Jüdische Flieger im Kriege, ein Blatt der Erinnerung

Part 2

Chapter 23,136 wordsPublic domain

Aus Köln stammte der Leutnant _Falk_, dessen Vater der Stadtrat und Major Falk ist; Falk stand bei einer bayerischen Fliegertruppe; aus Hannover kam der Unteroffizier _Cassel_; aus Dresden der Leutnant Fritz _Gerstle_. Gerstle hat, wie mir seine Mutter die Freundlichkeit hatte mitzuteilen, sich taufen lassen, um anscheinend besser Karriere zu machen, bereute aber diesen Schritt und trat bald wieder aus der christlichen Religionsgemeinschaft aus. Gerstle war, wie so mancher andere jüdische Flieger, vor dem Kriege Student der Medizin gewesen. In seiner Zugehörigkeit zum Judentum nicht sicher gestellt, ist der verunglückte Kriegsfreiwillige Dr. Alexander _Lippmann_ von der Fliegertruppe Dresden-Kaditz, vor dem Krieg Geschäftsführer der Gesellschaft zur Gründung eines Observatoriums in Oberhof.

Tödlich verunglückt ist ferner der Flieger _Hemmerdinger_, der ursprünglich einem Infanterie-Regiment 28 angehörte, nähere Personalien fehlen über den in den K. C. Blättern von Dr. Mainzer angeführten _Perlhöfter_. Gestorben ist während der Ausbildung bei der Feldfliegerabteilung Bromberg, der 19jährige Georg _Hecht_. Seine Familie lebt in Charlottenburg.

Ueber die Tätigkeit einer Reihe anderer Flieger liegt uns keine nähere Mitteilung vor. Wir nennen, soweit sie uns bekannt wurden: Leutnant Kurt _Lämmle_ (in einem bayerischen Fliegerbataillon, Patent vom 1. Mai 1915), Leutnant _Aronheim_, Leutnant und Flugzeugführer Siegfried _Wittkowsky_, Sohn des H. Leopold W. aus Ansbach, Leutnant Kurt _Königsberger_ (Sohn des Herrn Karl Königsberger aus Fürth); Leutnant _Mayer_ früher bei dem 1. bayr. Fuß-Artill.-Reg., sodann bei einer bayerischen Fliegerformation, Leutnant Alex _Wetzlar_ (nach Mitteilung des »Jüd. Echo«).

Aus Frankfurt a. M. stammen: Leutnant d. R. _Fritz Haas_ und die Brüder _Adolf_ und _Otto Neumann_. Dieser Fall, daß Brüder bei der Flugzeugwaffe dienen, ist keine Ausnahme. Aus Hannover kommen die Brüder Block. _Hans Block_, Leutn. d. Res. (Alter Herr des K. C.), wohnte vor dem Krieg in Köln, sein Bruder ist der Unteroffizier und Flugzeugführer _Fritz Block_; aus Freiburg die Gebrüder _Rosin_. Von Fliegern, die es als Juden zum Offizier brachten, seien ferner erwähnt: Leutnant d. R. _Leopold_ und Leutnant d. R. Alfred _Kann_, Rechtsanwalt in Zempelburg, früher beim 34. Inf.-Regiment.

