Jüdisches Leben in Wort und Bild
Part 11
Er setzte sich auf einen Ballen, der in der Ecke lag, und wurde nicht müde, der kleinen weissen Hand zu folgen, die eilig auf dem Papier hin und her flog, oder das feine gute Gesicht zu betrachten, das sich mit kindischem Ernst über das grosse Buch neigte, während die vollen rothen Lippen sich zählend bewegten.
Endlich legte das Mädchen die Feder hin, und als Abner aufstand, sah er, dass ihre niedlichen Finger ganz schwarz von Tinte waren. Sie hob sie in die Höhe und blickte rathlos empor.
»Erlauben Sie mir, Mathele, von diesen reizenden, kleinen Fingern die garstige Tinte wegzuküssen«, sprach Abner, und ehe noch die Erlaubniss ertheilt war, hatte er die Hand des süssen Mädchens ergriffen und seine Lippen auf ihre Finger gedrückt.
»Was thun Sie?« flüsterte Mathele, »wenn die Mutter ...«
»Ich thue, was ich muss«, murmelte Abner.
»Und was müssen Sie?« fragte Mathele schalkhaft, »doch nicht mir die garstige Hand ...«
»Ich muss Sie lieben, Mathele«, fiel Abner ein, »ich kann nicht anders, ich liebte Sie vom ersten Augenblicke an, wo ich Sie gesehen. Es ist wie ein Märchen.«
»Oh! ich kann Ihnen ein Märchen erzählen«, erwiderte Mathele selig lachend, »das ebenso schön ist, von einem thörichten Mädchen, dessen armes Herz auch beim ersten Blick erobert wurde von einem jungen Manne, der sehr gescheidt ist und gelehrt. Ach, Abner! ich liebe Sie ja auch. Aber was soll daraus werden?«
»Etwas Gutes, Mathele«, rief der Mediziner, »denn wo zwei Herzen sich in Treue begegnen, da wachen Gottes Engel, und kein Dämon hat Macht über sie.«
Aber der Dämon war doch nicht so leicht zu besiegen, der Dämon der Finsterniss, des Zelotismus, vereint mit jenem der Habsucht.
Maecha sah die Besuche Abner's in ihrem Hause von allem Anfang mit misstrauischen Blicken an, und mit der Zeit wurde auch Teller Herschmann aufmerksam. Er hatte eine gute Partie für seine Tochter, einen Mann, »wie Gold«, und nun sollte ihm dieser »Bettler«, dieser Amcharetz (Ketzer), wie er ihn nannte, seine Fäden zerreissen. Nein, das duldete er nicht, er war Herr des Hauses und auch seiner Tochter. Sie musste gehorchen, das war eine religiöse Pflicht in seinen Augen.
Es kam der Tag, wo Teller Herschmann unerwartet den reichen Kornhändler Mark Leiser aus Kaschau seiner Frau und Tochter als den Bräutigam der letzteren vorstellte. So sanft und folgsam Mathele war, diesmal fand sie doch Worte des Widerspruches, ja sie setzte sich sogar muthig zur Wehre.
»Du machst mich unglücklich, Tate«, sprach sie, als sie mit ihrem Vater allein war, »ich will nicht, ich kann nicht Mark Leiser's Frau werden, Du brichst mir das Herz, denn ich liebe Abner Barach, ich kann keinen Anderen lieben.«
Teller Herschmann aber kehrte sich nicht an ihre Vorstellungen, ihre Bitten rührten ihn ebenso wenig, wie ihre Thränen, wie ihre von Tag zu Tag bleicher werdenden Wangen. Vergebens kam Jonas Bienenfeld, um zu ihren Gunsten zu sprechen.
