Jüdische Flieger im Kriege, ein Blatt der Erinnerung

Part 4

Chapter 43,209 wordsPublic domain

Dieser Nachruf galt einem jungen Oberschlesier. Geboren am 12. 10. 1895 in Beuthen O.S., wo er April 1912 den Einjährigen Berechtigungsschein am Gymnasium erhielt. Der Krieg überraschte ihn als angehenden Kaufmann in Breslau, welchem Beruf er sofort Valet sagte; seine Metamorphose machte ihn zum Kriegsfreiwilligen im Inf.-Reg. 156 in Beuthen, das er bald mit dem östlichen Kriegsschauplatz vertauschte. Im Juni 1916 kam er als Vizefeldwebel und M.G.-Schütze bei den Fliegern an, als welcher er in Freiburg ausgebildet wurde. Januar 1917 nach dem Westen kommandiert, begann er seine Flugtätigkeit, die wiederholte Anerkennung fand. Im ganzen brachte er es auf 108 Frontflüge, wofür er Mitte Februar 1918 »_in Anerkennung seines vorbildlichen Schneids und seiner hervorragenden Verdienste als M.G.-Schütze_ (Abwehrschlacht in Flandern und Cambraischlacht 1917)« das E.K. I. Klasse empfing. Kurz darauf wurde er zum Reserveoffizier der Fliegertruppen befördert und zu einem Beobachter-Vorkursus nach Brieg kommandiert, wo er bei einem Photo-Flug seinen Tod fand. Nach einer Version soll das Flugzeug infolge eines Vergaserbrandes abgestürzt sein, andere sagen ein Propeller wäre gebrochen. Nur das eine steht fest, daß Pinczower, als das Flugzeug Feuer fing, heraussprang und sich auf diese Weise noch zu retten versuchte.

Unter den Nachrufen mag noch eine Abschrift hier Platz finden, die vom Führer seiner Truppe, Rittmeister Völkel, stammte.

»... Die Abteilung, insbesondere das Offizierskorps bedauert mit Ihnen und Ihrer Gattin aufs Tiefste den Heimgang Ihres Sohnes. Uns allen wird er unauslöschlich in der Erinnerung bleiben. Als ein Soldat, der stets sein Blut, sein Leben, sein ganzes Können, sein Fühlen und Denken für seinen Kaiser und sein Vaterland eingesetzt hat, dem von seiten seiner Vorgesetzten und Untergebenen stets das vollste Vertrauen entgegengebracht wurde, als Kamerad, der die Liebe des gesamten Offizierskorps besaß.

Hochachtungsvoll ...«

Einen, dem man den persönlichen Mut nicht bestreiten wird können, wollen wir nun anführen: Den _Oberarzt_ d. R. Dr. med. Hermann _Jaffé_, Sohn des Herrn Adolf Jaffé aus Santomischel (in Berlin, Tile Wardenbergstr. 9, wohnhaft). Jaffé rückte in den Augusttagen jenes merkwürdigen Jahres voll Begeisterung als Kriegsfreiwilliger hinaus. Er nahm an den Schlachtplätzen der Westfront teil. Obwohl Arzt, ward er doch, um seinen persönlichen Mut besser beweisen zu können, Flieger. Fünfmal wurde er verwundet, das vierte mal im Januar 1918, kaum von der Verwundung genesen, eilte er erneut ins Feld, bis er am 17. Mai 1918 den Folgen einer fünften Verwundung im Lazarett in Damaskus erlag. Eine Reihe von Auszeichnungen (Eisernes Kreuz I. Klasse, Eiserner Halbmond usw.) könnten angeführt werden. Aber dieses Soldatenleben spricht wohl ohnedies genügend für sich.

Am 13. Januar fiel durch einen feindlichen Herzschuß der Fliegerleutnant Max _Pappenheimer_. Es verlohnt sich, seinen Lebenslauf zu überblicken. Er entstammt einem Lehrerhaus in Mergentheim und studierte Rechtswissenschaften, gehörte dabei einer zionistischen Korporation an. Damals hätte ihm sicher niemand das Horoskop gestellt, daß er in bälde ein deutscher Fliegeroffizier werden würde, er, der nicht einmal zum Dienst mit der Waffe eingezogen worden war, da er bei der Untersuchung nur zum Ersatz-Reservisten tauglich befunden wurde.

