Jüdisches Leben in Wort und Bild
Part 5
»Wer kann das sein? so spät?« murmelte Mutter Rose. Sie wagte nicht auszusprechen was sie dachte und fühlte und hoffte, sie faltete die Hände und begann zu beten. Und wieder pochte es an die alte wurmstichige Thüre und zugleich kratzte der Hund an derselben und begann von neuem zu bellen. Jetzt konnte sich das Mutterherz nicht mehr halten.
»David!« rief die alte Frau und breitete ihre Arme aus.
Langsam ging die Thüre auf und ein Soldat erschien auf der Schwelle, die Mütze auf dem Kopf, den Mantel um die Schultern.
»David!«
»Mutter!«
Der gute Sohn stürzte herein in die Stube und zu den Füssen der alten Mutter, die ihn mit zitternden Händen um den Hals nahm, ihn küsste und segnete und wieder ansah, als wollte sie sich überzeugen, dass er es wirklich sei, als könnte sie noch nicht an das Glück glauben, ihr Kind unversehrt wieder zu haben. Neben ihr stand das Mädchen glücklich und stolz, und als David ihr jetzt die Hand reichte, da rief sie aus: »Ach, Mutter Rose! das Leben ist doch schön.«
David stand jetzt auf und schloss Abigail an seine Brust.
»Oh! wie Du von der Sonne verbrannt bist«, rief diese aus, indem sie den Geliebten bewunderte, »und gross und stark, und ich bin so klein gegen Dich.«
»Ich habe immer gehört,« erwiderte David, »es sei am Besten, wenn die Frau nicht weiter reicht als bis zum Herzen des Mannes.«
»Willst Du etwas essen, mein Sohn«, begann die Mutter wieder, »oder einen warmen Thee?«
»Und nimm doch Deinen Mantel ab«, fügte die Kleine hinzu, und schon hatte sie ihm denselben abgenommen und an den grossen Nagel neben dem Ofen gehängt. Wie sie sich aber wieder zu David wendete, stiess sie einen leisen Schrei aus und wich fast erschreckt zurück. Zugleich hatte sich Mutter Rosa erhoben und den jungen Soldaten bei den Schultern genommen.
»David«, rief sie, »Du hast etwas Grosses gethan, das hättest Du doch schreiben müssen. Dein König, der Herr segne ihn! war zufrieden mit Dir. Er hat Dir ein Zeichen seiner Gunst gegeben, ein Zeugniss der Tapferkeit, der Ehre!«
»Sprich, mein Held«, jubelte Abigail, »was hast Du gethan?«
»Nicht viel«, erwiderte David bescheiden, »meine Pflicht. Als die Feinde die Schanzen von Düppel erstiegen, da war die Fahne meines Regimentes in Gefahr. Wir haben sie gerettet, vier Kameraden und ich.«
»Oh! das war schön!« rief das Mädchen.
»Die ganze Khille (Gemeinde) wird stolz sein auf meinen David«, rief die Mutter, und dann berührte ihre zitternde Hand leise das Kreuz auf der Brust des Sohnes und fuhr rasch zurück, als hätte sie zu viel gewagt.
* * * * *
Am nächsten Tage gingen sie alle zusammen in die Synagoge, um Gott zu danken, Mutter Rose, David, Abigail und deren Eltern, der Weinhändler Silberstern und seine Frau.
Es war Sabbath, und die ganze kleine Gemeinde war in dem Tempel versammelt. Als David hereintrat, ging ein Murmeln durch die Reihen der Männer und oben drückte sich mehr als ein schönes Frauengesicht, mehr als ein liebliches Mädchenantlitz an das Gitter, um den prächtigen Soldaten besser sehen zu können.
