Part 2
Doch der Schüler zog die Hände vom Gesicht nicht fort. Der Rosch-Jeschiwo legte seinen Löffel weg und ging an den Schüler heran. Einige Zeit betrachtete er ihn mit Stolz und Liebe, dann berührte er seine Schulter:
»Man hat dir Essen gebracht!« weckte er ihn mit freundlicher Stimme.
Der Schüler nahm seine Hände langsam und unwillig vom Gesicht weg. Das Gesicht war noch blasser geworden, und die Augen brannten noch unheimlicher.
»Ich weiß, Rebbe!« antwortete er. »Doch ich werde heute nicht essen.«
»Den vierten Tag fasten?« fragte der Rosch-Jeschiwo erstaunt. »Und ohne mich?« fügte er etwas beleidigt hinzu.
»Es ist ein eigener Fasttag,« antwortete der Schüler. »Ich faste heute zur Buße ...«
»Was redest du? Wie kommst du zur Buße?«
»Gewiß, Rebbe! Ich muß büßen ..., weil ich vor einem Augenblick, als Ihr zu essen begannt, gegen das Gebot 'Laß dich nicht gelüsten' sündigte!«
* * * * *
In der folgenden Nacht weckte der Schüler den Lehrer. Die beiden schliefen einander gegenüber auf Bänken in der Lehrstube.
»Rebbe, Rebbe!« rief der Schüler mit schwacher Stimme.
»Was ist?« Der Rosch-Jeschiwo erwachte und erschrak.
»Ich war soeben auf dem höchsten Gipfel ...«
»Wieso?« fragt der Rosch-Jeschiwo, noch etwas verschlafen.
»Es hat =in mir= gesungen!«
»Wieso? Wieso?«
»Das weiß ich selbst nicht, Rebbe,« antwortete der Schüler kaum hörbar. »Ich konnte nicht einschlafen und vertiefte mich in Euren Vortrag ... Ich wollte um jeden Preis jene Melodie kennen lernen ... Und vor großem Kummer, daß ich es nicht konnte, fing ich zu weinen an ... Alles weinte in mir, alle meine Glieder weinten vor dem Schöpfer der Welt! Und dabei machte ich die Gebetübungen, die Ihr mich gelehrt habt, doch seltsam: nicht mit dem Munde, sondern tief im Innern! Und plötzlich wurde es so hell. Ich hielt die Augen geschlossen, und doch war es um mich hell, sehr hell, blendend hell ...«
»Recht so!« sagte der Alte, sich vorbeugend.
»Und vor dieser Helle wurde mir so gut, so leicht ... Es war mir, als ob ich keine Schwere mehr hätte, als ob mein Leib jedes Gewicht verloren hätte und fliegen könnte ...«
»Recht so!«
»Dann wurde es mir so lustig, so lebendig zumute ... Mein Gesicht blieb unbeweglich, meine Lippen rührten sich nicht, und doch lachte ich ... Lachte so gut, so herzlich, so fröhlich ...«
»So, so! Ganz recht: in höchster Freude ...«
»Dann summte etwas in mir, wie der Anfang einer Melodie ...«
Der Rosch-Jeschiwo sprang von seiner Bank auf und war mit einem Satz beim Schüler.
»Und weiter?«
»Und weiter fühlte ich, wie es in mir zu singen anfing ...«
»Was hast du dabei gefühlt? Was? Was? Sag!...«
»Ich fühlte, daß alle meine Sinne geschlossen und verstopft sind, und in mir inwendig etwas singt ... Ganz wie es sich gehört: ohne Worte und ohne Töne, so ...«
»Wie? Wie?«
»Nein, ich kann es nicht ... Früher konnte ich es noch ... Dann wurde aus dem Singen ...«
»Was wurde aus dem Singen? Was?«
»Eine Art Musik ... Gleich als ob ich in mir eine Geige hätte, oder als ob in meinem Innersten der Spielmann Jojne säße und eines der Stücke spielte, die er beim Rabbi an der Tafel spielt! Es klang aber noch viel schöner, edler, trauriger! Und alles ohne Töne, ganz ohne Töne, rein geistig ...«
»Wohl dir! Wohl dir! Wohl dir!«
»Und nun ist alles weg!« sagt der Schüler sehr traurig. »Meine Sinne sind wieder erwacht, und ich bin so müde, so furchtbar müde, daß ich ...«
»Rebbe!« schreit er plötzlich auf, sich an die Brust greifend. »Rebbe, sprecht mir das Sterbegebet vor! Man ist mich holen gekommen! Sie brauchen dort oben einen neuen Chorjungen! Ein Engel mit weißen Flügeln... Rebbe! Rebbe! Schma Ißroel!(7) Schma ...«
(7) Schma Ißroel: »Höre, Israel«, das heiligste jüdische Gebet.