»Soll ich mein Kind geben, meine Mathele«, schrie Teller Herschmann, »einem Manne, der verachtet die Gesetze, einem Menschen, der kein eigen Haus hat und keinen Kreuzer in der Tasche!«
»Abner hat mehr als ein eigen Haus und mehr als Geld«, erwiderte Bienenfeld, »er hat einen guten Kopf und er hat etwas Rechtes gelernt, er trägt seinen Schatz mit sich herum, und kann ihn deshalb niemals verlieren, weder durch eine Feuersbrunst noch durch verfehlte Spekulationen. Er wird aber Geld verdienen und wird sich bauen ein eigen Haus, denn er wird ein Arzt werden, den man wird bezahlen mit vollen Händen.«
»Mag sein, aber ich will ihn nicht zum Schwiegersohne haben,« gab Herschmann erbost zur Antwort, »ich will nicht, Jonas, hörst Du, ich will nicht.«
»Auch ich will ihn nicht«, sagte Maecha.
»Ihr wollt Euer Kind opfern«, entgegnete jetzt Bienenfeld gleichfalls gereizt, »Eurer Thorheit, Eurer Geldgier wollt Ihr es opfern, denn ich sage Euch, als Arzt sage ich es Euch, Mathele wird sterben, wenn man sie von Abner trennt, wie die Blume stirbt, die man ausreisst. Eure Kinder werden dahinsterben, eines wie das andere, und Ihr werdet allein stehen im Alter, einsam, ungeliebt und verlassen, denn alle Eure Kinder sind nur die Kapores Eurer Habsucht.«
»Gott wird uns beschützen.«
»Gott hat mit Euresgleichen nichts zu schaffen. Guten Morgen.«
Seitdem durfte Abner das Haus Herschmann's nicht mehr betreten, aber Mathele entfloh, so oft es nur anging, den finsteren Räumen, in denen der Wahn und die Selbstsucht regierte und schlich heimlich zu ihrem Oheim Jonas Bienenfeld und sprach dort mit dem Geliebten.
Das währte einige Zeit. Dann musste Abner nach Wien, sein Examen zu machen, und die Liebenden sahen sich lange Zeit nicht, aber Dank dem guten Onkel konnten sie sich wenigstens schreiben, er nahm Abner's Briefe für Mathele in Empfang und sendete die ihren an ihn.
Nachdem er sich das Doktordiplom errungen hatte, liess sich Abner in der Hauptstadt Budapest nieder und begann seine Praxis, und jetzt lächelte ihm das Glück. Ein paar glückliche Kuren machten ihn bekannt, und bald war er ein gesuchter Arzt in der Hauptstadt. Indess wurde Mathele von Tag zu Tag bleicher, sie sehnte sich nach dem Geliebten, sie kränkelte, ihre Augen glühten unheimlich und auf ihren Wangen zeigten sich von Zeit zu Zeit die traurigen Rosen des schleichenden Fiebers.
Zum Ueberfluss entdeckte die Mutter auch noch ihren Briefwechsel mit Abner, und der Vater drohte sie zu verfluchen, wenn sie noch eine Zeile an Abner schreibe oder von ihm empfange. Mathele ergab sich, aber sie welkte dahin, wie ein Mairöslein im Wasserglase.
Und wieder war es Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage, und als Maecha die Kinder in die grosse Stube berief, um die Kapores zu opfern, da fehlte Mathele. Sie war nicht mehr im Stande, ihr Zimmer, den Lehnstuhl, in dem sie sass, zu verlassen. Als die Mutter, einen jungen, mit blauen Bändern aufgeputzten Hahn in der Hand, bei ihr eintrat, streckte sie ihr abwehrend beide Hände entgegen.
»Kein Kapores für mich«, stammelte sie, von heisser Fiebergluth geröthet, »ich werde dennoch sterben. Der Tate soll zu mir kommen auf der Stelle.«
Teller Herschmann kam, noch immer hart und trotzig, aber der Anblick seines Kindes erweichte sein steinernes Herz.
»Ich will also die Hochzeit feiern mit Mark Leiser«, sprach Mathele, »aber Du musst Dich damit beeilen, Tate. Wenn ich schon das Kapores bin, so will ich doch nicht zwecklos geopfert sein. Hast Du Mark Leiser's Geld in Dein Geschäft gezogen, dann darf ich ja wohl sterben, und ich werde sterben. Mach' es rasch ab, Tate, denn Du kannst doch nicht dem Mark Leiser eine Todte zum Weibe geben.«
Teller Herschmann nahm sich mit beiden Händen beim Kopf und rannte fort, er rannte geradeaus zu Jonas Bienenfeld.
