Part 4
Kaum war das Licht ausgegangen, als mich gleich meine Festtagsseele, die nur während des Lernens in meinem Leibe ist, verließ und ich bei meiner zitternden, erschrockenen Werktagsseele blieb, bei der Seele des bettelarmen Melameds ... Ich bin wieder ein Nichts, ein Wurm, ein verlorenes Ding ...
Und meine Lippen zittern: Gott soll helfen! Gott soll helfen!
Und das Herz nagt und bangt: Broche-Leë wird gebären ... gewiß wird sie gebären. Sie wird sogar Zwillinge haben. Denn ihre Mutter war wegen ihrer Zwillingsgeburten berühmt!
Du hast wohl zu wenig an eigen Weib und Kind? Also fällt dir noch Broche-Leë mit einem Kind zu, Broche-Leë mit zwei, mit drei Kindern ... Seinwel-Jechïel ruht im Grabe; er sitzt jetzt im Paradiese und lernt Thora. Und du arbeite und ernähre seine Tochter!
Und böse Gedanken sagen mir: Wenn Gott sich erbarmen will, so hat er keinen andern Ausweg, als den Todesengel zu schicken ... zu mir ... zu der Gebärenden ...
Barmherziger Gott! Barmherziger Gott!
Und ich weiß, daß ich vor Gott sündige, daß ich in Gotteslästerung verfalle. Ich weiß das, doch ich habe nicht die Macht, den bösen Gedanken aus dem Herzen zu vertreiben ... Denn allein bin ich schwach und im Finstern noch schwächer!
Ich weiß, daß das einzige Mittel dagegen die Thora ist, und ich will sie auswendig studieren; ich will mich auf eines der Probleme besinnen, doch ich kann nicht: ich habe alles vergessen, habe die ganze Thora vergessen!
Und ich rief mit allen meinen Kräften aus:
»Herr der Welt! Hilf mir! Hilf mir!«
Und es geschah mir ein Wunder!
VI
Das Wunder. Das verborgene Licht. Erlösung einer Seele. Der Todesengel, welcher kommt, weil man ihn rief
Als ich diese Geschichte später einem »Aufgeklärten«, einem meiner früheren Schüler erzählte, lachte er, und noch wie! Es war, sagte er, gar kein Wunder, sondern nur ein Zufall oder eine Einbildung, oder vielleicht gar ein Traum oder dergleichen.
Was macht das?
Jitro, Moses' Schwiegervater, hatte bekanntlich sieben Namen, und doch gab es nur =einen= Jitro!
Nenne es, wie du willst: Zufall, Einbildung, Wunder, -- Geschichte bleibt Geschichte!
Ich weiß nur, daß gerade in dem Augenblick, als ich, Gott behüte, in die tiefste Hölle hinabzustürzen glaubte, sich das ganze Bethaus mit Licht füllte! Es war eine so blaue Helle wie in den Lichtsäulen, die manchmal im Sommer von der Sonne durch ein Fenster schräg in die Stube fallen ...
Man sieht ganz deutlich, daß eine solche Säule aus kleinen Lichttropfen besteht und daß jedes Tröpfchen in ihr strahlend herumwirbelt.
Und eine solche Säule erfüllte damals das ganze Bethaus.
Plötzlich werde ich ruhig ... und alles Denken hört auf!...
Das Bethaus ist von einer süßen Helle erfüllt. Und ich -- von einem süßen, lichten Gottvertrauen! Und alles in mir ist so rein, so klar, so kristallen!
Und wie ich nach der Ostwand blicke, von der die Lichtsäule kommt, sehe ich jemanden!
Wen, glaubt ihr, sehe ich?
Meinen Bruder, gesegneten Angedenkens, sehe ich! Und gerade auf dem Platze, wo er bei Lebzeiten immer zu sitzen und zu studieren pflegte.
Er hat vor sich ein Buch ... Sein Gesicht kann ich nicht sehen, weil er den Kopf in die Hand stützt. Doch das Herz sagt mir, daß er es ist, mein Bruder Seinwel-Jechïel ...
Und ich erschrak gar nicht!