* * * * *
Das ganze Städtchen wünschte sich einen solchen Tod. Doch dem Rosch-Jeschiwo war es zu wenig.
»Noch einige Fasttage,« seufzte er, »und er wäre noch ganz anders gestorben: durch einen Kuß von Gottes Munde!«
Berl der Schneider
Erew Jom-Kippur -- Vorabend des Versöhnungstages -- in der Berditschewer Schul. Es senkt sich die Nacht. Die alten Leute haben bereits vor dem Thoraschreine das Gebet: »Mit Wissen des Schöpfers und mit Wissen der Schöpfung ...« gesprochen und sind auf ihre Plätze zurückgekehrt. Rabbi Levi-Jizchok steht am Vorbeterpult: er soll das Kol-Nidrej anstimmen, doch er schweigt.
Alle Blicke hängen an seinem Rücken. In der Weiberabteilung ist es still wie auf dem Meere vor dem Sturme. Vielleicht wird er zuvor, wie er das schon manchmal tat, einige Worte sprechen, wird sich in der gemeinen Volkssprache mit dem Schöpfer der Welt auseinandersetzen, wie ein Mensch mit seinem Nächsten spricht.
Aber Rabbi Levi-Jizchok steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehüllt, vor dem Pulte und schweigt.
(8) Kittel: Totenhemd, das jeder Jude am Versöhnungstage während des Gottesdienstes trägt.
Was hat das zu bedeuten?
Sind die Tore des Gebets zu einer so späten Stunde noch geschlossen? Hat Rabbi Levi-Jizchok nicht die Kraft anzuklopfen? Er hält seinen Kopf etwas geneigt, wie lauschend; lauscht er, ob man die Tore nicht schon aufschließt?
Und plötzlich wendet sich Rabbi Levi-Jizchok um und ruft:
»Schuldiener!«
Der Schuldiener eilt zu ihm hin, und der Rabbi fragt:
»Ist Berl der Schneider noch nicht da?«
Die Gemeinde ist vor Erstaunen wie versteinert. Der Schuldiener stammelt: »Ich weiß nicht ...« und sieht sich um. Auch Rabbi Levi-Jizchok mustert die Anwesenden.
»Nein, er ist noch nicht da!« sagt er schließlich. »Ist zu Hause geblieben.« Und dann wendet er sich wieder zum Schuldiener:
»Geh zu Berl dem Schneider ins Haus und ruf ihn her! Ich, Levi-Jizchok, der Rabbi der Stadt, ließe ihn rufen!«
Berl der Schneider wohnt in der Schulgasse, nicht weit vom Bethause. Und er kommt auch sehr bald, ohne Kittel und Gebetmantel, in Werktagskleidern. Sein Gesicht ist finster, seine Augen sind böse und erschrocken zugleich. Er geht auf Rabbi Levi-Jizchok zu und sagt:
»Ihr habt mich rufen lassen, Rabbi, so bin ich zu =Euch= gekommen.«
Er betont: »Zu Euch«.
»Sag einmal, Berele,« fragt der Rabbi lächelnd, »warum wird heute dort oben von dir so viel gesprochen? Die himmlischen Heerscharen sind nur mit dir allein beschäftigt. Man hört nichts als: Berl der Schneider und Berl der Schneider!«
»Aha!« triumphiert Berl.
»Hast du irgendeine Beschwerde vorzubringen?«
»Gewiß!«
»Gegen wen denn, Berele?«
»Gegen den Schöpfer der Welt!« antwortet Berl.
Die Gemeinde hätte ihn in Stücke gerissen. Doch Rabbi Levi-Jizchok lächelt noch freundlicher.