Der nichtjüdische Reserveoffizier, der vor dem Kriege das Offizierspatent erhielt, hat sich diese Beförderung durch seine anscheinende Eignung als tapferer Soldat erwirkt. Der Jude, der im Frieden bei keiner preußischen Formation in das Offizierkorps aufsteigen konnte, hat sich sein Avancement infolgedessen durchweg als Soldat vor dem Feinde erkämpft. Darin liegt ein offenkundiger Beweis seines Mutes, wie seiner übrigen Fähigkeit. Statistiken ergeben bis zum Frühjahr 1918 etwa 2000 jüdische Offiziers-Beförderungen, während naturgemäß mindestens ebensoviel von jüdischen Einjährigen vorher gefallen oder so schwer verwundet wurden, daß sie ausschieden. Außerdem waren noch Tausende durch widrige Umstände, Krankheiten, Versetzungen usw., an der Beförderung behindert, Hunderte litten unter dem schwer überwindbaren Vorurteil, das Jahrzehnte hindurch als feststehendes Dogma von allen preußischen Offizierkorps restlos gepflegt und gehegt, nicht urplötzlich aus den Vorstellungen und Erinnerungen der Vorgesetzten schwinden konnte. Dazu kam, daß die Identifizierung der Juden als einheitliche Masse, der notorische Minderwert einzelner -- den wir übrigens in allen Volksschichten treffen -- die Leistungen und Fähigkeiten der geeigneten Juden ungünstig beeinflußte. Einer Gemeinschaft, die ihr Leben vorweg in den Büros der Großstädte zubrachte, die körperlich von zu Hause wenig entwickelt, in ihren Berufen wenig mit schwerer physischer Arbeit zu tun hatte, mußte es schwer fallen, die Arbeiten, welche der Schützengrabenkrieg erforderte, zu lösen, der einfache Soldat war hier nicht vor allem im offenen Kampfe mit dem Feind, wo er seinen Mut zeigen konnte, sondern er hatte zu graben und zu schaufeln, Lasten und schwere Tornister zu tragen, Hunger und Kälte auszuhalten. Jeder einfache Bauarbeiter beschämte den Bankprokuristen täglich und stündlich. Daß energielose, schwächliche jüdische Kaufleute um so stärker aus dem Rahmen fielen, ist kein Wunder. Wenn der jüdische Soldat trotzdem vielen als wenig vorbildlich erscheint, so stammt das Urteil daher, daß _ein_ krummer jüdischer Soldat mehr schlecht macht als ein Dutzend vorzüglicher gut machen können. Ein unfähiger nichtjüdischer Soldat fällt nicht auf. Wenn aber Cohn oder Levi schlapp ist, heißt es im Urteil der Vorgesetzten und Kameraden: »Der Jude ist schlapp«, seine Unfähigkeit schädigt sozusagen den Ruf des jüdischen Soldaten im allgemeinen.

Beispiele für die Wahrheit dieser Dinge gibt es genügend. Für die Beurteilung des jüdischen Soldaten wirkt ferner ungünstig, daß bei vielen prächtigen jüdischen Erscheinungen die Umwelt oft nicht weiß, daß sie Juden sind, oder sie eo ipso als Ausnahmen betrachtet, während der Unglückswurm H. oder Y. als Muster erkannt und deklariert wird. So erlebte ich selbst, daß von dem ersten Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse unter den Mannschaften meines Regiments des Vizef. Gotthold Sender _bei seiner Offizierswahl die Mehrzahl der Offiziere_ annahmen, daß Sender Nichtjude sei und daß bis zu seinem Tode wenige Kameraden über seine Zugehörigkeit zum Judentum unterrichtet waren.

Die Juden betragen knapp ein Prozent der Bevölkerung und sind somit nur in ein bis zwei Exemplaren in den Kompagnien anzutreffen. Ist der Jude, der oft im Frieden als untauglich nach Hause geschickt wurde, kein besonders günstiger Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft, dann verstärkt er bei 100 bis 200 Leuten das mißfällige Urteil über die Juden. Im anderen Falle wird über seine jüdische Abstammung stillschweigend hinweggesehen, der weiße Rabe gibt keine Veranlassung das verallgemeinernde Urteil zu ratifizieren. Schopenhauer sagt einmal in seinen »Aphorismen zur Lebensweisheit«: »Die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit erscheint in jedem Lande in einer anderen Form und diese nennt man den Nationalcharakter. Jede Natur spottet über die andere und alle haben Recht«. Die Bemerkung hat einen richtigen Kern. Der konservative Offizier entrüstet sich leicht über den sozialistischen Städter und neigt dazu, ihnen weniger Vaterlandsliebe zuzutrauen. Der evangelische Orthodoxe traut dem orthodoxen Zentrumsmann nicht allzusehr. Von der Ueberhebung der Franzosen, Engländer, Italiener, der vielen anderen Völker gegenüber dem Deutschen können wir das eine ersehen, wie leicht es ist, ein Volk als minderwertig hinzustellen, wie rasch unwahre Auswürfe über eine Masse, die nicht sofort die Macht hat, sich derlei Lügen zu verbitten, nachwirken. Die Verleumdungen der Antisemiten haben daher, wiewohl der größte Teil sich nachträglich als haltlos erwies, doch nach dem bekannten Satz Erfolg: »Verleumde fest drauf los, ein Manko bleibt immer an dem Verleumdeten hängen«, gewirkt. Noch immer bringt man dem Juden Mißtrauen entgegen. Viele jüdische Soldaten haben dagegen gekämpft und haben trotz mannigfacher Beweise ihrer soldatischen Fähigkeiten das Vorurteil nicht überwinden können. Einzelne ließen sich, wie wir sehen werden sogar taufen, um diesem Vorurteil zu entgehen!

