Jüdisches Leben in Wort und Bild

Part 8

Chapter 83,830 wordsPublic domain

Das kam so. In der Prager Judenstadt lebte damals ein alter Mann, Pesach Wolf, der eine Buchhandlung besass. Er war reich und in Folge seiner Orthodoxie geachtet und gefürchtet. Wolf hatte seine Frau und seine Kinder begraben und hatte nur noch eine Enkelin, Jenta, die sein Stolz und seine Freude war. Diese wollte er um jeden Preis verheirathen, aber es fand sich kein Mann, trotz der reichen Mitgift.

Endlich gab Wolf jede Hoffnung auf, und da er den Kopf voll Mystizismus und Aberglauben hatte, so umschlich er eines Abends die Alt-Nai-Schule, in der Absicht, einen gelehrten polnischen Talmudisten zu finden, der ihm helfen sollte, denn nur zu einem Kabbalisten des Ostens hatte er Zutrauen.

Hier traf ihn Treitel und liess ihn nicht mehr los. Endlich begann Pesach Wolf: »Sagen Sie mir, Treitel, auf dem Boden der Alt-Nai-Schule soll der Gaulim des berühmten Rabbi Löb aufbewahrt sein.«

»Ja, so sagt man.«

»Könnte man diesen Gaulim nicht bekommen?«

»Zu welchem Zweck? Aber Sie wissen doch, dass sich Niemand auf den Boden wagt. Wahrscheinlich haben in früheren Zeiten die Rabbiner allerhand unheimliche Geschichten über die Alt-Nai-Schule verbreitet, um die Christen abzuschrecken und sind dort heute noch Schätze und Geheimnisse aller Art verborgen.«

»Kennen Sie Jemand, Treitel«, fuhr Pesach Wolf leise fort, »der ein Kabbalist ist, wie Rabbi Löb einer war, der einen Gaulim bilden kann und ihn zu beleben versteht durch Einhauchen heiliger Namen?«

»Das sind doch Märchen!« rief Treitel lachend. »Rabbi Löb mag einen Automaten gehabt haben, der Anlass zu der Sage gab. Aber wozu wollen Sie denn solch einen Gaulim haben?«

»Für meine arme Jenta«, sagte der Greis seufzend, »da sie schon keinen Mann haben soll, möchte ich ihr einen schönen Gaulim zum Spielzeug geben.«

Treitel legte den Finger an die Nase. »Einen schönen Gaulim? Sollen Sie haben.«

Und so klopfte der Schadchen wieder an die Thüre des schönen Kaleb.

Diesmal war die Aufnahme ungleich besser, und als Treitel von einer reichen Erbin sprach, wurde Kaleb sogar liebenswürdig.

»Aber die Sache ist nicht so leicht«, sagte der Schadchen, »trotz Ihrer Schönheit, Sie müssen klug sein und dem Treitel folgen, blind folgen.«

Kaleb versprach es und begann damit, dass er ein Zimmer bezog, das Treitel in dem Hause gegenüber von Pesach Wolf gemiethet hatte. »Zeigen Sie sich am Fenster«, sagte der Schadchen, »wenn Sie sehen das Mädchen gegenüber, meinetwegen als Türke, aber zeigen Sie nur nicht voreilig Ihre Beine.«

Der schöne Kaleb blickte also mit einem Opernglas den ganzen Tag hinüber, und wenn Jenta sich an das Fenster setzte, öffnete er das seine und lehnte sich hinaus.

»Ein schöner Mann!« sagte Jenta, als sie ihn das erste Mal in seinem prächtigen Schlafpelz mit dem Fez auf dem Kopfe erblickte.

Treitel hatte im Hause Pesach Wolf's dieselben Vorsichtsmassregeln ergriffen. Er brachte eine Büchse mit Schminke und lehrte Jenta ihr kleines grüngelbes Gesichtchen mit Hilfe derselben in einen niedlichen Puppenkopf zu verwandeln, er lehrte sie mit einem über dem Licht geschwärzten Kork die Augenbrauen zu malen, und bestimmte den alten Wolf, ihr einen Schlafrock von rothem Atlas zu kaufen, in dem sie aus der Entfernung einen ganz guten Effekt machte. Kaleb fand sie hübsch und erklärte sich bereit, um ihre Hand anzuhalten, während Jenta ihn bereits mit offenen Armen erwartete.

