Jüdisches Leben in Wort und Bild

Part 13

Chapter 133,798 wordsPublic domain

Mitten im österreichischen Waldland, nahe der böhmischen Grenze, zwischen mächtigen Forsten, rauschenden Wassern und grünen Bergen, auf denen die Trümmer stolzer Burgen gegen den Himmel ragen, liegt ein freundlicher Ort mit weissgetünchten Häusern und rothen Ziegeldächern.

Hier lebte seit undenklicher Zeit eine kleine, jüdische Gemeinde, die ferne der Strasse, welche der Welthandel nimmt und auf der die Heere ziehen, ihr Wesen und ihre Bräuche ziemlich unverfälscht erhalten hatte.

Das grosse Licht, der Ilau dieser Gemeinde, war Mebus Kohn, der Talmudist. Er war ihr Lehrer, ihr Rathgeber, ihr Orakel und ihr Arzt.

Mebus lebte mit seiner Tochter Perle sehr still und glücklich unter dem Dache des kleinen mit Weinlaub umrankten Hauses, das dem jüdischen Fleischer Berthold Zimmermann gehörte, bis zu dem Tage, wo sich ein junger, jüdischer Arzt, Leopold Pfeffermann, mit seiner Schwester in dem kleinen Waldort niederliess.

Nun war es um seine Ruhe geschehen. Bisher hatten die Juden in diesem stillen Winkel keine andere Arznei gekannt, als den Talmud. Mit Hülfe dieses heiligen Buches heilte Mebus jede Art von Leiden und Gebrechen oder er heilte sie nicht, je nachdem die guten oder bösen Geister die Oberhand gewannen.

Nun machte ihm plötzlich ein Fremder, ein junger Mensch, ein Purez (Geck), seinen wohlerworbenen Ruhm streitig.

Der alte Talmudist hasste diesen Doktor von Anbeginn, ehe er ihn noch gesehen hatte, und seine Abneigung wurde allmählig noch durch das Gebahren der Schwester Pfeffermann's gesteigert. Diese, eine junge, anmuthige, gebildete Dame, zeichnete sich durch eine elegante Toilette und einen freien Geist aus, der alles Gute und Vernünftige im Judenthume mit Feuer vertheidigte, sich aber von allen veralteten Vorurtheilen und Gebräuchen losgemacht hatte. Schon dass sie Bücher las, die nicht in Folio gedruckt und nicht hebräisch waren, genügte, um sie in den Augen des Talmudisten zu einer Ketzerin zu machen. Nun kam noch dazu, dass der Doktor einen Todtenkopf auf seinem Schreibtisch und ein menschliches Gerippe in einem Winkel seines Studirzimmers stehen hatte.

Dies war geradezu eine Verletzung des Gesetzes nach der Ansicht des Talmudisten.

Doch sein frommer Eifer half ihm wenig. Der Doktor machte einige glückliche Kuren, und seine Schwester scheute keine Mühe, keine Gefahr, wo es zu helfen, zu retten galt. Sie ging in die Hütten der Armen, um in einer verpesteten Luft die Kranken zu pflegen, den Dürftigen die nöthige Nahrung zu bringen und mehr und mehr blieben die Patienten bei Mebus aus und erholten sich Raths bei dem jungen, gelehrten Doktor, der vielleicht nicht koscher ass, aber ein echtes, jüdisches Herz besass.

Kam ein Kranker zu Mebus, so fragte er ihn aus, ob er vielleicht beim Abschneiden der Fingernägel einen Fehler begangen habe, ob er nicht Speisen gegessen habe, die verboten seien, ob er nicht eine Ruine betreten habe, in der die Massikim hausen, und dergleichen mehr. Dann schlug er den Talmud auf, sprach Gebete, legte dem Patienten die Hände auf und im besten Falle gab er ihm einen Abguss von Kräutern, die er selbst im Walde gesucht hatte.

Der Doktor dagegen sah dem Kranken, der über Halsweh klagte, in den Hals, klopfte und horchte demjenigen, der sich über Schmerzen in der Brust beklagte, die Brust ab, fühlte den Puls, verschrieb eine Arznei und ordnete eine entsprechende Diät an.