Das Haus Gottes strahlte in seinem hellsten Glanze, und all' dieser Glanz schien in Abigails Augen heute nur dazu bestimmt, das Ehrenzeichen auf der Brust des Geliebten noch leuchtender erscheinen zu lassen. Der Rabbiner bestieg die Kanzel um seine Predigt zu halten. Er hatte seinen Text gewählt und sich alles sorglich zurechtgelegt, als aber der alte Mann den jüdischen Soldaten erblickte und das Kreuz, mit dem sein König ihn geschmückt, da riss ihn die Begeisterung fort und er predigte über eine Stelle aus den Sprüchen Salomos: Besser ist ein guter Name als grosser Reichthum, guter Ruf besser als Silber und Gold. Er predigte aus dem Stegreif, wie sein Herz es ihm eingab, und er hatte niemals besser gepredigt.
Dann sang der Kantor. Auch er that sein Bestes. Er trillerte wie eine Lerche, er tremolierte wie eine Nachtigall, er schüttelte das Haupt und gestikulirte, breitete die Hände aus, beugte den Oberkörper und schlug den Takt, Alles wie ein Künstler, der unter seinen Zuhörern irgend eine erlesene Person weiss.
Dann ging man an das Vorlesen des Wochenabschnittes aus der Thora. Der Erste, welcher aufgerufen wurde, war David. Schon stieg er die Stufen hinan, um die grosse Pergamentrolle in Empfang zu nehmen, worauf die fünf Bücher Moses geschrieben sind, als eine scharfe, näselnde Stimme rief: »Kann ein Jude mit dem Kreuz auf der Brust zur Thora aufgerufen werden?«
Diese hässliche Stimme gehörte Dankmar Bernstein, der sich gleichfalls um die hübsche Abigail und wahrscheinlich noch mehr um ihre Mitgift beworben hatte und die Gelegenheit benutzte, um sich an seinem Nebenbuhler zu rächen.
David war bleich geworden. »Jeder gute Jude,« sprach er, »hat ein Recht auf den Aufruf zur Thora. Dieses Rechtes verlustig erklärt werden ist eine Strafe, eine Entehrung. Wer hat hier den Muth einem Soldaten, der für Vaterland und König gefochten die Ehre abzusprechen?«
Alle schrieen durcheinander, aber Bernsteins Stimme übertönte Alle: »Der Talmud verbietet Juden, die unter Heiden wohnen, deren Kleidung anzunehmen.«
Oben, hinter dem Gitter hatte Mutter Rose die Hände vor das Gesicht gepresst und weinte, während Abigail sich erhoben hatte, als wollte sie den Geliebten vertheidigen.
* * * * *
Endlich hatte der Schames, der kleine, wohlbeleibte Synagogendiener die Ordnung und Ruhe so weit hergestellt, dass der Rabbiner, der schon wiederholt gewinkt hatte, das Wort ergreifen konnte.
Voll Würde und Milde, neben dem Beleidigten stehend, die Arme erhoben, begann der alte Mann: »Was musste ich hören? Kann Irrthum so verblenden, dass der Irrgeführte im blinden Eifer Gott zu dienen, dessen Tempel entheiligt?«
Ein beifälliges Gemurmel folgte diesen Worten.
»Was bedeutet das Kreuz auf der Brust dieses Mannes?« fuhr er fort. »Es sagt uns: er ist ein +Jude+! und dieses Zeichen, das einst seine Vorfahren zu Schmach und Verfolgung ausschied, zeichnet ihn heute mit Ehren aus. Hallelujah! Preiset den Herrn.«[1]
»Hallelujah!« sang der Kantor.
»Hallelujah!« stimmte die ganze Gemeinde ein.
»Ja, gelobt sei der allmächtige Gott, der heilige Richter über Krieg und Frieden, dass er uns in seiner gnädigen Führung zu einer Stufe emporgeleitet hat, wo das Zeugniss der Treue, der erfüllten Pflicht auch die Brust des Juden schmückt. Welch' eine Wandlung unserer Geschicke! Vormals der gelbe Schandfleck auf unserem Rücken und jetzt das Kreuz auf unserer Brust. Gottes Name sei gepriesen!«
Alle nickten zustimmend, viele erhoben die Hände, Einzelne begannen laut zu weinen.
