Jüdisches Leben in Wort und Bild
Part 14
»Ich habe es angeordnet«, gab der Zadik zur Antwort.
»Welche Macht massest Du Dir an?« rief Vögele, »bist Du ein Rabbi? Und nicht einmal ein Rabbiner kann den Bann aussprechen, nur der Beschdin hat das Recht dazu.«
»Ich frage wenig nach dem Beschdin«, sagte Lewi Jaffa.
»Der Zadik ist die Krone, die Zierde und das Licht des Weltalls«, rief sein treuer Schüler Ruben.
»Wenn Du dies wirklich bist«, fuhr Vögele fort, »so zeige jetzt Deine Macht, zermalme mich, lass ein Wunder geschehen.«
Allmählig hatte sich eine neugierig lauschende Menge um Vögele und den Zadik versammelt. »Ja, gib uns ein Wunder!« riefen mehrere Stimmen.
»Dieses Weib verstumme auf der Stelle!« rief Lewi Jaffa in dem Ton eines strafenden Richters.
Doch Vögele verstummte nicht. »Ich habe es Dir schon einmal gesagt«, rief sie, »Du bist ein Narr oder ein Betrüger.«
»Die Erde soll sich aufthun und Dich verschlingen!« rief der Zadik immer aufgebrachter.
Aber die Erde verschlang Vögele nicht und jetzt wirkte diese ein Wunder.
»Du bist gerichtet«, sprach sie lachend, »Gott hat Dich vor mir niedergeworfen, komm hierher zu mir, damit ich den Fuss auf Deinen Nacken setzen kann, denn Du bist vom Saamen der Schlange.«
Wüthend sprang der Zadik auf und schritt auf sie zu, um ihr seinen Fluch in das Gesicht zu schleudern, aber sein böser Engel wollte, dass er über einen Feldstein stolperte und der Länge nach zu den Füssen der schönen Frau hinstürzte.
Mit einem lauten, grausamen Lachen setzte Vögele rasch den kleinen Fuss auf den Nacken des besiegten Feindes und stand jetzt über ihm, schön und triumphirend, wie ein Racheengel.
»Gott ist mit ihr!« rief die Menge.
Einige Fanatiker sanken vor Vögele auf die Kniee, andere rissen grüne Reiser ab und schwangen sie um ihr Haupt, gleich Palmenzweigen.
Als sie endlich den Fuss zurückzog, erhob sich Lewi Jaffa, bleich und vernichtet und wankte der Stadt zu, ein geschlagener Feldherr ohne Armee.
Die Geschichte von der römischen Matrone.
-- SCHWEDEN. --
Hanuka.
Während der Wind im Kamin sang und die Schneeflocken an die Scheiben pochten, sass in einem eleganten Boudoir eine junge, hübsche Frau, den Kopf mit den bleichen Wangen und den grossen dunklen Augen auf beide Hände gestützt und schien in die weite Ferne zu blicken.
Und es lag auch im Nebel hinter ihr, was sie sah, gleich einem Traum, gleich einem Märchen.
Karola hatte geliebt, als sie fast noch ein Kind war. Ein junger Arzt kam in das Haus ihres Vaters, des Bankiers Rubenborg. Siegfried Förenskjöld war in der reichen, jüdischen Gesellschaft von Stockholm gut aufgenommen, obwohl er kein Vermögen besass, weil Jeder in ihm den ehrlichen Mann, den begabten Gelehrten schätzte.
Rubenborg selbst pflegte zu sagen: »Siegfried wird seinen Weg machen«, als er aber eines Tages entdeckte, dass Karola dem jungen Arzt ihr Herz geschenkt hatte, beeilte er sich doch, sie mit dem Schiffsherrn Skandorff zu verheirathen.
Karola widerstand einige Zeit, aber ihr eitles Herz liess sich endlich von dem Glanze blenden, der ihr an der Seite Skandorff's winkte, und sie zeigte selbst in einem Briefe, der in seiner falschen Sentimentalität noch um vieles grausamer war, Förenskjöld ihre Verlobung an. Dieser gab ihr keine Antwort, sondern verliess einige Tage später die schwedische Hauptstadt, um sich einer Expedition anzuschliessen, die nach dem nördlichen Polarmeer segelte.
