Jüdische Flieger im Kriege, ein Blatt der Erinnerung

Part 3

Chapter 33,154 wordsPublic domain

Weiteren Kreisen bekannt wurde Wilhelm _Frankl_. Es war eine Zeit lang der erfolgreichste deutsche Kampfflieger. Bevor er Offizier wurde, glaubte er gut zu tun, die _jüdische Religion abzustreifen_. Frankl, der aus einer alt jüdischen Familie stammt, ist im Jahre 1914 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten. Solange man allenfalls bei getauften Juden ihren semitischen Geist und ihre »spezifischen Handlungen« unliebsam vermerkt, -- die jüdische Abstammung unterstreicht, solange in Deutschland Heine und Börne, in Rußland Trotzky und Radew, als Juden gezählt werden, solange mag auch ein Mann angeführt werden, der der jüdischen Gemeinschaft entsproß, den Quell seiner Energie, seiner Zähigkeit, seines Mannesmutes zum guten Teil aus dem ewigen Born dieser Rasse saugte. Wir wollen uns selbstverständlich nicht an Frankl als den Prototyp klammern, dazu liegt keine Ursache vor, da neben ihm andere deutsche Juden nicht viel weniger geleistet haben. Daß Frankl seine Qualitäten erst durch die Taufe im Jahre 1914 empfangen hat (neben dem Wunsche zu avanzieren, spielte auch ein Heiratsproblem eine Rolle), wird niemand behaupten.

Im Jahre 1915 schrieb er an Verwandte, die ihn damals noch der jüdischen Gemeinschaft zugehörig erachteten und den Brief im »Hamburger israelitischen Familienblatt« zu veröffentlichen, über die Verteilung des Eisernen Kreuzes I. Klasse:

»Mein Eisernes Kreuz erster Klasse habe ich für drei Sachen erhalten: Einschießen des »Langen Heinrichs« auf Dünkirchen, bei dem ich mit noch einigen anderen Herren beteiligt war. Wir flogen in ziemlich heftigem Granatfeuer über der Stadt, und mein Beobachter signalisierte die Einschlagstellen bei dem Geschütz. Die Verwüstungen waren kolossal. Am 10. Mai 1915 schoß ich mit einem fünfschüssigen Selbstladekarabiner ein feindliches Kampfflugzeug herunter, das Maschinengewehr an Bord hatte. Die Franzosen gaben dieses auch in ihrem offiziellen Tagesbericht zu. Und schließlich hatte ich im Mai ca. 16 000 Kilometer an Aufklärungsflügen, Artillerie-Einschießen usw. in Feindesland hinter mir. Daß nicht immer alles ganz glatt gegangen ist, davon kann meine Maschine mit ihren ca. fünfzig Schußlöchern ein Lied singen (neulich wurde mir ein Knopf meines Mantels abgeschossen), dazu kommen noch etliche Notlandungen dicht hinter unserer Front und paar Stürze mit anderen Maschinen.«

Der amtliche Heeresbericht vom 6. Mai 1916 aus dem Großen Hauptquartier, der in allen Zeitungen veröffentlicht wurde, sprach erstmalig von ihm:

»Der Vizefeldwebel Frankl hat am 4. Mai einen englischen Doppeldecker abgeschossen und damit sein 4. feindliches Flugzeug außer Gefecht gesetzt. Seine Majestät der Kaiser hat seine Anerkennung für die Leistungen des Fliegers durch die Beförderung zum Offizier Ausdruck verliehen.«

Der Lebenslauf der meisten von uns angeführten Flieger liegt nicht vor. Aber auch die wenigen zugänglichen Mitteilungen verlangen ein gewisses Interesse. Es sind nicht immer erschütternde große Tragödien, nicht stetig Beispiele herakleischer Größe. Aber die Details, die in manchem Beispiel stecken, zeigen, daß der Makabaeermut in den jüdischen Herzen schlägt. So kann Max _Holzinger_ ohne Ueberhebung in unsere Ehrentafel eingereiht werden. Als Sohn eines Fürther Fabrikanten (geboren 4. 11. 1892), diente er in seiner Vaterstadt beim bayrischen Trainbataillon 3 und begab sich nach seiner Entlassung nach London, wo er bei der General Electric-Compagnie tätig war. Er hätte dort zurückbleiben und sich internieren lassen können, wie es über Hunderttausend anderer Deutsche machten. Er zog es vor, in letzter Stunde, -- da ihm die Ueberfahrt verboten wurde -- durch List auf einen Kohlendampfer zu flüchten. In der Heimat angekommen, wurde er beim Train eingestellt, meldete sich aber von hier weg ins bayrische Alpenkorps und machte an der Front den Feldzug in Tirol mit. Bei den Kämpfen in Serbien wurde er im Herbst 1915 durch einen Arm- und Brustschuß verwundet. Wiederhergestellt kam er auf mehrfache Gesuche zur Fliegertruppe in Schleißheim.