Nun begann Treitel den schönen Kaleb auf die wirkliche Jenta vorzubereiten.

»Gewiss ist sie hübsch«, sagte er, »sie schielt zwar ein Bischen, aber das gibt ihr gerade einen besonderen Reiz. Auch ist sie sehr gross und sehr schlank, doch das macht sie um so majestätischer und endlich ...«

»Was denn noch?« fragte Kaleb ängstlich.

»Na, erschrecken Sie nur nicht gleich«, rief der Schadchen, »ein Mädchen, das einem 200,000 Gulden zubringt, darf man nicht so genau ansehen, endlich -- ja -- sie hat auch ein paar falsche Zähne, aber Zähne wie Perlen, sag' ich Ihnen.«

»Und wirklich 200,000 Gulden?«

»Ja, das ist sicher.«

So ging denn der schöne Kaleb mit Treitel hin und hielt feierlich bei dem alten Pesach Wolf um Jenta's Hand an. Nachdem alles abgemacht war, erschien die reiche Erbin. Kaleb erschrack ein wenig, als er entdeckte, dass sie um einen halben Kopf grösser war als er und mager, wie ein Windhund. Aber er konnte nicht mehr zurück. Er tröstete sich mit ihrer Bildung, ihrem Gelde und fand schliesslich, dass das Schielen sie pikant mache.

So war denn Beiden geholfen. Der schöne Kaleb hatte endlich die reiche Frau gefunden, die er seit fünfzehn Jahren erwartet hatte und Jenta bekam ihr Spielzeug, ihren Gaulim.

Ihr war es Ernst, sie bewunderte ihren Mann, sie betete ihn an, sie putzte ihn, wie man ein Kind aufputzt und bediente ihn, wie eine Sklavin ihren Herrn bedient, und so fand sich der schöne Kaleb mehr und mehr in sein Loos und fühlte sich endlich vollkommen glücklich.

Nur eines beunruhigte ihn, dass seine Frau grösser war als er.

Aber auch dafür fand er eines Tages ein Remedium, wie einst für seine krummen Beine.

Jenta durfte nur ganz kleine Hüte und Schuhe ohne Absätze tragen, während er auf einer Art Kothurn einherschritt und stets hohe Hüte trug. Zu Hause aber sass er immer, wie ein kleiner Junge, auf einem Polster und trennte sich niemals von seinem Fez, der ihn allein schon um ein paar Zoll grösser machte.

Der Gaulim des Rabbi Löb ruht aber nach wie vor auf dem Boden der geheimnisvollen Alt-Nai-Schule und um das Grab des grossen Kabbalisten, der einen Tycho de Brahe und einen Kaiser Rudolf zu seinen Freunden zählen durfte, rauschen die düsteren Weiden des alten Prager Judenkirchhofs und weben noch heute wunderbare Sagen, die immer wieder vom Grossvater auf den Enkel kommen, ein theures Vermächtniss aus längstvergangenen, finsteren, grausamen Zeiten.

Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben!

-- SPANIEN. --

Das Haus des Lebens. -- Tod und Begräbniss.

Das Haus des Lebens, wie die Juden den Friedhof nennen, lag in einem kleinen Thal, das von zwei Hügeln eingeschlossen war. Uralte Bäume füllten den ganzen Raum und breiteten ihre Aeste wie ein grünes Dach über die aufrecht stehenden Leichensteine, über verwitterte Mausoleen und von hohem Gras und wilden Blumen überwucherten Grüfte. Seit der Zerstörung des Tempels begruben die Kinder Israels hier ihre Todten. Das Reich der Römer war gefallen, wie das der Gothen, von der maurischen Herrlichkeit waren nur noch stolze, schwermüthige Ruinen da, die spanische Weltmonarchie, in der die Sonne nicht mehr unterging, hatte dasselbe Schicksal ereilt, aber sie, die Vertriebenen, Heimathlosen, hatten alles überdauert, sogar die Inquisition und die Scheiterhaufen.

