Jüdische Geschichten

Part 6

Chapter 6999 wordsPublic domain

(18) Es ist ein Gebot der Religion, sich vor dem Essen die Hände zu waschen.

»Nein, Ssosche, ich werde mich nicht eher waschen, als du selbst zugeben wirst, daß ich recht habe. Hier zu Hause habe ich nichts zu versorgen, dafür aber im Bethause um so mehr; denn wer wird sich um alle die Sachen kümmern, wenn nicht ich? Vielleicht Joßke der Krämer, der nicht einmal zum Essen Zeit hat? Oder Jechijel der Dorfhausierer, der schon am Sabbatabend, gleich nach dem Hawdolo-Gebet das Haus verläßt und erst am Freitag gegen Abend heimkommt? Oder gar Ruben der Geldverleiher, der den ganzen Tag herumrennt, um bei den armen Leuten einige Groschen Zinsen einzusammeln? Oder gar einer von den armen Handwerkern, die schwer arbeiten müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?«

»Laß gut sein, ich bin nicht mehr böse ...«

»Macht nichts. Ich weiß, daß du mir nicht mehr böse bist. Ich will dir aber noch beweisen, daß ich auch für mich selbst sorge. Schau mich an, Ssosche, sieh meinen weißen Bart und meine weißen Schläfenlocken. Ich bin nicht mehr jung ... Also muß ich mich auf eine weite Reise vorbereiten ...«

»Auf eine Reise? Auf was für eine Reise?« fragt Ssosche verwundert. Sie begreift aber sofort selbst, was er damit meint, und ruft erschrocken aus: »Um Gottes willen, sprich nicht davon! Gott behüte!...«

»Brauchst keine Angst zu haben, Ssosche. Du bist ja auch älter als zwanzig Jahre ... Und was werden wir beide antworten, wenn man uns dort oben fragt, was wir auf =dieser= Welt getan haben? Daß wir hier aßen und tranken? Und was wird der liebe Gott dazu sagen? Du wirst noch wenigstens vorbringen können, daß du dich am Verein für die Ausstattung armer Bräute betätigt hast ...«

»Sprich nicht davon!« bittet Ssosche. Sie fürchtet, daß dadurch ihr Lohn im Jenseits beeinträchtigt werden könne.

»Darum will ja auch ich etwas Gutes tun ...«

»Sehr gut. Sehr gut. Tu, was du willst. Geh dich aber endlich waschen!«

»Nur noch eines,« fährt der Gabaj fort: »Erinnerst du dich noch an dein seidenes Brautkleid mit den silbernen Streifen?«

»Ob ich mich daran erinnere!«

»Würdest du es nicht dem Bethause stiften, damit man daraus einen Vorhang für den Thoraschrein macht?«

»Sehr gerne! Ich will es sofort heraussuchen ...«

»Wart, Ssosche, ich hab es schon selbst genommen, und es hängt bereits vor dem Thoraschrein!«

»Du Dieb!« sagt Ssosche lächelnd.

Nun wäscht sich Reb Jojchenen endlich die Hände und setzt sich an den Tisch. Er ißt mit großem Appetit, spricht das Tischgebet und legt sich schlafen.

* * * * *

Reb Jojchenen der Gabaj schlief bald ein, und seine Seele flog in den Himmel hinauf und verzeichnete dort im Buche seiner Verdienste:

»Ich, Jojchenen, Sohn der Sarah, war heute den ganzen Tag mit heiliger Arbeit beschäftigt. Ich sagte mir: Ich und mein Weib Ssosche wohnen in einem schönen Hause, während das Gotteshaus baufällig ist und ausgebessert werden muß. Darum mietete ich Handwerker und ließ das Bethaus ausbessern. Heute brachte man zwei neue Bänke und einen neuen Tisch ins Gotteshaus. Ich ließ auch den Fußboden reinigen, die Wände und alle Möbel und Geräte putzen. Vor dem Vorbeterpult an der Ostwand habe ich einen neuen Leuchter angebracht. In der Kasse des Bethauses waren im ganzen fünfundvierzig Rubel. Um alles zu bezahlen, mußte ich aus meiner eigenen Tasche sechs Rubel und vierundachtzig Kopeken dazulegen. Für Rechnung meiner Frau Ssosche stiftete ich einen seidenen Vorhang für den Thoraschrein; sie ist außerdem auch im Verein für die Ausstattung armer Bräute tätig. Der liebe Gott möge es ihr für ihr Seelenheil anrechnen! Mit der Ausbesserung des Bethauses ist man heute fertig geworden. Und ich habe dem Schuldiener strengstens verboten, jemanden ins Bethaus zum Übernachten einzulassen. Das Gotteshaus soll nicht mehr die Schlafstube für fremde Bettler sein. Der Schuldiener muß von nun an das Haus jeden Abend absperren ...«

Reb Jojchenens Seele schrieb noch weiter, als in den Himmel eine andre Seele geflogen kam und in ihr Buch folgendes eintrug:

»Ich, Berl, Sohn der Judith, bin schon siebzig Jahre alt. Solange ich noch die Kraft dazu hatte, verdiente ich mein Brot durch meiner Hände Arbeit. Jetzt, da ich alt und schwach bin und nicht mehr arbeiten kann, muß ich bei fremden Leuten betteln. Anfangs ging es mir nicht schlecht. Die Leute kannten mich, und ich hatte immer zu essen. Doch mit der Zeit wurden sie meiner überdrüssig und gaben mir immer seltener Almosen. Oft schenkte man mir ein so trockenes Stück Brot, daß ich es mit meinen alten Zähnen gar nicht zerbeißen konnte. Ich sah ein, daß ich, wenn ich in meiner Stadt bleibe, Hungers sterben müsse. Darum verließ ich die Stadt und kam her. Es ist heute sehr kalt, und ich wollte ins Bethaus gehen, um da zu übernachten, wie es in allen jüdischen Städten Sitte ist. Doch der Schuldiener versperrte die Tür und ließ mich nicht hinein. Der Gabaj hätte ihm gesagt, er solle niemanden zur Nacht ins Bethaus einlassen; denn das Gotteshaus sei keine Herberge ... Jetzt schlafe ich unter freiem Himmel, und die Kälte frißt das Mark meiner alten Knochen. Ich bin hungrig und friere ... Nun frage ich dich, du Herr der Welt: Wer braucht das Bethaus nötiger: =du= oder =ich=?«

* * * * *

Und es erklang eine Stimme vom Himmel: »Beide sollen sofort vor dem höchsten Gerichtshofe erscheinen!«

Und am nächsten Morgen fand man tot: Reb Jojchenen den Gabaj in seinem Bette und einen alten Bettler erfroren auf der Straße neben dem Bethause ...

Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.

Aber Rabbi Levi-Jizchock steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehüllt, Aber Rabbi Levi-Jizchok steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehüllt,

den Dienst des Schöpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe am diesem den Dienst des Schöpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe an diesem

können. Wie kann man in derThora anfangen und aufhören, wo die Thora können. Wie kann man in der Thora anfangen und aufhören, wo die Thora

Wnnsch ab. Wunsch ab.

]

End of Project Gutenberg's Jüdische Geschichten, by Jizchok Lejb Perez