Jüdisches Leben in Wort und Bild
Part 9
Beide Männer hatten das Haupt bedeckt. In der Mitte der Tafel lagen drei grosse Brode, jedes von dem anderen durch ein weisses Tuch getrennt. Um sie herum befanden sich verschiedene Symbole. Eine Marmelade, welche den Thon und Kalk darstellte, mit dem die Israeliten in Egypten gearbeitet hatten, Essig, hartes Ei, Meerrettig zum Andenken an das Elend der Sklaverei, ein mit etwas Fleisch bedeckter Knochen stellte das Osterlamm und der rothe Wein das Blut der hebräischen Kinder dar, in dem sich die Pharaonen badeten.
Der Grossvater sprach das Gebet, den Segen, der die Feier eröffnet, dann stand Fritz auf, nahm einen kleinen Krug und goss Wasser über die Hände Beer's und dann standen alle auf und berührten die Schüssel, auf der die drei Brode lagen.
»Dies ist das Brod des Elends«, sprachen alle zugleich, »das unsere Väter in Egypten gegessen haben. Jeder, der Hunger hat, der komme mit uns, zu essen, Jeder, der dürstet, er komme, Ostern mit uns zu feiern.«
In diesem Augenblick klopfte es an die Thüre, und ein Bettler, ein Schnorrer aus Polen, trat herein und nahm, nachdem man sich gegenseitig begrüsst hatte, an dem Tische Platz.
Nun begann Fritz, die Haggada vor sich, in hebräischer Sprache: »Zu welchem Zwecke diese Feier?«
»Wir waren Sklaven in Egypten«, erwiderte der Greis, »und der Ewige, unser Gott, hat uns befreit mit seiner mächtigen Hand.«
Nachdem man noch die Leiden in der Sklaverei und des Auszugs aus Egypten vorgelesen hatte, kostete jeder von den symbolischen Speisen, der Greis füllte indess einen grossen Becher, der vor ihm stand und der für den Propheten Elias, den heiligen Beschützer des jüdischen Volkes bestimmt war.
Das Mahl begann. Fritz erzählte von dem fernen Amerika und der polnische Schnorrer gab einige Anekdoten zum Besten. Dann theilte Beer das Brod als Symbol des Durchgangs durch das rothe Meer, gab jedem ein Stück davon und schloss das Mahl mit dem Tischgebet.
»Fritz«, sagte er endlich, »öffne die Thüre.«
Fritz stand auf, öffnete weit die Thüre und trat bei Seite. Während Alle ein feierliches Schweigen beobachteten, trat unsichtbar der Prophet Elias herein. Nachdem Fritz wieder die Thüre geschlossen und der Heilige den für ihn bestimmten Becher mit den Lippen berührt hatte, stimmten Alle zusammen den 115. Psalm an. Andere Gesänge folgten.
Es war spät, als man zur Ruhe ging und zwar ohne das Nachtgebet zu sprechen. Denn in dieser Nacht wacht Gott selbst über jedem jüdischen Hause, wie einst in Egypten.
* * * * *
Am folgenden Tage nach dem Essen, während noch alle bei Tisch sassen, kam fast die ganze Gemeinde zum Besuch in das Haus der Frau Goldenblum. Da war der Rabbiner, der gerne etwas Neues aus Amerika hören wollte, der Lehrer, der Schames, der Kantor, die Nachbarn und Nachbarinnen, alle, und ein Lärm war in dem kleinen Speisesaale, dass man kaum sein eigen Wort verstehen konnte.
Nur wenn Fritz auf verschiedene Fragen antwortend zu erzählen begann, trat sofort tiefe Stille ein, und der gemüthliche Kreis lauschte mit naiver Neugier, bis es Zeit war, zur Minha, zum Nachmittagsgebet.
Am ersten Tage der Halhammad (Halbfesttage) ging Fritz mit Sarah hinaus in die Felder. Allerorten sah man die grünenden Wintersaaten zwischen den frisch gepflügten, schwarzen Aeckern, an jedem Rain sprossen Blumen, die Bäume knospeten und über diesem kleinen Paradiese lachte der blaue Himmel und leuchtete die Sonne warm und fröhlich.
