Jüdisches Leben in Wort und Bild
Part 12
Als sie wieder eines Abends in dem kleinen, mit allerhand Kram vollgestopften Gewölbchen sass und eine Gardinenstange vergoldete, schlüpfte ein kleines langbärtiges Männchen herein, grüsste sie lächelnd und bot sich an, ihr wahrzusagen. Es war Chas Messing, der die Gabe der Chochmad Jad besass und als Prophet sein bischen Lebensunterhalt verdiente.
Kätzchen dankte. Sie konnte nichts für eine so unnütze Sache ausgeben. Aber Chas gab nicht nach. »Geben Sie mir eine Birkendose«, sagte er, »und ich bin zufrieden.« »Gut.« Sie gab ihm die Dose und er blickte in ihre Hand.
»Glück!« rief er, »und was für ein Glück! Der Reichthum steht Ihnen nahe und was für ein Reichthum! und ein Mann, was für ein Mann.«
Kätzchen lächelte ungläubig, aber keine Woche verging und Barom, ein Schadchen aus Jassy kam zu Schawa Levi, und nachdem er dessen Tochter gesehen und gesprochen, sagte er: »Das Mädchen ist hübsch, klug und brav. So eine Frau will der reiche Paschallas für seinen Sohn haben. Es ist eine grosse Familie, die im ganzen Königreich nicht ihres Gleichen hat, die Braut muss aus dem Stamme Levi sein, und Gott war mir behülflich, dass ich dieses Mädchen gefunden habe, so tadellos und aus so edlem Geschlechte.«
Nach einigen Tagen kam der junge Modruch Paschallas mit Barom zur Brautschau, einen Monat später war die Hochzeit und am folgenden Tage zog Kätzchen als Herrin in das Haus ihres Gatten in Jassy ein.
Sie glaubte zu träumen und fürchtete, dass sie jeden Augenblick erwachen würde, aber nein, sie träumte nicht. Diese Wollust, die sie empfand, als sie das erstemal in den grossen Pelz schlüpfte, den ihr Gatte ihr gebracht, als sie in den weichen Fellen sass, sie empfand sie wirklich und fort und fort, während der Fahrt im Eisenbahnkupee und als sie in Jassy an der Seite Modruch's durch die Strassen fuhr, es waren wirklich Pferde vor den Wagen gespannt, sie wurden nicht scheu, und die Marmortreppe in dem kleinen Palast stürzte nicht ein, als sie dieselbe hinaufstieg. Nein, sie träumte nicht, das Glück, das Chas Messing ihr prophezeit hatte, es war da, sie konnte es mit Händen greifen, und sie wurde nicht satt, die Damastvorhänge ihres Schlafzimmers durch die Finger gleiten zu lassen, den Sammt der Möbel zu streicheln und vor allem den goldigen Zobel, mit dem ihre rothsammtne Hausjacke gefüttert und ausgeschlagen war.
* * * * *
Das währte einige Zeit. Die Sorgen schienen verbannt für immer, sie schienen vor dem mit Gypsabgüssen antiker Bildwerke und mit exotischen Pflanzen geschmückten Vestibule zurückzuscheuen, aber nach und nach schlichen sie sich durch Mauerritzen und Schlüssellöcher ein.
Kätzchen Petersil sass im Ueberfluss, wie die Frau eines Nabob, sie fröstelte nicht mehr und sie brauchte nur den Finger auf einen der Elfenbeinknöpfe zu legen, die allerorten angebracht waren, und der elektrische Funke trug ihre Befehle durch das Haus, durch die Stadt oder setzte ein Heer von Dienern in Bewegung.
Ihr Gatte war nur der erste ihrer Sklaven. Und sie war auch schön geworden, nachdem sie ihm das erste Kind, einen Knaben, geboren hatte. Ihre schlanke Gestalt blühte immer üppiger auf und sogar die garstigen Flecken schienen verschwunden.
