Jüdisches Leben in Wort und Bild
Part 10
»Ich muss etwas thun, um Gott zu versöhnen,« murmelte Zeruja, »wenn Du Mitleid mit mir hast, so hilf mir Busse thun. Lege mir schwere Ketten an Hände und Füsse.« Er warf sich mit dem Antlitz zur Erde vor ihr nieder, wie vor seinem Richter und erwartete sein Urtheil.
»Nein«, sagte Sulamith, »Gott will nicht, dass der Mensch sich selbst Leiden auferlegt, er hat jedem sein Theil zugemessen in diesem Leben. Arbeit, Kummer, Schmerz, verlange nicht Prüfungen, die er Dir nicht zugedacht, erwarte alles von Gott und nimm geduldig hin, was er über Dich beschliesst. Suche nicht frömmer zu sein als die Anderen und nicht eifriger als Jene, denen Gott sich geoffenbart hat.«
Zeruja richtete sich auf und blickte das Mädchen an, auf den Knien vor ihr, die Hände gefaltet, wie ein Betender: »Ich glaube, Du hast recht«, murmelte er, »ich verstehe jetzt, wenn es im Traktat Nidah heisst: Gott hat dem Weibe einen schärferen Verstand gegeben, als dem Manne.«
»Gott sei gelobt, der Dich erleuchtet hat.«
»Er hat mich zugleich gestraft.«
»Wie?«
»Weil ich die Qual gesucht habe, hat er mich heimgesucht mit Höllenpein.«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Er hat mich unter dieses Dach geführt, um mich für meinen Uebereifer zu strafen.«
»Welche Einbildungen!« sprach Sulamith. »Du bist bei guten Menschen, die Dich retten wollen.«
»Dich, Sulamith, hat der Herr ausersehen, mich zu züchtigen«, fuhr der Schnorrer fort, »Du bedarfst keiner Ketten um mich zu fesseln, und Du geisselst mich, ohne die Geissel zu schwingen. Quäle mich, reiss' mir das Herz aus dem Leibe, Gottes Wille geschehe!«
Sulamith lächelte. »Es ist eine Fügung«, sprach sie, »aber eine glückliche. Nicht zu Deiner Qual hat mich Gott erschaffen, sondern zu Deiner Freude.«
Zeruja warf sich nochmals vor ihr nieder und presste seine Lippen auf ihren Fuss.
»Du liebst mich«, fuhr Sulamith fort, indem sie, die schönen Augen voll Thränen, auf ihn herabblickte, »auch mein Herz gehört Dir, es hat Dir vom ersten Augenblick an gehört, als ich Dich erstarrt und halb verschmachtet in jener Nacht in der Scheune fand. Steh' auf!«
Zeruja regte sich nicht, da neigte sie sich leise zu ihm herab, hob ihn auf und schloss seinen Kopf mit den wirren blonden Locken sanft an ihre Brust.
Haman und Esther.
-- POLEN. --
Schuschan-Purim. -- Hamanspiel.
Es war zur Zeit des Schuschan-Purim, die ganze Stadt Sandomir war in heiterer Aufregung und ein Jeder nach Kräften bemüht, die Nacht in hellen Tag zu wandeln. Alle Fenster waren erleuchtet, hie und da die Häuser mit farbigen Lämpchen und Ballons geschmückt, an den Fenstern sassen schöne jüdische Frauen und Mädchen in üppige Pelzjacken geschmiegt und lachten und assen Backwerk, und die Strassen durchzogen fröhliche Menschen in langen Kaftanen und die Maskerade war in vollem Zug. Hier kam ein Trupp jüdischer Jünglinge, die als kleinrussische Bauern gekleidet waren, und vor jedem Hause Halt machten und kleinrussische Volkslieder sangen, wobei sie sich mit Geigen, Bassgeigen und Flöten begleiteten. Andere kamen als Bären und schreckten die Mädchen, die in den Thüren standen. Wieder andere führten das Ahasverusspiel auf. Da war Esther, die, in Seide, Sammt und Hermelin gekleidet, eine Krone von Goldpapier auf dem Kopfe, von vier Sklaven getragen wurde, König Ahasverus mit seinem rothen Mantel, Monderich (Mardochai) mit seinem grossen Turban und endlich Haman, die Hauptperson, der mit einem schäbigen Kastorhut auf dem Kopfe, in weisse zusammengenähte Leintücher gehüllt, auf Stelzen einherging, wie ein Riese die Menge überragte und seine grosse Nase mit den drei gigantischen Karfunkelwarzen bald hier, bald dort an einem Fenster des ersten Stockes der kleinen, niederen Häuser erscheinen liess, so dass die Schönen erschreckt zurückfuhren und das Necken und Lachen kein Ende nahm.