Seinen Entschluß, zur Fliegertruppe überzutreten, gab er seinen Eltern in folgendem charakteristischen Briefe kund: »Liebe Eltern! Mit herzlichem Dank für Eure lieben jüngsten Zeilen, teile ich Euch heute mit, daß ich ab 1. September zu den Fliegern nach .... kommandiert bin. Eltern können derartige Schritte ihrer Kinder nicht billigen, aber versucht, meine Gründe, die mich veranlaßt haben, zu verstehen. Nicht Ehrsucht hat mich bestimmt, zu dieser Waffe zu eilen. Ich will mehr leisten in diesem furchtbaren Völkergemetzel, als meine Pflicht und Schuldigkeit. Meine kräftige Körperkonstitution hat in mir den Glauben und das Vertrauen erweckt, daß ich bei den Fliegern meinen Platz voll und ganz ausfüllen werde. Blühende Gatten, bärtige Väter sind hinausgezogen in den Kampf; sollte ich, ein junger, kräftiger Mann, zurückstehen! Ihr werdet sagen, ich sei gefühllos! Nein, nein und nochmals nein. Schreibt mir bitte keine Briefe -- sie mögen noch so stark von glühender Liebe getragen sein -- die mich weich machen. Ich brauche nun viel mehr Kraft und Sicherheit, als das tägliche Brot. Es ist gleich, wo man steht in diesem riesigen Kampfe; ich sah es auf verschiedenen Kampfschauplätzen. Hauptsache ist -- Pflicht und Schuldigkeit -- dann ist alles recht! Lebt wohl! Mit herzinnigen Grüßen in Liebe Euer treuer Max.«

Vom Trainsoldaten rückte er nun zum Fliegerleutnant auf und wurde wegen seiner glänzenden Leistungen zur Armee Oberkommando-Abteilung versetzt.

Nach den Mitteilungen eines Kameraden leistete Leutnant Holzinger besonders im Anfange der Abteilung gute Dienste, in dem er sich für Artillerie-Einschießen, insbesondere für die schwer zu beobachtenden kleinkalibrigen Batterien als am besten geeignet erwies. »Es kam anfangs wiederholt vor, daß, wenn unsere sämtlichen Offiziere beim Artillerie-Einschießen versagten, man einfach den »Kleinen Holzinger«, wie er gern genannt wurde, nach vorne schickte. Er hat die Aufträge dann meistens spielend erledigt. Recht gut bediente er auch als einer der ersten die funkentelegraphischen Einrichtungen im Flugzeug. Er war ein vorsichtiger Flieger. Bei den übrigen Offizieren, insbesondere bei den Vorgesetzten, erfreute er sich großer Beliebtheit. Das Ende seiner Tätigkeit ereilte ihn auf der Rückfahrt von einem Frontfluge, bei welcher sich in einer Höhe von zirka 3-4000 Meter eine Tragfläche loslöste und das Flugzeug zum Absturz brachte. Leutnant Holzinger und sein Flugzeugführer waren sofort tot.« (11. September 1917.)

Der Abteilungsführer der Feldflieger-Abteilung Armee Oberkommando setzte die Eltern davon mit folgenden Worten in Kenntnis:

Im Felde, den 11. September 1917.

Sehr geehrter Herr Holzinger!

Schweren Herzens ergreife ich die Feder, um meinem Telegramm von heute früh die ausführliche Nachricht vom Tode Ihres Sohnes Max nachfolgen zu lassen, der uns Allen ein schwerer Verlust ist.

Ihr Sohn war zu einem Bilderkundungsfluge hinter unserer Linie gestartet und ist anscheinend nicht mit dem Gegner in Berührung gekommen. Augenzeugen berichten, daß über Bergnicourt plötzlich sich das Flugzeug mehrmals überschlug und dann auseinanderbrach. Ihr Sohn und der Flugzeugführer Leutnant Oelsner müssen sofort tot gewesen sein.