»Allerdings ist den Juden verboten, die Kleidung der Heiden zu tragen, aber der Talmud gestattet ihnen, sobald sie mit hohen Personen anderen Glaubens verkehren, deren Tracht anzunehmen. In diesem Sinne muss auch dieses Ehrenzeichen als ein erlaubter Schmuck angesehen werden, und dann ist das christliche Symbol kein heidnisches. Im Traktat Bechorath Blatt 1 Seite 2, Abschnitt Schemmä heisst es: In unserer Zeit darf dem Nichtjuden ein Schwur auferlegt werden, denn hier handelt es sich nicht um die Anerkennung eines anderen Gottes, weil der Sinn der Schwörenden, auch wenn sie dabei noch einer anderen Person erwähnen, dennoch auf den Namen des Schöpfers des Himmels und der Erde gerichtet ist.
Das christliche Symbol ist kein heidnisches, und der Jude kann mit demselben auf der Brust zur Thora aufgerufen werden. Ja, mir erscheint dieses Symbol auf der Brust des jüdischen Mannes als eine Fügung des Herrn, als eine erhebende Auszeichnung, als eine Verherrlichung des göttlichen Namens Kiddusch-Haschem!«
Mit diesen Worten übergab der Greis die Thora dem Soldaten und dieser begann laut aus derselben vorzulesen.
* * * * *
Als der Gottesdienst zu Ende war, wendete sich der greise Rabbiner noch einmal an David Lilienkron.
»Mein Sohn«, sprach er, »Du hast der Gemeinde, Du hast dem ganzen jüdischen Volke, das über den Erdboden zerstreut ist, Ehre gemacht, ich will Dich dafür »benschen.««
Er erhob die Hände und sprach: »Gott segne Dich und behüte Dich! Gott lasse leuchten über Dich sein Angesicht und sei Dir gnädig! Gott wende sich Dir zu und gebe Dir den Frieden!« --
Als David mit den Seinen aus dem Tempel in den Hof trat, drängten sich alle, Alt und Jung, an ihn heran, um ihm Glück zu wünschen, ihm die Hände zu drücken und das Ehrenzeichen auf seiner Brust zu bewundern. Zindel, der Schuster, von seiner lebhaften Phantasie hingerissen, verstieg sich soweit, auszurufen: »Das hat ihm der König an die Brust geheftet, mit eigener Hand, ja, mit eigener Hand!«
Am äusseren Thore aber stand der kleine Chames, umgeben von allen Knaben, welche die Cheder besuchten, und als David, Mutter Rose am Arm, herankam, stimmten hundert helle Stimmen das Lied an, das er und seine Kameraden im Pulverrauch von Oversee und Düppel gesungen hatten: +Der tappere Landsoldat+.
Schimmel Knofeles.
-- GALIZIEN. --
Der Handelsjude. -- Sabbath. -- Familienleben. -- Eheliche Treue.
Schon stand der Abendstern am Himmel, schon wurden in den hölzernen Häusern der kleinen Stadt die Lichter auf den Kronleuchtern angezündet, als sich Schimmel Knofeles endlich auf der Schwelle seines Hauses zeigte. Zebedia, seine Frau, hatte bereits Angst, dass er, der Fromme, Gewissenhafte, den Sabbath verletzen könnte, sie sah ihn noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch den Staub der Landstrasse waten, während Israel bereits im Festglanz prangte, aber da war er schon, Gott sei gedankt! und stand in der offenen Thüre mit seinem gutmüthig schalkhaften Lächeln. Zebedia hatte schon die grosse Stube und den Tisch hergerichtet, die Kinder angezogen und sich selbst mit dem Ueberrock von dunkelrother Seide und der Stirnbinde geschmückt. Der Rubinglanz ihres Gewandes und das Feuer der falschen Steine, die ihr Haupt umgaben, stimmte trefflich zu ihrer südlichen Schönheit, welche die Lieder des Hafis in das Gedächtniss zurückrief, zu ihrer üppigen Gestalt, ihrem weissen Teint, ihren rothen Lippen und den grossen, schwarzen Augen. Das dunkle Haar war am Hochzeitstage unter der unerbittlichen Scheere gefallen.