»Vielleicht wirst du uns erzählen, um was es sich handelt?«
»Gerne!« sagt Berl. »Von mir aus kann die Sache sogar gleich hier von Euch entschieden werden. Darf ich sprechen?«
»Sprich!«
»Den ganzen Sommer lang«, beginnt Berl der Schneider seine Anklage, »habe ich, nicht auf Euch gesagt, Rabbi, gar keine Arbeit gehabt ... Weder von einem Juden, noch von einem Bauern. Ich könnte mich einfach hinlegen und sterben, so schlecht ging es mir!«
»Ach!« zweifelt der Rabbi: »Der Same Abrahams, Isaaks und Jakobs ist doch mildtätig, -- du hättest auf die Barmherzigkeit der Leute vertrauen sollen!«
»Darum handelt es sich nicht, Rabbi. Ich sage niemandem ein Wort und nehme von niemandem etwas an.«
Von einem Geschöpf aus Fleisch und Blut nimmt er keine Geschenke an. Er hat vor dem Schöpfer der Welt die gleichen Rechte wie die andern Leute. Das einzige, was er getan hat -- er hat seine Tochter in eine größere Stadt zu fremden Menschen dienen geschickt. Und er sitzt allein zu Hause und wartet, was der Schöpfer mit ihm zu tun beschließt.
Einmal vor dem Laubhüttenfeste geht die Tür auf. Aha! Nun hat er es doch erlebt. Und in der Tat, es ist ein Bote vom Gutsherrn: Berl soll ihm einen Mantel mit Pelz füttern. Der Schöpfer will also doch um ihn sorgen! Er geht aufs Schloß, man führt ihn in ein eigenes Zimmer und übergibt ihm den Mantel und die Felle.
»Hättet Ihr nur die Felle gesehen, Rabbi! Die schönsten Fuchsfelle, die es nur gibt!«
Es ist aber die höchste Zeit zum Kol Nidrej-Gebet. Darum sucht der Rabbi die Erzählung abzukürzen:
»Also kurz und gut, du hast den Mantel gefüttert und warst fertig. Was geschah dann?«
»Eine Kleinigkeit geschah: drei Felle blieben mir übrig.«
»Und die hast du eingesteckt?«
»Das ist leichter gesagt, Rabbi, als getan! Denn wenn man aus dem Schlosse kommt, steht vor dem Tore ein Wächter, und wenn dieser Verdacht hat, so durchsucht er die Kleider und zwingt sogar einen, die Stiefel auszuziehen. Und findet man bei mir, Gott behüte, die Felle, so hat der Gutsherr böse Hunde und Reitknechte ...«
»Was tatest du nun?«
»Bin ich aber doch Berl der Schneider! Ich gehe in die Küche und bitte, daß man mir ein Brot schenkt.«
»Christenbrot, Berele!«
»Nicht zum Essen brauchte ich es, Rabbi! Man schenkt mir einen großen Laib. Ich gehe damit in das Zimmer, wo ich genäht habe, schneide das Brot auf, höhle die Hälften aus, rolle das Weiche, das ich herausgenommen, so lange in den Händen herum, bis es den Geruch vom Schweiß annimmt, und werfe es dem Hunde vor, der in dem Zimmer liegt. Hunde lieben Menschenschweiß. Und die drei Fuchsfelle stecke ich in den Laib und gehe. Am Tore hält man mich an: Was trägst du, Jude, unterm Arm? Ich zeige den Brotlaib her, und man läßt mich gehen. Etwas weiter beginne ich schon zu laufen. Ich gehe nicht durch die Landstraße, sondern nehme den kürzeren Feldweg.
»So gehe ich und hüpfe beinahe vor Freude: Nun werde ich zum Laubhüttenfest einen eigenen Palmenzweig haben und einen eigenen Paradiesapfel! Nichts von der Gemeinde Geborgtes ... So schöne Fuchsfelle!...
»Da erzittert unter mir die Erde ... Ich weiß schon, was das ist: ein Reiter jagt mir nach! Das Blut erstarrt in mir. Sie haben wohl die Felle nachgezählt ... Entrinnen kann ich nicht: es ist doch ein Reiter, und dazu noch auf einem von den Pferden des Gutsherrn! Ich werfe sofort den Brotlaib in die Stoppeln und merke mir die Stelle, mache mir für alle Fälle ein Zeichen. Und schon höre ich, wie man mich ruft: Berl! Berl! -- Ich erkenne die Stimme: es ist wirklich der Reitknecht vom Gutshof. Alle Glieder zittern mir, Rabbi! Meine Seele sitzt mir in den Fußknöcheln ... Ich wende mich aber um und gehe dem Reiter entgegen.
