Jüdische Flieger im Kriege, ein Blatt der Erinnerung
Part 5
... den ersten Feindflug habe ich nun auch, vom Gegner unbehelligt, erledigt. Ich startete gestern mit einem alten Beobachter zum Einschießen der Feldartillerie in unserem Abschnitt. Zu diesem Zweck werden am Abend vorher telefonisch die Ziele, auf welche die Batterien sich einschießen wollen, mitgeteilt. Mit mir startete eine andere Flugzeugbesatzung, die uns zu schützen, d. h. vor überraschenden Angriffen durch französische Kampfeinsitzer (#spads#) zu bewahren hat. Ich flog die mir ein für allemal zugeteilte Maschine, von neuerem Typ mit 200 PS, die allgemein an der Westfront in Gebrauch ist. In 150 m Höhe verschluckte sich der Motor infolge zu starker Benzinzufuhr; ich flog gleichwohl Laon an, mich in niedriger Höhe (etwa 1500 m) haltend. War der Himmel beim Start nur leicht bewölkt, so hatte sich bald alles zugezogen; wir flogen einer starken Wolkendecke, die bis 500 m herabreichte, entgegen. Ich entschloß mich, drüber zu gehen und hatte in 2500 m Höhe die Wolken unter mir. Dafür war weder von der Schutzmaschine, die über mir fliegen sollte, noch von der Erde etwas zu sehen. Nur ab und zu sah man durch Wolkenlöcher unsere Fesselballons, ein Zeichen, daß wir der Linie zuflogen. Auf einmal macht mein Beobachter im Spiegel 3 X, d. h.: über uns sind drei deutsche Kampfflugzeuge, ein beruhigendes Gefühl. Wie ich einmal unter mich sehe, nehme ich eine dunkle Linie, vor und hinter der Loch an Loch liegt, wahr: die Front. Dann sieht man rechts einen Kanal, der durch ein Waldstück geht. Ich nehme Gas weg und lasse mir vom Beobachter erklären, ich erfahre, daß wir über Chemin des Dames sind, wo wir gar nichts zu suchen haben. Da wegen des dicken Nebels die Orientierung schlecht, ein Einschießen undenkbar war, winkt er mich zum Heimflug ein. Wir stoßen durch die Wolken, die Maschine wird von starken Böen erfaßt, und ich habe ordentlich zu arbeiten. Nach 1 1/2 Stunden landen wir glatt im Heimathafen, ohne von der französischen Artillerie, die sonst sehr lebhaft schießt, oder dem Gegner erkannt worden zu sein. Bald darauf erschien auch die Schutzmaschine, die sich ebenfalls »verfranzt« hatte.
7. 9. 17.
... gestern morgen um 5:30, besser gestern Nacht, habe ich einen famosen Infanterieflug mitgemacht. Ich hatte ein anderes Flugzeug der Abteilung bei einem Patrouillenunternehmen der Infanterie zu schützen (bei Vauxaillon, im franz. Bericht vom 6. als gescheitert erwähnt; stimmt nicht ganz). Wir starteten in die Nacht hinein, schraubten uns nur wenig hoch. Mittels einer elektrischen Taschenlampe konnte ich nur die Höhe vom Höhenmesser ablesen. Schon in 100 m sah man in kurzen Abständen von einander Gaslaternen, so schien es, in der Luft. Das waren die mit Fallschirmen versehenen französischen Leuchtraketen. Die Front erscheint von oben als eine lange erleuchtete Straße. Dann flogen wir ran, etwa 1000 m hoch, die Maschine stark gedrückt und dabei mit großer Fahrt. Es war ein herrliches Flammenschauspiel. Man sah die feuernden Batterien, auch französischerseits die Einschläge der Geschosse und Minenwerfer. In stetigen Kurven, um nicht von der Erde aus durch die besonderen Abwehrmaschinengewehre getroffen zu werden, sausten wir über die Front. Obwohl wir bis auf 400 und 700 m herunter gingen, blieben wir durch starke Nebelschwaden dem Feinde verdeckt. Durch Blinksignale wurden wir von der Infanterie aus über den Ausgang des Unternehmens, das einige Gefangene einbrachte, verständigt. Wir selbst funkten an die Divisionen das Ergebnis weiter, außerdem hatten wir die ganze Gefechtslage zu überwachen, z. B. gegebenenfalls Sperrfeuer anzufordern und auf feindliche Batterien zu achten. Es war riesig eindrucksvoll. Um 7 Uhr waren wir wieder wohlbehalten im Hafen. Es ist dies mein vierter Feindflug. Im übrigen ist der Himmel stark bewölkt, und das bedeutet tödliche Langeweile. Tagelang beschäftigungslos zu sein, ist im Kriege wirklich entnervend.
Bei Laon, 8. 9. 17.