Lassen Sie mich Ihnen und Ihrer Familie unser Aller tiefstes und aufrichtigstes Beileid zum Tode Ihres Sohnes aussprechen, der es in der kurzen Zeit seines Hierseins verstanden hat, durch sein zuvorkommendes Wesen, seine Bescheidenheit und seine große Dienstfreudigkeit sich die Herzen seiner Kameraden zu gewinnen. Das Vaterland hat wieder einmal einen seiner Besten gefordert!

Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr sehr ergebener Graf v. _Beroldingen_.

Diesem Schreiben schloß sich der Führer der Flieger-Abteilung Herr Oberleutnant Mühl nach einigen Tagen mit folgenden Ausführungen an:

Im Felde, den 17. September 1917.

Sehr geehrter Herr Holzinger!

Als Abteilungsführer drängt es mich, Ihnen und Ihrer ganzen Familie anläßlich des Heldentodes Ihres Sohnes mein und der ganzen Abteilung aufrichtigstes und herzlichstes Beileid auszusprechen. Daß wir alle tiefbetrübt und erschüttert sind, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Wir alle hatten den so jäh aus unserer Mitte gerissenen Kameraden sehr gerne gehabt wegen seines offenen, bescheidenen, grundvornehmen, gemütvollen Wesens. Uns tröstet nur der Gedanke, daß er einen schönen Soldatentod gestorben ist. Die Abteilung wird den Verlust schwer verwinden. Ihr heldenmütiger Sohn hat durch seine mit ungewöhnlicher, todesverachtender Unerschrockenheit unternommenen Flüge an erster Stelle dazu beigetragen, der Abteilung den Ruf zu sichern, den sie jetzt genießt. Dafür gebührt ihm auch über das Grab hinaus unser unauslöschlicher Dank. Wie oft haben wir ihn bei der Ausübung seines mühevollen und so gefährlichen Dienstes bewundert, wenn es weder Maschinengewehren, noch Schrapnells, noch feindlichen Kampfeinsitzern gelang, ihn von seiner Aufgabe abzubringen und wie oft hat er so kühn dem Tode ins Auge geschaut ...

Wir haben unseren tapferen Kameraden mit seinem Flugzeugführer in einer Fülle von Blumen und jungem Birkengrün in der kleinen Ortskirche feierlich aufgebahrt. Zu seinen Häupten brannten Kerzen, Freiwillige hielten die Totenwache ...

Aus der Fülle der ergreifenden Worte, die anläßlich seiner Aufbahrung in Frankreich und an seinem Grabe ihm gewidmet wurden, mag hier die Grabrede des Fliegerleutnants Meyer, welcher die Flieger-Ersatzabteilung Fürth vertrat, zitiert werden. Sie klang aus in den Worten:

Trauernd stehen wir an der Bahre unseres lieben Kameraden Max Holzinger. Nie haben wir einen prächtigeren Menschen verloren, einen Flieger, dessen Tüchtigkeit und Schneid allgemein anerkannt wurde, einen Kameraden, geschätzt und geachtet von Jedem, der ihn näher kennen lernte. Nicht der Feind, dem er auf seinen Flügen so oft und kühn ins Auge blickte, hat ihn besiegt, sondern ein jäher und tückischer Zufall hat ihn seiner, ihm so lieb gewordenen Waffe entrissen, die seinen Tod aufrichtig bedauert und betrauert. So lege ich nun im Namen der Offiziere und Flugzeugführer der Flieger-Ersatzabteilung Fürth diesen Kranz an Deiner Bahre nieder als letzten Ehrengruß; schlafe wohl, Kamerad, ruhe sanft, Du hast Deine Pflicht bis zum letzten Atemzug erfüllt und starbst als Held!

Die freie schlagende Verbindung Salia in Würzburg widmete ihrem Mitgliede _Ernst Müller_, cand. med. aus Hannover, Sohn des Bankdirektors Siegfried Müller einen Nekrolog, der also beginnt:

»Die Bundesbrüder kennen seine Soldatenlaufbahn. Bei Ausbruch des Krieges Sanitätsgefreiter der Reserve, stellte er sich freiwillig zur Waffe, zieht als einer der ersten hinaus, so daß schon der erste unserer Berichte von seiner mit Mut und Kampfesfreude überstandenen Feuertaufe in der vordersten Sturmlinie erzählen kann. Von seinen Vorgesetzten anerkannt, ist er als der bestqualifizierte unter den ersten Auserwählten des Offizierskurses, der ihm hervorragende Eignung zuerkennt. Der junge Leutnant kehrt in den Schützengraben zurück. Nach den heißen Kämpfen bei Ban de Sapt, in deren Brennpunkt er kämpft, genügt die nun ruhigere Vogesenfront seinem Tatendrang nicht mehr. Er wird Flieger, seine Tapferkeit wird einzige Kühnheit: im Begriffe vom Beobachtungsfluge zum Kampffluge überzugehen, ereilt ihn das von manchem Freunde in steter Besorgnis befürchtete Fliegerschicksal, von schwindelnder Höhe, vollsten Lebensbewußtseins hinabzustürzen in das Nichts.