Die jungen Leute hielten sich an der Hand und sprachen kein Wort, sie konnten nicht, ihre Herzen waren so voll von Glück und von Dankbarkeit gegen den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Aber endlich fand Fritz doch Worte. »Sarah, wir werden uns jetzt niederlassen und Hochzeit feiern, sag' mir, mein Leben, mein Kleinod, willst Du lieber Land haben und Vieh und Geflügel oder ein Geschäft?«
»Wie Du willst, Fritz«, erwiderte sie lächelnd, »was Dir recht ist, ist mir auch recht, denn Dein Schmerz ist mein Schmerz und Deine Freude meine Freude.«
»Dann will ich den Hof des François Schnegans kaufen«, sagte Fritz, »ich kann ihn haben. Es ist der Mutter wegen, es wird ihr das Leben verlängern.«
»Du guter Fritz!« rief Sarah, »ja, thu' es, es wird uns Segen bringen. Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohl ergehe auf Erden.«
Machscheve.
-- ENGLAND. --
Omer. -- Jüdischer Aberglaube. -- Lillith.
Schalom Raphaeli war einer der reichsten Handelsherren in England. Vordem, in jungen Jahren, hatte er mit Zündhölzchen gehandelt, jetzt besass er ein Waarenhaus in Bath und ein Palais im italienischen Stil. Seine Schiffe segelten nach Amerika, nach Indien und Japan. Sein ältester Sohn, Moses stand an der Spitze des Geschäftes. Schalom selbst war bequem geworden, er bewohnte mit seiner Familie ein kleines Schloss in der Nähe. Hier trieb jedes Glied der Familie irgend eine Liebhaberei, Schalom zog Blumen und Fruchtbäume, seine Frau Edith war für schöne Pferde und die Hetzjagd passionirt, seine Tochter Noëmi zog Tauben, und sein jüngster Sohn, Juda, trieb philologische Studien.
Dieser Juda, den sein Vater geradezu abgöttisch liebte, bereitete ihm auch die meisten Sorgen. Zuerst, weil er keine Lust zum Handel hatte, und sich in hebräischen, griechischen und lateinischen Folianten vergrub, dann, weil er jede Braut, die seine Eltern für ihn erwählt hatten, zurückwies und sich nicht verheirathen wollte.
Schalom Raphaeli war endlich überzeugt, dass sein Sohn behext sei.
Unternehmend als Kaufmann, kühn als Schiffsherr, war Schalom für seine Person unglaublich furchtsam und abergläubisch. Wenn er im Sommer einen Besuch bei Nachbarn machte und entdeckte, dass sich kein Blitzableiter auf dem Dache befand, liess er die Pferde niemals ausspannen und beeilte sich, wieder den Rückweg anzutreten. Schlief er einmal in einem fremden Hause, so untersuchte er sofort, ob wohl Gitter an den Fenstern seien. Begegnete er einem Hunde, der die Zunge heraushängen liess, war er im Stande, sich über den nächsten Zaun zu schwingen und die Flucht zu ergreifen. Eine besondere Angst hatte er vor dem Petroleum. In seinem Hause durfte keines gebrannt werden. Er schnitt aus den Journalen alle Notizen aus, wo von Unglücksfällen durch Petroleum die Rede war und legte sie seinen Bekannten vor, sobald diese den Heroismus besassen, Petroleum zu brennen.
Wenn die Passahwoche vorüber war, begann eine Zeit immerwährender Aufregung für Schalom. Der Zwischenraum zwischen Passah und Schebuoth (Ostern und Pfingsten) nach dem Maass Gerste, das man vordem in Jerusalem zu opfern pflegte, Omer genannt, galt ihm, der noch ganz in den alten Traditionen des Ghetto befangen war, als eine Zeit der Gefahr und des Unglücks.
Während des Omer haben die bösen Geister und Dämonen, die Schaïdim und Masikim, welche Luft und Erde erfüllen, einen besonderen Einfluss und auch die Machscheves, die Hexen, treiben ihr Unwesen. In dieser Zeit ist die grösste Vorsicht geboten und Schalom Raphaeli war nicht der Mann, es an Vorsicht fehlen zu lassen.