Schimmel lächelte noch immer, zuerst in seiner herzlichen Freude über das schöne, geliebte Weib und dann im Gefühl der Schätze, die er brachte. Er stellte zuerst einen grossen Käfig zur Erde, in dem bisher ein Geier gehaust hatte und den er als altes Eisen billig genug erhandelt hatte und entfaltete dann eine prächtige Pelzjacke, diese war aber vollkommen neu. Eine polnische Gräfin hatte sie spottwohlfeil hergegeben, nur weil das Roth des Sammtes zu ihren mattgelben Möbeln nicht stimmen wollte, und Schimmel Knofeles hatte die Gelegenheit benutzt, seiner Frau ein fürstliches Geschenk zu machen.
Der kleine magere Jude, dessen Nase wie vom Sturm geknickt herabhing und dessen Rücken gekrümmt war, als hätte ihn die Natur erschaffen, Lasten zu tragen, lief die ganze Woche umher, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Edelhof zu Edelhof, im Schneegestöber, im Regen, in der glühenden Sonnenhitze, schwer beladen mit seinen Waaren. Er opferte sich auf, nicht etwa, weil die Seinen sonst nichts zu Essen hatten, nein, um seine Knaben studiren, seine Tochter Klavierspielen lernen zu lassen und Zebedia mit aller Bequemlichkeit, ja selbst mit Luxus zu umgeben.
Wenn er aber am Freitag zurückkehrte und wieder im Kreise der Seinen beim Nachtessen sass, war er für alle Mühe, für alle Entbehrungen reichlich belohnt.
So war es auch jetzt, als er die Pelzjacke ausbreitete und seine Frau, nachdem sie dieselbe sattsam bewundert und geprüft hatte, lächelnd, mit zwei behaglichen Bewegungen in das weiche Pelzwerk schlüpfte. Die Kinder freuten sich indess nicht minder lebhaft über den grossen Käfig, der in eine Ecke gestellt wurde und ein prächtiges Spielzeug zu werden versprach.
Nachdem Schimmel sich gewaschen und das Wochenkleid mit dem seidenen Talar vertauscht hatte, traten alle zusammen an den Tisch, über dem die Sabbathlampe brannte und Schimmel begann das Sabbathgebet. Seine Stimme klang erst gedrückt, wie wenn er noch den Wochenstaub im Halse hätte, aber immer freier und mächtiger; der kleine Mann, der die Hände erhoben hatte und den Gott Abraham's, Isaak's und Jakob's anrief, schien mehr und mehr zu wachsen, und sein braunes Gesicht verklärte sich, der Schacherjude wurde zum Priester, zum Fürsten, zum Patriarchen.
Als das Gebet zu Ende war, brach er das Brod und Zebedia trug den Karpfen in der Rosinensauce auf, alle setzten sich an den Tisch und assen und als Schimmel um sich blickte, stolz wie ein König, sah er, dass die Sabbathlampe nur zufriedene, glückliche Gesichter beschien.
* * * * *
Kaum hatte die Woche wieder angefangen, war Schimmel Knofeles auch schon mit seinem Bündel aufgebrochen, und während die Kinder in der düsteren Schulstube vor den hebräischen Hieroglyphen sassen, war Zebedia allein in ihrem kleinen Gewölbe, allein mit ihren bunten Waaren und ihren seltsamen Gedanken. Sie hatte manchmal ein Gefühl der Einsamkeit in diesen Tagen, wo Schimmel wie ein Kameel der Wüste, die galizische Ebene durchstrich, und hie und da fragte sie sich, ob sie eigentlich glücklich war an der Seite dieses Mannes, der so schwer arbeiten musste, um ihr Freude zu machen, und der nur zu sehr den jüdischen Karrikaturen glich, die sie manchmal in den Wiener Witzblättern sah.
So war es auch an diesem Abend. Sie hatte vergessen Licht zu machen, so sehr war sie in ihre Pelzjacke und in ihre Träume versunken, und sie bemerkte erst, dass es dunkel geworden, als ein fremder Mann hereintrat und Zigarren verlangte.