... Ich habe bis jetzt fünf Feindflüge, darunter einen sehr brenzligen. Wir hatten uns zu Joffre im Nebel verfranzt und wurden eklig unter Flaks genommen. Die Granaten dröhnten einem nur so um die Ohren, und die Schrapnells pfiffen. Durch einige Sturzflüge und Spiralen entwanden wir uns und kamen schweißbedeckt zu Hause an. Vorgestern habe ich einen herrlichen Nachtflug mitgemacht. Ich schützte ein anderes Flugzeug der Abteilung, das einem Patrouillenunternehmen der Infanterie zur Verbindung und Ueberwachung mitgegeben war. Du kannst Dir die Schönheit des Flammenspiels der feuernden Batterien und Minenwerfer, der Leuchtkugeln usw. von oben nicht vorstellen. Wir flogen bis 400 m in rasender Fahrt über die Gräben weg, ohne im Morgennebel von M.G.'s oder Fl. beschossen zu werden. Unsere Gegner, die franz. Spads, sind glücklicherweise ziemlich lausig. Wenn ihnen der erste Stoß nicht glückt, hauen sie wieder ab.
Drei Tage später, am 11. September 1917 erlitt Bettsak bei der Rückkehr von einem Erkundungsflug vor Laon einen tödlichen Absturz. Am 23. September fand seine Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof der Berliner Gemeinde in Weißensee unter militärischen Ehren statt, zu welcher Feier Kameraden seiner Fliegerabteilung aus dem Felde erschienen, um ihm das letzte Geleite zu geben.
Ueber den Tod hinaus fanden seine Kameraden und Vorgesetzten noch Worte, die das Bild dieses schlichten, aber äußerst tapferen und wagemutigen Soldaten ins rechte Licht rücken; und so heißt es in dem Lebewohl, das ihm seine Bekannten zurufen in den Briefen, die die Eltern erhielten:
... als damaliger Ordonnanzoffizier beim Stabe des Res.-Inf.-Rgt. ... lernte ich Ihren Sohn als einen tapferen, wagemutigen, uns allen einen lieben Kameraden gewordenen Offizier kennen, dem wir alle ein treues Andenken bewahren werden.
Dr. Julian Reis.
... genau so wie wenn unser Heinz noch heute mit mir plaudert. Menschen, die so ausgeprägte Persönlichkeiten waren und mit denen man so gut Kamerad war, können einem nie ganz genommen werden.
Fliegerobltn. Hans Bergner.
... ich lernte Ihren Sohn in Hannover auf der Flieger-Ers.-Abtlg. kennen und machte mit ihm zusammen, kurz vor Ostern, jenen so glänzend verlaufenen Ueberlandflug von Hannover über den Harz und Berlin nach Hannover zurück, bei welcher Gelegenheit er Sie ja auch besuchte. Schon vorher, aber besonders bei diesem Fluge, bei dem wir ja vollständig aufeinander angewiesen waren, lernte ich Kamerad Bettsak schätzen, so daß gerade dieser Flug zu meinen schönsten Erinnerungen gehört. Stets lustig und fidel sorgte er dafür, daß alle sich wohlfühlten.
Fliegerleutnant Ernst Reinholdt.
... wenn Ihr Sohn auch nur kurze Zeit der Abteilung angehören durfte, so hat er doch durch Pflichttreue und entschlossenes Einsetzen seiner Person sich die Achtung und Anerkennung seiner Vorgesetzten, durch sein liebenswürdiges Wesen die Zuneigung seiner Kameraden erworben. Die Abteilung wird sein Andenken in hohen Ehren halten.
Vielleicht lindert es Ihren Schmerz etwas, zu hören, daß Ihr Sohn in treuer Pflichterfüllung für Kaiser und Reich vor dem Feinde gefallen ist und daß sein Ende kurz und schmerzlos war.
von Wehrmann, Hauptmann und Abteilungs-Führer.
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Perikles sagte im Jahre 439 v. Chr. in seiner Leichenrede für die jungen Männer, die im Kriege gegen Samos fielen: »Dem Jahre ist der Frühling geraubt worden«. Auch den jüdischen Familien Deutschlands sind viele Hoffnungen genommen. _Die Tatsächlichkeit jüdischen Heldenmutes_ -- auch im Dienste der Fliegerwaffe -- _bestreiten zu wollen, heißt ihr Andenken und ihr Grab besudeln_. Und wenn in der Geschichte dieses Krieges, die doch nur auf die Berichte der deutschen Heeresleitung zurückgreifen wird, einmal die Frage darnach gestellt wird, welche von den deutschen Stämmen in dem furchtbaren Ringen sich hervortaten, dann wird man mit Recht auf die Meldungen hinweisen, in denen es heißt, daß alle Stämme gleichmäßig Gut und Blut fürs Vaterland geopfert haben. Oftmals greift der Heeresbericht die vorzügliche Haltung einzelner Teile heraus, unterstreicht ihren Anteil und schreibt so die Geschichte der einzelnen Stämme. Wie aber während des langen Kampfes Vermischungen eingetreten sind, daß in rheinischen Regimentern Märker, Friesen und Ostpreußen ein erhebliches Kontingent darstellten, wie letzten Endes kein Chronist restlos die geleistete Arbeit auf die einzelnen Teile zurückführen kann, so kann auch die Bedeutung der jüdischen Beihilfe nicht herausgeschält werden. Schulter an Schulter haben sie mitgekämpft und die Taten ungezählter werden vergessen und namenlos bleiben. Die Erinnerung an einzelne aber soll festgehalten werden. Wie die Geschichte der drei Ringe bei Lessing sich dagegen auflehnt, daß sich eine Gemeinschaft überhebt, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, so sind auch die Bilder einzelner jüdischer Kameraden Zeichen dafür, daß auch in deren Reihen Mannesmut und Hingabe für das große Ganze bestanden hat.