Haman war natürlich Laktef Wilna. Wer hätte auch in Sandomir gewagt, den Haman darzustellen, als Laktef Wilna, der hübscheste, kräftigste, keckste und lustigste jüdische Bursche der ganzen Kreisstadt, der es wahrlich an Juden in keiner Weise fehlte. Wo der echt türkische Lärm der grossen Trommel, der Blechdeckel und einer heiseren Trompete das Herannahen der Personen des Ahasverusspieles ankündigte, wurden trotz der grimmigen Kälte die Fenster ganz oder doch ein wenig geöffnet und rosige Mädchengesichter und dunkle Frauenaugen blickten in die Strasse und schnell war Laktef Wilna zur Stelle und spielte den Neugierigen irgend einen Possen.
Der Madame Pflaumenbaum, die nur einen Augenblick das Guckfenster handbreit öffnete, warf er einen alten Pantoffel hinein, der schönen Frau Zuckerspitz, die in ihrer mit Zobel ausgeschlagenen und gefütterten Kazabaika im Fenster lag, denn sie wollte gesehen werden, überreichte er einen grossen vergoldeten Husaren aus Lebkuchen und machte sie erröthen und blitzschnell verschwinden. Der etwas allzu schlanken Tochter Grünwald schwor er, dass er einen sehr passenden Mann für sie gefunden habe und gab ihr einen Hering. Bei Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, wo ein halbes Dutzend junger Mädchen versammelt war, liess er eine Maus in das Zimmer und ergötzte sich an der wilden Jagd, die nun folgte, an dem Zetergeschrei, mit dem Alles, was lange Röcke trug, auf Stühle und Tische sprang, bis der kleine Störenfried glücklich in ein Mauerloch geschlüpft war.
* * * * *
Auf diese Weise kam Laktef Wilna auch zu einem ganz kleinen Hause in der langen Gasse, dessen Mauern sich wie die Blätter eines Kartenhauses nach innen neigten, und in dem, hinter mit Papier zusammengeklebten zerbrochenen Scheiben und morschen Thüren, in zwei Stockwerken und zwölf Zimmern bei dreissig dürftige, jüdische Familien wohnten. Er blickte durch ein Fenster, dessen Scheibe ein grosses Loch hatte, das nicht mehr durch bunte Papierstreifen unschädlich gemacht werden konnte und daher mit verschiedenen alten Strümpfen verstopft war, und sah in einem Stübchen, nicht grösser als ein Hühnerstall, ein Mädchen in einem schlechten, geflickten Kattunkleidchen sitzen und bitterlich weinen. Das verdarb Laktef Wilna den ganzen Schuschan-Purim, denn er hatte, wie alle leichtsinnigen Menschen, das beste Herz und konnte vor allem keine Thränen sehen. Er verhielt sich also vollkommen stille, legte seine Riesennase an die Scheibe und horchte. In dem Stübchen brannte in einem ausgehöhlten Erdapfel ein Stümpfchen Talglicht und sass in einem alten Lehnstuhl, dem ein Bein fehlte, ein Mann in einem zerrissenen Kaftan, die Jarmurka auf dem ergrauten Kopfe, die Hände gefalten und starrte in das Leere.
Es war der blinde Flickschneider Tobia Fischthran und das Mädchen seine Tochter Esther. Laktef Wilna kannte sie jetzt.
