Jockele und seine Frau

Part 9

Chapter 93,795 wordsPublic domain

Hinwiederum gab es Abende, da strömte das Licht in goldenen Strömen bei Sinsheimers aus allen Fenstern, da sausten die Wagen durch die herbststille Baumstraße, da kamen elegante Herren und funkelnde Damen; denn es war bei Sinsheimers angeregt, klug, heimelig, und es blühte da eine Art, die sich nicht nachmachen ließ, weil sie außerhalb dieses Hauses eben nicht wuchs. Das war das Werk Dos. Und die blonde Frau Do war der helle Stern, der in jenen Tagen über dem Herzen Deutschland aufging. Sie war leuchtend, innig und schön. Aber verführerisch schön war Gwendolin. So standen sie nebeneinander: fröhliche Geistigkeit die eine, beseelte Sinnenfreude die andere. Die eine sonnig von Augen und Antlitz wie Märzhimmel -- und sie konnte auch so kühl sein, wenn sie merkte, sie begegnete leerer Neugier --, die andere bald von träumerischer Melancholie, bald ein lachendes leichtgeschürztes Mädchen. Die eine liebte die geistreiche Unterhaltung, die andere wich einem galanten Flirt nicht aus; aber auch wo sie nur schelmische Zuschauerin war, begegnete sie sich mit Do und Jockele in dem Wunsch, einen Kreis erlesener Freunde um sich zu sammeln. Der blonde Graf Metting nannte das: »Frau Dos graziöse Kunst geistiger Geselligkeit.« Aber als wüßte er, daß er diesen Forderungen nicht allenthalben standhalten konnte, war er besorgt, sich durch seine frohe Laune unentbehrlich zu machen. Er war es auch, der für Gwendolin den Namen »Herzogin von Urbino« erfand. Die war die Freundin jener Isabella d'Este, die man in den Salons der Renaissance »+la prima donna del mondo+« genannt hatte. Und so machte Graf Metting in diesem Namen auch vor Frau Do eine ritterliche Verbeugung, mochte er nun für Gwendolin ganz passen oder nicht -- was lag ihm daran? Da legte die neue Herzogin von Urbino den Finger längs der Nase -- von der träumerischen Melancholie, die sie aus dem Fjord mitgebracht hatte, war dabei nichts zu merken -- und taufte ihn Fra Mariano. »Man ist hier unheimlich gescheit,« sagte Metting, »denn man ist noch gescheiter als ich!« Damit rettete er für sich die Lage, und Gwendolin erklärte ihm: erstens wäre Fra Mariano der bestgelaunte und schlagfertigste Gesell am Hofe Leos des Zehnten gewesen, und zweitens hätte er niemals Damengesellschaft gesucht ... also passe dieser Name für ihn in jeder Hinsicht.

Abneigung gegen Damengesellschaft -- es war kostbar! Und bei dem »Fra Mariano« blieb es.

So war auch der Scherz artig und funkelnd. Und dennoch: Fra Mariano hatte seine liebe Not; da war nämlich noch der Schlachtenmaler Richard Schaffrath, ein stolzer ritterlicher junger Mann mit dunklem Vollbart und nachdenklichen Augen. Wie Frau Do war er kein Freund lärmender Feste. Er war in sich gekehrt, in allen Dingen das Gegenstück zu dem Grafen Metting. Anderswo spielte er gern den philosophischen Eckensteher; in diesem Hause gab's dazu keine Gelegenheit. Man beachtete ihn hier sehr, und er erschien allen in gleicher Weise anziehend. Und da war drittens noch Henrik Tofte -- er war zwar nicht leibhaftig anwesend, aber: die Welt ist eine Nußschale; und so dauerte es gar nicht lange, da hatte Fra Mariano das große Licht entdeckt, das im Lande der Mitternachtssonne um das größere Gwendolins gekreist hatte. Natürlich war daran Kordula Gunkel schuld, die ihre Berichte von römischen Schlendertagen an Weimarer Freundinnen sandte.

Der Schlachtenmaler aber nannte Gwendolin »Flämmlein«; zuerst nur in den Erwägungen, die er wegen ihrer Wildrosenschönheit mit sich selber anstellte; dann auch vor den anderen.

So war jedes Zusammensein farbig und abwechslungsreich, und Frau Do bildete die reizvolle Vermittlung zwischen den Menschen von verschiedenster Art, die sich in ihrem Hause fanden.