Während oben, auf dem Plateau, in der kleinen, spanischen Stadt und unten im Hafen der Lärm und die Unruhe der Arbeit, des Handels herrschten, war hier die Stille und der Frieden.

Alles lag im Schatten und kein Laut drang von aussen herein. Nur selten glitt ein warmer Sonnenstrahl durch das düstere Blattwerk und beschien kurze Zeit eine hebräische, halb erloschene Inschrift, nur selten sang ein Vogel hier. Nur die Bienen summten unablässig in dieser von Blumen in allen Farben und von einem schweren Duft erfüllten Wildniss.

In einem Winkel des Friedhofs, von zwei Zypressen beschattet, lag ein kleines Grab und auf diesem Grabe sass ein Greis. Er sass immer hier, zu jeder Jahreszeit, Tag und Nacht. Mit seinem langen weissen Sterbgewand, seinem weissen Haar, seinem Bart, der wie Schnee über seine Brust niederwallte, glich er selbst einem Denkmal von Stein. Er sass unbeweglich, in Gedanken, in Erinnerungen oder in sein Gebet versunken und schien niemand zu sehen, wer auch vorüber kam.

Ihn aber kannte ein Jeder, den Vater Menachem, der hundert Jahre alt geworden war und noch immer rüstig, mit frischem Geist unter einem neuen Geschlecht wandelte, ein Patriarch voll Güte und Würde.

Während der Greis sann und träumte, hatte sich ein Falter unmittelbar vor ihm auf eine Rose gesetzt, und jetzt kam ein grosser, schöner Knabe gelaufen um ihn zu fangen.

Menachem erhob das Haupt, sah dem Kinde in das edelgeschnittene Antlitz, das von blondem Haar umrahmt war, und aus dem ihn zwei grosse blaue Augen anlächelten und murmelte: »Ghiron!«

»Nein, Vater Menachem«, sagte der Knabe, »ich heisse Schamai und bin der Sohn der Kive Castallio.«

»Du hast aber die Gestalt, die Züge und den Blick meines Sohnes, den ich verlor, als er zehn Jahre zählte. Es ist lange her. Ein halbes Jahrhundert. Mein Gott, wie rasch die Zeit vergeht und wie langsam.«

»Dies ist sein Grab?« fragte Schamai.

Der Greis nickte, strich ihm die Haare aus der Stirn und lächelte. »Was thust Du hier, mein Kind?« sprach er dann, »dies ist kein Ort für Dich. Du kannst es noch nicht fassen, warum dieser friedliche Platz das Haus des Lebens genannt wird. Bleib draussen, Schamai, wo die Sonne scheint, wo die Meereswogen singen, wo der Pflug die Erde durchzieht, wo die weissen Segel irdische Schätze herbeiführen, lebe, lebe mein Kind, dann, eines Tages, wirst Du hierher kommen, und Du wirst verstehen. Du wirst hier den Frieden finden und das Glück, das Du vergebens gesucht im Strome der Zeiten.«

»Vater Menachem«, sagte der Knabe, indem er sich neben dem Greise niederliess und sich sanft an ihn schmiegte, »man sagt, dass Du alle Haggadoths kennst, erzähle mir ein Märchen.«

»Ein Märchen?« Menachem nickte mit dem Kopfe. »Ja, ein Märchen oder ein Traum, was wäre es sonst?« Er strich mit der Hand über die Stirne und begann:

»Es war einmal ein Mann, nicht besser, nicht gerechter, nicht klüger, als die anderen. Er verehrte Gott und liebte die Menschen. Er suchte die Wahrheit, und fand den Irrthum, er wollte recht handeln und beging Fehler, er unterrichtete sich, er dürstete nach Weisheit und sah endlich, dass ein Mensch ist wie der andere und dass ein Menschenschicksal dem anderen gleicht. Er nährte Hoffnungen, Wünsche, Träume, die niemals in Erfüllung gingen, er strebte nach Dingen, die er niemals erreichte. Er begnügte sich zuletzt damit, für sich und die Seinen zu sorgen und lebte dahin, wie alle anderen. Er nahm ein Weib, schön, wie eine junge Rose, er liebte sie. Sie schenkte ihm ihr ganzes Herz, und sie schenkte ihm auch Kinder, die er liebte. Er war nicht reich und nicht arm, er konnte den Seinen geben, was sie brauchten und war zufrieden.