Aber die Sorgen, an die sie ihre Kindheit, ihre Jugend durch gewöhnt war, nisteten sich mehr und mehr bei ihr ein und quälten sie bald noch grausamer und schrecklicher als vordem im Trödelladen ihrer Eltern. Das arme Kätzchen, das einige Tage selig, ein paar Monate glücklich und ein Jahr zufrieden war, hatte wieder keine ruhige Stunde. Eine Art Fieber trieb sie aus einem Raum des Hauses in den anderen, aus dem Hause in die Fabrik, in die Stadt und wieder zurück und quälte sie in Traum und Wachen. Sie erwachte nachts und dachte: »Wenn jetzt Feuer entstände?« Rasch zog sie ihre seidenen Strümpfe, ihre türkischen Pantoffel an, schlüpfte in den Schlafpelz von gelber, goldgestickter Seide, der mit blendendem Hermelin gefüttert und ausgeschlagen war, hüllte ihren zierlichen Kopf in einen rothen persischen Schleier und schlich dann durch die Zimmer, um zu sehen, ob man nicht eine Lampe, eine Kerze auszulöschen vergessen habe, bis in die Küche, wo sie Wasser in die Gluth goss.
Im Theater, während man eine lustige Operette gab, wurde sie von dem Gedanken erfasst: »Wenn mein Mann plötzlich arm würde!« und verliess rasch ihre Loge, um Modruch in seinem Comptoir aufzusuchen und aus seinen Büchern Beruhigung zu schöpfen.
Sie stand mitten in einem Diner, das sie den Freunden ihres Gatten gab, auf und stürzte an die Wiege ihres Kindes, um sich zu überzeugen, dass es nicht gestorben sei.
Modruch begann endlich auch unter dieser Seelenfolter seiner Frau zu leiden. Vergebens stellte er ihr vor, dass dies Einbildungen seien, dass sie sich selbst quäle, dass sie sich und ihrer ganzen Umgebung das Leben schwer mache durch einen krankhaften Wahn, sie antwortete jedesmal nur mit einem traurigen Lächeln. Als er ihr aber einmal ihr Kind brachte und vorwurfsvoll sprach: »Auch dies macht Dich nicht glücklich?« da murmelte sie: »Sei mir nicht böse, es ist ja alles gut, aber das Glück ist zu spät gekommen.«
* * * * *
An einem milden Herbstmorgen ging Kätzchen allein durch die entlaubten Baumgänge ihres Gartens. Die Sonne schien, aber sie zog trotzdem ihre Pelzjacke auf der Brust zusammen und verbarg die kleinen Hände in den weiten Aermeln. Sie fröstelte, und sie fühlte sich namenlos unglücklich, das Weinen war ihr nahe.
Da kam ein grosser Mann durch den Garten gelaufen, Assur Menderson, den sie alle den Riesen nannten. Er war aus Galizien gekommen, und Paschallas zog ihn allen seinen Arbeitern vor, denn Assur war Soldat gewesen, hatte sich bei Jagel die Tapferkeitsmedaille verdient, und war ebenso pflichttreu als intelligent.
»Gnädige Frau«, rief er schon von weitem, »wo ist der Herr? er ist nicht in der Fabrik.«
Kätzchen war zu Tode erschrocken, sie fühlte, dass Assur eine Hiobsnachricht brachte. »Was ist geschehen?« rief sie, bleich bis in die Lippen.
»Es geht los«, sagte Assur ernst, »diese Schurken, die seit langer Zeit gegen uns Juden hetzen, haben es endlich erreicht. Der Pöbel ist in Bewegung. Verschiedene Läden sind schon in der Stadt geplündert worden. Die Polizei sieht zu, ohne einzuschreiten. Sie werden auch zu uns kommen. Es heisst bei Zeiten Massregeln zu treffen.«
In diesem Augenblick kam Modruch, er brachte eine zweite schlimme Nachricht. Die Arbeiter in der Fabrik hatten Erhöhung ihres Lohnes verlangt, und da diese nicht gewährt worden, hatten sie die Arbeit eingestellt.