Wir haben leiden gelernt in diesem Kriege. Fast der zehnte Teil unseres Bundes, unsere Tüchtigsten, sanken vor dem Feinde. Aber dieser neue Schmerz zerwühlt unser Inneres mit bitterster Verzweiflung. Hier war ein Kühner, ein Reichbegabter, ein Charakter, ein Mann von Ueberzeugungstreue und ungebeugtem Nacken, ein lebendiger Geist, ein tiefes Gemüt -- und all diese hervorragenden Eigenschaften schienen für ihn nur vorhanden zu sein, um sie restlos einzusetzen in den Dienst der Gemeinschaft.«

Es verlohnt sich seinem Leben nachzuspüren. Ernst Müller war zu Kriegsbeginn cand. med., und da er gedient hatte, gehörte er eigentlich zum Sanitätsdienst als Sanitätsunteroffizier, da er die Gefreiten-Qualität hatte. Er begnügt sich als Gefreiter in der Font mitzumachen. Sein Humor bleibt jeder Zeit unverwüstlich. Nach 1 1/2 Jahren Krieg, nach vielen schweren Erlebnissen, schreibt er den Freunden in der Salia:

»Der Krieg fängt wieder an. Das ist erfreulich«, und unter dem 22. II. 16 weiter: »Die Stimmung hier ist unentwegt zuversichtlich und zukunftsfroh«. Vorher hat er die wertvolle bayerische Auszeichnung, das Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit Kronen erhalten.

Zu Beginn des Jahres 1916 kommt er in Schleißheim bei den Fliegern an, wird ausgebildet und der Feldfliegerabteilung überwiesen.

Im September läßt er sich wieder einmal vernehmen. Er fliegt jetzt in den Brennpunkten der Kämpfe, zuletzt bei Verdun. »Was man sieht und hört, ist außerordentlich interessant, eignet sich leider nicht zur Mitteilung. Mir gefällt meine Tätigkeit sehr gut«. Einige Zeit später:

»Bei einigermaßen ausreichendem Wetter wird viel geflogen. Meine Staffel bekam heute für einen feinen Flug nach Nancy am 4. 10. (bei dem ich auch einen Luftkampf mit zwei Franzosen hatte) die höchste Anerkennung des Kronprinzen ausgesprochen. Wir sind als Etappenflieger überall hin bekannt, weil wir beim Fliegen weit in der französischen und sonst weit hinten in der deutschen Etappe herumtollen. Ich bin Kasinovorstand und habe viel mit Küche und Keller zu tun. Dieser Tage zum Beobachter-Abzeichen eingegeben. Also es ist eine Lust zu leben. Heute gehts nach Vadelaincourt südlich Verdun, um Flugplatz und Ausladebahnhof der Franzosen etwas aufzumuntern. Aber sonst gehts mir famos.«

Eines Tages aber blieben seine Briefe aus. Dafür kamen die seines Staffelführers, des Oberltn. Schwenden u. a. Offiziere. Sein Vorgesetzter schrieb dem Vater:

Am 11. Nov.: Euer Hochwohlgeboren wurden bereits telegraphisch verständigt, daß Ihr Herr Sohn Ernst von einem Erkundungsflug am 9. XI. nicht zurückgekehrt ist. Es drängt mich, zumal Ihr Herr Sohn als Beobachtungsoffizier bei der Staffel ganz hervorragenden und vorbildlichen Schneid zeigte und eine meiner besten Stützen war, Euer Hochwohlgeboren soweit als mir möglich über die ganze Sache aufzuklären. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen durch diesen Brief schwere Stunden bereiten muß. Wir alle hoffen zuversichtlich, daß Ihr Herr Sohn in französische Gefangenschaft geraten ist und daß in einigen Wochen Ihr Herr Sohn selbst Nachricht aus Frankreich gibt. Wolle Gott, daß wir in Kurzem die ganze Gewißheit erhalten, daß Ihr Herr Sohn noch am Leben ist. Das wünsche ich nicht nur Ihnen als Vater, sondern auch ihm, der stets bereit war, sein Alles einzusetzen für sein Vaterland. Die Dankbarkeit für Ihren Herrn Sohn wird mich jederzeit bereit finden, mich Euer Hochwohlgeboren stets voll und ganz zur Verfügung zu stellen.