Aber die Jahre zogen dahin und mit ihnen die Menschen, sie fielen wie die Blätter im Herbste und kehrten nicht wieder, andere traten an ihre Stelle und wieder andere, und endlich war der Mann allein.

Er hatte alle begraben, Eltern und Geschwister, Weib und Kinder, Verwandte und Freunde, alle, alle, aber an ihm ging der Todesengel vorüber Jahr für Jahr, und er blieb Jahre und Jahre allein, einsam, verlassen, in einer Welt, die ihm fremd geworden war, unter Menschen, die er nicht verstand und die ihn nicht verstanden.

Er hatte gelebt, Glück und Unglück, Freud und Schmerz waren an ihm vorüber gegangen, die Welt bot ihm nichts Neues mehr, keine Ueberraschung, keine Freude, nicht einmal einen neuen Schmerz, eine neue Sorge.

Und so begann der Mann, sich nach dem Tode zu sehnen, den alle fürchten, und wenn er zu seinem Gotte betete, rief er aus der Tiefe seiner Seele: Herr, nimm mich hinweg aus diesem Thal der Schatten und lass mich endlich sehen Dein ewiges Licht.«

Der Knabe schwieg einige Zeit, dann sprach er: »Der Mann bist Du, Vater Menachem.«

»Ja, der Mann bin ich.«

»Und Du willst sterben?«

»Ja, mein Kind, für mich ist der Tod, was für Dich das Leben ist.« Der Greis erhob sich und nahm den Knaben bei der Hand. »Komm. Dir stehen noch die goldenen Pforten des irdischen Paradieses offen, Dir lacht die Jugend entgegen, das Glück, die Schönheit, Ehre und Ruhm, komm.«

Sie schritten zusammen durch die Reihen der Gräber zur Pforte hinaus und dann den Abhang hinauf. Oben, vor dem Thore der Stadt, wies der Greis auf die maurischen Kuppeln, die im Abendlicht glänzten, und auf das blaue, sonnige Meer. Dann geleitete er das Kind bis zu dem kleinen Hause, vor dem seine Mutter, die schöne Kive, stand, ihr jüngstes Kind an der Brust, und nahm mit einem gütigen Lächeln Abschied.

* * * * *

Drei Tage später lief der Knabe eilig durch die jüdische Gasse, er kam vom Friedhof. Vater Menachem hatte ihn gesendet, zehn Männer der Chebura Kdischa zu suchen, er fühlte die Stunde nahen, die er so lange mit geduldiger Sehnsucht erwartet hatte.

Langsam erklomm der Greis den Abhang, warf noch einen letzten Blick auf Meer und Land und trat dann durch das düstere Thor in die Stadt. Als er auf der Schwelle seines Hauses Athem holte, kam schon Schamai mit den zehn Männern.

»Was wollt Ihr, Vater Menachem?« fragte der Aelteste unter ihnen erstaunt.

»Sterben«, erwiderte der Greis. Langsam trat er in das Haus, in die grosse Stube des Erdgeschosses, mit der Hand an der Wand tastend und sank, wie er war, im weissen Sterbgewande, auf sein einfaches Lager.

»Wollt Ihr einen Arzt?«

»Ich will sterben«, erwiderte Menachem. In die Kissen zurückgelegt, den Blick erhoben, die Hände auf der Brust gefaltet, begann er schwerer und schwerer zu athmen.

Die zehn Männer bildeten einen Halbkreis um ihn, und der Sterbende betete das Schema, das Sterbegebet, und sprach die dreizehn Glaubensartikel.

Als er zu Ende war, begannen die zehn Männer einen Psalm zu beten.

Plötzlich richtete sich der Greis auf. Sein Antlitz war verklärt. Er hatte die Hände erhoben und murmelte: »Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben!« Dann sank er in die Kissen zurück und lag da, ein Lächeln um die Lippen.