»Weine nicht«, sprach Tobia milde, »vom Weinen verliert man das Augenlicht. Was soll werden, wenn auch Du nicht mehr kannst, Esterka.«
»Was hilft es, zu arbeiten, Tate«, erwiderte das Mädchen seufzend, »wenn man verlassen von Gott?«
»Kein Mensch ist von Gott verlassen«, versetzte Tobia, »keiner, nur geprüft wird man von Gott, nicht verlassen.«
»Wir werden aber mehr geprüft als alle Anderen zusammen«, gab Esther zur Antwort, »und doch haben wir nicht mehr gesündigt als sie. Bin ich nicht fleissig vom Anbruch des Tages bis tief in die Nacht hinein, Tate, und kann nicht einmal meinem blinden Vater das Stübchen heizen und Kuchen backen, die doch der Aermste hat zum Schuschan-Purim.«
»Was brauchen wir Kuchen, wir hören doch die Musik und hören die Leute lachen«, sagte Vater Fischthran.
»Mir thut es von Herzen weh, wenn sie lachen«, murmelte das arme Mädchen und begann wieder zu weinen, aber ganz leise, damit es ihr alter Vater nicht höre, denn sehen konnte er es ja nicht, wie sie die kleinen mageren Hände vor die Augen presste, aber Haman sah es, Laktef Wilna sah es und eilte auf seinen Stelzen rasch davon. Er war der Sohn wohlhabender Eltern, er hätte können Geld in Esther's Fenster werfen und der Armen wäre geholfen gewesen, aber das hätte ihm keine Freude gemacht, er war nur dann zufrieden, wenn er den Leuten irgend einen Schabernack anthun konnte, und so war er auch jetzt entschlossen, hier den Armen einen liebenswürdigen und anderswo den Reichen einen ärgerlichen Possen zu spielen. Er ging zuerst zu dem Hause des Holzhändlers Jainkef Jeiteles, lehnte sich an die Hofmauer und begann von dem jenseits hoch aufgeschichteten Holze ein Scheit nach dem anderen herüber zu ziehen und dem untenstehenden Monderisch, seinem Freunde Teitel Silberbach, zuzuwerfen. Dann kehrten sie rasch zu dem Hause, wo Esther wohnte, zurück, Laktef stieg von seinen Stelzen herab, und Beide schlichen bis vor Fischthrans Thüre und schichteten das Holz vor derselben auf. Als dies geglückt war, eilte Haman rasch durch die Strassen und blickte in alle Fenster, und richtig, bei Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, hatten sie auf das Küchenfenster zwei grosse Schüsseln mit dampfenden Kuchen gestellt und die Köchin war eben beim Herde beschäftigt und kehrte den Rücken. Schnell hatte sich Haman der Kuchen bemächtigt und wie mit Siebenmeilenstiefeln ging es wieder zurück zu der kleinen Esther. Jetzt schlich Monderisch mit seinem grossen Turban hinauf, klopfte dreimal laut an die Thüre und entfloh. In dem Augenblick, da Esther aufstand und öffnete, zog Laktef Wilna eilig die Strümpfe heraus, warf die Kuchen durch das Loch in der Scheibe hinein, verstopfte dasselbe wieder und versteckte sich dann hinter der Dachrinne.
Als Esther die Thüre öffnete, rief sie: »Tate, wir haben Holz, wer hat uns das gebracht?«
»Holz?« sprach Tobia staunend, »wer sollte uns Holz bringen?«
»Es hat doch dreimal geklopft«, fuhr Esther fort, »und als ich öffne, liegt das Holz da, und was für ein prächtiges Holz! Darf ich das nehmen?«
»Frage nicht lange, mein Kind.«
»Aber es ist wie ein Zauber.« Sie schichtete das Holz hinter dem Ofen auf, zerhackte eines der grossen Scheiter, machte Spähne, und bald prasselte im Ofen ein herrliches Feuer und die kleine Stube erwärmte sich behaglich. Esther trocknete ihre Thränen. »Und hier! was soll das bedeuten. Tate«, schrie sie auf, »das ganze Fenster voll Kuchen!«
»Kuchen?« wiederholte der Blinde ungläubig, vor Freude bebend.