Als im Februar -- in Rücksicht auf das große Frühsommerereignis -- die Gesellschaftsabende aufhörten, war die Welt für viele um ihren lieblichsten Glanz gekommen. »Was machen wir nun?« fragte Fra Mariano Gwendolin verzweifelt, als er ihr im Park begegnete. -- »Wir arbeiten und halten Einkehr,« sagte sie; denn sie wußte, das waren zwei Dinge, mit denen sich Graf Metting sein Lebtag nicht gern befaßt hatte. Er gehörte auch nicht zu jenen, die an den Donnerstagen zu dem musikalischem Tee geladen waren. Dazu versammelten sich nur wenige, nur die Intimen des Hauses. Vor allen: der Literaturprofessor Salzer, ein älterer Herr mit grauem Vollbart und einer Hornbrille mit großen Rundgläsern. Er galt als Sonderling. Von ihm stammte das Wort: »Um von den Menschen dieser Zeit als Sonderling verrufen zu werden, dazu gehört weiter nichts als Natürlichkeit.« Er hatte viele tüchtige literarische Werke verfaßt, um die sich sein Zeitalter nicht kümmerte. Nur ein einziges Mal hatte er die nähere Umwelt in Erregung versetzt. Wenn er arbeitete -- und das tat er in der Regel -- war er nämlich sehr empfindlich gegen jedes Geräusch. Er hatte in allen bewohnbaren Einsamkeiten in und vor der Stadt sein Nest gebaut, aber stets war für ihn etwas zu wünschen geblieben, was er sich unmöglich versagen konnte. Vor allem liebte er des Tags einmal eine reich besetzte und vornehm ausgestattete Tafel; dazu ein Glas erlesenen Weins, den er aber nur bei der Mahlzeit trank. Er war ein wohlhabender Mann, und dennoch drohte an der Wohnungsfrage das Glück seines einspännigen Lebens zu zerschellen. Endlich machte er im Turme der Hofkirche zwei Stübchen ausfindig. Er mußte dahin einhundertneununddreißig Stufen emporklettern. Doch -- das verschlug ihm nichts. Mit Hilfe der Großherzogin errang er die Wohnung im Turm, lebte seit Jahren hoch über allem Dasein und pries sich als den Glücklichsten der Menschen. Wahrscheinlich hatte er recht. Frau Do war seine himmlische Liebe. Man sah ihn an Donnerstagen immer zur gleichen Minute über die Sternbrücke schreiten, wo er in den kleinen Steig nach dem Horn einbog, und immer hatte er einen Strauß der schönsten Blumen in der Hand; denn Frau Do war seine himmlische Liebe! Vielleicht war es die einzige Herzensangelegenheit, mit der er sich in seinem Leben befaßt hatte. Und gerade damit stand er nun nicht allein. Aber das war damals noch nicht zu ahnen. Im Haus am Horn hieß er der Kürze halber »die Würze des Lebens«. Man verschwieg ihm das ebensowenig, wie er aus seiner himmlischen Liebe ein Hehl machte. Sein Name Salzer spielte dabei nur die Rolle des Zufalls; denn man hörte, sann und freute sich an ihm die kargste Stunde in helles Licht. Ohne den Professor war das Haus am Horn nicht mehr zu denken. Er kam, wenn er wollte, und war blank wie die Tante Veronika. So war er auch nach dieser Seite hin ein einziger seiner Art.

Außer ihm waren der Schlachtenmaler Richard Schaffrath und der Musikant Erich Meyer da. An Schaffrath schätzte er die gesammelte Kraft, an Erich Meyer die Bescheidenheit und Entwicklungsfähigkeit; denn Meyer -- oho, wie war dieses Blümlein Wegwart über Winter aufgeblüht! Die Wandlung ging so weit, daß er selbst den klingenden Namen Meyer verloren hatte. Er hieß nun Cornelius, Peter Cornelius. Das hatte der Professor erfunden. Erich Meyer mit dem stracken Blondhaar und dem gut modellierten Profil sah auch geradeso aus wie der Komponist des »Barbiers von Bagdad«. Auch seine Kunst ging auf den gleichen Bahnen.

So flogen die zwei Stunden der Donnerstage rasch und tiefbeseelt vorüber und blieben freudig ersehnt von allen. Es wurde dabei vom gesamten schöngeistigen Erleben der Welt gesprochen; und es lag auch ganz in der Art dieser Menschen, von ihren eigenen Wegen zu reden. Nur über Jockeles aufgehendes Lebensziel wurde geschwiegen. Davon wußten für lange, lange bloß Do und Gwendolin. Aber der Same, den Do in jener jungen Zeit ahnungslos ausgestreut hatte, in der dem Jockele das Hirn brauste vor den Fragen: »was wissen Sie von Goethe, Schiller, Wieland, Wildenbruch?« dieser Same hatte ohn' Unterlaß gekeimt und Wurzel gefaßt. Das erkannten sie nun und wußten: damals war er gesäet worden, als Do dem Zigeuner Jockele die deutsche Literatur an einem Bindfädlein zum Fenster im Pflaumenwinkel herabgelassen hatte! Und vor dieser Erkenntnis legte der Doktor eines Abends seiner Frau den Arm um den Nacken und sagte zu ihr: »Was hab' ich denn nun, das mir nicht von dir gekommen wäre, du mein lieber Segen?«