Nachdem eine Viertelstunde verstrichen war, hoben die Männer den Todten auf und legten ihn mitten in die Stube auf den Boden. Die Arme lagen straff zu beiden Seiten, und die geballten Fäuste bildeten ein hebräisches Sch -- Schadai.

Nachdem ein Leintuch über die Leiche gebreitet war und das Lämpchen zu Häupten derselben angezündet, wurde das Fenster geöffnet. Die Seele zog in ihre Heimath.

Im Hause war es stille und stille draussen unter dem Abendhimmel, an dem sich die ersten Sterne zeigten.

* * * * *

An dem Tage, wo man Menachem begrub, waren alle Läden geschlossen, Niemand blieb zu Hause, alle gaben ihm das Geleite, alle.

Schon lag er im Leichenhemd, im Talar mit den Schaufäden, die weisse Kappe auf dem Kopf, auf dem Brett.

Einer nach dem andern trat heran, berührte die grosse Zehe des Todten und bat ihn leise um Vergebung.

Dann stimmten die Männer das herzzerreissende »Joschef besseser«, das Geleitgebet an.

Die schluchzenden Frauen hielt man ferne, um die Ruhe des Todten nicht zu stören und langsam trug man die Leiche auf dem Brett hinaus, mit den Füssen voran.

Auf dem Friedhof angelangt, bildeten alle, die dem Todten gefolgt waren, einen Kreis um das Grab, das man ihm neben dem seines Sohnes gegraben hatte.

Die Wenigen, welche entfernt mit ihm verwandt waren, traten vor und sprachen: »Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, der Name Gottes sei gelobt!«

Dann zerrissen sie ihr Gewand an der linken Seite.

Nun trat der Rabbiner an den Todten heran und sprach: »Wir gedenken, Gott, vor Dir, des geschiedenen Menachem Ben Joseph und beten für das Heil seiner Seele. Nimm ihn auf, lass' seine Seele einziehen zur ewigen Ruhe, zur ewigen Freude, zur ewigen Seligkeit, lass' ihn theilhaftig werden der Segnungen, die Du den Frommen und Gerechten verheissen hast, als Lohn für alles irdische Leid, für all' ihre Sorgen, ihr Ringen und Mühen dahier. Der Allerbarmende vergibt. Ja, Menachem, Du bist schon im Lichte und wir sind noch in der Finsterniss. Du bist in der Wahrheit und wir sind noch im Irrthum, Du bist im Frieden und wir im Kampfe und in der Zerstörung.

Gib uns, o Gott, dass auch wir den Kampf zu Ende kämpfen und in Frieden eingehen in Dein Reich.

Gesegnet sei das Angedenken des Gerechten. Amen.«

Langsam wurde der Todte in das Grab gesenkt, sitzend das Antlitz gegen Sonnenaufgang.

Dann fielen die Schollen hinab in die Tiefe, und die Menge verliess ernst und schweigend den Friedhof. Ein Jeder riss, ehe er heraustrat, eine Handvoll Gras aus, warf es hinter sich ohne umzublicken und sprach: »Gedenke, dass Du Staub bist!«

Zuletzt war Niemand da, als der Todtengräber und der Knabe. Als der Hügel aufgeworfen war, legte das Kind einen grossen Strauss aus Blumen, die er auf dem Friedhof gepflückt, auf denselben. »Schlafe sanft, Vater Menachem!« sprach er. Dann ging er hinaus in das Licht, wo die Aehren wogten, und die Meereswellen rauschten.

Schalem Alechem.

-- ELSASS. --

Der Dalles. -- Kindesliebe. -- Passahfest. -- Der Prophet Elias.

Nicht alle Menschen tragen Schuld an ihrem Schicksal. Es gibt brave, fleissige Leute, die alles aufbieten, um dem Unglück, das sie verfolgt, die Spitze zu bieten und dennoch scheitern.

Bei solchen Leuten hat sich der »Dalles« eingerichtet. Ein böser Geist, das Elend in Person. Je grösser das Ungemach, das die Armen zu erdulden haben, je grösser die Noth, um so wohler befindet sich der Dalles. Er mästet sich, während alle um ihn abmagern.