»Mathele stirbt,« schrie er und raufte sich den Bart, »rette sie, Jonas. Ich bezahle, was Du willst.«
»Ich bin nicht der Arzt, um Mathele zu heilen.«
»Also keine Hülfe? keine?«
»Doch -- aber der sie heilen kann -- ist nur Einer -- Abner Barach.«
»Er soll kommen«, schrie Teller Herschmann, »wenn er Mathele rettet, geb' ich sie ihm zur Frau, Gott soll mich strafen, die Erde soll sich aufthun, und das Feuer der Hölle soll mich verschlingen, wenn ich es nicht thue; wenn er sie aber nicht rettet, dann bekommt er sie nicht.«
»Du kluger Mensch«, erwiderte Bienenfeld bitter lächelnd, »wenn er Mathele nicht rettet, wenn sie stirbt, wird sie Abner so nicht zum Weibe nehmen können.«
»Ich bin schon ganz verwirrt«, seufzte Teller Herschmann.
Bienenfeld sendete sofort eine Depesche an Abner, und als der Abendstern die tröstliche Botschaft brachte, dass der »lange Tag« zu Ende sei, dass Gott sich mit dem Volke Israel versöhnt habe, trat er mit Abner in Mathele's Stübchen.
»Nun, Mathele,« rief Bienenfeld lachend, »willst Du auf der Stelle gesund werden?«
»Du willst nicht?« fuhr der Arzt fort, »warte nur, ich will Dir schon eine Medizin verschreiben, die sofort hilft, und die Du gerne nehmen wirst.«
Er setzte sich an den kleinen Schreibtisch, an dem sonst Mathele ihre Briefe an Abner und ihr wehmüthiges Tagebuch geschrieben hatte, und warf auf einen Streifen Papier ein Rezept hin: »da!«
Mathele las: »Recipe den Abner Barach von früh bis abends Dein ganzes Leben lang.« Jetzt lächelte sie wieder, aber nicht mehr schmerzlich, sondern froh und glücklich.
»Er soll Dein Mann werden«, rief Teller Herschmann, »aber nur, wenn er Dich retten kann.«
»Siehst Du, dass Du gesund werden musst«, fügte Bienenfeld hinzu, »willst Du also, oder bleibst Du halsstarrig, Du ungerathenes Kind?«
»Oh! ich bin schon gesund«, flüsterte Mathele und blickte so selig auf Abner, der vor ihr kniete und ihre Hände küsste. Und sie wurde wirklich gesund, Dank der Kunst der beiden Aerzte und Dank jener süssen, alles heilenden Arznei der Liebe, welche den Balsam des Lebens in todtkranke Herzen träufelt.
Als es wieder Frühling wurde, blühte das holde Mädchen mit den Blumen um die Wette auf, und ehe es Sommer ward, war sie Abner's Frau und baute sich ihr kleines, liebes Nest in Budapest, mitten unter seinen Skeletten, Spirituspräparaten und Instrumenten.
Das Trauerspiel im Rosengässchen.
-- HOLLAND. --
Jüdische Liebe. -- Purim. -- Handel.
Das Rosengässchen der kleinen holländischen Stadt Waarnam verdankte seinen Namen wohl einer Ironie des Schicksals. Man fand hier eher jeden anderen Geruch als den einer Rosenflur. Das Gässchen war so eng, dass man sich aus den gegenüberliegenden Häusern beinahe die Hände reichen konnte, und alle die alten Häuser waren so hoch, dass kein Sonnenstrahl in die Strassen drang. Zu beiden Seiten gab es nur kleine, düstere Gewölbe, in denen alles Erdenkliche verkauft wurde, und die Waaren breiteten sich bis in die Gasse hinein aus. Alle diese Ballen und Tonnen erfüllten die Luft mit einem abscheulichen Geruch von Feuchtigkeit und Moder, von Fett, Heringen, Fischen, Leder und Fellen.
Seit hundert Jahren waren hier zwei kleine Geschäfte eines dem anderen gegenüber. In jedem handelte man mit denselben Waaren, mit Stoffen aller Art, und so war es begreiflich, dass die beiden Familien sich niemals sonderlich liebten. Doch seit einiger Zeit war der Neid und die Eifersucht der beiden Kaufleute Joseph van Markus und Abraham Honigmann in Hass und Feindschaft ausgeartet.