Das war schon ganz anders und nun gar die Elektrisirmaschine, die er manchmal anwendete, die verschiedenen Instrumente, deren er sich bediente. Alle diese Geheimnisse seiner Kunst wirkten auf die abergläubische Bevölkerung noch kräftiger als die Kabbalisten-Formeln des alten Mebus.

* * * * *

So sah sich denn dieser eines Tages vollständig entthront und dachte bereits daran, die Gegend zu verlassen, als ihm, wie er glaubte, Gott Hülfe sendete und ihm plötzlich bei seinem Hausherrn, dem Fleischer, eine wahre Wunderkur gelang.

Der junge Doktor wollte der Sache auf den Grund kommen und begab sich ohne weiteres zu Mebus, der ihn mit einem grimmigen Blick empfing, während die reizende Perle, die Hand auf den alten Lehnstuhl ihres Vaters gestützt, die Augen zu Boden gesenkt, ein Bild der Unschuld und Anmuth, dastand.

»Erklären Sie mir, Herr Mebus Kohn,« begann Pfeffermann, »wie Sie diesen Zimmermann behandelt haben. Da Sie doch nicht Medizin studirt haben, so setzt mich Ihr Erfolg in Erstaunen, und da ich jede Erscheinung zu verstehen suche, bitte ich, mir Ihre Methode zu erläutern.«

»Glauben Sie denn,« erwiderte Mebus, »dass man Leichen zerschneiden muss, um den menschlichen Körper kennen zu lernen? Ich kenne ihn besser als Sie und habe niemals sezirt. Und dann -- wer sagt Ihnen, dass man jede Krankheit heilen soll? Wenn Gott eine Krankheit sendet, darf man zu ihm beten, um den Tod abzuwenden, nicht aber gegen den Willen des Schöpfers Krieg führen.«

»Ich bitte, Herr Kohn, ich möchte Ihre Methode kennen lernen,« sagte der Doktor ruhig, »das hat mich zu Ihnen geführt.«

»Meine Methode?« murmelte Mebus und zog die Augenbrauen zusammen, »Sie werden sie doch niemals verstehen, Sie haben nicht den Geist dazu, Ihnen fehlt die wahre Gottesfurcht. Um einen Kranken zu heilen, darf man sein Leiden nicht von der körperlichen Seite betrachten, man muss seinen geistigen Zustand kennen. Der Traktat Makoth sagt uns, dass es im Menschen 248 Glieder und 365 Adern gibt. Dagegen findet man in der Thora 248 Gebote und 365 Verbote. Begeht der Mensch eine Sünde, sei es, indem er ein Gebot nicht befolgt oder ein Verbot überschreitet, so erkrankt das Glied oder die Ader, die mit diesem Gebot oder Verbot in Zusammenhang steht.«

Pfeffermann sah den Alten erstaunt an, er meinte, wie Faust in der Hexenküche, einen Chor von hunderttausend Narren sprechen zu hören.

»Je mehr der Mensch sündigt,« fuhr der Talmudist fort, »umsomehr wird sein Körper zerstört, und wenn er nicht endlich Busse thut, kann ihn kein Arzt retten. Eine genügende Busse ist allein im Stande, den Tod abzuwenden, denn Gott hat uns durch den Mund des Propheten Ezehiel gesagt: Ich begehre nicht den Tod des Sünders, sondern dass er Busse thue.«

»Und Sie haben auch Zimmermann in der Weise geheilt?« fragte der Arzt immer verwunderter.

Mebus nickte. »Er hat mir seine Sünden gebeichtet«, sprach er, »und Busse gelobt. Ich betete zu Gott und verbürgte mich für die Busse des Zimmermann, und Sie sehen, er wurde gesund.«

* * * * *

Aber dem Tage des Triumphes folgte ein Tag der Niederlage für den armen Mebus Kohn.

Seine geliebte Perle erkrankte und diesmal half weder das Gelöbniss der Busse, noch das Gebet, noch der Talmud. Das liebliche Kind welkte dahin, und Mebus war der Verzweiflung nahe, als er sich endlich entschloss, den Arzt zu berufen.

