Josef Dietzgens philosophische Lehren
Part 6
Dagegen behaupten wir, was sich möglicherweise begreifen läßt, ist nicht unbegreiflich. Wer das Unbegreifliche begreifen will, treibt Eulenspiegelei. Wie mit dem Auge nur das Sichtbare, mit dem Ohr nur das Hörbare, so kann ich mit dem Begriffsvermögen nur das Begreifliche greifen. Und wenn auch die sozialdemokratische Philosophie lehrt, daß alles, was da ist, +vollkommen+ zu begreifen ist, so soll doch auch das Unbegreifliche nicht geleugnet sein. Das sei anerkannt.
Die sozialdemokratische Philosophie ist mit der »zünftigen« einverstanden: »das Sein läßt sich auf keine Weise im Denken auflösen«, auch kein Teil des Seins. Aber wir erkennen es auch nicht als Aufgabe des Denkens, das Sein aufzulösen, sondern nur formell zu ordnen, die Klassen, Regeln und Gesetze zu ermitteln, kurz das zu tun, was man »Naturerkennen« nennt. Alles ist begreiflich, insofern es zu klassifizieren ist, alles ist unbegreiflich, insofern es sich nicht in Gedanken auflösen läßt. Dies können, sollen und wollen wir nicht, und bleiben ihm darum fern. Wohl aber können wir das Umgekehrte: das Denken in Sein auflösen, das heißt, das Denkvermögen als eine von den vielen Arten des Daseins klassifizieren.
Der rationelle Forschungstrieb will das Dasein regeln, die +Gesetze des Daseins+ ermitteln. Wo er über das Dasein hinaus soll, soll er über seine und über alle Natur hinaus. In dieser Zumutung besteht Überschwenglichkeit, die sie von der Religion geerbt hat. Philosophie und Religion verkennen die »letzten Gründe« aller Begreiflichkeit: nämlich die Empirie oder Tatsache. Auf sinnliche Tatsachen und Erfahrungen sollen sich wesentlich die Gedanken gründen. Wer umgekehrt auf den Geist oder die Logik Tatsachen gründen will, darf das nur +formell+ verstehen. Der letzte Grund, warum der Stein fällt oder die Wärme sich ausdehnt, ist die Tatsache, und das Gesetz der Schwere und das Gesetz der Wärme sind Abstraktionen, sind +formelle+ Gründe. Nicht nur läßt sich das Sein nicht im Denken auflösen, sondern es versteht sich klar, daß das philosophische Begehren nach solcher Auflösung eine idealistische Überspannnug ist.
Das nämliche Thema wird im dritten Aufsatz, in einer Polemik gegen die Professoren v. Nägeli und Du Bois-Reymond, behandelt. Letzterer hatte einen anregenden Vortrag über das Naturerkennen und »die letzten Gründe« mit den Worten geschlossen: »~ignoramus et ignorabimus~« (wir wissen nicht und werden nicht wissen), während ersterer das Nichtwissen oder Nichterkennen für ganze Gebiete des Naturlebens voraussetzt: »Über die Beschaffenheit, die Zusammensetzung, die Geschichte eines Fixsterns letzter Größe, über das organische Leben auf seinen dunklen Trabanten, über die stofflichen und geistigen Bewegungen in diesen Organismen werden wir nie etwas wissen.«
Dietzgen erwidert hierauf:
Jawohl, die Natur ist dem menschlichen Geiste überlegen, sie ist sein unerschöpfliches Objekt. Aber unser Forschungsvermögen ist nur insoweit beschränkt, als sein Objekt, die Natur, unbeschränkt ist. Wir können an kein Ende kommen, weil kein Ende vorhanden. Wo aber ein Ende ist, da kommen wir möglicherweise hin. Kein Professor kann wissen, wie vieles von den Fixsternen und ihren Trabanten wir und unsere Nachkommen noch ausforschen, wie unendlich tief wir in die Vergangenheit, in die Zukunft und in die kleinsten Teilchen hineindringen.