Man kann zum Kriege jedwede Stellung einnehmen: die Tatsache, daß junge Juden als moderne Dädalus und Ikarus ihre eigenen Kreise ziehen wollen, daß sie in sich den Trieb zu Höherem und Weiterem verspüren -- das beweist die Trefflichkeit und Lebensfähigkeit einer Rasse, die sich im Kampf ums Dasein durch Jahrtausende erhielt. --
Erschüttert lesen wir den Schwanengesang unseres Dichters Hugo Zuckermann, des Verfassers des bekannten österreichischen Reiterliedes, der nach schwerer Verwundung auf seinem Totenbette seine Makkabäergedanken in die wunderbaren Worte kleidete:
»Heute darf ich den Genossen Makkabäerlieder singen, Weil ich selbst ein Schwert getragen Und mein rotes Blut vergossen ...«
Und noch ein anderer jüdischer Dichter hat in seinem Nachlaß ein Bild zurückgelassen, das ergreifend schlicht alles das in wenige Worte zusammenfaßt. Es ist das Bild des jungen 20jährigen Ludwig Franz _Meyer_, Sohn eines Sanitätsrats aus Gnesen, der um dieselbe Zeit im Frühjahr 1915, wie der ältere Walter Heymann und Hugo Zuckermann, vor Sochaczew tödlich verwundet wird und wenige Tage später stirbt. Aber sein Bild lebt und klingt wie die Synthese weichherzigen Judenschmerzes und kraftvollen Judenstolzes:
»Ich weinte lange, eh' ich Lieder sang. Dann aber legten sich die weißen Tränen, Und über mich kam kraftbeschwingtes Sehnen, Und gab mir weicher Worte schönen Klang, Ich weinte lange, eh ich Lieder sang .... Doch nicht zu singen nur bin ich auf Erden, Nicht um zu singen weckt ich meine Brüder -- _Das ist mein Ziel, daß alle meine Lieder Zu großen kraftbeschwingten Taten werden. Denn nicht zu singen nur bin ich auf Erden_ ...«
Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26.
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Anmerkungen zur Transkription:
Die folgende Liste enthält alle geänderten Textstellen in der Form Original -> Korrektur.
S. 5 jüdischen Glaubes -> jüdischen Glaubens S. 7 Jeanne d'Are -> Jeanne d'Arc S. 8 ins Nameslose -> ins Namenlose geeerntete -> geerntete S. 10 Israelitschen -> Israelitischen S. 13 Josef _Zürndörfer_ -> Josef _Zürndorfer_ S. 14 Arthur _Chansanowicz_ -> Arthur _Chasanowicz_ S. 16 Königl. Luftkutscher.« -> Königl. Luftkutscher. S. 17 keine Fußnote hinter "_Adolf_ und _Otto Neumann_" S. 19 Vaerlandsliebe -> Vaterlandsliebe S. 20 500 0000 -> 500 000 Bvölkerungsschichten -> Bevölkerungsschichten S. 21 den wir -> denen wir als Amerikaner« -> als »Amerikaner« S. 22 aus Fraustadt Adolf -> aus Fraustadt, Adolf S. 24 Firma Oxodi-Back -> Firma Orosdi-Back 13. 12. 17. -> 13. 12. 17 S. 25 #lest not least# -> #last not least# S. 27 In derselben Nacht -> »In derselben Nacht »spezifischen Handlungen -> »spezifischen Handlungen« S. 28 Langen Heinrichs« -> »Langen Heinrichs« Salbstladekarabiner -> Selbstladekarabiner S. 29 Huntertausend -> Hunderttausend S. 30 Ihres Sohne -> Ihres Sohnes S. 32 Bau de Sapt -> Ban de Sapt S. 34 »Soeben von -> Soeben von S. 35 hinter unser Linien -> hinter unsere Linien abgeworfen. Soweit -> abgeworfen.« Soweit S. 37 Fliegr-Ersatz-Abteilung -> Flieger-Ersatz-Abteilung empfing Kurz darauf -> empfing. Kurz darauf keine Fußnote hinter "empfing" S. 39 Ltn. Pappenheimer -> »Ltn. Pappenheimer S. 42 _Heinz Bettsack_ -> _Heinz Bettsak_ S. 48 Batterien auch -> Batterien, auch S. 49 ziemlich laurig. -> ziemlich lausig. und macht mit ihm -> und machte mit ihm S. 52 auf Erden_ ... -> auf Erden_ ...«