Vom 16. Nov.: Mit einem Worte, das Schicksal Ihres Herrn Sohnes und meines trefflichen Beobachters ist noch vorläufig in vollkommenes Dunkel gehüllt. Wir wollen uns nicht selbst betrügen, sogern ich dies tun würde, um nicht an den eventl. Tod meines Beobachters, der mir durch seine hervorragenden soldatischen Eigenschaften so sehr ans Herz gewachsen war, glauben zu müssen. Mit Spannung wartet die Staffel auf die Nachricht, die aus der Schweiz eintrifft. Wir wollen die Freundspflicht zu unserer verlorenen Flugzeugbesatzung dadurch in den nächsten Tagen erfüllen, daß wir durch Abwurf aus dem Flugzeug bitten, die Franzosen möchten uns das Schicksal dieser Besatzung mitteilen. Bisher hinderte uns das schlechte Wetter daran. Aus Ihrem Briefe entnehme ich, daß Ihr Herr Sohn Ihnen von den Erfolgen meiner Staffel berichtet hat. Meinen ganz vortrefflichen Offizieren hatte ich dies zu verdanken. Um so eher werden Euer Hochwohlgeboren verstehen, wie mein Herz an jedem einzelnen hängt und wie schwer mir besonders dieser Verlust ankommt. Darf ich Euer Hochwohlgeboren daher nochmals bitten, unsere gegenseitigen Kräfte zu vereinen, um möglichst bald Klarheit und hoffentlich freudige Klarheit in das bisherige Dunkel zu bringen.

Vom 6. bayer. Kampfgeschwader, der Kampfstaffel, kamen noch weitere Briefe, deren wichtigste wir anführen müssen, um die Geschichte zu Ende zu erzählen:

Am 10. XII.: Soeben von einer dienstlichen Reise zurückgekehrt, stellen mich Ihre beiden Briefe leider vor die traurige Tatsache, daß Ihr Herr Sohn Ernst und mein trefflicher Beobachter den Heldentod gefunden hat. Die ganze Staffel wird hierdurch mit mir in die aufrichtigste Trauer versetzt. Wir alle möchten Ihnen und Ihrer hochgeschätzten Familie unser allertiefstes und inniges Beileid aussprechen für den schweren Schlag, der Sie durch den Heldentod meines einzig schneidigen Beobachters und unseres lieben, teuren und heiteren Kameraden getroffen hat. Meine wie zu Eisen geschmiedete Staffel, durch Bestehung gemeinsamer Gefahren, hat durch den Tod Ihres Herrn Sohnes eine tiefe, nur schwer zu reparierende Scharte erlitten. Mir persönlich stand er durch seinen vorbildlichen Schneid und sein offenes, gerades und heiteres Wesen besonders nahe. So wie sein Wesen, war auch sein Ende ehrenvoll. In der Verkörperung des frischen draufgängerischen Fliegergeistes hat er im offenen ehrlichen Kampf sein junges Blut seinem Vaterland geopfert. Lassen Sie mich Ihnen, dem so schwer geprüften Vater, meinen und unseren Dank aussprechen dafür, was er Hervorragendes geleistet hat, mir, seinem Staffelführer, und besonders seinem großen Vaterland. Sein Geist wird um uns sein und uns anspornen, es ihm gleich zu tun, d. h. unser Bestes, das Leben dem Vaterland freudig wie er zu opfern. Wir aber werden nicht aufhören, ihm auch nach seinem Tode die Treue zu bewahren, die er uns gezeigt hat. Auf unseren Abwurf hin ist leider von Seiten der Franzosen noch nichts erfolgt. Die Franzosen sind dafür nicht zu haben. Auch kommt nie ein Franzose hinter unsere Linien bei Verdun. Zur Beruhigung von Euer Hochwohlgeboren werden wir es jedoch noch ein zweites Mal versuchen. Beide wurden wahrscheinlich im Luftkampf schwer getroffen, mußten drüben niedergehen und starben in einem Lazarett in Verdun. Abgestürzt können sie nicht sein, denn sonst hätten sie schon tot am Boden ankommen müssen. Der einzige Weg zu weiterer Ermittlung bleibt der von Euer Hochwohlgeboren vorgeschlagene. Wir werden jedoch nichts unversucht lassen, um durch Abwurf oder durch Gefangenenaussagen Näheres herauszubringen. Die Erlaubnis von Euer Hochwohlgeboren voraussetzend, habe ich die Todesanzeige in die »Frankfurter Zeitung« setzen lassen. Wenn es mir irgend wie möglich ist, stehe ich Euer Hochwohlgeboren jederzeit bereitwilligst zur Verfügung. Für meinen braven Beobachter ist mir kein Dienst zu schwer. Möge Ihnen und Ihrer hochgeschätzten Familie der Gedanke, daß Ihr Herr Sohn seinen Lebenszweck durch seinen Heldentod für's Vaterland auf das Ruhmvollste erfüllt hat, über diese schweren Stunden hinweg helfen. Neben der Trauer muß der Stolz auf den gefallenen Sohn ausgleichend wirken.