Das Forschen kommt an kein Ende, weder objektiv noch subjektiv, das heißt, die Unendlichkeit der Welt läßt es nicht zu und die Unendlichkeit des Intellekts auch nicht. Daß aber doch wieder der Intellekt nur ein beschränkter Teil der Welt ist, wird der sozialdemokratische Materialist nie leugnen. Nur wollen wir aus dem Dualismus heraus. Nur eine, nur eine einzige Welt erkennen wir an, »wovon uns die sinnlichen Wahrnehmungen Kunde geben«. Wir halten dafür, daß wo wir nichts sehen und hören, nichts fühlen, schmecken und riechen, da auch nichts wissen können.
Ich will hier nochmals positiv auf die Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis zurückkommen. Wir können mit diesem Vermögen +nur erkennen+; singen und springen und hundert andere Dinge können wir damit nicht; insofern ist die Vernunft beschränkt. In ihrem Element aber, im Erkennen ist sie unbeschränkt, und so unbeschränkt, daß sie mit ihrer Arbeit nie ans Ende kommt. Alles Erkennbare steht ihr offen. Das Unerkennbare, das den Sinnen absolut Unerreichbare ist für uns nicht vorhanden, und ist auch insofern »an sich« nicht vorhanden, als wir ohne Phantasterei nicht einmal davon reden können.
Wer das »geistige Bedürfnis« hat, etwas von Erscheinungen zu erfahren, »die uns verborgen bleiben«, uns unserer Natur nach verborgen bleiben müssen, der hat kein geistiges, sondern ein mystisches Bedürfnis. Die elektrischen Erscheinungen sind nicht zufälliger gefunden worden wie der Tabak. Und es ist ein starker Tabak für einen Naturforscher, von Erscheinungen zu sprechen, die niemand wahrgenommen hat und niemand wahrnehmen wird. Es +ist möglich+, daß Mephisto in Gestalt einer unsichtbaren Fledermaus mich umschwirrt; was ich aber nicht weiß, macht mich nicht heiß, und sollte auch die Naturforscher nicht heiß machen.
VIII.
Briefe über Logik.
Die »Briefe über Logik« -- »Speziell demokratisch-proletarische Logik«, Teil I 1883 bis 1884, Teil II 1884 -- sind ein ganz besonders eigenartiges Erzeugnis, kein Lehrgebäude der Logik im Routinestil, sondern eine, zum Teil (namentlich in den ersten Briefen) mit etwas persönlichem Einschlag versehene, Denklehre, die sich an des Autors im »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« niedergelegte Erkenntnistheorie anschließt und sie ergänzt, wie bei Dietzgen jede spätere Schrift die früheren in etwas erweitert.
Dietzgens Logik hat demnach ganz und gar einen erkenntnistheoretischen Charakter. Und, richtig eingeschätzt, ist der erste, aus 24 Stücken bestehende Teil, der in diesem achten Abschnitt behandelt wird, eine philosophische Epopöe des Universalzusammenhangs, ein Heldenplädoyer des wahren Monismus, das der modernen Weltanschauung eine festere Grundlage schafft als irgendein anderes der zahlreichen, sonst trefflichen Bücher aus diesem Gebiete, obwohl Dietzgens Briefe nicht eigentlich nach einem systematischen Plan angelegt sind.
Dietzgens Vorzug vor allen anderen philosophischen und vor den naturwissenschaftlichen Lehrern des Monismus besteht in seiner eindringlichen Darlegung des organischen Zusammenhangs des Geistes, des Intellekts, mit dem All, dem Gesamtdasein.
Aus diesem Grunde betrachte ich den ersten Teil seiner »Logischen Briefe« als die nächst dem »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« wichtigste seiner Schriften.
Diese Serie von 24 und 18 Artikeln sollte zwar in erster Linie der Unterweisung des »auf die Hochschule des Lebens« nach Amerika gesandten Sohnes dienen, war aber gleichwohl auch für gelegentlichen Druck verfaßt.