Esther reichte ihm einen und Beide begannen zu essen.
»Noch ganz warm«, sprach sie, »aber das ist ja alles wie ein Wunder.«
»Siehst Du, Esterka, Gott hat uns nicht verlassen«, sprach der Blinde, »das ist der Prophet Elias, der hat gesehen Deine Thränen und ist gekommen uns zu beschenken zum Schuschan-Purim.«
»Ja, Tate, niemand als der Prophet Elias.«
Beide begannen zu beten.
»Wenn er aber da ist bei uns und sieht unsere Noth«, begann wieder Esterka, »warum bringt er mir nicht auch warme Kleider und Schuhe, zu kleiden meinen blinden Vater?«
»Was brauche ich warme Kleider«, rief Tobia lächelnd, »hab' ich doch jetzt ein warmes Stübchen, aber Du, mein Kind, Du thust laufen eppes zu die Leute durch Frost und Schnee in Deinen zerrissenen Schuhen und Deinem dünnen Kleidchen.«
»Verlange nicht zu viel, Tate«, beschwichtigte ihn Esther, »hab' ich doch auch ein warmes Tuch.«
»Wenn der Prophet Elias will«, entgegnete der Blinde ärgerlich, »so kann er Dich kleiden wie eine Prinzessin, er kann Dich kleiden in einen Zobelpelz, wenn er nur will.«
»Aber Tate --«
»Und ja, wenn man schon bittet, soll man ordentlich bitten, und so bitte ich ihn um einen Zobelpelz für Dich.«
»Tate, er wird böse werden, und es wird verschwinden das Holz.«
»So soll es nicht Zobel sein, aber Du sollst haben einen Pelz.«
»Wozu? bedenke doch.«
»So soll es nur eine Jacke sein, gefüttert mit Pelz, dass Du nicht mehr frierst.«
* * * * *
Laktef Wilna hörte alles und lachte heimlich in sein gutes, mitleidiges Herz hinein, und wieder eilten die Stelzen hin und her, und Haman's grosse Nase blickte in alle Fenster und sein Arm langte hinein, wo es nur anging und bemächtigte sich der Sachen, die der Prophet Elias nöthig hatte. Vor dem Laden des Trödlers Winkelfeld hingen ein paar rothe Hausstiefel, die er von einem Edelmann erhandelt, Haman nahm sie, ohne viel zu fragen, mit. Bei dem reichen Sprintze Veigelstock entlehnte er einen schwarzen Atlaskaftan, bei den Töchtern des Freudenthal ein Paar neue Schuhe und ein Kleid. Aber die Pelzjacke? Richtig, bei Frau Zuckerspitz waren die maskirten jungen Leute eingedrungen und sie tranken jetzt Tscha und tanzten, und die schöne, kokette Frau hatte ihre mit Zobelpelz ausgeschlagene und gefütterte Kazabaika abgeworfen, und da das Fenster nur zugelehnt war, öffnete es Laktef Wilna leise und nahm die Kazabaika vom Stuhl.
Mehrere Minuten später klopfte es an Esther's Fenster.
»Das ist er«, flüsterte Tobia, »thu' ihm auf.«
Esther öffnete das Fenster und lief dann hinter den Ofen und schloss die Augen. Als sie dieselben wieder öffnete, lagen der Kaftan da und die Kazabaika, das Kleid und die Schuhe und Stiefel. »Tate«, rief sie, »er hat uns gebracht alles, was wir haben erbeten.« Sie schloss das Fenster und zog dem blinden Vater die warmen Stiefel an und den seidenen Kaftan und zog selbst die Schuhe an und das Kleid und schlüpfte in die prächtige Kazabaika der Frau Zuckerspitz.