Bei Beiden sah man so recht den Unterschied der Sabbathseele und der Wochenseele.
Einmal in der Woche, wenn sie im Kreise der Ihren den letzten Schöpfungstag feierten, waren sie beide Patriarchen, Könige, edel, weise, gütig, erleuchtet, aber in der Woche waren sie Handelsleute der schlimmsten Art, bornirte, ungebildete Kleinstädter, egoistisch, habgierig und abergläubisch.
Wenn ein Käufer nahte, suchten sie sich ihn beide streitig zu machen, und nicht Markus und Honigmann allein, beide Familien stürzten sich vollzählig auf ihn, wie Raubvögel auf ein Aas. Von der einen Seite Frau Markus, ihre Töchter, Löwy, der Bruder der Frau Markus und dessen Frau und Kinder, von der anderen Seite Abraham, Frau Honigmann, Jonas, ihr Sohn und dessen Frau und Kinder.
Ein wahrhaft homerischer Kampf entstand.
Hewa Markus z. B. hielt den Mann, der einen rothen Sammt suchte, beim linken Arm und Ovadia Honigmann beim rechten, die kleine Lise Markus und die kleine Mirza Honigmann hingen sich an die Rockschösse, Frau Markus verbarrikadirte ihm den Weg mit ihrem grossen Busen und Frau Honigmann schnitt ihm mit ihren riesigen Hüften den Rückzug ab. Während Markus und Löwy von der einen Seite die Ballen auf die Strasse herausschleppten und den Sammt ausbreiteten, liessen Honigmann und Jonas von der anderen Seite den königlichen Purpur in dem bischen Licht spielen, das sich in das Rosengässchen stahl.
Und hatte der Käufer gewählt, begleiteten ihn Segenswünsche von der einen Seite und von der anderen Flüche wie: Steine sollen ihm wachsen im Bauch und Ribisel (Johannisbeeren) auf der Nase.
* * * * *
Wo es nur anging, neckten sich die beiden Familien und suchten einander Aerger zu bereiten. Heute goss z. B. Markus dem Honigmann, während sie Beide an einer Hochzeit theilnahmen, Wein in die Tasche seines Sabbathrockes, morgen schmierte Honigmann dem Markus die Thürklinke mit Honigleim ein, so dass er fast an derselben kleben blieb, als er aus der Taverne zurückkehrte.
Markus sendete dem Honigmann einen polnischen Schnorrer, den dieser für einen Amerikaner ansah, und der Schnorrer bestellte einen Mantel für den Admiral Tom Pouce, der sich gerade in Waardam produzierte.
Honigmann fertigte mit vieler Sorgfalt einen kleinen, niedlichen Mantel für den Zwerg, den er im Theater gesehen hatte, denn der Schnorrer hatte ihm erklärt, dass der Admiral keine Zeit habe sich erst Maass nehmen zu lassen.
Als der Mantel fertig war, erschien der Schnorrer in Gesellschaft eines grossen, dicken Mannes, der mit Mühe durch die Thüre des kleinen Gewölbes eintreten konnte, und sprach: »Hier ist der Admiral!«
Honigmann sah ihn verblüfft an und breitete sein kleines Mäntelchen aus: »Der Herr ist ja ein Riese, und Sie haben bestellt einen Mantel für einen Zwerg.«
»Ja mein Lieber«, sagte der Admiral, »ich bin nur so klein, wenn ich auftrete, ausserhalb des Theaters mach' ich mir's bequem.«
Damit verliessen die Beiden den Laden und liessen den armen Honigmann sprachlos stehen.
Doch Honigmann blieb dem Markus nichts schuldig. Eines Tages begegnete er der kleinen Lise Markus, die um den Arzt lief. Er schickte sie nach Hause und versprach, selbst den Schüler Aeskulaps zu benachrichtigen. Wirklich erschien wenige Zeit hernach ein Freund Honigmann's unter der Maske eines Doktors.