Protektion, Zufall oder Friedenstüchtigkeit, waren also keine Faktoren, die der Beförderung jüdischer Offiziere zu Hilfe kamen. Restlos war es ihre Bewährung im Felde und vor dem Feinde. Die ganze jüdische Bevölkerung Deutschlands beträgt 500 000 Seelen (die Ausländer abgerechnet). Ein Teil davon ist naturgemäß nur die männliche Bevölkerung im militärpflichtigen Alter und hiervon ein Bruchteil wiederum hat die Einjährigen-Berechtigung. Darnach ist die Zahl der jüdischen Offiziere (ohne die Sanitätsoffiziere) wohl entsprechend. Das ist ein Beitrag für ihre Bewährung, ein anderer, daß wie das »Hamburger Israelitische Familienblatt« in den 4 Jahren aufzeichnen konnte, hunderte Eiserne Kreuze I. Klasse an schlichte jüdische Soldaten verliehen wurden. Otto Flake spielt in seinem Logbuche über mißliebige Deutsche im Ausland: »Es ist nutzlos über diese Art Landsleute hinwegzusehen; sie ist darum doch noch immer in der Welt.« Ueber die wenig erfreulichen Exemplare der Judenheit haben die Reden im Reichstag, im Herrenhaus und in den Zeitungen genug gestanden. Diese Exemplare lassen sich nicht wegexemplizieren. Aber die Tausende, die auf den weiten Fronten ein frühes Grab gefunden oder zu Krüppeln geschossen wurden, die Zehntausende, die begeistert als Kriegsfreiwillige sich gestellt haben, die nicht unbeträchtliche Zahl der Offiziere und die Träger der Eisernen Kreuze erster und zweiter Klasse auch nicht. Sie müssen jeden Vorstoß gegen die Anteilnahme der Juden im Kriege, die verallgemeinernd absprechend ist, zugleich als eine Gefahr empfinden, die ihr Verdienst herabsetzt. In einer Zeit, wo allerlei zweifelhafte Elemente ihrem Ich auf Kosten der Nebenmenschen rücksichtslos huldigen, wo der Eigennutz einzelner in allen Bevölkerungsschichten kraß zutage tritt, wirkt jede judengegnerische Behauptung direkt lächerlich und selbst überhebend. Denn die Tatsache, daß altgediente Berufssoldaten sich zu Hause oder in der Etappe herumzudrücken verstanden, darf ebensowenig auf alle ausgedehnt werden wie die, daß Juden, die bisher nicht gedient hatten, die im Heere in den langen Friedensjahren einer starken Zurücksetzung begegneten, eine starke Zuneigung zu Schreiberposten faßten. Es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre, wenn auf einmal die deutschen Juden _nur_ Helden aufzuweisen hätten. Wer aber die großen Verdienste und die starke Anteilnahme der jüdischen Jungens an dem Kriege bestreitet, der betreibt eine Verleumdungspolitik, über die wir angesichts der Tatsachen zur Tagesordnung übergehen können ....

So sind unter den Fliegern nicht nur die geistigen Juden aus den berühmten guten Häusern, die zur modernen Waffe streben, sondern ganz einfache schlichte Jungens, aus dem breiten Volke, denen wir im Fliegerdienst begegnen. Es handelt sich also nicht um wenige Ausnahmefälle, daß Juden zur Fliegerei übergingen.