Gleich am ersten Abend des Omer schlug er selbst an dem Thürpfosten den schönen Psalm: »Erhebe ich meine Augen zu den Bergen, woher kommt mir Hülfe? Meine Hülfe kommt von Adonai, der gemacht Himmel und Erde.«
In dieser gefährlichen Zeit achtete Schalom ängstlich darauf, dass Niemand die abgeschnittenen Nägel oder Haare wegwarf, sie mussten vor ihm verbrannt werden, er gestattete weder zu pfeifen, noch Steine zu werfen, noch eine Feuerwaffe abzuschiessen, noch zu Pferde zu steigen oder auszufahren. Sogar den Dienern war es strenge verboten, in Hemdärmeln herumzugehen, verboten Jedermann, einen Kahn zu besteigen, verboten, Nachts in den Spiegel zu sehen.
Da Schalom ein seelensguter Mensch, da er der Sklave seiner Frau, der Diener seiner Tochter und der gute Kamerad seines Sohnes war, so fügten sich alle, aber es gab stets verdriessliche Gesichter, denn Edith entsagte mit schwerem Herzen dem Sattel, Noëmi vergoss jedesmal Thränen, wenn ein Habicht ihr ein Täubchen entführte und sie ihre kleine Flinte nicht von der Wand nehmen durfte, und Juda war noch stiller und ernster als sonst vor seinen Büchern, seitdem der Kahn nicht von der Kette gelöst werden durfte.
* * * * *
Als Schalom eines Tages in die Stadt ging, um seine Geschäfte zu besorgen, athmeten alle befreit auf. Frau Edith liess ihren Rappen satteln, und Noëmi lud ihre Flinte. Juda liess zwar den Kahn an der Kette, aber Nachmittags bestieg er gleichfalls ein Pferd und ritt davon.
Als Schalom Abends heimkehrte, sass Edith bereits wieder in ihrem Salon, und Noëmi stöberte in der Bibliothek umher, aber Juda war noch nicht zurück.
Schalom ging an den Ort, wo der Kahn lag, dann in den Stall und zählte die Pferde. Als er in den Salon zurück kam, war er bleich und ging aufgeregt auf und ab.
»Wo ist Juda?« fragte er endlich.
»Nicht weit«, erwiderte Noëmi, »er muss jeden Augenblick kommen.«
»Muss!« rief Schalom, »wenn er aber nicht kommt?«
»Juda ist doch kein Kind,« bemerkte Edith, »wenn ich ruhig bin, brauchst Du doch auch keine Angst zu haben.«
»Brauchen?« rief Schalom, »wenn ich aber doch habe? Niemand kann mir verbieten, Angst zu haben. Wenn er nur nicht zu Cooks ist, dort brennen sie Petroleum.«
Schalom kämpfte einen schweren Kampf. Aber endlich siegte die Liebe zu seinem Sohne über seine Furchtsamkeit und er ging hinab, liess ein Pferd satteln, fragte, in welcher Richtung Juda fortgeritten wäre und schlug denselben Weg ein.
Es war indess dunkel geworden und zum Ueberfluss stieg noch dichter Nebel aus den Wiesen und Gehölzen empor. Schalom war es recht unheimlich zu Muthe, aber er trieb sein Pferd an und sprach sich Trost zu. »Du hast täglich Deine Gebete verrichtet«, sagte er, »Du hast strenge alle Vorschriften beobachtet, Du hast reichlich Almosen gegeben, Gott wird Dich nicht verlassen.«
Doch in demselben Augenblick tauchte aus Nacht und Nebel eine weisse Gestalt, die ihm zu winken schien. Das Pferd fiel in Schritt, während Schalom, am ganzen Leibe bebend, zu beten begann. Eine zweite Gestalt, vom Monde geisterhaft beschienen, der langsam aus den Wolken trat! Schon wollte Schalom umkehren, da erinnerte er sich, dass hier der Friedhof lag. Er näherte sich der Mauer und erblickte jetzt die Reihen der Gräber und die Grabdenkmäler von Cypressen umgeben.