Die Definition, Zweck- und Grenzbestimmung der Logik sind bei den Philosophen verschieden; Dietzgens Logik hat, hiervon abgesehen, einen sehr bestimmt ausgeprägten Sondercharakter als »speziell demokratisch-proletarische Logik«.
Was mit dieser Bezeichnung gesagt sein soll, erläutert Dietzgen im ersten Brief:
Der Gedanke, auf den sich die proletarischen Forderungen stützen, der Gedanke von der Gleichheit alles dessen, was ein Menschenantlitz trägt, dieser, wenn ich so sagen darf, letzte proletarische Gedanke findet seine volle Begründung durch eine letzte Einsicht in die bis dato sehr verworrenen Probleme der Logik. Schließlich verdient die Logik auch schon deshalb den proletarischen Beinamen, weil ihr Verständnis die Überwindung aller Vorurteile fordert, welche die Bourgeoiswelt im Leime halten.
Im zweiten Briefe wird gesagt, was die Logik ist und was sie will:
Die Logik will den Menschengeist über dessen eigenes Tun und Treiben unterrichten, sie will unseren inneren Kopf zurechtsetzen. Forschungsobjekt der Logik ist der Gedanke, die Natur des Gedankens und die rechte Ordnung desselben.
Der Menschenschädel besorgt das Denken so unwillkürlich wie die Brust das Atmen. Mit dem Willen jedoch können wir das Atmen eine Zeitlang anhalten, können nach Belieben es schneller und langsamer gehen machen. So kann auch der Wille die Gedanken regieren; wir können irgendein beliebiges Objekt zum Gegenstand unseres Denkens nehmen und sind dennoch bald zu überzeugen, daß die Macht des Willens und die Freiheit des Geistes nicht weit her sind, nicht weiter reichen wie die Freiheit der Brust.
Wenn also die Logik uns den Kopf zurechtsetzen will, so muß sie sich doch sagen lassen, daß er von Natur schon zurechtsitzt.
Es ist mit ihr wie mit anderen Wissenschaften: sie schöpfen die Weisheit aus der geheimnisvollen Quelle platter Erfahrung. Die Agrikultur zum Beispiel will den Landmann lehren, wie er den Acker bauen soll; aber die Äcker wurden doch schon bebaut, ehe noch irgendeine landwirtschaftliche Akademie ihre Vorlesungen eröffnet hatte. So verstehen auch die Menschen das Denken, ohne je etwas von der Logik gehört zu haben. Durch den Gebrauch jedoch vergrößern sie das angeborene Denktalent, sie machen Fortschritte, lernen es mit der Zeit immer mehr benutzen, und wie nun der Landmann zu einer Wissenschaft der Agrikultur, so kommt der Denker zur Logik, zum klaren Bewußtsein über sein Denktalent und zur kunstmäßigen Verwendung desselben.
Erstaunlich ist es, daß ein so naheliegendes Objekt nicht längst allgemein erkannt wurde, und daß darüber nach Studien, die Jahrtausende andauerten, noch viel zu lehren und zu erklären blieb. Aber Du weißt auch, daß, wie oft das Kleine groß und das Große klein, so oft das Nächste verborgen und das Verborgene zunächst ist.
Im letzten Dietzgenschen Satz werden wir an eine der Hauptlehren unseres Autors erinnert, uns vor allem Überschwang zu hüten, da im Weltprozeß, im Universalzusammenhang das Höchste und Erhabenste ein Element des Allgemeinen und aus dessen Bestandteilen sich zusammensetzt.
Dies wird im dritten Brief wie folgt erörtert:
Eine hohe Macht über das Gemüt hat nicht nur die Harmonie der Töne, auch die Harmonie der Farben, jede Kunst und jede Wissenschaft hat dieselbe Gewalt. Ja, das schlichteste Handwerk und das Prosaischste aller Prosa, die Jagd nach Gut und Geld, kann den Menschen hinreißen, seine ganze Seele in den einen Abgott aufgehen zu lassen. Allerdings ist nicht zu bestreiten, daß Künstler, Erfinder und Forscher den würdigsten und hinreißendsten Gegenstand anbeten. Auch sei anerkannt, daß ohne den Einsatz unserer ganzen Seele für ein einzelnes keine großen Erfolge zu erreichen sind.