»Was für ein Glück!« rief der Blinde, »gewiss stehst Du jetzt da, Esterka, wie eine Prinzessin. Komm' doch zu mir.« Und da er sie nicht sehen konnte, so strich er mit der zitternden Hand, sie zitterte jetzt vor Freude, über den Sammt der Kazabaika und das schwellende Pelzwerk. »Das ist Zobel, mein Kind«, sprach er fast erschreckt, »der gute Prophet Elias hat mich gehört und hat Dir gebracht zum Schuschan-Purim eine Jacke mit Zobelpelz. Siehst Du, wie uns Gott liebt? Und da der Prophet Elias uns hat geschenkt so viel, soll er auch bringen meinem Kinde einen braven, schönen und jungen Mann.«
Esther hielt ihm den Mund zu. »Sei ruhig, Tate, sonst verschwindet noch alles, so wunderlich, wie es gekommen ist.«
Laktef Wilna aber blickte durch das Fenster in das Stübchen, und als er Esther so stehen sah in dem hübschen Kleide und der prächtigen Pelzjacke, da dachte er: was für ein schönes Mädchen, und so brav und klug, und so reinen Herzens, warum soll sie nicht finden einen Mann? Sie aber lächelte und sprach: »Tate, wer sollte mich nehmen, die keinen Groschen hat?«
»Weisst Du was?« flüsterte Tobia, »Du sollst versuchen Dein Glück, Esterka, und am Schuschan-Purim legen eine Schlinge.«
»Warum nicht?« rief Esther lachend, »ich will gehen auf die Strasse, und will legen einem Manne eine Schlinge, aber wenn ein Alter schreitet über die Schlinge und fängt sich, oder Einer, der einen Buckel hat?« Sie lachte und lachend riss sie sich drei ihrer glänzenden, schwarzen Haare aus und knüpfte sie zu einer Schlinge, während ihre rothen Lippen kabbalistische Worte murmelten und Laktef Wilna sah sie die Schlinge knüpfen und lachte und dachte: »Warte nur, Du sollst den losesten Vogel der ganzen Khille fangen in Deiner Schlinge.«
Und als Esther vorsichtig aus dem Hause trat, war Haman von seinen Stelzen herabgestiegen, hatte Hut und Gewand und Nase seinem Freunde übergeben und in dem Augenblicke, wo sie die Schlinge gelegt hatte und sich scheu in das Hausthor zurückzog, kam Laktef Wilna daher, schritt über die Schlinge hinweg und war gefangen und Esther mit ihm, denn er erhaschte sie im Hausthor, schlang die kräftigen Arme um die schlanke, bebende Gestalt und küsste sie auf die rothen Lippen. Sie aber machte sich los und floh die Treppe hinauf.
* * * * *
Am nächsten Morgen beklagte Frau Zuckerspitz ihre Kazabaika und Veigelstock seinen Kaftan und der Trödler seine Stiefel, und Laktef Wilna erschien und klärte alles auf. »Ich habe genommen Ihre Kazabaika und habe sie gegeben einem armen Mädchen«, sprach er zu der schönen Kokette, »und sie glaubt, dass der Prophet Elias sie hat beschenkt, aber Sie sollen die Kazabaika wieder haben.«
»Nein, nein«, rief die Schöne, »sie war so nicht mehr ganz neu. Sie haben gethan ein gutes Werk für mich, und mein Mann soll mir kaufen eine neue.« Und genau so erging es ihm bei den Anderen, denn einen Armen beschenken, ist für den gläubigen Juden stets nur eine Freude.
An demselben Vormittag erschien aber der alte Wilna bei Tobia Fischthran und hielt bei ihm, für seinen Sohn, um die schöne Esther an.
Die Erlösung.
-- UNGARN. --
Col-Nidre. -- Kapores.
Es war Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage. Die sonnige Heiterkeit des Herbstes lag wie süsser Duft auf den buntfarbigen Bäumen des Waldes, den weiten, stillen Fluren und den kleinen, mit rauchigen Schindeln gedeckten Häusern des ungarischen Städtchens. Ein letzter warmer Lichtstrahl stahl sich fast verschämt durch die halb erblindeten Fensterscheiben in das Haus des Kaufmanns Teller Herschmann und zitterte auf der Diele der grossen Stube, gerade als die beiden Männer hier eintraten, von deren Antlitz gleichfalls Licht, der Sonnenschein des Geistes und der Wissenschaft, in diesen dunklen Raum strahlte, in dem die Seelen ebenso dunkel waren, wie die zahlreichen Winkel und Winkelchen, welche die alten, massiven Möbel bildeten.