Wieder trabte er vorwärts, als plötzlich vor ihm ein schreckliches Getöse entstand, das rasch auf ihn zukam. Er trieb sein Pferd über den Graben, in das Feld, diesmal waren es ohne Zweifel Schaïdim oder gar Lillith selbst mit ihrem Gefolge.
Vor diesem weiblichen Teufel hatte Schalom einen besonderen Respekt. Aus dem Unflath der Erde erschaffen, war sie Adam's erste Frau gewesen und von Gott verflucht, jagte sie Nachts, von einem Heer von Dämonen begleitet durch die Luft. Alle tausend Jahre versucht sie einen Mann zu verführen, um von dem Fluche, der auf ihr lastet, erlöst zu werden.
Wenn sie Juda antraf? Wenn er in ihre Netze fiel?
Schon stürmte ein kleiner Wagen heran, an den zehn schwarze Ponnis gespannt waren. Die Funken stoben unter dem wilden Gefährte, das im Nu vorüberraste und sofort im Nebel verschwand.
Wenige Minuten später ertönte der Hufschlag eines Pferdes, und ein junges, schönes Weib sprengte heran und hielt vor Schalom. Sie war phantastisch gekleidet. Man hätte sie für eine Zigeunerin halten können, wenn sie nicht so blendend weiss gewesen wäre, und wenn ihr Haar nicht goldroth wie eine Flamme um ihre Schultern gespielt hätte.
Es war Lillith, die Verführerin, kein Zweifel. Schalom hatte Lust, die Flucht zu ergreifen, aber sie fragte ihn in gutem Englisch: »Ist dies der Weg nach Bath?« und das beruhigte ihn ein Wenig.
»Es ist etwas spät, um einen Spazierritt zu machen«, sagte er, »fürchten Sie sich nicht, Madame?«
»Oh! ich bin auf dem Pferde geboren,« rief die Schöne lachend. »Haben Sie nicht von Miss Cornills gehört? Gesellschaft ist auf dem Wege nach Bath, wo wir einige Zeit Vorstellungen geben werden.«
»Sie sind also?«
»Eine Kunstreiterin«, erwiderte Miss Cornills und gab ihrem Pferde einen Schlag mit der Gerte. Während sie im Nebel verschwand und Schalom seinen Weg fortsetzte, dachte er: »Wenn es auch nicht Lillith ist, eine Teufelin ist es doch, und ich bin froh, dass Juda ihr nicht begegnet ist.«
* * * * *
In demselben Augenblick strauchelte sein Pferd, und Schalom fiel in den Strassengraben.
»Da haben wir's«, rief er laut. Als er sich wieder erhoben und sich überzeugt hatte, dass er weder Hals noch Arm gebrochen, entdeckte er, dass das rechte Bein ihn schmerzte. »Habe ich nicht gesagt«, murmelte er, »dass man zu Omer nicht reiten soll.«
Indess hatte der Nebel sich etwas verzogen, und Schalom sah, dass er sich nur hundert Schritte von dem Landhaus befand, das die ihm befreundete jüdische Familie Cook bewohnte. Als er sein Pferd beim Zügel führend sich dem Thor des Parkes näherte, gewahrte er einen Reiter, der an der Mauer hielt, und eine weibliche Gestalt, die sich von derselben zu ihm herüberneigte.
Schalom band sein Pferd an und schlich durch die Gebüsche an das verliebte Pärchen heran. Ja, es war sein Juda, wie er gleich vermuthet hatte, und die Dame war Lea Meborah, die Erzieherin der Kinder Cook's. Ein hübsches Mädchen aus achtbarer jüdischer Familie und sehr gebildet, ja gelehrt, denn sie verstand ebenso gut Griechisch, wie Latein, Hebräisch und Arabisch.
»Das ist also die Machscheve«, dachte Schalom, »diese hübsche Hexe ist es, die ihn behext hat. Darum ist ihm keine Braut vornehm genug.«
»Ich muss nun fort«, sprach Juda, »mein Vater könnte zurückkehren und ich will ihm keinen Kummer bereiten.«
»Sie haben recht,« erwiderte Lea, »Sie bereiten ihm ohnehin Kummer genug, da Sie sich nicht verheirathen wollen.«
»Ich werde niemals verlangen, dass er uns seinen Segen gibt«, sagte Juda, »aber ebenso wenig werde ich jemals eine Andere zur Frau nehmen, als Sie, Lea. Sie, Sie sind mein Alles, nichts kann uns trennen.«
»Ich warte jetzt schon drei Jahre«, gab Lea zur Antwort, »ich kann noch länger warten, mein ganzes Leben, wenn Sie nur Ihr Herz keiner Anderen schenken.«
Schalom hatte genug gehört.