Kätzchen sah ihren Mann an, und als sie ihn kalt und ruhig fand, war sie mit einem Male ruhig. Sie sagte mit einem Tone, der ihm an ihr ganz neu war: »Du wirst Deine Anstalten in der Fabrik treffen, nicht wahr? Ich nehme das Haus auf mich.« Sie reichte ihm die Hand, die er erstaunt nahm, und ging dann rasch in das Haus. Hier ertheilte sie die nöthigen Befehle, ruhig, klug und umsichtig. Sie brachte zuerst ihr Kind in Sicherheit, dann die Kasse und ihre Juwelen. Zuletzt nahm sie den kleinen Revolver von der Wand herab, lud ihn und liess ihn in die Tasche ihrer Pelzjacke gleiten.
Plötzlich entstand im Hofe Lärm. Eine Bande betrunkener Strolche war eingedrungen und begann die Arbeiter zu haranguiren. Der Anführer der Streikenden, Borescu, rief: »Sie haben Recht, man muss alle Juden vertreiben«, und bewaffnete sich mit einer Eisenstange. Andere folgten seinem Beispiel, und jetzt begannen sie mit wildem Geschrei das Thor der Fabrik, das auf Modruch's Befehl geschlossen worden war, einzurennen.
Andere versuchten in das Haus zu dringen. Doch mit einem Male trat Modruch unter die Wüthenden, und sie wichen vor ihm scheu zurück. Er begann ihnen zuzureden, und seine verständigen Worte schienen eine gute Wirkung zu üben, aber Borescu unterbrach ihn heftig und fasste ihn bei der Brust.
»Das Geld oder das Leben, Jude!« schrie er.
Andere fassten ihn bei den Armen. Er schien verloren.
Da warf sich seine Frau mitten unter die Arbeiter und stiess Borescu zurück. »Was wollt Ihr?« fragte sie und ihre blitzenden Augen schienen jeden durchbohren zu wollen, der ihrem Mann zu nahe kam, »Räuber, Mörder!«
»Euer Geld wollen wir«, erwiderte der Anführer und fasste wieder den Fabriksherrn bei der Brust.
»Zurück!« gebot Kätzchen ein letztes Mal.
»Fort mit ihr!« schrie Borescu, und die Anderen hoben die Eisenstangen.
Doch Kätzchen hatte zugleich den Revolver aus der Tasche gerissen und feuerte ihn auf Borescu ab. Er wankte, liess ihren Mann los und stürzte dann auf das Gesicht vor ihr nieder, wie ein Sklave vor seiner Gebieterin.
Sie stand jetzt vor ihrem Gatten mit flammenden Augen, den Revolver in der Rechten und zeigte den Arbeitern, die erschreckt zurückgewichen waren, die Zähne, wie ein Raubthier, das zum Sprunge bereit ist.
Sie wäre aber trotz ihrem Muthe mit ihrem Manne verloren gewesen, wenn nicht Assur, einen schweren Hammer in der Faust, herbeigeeilt wäre. An ihn wagte sich keiner. Er deckte den Rückzug, und der Fabrikant und seine Frau konnten glücklich das Haus erreichen.
Hier verbarrikadirten sie sich, Modruch, Kätzchen und ein paar jüdische Arbeiter und Diener, besetzten die Fenster und drohten zu schiessen, sobald die Streikenden Miene machen würden, einzudringen. Diese berathschlagten einige Zeit und zogen sich dann zurück, jedoch nur, um die Fabrik an allen Ecken anzuzünden. Bald schlugen die Flammen allerorten auf und ergriffen das Haus, das die rauflustige Menge bewachte.
»Wir müssen uns einen Ausweg suchen,« sagte Modruch, »wenn wir nicht hier im Qualm ersticken wollen.«
Kätzchen nahm ihr Kind auf die Arme, und die jüdischen Männer, alle bewaffnet, umgaben sie. So stiegen sie langsam die Treppe hinab. Der Riese begann die Thüre freizumachen.
Da ertönten Trompeten und der Hufschlag der Pferde. Eine Eskadron Cavallerie kam an und trieb den Pöbel und die streikenden Arbeiter mit der flachen Klinge auseinander.
Modruch machte noch einen Versuch, das Haus zu retten, aber er gab es bald auf und sah finster, die Zähne aufeinandergepresst, sein Hab und Gut in den Flammen enden.