Seither war er verschollen.
Karola hatte indess das Leben der Residenz in vollen Zügen genossen, man hatte sie bewundert, gefeiert, angebetet, bis sie endlich nichts mehr zu erreichen hatte, bis ihre Eitelkeit übersättigt war und der Eckel kam.
Dann starb ihr Mann, und sie zog sich plötzlich aus den Kreisen, in denen sie als Königin, als Despotin geherrscht hatte, zurück. Den Jahren des Taumels war eine Zeit der Sammlung, der Entsagung, der Wehmuth gefolgt. Karola fühlte sich einsam, unbefriedigt, und mehr und mehr stieg Siegfried's Bild aus dem Nebel der Erinnerung empor, und der Verrathene, für immer Verschollene wurde von Neuem ihr Idol.
Was war dieses Leben ohne Gatten, ohne Kinder, ohne Freunde, ohne Liebe, fragte sie sich an jenem Abend wieder und immer wieder. Sie hatte das Glück frevelhaft von sich gestossen, um einem Phantom zu folgen.
Ja, wenn Förenskjöld noch lebte! aber sie empörte sich gegen den Gedanken, jetzt, wo sie keine Illusionen hatte, einem Anderen zu gehören.
Sie zog es vor, um ihn zu trauern, wie um einen Todten, allein mit ihrer Reue und ihrer Sehnsucht.
Und nun sollte sie hinaus in die frostige Dezembernacht, in das glänzende Haus ihrer Eltern.
Es war der erste Abend der Hanuka, sie durfte nicht fehlen.
Seufzend erhob sie sich, um Toilette zu machen. »Ganz Israel wird heute die Hanukalichter anzünden«, murmelte sie, »aber in Deiner Seele ist das Licht erloschen für immer.«
* * * * *
»Heute will ich kein trauriges Gesicht sehen«, sprach Rubenborg, als Karola eintrat, »heute muss alles heiter sein. Uebrigens bekommen wir einen interessanten Gast, der Dich zerstreuen wird.«
Karola zuckte verächtlich die Achseln.
Alle Räume des väterlichen Hauses waren glänzend geschmückt und erleuchtet. Feierte man doch den grossen Tag, wo Judas Makkabäus nach seinem Siege über die Syrer den Tempel gereinigt und beim Klang der Instrumente und Sang der Leviten die heiligen Lampen wieder angezündet hatte.
Auf dem Kamin stand die alte, siebenarmige Lampe aus getriebenem Silber mit herrlichen Figuren, biblische Scenen darstellend. Acht Lichter waren auf diesem Familienkleinod aufgesteckt, denn das Fest währt acht Tage, und jeden Tag wird eine Kerze mehr angezündet.
Rubenborg, von seiner ganzen Familie umgeben, näherte sich jetzt der Lampe, sprach laut das Gebet und zündete die erste Kerze an.
In diesem Augenblick ging die Thür auf, und Karola meinte eine Erscheinung zu sehen.
Es war Siegfried Förenskjöld, der Geliebte ihrer Jugend, der eintrat. Es war noch sein verständiges, gutes Gesicht mit den treuen, blauen Augen, aber männlicher, ernster und von Sonne und Wetter mit einer Art Bronce bedeckt.
Die junge Wittwe blieb wie versteinert in der Nähe des Kamins stehen. Nachdem Förenskjöld ihre Eltern begrüsst hatte, verneigte er sich stumm vor ihr.
Sie klammerte sich an den Kaminsims und sah ihn flehend an, da er aber keinen Schritt vorwärts that, streckte sie ihm die Hand entgegen, und als er diese schöne vielbegehrte Hand nicht nahm, sprach sie mit einer Stimme, die leise bebte: »Siegfried, geben Sie mir die Hand.«
Förenskjöld trat auf sie zu, und sie ergriff rasch seine beiden Hände.
»Haben Sie mir vergeben?«
»Man vergibt nur, wenn man vergisst.«
»Sie haben mich also nicht vergessen,« murmelte sie, und ein schmerzliches Lächeln überflog ihr bleiches Gesicht.