Im Kriege kam alles anders. Auf dem Truppenübungsplatz Meiningen kurze Zeit nach Kriegsausbruch ausgebildet kam er im November 1914 zum W. Inf.-Reg. 127 in die Argonnen, wo er sich durch Mut und Ausdauer auszeichnete. Im März 1915 wurde er bereits Offizier, und als solcher zum Regiment 52 versetzt, wo er im Priesterwalde stand, aber weder als Soldat noch als Mensch genügend Anerkennung fand, sogar antisemitische Uebergriffe blieben ihm nicht erspart.

Vom August bis Anfang Dezember 1916 verweilte er in der Fliegerschule Böblingen in Württemberg und in der Fliegerschule Großenheim in Sachsen. Von Mitte Dezember 1916 flog er im Westen und zwar in Flandern, bei Arras und zuletzt bei Cambrai.

Am 27. 4. 17 erhielt er vom Kom. Gen. der Luftstreitkräfte das Abzeichen für Beobachtungsoffiziere. Zehn Tage später stürzte er ab, konnte aber bald wieder fliegen und sich das Eiserne Kreuz 1. Klasse erwerben. Zahlreiche Anerkennung, welche in dieser Zeit seine Fliegerabteilung erhielt, hatte Pappenheimer reichlich mitverdient.

Am 15. August lautete der Divisions-Befehl der X. Res.-Division:

»Ltn. Pappenheimer mit Ltn. Friedrichs als Führer (Flieger Abt. X) hat gestern unter schwierigsten Verhältnissen bei ungünstiger Witterung, tiefer Wolkenlage, starkem feindlichen Beschuß und in niedriger Höhe fliegend eine Artilleriesperrfeuerprüfung durchgeführt. Für diese schneidige und gute Leistung spreche ich beiden Offizieren volle Anerkennung aus.«

Und der Artill.-Kommandeur _persönlich_ am 19. 10. 17.

»Das von Leutnant Friedrichs als Führer und Ltn. Pappenheimer als Beobachter besetzte Flugzeug der Feldflieger-Abt. X hat der Artillerie der X. Res.-Division besonders gute Dienste geleistet. Beide Herren waren bei jeder Wetterlage zu jedem Fluge bereit, haben sich stets angeboten und trotz allen entgegenstehenden Schwierigkeiten für das Einschießen und die Erkundung der Artillerie Großes geleistet. Sie waren unermüdlich, kaum gelandet, starteten sie von Neuem, wenn die Aufgabe es erforderte; weder die feindlichen Flugzeuge noch die Ungunst des Wetters hielt sie von ihrer erfolgreichen Tätigkeit ab. Die Artillerie verdankt gerade diesem Flugzeug einen Hauptteil ihres gelungenen Schießens; seine Tätigkeit ist ganz besonders anzuerkennen.«

Eine weitere Auszeichnung -- die goldene Militärverdienstmedaille -- blieb dann nicht aus.

Das Jahr 1918 begann Pappenheimer mit einem neuen Führer, mit dem er nur noch wenige Flüge ausführen sollte. Bald fand er vor dem Feinde den Heldentod. Er liegt auf dem württembergischen Bezirksfriedhof Unterbalbach zur letzten Ruhe gebettet.

Sein Hauptmann aber weihte ihm über das Grab hinaus folgende ehrenvolle Worte, die dem Briefe an seinem Vater entnommen sind:

»Am 13. Januar 1918, einem klaren, kalten Wintertag, hatte Ihr Herr Sohn den Auftrag, eine unserer Batterien gegen eine feindliche Batterie einzuschießen. Wie immer erfüllte er in meisterhafter Weise seine Aufgabe, wie nachträglich aufgenommene Photographien der beschossenen Batterien zeigen. Kurz vor dem Heimfluge wurde das Flugzeug von einem englischen Jagdeinsitzer angegriffen. Die erste Maschinengewehrgarbe traf Ihren Herrn Sohn, welcher sofort mit Herzschuß leblos zusammensank. Der Flugzeugführer (Flieger Nolte) landete das stark beschädigte Flugzeug diesseits unserer Linien bei Lehancourt nördlich St. Quentin. _Ihr Herr Sohn war einer der besten Beobachtungsoffiziere, die nicht nur die Abteilung, sondern die ganze Fliegertruppe zu verzeichnen hatte._ In einem Jahre war er 228 mal gegen den Feind geflogen und hat 100 Batterien mit Erfolg eingeschossen, _eine Leistung, die wohl einzig dasteht_ und die belohnt werden sollte durch die Eingabe zum Ritterkreuz des Kgl. Hausordens von Hohenzollern.

