Jüdisches Leben in Wort und Bild
Part 15
* * * * *
In diesem gegenseitigen Hasse war fast ein Jahr vergangen und wieder nahte Rosch haschonnah, das jüdische Neujahr.
An einem trüben Herbsttage fanden sich die jüdischen Männer bei Tagesanbruch im Tempel zusammen und beteten hier bis zehn Uhr morgens. Jetzt erschien der Rabbiner Goldschmidt, öffnete die Lade, nahm die Thora heraus, bestieg die Estrade, rollte das geheiligte Pergament auf, und der Sänger begann in hebräischer Sprache die Geschichte Abrahams und das Opfer Isaak's vorzutragen.
In einer bilderreichen Predigt erinnerte der Rabbiner daran, dass an diesem Tage das erwählte Volk einen Bund mit Gott geschlossen habe und rief dann den frommen Nathan auf, mit dem Sophar, dem Widderhorn zu blasen.
Nathan bestieg langsam die Estrade. Nachdem er und der Rabbiner ihr Haupt mit dem Thaleth verhüllt hatten und das Gebet gesprochen war, senkten alle den Blick zur Erde, denn Niemand darf es sehen, wenn das heilige Horn geblasen wird.
Mit einer wahrhaft erhabenen Bewegung setzte Nathan dasselbe an den Mund und jedesmal, auf die rituelle Aufforderung des Rabbiners liess er dasselbe laut ertönen.
Nachdem der letzte schauerliche Ton, an die Posaune des jüngsten Gerichts mahnend, verklungen war, wurde die Thora in die Lade zurückgebracht, und der Sänger erhob von Neuem seine Stimme, die Versammlung warf sich zur Erde nieder, die Barmherzigkeit Gottes zu erflehen.
Die Kaduscha schloss die erhebende Feier, das dreimalige Hosannah!
Als Bär aus der Synagoge trat, erwartete ihn der Schames und bat ihn, zu dem Rabbiner zu kommen.
Dieser empfing ihn wohlwollend, fragte nach dem Befinden seiner Frau und seiner Kinder und sagte endlich: »Sie wissen, mein lieber Bär, dass wir in zehn Tagen den Versöhnungstag feiern.«
Bär nickte.
»Haben Sie bereits daran gedacht, diese kindische Feindschaft mit Wolf zu beenden?«
»Ich kann nicht den ersten Schritt thun«, sagte Bär, »Selma Wolf hat meine Frau beleidigt.«
»Und Sie haben zuerst Wolf verleumdet.«
Bär schwieg und betrachtete verlegen seine glänzenden Stiefel.
»Sie wissen«, fuhr der Rabbiner fort, »dass Gott am Jom Kipur nur jene Sünden vergibt, welche wir gegen ihn, nicht aber jene, die wir gegeneinander begangen haben. Sie müssen am Col Nidre zu Wolf gehen und ihn um Vergebung bitten, und Selma Wolf wird zu Ihrer Frau kommen.«
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Die neun Tage der Einkehr und Busse, die dem Jom Kipur vorangehen, hatten Bär mürbe gemacht.
Als die Männer um zwei Uhr im Tempel erschienen, um das Gebet zu sprechen, war er bereits entschlossen, zu seinem Feinde zu gehen. Vorher that er noch reumüthig Busse. Vor dem Tempeldiener niedergekauert, empfing er die traditionellen neununddreissig Streiche mit der Geissel auf den Rücken und kehrte dann still und ernst nach Hause zurück.
Nach dem Abendessen segnete er die Seinen, zog sich an und ging wieder zur Synagoge. Es war schon dunkel in den Strassen und überall sah man durch den Herbstnebel gespensterhafte Gestalten schreiten, ernste Männer mit gesenktem Haupt, mit dem weissen, silbergeränderten Sterbegewand und der weissen Kappe angethan. Wenn zwei sich begegneten, baten sie sich gegenseitig um Vergebung.
Die Schritte Bär's wurden langsamer, dort an der Ecke glänzte das Weinfass Noah's, dort war das Haus seines Feindes.
Noch einmal hielt Bär inne, dann aber beschleunigte er seine Schritte umsomehr und trat in das Haus.
Wolf kam eben die Treppe hinab.
»Ich bin gekommen!! ...« begann Bär, er konnte nicht weiter, Thränen erstickten seine Stimme.
»Ich bitte Dich um Vergebung«, rief Wolf, »ich bin der Schuldige -- meine Frau ...«
»Nein, ich habe Dir Unrecht gethan«, sagte Bär und schon lag Wolf in seinen Armen.
Als die beiden Freunde Hand in Hand in den Tempel traten, lief ein beifälliges Murmeln durch die Versammlung.