Denn die Regel ist: wer vor Lebendigen keine Angst hat, der zittert vor Toten. Doch ich armer Wurm, der ich vor allem, was da lebt, zittere, was soll ich vor einem Toten Angst haben? Und vor wem? Vor meinem Bruder Seinwel-Jechïel, der auch bei Lebzeiten wie Seide war? Und ich frage ihn ganz einfach:
»Bist du es, Seinwel-Jechïel?«
»Ja, ich bin es!« antwortet er und nimmt die Hand von den Augen.
Ich erblicke sein Gesicht. Es strahlt in seltsamer Lieblichkeit, und in seinen Augen liegt eine eigentümliche Süße ...
Und ich frage weiter:
»Was tust du da, Bruder?«
Und er antwortet:
»Was ich tue? Sehr viel tue ich! Als ich bei Lebzeiten hier saß und lernte, verwirrte mich oft der Satan; Nahrungssorgen mischten sich ein, und ich übersprang viele Stellen und lernte andre wiederum ohne große Andacht. Nun tue ich das, was man oben über mich verhängte, damit meine Seele endgültig erlöst werde: Ich wiederhole!«
»Und alles mit Andacht?«
Er nickt bejahend, und ich sage:
»Seinwel-Jechïel, du lernst mit Andacht, weil du nicht weißt, daß ...«
Er unterbricht mich mit seiner süßen Stimme:
»Narr,« sagt er, »im Gegenteil: eben weil ich weiß, lerne ich jetzt mit solcher Andacht. Bei Lebzeiten wußte ich wenig und zweifelte viel, und darum übersprang ich viele Stellen ohne Andacht. Denn nur das, was man nicht weiß und woran man zweifelt, verwirrt ... Doch jetzt, da ich weiß und keine Zweifel mehr habe, studiere ich immer mit Andacht.«
»Du weißt auch, daß Mojsche-Ißroel ...?«
»Nach Amerika entlaufen ist? Ich weiß es! Ich weiß sogar, mit welchem Schiff er durchgebrannt ist ... Verbotene Speisen ißt er auf dem Schiff. Ich weiß es!«
»Weißt du, daß Broche-Leë ...«
»In schweren Kindsnöten liegt? Gewiß weiß ich es! Ich weiß sogar, daß sie einen Sohn haben wird ...«
»Keine Zwillinge?«
»Nein, keine Zwillinge. Sie ist aber sehr zu bedauern! Das Kind wird ein Krüppel sein ... Der Bösewicht hat sie gestoßen und dem Kinde Schaden zugefügt ...«
Und ich frage weiter:
»Vielleicht weißt du auch, wovon sie leben werden?«
»Auch das weiß ich!« sagt er mild. Er kommt auf mich zu, legt mir seine Hand auf die Achsel und sagt:
»Schau durchs Fenster hinaus!«
Ich tue es.
»Nun, was siehst du?«
»Ich sehe jemanden vorbeigehen ... Er ist weiß gekleidet, und sein Antlitz leuchtet, als ob Gottes Herrlichkeit darauf ruhte ... Ganz unglaublich strahlt sein Antlitz ... Er geht langsam ... Mir ists, als ob ich eine süße, herzige Weise hörte, die ein Spielmann im Gehen spielte ... Da ist er schon vorbeigegangen, der Mensch ...«
»Es war kein Mensch -- ein Engel wars!«
»Ein Engel?«
»Ein guter, sehr guter Engel ... Der Todesengel!«
»Der Todesengel?« rufe ich erschrocken aus.