Er kam vollständig gebrochen zu Pfeffermann, wie ein besiegter König des Orients, der seinem Gegner den Nacken darbietet, damit er den Fuss auf ihn setzen kann.

Doch Pfeffermann zeigte sich edel. Er verrieth mit keiner Miene die Genugthuung, die er empfand, er begab sich, ohne viele Worte zu verlieren, zu der Kranken, untersuchte sie gewissenhaft, verordnete was nöthig war und sendete dann seine Schwester, welche mit allem Eifer und aller Liebe die Pflege übernahm.

Der junge Arzt kam täglich zweimal und manchmal brachte er sogar die Nacht bei der Kranken zu. Wenn er dann an dem bescheidenen Bett sass, in dem das Mädchen, die Wangen von der Fiebergluth geröthet, fast theilnahmslos lag, wenn er mit einer Unruhe, die ihm sonst fremd war, die Körperwärme mit dem Thermometer mass, wenn er bei jedem Symptom, das ihm ungünstig schien, fühlte, wie sich sein Herz zusammenzog, da sagte er sich wohl, dass er hier, auch um seinetwillen um ein Leben ringe, das ihm lieb, das ihm theuer war, und dann, als der schwere Sieg errungen war, als allmählig das Bewusstsein, die Kräfte wiederkehrten, welche innige, namenlose Freude empfand er, wenn er eintrat, wenn die schwarzen Augen Perle's ihn schon von Weitem grüssten.

Schon konnte das liebliche Mädchen die Stube verlassen und im Gärtchen in der sonnigen Laube sitzen, und der Doktor kam noch immer.

»Ich kann mir nicht vorstellen«, sagte Perle eines Tages mit einem holden Lächeln, »dass Sie nicht mehr kommen sollten. Ich möchte --«, sie hielt inne und blickte zu Boden.

»Was möchten Sie, einzige Perle?«

»Ich möchte immer krank sein, damit Sie immer kommen.«

Der junge Arzt nahm sie bei den Händen und sah sie treuherzig an.

»Nein, Perle, krank dürfen Sie mir nicht mehr werden, ich habe zu viel Angst um Sie ausgestanden, aber wenn Sie mich ein wenig lieb haben, ich bete Sie an, ich kenne nur noch ein Glück auf Erden, Sie als Hausfrau in mein Heim einzuführen.«

»Wäre das möglich!« Perle presste die Hand an das Herz und begann am ganzen Leibe zu beben.

»Wollen Sie, Perle?«

»Und ob ich will!«

»Aber Ihr Vater?«

»Er wird sich schon bekehren lassen.«

* * * * *

Eines Tages hatte der Förster einen Hund erschossen, der herrenlos im Walde herumlief und das Wild aufstörte. Pfeffermann bemächtigte sich des Kadavers und liess ihn zu Mebus schaffen.

Als der Talmudist, ein Bündel Kräuter in der Hand, aus dem Walde heimkehrte, fand er den jungen Arzt mit Perle in der Laube. Pfeffermann sezirte den todten Hund und erklärte dem mit einer Art Andacht lauschenden Mädchen den Bau des thierischen Organismus.

Mebus that erst, als bemerke er es nicht, dann sah er von Weitem hin, allmählig näherte er sich auf den Fussspitzen und schliesslich stand er sprachlos vor dem offenen Körper, und es war ihm, als habe der junge Arzt eine geheimnissvolle Pforte vor ihm aufgethan, durch die er in die Werkstatt Gottes blicken konnte.

»Welches Wunder!« rief er plötzlich, die Hände zum Himmel erhebend. »Das Wort des Propheten Joel ist wahr geworden: Einst werde ich meinen Geist über alles Fleisch ergiessen und Eure Söhne und Töchter werden weissagen. -- Meine Hand, Herr Pfeffermann, ich werde mir auch nicht mehr anmassen, einen Menschen heilen zu wollen.«

»Doch, Herr Kohn«, sagte der Arzt, »aber wir wollen theilen, ich nehme die Leiber auf mich und Sie die Seelen. Sie sehen, ich gebe Ihnen den besseren Theil, denn es gibt auch kranke Seelen, und für diese sind Schrift und Talmud eine oft erprobte Medizin.«

»Sie haben recht. Wir wollen Freunde sein und bleiben, Herr Pfeffermann.«

»Das ist mir zu wenig, Herr Mebus Kohn«, rief der junge Arzt.