Während man bei Tische sass, erzählte Förenskjöld seine Schicksale. Das Schiff, auf dem er gegen Norden segelte, war gescheitert. Er hatte einige Monate in der Eiswüste der Polargegend zugebracht und war dann durch einen amerikanischen Schoner gerettet worden. In New-York gut aufgenommen, hatte er dort rasch eine gute Praxis als Arzt gefunden und war vor wenigen Tagen zurückgekehrt, um seine Verwandten zu sehen.
Als die Tafel aufgehoben war, tanzten die Kinder um die Lichter und kamen dann zu den Eltern, um das Hanukageld in Empfang zu nehmen.
Nun kamen noch verschiedene alte Freunde des Hauses an, und bald war alle Welt, Alt und Jung, mit dem Spiel beschäftigt, wie es an diesem Abend Sitte ist. Die Kinder würfelten einige Zeit, dann kam Gustav, der Jüngste, zu Förenskjöld gesprungen und bat ihn, eine Geschichte zu erzählen, eine recht schreckliche von dem endlosen Eismeer, von schwimmenden Gletschern, Eisbären und Nordlicht.
»Wohl ist es Sitte«, sprach Förenskjöld, »an diesem Abend Geschichten zu erzählen, aber nur jüdische Geschichten.«
Gustav bat also um eine solche. Förenskjöld setzte sich zum Kamin, die Kinder umgaben ihn, und Karola trat leise hinter seinen Stuhl und stützte sich auf die Lehne desselben.
* * * * *
Einst fragte eine römische Matrone den Rabbi José be Chalafta, in wie viel Tagen Gott die Welt erschaffen habe?
»In sechs Tagen«, war die Antwort.
Auf eine zweite Frage, was Gott seitdem thue, erwiderte Rabbi José, seine Hauptbeschäftigung bestehe darin, die Menschen durch das Band der Ehe zu vereinen und glücklich zu machen.
Die römische Matrone fand diese Antwort spasshaft und sprach: »Dies soll eine Beschäftigung für einen Gott sein? Ehen zu schliessen ist leicht, ich wette, dass ich das eben so gut kann, wie Dein Gott. Ich habe eine grosse Zahl Sklaven und Sklavinnen und will sie alle in einer Stunde verheirathen, dazu bedarf man keiner göttlichen Macht.«
»Mag sein«, erwiderte der Rabbi, »aber unserem Gott ist es gerade so schwer, wie jedes andere Wunder.«
Die römische Matrone nahm hierauf tausend ihrer Sklaven und ebenso viel Sklavinnen und vermählte sie alle an einem Abend.
Was aber war die Folge dieser so rasch, ohne Ueberlegung, ohne Liebe geschlossenen Bündnisse?
Schon am anderen Morgen kamen sie alle im kläglichsten Zustande und warfen sich ihrer Herrin zu Füssen. Die einen hatten zerschlagene Köpfe, die Anderen wunde Augen, andere Striemen auf dem Rücken und alle, alle flehten um Scheidung ihrer Ehe.
Die römische Matrone gewährte ihre Bitte, und als sie wieder dem Rabbi begegnete, sprach sie: »Du hast recht. Meine Gottheit kann sich mit der Deinen nicht messen, unsere Gesetze stehen den Euren nach. Eure Lehre ist auf Wahrheit gegründet.«
Doch Rabbi José lächelte und erwiderte: »Habe ich Dir nicht gleich gesagt, dass eine Ehe zu stiften zu den schwierigsten Dingen gehört?«
* * * * *
»Und die Moral?« rief Rubenborg von seinem Whisttisch herüber.
»Vordem wurden die Ehen im Himmel geschlossen«, antwortete Förenskjöld, »heute ist das anders, und die römische Matrone würde diesmal recht behalten. Heute gelten nur noch die schönen Worte des Horaz:
Geld ist die Königin Der Welt, schafft alles Dir, ein reiches Weib, Kredit und Freunde, Schönheit, Adel, Alles!«
»Nein, alles nicht«, sprach Karola leise, »die Liebe nicht und nicht das Glück.«
Förenskjöld stand auf, und während er sich an den Kamin lehnte, trat die arme, bleiche Frau vor ihn hin und ergriff von neuem seine Hände.