Der zuerst hereinkam, war der Arzt Jonas Bienenfeld, der Bruder der Frau Herschmann. Er kam, um ihr und den Ihren Glück zu wünschen, und es war nur an diesem Tage, dass er kam, denn er galt als arger Freigeist in der frommen strenggläubigen Gemeinde und war deshalb halb ausgestossen, einer von Jenen, denen die Zeloten der Synagoge von ganzem Herzen wünschen, »dass sie die Erde verschlinge«, und wenn ihn die Erde noch nicht verschlungen hatte, so war es wahrlich nicht die Schuld der Eiferer, die an den Wänden des Tempels zu stehen und dieselben anzurufen pflegten.
Mit Jonas Bienenfeld war diesmal ein junger Mann gekommen, dessen schlanke Gestalt, dessen feines, ein wenig bleiches Gesicht bei all' seiner Jugend den Denker, den ernst und entschlossen nach Erkenntniss, nach Wahrheit Ringenden verriethen. Es war dies der Liebling des geistvollen, jovialen Arztes, der Student der Medizin, Abner Barach, den der Erstere mitgebracht hatte, damit er seine Nichten kennen lerne.
Als die Beiden erschienen, hatte Frau Maecha Herschmann eben mit den am Col-Nidre üblichen, seltsamen, jüdischen Zeremonien begonnen. Während die übrigen Kinder, festlich gekleidet, feierlich im Halbkreise um sie standen und eine Anzahl Hühner, die Kapores (Opfer) gleichfalls geschmückt und die Füsse mit farbigen Bändern zusammengebunden, auf dem Boden lag, sass mitten in der Stube, auf einem Stuhl, mit gesenktem Haupte ein Mädchen, ihre älteste Tochter Mathele. Von dem einfachen weissen Kleid, das sie trug, hob sich ihr leicht geröthetes, unschuldiges Gesicht mit den dunklen Flechten reizvoll und herzgewinnend ab.
Abner's Blick ruhte überrascht auf dieser keuschen, schönen Erscheinung, die geboren schien, um zu dienen, zu gehorchen, zu leiden, und jetzt schlug auch sie die Augen auf, zwei grosse, dunkle, sanfte Augen, in denen ein schwermüthiger Glanz war, der Glanz der Thränen. Sie sahen sich zum erstenmal, der junge Arzt und die Tochter des Zeloten, aber sie blickten einander an, als wären sie sich schon einmal auf einem anderen Sterne begegnet, ja, als wären ihre Seelen seit Ewigkeit mit einander vereint.
Frau Maecha Herschmann sprach indess mit einem vielsagenden Blick auf ihren halb verlorenen Bruder das uralte, wundersame Eingangsgebet: »Menschenkinder, welche in Finsterniss sitzen, sie sind gefesselt in Armuth und Eisen. Er soll sie aus der Finsterniss herausführen und ihre Bande zerreissen. Sie sind bethört von ihrem frevelhaften Wesen, von ihren Sünden sind sie gequält. Jede Speise verabscheut ihre Seele und sie gelangen bis zur Pforte des Todes, sie flehen zum Ewigen in ihrer Noth. Von ihren Drangsalen hilft er ihnen, er schickt seine Worte und rettet sie von ihrem Verderben. Sie danken dem Ewigen für seine Gnade und seine Wunderthaten. Wenn er einen Engel zum Vorsprecher hat, der von des Menschen Redlichkeit zu sagen weiss, dann wird er ihn begnadigen und wird ihn erretten vom Untergange, von der Gruft, und er wird sagen: Ich habe Erlösung gefunden.«
Als dies Gebet zu Ende war, schwang die Mutter den ängstlich flatternden und schreienden, jungen Hahn, den sie in der Hand hielt, dreimal um das Haupt Matheles und fuhr fort: »Das ist meine Umwandlung, das ist mein Tausch, das ist meine Vergebung. Dieser Hahn soll dem Tode geweiht sein, und ich soll langes Wohlleben und Freude erlangen.«
Nachdem die Sühnezeremonie auch an den anderen Kindern vollzogen war, wurden die armen Opfer, die Kapores den armen Leuten geschenkt, welche bereits freudig erregt in der Flur den willkommenen Braten erwarteten.