* * * * *
Am nächsten Morgen sagte Schalom lächelnd zu Juda: »Ich habe wieder eine Braut für Dich.«
»Ich danke«, erwiderte Juda, »ich bleibe lieber unverheirathet.«
»Aber diesmal ist es eine Gelehrte.«
»Ich will keine Gelehrte und keine Ungelehrte.«
»Auch Lea Meborah nicht?«
»Vater scherzen Sie nicht«, rief Juda erregt.
»Ich scherze nicht«, gab Schalom zur Antwort, »Du sollst Lea haben, aber unter einer Bedingung.«
»Oh! ich nehme jede an.«
»Also unter der Bedingung, dass Du nie wieder zu Omer ein Pferd besteigst, und dass Du in Deinem Hause kein Petroleum brennst.«
Der Todesengel.
-- ITALIEN. --
Der Schnorrer. -- Galoth. -- Jüdische Askese.
Es war in einer frostigen Dezembernacht. Der Winter hatte die Appeninen in schimmernde Eiswälle verwandelt und alle Thäler mit Schnee gefüllt. Ein eisiger Wind blies durch die Wipfel der Bäume und schüttelte die Eiszapfen gleich tausend klingender Schellen. Das Heer der Sterne bedeckte den weiten Himmel. Weisse Gestalten standen am Wege, geheimnissvoll, gespensterhaft. Und ringsum war die Stille des Todes.
Trotzdem wanderte ein Mann durch diese wilde Gegend, durch diese Nacht voll Schrecken. In ein härenes Gewand gehüllt, barhaupt, auf einen Stock gestützt, schleppte sich Zeruja Nebusch nur noch mit Mühe vorwärts; aber er fürchtete weder Frost, noch Ermattung, noch die Lawinen, die von den Bergen stürzten, noch die Abgründe, die sich von Zeit zu Zeit am Rande seines Weges öffneten. Er befand sich auf jener grauenhaften Wanderung, die der Jude Galoth nennt und welche den Menschen zum Gefährten des Wolfes und des Raubvogels macht.
Drei Tage und drei Nächte hatte er ununterbrochen gefastet, nicht einmal ein Tropfen Wasser war über seine Lippen gekommen und ebenso lange hatte er unter keinem menschlichen Dache geruht. Noch trugen ihn seine Füsse vorwärts, aber er fühlte, dass seine Kräfte zu Ende waren. Der Frost peinigte seinen erschöpften Körper, der weiche Schnee lud ihn zum Schlafen ein. Er wusste, dass er erfrieren würde, sobald er nur einen Augenblick ruhen wollte, und so ging er vorwärts, obwohl eine Art sanft betäubender Musik in seine Ohren klang und um ihn ein überirdischer Glanz war, wie vor den brechenden Augen eines Sterbenden.
Endlich ertönte Hundegebell und wurde ein Dach sichtbar, aus dem blauer Rauch emporstieg.
Zeruja konnte nicht mehr weiter. Er näherte sich dem Gebäude, einem stattlichen Bauernhof, fand das Thor einer Scheune offen, trat ein und warf sich auf das Stroh.
Noch immer war der seltsame Glanz um ihn, noch immer klang es ihm in die Ohren. Er sagte sich, dass sein Ende nahe sei, zog den Sohar, das heilige Buch der Kabbalisten, aus der Brust und erwartete betend den Tod.
Plötzlich ging die Thüre auf und auf der Schwelle zeigte sich eine herrliche Erscheinung. Ein Weib von biblischer Schönheit, im weissen Gewande, die schwarzen Haare über die Schulter niederwallend, einen krummen Säbel in der Rechten.
»Sei mir gegrüsst, Engel des Todes!« rief Zeruja und sank zurück. Seine Sinne schwanden.