»Ja, was wollen Sie denn noch?«

»Ihre Tochter, Herr Kohn.«

»Perle?«

Das liebe Mädchen sah ihn verschämt an und nickte mit dem Kopfe.

»Ihr liebt Euch?«

»Ja, mein Vater.«

»Und der Herr Doktor ist nicht zu stolz, die Tochter des armen Kohn zum Weibe zu nehmen?«

»Herr Kohn, Sie beschämen mich.«

»Nein, nein, ich bin stolz auf solch einen Schwiegersohn,« rief Mebus, »sagt doch schon Salomon: Wenn mein Sohn weise ist, so freut sich mein Herz.«

Die Iliade von Pultoff.

-- RUSSLAND. --

Der Zadik. -- Theologischer Streit. -- Hairem. -- Ein Wunder.

Bendavid Kaftan und Mordahil Grünspan waren Nachbarn. Beide waren Kaufleute und verkehrten in Freundschaft zusammen, ebenso wie ihre Frauen, Vögele und Veigele.

Da aber nichts in der Welt Bestand hat, so kam eines Tages ein Ereigniss, das sie veruneinigte und verfeindete.

Bendavid und Mordahil reisten zusammen zu der grossen Messe nach Novgorod. Bendavid dachte im Sinne des Talmud: »Wer sein Weib liebt wie sich selbst, und sie noch mehr ehrt als sich selbst, dessen Zelt ist der Friede.«

Beim Abschied gab er Vögele eine grosse Summe Geldes und bat sie, sich während seiner Abwesenheit nichts abgehen zu lassen, ja sich alles zu gestatten, wonach ihr Herz begehren würde. Mordahil folgte seinem Beispiel und gab Veigele eine gleiche Summe.

Als nun die beiden Männer von Novgorod heimkehrten, da empfing Veigele ihren Gatten mit einem grossen Sack voll Geldes in der Hand. Sie hatte gespart und glaubte Mordahil eine grosse Freude zu bereiten, aber dieser sah ihre bleichen Wangen, er sah, dass sie mager geworden war, dass sie schlecht und unsauber angezogen war und verbarg mit Mühe seinen Aerger.

Dagegen hatte Vögele keinen Rubel erspart, aber sie stand auf der Schwelle ihres Hauses, schön wie ein Leben, ein Häubchen mit rothen Bändern auf dem schwarzen Haar, Hals und Arme mit Juwelen bedeckt, die mit ihren schönen Augen um die Wette funkelten, den üppigen Leib in eine prächtige Pelzjacke geschmiegt. Und schöner als alles war ihr Lächeln.

Ihr Mann war glücklich, sie so zu sehen, er zog sie an sein Herz und fragte wenig darnach, ob sie etwas gespart habe oder nicht. Wusste er doch, dass sie sich für ihn gepflegt, für ihn geschmückt hatte. »Endlos ist die Bosheit des bösen, endlos die Güte des guten Weibes«, rief er, den Midrasch zitirend, während Mordahil seine Frau kaum eines Blickes würdigte.

Veigele setzte sich in einen Winkel und weinte, während Vögele die Hände auf die Schultern ihres Mannes legte und ihn schalkhaft anlächelte.

»Was hast Du?« fragte Bendavid.

»Weisst Du, welchen Rath der Talmud der Frau ertheilt?« sagte sie.

»Nun?«

»Er lässt die Mutter zu ihr sprechen: Meine Tochter, stehe vor dem Gatten wie vor einem Könige und diene ihm, indem Du ihm dienst, machst Du ihn zu Deinem Sklaven und wirst seine Herrin.«

»Und Du meinst, dass ich schon ganz und gar Dein Sklave bin?« rief Bendavid lachend.

Vögele nickte und schloss ihm den Mund mit ihren duftigen Lippen.