Ihr Herr Sohn nahm eine Sonderstellung in der Abteilung ein, jeder bewunderte ihn wegen seiner Leistungen und jeder mochte ihn besonders gerne wegen seiner vornehmen bescheidenen Gesinnung. Mir persönlich war er der fleißigste und tüchtigste Mitarbeiter und ein lieber Freund.

Suchen Sie Trost in dem Gedanken, daß Ihr Herr Sohn als ein für unsere große nationale Sache durch und durch überzeugter Mann gekämpft und als Held gestorben ist.

Er geht denn von uns, aber sein Geist wird weiter leben und die Erinnerung werden wir stets hochhalten.«

Im »Reutlinger Generalanzeiger« (Nr. 16 vom 19. Januar 1918) gab sein Hauptmann auch noch öffentlich Kenntnis von seinem Heldentode:

»Am 13. 1. 18 fiel durch Herzschuß im Luftkampf der Leutnant der Reserve und Beobachtungsoffizier Max Pappenheimer, Inhaber des Eisernen Kreuzes 1. und 2. Klasse und der goldenen Verdienstmedaille. Sein Wort: »Es liegt im Wesen des Soldatenberufes, vor dem Feinde freudig sterben zu wissen« kennzeichnet diesen tapferen Offizier und lieben Kameraden. Es war einer unserer Besten. Ehre seinem Andenken.

Sommer Hauptmann und Führer einer Fliegerabteilung.«

Die Redaktion des Reutlinger Generalanzeigers bemerkt hierzu im redaktionellen Teile:

»Max Pappenheimer gefallen. Heute erreichte uns die schmerzliche Kunde, daß Max Pappenheimer, der der Schriftleitung des Reutlinger Generalanzeigers in den Jahren 1912 und 1913 angehörte und noch lange in engen Beziehungen zu ihr stand, als Fliegerleutnant den Tod fürs Vaterland gestorben ist. Ein Herzschuß hat im Luftkampfe seinem Leben ein jähes Ende bereitet. Für die breitere Oeffentlichkeit ist der Gefallene einer von den vielen Tausenden, die ihr Leben für den Schutz des Vaterlandes in die Schanze schlagen; uns war er mehr: ein treuer, schaffensfroher und wertvoller Mitarbeiter, ein Mensch vorbildlichen Charakters nach jeder Richtung. Wir können auch für uns nur wiederholen, was Major Sommer in der amtlichen Trauerkundgebung zum Tode Pappenheimers sagt: Er war einer unserer Besten.«

Die Anführung der Daten und Taten, die Betonung der äußerlichen Anerkennung, die Verleihung von Rang, Orden und Ehrenzeichen -- diese Summation von objektiven Erscheinungen bleibt das Primäre unserer Darstellung. Ohne diese lauten Gunstbezeichen der großen Welt, fehlt dem Helden die offizielle Charakterisierung. Aber so sehr die starken Ereignisse das erste und letzte Wort haben, es gibt Imponderabilien, die Gewicht haben: seine gemütliche Stimmungen und seelische Regungen, welche einen so starken Wert haben, daß sie als Erinnerung über den Kreis der nächsten Freunde hinauswirken. Solche #documents humaines#, die wir einzeln nicht mit den gewöhnlichen Maßstäben, mit Scheffeln messen können, erschließen uns erst recht das Innerste und Tiefste, die psychische Verfassung der jüdischen Jugend. Daß wir im Nachlaß der anerkannten Matadoren auf Zeugnisse ausgeprägter Persönlichkeit, auf prächtigen Humor und Geistesgröße stoßen, versteht sich am Rande; aber auch der Nachwuchs, dem es nicht vergönnt war, den höchsten Lorbeer zu pflücken, zeigt kerngesunde, männliche und opferwillige Art.

Einer von ihnen war _Heinz Bettsak_. Mit 21 Jahren, zu Beginn des Weltkrieges, bereits Referendar und Doktor der Rechte in Berlin, trat er am 1. August 1914 als Kriegsfreiwilliger bei den Zietenhusaren ein. Wie viele andere konnte auch er es nicht erwarten, bis er die »endlose« Ausbildungszeit hinter sich hatte und ran an den Feind durfte.