Der grosse Tag begann, wo Israel zerknirscht vor seinem Gott im Staube liegt und zu dem Allerbarmer fleht, wo keine Speise, nicht einmal ein Tropfen Wasser über die Lippe des frommen Juden kommt, wo Handel und Arbeit ruhen, und ein Jeder nur seiner Sünden gedenkt und der Stunde, wo er vor dem Throne des Ewigen erscheinen wird.
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Während die Männer noch büssten und beteten, kehrten die Frauen langsam aus dem Tempel nach Hause zurück.
Herta Bär brachte ihre Kinder zu Bett und setzte sich dann in eine kleine Stube, die neben ihrem Schlafzimmer lag und in der sie zu arbeiten und zu lesen pflegte. Heute weihte sie die Abendstunden der Betrachtung und der Andacht.
Der kleine Raum war nur durch das Feuer, das in dem grossen, grünen Kachelofen loderte, erhellt. Herta's Augen hafteten an dem rothen Widerschein, der um die exotischen Pflanzen der Tapete an der Wand gaukelte, und ihre Lippen bewegte ein leises Murmeln. Da klopfte es furchtsam an die Thüre.
Wer konnte es sein?
Herta erhob sich und öffnete. Eine tief verhüllte, weibliche Gestalt trat über die Schwelle, und als sie langsam den Schleier fallen liess, blickte Herta erstaunt und verwirrt in das schöne, vor Aufregung und Scham geröthete Gesicht Selma's.
»Ich komme, Dich um Vergebung zu bitten«, begann die Arme.
»Du hättest Dir diese Demüthigung ersparen können«, erwiderte Herta mit einem Blick voll Härte und Hohn, »Du hast meine Ehre angegriffen, Du hast mich, ein treues, tugendhaftes, jüdisches Weib, der schwersten Sünde verdächtigt, nein, ich kann Dir nicht vergeben, ich kann nicht.«
»Ich habe bereut ...«
»Phrasen!«
»Ich will jede Busse auf mich nehmen, die Du mir auferlegst.«
Herta sah sie an und schien zu überlegen.
»Strafe mich«, murmelte Selma, indem sie sich zu den Füssen ihrer Feindin niederwarf, »ich darf nicht unter das Dach meines Gatten zurückkehren, ohne Deine Vergebung. Tritt mich mit Füssen, aber nimm die Sünde von mir.«
»Ja, Selma«, erwiderte Herta mit vor Rachlust bebenden Lippen, »ja ich will Dich treten, ich will Dich geisseln, vielleicht kann ich Dir dann vergeben.«
Stumm warf sich die Unglückliche vor ihr nieder, wie vor einer zürnenden Gottheit, und Herta setzte den kleinen Fuss auf sie, ohne Erbarmen, und nachdem sie sich an der Erniedrigung ihrer Feindin genügend geweidet hatte, ergriff sie die Peitsche, mit der sie die grosse Dogge ihres Mannes zu strafen pflegte. Ruhig, stumm entblösste Selma ihre schönen Schultern und neigte das Haupt vor Herta, und diese hatte wirklich den Muth, sie zu schlagen.
Die Peitsche zog einen glühenden Strich über Selma's Rücken und dieses Mal brachte Hertha zur Besinnung. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und begann laut zu schluchzen. »Was habe ich gethan!« rief sie, »ich Wahnsinnige! am Tage der Reue und Versöhnung.«
Selma hatte sich erhoben, sie schlang die Arme um Herta und suchte sie zu trösten. »Ich habe verlangt, dass Du mich strafen sollst«, sagte sie sanft, »Du hast mir nicht zu viel gethan.«
»Nicht zu viel?« erwiderte Herta, »gut, dann wirst Du mich aber gleichfalls strafen, Selma, denn ich bedarf der Busse mehr als Du, Du gute, grossmüthige, einzige Frau.«
Sie riss mit einer fieberhaften Hast den türkischen Schlafrock, den sie trug, herab, und das Hemd und kniete vor Selma nieder.
»Strafe mich«, bat sie, »schone mich nicht.«
Selma nahm die Peitsche und gab ihr drei sanfte Streiche, nicht anders, als wenn sie ihre Schultern mit einer Blume berühren würde.
»Selma!« rief Herta aus, »Du hast mich mehr gedemüthigt, als ich Dich. Kannst Du mir vergeben?«
Statt ihr zu antworten, zog Selma die Knieende an sich und küsste sie, Herta aber machte sich los, ergriff Selmas Fuss und presste ihre Lippen auf denselben.
