ihn der Verzicht ungeheuerlich anmutet. Und doch gibt's nicht den kleinsten Vorteil, der im Alkohol wohnt, sondern nur Nachteil, unbedingten, unbegrenzbaren Schaden. Was schädlich ist, geht wider die menschliche Vernunft. Darum räumen wir etwas aus dem Weg, was die Menschen in ihrer gesamten Entwicklung hindert, und verzichten auf den Alkohol. In diesem Verzicht liegt Selbstachtung, Stolz, Würde. Gute Entschlüsse machen den Menschen reifer, willenskräftiger, sittlich freier. Und der Verzicht auf den Alkohol ist ein guter Entschluß!

Meidest du den Alkohol, so meidest du von selbst jene häßlichen Stätten, wo der Alkohol bewußt und planmäßig zur sinnlichen Anreizung gebraucht wird, die Animierkneipen und alle anderen Kneipen »mit Damenbedienung«. Es liegt etwas unsäglich Häßliches und Niedriges, etwas namenlos Gemeines in diesen Kneipen, und es ist mir völlig unverständlich, wie ein junger Mann in der Dunstwolke dieser alkoholischen Geilheit auch nur einen einzigen Atemzug tun kann.