»Siegfried, vergeben Sie mir«, murmelte sie, »auch ich könnte Ihnen eine Geschichte erzählen von einer Frau, die der Reichthum, die der Luxus geblendet hat und die inmitten rauschender Feste wie eine Todte wandelte mit ihrem Herzen. Sie hat Unrecht gethan, diese Frau, auch sich, sich am meisten, aber sie hat auch gebüsst, an der Seite eines ungeliebten Gatten, umgeben von den Nichtigkeiten der Gesellschaft und dann in der freudenlosen Einsamkeit ihrer Wittwenjahre.
Das Licht ihrer Nächte war die Erinnerung, die Hoffnung.
Wenn Sie finden, Siegfried, dass sie nicht genug bereut, nicht genug gebüsst hat, sprechen Sie es aus, sie wird fortfahren, zu entsagen und zu lieben, aber nehmen Sie ihr die Hoffnung nicht.«
»Was verlangen Sie von mir, Karola?«
»Vergebung.«
»Ich soll Sie also vergessen?«
»Nein, nein,« rief die junge Frau; sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihm zu Füssen fallen, »ich gehöre Ihnen, ich habe immer Ihnen gehört, nur Ihnen, stossen Sie mich nicht zurück, rauben Sie mir nicht die Hoffnung.«
»Und was hoffen Sie noch, Karola?«
»O! mein Freund!« fuhr sie fort, »heute ist Hanuka! Es ist der Tag, wo Judas Makkabäus die falschen Götter gestürzt und den Altar des wahren Gottes aufgerichtet hat. Lassen Sie auch uns diese Götter zertrümmern, denen wir geopfert haben, die Eitelkeit, der Hang zum Reichthum, zum Genuss, die Hoffart und auch den Hass und die Rache.«
»Ich habe Sie niemals gehasst«, erwiderte Förenskjöld.
»Lassen Sie uns also zu unserem Gotte zurückkehren, zu dem einzig wahren.«
»Und dieser Gott wäre?«
»Sie fragen noch?« rief sie und warf sich an seine Brust, »die Liebe, Siegfried.«
Förenskjöld hielt sie in seinen Armen, während sie mit ihren schönen, lächelnden und weinenden Augen zu ihm emporblickte.
Du sollst nicht tödten.
-- CROATIEN. --
Jüdische Ehre. -- Das Duell.
Die Gräfin Mara Barowic war in einer Person die Circe, Omphale und Semiramis des kroatischen Berglandes Zagorien. Alle Männer, jung und alt, lagen zu ihren Füssen und doch war sie eher hässlich als hübsch zu nennen.
Aber sie besass jene Hässlichkeit, welche frappirt, fesselt und reizt. Dann hatte sie eine Geschichte hinter sich, welche sie interessant machte.
Man behauptete, dass sie ihren Mann durch einen ihrer Günstlinge auf der Jagd erschiessen liess, als dieser kroatische Ninus ihr lästig zu werden begann.
Und sie war originell!
Wenn das Weib ein Kunstwerk ist, wie ein berühmter Dichter gesagt hat, so darf man nicht vergessen, dass heute die Zeit des Gefälligen, Anmuthigen in der Kunst vorüber ist, man zieht die grausame Wahrheit der liebenswürdigen Schönheit vor, in der Kunst und ebenso in der Liebe.
Die Gräfin war ein Weib in diesem Geschmack. Von ihren beiden glühendsten Verehrern nannte sie der eine, Baron Kronenfels, »décadente«, und der andere, Herr von Broda, »naturalistisch«.
Sie ritt wie ein Husar, sie kutschirte, sie hetzte Hasen und Füchse, sie liebte es, in der malerischen Tracht einer kroatischen Bäuerin die Felder und die Forste zu durchstreifen und traktirte ihre Gläubiger mit der Hundepeitsche, wenn sie ihr Geld haben wollten.
Die Gräfin war nämlich vollständig verschuldet, nicht nur, dass auf ihrem Gute Granic kein Nagel mehr ihr gehörte, nicht einmal der falsche Zopf, den sie trug, war ihr Eigenthum.