Da legte sich eine kleine Hand auf seine Schulter und eine Stimme voll Liebe und Energie sprach: »Mann! Geliebter! verzweifle nicht. Wir werden das Haus aufbauen und die Fabrik. Ich habe Dich, Du hast Dein Weib und Dein Kind, und was verloren ist, können wir entbehren.«
* * * * *
Und die kleine Frau hielt Wort. Sie hatte mit einem Male ihre ganze Energie, ihre ganze Kraft wiedergewonnen, das Unglück fand sie besonnen und kaltblütig.
Kaum war die Ordnung hergestellt, Leben und Eigenthum der Juden gesichert, so erschien sie schon bei dem Minister, nicht um zu bitten, nein, um anzuklagen und zu verlangen. Sie machte die Regierung für den Schaden, den ihr Mann erlitten, verantwortlich, und sie erlangte die Hülfe, welche sie forderte. Dann eilte sie von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, überall, wo ihr Mann Geld zu fordern hatte, erschien sie und bestimmte seine Geschäftsfreunde, früher zu zahlen, als sie verpflichtet waren. Sie ging von Bessarabien nach der Bukowina und Galizien, von hier nach Ungarn und Siebenbürgen.
Als sie zurückkehrte, begann man sofort den Schutt wegzuräumen und auf den Trümmern erhob sich rasch ein neuer Bau. Kätzchen Petersil hatte das Schicksal bezwungen, und zugleich war der Bann gebrochen, der ihre Seele gefangen hielt.
Als der Tannenbaum mit Bändern geschmückt auf dem neuen Dachstuhl aufgepflanzt wurde und der Aelteste der Maurer, in der Hand einen mit Wein gefüllten Becher, von oben den Bauherrn grüsste, der mit den Seinen im Hofe stand, da kamen leise die kleinen Hände der hübschen Frau aus den weichen Aermeln ihrer Pelzjacke hervor und legten sich gleich einer magischen Schlinge um Modruch's Hals.
»Wir haben viel verloren,« sprach sie, die leuchtenden Augen zu ihrem Manne erhoben, »aber ich habe alles gewonnen.«
»Bist Du endlich mit mir zufrieden?« fragte Modruch lächelnd.
»Ach! ich bin so glücklich,« rief sie. »Gott hat mich gestraft, aber seine Hand hat mich geführt, wie einst sein Volk aus Egypten, aus der Sklaverei zur Freiheit, aus der Finsterniss zum Licht.«
Der falsche Thaler.
-- SÜDDEUTSCHLAND. --
Das Laubhüttenfest.
Es war um die Mitte September, als Martin Friedlieb nach langer Abwesenheit in seine Heimath, eine grössere Stadt Süddeutschlands, zurückkehrte.
Man sprach denselben Abend in allen israelitischen Familien von ihm und auch bei Sindel, dem reichsten Juden am Platze, der eine bedeutende Spielwaarenfabrik besass.
»Was hat er jetzt davon,« sagte Sindel, »hat sein ganzes Geld verstudirt und verreisst, der Martin, und ist heute gekommen ohne einen Pfennig in der Tasche. Was wird er nun anfangen? Der Gemeinde zur Last fallen.«
»Das hat er wohl nicht nöthig,« erwiderte Frau Leonore Sindel, welche der weibliche Schöngeist der Stadt war, »er hat an den ersten Universitäten studirt, in München, Berlin, Heidelberg, Prag und Wien, er hat Italien, Frankreich und die Niederlande bereist, alle Gallerien gesehen, alle die herrlichen Kunstschätze des Alterthums und der Neuzeit.«
»Was kauft er sich jetzt dafür?« fragte Sindel spöttisch.
»Er ist Kunsthistoriker,« sagte Leonore, »er schreibt jetzt ein Buch und wird dann Professor werden.«
»Das kann doch nichts einbringen.«
»Oh! es gibt Professoren, die zehntausend Mark das Jahr bekommen und mehr.«
»Nun wir werden ja sehen.«
Deborah, die Tochter Sindel's, hatte kein Wort gesagt, sondern stille an der Puppe weiter gearbeitet, die sie anzog, aber alles, was sie gehört hatte, hatte sofort Theilnahme und Interesse für den jungen Gelehrten bei ihr erregt, und als Martin am folgenden Vormittag seinen Besuch machte, trat sie mit klopfendem Herzen in den Salon.