»Warum zitterst du so? Willst du ihm entfliehen?«
»Und wohin ging der Engel?«
»Wohin er ging? Zum reichen Reb Simche. Auch seine Tochter liegt in Kindsnöten ...«
»Ich weiß es: ich habe ja heute früh mit noch andern Leuten für sie und das Kind Psalmen gelesen ...«
»Das Gebet hilft nur zur Hälfte. Das Kind wird leben.«
»Und sie?«
»Hast doch eben gesehen ...«
»Also zu ihr ging der Engel! Und so ohne Lust ging er, mit langsamen Schritten ... Wohl aus Mitleid?«
»Vielleicht. Er hat keine Eile, weil er nicht Gottes Sendbote ist!«
»Was sagst du?« rufe ich erschrocken. »Wer hat denn noch zu bestimmen?«
»Auch der Mensch hat seinen Willen ... Sie selbst hat ihn gerufen ...«
»Sie selbst?!«
»Sie wollte kein Kind haben, keine Mutter sein! Hat dem Kinde Schaden zufügen wollen ...«
»Herr der Welt!« rufe ich mit großem Schmerz aus. »Sie wird für ihre Sünde sterben ... Aber was hat das Kind verbrochen? Das Kind wird doch ohne Mutter bleiben ... Herr der Welt!«
»Schrei nicht!« sagt Seinwel-Jechïel und nimmt mich bei der Hand. »Schrei nicht! Broche-Leë wird des Kindes Amme sein. Und von heute an wisse: Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben!«
Und im selben Augenblick zerrann er mir in der Luft, und die helle Lichtsäule verschwand. Durch das Fenster sah schon der bleiche Wintermorgen herein.
VII
Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben
Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich in diesen Augenblicken empfand!
Ich fiel meiner ganzen Länge nach nieder, und die Quellen meiner Augen taten sich auf, und die Tränen flossen und flossen ...
Und es war mir, als ob ich nicht Tränen weinte, sondern Steine: als ob mir aus dem Herzen Steine heraufkämen und durch die Augen herausrollten. Denn je mehr Tränen ich vergoß, desto weniger Steine blieben mir auf dem Herzen, desto leichter und freier wurde es mir in der Brust!
Und die Geschichte geht schon zu Ende.
Ich gehe nach Hause.
Die Tür, sehe ich, steht offen!
Ich trete in die Stube und sehe im schwachen, bleichen Morgenlichte, daß Diebe dagewesen sind! Der ganze Hausrat ist weg!
»Macht nichts!« sage ich mir.
Die Kinder husten im Schlafe trocken und heiser.
Ich höre es und denke mir: »Schadet nichts, macht nichts!«
Bald kommt meine Frau Feige heim und sagt: »Gratuliere!« Und ich antworte:
»Ein Söhnchen, ein Krüppel!«
Sie schaut mich an.
»Bist du ein Prophet oder was?« Sie hört gar nicht, daß die Kinder husten, und sieht nicht, daß die Wohnung ausgeräumt ist.
»Woher weißt du das?«
Und ich sage ihr:
»Noch mehr weiß ich, Feige, meine Frau! Ich weiß, daß des reichen Reb Simches Tochter weggekommen ist (das Wort 'verschieden' konnte ich nicht über die Lippen bringen) und daß das Kind, auch ein Söhnchen, lebt! Und daß Broche-Leë seine Amme sein wird!«
»Wer hat dir das alles erzählt?«
»Denn«, sage ich ihr, »der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben.«
Und ich erzählte ihr alles.
Der kranke Knabe
Mameschi, ich will dir ein Geheimnis erzählen; doch der Vater soll davon nichts erfahren!
Du fragst mich: warum? Weil der Vater mich weniger lieb hat ...
Nein, Mameschi, ich sündige mit den Lippen: er hat mich nicht weniger lieb, er hat mich nur =anders= lieb!
Er ist ja der Vater und muß streng sein ...
Vater hat einen langen Bart; Vaters Gesicht fühlt sich beim Streicheln nicht so an wie Mutters atlasglattes Gesicht ... Er hat auch ganz andre Augen und einen ganz andern Blick. Wenn du mich anschaust, hast du so lachende und dabei so feuchte, so gütige und dabei so traurige Augen ... Du bist Mutter und zugleich Kamerad ... Vor dir kann ich keine Geheimnisse haben ... Mit deinen Augen ziehst du mir jedes Geheimnis aus dem Herzen heraus ...
Vater schaut ganz anders: immer ernst, beinahe kalt ...
Nein, Mameschi, es sind ganz andre, wirklich ganz andre Augen!
Als ich noch klein war, hatte ich vor dem Vater weniger Angst. Ich weiß noch, wie ich ihm auf die Knie zu springen pflegte, wie ich ihm das Haar zerzauste, den Bart zerteilte und zu Zöpfen flocht, die Lippen übereinanderbog; und wenn er mich böse anschauen wollte, drückte ich ihm die Lider hinunter und schloß ihm einfach die Augen ... Heute kann ichs nicht mehr ...