Die jungen Cavaliere, welche sich um ihre Gunst bewarben, erklärten sich desshalb die Vorliebe der zagorischen Circe für die beiden »Weisen aus dem Morgenlande«, wie sie Broda und Kronenfels nannten, durch die glänzende materielle Lage dieser jüdischen Edelleute.
Baron Kronenfels war von etwas älterem Adel und genoss daher ein gewisses Ansehen, Herr von Broda dagegen war erst selbst geadelt worden und diente umsomehr als Stichblatt aller schlechten Spässe, als er einen geradezu lächerlichen Kultus mit seinem Wappen trieb. Es gab keinen Ort, wo er dasselbe nicht anbrachte, es glänzte sogar auf dem Halsband seines Hundes und auf den Cigaretten, die er sich apart bei Laferme fabriziren liess.
Kronenfels und Broda waren gute Freunde und Kameraden, denn Beide waren Offiziere in der Reserve, aber wie lange hält Männerfreundschaft gegenüber einer Frau Stand?
Ihre gegenseitige Eifersucht steigerte sich von Tag zu Tag und nahm endlich jenen akuten Charakter an, wo man sich jeden Augenblick auf einen Conflict gefasst machen muss.
* * * * *
Eines Abends beim Spiel und beim schäumenden Champagner fand die von ihren Freunden längst erwartete Explosion statt.
Baron Rukawina gab eine lustige Geschichte aus dem bewegten Leben der Gräfin zum Besten.
Sie sollte wegen der seit Jahren rückständigen Steuer exequirt werden und setzte daher Himmel und Erde in Bewegung, um das drohende Unheil abzuwenden. Sie reiste nach Agram und von da nach Budapest. Hier bestürmte sie den Minister, die einflussreichen Deputirten, ja sie erbat sogar eine Audienz beim König. Ueberall gab man ihr Hoffnung, aber die Gefahr wurde trotzdem immer dringender.
Da stellte sich ihr der Baron Meyerbach vor, und bot sich an, die Sache zu arrangiren.
Meyerbach war ein intelligenter Mensch mit einem guten Herzen und einer offenen Börse, aber die ungarische Aristokratie nahm ihn dennoch nicht in ihre intimen Kreise auf, aus dem einfachen Grunde, weil er Jude war.
»Haben Sie denn wirklich so viel Einfluss?« fragte die Gräfin erstaunt.
»Fragen Sie mich nicht, wie ich verfahren werde, Gräfin«, erwiderte der Baron, »genug, ich bin des Erfolges vollkommen sicher.«
»Und was verlangen Sie von mir für diesen Dienst?«
»Nichts, als dass Sie während zweier Wochen täglich eine Stunde mit mir in der Waitzner Gasse promeniren, täglich eine Stunde in meiner Gesellschaft auf dem Eisplatz im Stadtwäldchen zubringen und sich jeden Abend an meiner Seite in einem anderen Theater sehen lassen.«
»Das ist alles?«
»Alles.«
Die Gräfin that alles, was der Baron verlangt hatte.
Vierzehn Tage später erhielt sie die Quittung über die bezahlten Steuern -- 32,000 Gulden -- und Baron Meyerbach fand die Thüren der ungarischen Aristokratie nicht mehr verschlossen. Die Gräfin hatte ihn, wie man sagt, lancirt.
Man lachte und liess den schlauen Meyerbach leben, nur Broda machte ein trauriges Gesicht. Seufzend murmelte er die Worte Goethe's vor sich hin: »Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles.«
Baron Kronenfels legte die Karten mit Ostentation auf den Tisch und sah ihn an.
»Wollen Sie damit sagen, dass eine Dame, wie die Gräfin Maria Barowic, sich durch Geld oder Reichthum blenden lässt?«
Broda zuckte die Achseln.
Da erhob sich Kronenfels entrüstet und rief: »Sie sind ein +Jude+!«
Einen Augenblick blieben alle starr, dann sprang Broda gleichfalls auf und erwiderte vor Wuth bebend: »+Sie+ sind ein +Jude+!«
Die Folge dieses Wortwechsels war eine Herausforderung. Beide Herren wählten auf der Stelle ihre Sekundanten. Man entschied sich für Pistolen, und das Rendezvous sollte am nächsten Morgen in dem Eichenwalde von Granic stattfinden.