Am 20. November 1914 kommt er aus der Garnison ins Feld. Schon am 22. schreibt er seinen Eltern folgenden unruhigen Brief:

»Ich muß gestehen, daß mich die Tatenlosigkeit, zu der wir hier vorläufig verdammt sind, schon jetzt zu quälen beginnt. Die wilde Romantik der Vogesenberge, der Donnerhall der Geschütze, so manche kreuzgeschmückte Infanteriebrust stimmen uns junge Burschen naturgemäß kampflustig. Es ist auch ein eigenes Gefühl, den Feind kurz vor sich zu wissen und nicht an ihn heranzukommen. Freilich haben die Bayern und Badenser, die hier oben in sichern Stellungen liegen, sich ihre Ruhe teuer erkaufen müssen. Die Geschichte der Vogesenkriege ist vielleicht dereinst -- das habe ich schon mit eigenen Augen sehen können und von den alten Leuten, die die Sache von Anfang an mitgemacht haben, des weiteren erfahren -- das blutigste und grausigste Kriegserlebnis, von dem der Chronist zu berichten hat. Hier steht auf grünen Matten Grabmal an Grabmal. Hier ist das ruhmreiche Regiment der Chasseurs alpins, eines der besten französischen Regimenter, fast völlig von den maßlos wütenden Bayern, die nur noch mit Stilett und Gewehrkolben gearbeitet haben, aufgerieben worden. Auch auf unserer Seite sind ganze Kompagnien verschwunden. Ich bin sozusagen nach der Mahlzeit hierher gekommen. Wir sowohl wie die Franzosen haben uns derartig raffiniert verschanzt und eingegraben, daß wir nicht mehr rückwärts, aber auch nicht _vorwärts_ können. Wir halten hier nur die Wacht, um den Elsaß vor neuen Einfällen zu bewahren. Gewiß werden auch noch jetzt hier und da größere Patrouillen gemeldet, um die Wälder nach Versprengten abzusuchen, aber alles in allem haben wir hier doch Frieden im Krieg. Doch der Kriegsgott ist wetterwendisch, vielleicht kommen wir irgendwie bald vorwärts ...«

Laitre (Vogesen), 4. 12. 14.

In Moussey hat's mich nicht lange gelitten. Immer nur hinter dem Feind zu sein, seine Granaten und Schrapnells über dem Kopf zu hören, ohne an ihn ran zu können, im Felde zu stehen, ohne jemals einen Franzosen gesehen zu haben, ist auf die Dauer nerventötend. Ein seltsamer Zwischenfall hat mich aus dieser reizlosen Lage befreit. Wir saßen gerade Mittwoch beim Abendtisch, als die Regimentsordonnanz mit der Meldung eintrat, daß unsere jungen Husarenoffiziere, die hinter der Front in Ruhe und Wohlleben sich ergingen, schon am nächsten Morgen zur Front aufzubrechen hätten, um an die einzelnen Infanteriebrigaden, die auf den Vogesenkämmen in Schützengräben den französischen Stellungen gegenüber liegen, zugeteilt zu werden. Sofort bat ich einen der Herren, Leutnant Gropius, der sich im übrigen als Architekt einen hervorragenden Namen geschaffen hat, sich auch im Kriege äußerst tüchtig auf Patrouillenritten bewährt hat und ein sehr feinsinniger Mensch ist, mich als Ordonnanz mitzunehmen. Er ging sofort zum Rittmeister aufs Schloß und dieser erteilte mir freundlichst seine Erlaubnis. Die Sache hat mir, nebenbei gesagt, die Knöpfe eingebracht. In der Nacht packte ich also in Ruhe meine Sachen in die Packtaschen, und Donnerstag früh begann der Aufbruch zur Front. Ich habe an diesem Tage prächtige, mir unvergeßliche Eindrücke gehabt. Die imposantesten Kriegsbilder sind an meinen Augen vorbeigezogen. Es war ein finsterer gewitterschwerer Tag. Ueber die Vogesenkämme ging der Ritt durch zerschossene Dorfschaften hindurch. An den Seiten überall verlassene französische Schützengräben, Granatlöcher, Waffenstücke. Stellenweise mußten wir absitzen, da die Chaussee von franz. Mitrailleusen beschossen wurde. Durch enge Hohlwege mußten wir unsere ängstlich zitternden Gäule führen. In ...... hatten wir uns beim Brigadekommandeur zu melden. Mein Lt. erhielt den Auftrag, zunächst nach Ch. zu reiten und dort bei Ausbruch der Dunkelheit in unsere Stellung hier oben hinaufzugehen. So ritten wir also nach Ch. weiter. Der Ort bot einen ebenso unheimlichen wie reizvollen Anblick. Er besteht eigentlich nur noch aus Löchern, die unsere und die französischen Granaten, lauter Volltreffer, in die Häuser dieser Aermsten geschossen haben. In Ch. mußten wir unsere Pferde zurücklassen. Damit habe ich aufgehört, Kavallerist zu sein. Nun bin ich Infanterist geworden, und -- wie ich gleich verraten will -- mit Leib und Seele. Als der Abend dunkelte, wurde ein Wagen angespannt, der uns und unser Gepäck in die Berge zur Stellung fahren sollte. Es war ein wundervoller Abend. Silberner Mondschein überspielte die Abhänge und Waldungen. Ab und zu fiel ein Schuß von den französischen Posten jenseits des Waldes, der wohl das Knarren der Wagenräder gehört hatte, zu uns herüber. Vor einem verfallenen Hause machte der Wagen halt und lud uns aus. Eine Ordonnanz empfing uns und führte uns durch geheimnisvolle Unterschlüpfe und überdeckte Wege hinauf nach L., zum Standquartier meines Bataillons. Hier empfing uns der Major, ein äußerst liebenswürdiger Bayer und behielt uns gleich zum Abendessen bei sich. Ganz besonderes Interesse wandte er mir zu, weil er Gefallen daran fand, daß ich mich als Kavallerist freiwillig zur Infanterie gemeldet hatte. Er nennt mich immer nur den »kleinen Doktor«, erkundigt sich fast täglich, ob mir meine Mutter auch schon geschrieben hat usw. Die Nacht brachte ich dann in einem der grandios hergestellten Unterstände zu, jenen unterirdischen Bretterhäusern, die gegen Wind und Wetter wie feindliches Feuer vollkommen geschützt sind.