Martin liess von Zeit zu Zeit seinen Blick mit Wohlgefallen an der schlanken Gestalt, dem reinen, jungfräulichen Antlitz Deborah's haften, und sie fand ihn überaus männlich und geistvoll. Als Martin sich erhob, war das geheimnissvolle Band zwischen Beiden geschlungen. Die Mutter fühlte es sofort, und da sie von dem jungen Professor, wie sie Martin nannte, bezaubert war, lud sie ihn zum Essen ein und schlug ihm zugleich vor, da er weder Vater noch Mutter hatte, mit ihnen die Laubhütte zu bauen, denn das Fest war vor der Thüre. Martin nahm dankbar an, und Deborah erröthete, als sie ihm zum Abschied die Hand drückte.
Am nächsten Tage, beim Essen, fand Martin Gelegenheit, Sindel eine gewisse Achtung abzunöthigen. Man sprach vom kommenden Fest, und Martin erklärte in seiner liebenswürdigen, bescheidenen Weise die Bedeutung desselben. Er setzte auseinander, wie es zugleich zum Andenken an den Aufenthalt in der Wüste gefeiert wurde und als eine Art Erntefest, da im gelobten Lande um diese Zeit alle Früchte eingebracht und die Weinlese beendet war. »Sieben Tage sollst Du unter Zelten wohnen, schreibt das Gesetz vor, zur Erinnerung an das Nomadenleben in der Wüste, aber die Früchte, die man in der Laubhütte aufhängt, sind vielmehr Symbole jenes palästinischen Erntefestes.«
Schon drei Tage vor dem Feste begann überall der Bau der Laubhütten, und alle nahmen daran Theil, Alt und Jung, jeder trug sein Scherflein bei. Hinter der Fabrik lag das stattliche Haus Sindel's im altdeutschen Stil und hinter diesem der Garten. Hier, auf einer kleinen Wiese, schlug Martin die vier Pflöcke ein, welche den ganzen Bau tragen sollten. Die Pfeiler wurden durch Latten verbunden, welche eine Art Wand bildeten. Sindel und sein Sohn Zelias verkleideten die Suka von aussen mit Tannenzweigen und Moos, während die Frauen das Innere mit weissem Stoff überzogen. Martin hatte die Herstellung der Decke übernommen. Nachdem er ein Dach aus Holzstäben gefertigt, deckte er es mit Tannenzweigen, aber so, dass kleine Lücken offen blieben, durch welche der Himmel und die Sterne hereinblicken konnten. Als dies geschehen war, trat er in das Innere der Suka ein, um den Aufputz anzubringen, den Eleonore und Deborah vorbereitet hatten. Das reizende Mädchen liess es sich nicht nehmen, ihm dabei zu helfen. Sie reichte ihm die Ketten aus farbigem Papier, die Vogelbeerzweige, deren rothe Früchte freundlich aus dem kräftigen Grün herausblickten, die Birnen, Aepfel, Trauben, die vergoldeten Nüsse, die er an der Decke aufhing, und die kleinen Vögel aus geleerten Eiern mit Schnäbeln und Flügeln aus Goldpapier. Wiederholt berührten sich ihre Hände und jedesmal wurde das hübsche Mädchen roth.
Nachdem auch der Palmenzweig Lulaf und der Zedruch, der Paradiesapfel im grünen Reissig untergebracht waren, wurde in der Mitte der Decke der Mogan Doved, der Schild David's, mit kleinen Nägeln befestigt.
Aus vergoldeten Stäbchen bildete Martin eine Triangel und schlug dann in der Mitte desselben einen Haken ein, an dem die siebenarmige Lampe aufgehängt wurde.
»Nun das Letzte,« sprach Deborah und lachte ihn mit ihren Kinderaugen an.
»Was meinen Sie?« fragte Martin.
Deborah, welche bisher die Hände auf dem Rücken verborgen hatte, hielt ihm plötzlich eine grosse rothe Zwiebel unter die Nase, die mit Hahnenfedern bespickt war.