* * * * *
Broda war nicht lange nach Hause zurückgekehrt und hatte kaum begonnen, seine Papiere zu ordnen, als der Rabbiner Salomon Zuckermandel bei ihm erschien.
»Sie wollen sich duelliren?« waren die ersten Worte des weisen gütigen Alten.
»Ja.«
»Und noch dazu mit einem Juden? Nein, Herr von Broda, Sie können, Sie dürfen, Sie werden nicht auf einen Menschen schiessen.«
»Verzeihen Sie, Rabbi Salomon, aber von Ehrensachen verstehe ich mehr als Sie.«
»Glauben Sie?« erwiderte der Rabbiner lächelnd, »nun, wir werden sehen. Sie glauben, die Ehre kann nur durch Blut reingewaschen werden? Mein lieber Herr von Broda, eine Ehre, die makellos ist, braucht überhaupt nicht erst gewaschen zu werden, und eine Ehre, die einen Makel hat, kann auch durch Blut nicht reingewaschen werden. Der Baron hat Sie einen Juden genannt. Ist das eine Beleidigung?«
»In dem Sinne, in dem er das Wort gebraucht hat, ja.«
»Nein, weder in diesem noch in einem anderen Sinne«, fuhr der Rabbiner fort, »sollte der Name Soldat zu einem Schimpfwort werden, weil es Soldaten gibt, die ihre Fahne verlassen haben? Diese Juden, die man meint, wenn man den Namen Jude als Schimpfwort ausspricht, haben auch ihre Fahne verlassen, es sind keine Juden mehr. Das Judenthum ist die Ehrfurcht vor Gott, die Liebe zur Freiheit, die Liebe zur Familie, die Menschenliebe, und die jüdische Ehre besteht nicht darin, Blut zu vergiessen, sondern recht zu handeln und Gutes zu thun.«
»Sie haben recht, aber --«
»Nein, nein, kein Aber. Als Gott auf dem Sinai in Donner und Blitz dem Moses die Gesetztafeln gab, da gab es kein Aber, da sprach er: »+Du sollst nicht tödten.+« -- Sie sind ein Jude, Herr von Broda, das heisst ein Mensch, Sie werden nicht tödten.«
Der junge Edelmann trat an das Fenster, um seine Thränen zu verbergen, das jüdische Herz war bewegt, der alte Mann im schlichten Talar hatte das glänzende Wappen aus dem Felde geschlagen.
* * * * *
Es war Mitternacht, als Rabbi Salomon bei dem Baron ankam und demselben einen Brief seines Gegners übergab. Kronenfels las:
Mein Herr!
Sie haben mich schwer beleidigt, indem Sie mich in einer Gesellschaft von Cavalieren einen Juden genannt haben und dies zu einer Zeit, wo Herr von Treitschke in Berlin die Juden das »Schlamassel«, das Unglück des deutschen Volkes genannt hat. Allein Sie sind der einzige Sohn, die Hoffnung Ihrer Familie, und es würde mir leid thun, wenn ich Sie treffen würde. Sie haben mich mehr als einmal das Herz aus dem Asse schiessen sehen, Sie wissen, dass ich keine Redensarten mache. Ich schlage Ihnen desshalb vor, dass wir beide in die Luft schiessen und dass wir uns gegenseitig das Ehrenwort geben, dieses Uebereinkommen niemals zu verrathen.
+Broda.+
Kronenfels zeigte dem Rabbiner den Brief.
»Was ist da zu thun?« fragte er lächelnd.
»Herr von Broda hat bewiesen, dass er ein Jude ist«, sagte Zuckermandel, »bleiben Sie nicht zurück, beweisen Sie gleichfalls, dass Sie der Sohn eines Stammes sind, der als das älteste Kulturvolk alle anderen an Menschlichkeit übertrifft.«
Kronenfels warf einige Zeilen auf das Papier, welche Rabbi Salomon bei Tagesanbruch überbrachte. Die Antwort des Barons lautete:
Mein Herr!