Und am 16. XII.: Soeben erfahre ich Näheres über die Ursachen des Todes und über den Tod Ihres Herrn Sohnes selbst. Gestern wurde bei Pont-à-Mousson ein Nieuport zur Landung gezwungen. Insasse: 1 französ. Kapitain. Er sagt aus: »Ich war gerade in Verdun, als das Flugzeug Bemsel-Müller abgeschossen wurde. Der Walfisch griff einen Farman an über der Zitadelle von Verdun. Das deutsche Flugzeug bemerkte anscheinend einen dem Farman zu Hilfe eilenden Nieuport nicht. Nach kurzem Kugelwechsel ging die deutsche Maschine nieder, um wahrscheinlich auf einer Wiese westlich der Zitadelle zu landen. In 100 Meter Höhe stürzte das Flugzeug plötzlich senkrecht ab. Die beiden Insassen hatten Bauchschüsse und starben noch ehe sie hätten abtransportiert werden können. Sie wurden im Militärfriedhof von Verdun beerdigt. Der Herzog von Connaught, der sich zufällig in Verdun befand, hat das Maschinengewehr an sich genommen als Andenken. Ein französisches Flugzeug hat eine Meldung über das Geschick der Besatzung abgeworfen.« Soweit die Aussagen des Franzosen.

Nachträglich kommen noch zwei Zuschriften: Die eine betrifft den Königl. Erlaß, wodurch unter dem 17. 11. der Bayerische Militär-Verdienstorden 4. Klasse mit Schwertern ihm verliehen wurde. Der Umtausch dieses Ordens war Ernst Müller schon früher angeboten worden. Er war aber stolz auf seinen Unteroffizierorden und gab ihn nicht heraus.

Schließlich wurde auch noch die Kapsel gefunden. Man schrieb den Eltern:

Wir haben jetzt noch den franz. Text, eine Abschrift von der französischen, aus einem Flugzeug abgeworfenen Meldung, bekommen.

»Vom Heldentod unseres lieben Müller.« Folgende Nachricht der Franzosen wurde am 26. Dezember von den Deutschen gefunden, soll aber einige Tage nach dem Unglück abgeworfen sein:

#Le 9 novembre 1916; le lieutenant Ernst Müller et le sous-officier Christian Bemsel, pilote, ont èté abattus sur Verdun et enterrés en ce lieu avec les honneurs militaires. Ils se sont battus heroique ment.#[2]

[2] Uebersetzung: Am 19. 11. 16 fielen der Ltn. Müller und Flugzeugführer Untrffz. Chr. Bemsel. Sie wurden an Ort und Stelle mit militärischen Ehren bestattet. Sie haben wie Helden gekämpft.

* * * * *

Am 15. Mai 1918 fand den Fliegertod durch Absturz mit einem Flugzeuge in =Schüsselndorf= bei Brieg der Beobachter-Vorschüler

Leutnant der Reserve

Simon Pinczower

Inhaber des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse

Die Abteilung beklagt tief den Verlust dieses tüchtigen, vor dem Feinde bewährten Offiziers und hochgeschätzten Kameraden, dessen besonderer persönlicher Schneid für unsere Waffe zu den besten Hoffnungen berechtigte.

Die Abteilung wird ihm ein treues Andenken bewahren.

Hildebrandt,

Hauptmann und Kommandeur der Flieger-Ersatz-Abteilung 11