»Richtig!« rief Martin, »den Zauber gegen alle bösen Geister dürfen wir ja nicht vergessen.«
Sie hingen die Zwiebel an die Thüre auf und nun waren alle Schaïdim und Massekim von der Schwelle der Laubhütte gebannt.
»Sie müssen uns für recht beschränkt halten,« sagte Deborah, »Sie, der Sie die halbe Welt gesehen haben.«
»Glauben Sie nicht, dass man dort, wo die grossen Wogen des Volkslebens branden, aufgeklärter und glücklicher ist. Der Aberglaube ist unsterblich. Er nimmt immer neue Gestalten an, aber er schwindet niemals. Heute ist er ein religiöser Wahn, morgen ein politischer, übermorgen ein wissenschaftlicher, aber ohne Thorheit kann die Menschheit nicht bestehen.«
»Also thöricht sind wir doch!« rief Deborah und machte eine muthwillige Bewegung, so dass ihr dicker, schwarzer Zopf, mit dem sie spielte, Martin auf die Wange traf. Er zuckte zusammen.
»Habe ich Ihnen wehe gethan?« fragte sie.
»Nein, Sie haben nur eine Art Zauberstab geschwungen,« sagte er lächelnd, »und wenn ich jetzt eine grosse rothe Zwiebel vor mein Herz hängen wollte, dürfte es zu spät sein.«
»Sie Schalk!« rief das Mädchen lachend und traf ihn noch einmal mit dem Zopf, diesmal auf die Nase.
* * * * *
Am ersten Halbfeiertage war Sindel zu einer Whistparthie geladen, und Frau Leonore vertiefte sich in einen Roman von Spielhagen, denn es war ein langweiliger Regentag mit einem bleiernen Himmel, grauen Nebelschleiern und rieselnden Bächen in den Strassen.
Doch Deborah wollte ungestört träumen und hatte sich trotz dem schlechten Wetter in der kleinen Laubhütte ganz behaglich eingerichtet. Sie hatte Bretter über das Dach gelegt und einen Teppich vor die Thüre gehängt, die Lampe angezündet, sich einen Sitz aus Kissen gebildet und sass nun da, die kleinen Füsse auf einem Schemel, in einen Shawl gewickelt und hörte die Tropfen klatschen, sah die kleinen Vögel und Nüsse in der bewegten Luft schaukeln und athmete den feuchten Harzgeruch der Tannenzweige.
Sie erschrak ein wenig, als der Teppich zurückgeschlagen wurde und Martin hereinblickte, aber es war ein freudiger Schreck, der ihre jungen Glieder erbeben machte und sie streckte ihm so herzlich die Hände entgegen, dass auch ein minder Gelehrter verstanden hätte, dass er willkommen war und mehr als das.
»Vergeben Sie meine Kühnheit, Deborah,« begann Martin, indem er eintrat, »aber ich wollte aus Regen, Whist und Spielhagen Vortheil ziehen und ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen.«
»Sprechen Sie also.«
»Deborah, ich kann nicht schöne Phrasen machen,« fuhr Martin fort, »wozu auch? Wenn Sie mir gut sind, brauche ich sie nicht, und wenn Sie mich nicht wollen, nutzen sie mir nichts. Ich habe Sie lieb, von Herzen lieb.«
»Und ich ... ich will keinen anderen Mann als Sie,« erwiderte Deborah rasch. »Mein Vater wird Schwierigkeiten machen, aber ich habe auch meinen Kopf und ich gebe nicht nach, ehe ich nicht ...«
»Ehe Sie nicht Frau Professor sind.«
»Ja,« rief sie, »hier meine Hand, sie gehört Ihnen.«
Sie sprachen noch manches zusammen, während der Regen auf das Dach schlug und die Musik des Herbstwindes durch die Tannenzweige zog, und wie sich ihre Herzen gefunden, so fanden sich auch ihre Hände, ihre Lippen.
* * * * *
Deborah hatte sich der Mutter anvertraut, und diese hatte ihre Wahl vollständig gebilligt. Als Martin am folgenden Vormittag erschien, um feierlich zu werben, nahm Leonore lebhaft seine Partei, aber Sindel zog die Augenbrauen zusammen und sagte kurz und trocken:
»Ich habe nichts gegen Sie, Herr Friedlieb, aber womit wollen Sie Ihre Frau ernähren?«
»Ich trage meinen Schatz mit mir,« erwiderte der junge Gelehrte.