»Nun stellt sich heraus, der ganze Schreck war umsonst: ich hatte vergessen, an den Pelzmantel ein Hängsel anzunähen. Darum hatte man mir den Reiter nachgeschickt. Der Reiter setzt mich hinter sich aufs Pferd, und schon reiten wir zurück.
»Ich danke Gott für die Rettung, nähe das Hängsel an und gehe. Doch wie ich zu der bewußten Stelle komme, ist der Brotlaib nicht mehr da! Die Felder sind längst abgemäht, kein Menschenkind kommt da vorbei, und kein Vogel in der Welt hat die Kraft, eine solche Last wegzuschleppen ... Es ist also klar, wer das getan hat ...«
»Wer?« fragt Rabbi Levi-Jizchok.
»Er!« antwortet Berl der Schneider und deutet mit dem Finger nach oben. »Der Schöpfer der Welt! Sein Werk ists! Und ich weiß, Rabbi, warum er das getan hat: Er, der große Herr, will nicht dulden, daß ich, Berl der Schneider, mir nach Schneiderart einen Rest aneigne ...«
»Es stimmt ja auch,« sagt Rabbi Levi-Jizchok mild: »Nach dem Gesetz ...«
»Ach was, Gesetz!« ereifert sich Berl. »Der Brauch bricht ein Gesetz. Nicht ich habe den Brauch eingeführt; er stammt von uralten Zeiten!«
»Und wenn schon der Schöpfer der Welt,« fährt er fort, »der große und stolze Herr nicht will, daß ich, Berl der Schneider, der ärmste Knecht von allen Knechten, die ihm dienen, mir einen Rest aneigne, so soll er mir Arbeit verschaffen, so soll er mir, wie jeder andre Herr, Gehalt zahlen! Aber er duldet nicht das eine und gibt mir nicht das andre. Nun will ich ihm, dem Schöpfer der Welt, nicht länger dienen. Ich habe es gelobt! Es ist aus!«
Durch die Gemeinde geht eine Bewegung. Drohende Hände erheben sich. Man will auf den Schneider losstürzen. Doch Rabbi Levi-Jizchok gebietet Ruhe. Es wird wieder still, und der Rabbi fragt gütig:
»Und was geschah weiter, Berl?«
»Nichts! Ich komme nach Hause und esse, ohne zuvor die Hände zu waschen. Mein Weib will mich zur Rede stellen -- ich schlage sie ins Gesicht. Ich lege mich zu Bett und spreche nicht das Abendgebet. Meine Lippen wollen von selbst 'Höre Israel!' sprechen, doch ich beiße sie mit den Zähnen. Und am Morgen: weder Segensspruch, noch Handwaschung, noch Morgengebet: Er soll mir zu essen geben! Mein Weib rennt aus dem Hause ins Dorf zu ihrem Vater, dem Pächter. Also bleibe ich ohne Weib! Es ist mir sogar lieber so: ich bin ja Berl der Schneider, doch sie ist nur ein schwaches jüdisches Weib, -- soll sie lieber damit nichts zu tun haben. Und ich tue das meinige: am Laubhüttenfest weder Laubhütte, noch Palmenzweig. An den Festtagen spreche ich keinen Segensspruch über den Wein, und am Simchas-Tojre-Tag, an dem uns die Thora gegeben wurde, ziehe ich mir, wie Mordechai nach Hamans Mordbeschluß, zum Zeichen der Trauer einen Sack an!
»Und wie die Zeit vor dem Neujahrsfeste kommt, wenn man jede Nacht ins Bethaus geht, um Bußgebete zu sprechen, da wird es mir schon etwas bange: der Schuldiener klopft jede Nacht ans Fenster, um mich zu wecken, und mein Herz klopft auch. Es zieht mich hin ... Aber ich bin ja Berl der Schneider und halte mein Wort! Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf und gebe nicht nach. Dann kommt das Neujahrsfest -- ich rühre keinen Finger. Und wenn die Stunde kommt, wenn man Schojfer(9) bläst, stopfe ich mir Werg in die Ohren ... Das Herz will mir aus dem Leibe springen, Rabbi! Ich habe vor mir selbst Ekel: ich bin ungewaschen und trage schmutzige Werktagskleider. Ein kleiner Spiegel hängt bei mir in der Stube -- ich kehre ihn um zur Wand, ich will mich nicht sehen! Und wie ich höre, daß die Gemeinde zum Flusse geht, um die Sünden ins Wasser abzuschütteln ...«
(9) Widderhorn, das am jüdischen Neujahrstage geblasen wird.