»Was fehlt Ihnen?« fragte er barsch den Markus, den er allein in seinem Laden traf.
»Ach Herr Doktor«, antwortete dieser kläglich, »ich glaube, ich habe mir gestern den Magen verdorben.«
»Gut«, sprach der falsche Arzt, »setzen Sie sich auf diesen Stuhl, mitten in den Laden, schliessen Sie die Augen und zeigen Sie mir die Zunge. Ich werde Ihnen schon sagen, wenn es genug ist.«
Markus that, wie ihm geheissen und wartete so lange auf das Zeichen des Arztes, bis ein lautes Gelächter ihn veranlasste, die Augen zu öffnen. Der Doktor war verschwunden, dagegen war das kleine Gewölbe vollständig von Neugierigen angefüllt, und die Gasse war gleichfalls durch eine gaffende Menge gesperrt.
»Nun gottlob!« rief der Fleischer Schmul, sein Nachbar, »wir haben schon alle geglaubt, dass Sie verrückt geworden sind, Herr Markus.«
* * * * *
Mitten in diesem kriegerischen Zustand der Dinge kehrte eines Tages Honigmann's jüngerer Sohn Baruch zurück, der sich dem Studium der Rechte gewidmet und an verschiedenen Universitäten des Auslandes studirt hatte. Er bereitete sich jetzt zu seinem Examen vor und brachte fast den ganzen Tag zu Hause zu.
Sein Stübchen lag hoch oben unter dem Dache. Jedesmal, wenn er von seinem Corpus juris aufblickte, sah er an dem Fenster gegenüber, hinter Blumentöpfen ein allerliebstes Mädchen, kaum den Kinderschuhen entwachsen, das emsig mit der Nadel arbeitete.
Es war Jessika, die jüngste Tochter des Markus. Sie hatten Beide die Fenster offen, denn es war im Monat August, wo die linde Sommerluft sogar in das Rosengässchen drang und so kam es, dass Jessika verstohlen hinüberblickte, wenn Baruch's feines, etwas bleiches Gesicht über den Lederband gebeugt war, und dass er durch die Blumentöpfe nach ihrem weissen Hals, ihren blonden Zöpfen, ihrem kleinen Näschen spähete, wenn sie sich über den Sammt oder die Seide neigte, die auf ihren Knieen schimmerte.
Jessika hatte eine kleine Freundin, ein reizendes, weisses Kätzchen, Mimi genannt, das auf dem Fensterbrett schlief, wenn sie arbeitete. Eines Abends, im Mondlicht, spazierte sie auf dem Dache herum und, da ihr die beiden Dachrinnen, welche in Gestalt von Drachenköpfen in die Strasse hinaussprangen und sich in die Augen zu blicken schienen, eine Art lustiger Brücke bauten, schlich sie leise herüber und blickte plötzlich in Baruch's Fenster. Dieser verschwendete alle seine Schmeichelworte an sie und nachdem er ihr erst einmal das weisse Fell gestreichelt hatte, war Jessika's Freundin auch die seine geworden. Baruch riss von dem Stock, der auf seinem Fenster stand, eine Rose ab, befestigte sie an Mimi's blauem Halsband, und diese entledigte sich ihrer delikaten Mission in bester Weise.
Am folgenden Morgen sah Baruch seine Rose an Jessika's Brust.
Einige Tage später brachte ihm Mimi in derselben Weise ein Lesezeichen, das Jessika für ihn gestickt hatte.
Das gab ihm Muth, ein paar Zeilen auf ein Rosenpapier zu werfen und sie der kleinen Botin anzuvertrauen. Den folgenden Tag brachte Mimi die liebliche Antwort. So entstand ein unschuldiger und zugleich vertraulicher Briefwechsel und die Kinder der beiden feindlichen Väter lernten sich kennen und lieben, ohne je ein Wort mit einander gewechselt zu haben.
Doch die Blätter begannen zu fallen, es kam die Regenzeit und dem Regen folgte der Schnee, der Winter, die Fenster mussten geschlossen bleiben, und auch die kleine Botin kam nicht mehr.