* * * * *
Der Tag verrann, der lange Tag, der kein Ende zu nehmen scheint und wieder waren die jüdischen Männer im Tempel vereint, das letzte Gebet zu dem Throne des ewigen Richters emporzusenden.
Während die Nehila erklang, flackerten die Kerzen zu Ende, mehr als eine erlosch, der geheiligte Raum wurde düsterer und düsterer.
Endlich sprach der Rabbiner die erlösenden Worte, dieselben, welche der fromme Jude angesichts des Todes spricht.
»Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott! es ist nur ein Gott!«
Nachdem er diese heiligen Worte siebenmal ausgesprochen, erklang zum letzten Mal das Widderhorn, und dann verliessen die Männer still und ernst den Tempel.
Vor dem maurischen Thor der Synagoge trafen sich Bär und Wolf. Schweigend gingen sie nebeneinander dem Hause zu. Ueber ihnen erglänzte milde der schöne Stern, Bote des Sabbath, der Bote des Friedens und der Versöhnung.
Zweierlei Adel.
-- FRANKREICH. --
Jüdische Aristokratie. -- Wissenschaft, Kunst und Litteratur. -- Schebuth.
Sie waren von Frankfurt nach Paris gekommen. Ihr Ahnherr hatte sich grosse Verdienste erworben und war Baron geworden, der erste Jude, der seinen Platz unter den Enkeln der Ritter und Minnesängern einnahm, ohne seinen Glauben zu wechseln.
Eigentlich hatten sie es gar nicht nöthig, geadelt zu werden, sie stammten aus einer edlen, vornehmen Familie Israel's, die älter war als die Habsburg und Hohenzollern, und sie besassen seit Jahrhunderten jenen Seelenadel, dessen Wappen die Thräne des Mitleids ist.
Der Baron protegirte die Wissenschaften und die Künste und die Baronin übte die grossherzige jüdische Wohlthätigkeit in einem Massstab, welcher alle die schönen Feenmärchen unserer Kindheit wahr machte.
Die liebenswürdige, geistreiche Frau hatte aber auch noch eine Leidenschaft, welche sie mit der grossen Kaiserin Maria Theresia gemein hatte, sie liebte es, Ehen zu stiften.
Eines Tages entdeckte die gütige Fee, welche gleich dem Chalifen Harum al Raschid nicht selten verkleidet, unkenntlich die Viertel der Armen durchstreifte, um das Elend aufzusuchen, und wo sie nur konnte, Noth und Krankheit zu lindern, einen jungen, jüdischen Gelehrten, von dem die Nachbarschaft merkwürdige Dinge erzählte.
Oskar Stein war Naturforscher. Mit jenem heiligen Drang nach Wahrheit, jenem glühenden Eifer, welcher den Israeliten bei jeder geistigen Arbeit auszeichnet, forschte und studirte er seit Jahren. Niemand wusste, wovon er eigentlich lebte. Wahrscheinlich hatte er irgend eine Nebenbeschäftigung, wie Spinoza Gläser schliff, um sein grossartiges, philosophisches System ungestört ausspinnen zu können, wie Adolf Kaftan Schnupftabak fabrizirte, um Jahr für Jahr Hunderttausende von Rubeln für die Dürftigen sammeln zu können.
Sicherlich trug diese Nebenbeschäftigung nicht viel ein, denn Stein bewohnte in einer engen finsteren Gasse ein kleines Stübchen unter dem Dach, und es gab Tage, wo er sich nur von Brod und Früchten nährte.
Die Baronin schrieb einige Zeilen an den jungen Gelehrten und lud ihn zu sich, aber der Arme besass nicht einmal einen Rock, in dem er sich hätte vorstellen können und entschuldigte sich durch einen ebenso rührenden als ungeschickten Brief.
Doch die Fee liess sich nicht so leicht abschrecken. Eines Tages stieg sie, von einer gleichgesinnten Freundin begleitet, die steile, finstere Treppe empor und klopfte an Stein's Thüre.
Der arme Stein wäre glücklich gewesen, wenn sich in diesem Augenblick, wie auf dem Theater, eine Versenkung geöffnet hätte, und er hätte verschwinden können. Er hüllte sich verzweifelt in seinen fadenscheinigen Schlafrock, wie Cäsar in seine Toga, als die Verschworenen sich mit gezücktem Dolch auf ihn stürzten, stolperte über seine eigenen Füsse, erröthete wie ein junges Mädchen und stammelte wie ein Schulknabe, der seine Lektion vergessen hat.