Sie verstand es aber nicht nur, ihren schönen Leib für ihren Gatten zu schmücken, sondern auch ihren Geist. Sie las viel und da Bendavid wenig Zeit hatte, sich mit Büchern zu beschäftigen, so erzählte sie ihm, wenn sie abends bei dem warmen Ofen sassen, oder im Sommer auf der Bank vor dem Hause, alles, was sie Schönes oder Merkwürdiges in ihren Büchern gefunden hatte, sie erzählte ihm Romane, wie man einem Kinde Märchen erzählt, und sie belehrte ihn zugleich über die Wunder des Sternenhimmels, über Thiere, Pflanzen und Steine, über die Entstehung des Erdballs, über fremde Länder und Völker und ihre Schicksale im Buch der Geschichte.

So kam es, dass Bendavid nach und nach eine Art Freigeist wurde, während Mordahil die Befriedigung, die er daheim nicht fand, ausser dem Hause suchend, in die Hände der Chassidim gerieth und ein Zelot wurde.

* * * * *

Die ganze Stadt stand unter der Herrschaft, ja unter der Tyrannei des Zadik, des Frommen und Gerechten, den die Chassidim als ihr Oberhaupt abgöttisch verehrten. Der Rabbiner Mayer Gorwitz, ein gelehrter Mann von tadellosem Charakter, war diesem Papst der jüdischen Ketzer gegenüber machtlos und war zufrieden, dass er noch eine kleine Gemeinde verständiger Menschen um sich versammelt sah, die den wahren Glauben festhielten und vertheidigten.

Veigele, welche mehr und mehr von einem hässlichen Neid, einer verzehrenden Eifersucht gegen Vögele erfasst wurde, hetzte ihren Mann gegen sie, und Mordahil wieder hetzte den Zadik auf.

Eines Abends, als der Mächtige in seinem Empfangszimmer auf dem Divan sass, von seinen Getreuen und Scholaren umgeben, die bewundernd an seinen Lippen hingen, bemerkte Mordahil, dass dem Zadik die lange, türkische Pfeife ausgegangen war. Er stopfte sie, reichte sie ihm, zündete sie an und flüsterte ihm zugleich in das Ohr: »Vögele Kaftan lässt sich das Haar wachsen, Rabbi, nun wird sie wohl Dein Blitzstrahl treffen!«

Der Zadik, Lewi Jaffa Löwenstamm, verzog keine Miene. Er war in seinem Kaftan von dunkelrothem Atlas, der mit Zobelpelz besetzt und gefüttert war, das rothe, seidene Käppchen auf dem schwarzen Haar, auf den weichen Kissen ruhend, vollkommen das Bild des heiligen Mannes, welcher nach Ansicht der Chassidim der Ruhesitz der Schechinach, der personifizirten Gottheit ist. Aber er glich auch einem Sultan, von Sklaven umgeben und bedient.

Mit kaum fünfzig Jahren übte er eine Macht aus, welche andere erst im hohen Alter erreicht hatten, und man begriff diese Macht, sobald man seine gedrungene, kräftige Gestalt sah, sein ausdrucksvolles, schönes Gesicht und seinen gebietenden Blick, der Jeden erzittern machte, auf den er sich zürnend oder strafend richtete.

»Sie liest auch profane Bücher,« fuhr Mordahil fort.

»Für den Sünder gibt es nur ein einziges Mittel, sich mit Gott auszusöhnen«, sprach der Lieblingsschüler des Zadik, Ruben Nesselblatt, »dieses Mittel ist zu Folge dem Sophar Hamidoth (ein Werk des Bescht, des Stifters der Sekte der Chassidim), wenn er sich stets befleissigt, das Einkommen des Zadik zu vermehren.«

Der Zadik nickte zustimmend.

Schames Mäckler, der Dorfgeher, ging aber noch denselben Abend zu Bendavid und rieth diesem, Gott und den Zadik durch ein Geschenk zu versöhnen.

* * * * *

Als das Geschenk auf sich warten liess, kam wieder Schames Mäckler zu Vögele und drohte ihr und ihrem Manne mit dem grossen Bann.

Vögele begab sich sofort zum Rabbiner.

»Kehren Sie sich nicht an diese Drohungen«, sagte dieser, »ich werde Sie beschützen, falls es nöthig sein sollte.«

Die schöne Frau kehrte beruhigt nach Hause zurück, und da der Zadik ihr den Krieg erklärt hatte, beschloss sie ihrerseits die Offensive zu ergreifen.