Dennoch sollst Du wissen, daß der Gegenstand, der eine Menschenseele so beherrscht, seine Hoheit und Erhabenheit mit allen Gegenständen teilt, und also zugleich immer auch ein +gemeiner+ Gegenstand ist. Ohne solche dialektische Läuterung des Bewußtseins ist alle Anbetung Fetischdienst.
Die tatsächliche Erfahrung also, daß man alles und jedes zu einem Fetisch machen kann, muß Dich klärlichst überzeugen, daß kein einzelnes, sondern nur das All wahrer Gott oder die Wahrheit und das Leben ist.
Ist das nun Logik oder Theologie?
Beides zugleich. Wenn Du näher zusiehst, wirst Du erkennen, daß alle großen Logiker sich vielfach mit Göttern und Gottheit befassen, und umgekehrt alle ehrbaren Theologen ihre Sache auf logische Ordnung gründen wollen. Die Logik ist ihrer ganzen Natur nach +metaphysisch+.
(Unter »metaphysisch« versteht Dietzgen hier: ausdehnbar ins Unendliche, wie aus dem Schluß dieses Briefes hervorgeht:)
Den Unterschied zwischen der metaphysischen Logik einerseits, welche ihre Sache bis auf die Unendlichkeit ausdehnt, welche die logische Ordnung bis in den Himmel hinein, bis auf »die letzten Fragen alles Wissens« zu ermitteln sucht, und zwischen der formalen Logik andererseits, welche sich ein begrenztes Gebiet setzt und sich mit der Forschung nach der logischen Ordnung in der physischen Welt begnügt -- diesen Unterschied möchte ich Deiner besonderen Aufmerksamkeit empfehlen.
Nach dieser Grenzbestimmung der formalen Logik erörtert Dietzgen im vierten Brief ihren Hauptzweck:
Die große Volkssache war bisher überall das Lasttier einer kleinen vornehmeren Minorität ... Du erkennst doch an, wie die Entlastung, die Freiheit der Völker von tierischer Arbeit, von Elend und Not das Höchste ist, was der Menschengeist erstrebt. Du wirst auch nicht verkennen, daß der Gedanke das wichtigste Instrument zur Erreichung dieses hohen Zieles ist. Die Denkleistungen treten in den Kulturergebnissen klar zutage. Das intellektuelle Getriebe stellt sich mächtiger und prächtiger durch das Räderwerk der Kulturgeschichte als durch irgendein Gedankenwerk ~en miniature~ dar.
Wir wollen hier einfach die Tatsache des organischen Zusammenhanges von Denken und Sein, von Natur und Geist konstatieren. Die Tatsache des Weltzusammenhanges widerspricht dem ungeschulten Vorurteil. Letzteres trägt sich mit der Vorstellung, daß die Erde, der Baum darauf und über ihnen die Wolke und Sonne, daß alles separate Gegenstände seien. Daß aber eines am anderen hängt, Erde, Baum, Wolken und Sonne nur im Zusammenhang, nur im Gesamtweltzusammenhang sein können, was sie sind, bedarf schon einer geschulten Denkweise.
Da ist ein Wassertröpfchen. Sieh, wie verschieden es ist, je nachdem es mit Verschiedenem zusammenhängt. Was es ist, kann es nicht sein ohne eine gewisse Temperatur. Je nach Veränderung derselben würde es Eis- oder Dampfform annehmen; im Fett verbleibt das Tröpfchen kompakt, es verteilt sich im Salz unendlich, läuft gewöhnlich bergab und am Zuckerhut bergan. Je nach der spezifischen Schwere einer Flüssigkeit, mit der es in Kontakt kommt, schwimmt es oben oder sinkt unter. Ohne Zusammenhang mit der Erde, ihrer Temperatur und Schwerkraft, würden der und die Tropfen im Bodenlosen verschwinden und kein Dasein haben. Also ändern sich die Formen der Dinge, je nach ihrem Zusammenhang, und sie sind, was sie sind, nur als Teile des Gesamtdaseins.