Ein solcher Dalles schien auch bei Mutter Jette Goldenblum eingekehrt. Sie war als eine treffliche Frau bekannt in dem elsässischen Städtchen, und vordem war ihr kleiner Kramladen eine ausgiebige Einnahmsquelle für sie gewesen, aber sie hatte Unglück seit einiger Zeit, und ihr kleines Haus war jetzt vollständig verschuldet. Ihr Vater, Beer Taubes, war zu gut gewesen, er hatte allen seinen Verwandten, seinen Freunden geholfen, hatte sein kleines Vermögen auf diese Weise verzettelt und jetzt dachte Niemand daran, ihm zu helfen und er war froh, einen alten Lehnstuhl bei seiner Tochter zu haben und ein Gedeck an ihrem Tische.

Jette's Sohn, der begabte, arbeitsame Fritz, wurde in gleicher Weise vom Dalles verfolgt. Trat er in ein Geschäft ein, so machte sein Herr bald bankerott oder die Tochter verliebte sich in ihn und er musste fort, weil er seiner Braut, der hübschen, verständigen Sarah Meier, nicht die Treue brechen wollte.

Wieder war er einmal zu Hause bei seiner Mutter, ohne Arbeit, ohne Verdienst, und alle zusammen liessen einige Zeit geduldig Armuth, Kummer, Entbehrung über sich ergehen.

Endlich hatte Fritz einen Entschluss gefasst. German Kugel, der ihn kannte und ihm Vertrauen schenkte, hatte ihm das Reisegeld nach Amerika vorgestreckt, Fritz wollte über den Ocean segeln und drüben sein Glück versuchen.

Alle hörten ihn traurig und seufzend an, aber sie gaben ihm recht, und Mutter Jette traf sofort alle Vorbereitungen.

Fritz sass diesen Abend mit Sarah auf der Bank beim Ofen. Sie sprachen wenig, sie hatten sich bei der Hand und verstanden sich.

»Ich werde auf Dich warten«, sagte endlich die arme Sarah, »und kommst Du nicht zurück, so nehme ich doch keinen Anderen.«

Am nächsten Morgen nahm Fritz Abschied. Der Grossvater segnete ihn, Mutter und Braut gaben ihm das Geleite bis zur nächsten Eisenbahnstation.

Es währte nicht einen Monat, so kam der erste Brief mit Geld. Fritz hatte in Milwaukee Arbeit gefunden, wurde gut bezahlt, und versprach, jede Woche sein Erspartes zu senden. Und er hielt Wort. Dieser Sohn, der seine Familie, seine Braut verlassen hatte, um jenseits des Meeres für seine Mutter zu arbeiten, er verstand das Gebot Gottes: Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohl gehe auf Erden.

Und es erging ihm wirklich gut. Fünf Jahre war er schon fort, fünf Jahre erwartete ihn schon Sarah in Geduld, ohne Klage, schon fünf Jahre arbeitete er für die Seinen und jede Woche kam der Brief mit demselben Gelde.

Die Leute im Städtchen wussten es und grüssten Mutter Jette noch achtungsvoller als sonst, aber eigentlich nahmen sie den Hut vor dem Sohne ab, eigentlich galt der Gruss dem braven Fritz in Amerika.

* * * * *

Es war Passahfest. Ein dicker Brief war aus Milwaukee gekommen mit vielem, vielem Gelde, und alle waren guter Dinge. Sarah hatte Mutter Jette geholfen das Geschirr zu reinigen, das vorerst über dem Feuer ausgebrannt worden war, und das Haus zu säubern vom Dache bis in den Keller hinab.

Denn das Passahfest feiert die Erinnerung an den Auszug aus Egypten und es heisst in Bezug darauf im Exodus: Ihr werdet sieben Tage ungesäuertes Brod essen und in den ersten Tagen alles Gesäuerte aus Euren Häusern entfernen. Den ersten Monat, den vierzehnten Tag vom Abend, werdet Ihr ungesäuertes Brod essen bis zum einundzwanzigsten Tage den Abend. Während sieben Tage werdet Ihr nichts Gesäuertes im Hause haben.