Es ergab sich sofort eine köstliche Gelegenheit.

Der strenge Winter hatte die Wölfe bis in die Nähe der Stadt getrieben. Als Schames Mäckler eines Tages über Land gehen sollte, hatte er Angst und bat den Zadik um seinen Beistand.

»Du hast doch einen Stock«, sprach Lewi Jaffa, »wenn Gott will, kann auch der Stock losgehen, und wenn er nicht will, wird Dir auch die Pistole versagen.«

Mäckler trat beruhigt seine Wanderung an und als er im Walde einen grossen Wolf auf sich zukommen sah, zielte er mit dem Stocke nach ihm. Da fiel ein Schuss und das Raubthier sank in den Schnee.

Erschreckt gab Mäckler Fersengeld, als er sich aber wieder gefasst hatte, rief er: »So lange habe ich diesen Stock und wusste nicht, dass er geladen ist.«

Die Schüler des Zadik aber priesen dessen Macht und seinen Einfluss im himmlischen Reiche. Mitten in dem allgemeinen Jubel aber erschien Vögele und verlangte Lewi Jaffa zu sprechen. Die Thürhüter wollten sie nicht einlassen, aber Ruben rief: »Das blose Ansehen des Zadik verscheucht die Laster (Sophar Hamidoth § 14), sie soll eintreten.«

Vögele überschritt also die Schwelle, vor der die Dämonen zurückschrecken und stand jetzt in ihrem weissen, goldgestickten Scharafan und ihrer Pelzjacke vor dem Zadik.

»Was willst Du?« fragte dieser, das schöne Weib mit Wohlgefallen musternd.

»Dir erklären, dass Du entweder ein Narr oder ein Betrüger bist«, rief Vögele.

Ein wilder Tumult entstand unter den Chassidim, welche Miene machten, die Ketzerin zu zerreissen. Doch Vögele kannte keine Furcht.

»Du behauptest, dass Schames Mäckler von Dir unterstützt einen Wolf mit seinem Stocke erschossen hat. Das ist eine Lüge.«

»Sie ist vom Teufel besessen«, sagte der Zadik.

In diesem Augenblick trat der Förster ein, welcher an der Thür gewartet hatte.

»Ich habe den Wolf erschossen«, sprach er.

Doch nichts vermag den Geist eines Zadik zu verwirren.

»Ich weiss es«, sprach Lewi Jaffa, »aber ich habe Dich gesendet.«

Der Förster zuckte die Achseln.

»Du machst die Worte des Rabbi Bechai wahr«, fuhr der Zadik zu Vögele gewendet fort, »dass mit dem Weibe der Satan zur Welt gekommen ist.«

»Beweise es mir.«

»Es ist bewiesen«, gab Lewi Jaffa zur Antwort. »Bis zur Schöpfung des Weibes kommt in der Schrift der Buchstabe Sameih -- der Anfangsbuchstabe des Wortes Satan -- nicht vor, aber sofort nach der Schöpfung des Weibes heisst es: Er schloss das Fleisch, und da kommt der Buchstabe Sameih das erste Mal vor.«

»Dein Rabbi Bechai ist ein Tropf«, rief Vögele, »und Jene, die den Zadik die Krone des Weltalls nennen, sind gleichfalls Tröpfe. Die Krone der Schöpfung ist das Weib.«

»Beweise es mir.«

»An jedem Tage hat Gott etwas Besseres, Vollkommeneres geschaffen«, sprach Vögele, »und am letzten Tage den Menschen als den Herrn der Erde. Ist das wahr?«

»Ja.«

»Also. Und da er zuletzt nach dem Manne das Weib erschaffen hat, so ist das Weib sein vollkommenstes Geschöpf, sie ist die Herrin des Mannes.«

»Ich sehe, Du bist klüger als ich dachte«, erwiderte der Zadik, »und so will ich mir die Mühe nicht verdriessen lassen, Dich zu bekehren.«