Was vom Wassertröpfchen, gilt von allen Dingen, allen Kräften und Materien und auch von unserem Gedanken. Der Menschengeist lebt und webt nur im Zusammenhang mit der anderweitigen materiellen Welt -- und es bildet die Anerkennung der organischen Einheit alles Daseins den Angelpunkt meiner Logik.
Der Gedanke, der Intellekt, ist leibhaftig vorhanden, er existiert, und sein Dasein hängt als ein Teil des Gesamtdaseins mit der ganzen Welt einheitlich zusammen. -- Das ist der Kardinalpunkt der nüchternen Logik.
Die Tatsache, daß die Gedanken mit den anderen Teilen der Welt von demselben weltlichen Stoff, daß sie Stücke der gemeinen Natur und keine überschwengliche Essenz sind, hat schon Cartesius mit den berühmten Worten ausgesprochen: »~Cogito, ergo sum.~«
Wohl verlegt die formale Logik den Geist in viele Teile -- da gibt es Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse; und teilt die Abteilungen wieder in Unterabteilungen, die Vorstellungen in verschiedene Arten, die Begriffe in konkrete und abstrakte, benennt die Urteile sehr mannigfaltig und verzeichnet drei, vier oder mehr Schlußfiguren -- aber wie sich der gesamte Geist zur Welt verhält, wie er mit dem Gesamtdasein zusammenhängt, ob er ein Teil davon oder ob er von überschwenglicher Herkunft -- das will sie unerörtert lassen, und das gerade ist der interessanteste Teil, der Teil, welcher den Intellekt und die Lehre vom Intellekt mit allen anderen Lehren und Dingen in logischen Zusammenhang bringt.
Bis hierher hat unser Autor, der dartun wollte, daß der Intellekt mit der Volksentwicklung zusammenhängt, nur den organischen Zusammenhang des Geistes mit dem Gesamtdasein konstatiert.
Er setzt daher letzteres Thema auch im fünften Briefe fort:
Die Zusammenfassung der Tiere vom kleinsten bis größten in +ein+ Reich erschien vor Darwin als eine Ordnung, welche der Gedanke allein vollzogen, als Gedankenordnung, während sie nunmehr als Naturordnung dargelegt ist.
Was der Zoologe dem Tierreich angetan, muß der Logiker dem Dasein überhaupt, dem unendlichen Kosmos antun; er muß nachweisen, daß die ganze Welt, daß alle Formen des Daseins, den Geist eingerechnet, logisch oder einartig verbunden, verwandt, verschweißt sind.
Ein gewisser bornierter Materialismus glaubt, alles sei getan, wenn er den Zusammenhang zwischen Denken und Hirn konstatierte. Gewiß hängt der Gedanke mit dem Hirn zusammen, so innig wie das Hirn mit dem Blute, wie das Blut mit dem Sauerstoff usw.; aber der Gedanke hängt auch überhaupt mit allem Dasein so innig zusammen, wie die ganze Physik zusammenhängt.
Daß der Apfel nicht nur mit dem Stiel am Baume hängt, sondern auch an Sonnenschein und Regen, daß die Dinge nicht einseitig, sondern allseitig verbunden sind, das soll die Logik Dich speziell vom Geiste, vom Gedanken lehren.
Im Anschluß an diese seine Lehre von der Weltnatur des Gedankens erörtert Dietzgen nun die Frage vom +Verhältnis des Gedankens zur Wirklichkeit+:
Die alte Logik hat eine Medaille prägen lassen mit der Vorschrift: Der Gedanke soll mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Wir schreiben jetzt auf die Rückseite: 1. der Gedanke ist selbst ein Stück der Wirklichkeit und 2. die Wirklichkeit ist außerhalb des Gedankens zu voluminös und kann auch mit dem kleinsten Stückchen nicht hinein.