Es wuchs vieles aus den sicheren Händen Dos -- von Jockele gar nicht zu reden; denn der war sozusagen der nächste dazu. Bei dem sanften Erich war es zum mindesten kein Wunder, daß in ihrer schönen Sonne aus der Raupe ein Schmetterling, aus dem Meyer ein Cornelius wurde. In die vorweihnachtlichen Gesellschaften aber hatte er sich nur getraut, wenn ihm Do unweigerlich erklärte, daß er unabkömmlich sei. Das lag teils an seiner Außenseitigkeit, teils an seiner Außenseite. Deshalb gab ihm Do die Erklärung im Wintergarten, wo sie beide allein waren. Und eines Tages bekam er vom ersten Schneider der Stadt einen Brief; darin wurde er gebeten, sich Maß nehmen zu lassen zu zwei neuen Anzügen. Doch diese Einkleidung mußte mit einem großen Aufgebot von List vorgenommen werden: es wären Rester, erzählte ihm der Schneider. Das versöhnte den bescheidensten der Musikanten, langte aber nicht. Da mußte weiter gelogen werden: der Schneider habe ihn einmal Klavier spielen hören und darüber den Entschluß gefaßt. Das rührte den armen Menschen so, daß er den nächsten Donnerstag nicht erwartete, sondern gleich am Sonnabend aus dem Himmel seines Glücks in Dos Wintergarten fiel und es ihr als ein tiefes Geheimnis offenbarte. Do freute sich mit ihm. Und da sie gerade um die Pflanzen beschäftigt war, gelang ihr auch das nötige Aufgebot von Ahnungslosigkeit. »Nun passen Sie nicht mehr in die schiefe Dachkammer, Cornelius,« sagte sie.

»O, ich träume von einem Haus zum Alleinbewohnen,« scherzte er.

»Und ich von einem Stutzflügel für Sie,« sagte Do.

Da sank Cornelius in den Rohrstuhl ...

»Nun ja, ich denke, Sie wollen eine Oper komponieren?«

»Das tu ich ja schon, teure gnädige Frau! In meiner Kammer schreib ich's auf und am anderen Morgen geh' ich in den Erlkönig ...«

»In den Erlkönig?«

»Ja. Das ist ein Gasthaus da drüben in der Nähe der Ilm, da haben sie ein Klavier ...«

So fand sich nun dieser Erich Meyer mit dem Leben ab!

»Und Ihre Villa?« fragte Do.

»Ach, da ist doch das kleine Dienerhaus im Apfelgarten, wissen Sie, wo Jockele mit der Husch den armen Heinrich aufgeführt hat und mit Felidora Geburtstag feierte« -- Cornelius war wirklich sehr lustig -- »und wohin Fräulein Gwendolin den Teekessel geschickt hat ... gnädige Frau, gnädige Frau,« sagte er mit geheimnisreichem Gesicht, »ich glaube, in dem kleinen Haus steht ein großes Sprungbrett ins Leben!«

Ein paar Tage später zog Peter Cornelius in den Apfelgarten; denn Do machte ihm weis, das Wohnen dort wäre nicht nur nicht teurer als in der Dachkammer, sondern es kostete gar nichts. Es gehörte auch dazu wieder List; denn Meyer durfte es anders nicht erfahren. Dahinein kam auch der Stutzflügel aus Bonn, an dem Do im Flügelkleide geübt hatte. Erichs Glück war vollkommen. Er las um diese Zeit häufig und sehr nachdenklich den »Ring des Polykrates«.

Auf einmal ward er drei Tage nicht in der Welt gesehen, obwohl er doch nun ein vornehmer Herr geworden war. Er erklärte sich diese drei Tage lang für den unglücklichsten Narren und hätte sich am liebsten sein undankbares Herz ausgerissen. Warum denn? Ach, er hatte da neulich im Wintergarten der Frau Do alle blutjungen Streiche an den Fingern hergezählt, die dem Jockele in dem kleinen Hause gelungen waren! Und das hatte dieser Erich Meyer fertiggebracht in dem Augenblick, in dem ihm Do den Stutzflügel verhieß! Nun kam er sich vor wie --

Auf einmal donnerte es heftig an die braune Tür. Fra Mariano trat herein. »Sie, Cornelius, was wissen Sie denn von Gwendolin und Richard Schaffrath?«

»Hm. Eigentlich weiter nichts, als daß sie gewissermaßen mit Henrik Tofte verlobt ist.«

Diese Antwort war zusammenfassend. Sie wirkte wie Öl aufs Feuer. »Die Gwendolin hat sich wohl unsichtbar gemacht, was?«

»Es ist nicht ihre Art,« sagte Meyer. Graf Metting hatte ihn immer ein wenig verspottet. Warum fand er sich nun in das kleine Haus? Er kam zu keiner glücklichen Stunde. Erich Meyer war aufgewühlt bis auf den Grund.