Er verstummt für eine Weile und ruft dann aus:
»Aber recht habe ich, Rabbi! Und ohne was zu erreichen, will ich nicht nachgeben!«
Rabbi Levi-Jizchok denkt eine Weile nach und fragt:
»Was willst du also, Berl? Willst du Arbeit und Verdienst?«
»Ich spucke auf Verdienst!« erwiderte Berl beleidigt. »Verdienst hätte ich =vorher= haben sollen! Auf Verdienst hat jedermann Anrecht! Der Vogel in der Luft, der Wurm in der Erde -- sie alle haben ihr Auskommen. Verdienst ist etwas Selbstverständliches. Jetzt will ich mehr!«
»Sag doch, Berl, was du willst!«
»Ist es wahr, Rabbi, daß am Jom-Kippur nur die Sünden des Menschen gegen Gott verziehen werden?«
»So ist es!«
»Und die Sünden des Menschen gegen seinen Nächsten nicht?«
»Nein.«
Berl der Schneider richtet sich auf und sagt laut und bestimmt:
»Also werde ich, Berl der Schneider, nur dann nachgeben und wieder in den Dienst des Schöpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe an diesem Jom-Kippur auch die andern Sünden verzeiht! Habe ich nicht recht, Rabbi?«
»Du hast recht!« erwidert der Rabbi. »Bleibe nur dabei -- man wird dir schon nachgeben müssen ...«
Und er wendet sich wieder zum Betpult, richtet den Kopf in die Höhe, lauscht hinauf und verkündet nach einer Weile:
»Du hast es durchgesetzt, Berl! Nun schnell nach Haus, hole Kittel und Gebetmantel!«
Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben
Eine Geschichte von Jojchenen dem Melamed(10)
(10) Jüdischer Kleinkinderlehrer.
I
Vorrede. Ich entschuldige mich und bekenne meine Ansicht, daß es in der Welt keinen Unglauben gibt
Meine Herren! Ich, Jojchenen der Melamed, will euch eine Geschichte erzählen. Und die Geschichte, die ich euch erzählen will, ist wie ein Rädchen in einem Rade: eine Geschichte in einer anderen Geschichte.
Beide Geschichten habe ich nicht erfunden oder, wie man sagt, aus den Fingern gesogen. Ich bin, gottlob, kein Schreiber. Ich erzähle sie euch ganz einfach, ohne Salz und Schmalz; Wortgeklingel lieb ich nicht ... Wer die Wahrheit sagt, braucht keine Kunstgriffe, der spricht einfach seine Muttersprache.
Eine Vorrede muß ich euch aber doch geben: diese Geschichten, die ich erzählen will, werden euch möglicherweise zeigen, daß ihr, meine Herren, in vielen Dingen zu weit gegangen seid und euch zu sehr auf eure Sinne verlassen habt; daß es in der Welt Dinge gibt, von welchen weder euch noch euren größten Weisen je geträumt hat ... Darum bitte ich euch, mir das nicht übelzunehmen.
Wenn ihr wollt, könnt ihr glauben, und wenn nicht, so nicht.
Ich will mich auch gleich vor meinen Freunden rechtfertigen: es wird meine Freunde vielleicht verdrießen, daß ich sozusagen aus der Schule plaudere, und dazu noch heutzutage, wo es so viel Unglauben gibt ... und daß dadurch ein Ärgernis entstehen kann. Gott bewahre! Ich will ihnen sagen, daß es überhaupt keinen Unglauben auf der Welt gibt: das mit dem Unglauben ist eine erfundene Sache!
Denn die ganze Welt ist nichts als Glauben!
Könnte es denn auch anders sein?
Die Welt ist unendlich groß, hat wirklich keine Grenzen! Und unser Verstand ist so klein, so winzig, daß wir einem Menschen gleichen, der in einer finsteren Nacht, mit einem Pfenniglicht in der Hand, das kaum vier Schritt weit leuchtet, durch eine öde, finstere Wüste geht!