Gewiß, wie ein Konterfei, so soll auch der Gedanke mit seinem Objekt übereinstimmen. Aber was soll einem Maler diese besondere Einschärfung seiner Aufgabe nutzen?
Hast Du je ein Porträt oder eine Kopie gesehen, die nicht in etwas mit dem Original übereinstimmte? Ich bin überzeugt, das ist Dir ebensowenig vorgekommen wie ein Bild, das seinem Gegenstand +vollkommen+ ähnlich war. Über das relative Wesen aller Gleichheit, Ähnlichkeit und Übereinstimmung ernstlich nachzudenken, möchte ich Dir besonders empfehlen. Der weitaus größte Teil der Menschenwelt ist in diesem Punkte barbarisch gedankenlos. Daß zwei Tröpfchen Wasser nur mehr oder weniger ähnlich und unähnlich sind, daß das ganze Dasein ebenso übereinstimmend wie different ist, will schwer in den logisch ungeschulten Kopf hinein.
Dem Denker ergeht es wie dem Maler: sie suchen beide ein Konterfei der Wirklichkeit und Wahrheit.
Die Wirklichkeit, die Wahrheit, die Gesamtnatur steht auf der Kanzel und predigt: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anzubeten.« Du sollst also von der Wahrheit viel zu erhaben denken, als daß Du glauben dürftest, sie könne vom Maler oder Denker in ein, wenn auch noch so gut getroffenes Konterfei gesteckt werden.
Der Geist, das Denkvermögen hängt also -- fährt Dietzgen im sechsten Briefe fort -- mit dem Gesamtdasein der Welt zusammen, ist ein unabtrennbarer Teil des Universums, der wirklichen Wahrheit.
Das Christentum lehrt: Gott ist ein Geist, und wer ihn anbeten will, muß ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.
Und unsere Logik lehrt: der Geist ist ein Stück des Gesamtdaseins; wer den Geist vergöttert, ist ein Götzendiener, denn er betet +ein Stück+ an und verkennt die ganze Wahrheit. Die Wahrheit selbst ist identisch mit dem Gesamtdasein, mit der Welt, wovon alle Dinge nur Formen, Erscheinungen, Prädikate, Attribute oder Vergänglichkeiten sind. -- Und ob Du auch an Weisheit zunähmst bis an das Ende Deiner Tage, so ist doch der Born der Weisheit, der Kosmos, unerschöpflich. Ja, so unerschöpflich ist auch das kleinste Weltteilchen, daß der Genialste nicht imstande ist, die Kenntnisse zu fassen, welche im winzigsten Objekt stecken. Mit dem größten Mikroskop kann man keinem Wassertröpfchen ans Ende sehen, und der weiseste der Menschen ist nicht einmal fähig, die Schusterei auszulernen.
Daraus ersiehst Du, wie durch vermehrte Spezialkenntnisse der kunstgerechte Gebrauch unseres Intellektes nur in den betreffenden Details gefördert wird. Deshalb kann es auch nicht befriedigen, wenn gewisse Logiker uns lehren, wie viele Arten von Begriffen, Urteilen und Schlüssen im Intellekt stecken. Es sind das logische Spezialkenntnisse. Zunächst aber handelt es sich für den Studiosus der Logik nicht sowohl um Ansammlung wahrer Begriffe, als vielmehr darum, den Generalbegriff der Wahrheit erhellt zu sehen.