Vordem hatte man das ganze Geschirr erneuert und alles verkauft, was als gesäuert angesehen werden konnte, jetzt wird dieser Verkauf nur zum Schein ausgeführt. Alles wird einem befreundeten Christen übergeben, der es bezahlt und nach Ostern das Geld zurück erhält und den ganzen Kram zurück erstattet.

Auch Mutter Jette hatte diese Comödie aufgeführt, und jetzt war alles in Ordnung, alles glänzte, in dem frischgescheuerten Speisesaal war die Diele mit rothem und gelbem Sand bestreut, blüthenweisse Vorhänge prangten an den Fenstern, am Ende der Tafel stand der »Lahne« (Lehnstuhl) für das Familienhaupt, und der ganze Raum war von dem Duft der Märzveilchen erfüllt, welche Sarah im Wäldchen gepflückt hatte.

Die beiden Frauen hatten nun auch das Matze, das ungesäuerte Brod bereitet und gebacken, und jetzt war Mutter Jette's erster Gedanke, die Geschenke zu versenden und das Almosen zu spenden, die jeder Jude zu dieser Zeit gibt.

Mit einem grossen Korbe, der mit Weinflaschen und ungesäuerten Broden gefüllt war, ging Sarah durch den Ort und brachte die Gaben zu dem Rabbiner, dem Kantor, dem Schames, dem Lehrer, zu dem armen Talmudisten und zu einigen dürftigen Juden und Christen, denn der wahrhaft fromme Jude kennt für seine Wohlthätigkeit keinerlei Schranken.

Schon nahte der erste Abend des Festes. Grossvater Taubes sass vor dem Hause und erwartete den Stern, der den Anbruch des 14. Nissan und den Beginn der Passahwoche verkündigt.

Der Schulklopfer ging durch die Strassen und klopfte an jede jüdische Thüre dreimal, das Zeichen, dass es Zeit sei zum Gebet.

Da entstand eine fröhliche Bewegung, man hörte Rufe und laute Grüsse in der Ferne, und jetzt kam ein Mann, den Tornister auf dem Rücken, den Stock in der Hand, heran, umringt von der jubelnden Jugend. Er blieb auf der Strasse stehen, und zugleich steckten Mutter Jette und Sarah die Köpfe zum Fenster heraus.

»Schalem Alechem!« (Der Friede sei mit Euch!) sprach der Mann, den sie alle für einen Fremden hielten.

»Alechem Schalem!« (Der Friede sei auch mit Dir!) antworteten die anderen, zugleich riefen aber auch schon die Kinder: »Frau Goldenblum, kennen Sie denn Ihren Fritz nicht?«

Ja, es war Fritz, in grossen Juchtenstiefeln und mit einem langen Bart, und jetzt hatte die Freude keine Grenzen. Nachdem ihn alle sattsam angesehen und umarmt, gingen sie zur Synagoge, und als der Gottesdienst beendet war, auf dem Wege nach Hause, begann Fritz von seinem Schicksal zu erzählen.

Der Dalles war wirklich daheim geblieben, Fritz hatte Glück gehabt in Amerika, hatte viel verdient, viel erspart, ein Geschäft begründet und wieder vortheilhaft verkauft und kam zurück mit mehr als dreissigtausend Franken in seinem Tornister.

Sein erster Gang war zu German Kugel gewesen. Ihm das vorgeschossene Reisegeld zurückzuerstatten, schien ihm die vornehmste Pflicht, dann erst war er zu seiner Mutter, seiner Braut geeilt.

* * * * *

Die Sterne waren indess am Himmel heraufgezogen und ganz Israel ging an die Feier des ersten Passahabends, des Seder.

Grossvater Taubes nahm im grossen Lehnstuhl am Tische Platz, über dem die siebenarmige Lampe brannte, neben ihm Mutter Jette und Sarah, ihm gegenüber Fritz. Vor jedem lag auf dem weissen Tischtuch die Haggada, das hebräische Buch der Gebete und Gesänge für diesen Abend.