Die Güte der Baronin half ihm aber endlich über alle diese Schwierigkeiten hinweg, man sprach sich gegenseitig aus und entschlossen, Stein zu helfen, ohne ihm ein Almosen anzubieten, das er nicht angenommen hätte, machte ihm die liebenswürdige Frau den Vorschlag, ihre Kinder in der Naturgeschichte zu unterrichten. Stein nahm an. Sofort fand sich ein Schneider, der ihm auf diese glänzende Aussicht hin einen Anzug machte, und der schüchterne Gelehrte war bald ein täglicher Gast in dem schönen Palais mit dem herrlichen Garten, dessen alte Bäume mitten in Paris an die Zedern des Libanon mahnen.
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Fast zu gleicher Zeit hatte der Baron eine junge Malerin Lazarine Decamps, entdeckt.
Diese reich begabte Künstlerin war genau das Gegentheil des armen, unbeholfenen Gelehrten. Sie stammte aus einer wohlhabenden, jüdischen Familie in Lyon, verdiente ausserdem viel Geld, war hübsch und elegant und voll Selbstvertrauen, ja sogar ein wenig emanzipirt, so dass man sie häufig für eine Studentin der Medizin oder eine Nihilistin hielt.
Eines Abends, im Theater Français, sagte der Baron zu seiner reizenden Frau: »Dein Gelehrter und meine Malerin sind wie geschaffen, sich gegenseitig zu ergänzen. Jedes für sich ist einseitig, zusammen werden sie das vollkommenste Wesen bilden. Wie wäre es, wenn wir sie verheirathen würden?«
»Warum nicht?« erwiderte die Baronin lächelnd. »Da die Ehen im Himmel geschlossen werden, brauchen wir ja nicht zu fürchten, dass wir irgend ein Unheil anrichten.«
Einige Tage darauf waren Fräulein Decamps und Stein bei der Baronin zum Thee geladen. Die Baronin bestellte bei der Malerin zwei kleine Genrebilder aus dem jüdischen Leben im Style der holländischen Cabinetsbilder. Das eine sollte ein jüdisches Mädchen darstellen, mit dem Winden der Kränze für Schebuoth (Pfingsten) beschäftigt, das Gegenstück einen jungen Talmudisten vor seinem Lederbande.
Für diesen Letzteren schlug der Baron Stein als Modell vor, und da sich der Naturforscher in den fernsten Winkel des Salons, zwischen einigen soliden Deputirten versteckt hatte, führte die Baronin Lazarine zu ihm.
Vergebens verschanzte sich Stein hinter seine Studien, vergebens hielt er das Werk, an dem er arbeitete, und auf das er alle seine Hoffnungen setzte, der Malerin als Schild entgegen, sein Kopf interessirte sie, und sie bestand darauf, ihn zu malen.
»Da Sie nicht in mein Atelier kommen wollen«, sagte sie, »so werde ich zu Ihnen kommen und Sie malen, während Sie vor Ihren Büchern und Manuskripten sitzen.«
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Schon am nächsten Morgen erschien der Diener der Malerin, ein Neger, stellte in Stein's Stube die Staffelei auf stapelte allerlei Malergeräth auf, und eine halbe Stunde später kam Lazarine selbst. Sie benahm sich, als wäre sie bei Stein zu Hause, sie hing ihren Hut an das Fenster, warf ihre Jacke über seinen Stuhl und machte sich sofort an die Arbeit.
Während sie zeichnete und malte, sass der junge Gelehrte vor seinem mit Büchern, Papieren, Instrumenten und Präparaten bedeckten Tisch und arbeitete, aber mehr und mehr begann er das hübsche, resolute Mädchen von der Seite anzusehen, ein paar Worte an sie zu richten, ihr kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen und ehe eine Woche vergangen war, verkehrten Stein und Lazarine bereits als gute Kameraden.
Als das Bild fertig war, und Lazarine sich verabschiedet hatte, fühlte sich Stein namenlos unglücklich. Gewohnt, alles mit der Luppe zu untersuchen, prüfte er jetzt seine eigenen Gefühle und gestand sich endlich, dass er Lazarine liebe.
Niemals hätte er jedoch den Muth gehabt, ihr ein Geständniss zu machen. So adressirte er denn seine Liebeserklärung an die Baronin, welche sie lächelnd anhörte und noch denselben Abend an die richtige Adresse beförderte.
Am folgenden Tage stürmte Lazarine in Stein's Studirzimmer.
»O! Sie unverbesserlicher Schlemil!« rief sie lachend, »warum haben Sie mir denn nicht gleich gesagt, dass Sie mich lieben? Hier ist meine Hand.«
Stein ergriff sie und küsste sie.