Die israelitische Erziehungsanstalt Dahlem, welche ihre Zöglinge vor allem der Bodenkultur und dem Handwerk zuführt, kann allein auf zwei Flieger hinweisen. Der eine ist ein Flieger Paul _Goldmann_. Der zweite, Edgar _Hirsch_, im Frieden Elektro-Monteur in Walsrode i. d. Heide, trat gleich bei der Fliegerwaffe ein. Er erhielt am 28. August 1915 bei Arras einen Schuß, der ihn zum Niedergehen zwang, wobei er sich ernstlich verletzte. Hirsch hatte infolge nebeligen Wetters tief herabgehen müssen, um seinen Auftrag durchzuführen. Hirsch ist ein Beispiel dafür, daß wir schlichte Jungens haben, die technisch und physisch ihren Platz ausfüllen.

Eine glückliche Synthese dieser Art verkörpert der Flugobermaat _Rund_ aus Gleiwitz. Bei Ausbruch des Krieges in Amerika lebend, weiß sich Rund auf kühne Weise als »Amerikaner« nach Deutschland durchzuschlagen und tritt dann als Marineflieger bei der Wasserflugstation in Seebrügge ein. Ueber seine Fahrt brachte die deutsche Presse (»Hamburger Fremdenblatt« u. a.) ein längeres Feuilleton. In Seebrügge tat er zwei Jahre seinen Dienst, wurde Inhaber des Fliegerabzeichens u. a. Auszeichnungen. In einem Korpstagesbefehl I a, Nr. 31 von 1916, heißt es:

Anerkennung!

... ebenso zolle ich meinen Dank und hohes Lob dem Leutnant zur See B., den Flugmeistern K. und J. und dem Flugobermaaten Rund für den kühnen Angriffsflug am 23. Januar 1916 auf die Luftschiffhallen in Hongham. gez. v. Schröder. Die Richtigkeit obiger Anerkennung bescheinigt: Fabr.-Oberltn.

Rund ist später in engl. Gefangenschaft geraten. Der Schauspieler Moissi, von Geburt italienischer Staatsbürger, ist übrigens gleichfalls auf einem Fluge gefangen genommen worden.

Eine Reihe weiterer jüdischer Soldaten wurden mir im Flugwesen angegeben: Ein Flieger Fritz _Koppel_, Hans _Rothschild_-Göppingen, Erich _Lewy_, Kriegsfreiwilliger, Unteroffizier, Sohn des Direktors Hugo Lewy-Berlin, Otto _Cohn_ aus Fraustadt, Adolf _Fechenbach_ aus Eilenburg, Berthold _Krämer_-Osterode (gestorben), Flugzeugführer Karl _Fromm_ (A. H. der Viadrina), Flieger _Haußdorf_, Bordfunker aus Berlin; Flugzeugführer Gefr. _Hermann Schmidt_ aus Stuttgart, Flugmaat Ernst _Steinitz_, Fluglehrer bei einer Flug-See-Station, Gefr. _Unger_, Berthold _Gutmann_ (Bavariae, K. C. Verbindung) und Flugzeugobermaat _Rosenberger_ (Viadrina im selben Verband).

_Lilienthal_-Berlin, Neffe des Syndikus der jüdischen Gemeinde;

Unteroffizier _Maier_, Sohn des Großh. Bezirkstierarztes Dr., Konstanz, Luftschiffer;

Flieger Hugo _Kaplan_, Berlin, Brunnenstraße 181;

Flieger _Warschauer_, Sohn des Archivrates in Danzig,

Vizfw. Bruno _Offenbacher_, Sohn des Fabrikbesitzers O. in Fürth, Flugzeugführer.

Flieger Albert _Bär_, stud. med. aus Windsbach in Bayern;

Flieger Siegfried _Nossek_.