»Mag sein, aber so lange kann das Mädchen nicht warten, bis Sie Professor sind,« entgegnete der Fabrikant. »Auch muss ich einen Schwiegersohn haben, der in das Geschäft treten kann, und endlich sind Sie ein Verschwender, das ist das Schlimmste an der ganzen Sache, ich kann mein Kind nicht dem sicheren Elend preisgeben.«
Vergebens entwickelte Leonore ihre ganze Beredsamkeit, vergebens vergoss Deborah Thränen, Sindel blieb fest.
Am folgenden Tage kam Aaron Bierkopf, das Faktotum Sindel's, zu Martin.
»Ich bringe einen Vorschlag zur Güte,« sprach er, mit seinem ganzen dicken rothen Gesichte lachend, »da Sie nun einmal dem Mädchen den Kopf verdreht haben, so müssen Sie ihn wieder zurechtsetzen. Deshalb will Herr Sindel Ihnen zehntausend Mark geben unter der Bedingung, dass Sie auf seine Tochter verzichten.«
»Niemals!«
»Warum niemals? Das Mädchen bekommen Sie doch nicht und zehntausend Mark ist ein schönes Stück Geld.«
»Mag sein. Ich liebe Deborah und verkaufe mein Lebensglück nicht für zehntausend Millionen.«
Bierkopf zog kopfschüttelnd ab.
Martin nahm seinen Hut und ging zu Sindel, er wollte Deborah noch einmal sprechen und dann die Stadt verlassen. Als er die Treppe emporstieg, flog sie ihm entgegen.
»Nehmen Sie doch das Geld an,« sagte sie rasch, »mit dieser Summe werden Sie sich eine Stellung machen und wenn Sie erst Professor sind, wird mein Vater schon einwilligen. Ich heirathe doch keinen Anderen.«
Martin überlegte, dann nickte er mit dem Kopf, führte Deborah's Hand an seine Lippen und kehrte nach Hause zurück, wo er einen kurzen Brief an Sindel schrieb.
Eine Stunde später erschien Bierkopf pustend und brachte ihm, begleitet von mehreren Arbeitern aus der Fabrik, zehn Säcke, von denen jeder tausend Mark enthielt.
* * * * *
Und wieder eine Stunde später klopfte Martin Friedlieb an Sindel's Thüre.
»Was wollen Sie denn noch?« fragte Sindel, »haben Sie Ihre zehntausend Mark nicht bekommen?«
»Nein,« erwiderte Martin und warf einen Thaler auf Sindel's Tisch, der einen dumpfen Klang gab.
»Dieser Thaler ist falsch.«
Sindel nahm den Thaler, musterte ihn mit Hülfe seines Glases, liess ihn auf dem Tische klingen und sagte endlich: »Ja, der Thaler ist falsch.« Dann sah er Martin lange an, ohne ein Wort zu sprechen.
»Herr Sindel, meine Zeit ist kostbar.«
»Meine auch,« sagte der Fabrikant, »damit imponiren Sie mir gar nicht, aber was mich vollständig umgeworfen hat, das ist dieser Thaler. Hören Sie, ein so arger Verschwender sind Sie doch nicht, sonst hätten Sie das Geld ungezählt genommen, und da ich nun einmal keine rothgeweinten Augen sehen mag, so sollen Sie den Thaler haben und das Mädchen dazu.«
»Herr Sindel, Sie sind ein Prachtmensch,« rief Martin.
»Umarmen Sie mich, Herr Schwiegersohn,« sagte Sindel feierlich, »ich gestatte es Ihnen.«
Martin schloss ihn herzlich in seine Arme.
»Sie können mich auch küssen, wenn Sie wollen,« fuhr Sindel fort, »wenn ich auch nicht so hübsch bin, wie die Deborah.«
Zwei Aerzte.
-- ÖSTERREICH. --
Der Talmud. -- Zweierlei Medizin.