Am nächsten Morgen meldete ich mich bei meinem Hauptmann Nagelsbacher. Laßt Euch sagen, daß dieser Mensch, dem ich erst zwei Tage lang in seine blauen Kinderaugen geschaut habe, der Inbegriff aller Mannestugenden ist. Auf einem hochgewachsenen Körper sitzt ihm ein edles vollendet schönes Gesicht, glattrasiert, stark an Matkowsky erinnernd. Das ist der Mann, von dem mir seine Bayern erzählten, daß er im ärgsten Kugelregen sich gemütlich seine Pfeife angezündet hat, der in grenzenloser Wut über die Rothosen hergefallen ist. Das ist aber auch der Mann mit dem Kinderherz, der es nicht über sich gewinnt, seinen Leuten die kleinste Bequemlichkeit zu verweigern. Mit hervorragender Intelligenz verbindet sich bei ihm eine feinsinnige Bildung. Die Stellung, die er hier oben hat anlegen lassen und die von eminentem strategischen Wert ist, weil wenn sie durchbrochen wird, die Franzosen wieder im Elsaß stehen, ist ein Meisterwerk. Sie besteht nicht etwa aus offenen Schützengräben, sondern aus überdeckten Erdwällen, lauter kleinen Sandhäusern, in denen immer zwei Mann Deckung haben. Alles habe ich besichtigt: die fast undurchdringlichen Stacheldrahtverhaue, Läutewerke usw.

Gleich am ersten Tage meines Hierseins bin ich mit auf Patrouille gewesen bis 10 m an den Feind heran. Nur eine kleine Waldlichtung trennte uns von der ersten französischen Schützenlinie. Das war ein Feuerregen! Ein Glück für alle deutschen Mütter, daß die Franzosen so gemein schlecht schießen. Seit den acht Wochen, wo die Bayern hier sind, ist von ihnen trotz des täglichen Schußwechsels nur ein Mann durch eigene Unvorsichtigkeit abgeschossen worden. Gestern hat die Blase mit Gebirgsartillerie in unsere Stellung hineingefunkt. Wir saßen gerade beim Kaffee, als der Spektakel losging. Was ist geschehen? Der Erdboden ist um einige Granatlöcher reicher geworden! Ein Vivat unserer deutschen Befestigungskunst!

Das Schießen gehört bei den Franzosen zum täglichen Leben. Während auf unserer Seite tagelang kein Schuß fällt, weil nur geschossen werden darf, wenn vom Feinde etwas zu sehen ist, funken die Kerle uns ununterbrochen in die Bude. Wir haben ausgerechnet, daß einer vom Walde her jeden Tag um die nämliche Nachmittagsstunde in die blaue Luft hineinpufft. Er ist von den Bayern allgemein der »Sepp vom Walde« geheißen.

Laitre, 11. 12. 14.