Fluglehrer und Flugdienstleiter war vom April 1917-1918 in Köslin, jetzt in Schneidemühl, Erich _Oswald_, der bereits August 1914 als Kriegsfreiwilliger bei der Fliegertruppe eingetreten ist und später als Beobachtungsflieger auf mehreren Kriegsschauplätzen verschiedene Ehrungen u. a. auch das Fliegerabzeichen sich erwarb. Von den übrigen Fliegern ist mir nichts Näheres bekannt geworden. Es ist z. Z. nicht möglich, das Schicksal jedes einzelnen zu erforschen und zu prüfen, ob unter den aufgeführten der eine oder andere aus der Zusammenstellung auszuscheiden hat. Hoffentlich ist es bei einer Neuauflage möglich, völlig genaue Angaben hier zu bieten. Der Verlag dieses Buches ist gern erbötig, alle Hinweise für uns zu sammeln, damit später einmal nach dem Krieg eine möglichst restlose Darstellung gegeben werden kann.

Der jüdische Lyriker Arthur Silbergleit hat einmal ein kleines Fliegerlied gedichtet, das launig endet:

»Wir schweben sanft aus unsrer Welt, Der tollsten Abenteuer, Ein jedes Fliegerherz ein Held, Am Motor und am Steuer ...«

Diese Behauptung gilt -- wie gesagt -- #cum grano salis#. Aber wer für Leistungen da oben, wo es fürchterlich sein kann, sein Eisernes Kreuz I. Klasse abbekommen hat, hat es sich ehrlich »ersessen«. Wie manche Auszeichnung fällt sie oft Offizieren zu, die bei den hohen Stäben Intelligenz und treueste Pflichterfüllung als Aequivalent aufwiesen; der Dienst bei der Flugzeugwaffe erfordert eiserne Energie und täglichen Todesopfermut! Da es bekanntlich keine jüdischen aktiven Offiziere gibt und nur in Bayern vor dem Kriege Reserveoffiziere angetroffen wurden, _gibt es keine bei höheren Stäben sitzenden jüdischen Offiziere_. Die jüdischen Träger des »Eisernen Kreuzes« haben sich diese Auszeichnung redlich und mühselig im Feuerregen geholt, keine Anciennität, kein Schatten eines höheren wohlwollenden Vorgesetzten, keinerlei Beziehung hat ihnen diese Auszeichnung eingebracht. In der vordersten Linie hat er viel erkämpft nach Schillers Spruch »und setzet Ihr nicht das Leben ein«, ein Spruch der neben dem Grabenoffizier vor allem dem Flieger gilt. Wenn also allein Dutzende von »Eiserner erster« von Juden erflogen wurden, dann ist das wohl nicht der letzte Beweis ihrer Ertüchtigung. Nennen wir hier einige: Den Fliegerleutnant Richard _Scheuer_ aus Mainz, den Fliegerleutnant Hermann _Back_, Sohn des Snichower Rabbiners Dr. S. Bach (jetzt in Prag). Vor dem Kriege war Back Prokurist der Firma Orosdi-Back, Konstantinopel. Die Schreibfeder und den Kontorsessel beherrschte ehedem der Beamte der Dresdner Bank Martin Jacobowitz, Sohn des Kaufmanns Hermann _Jacobowitz_ in Breslau. Im Frühjahr erkämpfte der Vizefeldwebel Jacobowitz das »E. K. I.« in Mazedonien in einem heißen und erbitterten Ringen in der Luft, J. war in den ersten Mobilmachungstagen als Kriegsfreiwilliger beim Leib-Kürass.-Reg. schles. Nr. 1, eingetreten. Eine schwere Verwundung machte die Absetzung des einen Beines nötig, so daß J. jetzt Kriegsinvalide ist. Ein Landmann von ihm ist der Unteroffizier _Hans Lustig_, Sohn des Simon Lustig aus Radzionkau in Oberschlesien, der neben dem Eisernen Kreuz das Fliegerabzeichen besitzt. Als Flugzeugführer erwarben sich das Eiserne »erster« der Vizefeldwebel _Kurt H. Weil_, Sohn des Lehrers B. Weil in Kirn an der Nahe und der Unteroffizier Siegfried _Heimann_, der Sohn der Witwe Clotilde H. in Oberdorf-Bopfingen. Reich dekoriert sah einer meiner Gewährsleute einen bayrischen Fliegerleutnant _Marx_, der in Oesterreich wohnhaft war, auf Albatros oder L.V.G.-Doppeldecker als Flugzeugführer (zuerst als Vizefeldwebel) fliegen. »Er kam von der Fliegerschule Schleißheim bei München, mit ihm wurde ein jüdischer Unteroffizier ausgebildet, dessen Name nicht in Erfahrung zu bringen war«. Marx ist vermutlich identisch mit dem jüdischen Fliegerleutnant Adolf Marx der 5. bayerischen Feldfliegerabteilung. -- Hierher gehört auch der Sohn des Zigarrenfabrikanten L. Wolff in Hamburg, der Ltn. d. Res. _Wolff_. -- Auch die folgenden sind Ritter des E. K. I.