Doch die Liebe macht erfinderisch. Jessika hauchte die Scheiben an, um durch die Frostblumen Baruch erblicken zu können, und er thaute das Eis mit Hülfe seiner brennenden Studentenpfeife an. An die Stelle des Briefwechsels trat die Zeichen- und die Blumensprache. Der Orient zog in das kleine, holländische Gässchen ein, und mitten im Eise blühten die Rosen von Sharon auf.
* * * * *
Da geschah eines Tages etwas Schreckliches. Honigmann rief dem Markus, neben dem gerade sein Schwager Löwy vier Ellen Sammt abmass, zu: »Wissen Sie, dass Venedig eine jüdische Stadt ist?«
»Sie wissen immer mehr als die anderen«, erwiderte Markus.
»Doch«, sagte Honigmann, »denn sie haben dort einen Markusplatz und zwei geflügelte Löwy's.«
Das war zu viel. Markus stürzte über die Strasse, auf Honigmann los, um ihm eine Ohrfeige zu geben, doch die Frauen warfen sich von beiden Seiten dazwischen und trennten die Todfeinde.
An diesem Abend rief Pinkele, der Spassmacher, aus: »Das ist ja schon das reine Trauerspiel, nächstens wird es Mord und Todschlag geben.«
Markus aber schwor, dass er sich nicht zufrieden geben werde, ehe nicht Honigmann sein Theuerstes verloren habe.
»Was gibst Du mir«, rief in diesem Augenblick Jessika, »wenn ich Dein Wort wahr mache, wenn ich dem Honigmann sein Theuerstes nehme, so dass er sich die Haare rauft?«
»Was Du willst, Jessika, Alles, das Kostbarste.«
»Gut, aber gib es mir schriftlich.«
Markus schrieb, was sie ihm diktirte, und sie steckte die Schrift lächelnd an ihre Brust.
Vierzehn Tage später war Purim, der jüdische Carneval.
Mit Anbruch der Dämmerung strahlte das Viertel der Juden in einem Meere von Glanz. Alle Thüren waren offen. Die jungen Leute durchzogen maskirt die Strassen und traten in die befreundeten Häuser ein, um allerhand Possen zu treiben. Hier und da wurde getanzt. Bei Markus führten sie die Geschichte der Esther auf. Natürlich stellte die reizende Jessika die schöne Königin dar. Die Familie hatte sich zum Nachtessen um den langen Tisch versammelt, als man draussen Lärm und Stimmen hörte.
Hewa, die ältere Schwester Jessika's, deren Vertraute und Bundesgenossin, stürzte herein und meldete, dass Baruch Honigmann an der Thüre sei und durchaus hereindringen wolle.
»Baruch?« rief Esther, »das trifft sich gut. Ich werde ihn bedienen, wie es ihm gebührt.«
Sie eilte hinaus und die Treppe hinab. Bald liess sich ein wildes Brummen vernehmen, und Esther kehrte triumphirend zurück, einen grossen Bären an der Kette führend und einen Karbatsch in der Hand.
»Hier«, rief sie, »Baruch! Ich habe ihn in einen Bären verwandelt.«
Markus zweifelte keinen Augenblick, dass sein Kind die Wahrheit sprach, hatte ihm doch vor Kurzem erst ein polnischer Jude erzählt, dass eine Gans in seinem Orte, als man sie schlachtete, Schma Israel! (Wehe Israel!) gerufen und dass man hierauf grossen Missbrauch in der Gemeinde entdeckt habe. Auch der Talmud erzählte ja ähnliche Fälle.
»Wie hast Du ihn aber verwandelt?« fragte die Mutter starr vor Schrecken.
»Ich habe ihm Wasser in das Gesicht gespritzt«, gab Jessika zur Antwort, »und habe dreimal gerufen: Werde ein Thier! werde ein Bär! durch Jehuel, den Vorsteher der Thiere und dessen Gehilfen Passiel, Gasiel und Chosiel.«
Indess war Hewa mit der Schreckensbotschaft zu Honigmann hinübergelaufen, und dieser stürzte jetzt von seiner ganzen Familie gefolgt in den Speisesaal des Markus. Sie fanden Jessika stolz auf einem Lehnstuhl thronend, ihre Füsse ruhten auf dem Bären, der auf dem Teppich vor ihr ausgestreckt lag und sich in dieser Lage ganz wohl zu fühlen schien.