Ich bleibe bei meiner Meinung: ohne Glauben kann man überhaupt nicht auskommen! Die Vernunft allein reicht nicht aus. Wo kommt dann das Märchen vom Unglauben her? Nun, diese nichtsnutzigen Schreiber, die für das einfache Volk, für Köchinnen und Dienstmädchen Bücher verfassen, die Geschichten von Mördern und Räubern, von Falschmünzern und Wechselfälschern ausdenken, nur um die Leute zu erschrecken und ihr Blut in Wallung zu bringen, -- diese selben Schreiber haben auch den Unglauben und den Irrglauben erfunden! Und zwar mit demselben Zweck: um das gemeine Volk -- die Dienstmädchen, Schuster- und Schneiderlehrlinge -- zu erschrecken ...
Doch in Wahrheit: ohne Glaube kein Wille; einfach jüdisch gesprochen heißt das, daß ein Mensch, der nichts glaubt, auch nichts will und zu nichts Lust hat!
Ein solcher Mensch ist nichts mehr als ein Lehmklumpen, ein Stück Holz! Und wenn du Menschen siehst, welche Gelüste haben oder ihre Gelüste zugunsten andrer, größerer oder erhabenerer überwinden. Menschen, welche essen und trinken, Familienglück genießen, im Schweiße ihres Angesichts arbeiten und den Kopf voller Geschäfte haben, so wisse, daß diese Menschen =glauben=! Daß sie zumindest an ihr eigen Leben glauben!...
Denn zweifeln kann man ja schließlich auch daran! Wenn man will, so sagt man: Das Leben ist nichts! Und dagegen läßt sich schon wirklich nichts machen.
Doch die Regel ist: alle glauben. Nur glaubt der eine, daß der Leviathan vor dem Schor-ha-Bor(11) verzehrt werden wird; und der andre sagt: nein, umgekehrt, der Schor-ha-Bor kommt zuerst, und dann der Leviathan als Zuspeise. Und ein »aufgeklärter« junger Mann, der weder an den Leviathan noch an den Schor-ha-Bor glaubt, der glaubt an den Äther! Und was ist dieser Äther? Da erklärte mir ein solcher junger Mann: der Äther ist etwas, was weder Körper noch körperliche Kraft, weder Seele noch überhaupt etwas Geistiges ist; er nimmt keinen Raum ein und hat kein Gewicht ... Mit einem Worte: er ist ein »Ja« und ein »Nein« zugleich!
(11) Leviathan (aus dem Buche Hiob) und Schor-ha-Bor (ein Riesenstier der talmudischen Sage) sollen bei Messias' Ankunft von den Gerechten verzehrt werden.
Frage ich ihn, ob er den Äther gesehen hat? Nein! Aber er glaubt an ihn! Kurz und gut: alle glauben.
Was ist dann der Unterschied? Nun, jeder glaubt an =seinen= Rebben, jeder hat =seinen= Glauben, sozusagen =seinen= kleinen Götzen.
Alle blicken fremden Leuten auf den Mund. Alle küssen; doch der eine küßt den Vorhang vor dem Thoraschreine, wenn er auch nicht weiß, was im Schreine ist; der andre das kabbalistische Buch »Megillo Tmirin«, wenn es vom Tische herunterfällt; ich habe sogar mit meinen eigenen Augen gesehen, wie einer von ihren Leuten die »Geheimnisse von Paris« küßte. Und ich habe aus sicherer Quelle gehört, daß diese »Geheimnisse« die schauerliche Geschichte von einem gewissen Charbojno darstellen -- doch nicht von unserem Charbojno, seligen Angedenkens, aus dem Buche Esther(12), sondern von einem Pariser Holzhacker, der barfuß auf Glasscherben herumging -- und noch ähnliche Lügen, die ein Pariser Lügner erfunden und ein Wilnaer »Aufgeklärter« in die heilige Sprache übersetzt hat.
(12) Kap. 1, V. 10.