»Sieh' zu, dass ich Dich nicht bekehre«, rief Vögele, indem sie den weissen Arm auf die mit Sammt und Pelz bedeckte üppige Hüfte stemmte, »wo hat jemals ein Mann eine Frau bekehrt? Der Talmud erzählt uns, dass sich eines Tages ein edles Ehepaar aus unbekannten Gründen getrennt und Jedes wieder sich verheirathet hat, wobei Mann und Frau leider eine gleich unglückliche Wahl trafen. Was geschah nun? Die edle Frau verwandelte ihren zweiten schlechten Mann in kurzer Zeit in einen vorzüglichen Menschen, während der edle Mann durch seine zweite lasterhafte Frau ebenso rasch zum Bösewicht wurde. Du siehst also, dass das Weib aus dem Manne macht, was es nur will, und wenn ich nur wollte, würde ich aus Dir, die Krone des Weltalls, meinen Diener, meinen Knecht, meinen Sklaven machen.«

Mit diesen Worten verliess Vögele stolz das Haus des Zadik und liess die Chassidim sprachlos und versteinert zurück. Ruben sah das Unheil, welches sie angerichtet hatte, und um der Verwirrung der Geister ein Ende zu machen, stimmte er das mystische Lied Rabbi Luria's an:

Die Kinder des Palastes, welche sich scheuen, Den Sair Anphin (Mikrokosmus) anzusehen, Mögen hier erscheinen, wo der König in seinem Bilde gegenwärtig ist.

* * * * *

Nicht lange nach dem ersten Triumph Vögele's bereitete ihr der Zufall einen zweiten, noch glorreicheren.

In einer stürmischen Frühlingsnacht brach in dem Judenviertel Feuer aus und griff rasch um sich, da die Gemeinde keinerlei Löschanstalten, ja nicht einmal eine Spritze besass.

Man hatte allerdings eine Feuerwehr errichtet, aber diese erschien dem Zadik als ein Eingriff in die göttliche Macht und seine Rechte und wurde auf seinen Befehl wieder aufgelöst.

Als nun die Flammen das ganze Judenviertel zu verschlingen drohten, trat Vögele unter die Verzweifelten, welche den Marktplatz füllten und rief: »Seht Ihr jetzt, wie weit die Macht des Zadik reicht und was sein Einfluss bei Gott werth ist? Der Zadik hat Euch gesagt, dass Eure Löschanstalten Gott herausfordern. Er hat die Stadt gesegnet und hat erklärt, dass er einen Vertrag mit Gott abgeschlossen habe, dem zu Folge jährlich nur ein Dach vom Feuer verzehrt werden dürfte. Und jetzt sind es schon elf Häuser, welche brennen und wenn uns nicht die Christen retten, wird unser ganzer Stadttheil in dieser Nacht ein Raub der Flammen.«

»Sie hat recht,« rief Tait Feintuch und Wohl Krakow und viele Andere stimmten bei.

Zum Glück erschien jetzt die christliche Feuerwehr und rettete, was noch zu retten war.

Das Ansehen Lewi Jaffa's hatte aber einen neuen Stoss bekommen, und der Zadik sah sich das Scepter der Allmacht mehr und mehr durch die schwache Hand eines Weibes entwunden.

Am dritten Morgen nach dem Brande fand Vögele vor ihrer Thür das Wort »Hairem« geschrieben. Es war der grosse Bann des Zadik. Sie nahm ruhig einen Küchenlappen, wischte das schreckliche Wort aus und ging ihren Geschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.

Es war ein schöner sonniger Tag. Die Bäume blühten, die Felder grünten und die Vögel sangen in den Hainen.

Der Zadik ging hinaus mit seinen Schülern, um ihnen, wie er es liebte, unter freiem Himmel einen Vortrag zu halten.

Kaum sass er unter einer Linde, die ihren Duft in die milde Maienluft strömte, kaum hatten sich seine Schüler um ihn gelagert, da kam eine Frau durch die Felder geschritten.

Es war Vögele.

Als sie vor dem Zadik stehen blieb, in ihrer blausammtenen mit silbergrauem Pelzwerk ausgeschlagenen Jacke, das schwarze Haar mit einem gelbseidenen Tuche umwunden, schien sie eine prächtige Blume mehr, die der Lenz der Erde entlockt hatte.

»Wer hat das Hairem an meine Thür geschrieben?« fragte sie herausfordernd.