Einmal -- hörst du, Mameschi? -- einmal, als ich krank war, erwachte ich und sah euch beide an meinem Bette stehen ... Du hast so still, so herzensstill geweint; und der Vater ... Mameschi!... Vater hatte damals ein so schreckliches Gesicht, und ich sah, daß er Gott böse war! Vor Schreck schloß ich wieder die Augen ...
Und seit damals kann ich dem Vater nicht mehr nahe kommen wie früher ... Etwas hält mich zurück! Oft will mir das Herz aus der Brust springen und ihm zufliegen, und doch kann ich es nicht!
Glaubst du, daß ich den Vater weniger lieb habe? Gott behüte! Ich habe Vater sehr lieb und gewinne ihn mit jedem Tag, mit jeder Minute noch lieber ... Wenn er auf mich zugeht, hüpft mir das Herz vor Freude, und es bebt in mir die Seele vor Hoffnung: gleich wird er mich bei der Hand fassen und an sein Herz drücken ...
Vor dir zittere ich nicht: du hast mich immer und gleich lieb ... Du hast für mich immer Zeit, und du umarmst und küßt mich jeden Augenblick ... Du bist immer, immer mein ... Vater hat so viel Geschäfte!
Ich weiß: er will, daß ich einmal reich sein soll!
* * * * *
Jetzt willst du wohl, Mameschi, mein Geheimnis hören?
Ich schäme mich!
Vor der Mutter, sagst du, soll man sich nicht schämen? Es ist wahr ... Und doch ... Weißt du was, Mameschi? Setz dich hier auf diesen Stuhl vor dem Fenster ... Gut so!
Ach, wie schön die Sonne untergeht! Wie schön fallen ihre rötlichen Strahlen auf dein edles, blasses Gesicht!...
Ach, Mameschi, wie schön, wie schön und edel bist du!
Warte ... Nun will ich mich dir zu Füßen setzen ... Und du sollst mir, wenn ich erzähle, nicht ins Gesicht schauen ... Ich will mich auf den Fußschemel setzen und beim Erzählen zum Fenster hinausschauen ...
Nein!... So ists nicht gut! Ich werde mich vor der Sonne schämen ... Siehst du: am Tage strahlt sie, doch am Abend nimmt sie von uns so traurig Abschied, daß ich mich schäme, von mir zu sprechen ...
Ich will meinen Kopf an deinen Schoß lehnen ... Ich will meine Augen schließen, und du ... du leg mir noch deine Hand auf die Stirn ... Ist es dir nicht zu schwer, Mameschi, wenn ich meinen Kopf so an dich lehne? Nein?
Sechzehn Jahre ist dein Kind alt und hat ein so leichtes, ein so kleines Köpfchen ... Und ich selbst ...
Seufze nicht, Mameschi! Gott hat mich nicht zu karg bedacht: er gab mir zwar wenig Fleisch, dafür aber viele andre gute Gaben: dich, den Vater ... Tage und Nächte mit wunderlichen Träumen ... Und nun -- das Geheimnis ...
Nun sehe ich nichts ... Mit geschlossenen Augen werde ich es vielleicht doch erzählen können ... Ich wills versuchen ...
Es fällt mir so schwer!...
Wenn ich es mir so überlege -- so ist es nichts: ein Netz aus einigen wunderlichen Strahlen, -- und doch lastet es mir auf dem Herzen wie ein Stein ... Es ist kein Kieselstein, kein Stein von der Gasse oder vom Felde ...
Es ist ein kostbarer Stein; er strahlt und leuchtet ...
Er liegt mir tief in der Brust und erfüllt mein ganzes Wesen, alle meine Glieder mit seinen Strahlen, mit seinem heimlichen, warmen, lebendigen Licht ...
Das Licht soll nicht verlöschen, Mameschi!
Es verlischt so vieles!...
* * * * *
Hörst du, Mameschi!
Nein, warte, so einfach und geradeaus beginnen kann ich doch nicht ...
Hör aber! Weißt du noch, Mameschi, daß du mir gestern etwas Kleingeld gabst? Weißt du es noch?
Ich habe davon noch nichts ausgegeben, und doch fehlt mir schon etwas ...