Die Familie sass dann um den grossen Tisch herum, und während Bienenfeld seinen gutmüthigen Witz an den Zeloten des Städtchens übte, Teller Herschmann beharrlich schwieg und Frau Maecha entrüstet seufzte, wechselten Abner und Mathele von Zeit zu Zeit einen Blick oder ein paar Worte, die, so gewöhnlich sie auch klangen, für diese Beiden süsse Musik waren.
Der lange Tag, so genannt, weil das strenge Fasten und Dürsten von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang auch dem Frömmsten schwer wird, ging glücklich vorüber. Alles nahm wieder fröhliche Miene in Israel an, und Abner, der bei Bienenfeld wohnte, und sich zu seinem Doktorexamen vorbereitete, begann in seinen freien Stunden das dunkle Haus des strengen finsteren Teller Herschmann fleissig und immer fleissiger zu besuchen.
Als er wieder eines Nachmittags kam, fand er die schönen Augen Mathele's in der That mit echtem Thränenglanz gefüllt.
»Was ist denn geschehen?« fragte er erschreckt.
Das schöne Mädchen deutete auf ihre Katze, die unter dem Ofen lag und schwer athmete.
»Ich glaube, sie stirbt.«
»Wer?«
»Meine Lili.«
»Oh! man stirbt nicht so schnell,« versetzte Abner lächelnd, »und die Katzen insbesondere haben ein zähes Leben. Machen Sie mich also nur getrost zu Ihrem Hofmedikus, und lassen Sie mich Ihre kleine Freundin sehen.«
Mathele lächelte verlegen, nahm Lili auf den Arm und der zukünftige Doktor begann das niedliche Thier zu untersuchen.
»Das hat nicht viel zu bedeuten,« sagte er dann, »ein Katarrh, weiter nichts. Lili ist meine erste Patientin, und ich will es als ein gutes Omen nehmen, wenn ich sie heilen kann. Aber, um Sie zu beruhigen, Fräulein, will ich sofort Arznei holen.«
Abner ging und kehrte rasch mit einem homöopathischen Mittel zurück. Während jetzt Mathele das niedliche Thierchen festhielt, öffnete der junge Mediziner demselben mit einem kleinen Löffel die Zähne und flösste demselben die Medizin ein. Das Kätzchen wehrte sich heldenmüthig mit den beiden Sammtpfötchen, indem es zugleich miaute, aber trotz seines Widerstandes wurde die Kur glücklich begonnen und zu Ende geführt, und als Lili zum erstenmal, ihr schneeweisses Fell an der Sonne wärmend, behaglich zu schnurren begann, da blickten Mathele's grosse Kinderaugen mit heiterer Dankbarkeit auf Abner, sie hätten nicht dankbarer blicken können, wenn er sie selbst vom Tode errettet hätte.
Fortan bekam der Mediziner jedesmal ein freundliches, gutes Lächeln zum Gruss, und wenn er unter den Kindern sass und ihnen von den Wundern des menschlichen Organismus erzählte, da hingen die grossen Augen Mathele's mit fast zärtlicher Bewunderung an seinem geistvollen Gesicht, seinen feurigen Lippen.
Und so geschah es, dass er einmal zur Dämmerstunde in das Verkaufsgewölbe Herrn Teller Herschmann's trat, und während die Mutter mit den Kleinbürgern und Bauern schacherte, die Tochter in dem kleinen, mit allerhand bunten Bildern beklebten Verschlag vor dem Hauptbuch sitzend und emsig rechnend fand. Sie sah zu ihm auf, steckte die Feder hinter das Ohr und bot ihm die Hand.
»Guten Abend, Herr Barach.«
»Guten Abend, mein Fräulein.«
»Ich bitte Sie, sich nur einige Minuten zu gedulden«, fuhr sie fast flehend fort, »ich bin gleich fertig.«
»Oh! ich kann warten.«