Ein Frankfurter ist der Flugzeugführer Edgar _Rosenbaum_ (Sohn des Alex Rosenbaum), Fliegerschütze der Vizefeldwebel Alfred _Regensburger_, Sohn des Fabrikbesitzers Max R. in Fürth. Der Fliegerleutnant Paul _Stadthagen_ aus Berlin, ist der Sohn des verstorbenen Justizrats Stadthagen. Bei der Fliegerabteilung steht ein jüdischer Oberleutnant _Fränkel_; die Nummer des »Hamburger Fremden-Blattes« vom 13. 12. 17 bringt das Bild des Fliegerltn. _Rüdenberg_ aus Hannover. Vom Frieden her Flieger ist der Leutnant Willy _Rosenstein_ aus Gotha, früher Fluglehrer in Gotha und Johannisthal, jetzt bei der Feldfliegerabteilung. Bei den Feldluftschifferabteilungen sind eine Reihe weiterer Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse, unter ihnen bei der Abteilung der Weilburger Kaufmann Berthold _Jessel_, der Referendar aus Berlin K. Rudolf _Cohn_ und der Kaufmann Hermann _Jonas_ aus Aplerbeck, Sohn des verstorbenen Kaufmann Abraham Jonas, sämtlich Leutnants der Reserve. Bei der Feldluftschifferabteilung steht der Oberleutnant Dr. Benno _Öttinger_, Patentanwalt seines Zeichens aus Berlin, ein Kaufmann und ein Leutnant d. Res. Max _Strauß_ aus Frankfurt a. M. und Leutnant d. R. Erich _Eliel_, Kaufmann aus Köln, Sohn des Stadtverordneten L. Eliel. Aus Emmerdingen stammt der Leutnant Otto Erich _Bloch_, Führer einer Luftschiffertruppe. Bloch ist der Sohn des Emmerdinger Zigarrenfabrikanten Max Bloch. Und #last not least#: der Führer eines Zeppelin, der Leutnant d. R. Max _Elias_, Ingenieur von der Zeppelinwerft in Friedrichshafen, Max Elias ist der Sohn des Herrn D. Elias in Hannover. Er erhielt das Eiserne Kreuz II. als Luftschiffer bereits Anfang September 1914, das I. Klasse ziemlich bald nachher. (Ein Dr. _Hermann Elias_ stammt aus Berlin[1]) Aber auch das Alter wollte der Jugend nicht nachstehen: ein Veteran der deutschen Luftschiffahrt, der 62jährige Herr Paul _Spiegel_ aus Chemnitz trat August 1914 als Kriegsfreiwilliger beim Königlichen bayrischen Luftschifferbataillon in München ein. Spiegel ist nachweislich heute der Altmeister der deutschen Luftschiffahrt, ein Mann, der hunderte erfolgreiche Flüge mit dem Luftballon ausgeführt hat und als Bahnbrecher auf allen Gebieten der Aeronautik Jahrzehnte gewirkt hat. Da seine Bedeutung außerhalb der Geschichte des Flugzeugwesens im Kriege liegt, müssen wir es uns versagen, den eingehenden Lebenslauf dieses Veteranen zu bringen.