* * * * *
Als der wandernde Büsser wieder die Augen öffnete, befand er sich auf einem weichen Lager in einer grossen Stube. Vor ihm stand ein Mann im besten Alter, eine kleine Lampe in der Hand, und das schöne Weib, das er für den Todesengel gehalten hatte, war damit beschäftigt ihn mit Hülfe verschiedener Essenzen in das Leben zurückzurufen.
»Wo bin ich?« fragte Zeruja.
»In einem frommen, jüdischen Hause«, erwiderte der Mann hebräisch. Er hiess Salamone Bologna und besass im Dorfe ein Haus, einen Acker und eine Schenke. Sulamith, seine Tochter, war durch das Hundegebell aufmerksam geworden, hörte das Thor der Scheune knarren, und da sie meinte, ein Dieb habe sich eingeschlichen, eilte sie mit einem alten Säbel in der Hand hinaus und fand den zu Tode erschöpften Pilgrimm.
»Woher kommt Ihr?« fragte das Mädchen.
»Aus Polen.«
»Und wohin geht Ihr?«
»Weiss ein Mensch, wohin er geht?« erwiderte Zeruja. »Ich suche Gott, wer weiss, ob ich ihn finden werde.« Er sank zurück in die Kissen und schlief ein.
Es war Mittag, am anderen Tage, als er wieder erwachte. Er kleidete sich rasch an, ergriff seinen Stock und wollte fort. Doch das Mädchen hielt ihn zurück.
»Ich darf nicht länger als eine Nacht unter einem Dache weilen«, sagte Zeruja.
»Bist Du wahnsinnig?«
»Hat nicht Gott zu Kain gesagt: Du sollst unstät und flüchtig auf der Erde sein?«
»Hast Du Deinen Bruder ermordet, wie Kain?«
»Nein, aber jeder Mensch ist sündhaft, und habe ich meine Sünden abgebüsst, so büsse ich für die Sünden der Anderen.«
»Du kannst nicht fort«, erwiderte Sulamith, »es sind Lawinen herabgestürzt diese Nacht, und die Brücken sind allerorten zerstört.«
Zeruja seufzte.
»Und heute Abend ist Sabbathanfang, Du kannst nicht am Sabbath wandern.«
Der Pilger ergab sich in sein Schicksal. Er liess sich auf einen Schemel bei dem grossen Kamin nieder, in dem ein riesiger Holzblock verglühte und starrte in die Flammen. Sulamith füllte aus einer dicken Flasche eine röthliche Flüssigkeit in ein kleines Glas und reichte es dem Pilger.
»Was soll ich damit?« fragte er.
»Trinken -- es ist Arznei.«
»Wer zu Gott nach rechter Art zu beten versteht, der bedarf weder des Arztes noch der Arznei«, sagte der polnische Schnorrer.
»Wenn Gott wollte, dass Du zu Grunde gehst«, entgegnete das Mädchen, »so hätte er Dich in dieser Nacht verderben lassen. Er hat Dich aber unter unser Dach geführt, damit wir Dich retten. Hier nimm.« Sie sah ihn an und vielleicht war es mehr ihr dunkles Auge, geheimnissvoll, wie die Kabbalah, das ihn zwang, als dass ihre Worte ihn überredeten. Er nahm das Glas und leerte es.
»Und nun sollst Du essen.«
»Heute Abend, zum Sabbath, ja.«
»Nein, auf der Stelle. Du willst für fremde Sünden büssen«, rief Sulamith, »nimm Dich in acht vor allem, dass nicht Andere um Deinetwillen sündigen.«
»Wie?«
»Du willst uns hindern, das Gebot Gottes zu erfüllen, den Hungrigen zu speisen, den Durst des Verschmachtenden zu löschen.«
»Gib mir also zu essen.«
* * * * *
Eine Woche war vergangen und Zeruja hatte seine Wanderung nicht fortgesetzt. Die Ruhe und die Pflege hatten ihm wohl gethan, das unheimliche Feuer in seinen Augen war gewichen, die Blässe des Todes auf seinen eingesunkenen Wangen hatte einer gesunden Farbe Platz gemacht.