Sie zündete rasch die Lampe an, und als das rothe Licht derselben über ihr zugleich hartes und weiches, eine milde Leidenschaft athmendes Antlitz fiel, sah der junge vornehme Mann, dem sie das Kistchen mit den Zigarren liebenswürdig anbot, sie überrascht an. Sie erkannte ihn jetzt, es war der Graf Gorewski, welcher ein Schloss in der Nähe besass. Er war schon manchmal eingetreten, aber es war, als ob er sie zum ersten Male sähe. Es währte geraume Zeit, ehe er sich für eine Sorte Zigarren entschied, er liess sich alle Kistchen zeigen, um nur recht lange das Vergnügen haben zu können, in die schönen, lebhaften Augen Zebedia's zu blicken. Als er fortging, schüttelte sie den Kopf. Sie war ein Weib. Sie wusste, dass sie ihm gefallen hatte, und sie fand ihn gleichfalls hübsch. Wieder sass sie lange, die Hände in den Aermeln ihrer Pelzjacke versteckt. Dann machte sie eine Bewegung mit dem Kopf, als wollte sie eine Fliege verscheuchen, oder war es ein böser Gedanke?
Der Graf kam nun öfter und sie war liebenswürdig gegen ihn, weil sie klug war. Sie sagte sich, dass er nicht so viel bei ihr kaufen würde, wenn sie ihm eine saure Miene machen würde. Es gehörte mit zum Geschäft, liebenswürdig zu sein, zu lächeln, die Augen ein wenig zu verdrehen und mit ihren Händen, die doppelt weiss aus dem dunklen Pelzwerk hervorkamen, seine Zigarren anzuzünden. Aber warum zündete sie den Bauern, die auch ihren Tabak bei ihr kauften, nicht auch die Pfeife an?
Sie spielte eine Art Hazardspiel, aber sie kam nicht in die Gefahr, zu verlieren, denn der Graf war leidenschaftlich, und sie war schlau und kaltblütig.
Eines Abends zwang er sie dennoch, die Karten aufzulegen. Er fasste sie bei der Hand und blickte ihr in die Augen.
»Ist es nicht schade, dass Sie hier, in diesem dumpfen Winkel, verblühen, wie eine Rose in einem Kerker«, sprach er.
»Dies ist noch lange kein Kerker«, sagte sie ein wenig erschreckt und ein wenig spöttisch, »und ich bin keine Rose.«
»O! Sie sind schön, Zebedia, Sie wissen nicht, wie schön Sie sind.«
»Ich bitte -- Herr Graf --«
»Was haben Sie auf einmal?«
»Ich bin eine ehrliche Frau ...«
»Wer zweifelt daran?«
»Sprechen Sie also nicht mehr in dieser Weise zu mir.«
»Welcher böse Geist ist denn mit einem Mal in Sie gefahren?«
»Ein guter Geist, Herr Graf, der Geist der Familie.«
Gorewski zuckte die Achseln. »Sie werden mir doch nicht sagen wollen, dass Sie mit diesem krummbeinigen Moschku glücklich sind?«
»Doch.«
»Sie? -- Die schönste Frau auf zehn Meilen im Umkreise und diese Spatzenschrecke?«
»Ich weiss nicht, ob ich schön bin«, erwiderte Zebedia stolz und ruhig, »aber mein Mann ist gar nicht so hässlich, wie Sie meinen. Für mich ist er schön und ich liebe ihn. Sein Aeusseres mag noch so komisch sein, sein Inneres ist nur um so schöner. Er hat ein Herz wie ein Engel und einen Charakter wie pures Gold, und einen Geist! der kann einen Rabbiner lehren!«
»Aber das alles hindert Sie doch nicht, sich ein wenig den Hof machen zu lassen, schöne Frau.«
»Ein wenig?« erwiderte Zebedia schalkhaft, »warum nicht? Aber Sie sind nicht der Mann, sich mit diesem Wenigen zufrieden zu stellen.«
»Oh! bei einer Frau, wie Sie, ist schon das Wenige viel.«
Er küsste rasch und feurig ihre Hand und verliess sie mit einer ritterlichen Verneigung.