Es fehlt mir ein Zehnerl!
Ob ich es verloren habe? Nein ... Du gibst mir doch das Geld, damit ich davon armen Leuten, armen Kindern, denen ich bei meinen Spaziergängen begegne, Almosen gebe ... Armengeld werde ich doch nicht verlieren!
Ob ich es weggegeben habe? Gewiß. Ob einem Armen? Ich weiß es nicht ... Vielleicht ja, und vielleicht auch nicht ... Hör nur zu, vielleicht wirst du es selbst verstehen!
Gestern ging die Sonne ebenso schön unter ... Vielleicht noch schöner ...
Du hast mich schauen gelehrt, und ich schaue und sehe, was andre meinesgleichen nicht sehen ... Darum gehe ich am liebsten ganz allein spazieren ... Gestern ging ich hinter die Stadt, du weißt, zu der Stelle am Flusse, von wo aus man sie ganz überblickt. Die Häuser türmen sich übereinander, immer höher und höher; und die Häuser, die weiter stehen, wollen über die andern hinüberschauen und auch etwas von Gottes Welt sehen; darum ragen sie, je weiter sie stehen, um so höher hinauf. Und die Sonne sieht im Untergehen auf sie herab und übergießt sie mit ihrem Lichte ... nimmt Abschied von ihnen ... küßt sie ...
Und ich sehe, wie die Schatten diesen letzten Strahlen nachjagen, wie sie sich immer mehr und mehr verdichten und wie sie fließen und überall eindringen, wo sie nur können. Sie erfüllen alle Zwischenräume zwischen den Häusern, alle freien Plätze zwischen den Mauern, und sie heben und jagen das letzte rötliche Sonnenlicht hinauf, in den Himmel, aus dem es kommt ... »Geht zur Ruhe, ihr Strahlen, jetzt ist =unsre= Zeit!... Gute Nacht!...«
Und es wird allmählich dunkler und dunkler und der Himmel immer tiefer und tiefer ... Bald werden, einer nach dem andern, die Sterne aufleuchten ... Und wie ich das alles sehe, komme ich zur Schreinergasse, zu der letzten Gasse der Stadt, die so steil hinuntergeht ... Und so kam ich zum Fluß, wo die alte Schul steht ...
Und ich kam ganz nahe an die alte Schul heran.
Am Tage sieht sie schrecklich aus: armselig, baufällig, ganz schwarz vor Alter ... Die Spinnen wollen aus Mitleid die eingeschlagenen Fensterscheiben überweben ... Und auf dem Hügel gegenüber, am andern Ende der Gasse, steht die schlanke, spitze Christenkirche und lacht ...
Doch am Abend sah die alte Schul ganz anders aus ... Zum ersten Male sah ich sie gestern so ... Ein leichter, lieblicher, dunkelblauer Nebel umhüllte sie ... Die Fenster ohne Scheiben waren gar nicht blind ... Sie blickten ernst und tief in die Welt hinaus ... Und die Gesimse oben lebten und rührten sich beinahe. Die gemalten Löwen wollten sich von der Mauer losreißen ... Gleich werden sie zu brüllen anfangen!
Glaubst du, daß =das= mein Geheimnis ist? Nein, Mameschi! Das alles sehe ich erst jetzt, wie ich es dir erzähle; mit den gestrigen Augen sehe ich es.
Ach, Mameschi, wenn ich reich wäre!
Was ich dann täte?
Ich würde die alte Schul wieder aufrichten!
Ich will, daß auch sie hoch ist und in den Himmel hinaufragt! Und sie muß höher sein, weil sie tiefer steht! Und ein goldenes Dach soll sie haben und kristallene Fensterscheiben!
Hörst du, Mameschi, so denke ich es mir: man kann ja auch ohne Schul auskommen; denn Gott ist überall ... Wo nur eine Träne fällt, die merkt er! Wo jemand die Augen zu ihm hebt, den sieht er! Wo nur ein bekümmertes Herz seufzt, das hört er!... Wenn man aber schon eine Schul hat, so soll sie hoch, schön, strahlend und würdig sein.