Ich war eben im Begriff an Sie zu schreiben, als ich Ihren Brief erhielt.
Auch ich würde es bereuen, einen so hoffnungsvollen, jungen Mann zu tödten.
Uebrigens -- entre nous soit dit -- sind wir doch wirklich Juden, d. h. Nachkommen von Ahnen, welche älter als die Lichtenstein und Auersperg sind und von denen wir zwei Eigenschaften ererbt haben, die Herr von Treitschke, als der Sohn eines spät civillisirten Volkes wahrscheinlich nicht besitzt. Ich meine die Scheu vor Blutvergiessen und das jüdische Herz voll +Rachmonus+.
+Kronenfels.+
Um sechs Uhr morgens fand das Rencontre im schönen Eichenwald von Granic statt. Die beiden Gegner hielten Wort und schossen in die Luft.
Als die Sekundanten erklärt hatten, dass der Ehre Genüge geschehen sei, trat plötzlich Rabbi Salomon aus dem Gebüsch hervor, in dem er sich verborgen gehalten hatte und während Kronenfels und Broda sich versöhnt die Hände reichten, erhob der Greis segnend die Arme und sprach: »Meine Herren, Sie sind Juden!«
Bär und Wolf.
-- SCHWEIZ. --
Rosch haschonnah. -- Jom Kipur.
Herta Bär und Selma Wolf galten als die hübschesten Frauen in Basel, nicht allein unter den Jüdinnen. Man sah sie immer zusammen, und es gab Leute, welche behaupteten, dass Beide sehr gut wussten, dass sie sich gegenseitig als Folie dienten.
Herta war blendend weiss, üppig, blond, und Selma hatte jenen warmen Teint, der an den Orient mahnte, die schlanken Glieder der Braut des hohen Liedes und schwarze Haare, die in das Blaue schimmerten.
Ihre Männer, der Weinhändler Wolf und der Kaufmann Bär waren gleichfalls Freunde.
Da kam ein jugendlicher Dichter auf den unglücklichen Gedanken, Selma in einem kleinen Journal zu besingen und fortan war die Rivalität unter den beiden Frauen geweckt. Sie kämpften um die Palme auf Kosten ihrer Männer, sie überboten sich in Bezug auf Toiletten und Schmuck, in Bezug auf die Einrichtung ihrer Wohnungen, jede wollte die andere durch die Kunst der Küche in Schatten stellen und jede pries die Intelligenz, die Talente, die Schönheit ihrer Kinder auf Kosten jener der Anderen.
So entstand aus Neigung Widerwillen, und endlich sogar Hass.
Herta, welche gleich jeder jüdischen Frau für Litteratur und Kunst schwärmte, wurde zu unrechter Zeit von einer etwas übertriebenen Begeisterung für einen Schauspieler erfasst, den sie als Faust, Egmont, Karl Moor, Marquis Posa und Tempelherr in Lessing's Nathan bewundert hatte, und eines Abends, als er den Romeo spielte, warf sie ihm einen Kranz auf die Bühne.
Selma machte sich über sie lustig und gab ihr den Spitznamen Julia, den die bösen Zungen von Basel bereitwillig annahmen und verbreiteten. Herta vergoss zahllose Thränen und Bär brach alle Beziehungen mit Wolf ab.
Einige Zeit wich man sich gegenseitig aus, dann begann die scheinbare Gleichgültigkeit in Feindseligkeit auszuarten.
Bär erzählte in seinen Kreisen, dass Wolf seinen Wein verfälsche, dass er seinen Kunden ein langsam aber sicher wirkendes Gift gebe, und Wolf blieb die Antwort nicht schuldig. Er verbreitete seinerseits, dass Bär geknetetes Brod als Kaffee verkaufe und Nussbaumblätter als chinesischen Thee, dass er gestossene Ziegel unter den Zimmt mische und Kreide unter das Mehl.
Man glaubte Beiden, und Beide litten unter der gehässigen Verläumdung, welche immer weiter um sich griff, und die Reihen ihrer Kunden mehr und mehr lichtete.