»Ich bin mit Dir zufrieden,« sagte eines Tages Sulamith, »Dein Körper erholt sich langsam, hoffentlich wird Dein Geist gesunden.«
»Ich bin nicht wahnsinnig«, antwortete der Büsser.
»Deine Seele ist krank,« sagte das Mädchen, »weil Du im Irrthum befangen bist.«
»Ich weiss, was ich thue«, sagte Zeruja, »es ist nicht genug, Gottes Gebote zu erfüllen, man muss aus Liebe zu Gott mehr thun, als er von uns verlangt, man muss sich sogar das Erlaubte versagen, nichts Weltliches darf den wahrhaft Eifrigen in Anspruch nehmen, kein Geschäft, keine Arbeit, kein Vergnügen. Er soll auch kein Weib haben. Ja, er muss seinen Körper tödten, um das Thier in sich zu bezwingen.«
Sulamith schüttelte den Kopf. »Und zu welchem Zweck dies alles? Dieser Eifer? Diese Qual?«
»Damit sich die Pforten der Geisterwelt öffnen, damit die Seele sich mit Gott vereinigen kann.«
»Gibt es nicht andere Mittel, Gott zu gefallen?«
»Es giebt nur eines«, erklärte der Schnorrer feierlich, »die Busse: Beten, Nachtwachen, Fasten, Geisseln, Qualen erdulden und immerfort wandern.«
»Und Du hast in dieser Weise Busse gethan?«
»Ja, ich habe mich im Winter im Schnee gewälzt und im Sommer auf Dornen, ich habe mich geisseln lassen, bis mein Blut floss, ich bin auf der Schwelle der Synagoge gelegen, damit mich ein Jeder mit dem Fusse tritt, der in den Tempel Gottes eingeht.«
»Zeruja, Du bist doch ein Narr!«
»Ich bin auch gewohnt Spott zu erdulden.«
»Wer sagt Dir, dass ich über Dich lache«, versetzte das Mädchen, »im Gegentheil, ich habe Mitleid mit Dir. Ich möchte Dich heilen.«
* * * * *
In derselben Nacht hörte Sulamith die Thüre gehen. Es war Mitternacht, als sie sich erhob, rasch ankleidete und hinaus eilte. Ihr erster Gedanke war, dass Zeruja heimlich das Haus verlassen, und seine Wanderung fortsetzen wolle.
Sie fand ihn vor dem kleinen Teich, der dem Hause gegenüber lag, damit beschäftigt, das Eis aufzuhacken.
»Was willst Du hier?« fragte sie erstaunt.
»Mich in das Wasser tauchen.«
»Zu welchem Zweck?«
»Um Busse zu thun. Ich sündige, indem ich meine Wanderung unterbreche, ich muss etwas thun, um Gott zu versöhnen.«
Sulamith nahm ihm die Haue aus der Hand und wies mit einer gebieterischen Bewegung auf die Thüre des Hauses. »Geh' hinein, sofort«, rief sie.
Zeruja sah sie an und gehorchte. Sie folgte ihm in die grosse Stube, sperrte die Thüre und liess sich dann beim Kamin nieder.
»Du willst Gott dienen«, sprach sie mit einem Ton voll Strenge und Erbarmen zugleich, »Wahnsinniger! Du kennst Gott nicht. Du kennst nur einen Gott des Hasses und der Rache, den Du versöhnen willst, ich kenne einen anderen Gott, den Gott der Liebe und des Erbarmens, den Gott, der den Regenbogen ausgespannt hat nach der Sündfluth als Zeichen des Friedens, den Gott, der sein Volk Israel aus Egypten geführt hat, und der uns in der babylonischen Gefangenschaft beschützt hat, und der uns auch heute nicht verlassen hat, wo wir zur Strafe unserer Sünden über den Erdboden zerstreut sind.«
Zeruja blickte zu Boden und schwieg.
»Thue nicht mehr, als Dein Gott von Dir verlangt«, fuhr das Mädchen fort, »was massest Du Dir an, den Willen Deines Schöpfers besser zu kennen, als er selbst, der ihn ausgesprochen hat auf dem Berge Sinai und durch den Mund des Propheten.«