[1] Eine Reihe anderweitig aufgeführte Flieger sind gleichfalls im Besitz der schönen Kriegsauszeichnung des E. K. I. Kl.

Am 26. April fiel im Luftkampf als Beobachtungsflieger der

Leutnant der Reserve in einem Res.-Drag.-Regt.

Ernst Adler

Inhaber des E. K. II. und der Hessischen Tapferkeitsmedaille

Die Eskadron, der er bis zu seinem Übertritt zur Fliegertruppe angehörte, verliert in ihm einen schneidigen Offizier und lieben Kameraden und wird ihm stets ein ehrendes Gedenken bewahren.

Kießler

Leutn. d. Res. u. stellv. Esk.-Führer

Diese Anzeige stand in der »Frankfurter Zeitung«. Sie bedarf wohl keines Kommentars. Ein junger Kriegsfreiwilliger, der eben Referendar geworden war, tritt sofort August 1914 bei der Kavallerie ein, wo er auf Grund seines Verhaltens vor dem Feinde Anfang 1916 Offizier wird. Durch die Auflösung seiner Schwadron wurde ihm die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches der Uebertritt zur Fliegertruppe ermöglicht. Nach erfolgter Ausbildung wurde er als Beobachtungsoffizier einer gegen die englische Front aufgestellten Abteilung verwendet. Dort ist er in treuester Pflichterfüllung den Heldentod gestorben. Eine Fülle von Zuschriften seiner verschiedenen Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen an seinen Vater, den Direktor der Frankfurter Philanthropin, geben Kunde von den vorzüglichen menschlichen und militärischen Vorzügen und von der großen Beliebtheit, deren er sich erfreute.

Einer derer, die wir nicht vergessen dürfen, ist der Fliegerleutnant Dr. Franz _Rosin_, der Sohn des Geheimen Rats Prof. Dr. jur. Rosin in Freiburg, der wie sein Bruder bei den Fliegern stand. Er selbst hat bei Lebzeiten bescheiden abgelehnt, über seine Taten etwas in die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen und die Familie hat auch diesem Wunsch Rechnung getragen. Durch einen Zufall verfügen wir aber über eine kleine Episode aus Rosins Laufbahn, die der Kriegsberichterstatter der »Frankfurter Zeitung« im Frühjahr 1917 brachte. Sie beschrieb eine seiner Heldenfahrten und darf wohl wieder aufleben:

»In derselben Nacht, als Laon mit Bomben heimgesucht wurde, erhielt ein deutscher Flieger den Auftrag, eine Ladung von 500 Kilogramm Dynamit auf einen wichtigen Verkehrspunkt hinter der feindlichen Front abzuwerfen. Er stieg auf, suchte sein Ziel, konnte es aber im aufsteigenden Nebel nicht erkunden und flog zurück, um eine bessere Stunde wahrzunehmen. Ueber der Höhe von Laon sah er Sprengpunkte von Abwehrgeschützen in der Luft und entdeckte auch alsbald das betroffene französische Geschwader. Da kommt ihm ein Gedanke: vorsichtig hängt er sich dem Geschwader an den Schwanz und folgt ihm unbemerkt in der Dunkelheit über die feindliche Linie. Er vertraut darauf, daß man ihn für einen ausgepichten Franzosen halten werde, und so war es wohl auch. Nicht lange, so sah er unter sich die Landungsfeuer des französischen Flughafens. Die Piloten des Geschwaders gingen im Gleitflug zur Erde, und als letzter schickte sich auch unser Flieger scheinbar dazu an. Er steuerte in sonderbarem Ungeschick recht nahe über die Flugzeugschuppen hin, ließ aus geringster Entfernung, 50 Meter vielleicht nur, seine Ladung fallen, riß die Steuerung hoch und entschwand in der Nacht. Die Sprengladung, mit sechzig Sekunden-Zeitzünder versehen, krepierte genau und mit furchtbarer Wirkung.«

Am 4. Juni 1917 ist Rosin im Luftkampf gefallen.