So dachte ich es mir auch gestern. Und plötzlich hörte ich ein Weinen! Ein leises und trauriges Weinen, süß und traurig und so seltsam ergreifend ...
Wenn du spielst, kommen manchmal aus dem Klavier solche weinende Töne ...
Und ich glaubte -- Mameschi, die Wahrheit zu sagen, =wollte= ich es glauben, und ich wandte mich absichtlich nicht um, um es möglichst lange glauben zu können -- ich glaubte, daß das Weinen und Schluchzen aus der alten Schul kommt ... daß dort drinnen, in dunkelblauen Nebel gehüllt, die Seele der alten Schul sitzt und weint ...
Und sie beklagt sich, daß die Sonne ihr unrecht tut ..., daß sie ganze Garben ihres goldenen Lichtes auf das Kirchendach ausschüttet und ihr kaum einen Strahl gönnt ... Sie wirft ihr am hellsten Mittag nur einen blassen Strahl wie ein Almosen zu ... Und dieser Strahl gleitet über sie weg und stiehlt sich fort, wie verschämt!...
Aber es war =nicht= die Schul ...
* * * * *
Es war ein kleines Mädchen ... Es lag im Sande, suchte etwas und weinte ...
Als ich mich umwandte, sah ich erst nur ihr abgetragenes Kleidchen wie einen dunkelgrauen Fleck auf dem gelben Sande und ein Paar ausgetretene Schuhe!
Und noch etwas sah ich ...
Mameschi, ich schäme mich ... es wird mir so warm ... Stelle dir vor: eine Flut rote, ganz feuerrote Haare ... Funken stoben aus ihnen ...
»Was weinst du, Mädchen, und was suchst du im Sand?«
Ihre Mutter hatte sie etwas kaufen geschickt und ihr ein Zehnerl mitgegeben. Jemand stieß sie im Vorbeigehen an, und das Zehnerl fiel in den Sand ... Darum weint sie ...
Ich -- wenn ich Gott weiß was verloren hätte, ich täte nicht weinen!
Ich frage sie: »Wars ein großer Zehner oder ein weißes Zehnerl?«
»Ein weißes!« sagt sie und wendet sich nach mir gar nicht um.
»Ich will dir suchen helfen,« sage ich.
Ich bücke mich, tue so, als ob ich suchte, und finde ihr ein weißes Zehnerl.
»Hier hast du es!«
Sie sprang vor Freude auf und warf sich mit einem Ruck des Kopfes die rote Haarflut in den Nacken ... Und unter den Haaren kam wie unter einer Wolke ein kleines alabasterweißes Gesichtchen zum Vorschein ... Und Augen waren darin, Mameschi, Augen ...
Nein, Mameschi, die Augen kann ich nicht beschreiben!...
So viel Freude leuchtete in ihnen ...
Die ganze Nacht träumte ich von diesen Augen, die ganze Nacht ...
* * * * *
Das ist mein ganzes Geheimnis, Mameschi!
Du lächelst?
Lache nicht, Mameschi! Die Augen vergesse ich niemals ...
* * * * *
Mameschi ...
Darf ich wieder einmal in die Schreinergasse gehen, mir wieder ... die alte Schul anschauen?...
Bonze Schweig
Hier auf =dieser= Welt machte Bonze Schweigs Tod gar keinen Eindruck! Man kann lange fragen, =wer= Bonze Schweig war, =wie= er lebte, =woran= er starb: ob ihm das =Herz= barst, ob ihm die Kräfte ausgingen, ob ihm unter einer schweren Last das Rückgrat brach ... Wer weiß? Vielleicht starb er gar vor Hunger ...
Wenn ein Trambahnpferd stürzt, macht das schon viel mehr Eindruck: die Zeitungen berichten darüber, Hunderte von Menschen rennen aus allen Gassen herbei, um das gefallene Pferd oder nur die Stelle, wo sich der Unfall ereignete, zu sehen ... Doch auch dem Trambahnpferde wäre diese Ehre nicht zuteil, wenn es ebenso viele Millionen Trambahnpferde gäbe wie Menschen.
Bonze hat still gelebt und ist still gestorben. Wie ein Schatten glitt er durch =unsre= Welt.