Meine Herren! Ich habe gottlob viel vom Leben und von der Welt gesehen; ich war Melamed in Dörfern und in kleinen Städten und auch in großen Städten. Seit sieben Jahren bin ich, Gott sei Dank, Melamed in Warschau, und ich komme, gottlob, unter Menschen, und ich kenne Menschen! Ich kenne Misnagdim(13), die beim chassidischen Gebet »_Wajizmach purkonej_« aus der Haut fahren, und ich kenne Chassidim, die einen, der zu einem andern Rebben fährt, für einen Ketzer -- daß Gott davor behüte! -- halten.
(13) Misnagdim: Gegner der Chassidim sowie auch überhaupt alle Nicht-Chassidim.
Ich kenne auch »Aufgeklärte«, sogar sehr viele; bedeutende und unbedeutende, solche, die wirklich was wissen, und gewöhnliche Schreiberseelen; ich kenne sogar viele, sehr viele Abtrünnige. Das alles kenne ich. Doch einen Menschen, der nicht glaubt, habe ich noch nie gesehen!
Ich wage sogar die Behauptung aufzustellen, daß es in der ganzen Gesellschaft der »Aufgeklärten« keinen einzigen gibt, der seinen eigenen Zuschnitt, sein eigenes System, seinen eigenen Weg hätte. Ich sah unter ihnen keinen einzigen, der seine eigene Ansicht über die Dinge hätte; mit Ausnahme von vielleicht zwei oder drei ganz großen Karpfenköpfen ... Und die ganze übrige Gesellschaft, wie ihr sie seht, ist nicht ein ausgeblasenes Ei wert! Auch sie sind Chassidim, nur von einer andern Richtung! Sie glauben eben an =ihren= Rebben! Und sie hängen an =ihrem= größten Mann der Zeit, genau so, wie wir an dem unsrigen!
Und ich kann einen heiligen Eid schwören, daß keiner von ihnen ein eigenes Lehrgebäude hat, nicht einmal für eine Stunde! Nichts als Glaube an den Großen der Zeit. Und sie sprechen ihm alles nach, ohne einen Unterschied zu machen zwischen dem, was er mit Überlegung, bei klarem Verstande und im Ernst gelehrt, und dem, was er so nebenhin, oder im Zorne, oder gar nur, um zu widersprechen, gesagt hat.
Ganz wie bei unsern Gesinnungsgenossen! Es ist nicht der geringste Unterschied!
Und wenn einer von dieser Gesellschaft zu mir kommt und sagt, daß er an nichts glaubt, so ist es einfach dumm: ich werde ihn doch nicht dadurch beschämen, daß ich ihm meine Ansicht sage. Für mich selbst weiß ich aber, daß er entweder Spaß macht oder einfach prahlt; und gerade ein solcher fürchtet sich, nachts allein auszugehen! Und vielleicht =muß= er überhaupt so sprechen, weil es sein Geschäft verlangt. Was tut der Mensch nicht wegen seines Geschäfts!... Und er kann ja auch ein ganz dummer Mensch sein, der nicht einmal weiß, =was= er nicht weiß und was man glauben muß!
Und wenn so, warum sollen wir uns dessen schämen, was wir glauben?! Worin sind denn unsere Gesinnungsgenossen ärger als alle die »Aufgeklärten«, die nichts andres tun, als Ammenmärchen und Wunder zum größern Ruhme ihrer Großen erzählen? Weil unsere Geschichten nicht erfunden sind? Weil wir die Leute nicht mit Schauergeschichten von Räubern und Mördern, Falschmünzern und Wechselfälschern erschrecken? Muß man denn unbedingt nur über solche Dinge schreiben, die glatt erfunden sind?
Und ich will ja keine Geschichte von jenseit des Meeres oder aus uralten Zeiten erzählen, sondern eine wahre Begebenheit, die sich hier in Warschau und zudem vor ganz kurzer Zeit ereignet hat!
Und vielleicht kommt jemand und sagt: Es ist nicht wahr! Die Sache ist erlogen!... Gut, soll er nur kommen, soll er sich unterstehen! Ich bin, Gott sei Dank, ein einfacher Melamed und kein Schreiber, Gott behüte! Und Lügen ist weder mein Handwerk noch mein Geschäft!
Kurz und gut -- meine Geschichte ist wahr. Und wenn jemand kommt und ihr eine andere Deutung gibt? Gut, so werden wir ihn anhören.
Bis hierher geht die Vorrede, und nun beginnt die Geschichte selbst.