Sie blickte ihm nach und seufzte.
* * * * *
Der Herbst meldete sich diesmal früh. Die Bäume prangten bereits im Schmuck ihres rothen und gelben Laubes, ein kalter Wind fegte über die Pappeln. Schaaren von Vögeln zogen nach dem Süden und die Meisen nahmen ihren Platz ein. Man sah sie aller Orten und hörte ihren lustigen Pfiff.
Am Tage vor dem Beginn des Laubhüttenfestes trat jedoch die Sonne wieder aus dem grauen Wolkenschleier hervor und Israel konnte sein schönstes Fest mit Ruhe und Freude begehen. Auch Schimmel Knofeles hatte aus hölzernen Latten und Tannenreisig eine Hütte in seinem Garten errichtet. Zebedia fertigte indess aus Eiern, die sie geschickt geleert hatte, und aus farbigem Papier kleine Vögel, und die Kinder klebten Ketten aus Goldpapier. Als die Hütte fertig war, wurden alle diese Dinge in den Zweigen befestigt und mit ihnen auch der +Lulaf+, die seltsame Frucht und der Zweig, welche das Land der Verheissung, welche das verlorene Paradies in das Gedächtniss zurückrufen sollten.
Dann standen Schimmel und die Seinen vergnügt in der kleinen Hütte, in der sich eine Bank und ein Tischchen befanden und bewunderten das Werk ihrer Hände.
Jedes Glied der Familie brachte täglich einige Stunden des Tages oder der Nacht in der Hütte zu, wie einst das auserwählte Volk während seiner Wanderung in der Wüste. Schimmel sprach hier seine Gebete und las seinen Talmud, die Kinder spielten, Zebedia beschäftigte sich mit einer Stickerei.
Einmal geschah es, dass sie unter Tags unausgesetzt im Gewölbe und in der Küche beschäftigt war. Sie konnte erst ihre Pflicht erfüllen und sich in die Laubhütte begeben, als es Nacht geworden war, und ihr Mann und die Kinder schon schliefen. Die schöne Frau schlüpfte in ihre warme Pelzjacke, setzte sich in das grüne Zelt, lehnte den müden Kopf an den Pfosten und träumte. Es war eine Nacht zum Träumen. Der Mond stand hinter den hohen Pappeln und tauchte das Haus, den Garten, die fernen Felder in einen matten Silberglanz. Der Brunnen, welcher unablässig murmelte, schien Diamanten auszuwerfen. Die Astern und Georginen im Garten flüsterten leise im frischen Nachtwind und aus den Büschen stieg ein feuchter, angenehmer Duft auf.
Plötzlich nahten Schritte auf dem Kieswege. Zebedia schrack zusammen, und sie hatte alle Ursache, denn im nächsten Augenblicke stand der Graf vor ihr.
»Ich muss bitten,« stammelte sie, »was suchen Sie hier -- zu dieser Stunde -- wenn man Sie sähe ...«
»Ich suche Sie, schöne Frau«, sagte der Graf leise, »Ihre Gazellenaugen, Ihre elfenbeinernen Arme, Braut des hohen Liedes.«
»Machen Sie mich nicht unglücklich«, gab die Jüdin bebend zur Antwort, »verlassen Sie mich.«
Der Graf lachte. »Nein, so leicht werden Sie mich nicht los. Sie haben nur die Wahl, meinem Flehen nachzugeben und ihren Ruf zu retten, oder eine Eisstatue zu bleiben und in den Augen der Welt schuldig zu erscheinen. Ich liebe Sie, ich muss Sie besitzen.«
Gorewski warf sich zu ihren Füssen nieder und legte langsam den Arm um sie. Sie wehrte ihn nicht ab, sie lächelte sogar, denn in demselben Augenblick war ihr ein schlauer und lustiger Gedanke gekommen, ein Gedanke so drollig, wie aus den Novellen des Boccaccio oder der galanten Chronik des Brantome.