Bei Bonzes Beschneidungsfeier trank man keinen Wein, klirrten keine Becher. Bei seiner Bar-Mizwa(15) hielt er keine wohlgesetzte Rede ... Er lebte wie ein farbloses Sandkörnchen am Meeresufer unter Millionen seinesgleichen. Und als der Wind das Sandkörnchen aufhob und auf das andre Ufer des Meeres hinübertrug, merkte es niemand.
(15) Feier des 13. Geburtstages: mit dreizehn Jahren erlangt der Jude religiöse Mündigkeit.
Solange er lebte, behielt der Straßenschmutz keine einzige Spur seiner Füße. Und als er begraben war, warf der Wind die kleine Holztafel auf seinem Grabe um. Die Frau des Totengräbers fand später das Brettchen weit vom Grabe liegen, machte Feuer damit und kochte darauf ihre Kartoffeln ... Drei Tage nach Bonzes Tode wußte der Totengräber nicht mehr, wo er ihn beerdigt hatte!
Hätte Bonze ein richtiges Grabmal gehabt, so wäre es möglich, daß hundert Jahre nach seinem Tode Altertumsforscher den Grabstein gefunden hätten; dann wäre Bonze Schweigs Namen noch einmal in =unsrer= Luft erklungen.
Ein Schatten! In keinem Menschenherzen, in keinem Menschenhirn blieb Bonze Schweigs Bild zurück. Nichts erinnert an ihn. Elend gelebt, elend gestorben!
Wenn nicht der ewige Straßenlärm, so hätte vielleicht jemand gehört, wie Bonze Schweigs Rückgrat unter den schweren Lasten knackte; hätte die Welt mehr Zeit gehabt, so hätte vielleicht jemand bemerkt, daß Bonze Schweig erloschene Augen und furchtbar eingefallene Wangen hatte, daß er, selbst wenn er keine Last auf dem Rücken schleppte, immer den Kopf gesenkt hielt, als ob er sich schon bei Lebzeiten ein Grab suchte. Und wenn es nur ebensoviel Menschen gäbe wie Trambahnpferde, so hätte vielleicht doch jemand gefragt: was ist aus Bonze Schweig geworden?!
Als man Bonze Schweig ins Spital brachte, blieb seine Schlafstelle im Keller nicht leer: zehn seinesgleichen warteten schon auf seinen Winkel, den sie untereinander versteigerten. Als man ihn aus dem Spitalbette hob und in die Leichenkammer brachte, warteten auf sein Bett schon zwanzig andre arme Kranke ... Und als man ihn aus der Leichenkammer hinaustrug, brachte man zwanzig Leichen herein, die man unter einem eingestürzten Hause herausgeholt hatte ... Wer weiß, wie lange er in seinem Grabe bleiben darf, wer weiß, wieviel Tote auf das kleine Fleckchen Erde warten ...
Still geboren, still gelebt, still gestorben und noch stiller begraben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Ganz anders war es aber auf =jener= Welt! Dort machte Bonze Schweigs Tod einen gewaltigen Eindruck.
Die große Posaune, die dereinst auf Erden bei Messias' Ankunft erklingen wird, verkündete in allen sieben Himmeln: Bonze Schweig ist im =Herrn entschlafen=! Die vornehmsten Engel mit den breitesten Flügeln flogen durch den Himmel und riefen einander zu: Bonze Schweig ist zu den himmlischen Scharen einberufen worden! Und im Paradiese war eitel Freude, ein Singen und Rauschen: Bonze Schweig! Das ist doch wirklich kein Spaß!
Junge Engel mit diamantenen Augen, goldenen, filigran gearbeiteten Flügeln und silbernen Pantöffelchen flogen und liefen ihm freudejauchzend entgegen! Das Rauschen der Flügel, das Klappern der Pantöffelchen, das fröhliche Lachen der jungen, frischen, rosigen Engel klang durch alle Himmel und drang bis vor den Thron der Göttlichen Majestät. Und Gott selbst wußte schon auch, daß Bonze Schweig kommt!
Vater Abraham stellte sich vor der Himmelstür auf, die rechte Hand zu einem gar freundlichen Willkommengruß ausgestreckt, ein süßes Lächeln auf seinem strahlenden Greisenantlitz.
Was rollt da durch den Himmel?