»Nun lassen Sie uns aber vernünftig reden,« fuhr Lazarine fort, nachdem sie sich ihm gegenüber gesetzt hatte, »Sie müssen vor allem Ihr Werk vollenden.«
»Ganz richtig.«
»Wenn dasselbe erschienen ist, wird es Ihnen leicht werden, sich eine Stellung zu machen und dann heirathen wir.«
»Ja, dann heirathen wir.«
* * * * *
Stein's Buch machte in den wissenschaftlichen Kreisen Aufsehen. Er fand mit einem Male Freunde und Beschützer und wurde einige Monate später zum Professor ernannt.
Lazarine kaufte ein kleines Haus mit einem Garten in dem Bois de Boulogne, wo sie vor allem ein Studirzimmer für Stein und ein Atelier für sich einrichtete.
Für Schebuoth waren sie beide bei der Baronin geladen. Die Thore und Treppen des schönen Palais waren reich mit grünen Zweigen und Blumenguirlanden geschmückt und Nachmittags, wo man an diesem Tage seine Freunde zu besuchen pflegt, war in dem herrlichen Garten unter einem Zelt eine auserwählte Gesellschaft versammelt.
Die reichen und vielseitigen Gaben des jüdischen Geistes zeigten sich hier wie in einem Brennpunkt vereinigt, Gäste aus allen Ländern Europas waren gekommen, um dem hochsinnigen Paare, das hier waltete, zu huldigen. Man sah neben dem weisen und gelehrten Pariser Rabbiner, den berühmten deutschen Philologen und den ausgezeichneten Geologen aus Oesterreich, die neue Rachel bildete den Mittelpunkt einer glänzenden Gruppe, in der man vor allem den ungarischen Geigerkönig und den holländischen Meister der Palette bemerkte.
Der glänzende Wiener Operncomponist promenirte an der Seite des genialen russischen Pianisten und ein Kreis von jüdischen Schriftstellern, deren Werke alle gebildeten Idiome Europas repräsentirten, umgab die Baronin, welche wie immer durch ihr gesundes, treffendes Urtheil anzog und anregte.
Nach dem Gouter verkündete der Baron seinen Freunden die Verlobung der Malerin Decamps mit dem Professor Stein. Alle umringten das junge Paar und brachten demselben ihre Glückwünsche dar.
Der gelehrte Rabbiner stand seitwärts und blickte lächelnd und zufrieden in das fröhliche Getriebe.
»Was denken Sie in diesem Augenblick?« fragte der Baron.
»Ich denke«, antwortete der Rabbiner, »dass wir doch ein auserwähltes Volk sind, trotz dem Geschrei unserer Feinde. Wir sind es, weil wir den Geist und das Talent ehren, wie kein zweites, und weil wir zu einer Zeit, wo die alte Aristokratie ihre Wappenschilder zerbröckeln sieht, eine neue erzeugt haben, welche den Adel des Geistes mit jenem der Geburt zu vereinen versteht. Ich denke auch an die Worte des Koheleth: Denn welchem Menschen Gott Reichthum und Güter gegeben und ihm die Macht verliehen hat, davon zu geniessen und sein Theil hinzunehmen und froh zu werden seiner Mühe, siehe, das ist eine Gabe Gottes.«
Fußnoten:
[1] Ich berufe mich hier auf ein Gutachten und eine Rede meines verewigten Freundes, des weisen Rabbiners Stein.
[2] Die Furcht vor der Zählung rührt noch von Egypten her.
[3] In dem Städtchen Pintschew trat zuerst jener Jakob Frank auf, welcher eine weit verbreitete Sekte begründete und von vielen für den Messias gehalten wurde. Er war ein Gegner der Chassidim (Eiferer). Diese erkennen sich heute noch an der Frage: Was thut sich in Pintschew? und der Antwort: Es tugt. (Der Teufel ist los.)
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.
Korrekturen:
S. iv: jäh → ja das Eigenthum der Israeliten, {ja} ihre Existenz
S. 18: Lasstträgern → Lastträgern ihn den {Lastträgern} beizugesellen
S. 32: Einkand → Einband In Bezug auf den {Einband} hatte Kalimann
S. 54: Talmud → des Talmud gab er sein bestes nach dem Spruche {des Talmud}
S. 113: Himmel → den Himmel Mauer des Tempels gegen {den Himmel} ragt
S. 170: vor dem → vordem und {vordem} war ihr kleiner Kramladen
S. 173: Ungesäuertes → Gesäuertes werdet Ihr nichts {Gesäuertes} im Hause haben
S. 302: aber aber → aber eine Feuerwehr errichtet, {aber} diese erschien dem Zadik
End of Project Gutenberg's Jüdisches Leben, by Leopold von Sacher-Masoch