»Gut«, sprach sie lauernd, »ich will Ihren Bitten nachgeben, wenn Sie mir versprechen, alle Vorsicht zu beobachten, die ich von Ihnen verlange, und mir Ihr Ehrenwort geben, mich unter keinen Umständen zu kompromittiren.«
Der Graf, von der schönen Eroberung entzückt, versprach alles.
»Sobald ich zur Ruhe gegangen bin«, fuhr sie fort, »wird mein Mann noch einmal die Runde durch das Haus machen und dann das Hausthor sperren. Sie treten also mit mir ein, verbergen sich in dem Speisezimmer und warten, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe.«
»Ich werde gern gehorchen,« sagte Gorewski.
Zebedia legte hierauf den Finger auf den Mund und gab ihm einen Wink, ihr zu folgen. Sie führte ihn leise in das Haus und in das Speisezimmer, in dem finstere Nacht herrschte. Hier hörte der Graf eine Thüre knarren und dann hiess ihn die schöne Frau eintreten. Da er den Weg nicht sofort fand, drückte sie ihm mit der Hand den Kopf nieder und schob ihn mit der anderen vorwärts. Dann schloss sie eine Thür hinter ihm, schloss sie zu und zog den Schlüssel ab.
Der Graf verhielt sich einige Zeit vollkommen ruhig. Er erwartete, dass Schimmel die Runde machen werde, aber bald hörte er diesen im Nebenzimmer laut schnarchen, und Zebedia kehrte nicht wieder. Leise begann der Unglückliche umherzutasten und entdeckte bald, dass er hinter eisernen Stäben gefangen war. Er wollte Lärm machen, aber das Lächerliche seiner Lage zwang ihn, sich in sein Schicksal zu ergeben. Die grausame Tugend hatte ihn überlistet, er war ihr auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Sie hatte offenbar die Absicht, ihn die ganze Nacht eingesperrt zu halten, er liess sich also langsam nieder, versuchte sich auszustrecken und fand endlich eine Stellung, in der ihn schliesslich der Schlummer überraschte.
Es war heller Tag, als er erwachte. Er sah jetzt, dass er in einem grossen eisernen Käfig sass. Seine Lage war einfach abscheulich. Dennoch sagte er sich, dass er nichts thun könne, als geduldig erwarten, was die neue Delila mit ihm beginnen werde.
Sie liess nicht lange auf sich warten. Schön und frisch wie der Morgen kam sie in ihrem weissen Kopfputz und ihrer Pelzjacke herein, rief ihren Mann und ihre Kinder und zeigte ihnen den seltenen Vogel.
»Was hast Du gethan?« rief Schimmel, »eingesperrt den Herrn Grafen?«
»Ich habe ihm nicht unrecht gethan«, entgegnete Zebedia, »er hat mich fangen wollen, und ich war ein wenig schlauer als er.«
»Bitte, kommen Sie heraus.«
Sie öffnete die Thüre. Der Graf kam aus dem Käfig, dehnte seine Glieder und trat, ohne ein Wort zu sprechen, den Rückzug an, noch lange verfolgt von dem grausamen Gelächter Zebedia's, welche, die Arme in die Hüften gestemmt, auf der Schwelle ihres Hauses stand.
Galeb Jekarim.
-- JERUSALEM. --
Der Schwärmer. -- Ein jüdischer Pilger. -- Die Mauer des Tempels.
Nie vergess' ich dein, Jerusalem.
+Jehuda Ben Halevy.+
Zweierlei Licht kämpfte in der kleinen düstern Dachkammer gegeneinander, das Licht der Unschlittkerze, die zum Stümpfchen herabgebrannt war, und das Licht des Morgens, das durch den grünen Vorhang hereindrang. Es war hier wie das letzte Aufflackern eines Sterbenden und dort wie der frische Athem eines Neugeborenen. Eine scheidende Seele und eine zweite, welche erwachte.
Das fahle, unruhige Licht der Kerze spielte auf den vergilbten Blättern des grossen Buches, das auf dem Tisch aufgeschlagen war, während der röthliche Schimmer des jungen Tages die bleiche Stirne des jungen Mannes beschien, der in seinem armseligen Lehnstuhl lag, in tiefes Sinnen versunken.