Vielleicht findest Du Anstoß daran, daß eine Wissenschaft, welche das Begriffsvermögen zum Gegenstand hat, von dieser Sache abweicht und andere Dinge, wie das Dasein oder die Wahrheit, heranzieht. Doch würde eine Logik, die sich auf die Analyse des Denkvermögens beschränkt, gegenüber derjenigen, die das Denkvermögen in seiner lebendigen Arbeit darstellt, eine beschränkte Logik sein. Wenn die Augenkunde nur die verschiedenen Teile des Auges behandelte, dagegen von der Funktion und den äußeren Dingen, die damit zusammenhängen, von dem Lichte und den Gegenständen, kurzum, vom Gesicht des Auges absehen wollte, wäre sie wohl mehr Augenanatomie als Augenkunde. Jedenfalls bietet eine Lehre, welche das Auge in seiner lebendigen Tätigkeit, nicht nur das subjektive Gesichtsvermögen, sondern auch das davon untrennbare objektive Gesichtsvermögen darstellt, eine umfassendere Belehrung, eine höhere Erhellung des Menschenkopfes.
Was kann eine Logik viel helfen, welche die Gedanken einteilt in analytische und synthetische, von induktiven und deduktiven Erkenntnissen und noch zehn anderen Arten spricht und dann die Frage ablehnt, wie sich der Gedanke und die Erkenntnis zur Wahrheit verhält, und wie wir dazu gelangen.
Hat sich doch bis heute die gesamte Weltweisheit um die Frage gedreht, wie unser Kopf zu erhellen ist, wie er der Wahrheit beikommen kann.
Diese Welt, die wir hören, sehen und riechen, in der wir leben und atmen, ist die Welt der Wahrheit oder die wahre Welt.
Aber auch mitten in dieser wahren Welt steckt eine ganz vertrackte Geschichte, eine Menschenrasse mit verdrehter Logik. Die hat sich von einzelnen mißmutigen, hypochondrischen Momenten verleiten lassen, die köstliche Wahrheit dieser Welt anzuschwärzen und überschwenglicherweise die Wahrheit »transzendent« zu suchen, in der philosophischen Metaphysik oder religiösen Phantastik, was beides in einen Topf gehört. Aller Streit dreht sich um Seins+formen+. Das Dasein selbst aber bleibt unbestreitbare Wahrheit.
Sofern ich Dich bisher überzeugte, daß das Weltall die Wahrheit ist, bleibt jetzt besonders noch die Frage: wo denn Phantasmen, Irrtum und Unwahrheit Platz finden. Wenn das All die Wahrheit, dann wäre ja alles wahr, und scheint es durchaus widerspruchvoll, daß Irrtum und Unwahrheit in der Wahrheit oder Welt Raum finden könnten. Ich will nur flüchtig andeuten, wie ohne allen Widerspruch das Unkraut zum Kraute gehört.
Das Thema, mit dem der sechste Brief eröffnet wird -- der Zusammenhang des Geistes mit dem Gesamtdasein der Welt -- wird von einem anderen Gesichtspunkt aus auch im siebten Briefe behandelt, dem des »Ursprungs der Sprache«.
Die Sprache ist kein fertig fixes Ding, sondern ein flüssiges, welches aus rohen Anfängen sich zu einer erhabenen Höhe emporgeschwungen. So wenig wir vorwärts an ihr vollendetes Ende sehen können, läßt sich rückwärts der Punkt finden, wo sie ihren Anfang genommen. Darum sucht man nicht mehr den zeitlichen Ursprung, sondern den +begrifflichen+. Man möchte eine feste Marke haben, wo man sagen könnte, so weit heißt das Sprachähnliche nur Gegröle, Geschrei, Getöne, und hier beginnt der wohlartikulierte Laut, der den Namen »gesprochenes Wort« verdient.
Nun besteht ein anderes Moment, welches die Sache noch mehr verwirrt; da heißt es: die Sprache setzt Verstand voraus.
Und dann wieder ist auch der Intellekt kein fixes Ding, sondern ein flüssiges Werden, das sich erst an, aus und mittels der Sprache entwickelt. So will es einerseits scheinen, als ob der Geist die Sprache erzeuge, und andererseits, als ob umgekehrt die Sprache den Geist, den Verstand erzeuge. Wo ist da nun Anfang und Ende, und wie Ordnung im Zusammenhang zu finden?