»O mein Sohn!« schrie Honigmann, »mein unglücklicher Sohn!«
Jessika aber erhob sich, schwang den Karbatsch und liess den Bären tanzen.
»Sehen Sie, Honigmann,« sprach Markus, »das ist das Gericht Gottes.«
»Wenn Sie ihn verzaubert haben, Jessika«, rief Honigmann, »so können Sie ihm auch wieder die Menschengestalt zurückgeben.«
»Gewiss«, sagte sie lächelnd, »aber unter einer Bedingung. Baruch gehört mir, ich gebe ihn nicht mehr her. Mein Vater hat geschworen, dass er sich nicht zufrieden gibt, ehe Sie nicht das Theuerste verloren haben. Dies ist geschehen. Sie haben Baruch verloren. Ich kann jetzt von meinem Vater verlangen, was ich will, ich habe es schriftlich. Ich bin also des Segens meines Vaters sicher und werde Baruch nur dann seine Menschengestalt zurückgeben, wenn auch Sie, Herr Honigmann, uns Ihren Segen geben.«
»Meinetwegen,« sagte dieser.
»Und die Hochzeit wird auf der Stelle gefeiert?«
»Auf der Stelle«, sagten beide Väter.
Jessika berührte Baruch mit der Hand und murmelte eine kabbalistische Formel. Baruch nahm hierauf den Kopf des Bären wie einen Hut ab und grüsste die Anwesenden spöttisch.
»Oh!« schrien Markus und Honigmann zugleich, »man hat uns zum Besten gehabt.«
»Vergessen Sie nicht, dass heute Purim ist«, rief Jessika, »heute ist jeder Scherz erlaubt.«
»Also dies alles war nur ein Scherz?« fragte Honigmann.
»Alles«, antwortete Baruch, »nur unsere Liebe nicht.« Und er zog die reizende Jessika an sein Herz.
Kätzchen Petersil.
-- RUMÄNIEN. --
Chochmad Jad. -- Industrie. -- Judenverfolgung.
Eigentlich hiess sie Fradel Levi und Kätzchen Petersil war nur ihr Spitzname. Sie wurde so genannt, weil sie stets wie ein kleines Kätzchen zusammengerollt schlief, und weil sie stets eine Flasche mit Petersilien-Aufguss hinter dem Fenster stehen hatte. Sie führte mit Hülfe desselben einen erbitterten Krieg gegen die kleinen garstigen Flecken, mit denen ihr hübsches feines Gesicht übersäet war. Es war ein armes, aber braves, kluges und fleissiges Mädchen, das ihrem Vater, dem Trödler Schawa Levi und ihrer Mutter Händel Tag und Nacht kaufen und verkaufen und die alten Sachen aufbessern half.
Dennoch konnte Kätzchen die Sorgen nicht bannen, die sie unablässig quälten und vergebens sehnte sie sich nach dem Tage, wo sie sagen konnte: Heute kann ich ausruhen.
Für Leute, die so unglücklich sind wie die Levi's, gibt es nicht einmal einen Sabbath. Mehr als ein junger Mann in der kleinen moldaischen Stadt sah das kleine, schlanke Kätzchen mit Wohlgefallen an, aber wer konnte daran denken, sie zur Frau zu nehmen? Nur ein reicher Mann und dessen Eltern zogen wiederum eine reiche Braut vor. So hatten denn Vater und Mutter die Hoffnung aufgegeben, die Kleine zu verheirathen.
Kätzchen hatte ihrerseits gar keine Zeit, an einen Mann zu denken, ihr einziger Traum war ein Pelz. Kein kostbarer, wie ihn die schönen Bojarinnen trugen, nein, nur eine Hausjacke mit Kaninchenfellen besetzt und gefüttert. Kätzchen war nervös, wenn sie im Winter in dem kleinen Gewölbe arbeitete, schüttelte sie der Frost, und selbst im Sommer erbebte sie manchmal, als ob sie fröre und so erschien es ihr als die höchste Seligkeit, sich in weiche, warme Felle zu schmiegen.