Nun bin ich erst wenige Tage hier oben bei den Bayern, und doch habe ich soviel erlebt und mitgemacht, wie ein alter Krieger. Schleichpatrouillen an den Feind, Beschießungen durch franz. Gebirgsartillerie, Nachtgefechte. Und alles gut und heil überstanden. Meine persönliche Stellung im Regiment ist eine fast _märchenhafte_. Während andere Kriegsfreiwillige sich wie jeder gemeiner Soldat abplagen müssen, behandelt man mich hier ganz unverdientermaßen chevaleresk. Wenn ich mich nicht von selbst zu diesem oder jenem Dienst erböte, man ließe mich von jeder Arbeit unbehelligt. Ich rangiere unter den jüngsten Offizieren in dem kleinen Kasino, das der Bataillonsstab unten im Dorfe gegründet hat und wo ein Regensburger Koch uns ausgezeichnet verpflegt. Man zollt mir für jedes kleinste Wagestück reiche Anerkennung, insbesondere mein Hauptmann, zu dem ich eine innige Zuneigung gefaßt habe, läßt keine Gelegenheit außer acht, mich dem inspizierenden Regiments- oder Brigadekommandeur vorzustellen.

Belval, 30. 12. 14.

Liebste, beste Eltern!

Vom Regimentskommandeur selbst zum Unteroffizier und Ritter des Eisernen Kreuzes für »vorbildliches, tapferes und schneidiges Verhalten« vorgeschlagen. Bin leicht verwundet und liege z. Zt. hinter der Front in B. Näheres folgt. Seid ohne Sorge.

Euer treuer Heinz.

Ein Brief von fremder Feder zeigt, wie stark der Eindruck war, den der junge Kriegsfreiwillige auf seine Vorgesetzten hinterließ und wie lebenswahr der Inhalt seiner Briefe ist. Wir lassen zum Beweis einen dieser Dokumente folgen:

A. 1. I. 1915.

Lieber Bettsak!

Ltn. Gropius, der heute hier war, erzählte uns wie ausgezeichnet Sie sich bewährt haben. Ich gratuliere Ihnen aufs Herzlichste. Schöner als alle Anerkennung -- das Eiserne Kreuz wird ja sicher nicht ausbleiben -- wird Sie ja das Bewußtsein glücklich machen, voll und ganz Ihre Pflicht getan zu haben. -- Hoffentlich sind Sie bald wieder wohl auf. Ich würde mich freuen, bald wieder etwas von Ihnen zu hören und bin mit den besten Grüßen Ihr

Sillmann Ltn. und Komp.-Führer.

Das war der Auftakt seines Kriegslebens.

Bei der Kavallerie ist ihm zu wenig los. Vermutlich wäre es ihm als überzeugtem Juden, der aus seiner Abstammung kein Hehl machte, hier schwer geworden, zum Offizier befördert zu werden. Sein Tatendrang drängt ihn weiter, er meldet sich freiwillig zur Infanterie und wird zu einem Infanterie-Regiment abkommandiert, wo er bereits im September 1915 Leutnant wird.

Auch hier ist er keiner von denen, welche ein geruhiges Herdenleben der Gefahr vorziehen.

Ein Dokument mag seine militärische Entwicklung beleuchten:

X. Reservekorps. Qu., 16. Jan. 1916. Tagesbefehl.

Zahlreiche Patrouillengänge der X. Landw.-Brigade führten zu erfolgreichen Erkundungen von feindlichen Postierungen und Verteidigungsanlagen.

Besonders wichtig und anerkennenswert waren die Beobachtungen des Hauptm. Zörner und des Ltn. d. Res. Bettsak, Res.-Inf.-Rgt. ..., denen es gelang, genauen Einblick in die franz. Vor- und Hauptstellung beiderseits der Straße La Chapelotte-Allencombe und am Westhang der Höhe 542 zu gewinnen.

Ich spreche allen in den Patrouillengängen beteiligten Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften meine Anerkennung aus.

von X General d. Infanterie.

Im Oktober 1916 wurde endlich seinen _mehrfachen_ Gesuchen um Versetzung zu den Fliegern stattgegeben. Seine Ausbildung als Flugzeugführer erhielt er in Hamburg und Hannover.

Lassen wir den ersten Briefen aus seinem Kriegsleben noch die letzten folgen. Wie als junger Kriegsfreiwilliger, so segelt er auch als Flieger tollkühn und unternehmungslustig in die feindliche Welt hinein.

Nichts gilt ihm die Gefahr, gern setzt er stündlich sein junges, hoffnungsreiches Leben ein.

Toulis, 2. 9. 1917.