»Ich -- nun ich habe die Absicht, mich mit Fräulein Gwendolin zu verloben,« sagte Fra Mariano.

»Wär' es nicht besser, Sie sagten ihr das selber?«

»Dazu brauche ich Sie natürlich nicht,« fuhr ihn Metting an, »aber Sie können doch zum Beispiel hier mal vierhändig spielen.«

»Na, davon hätten Sie auch nicht sehr viel.«

»Aber wenn ich dazu käme, teuerster Meyer, und Sie hätten gerade zum Beispiel eine Klavierstunde in der Stadt zu geben nach dem Spiel zu vier Händen ...«

»Ach, fällt mir ja gar nicht ein! Ich geh' überhaupt nicht mehr aus dem Hause, verstehen Sie wohl?«

»Nein,« sagte Metting und griff nach seinem Hut, »Frau Do geht nicht mehr aus dem Hause, Gwendolin geht nicht mehr aus dem Hause, Jockele nicht und Erich Meyer auch nicht -- zum Donnerwetter, wollen Sie denn alle Kinder kriegen?« Fra Mariano schlug die Tür hart ins Schloß und stapfte zwischen Tag und Dunkel die Kastanienallee entlang.

Er hatte dreimal vergeblich bei Doktor Sinsheimer vorgesprochen. Nun ging er zum vierten Male hin. Da wurde er von Jockele mit weitoffener Fröhlichkeit empfangen: sie wären über köstlichem Schaffen, Gwendolin male den Vorfrühling von allen Seiten, seit vierzehn Tagen wäre sie in Ibenheim bei Tante Veronika ...

Nein, es war kein Schatten Falschheit in diesem Lichte, das aus Jockele schien. Aber eine halbe Stunde später kam Gwendolin aus Ibenheim, und Fra Mariano fuhr gleich am nächsten Morgen hin. Fünf Tage später traf ein Brief von Tante Veronika ein; darin stand: es wäre seit einigen Tagen ein feiner junger Mann ums Haus gestreift, heute habe er sich ein Herz gefaßt und nach Gwendolin gefragt ... er heiße Graf Metting.

Es war eine Pflicht, die die aufmerksame Tante Veronika erfüllte. Jockele und Do lasen diesen Brief mit großer Heiterkeit und schickten ihn durch Fritz hinauf zu Gwendolin. Als die aus ihrem Zimmer herunterkam, waren Professor Salzer und Erich Meyer schon da. Meyer berichtete von seinem Zusammenstoß mit Fra Mariano. Deshalb waren sie so ausgelassen lustig. Gwendolin aber hatte ihre melancholische Stunde. Sie lachte nicht, sondern sah Do mit ernsten Augen an und fragte: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«

Der Winter mit seiner feinen Geselligkeit hatte in ihr einen mächtigen Wandel vollbracht. Wenn sie allein war und nachdenklich und wohl auch ein bißchen traurig, sah sie nun der Herzogin von Urbino viel ähnlicher als dem Flämmlein. Dies andere Leben hatte ihr wohlgetan. Sie sehnte sich mit heißem Herzen aus ihrem sorglosen »Junggesellentume« heraus. Da stand Dos und Jockeles großes Glück, da stand die lautere, geregelte und kluge Art dieses Hauses, da war ... es waren da tausend Dinge, die ließen ihr nun keine Ruhe.

Es war von ihnen nicht mehr über Herzensangelegenheiten gesprochen worden seit jenem Tage im Fjord, der sich so grauenvoll über ihre Sonnenseelen gelegt hatte. Mit keinem Worte. Do liebte es nicht, bei jeder Gelegenheit Verbindungen zu erwägen. Sie hatte in solchen Dingen auch keinen Rat gewünscht, sondern hatte das mit ihrem Herzen und ihrer Klugheit ausgemacht. Und damals, auf dem Uferwege am Skjold, hatte sie mit Nachdruck ein Punktum dahintergesetzt, indem sie zu Gwendolin sagte: »Ich weiß kein Mädchen, das umworben ist wie du. Aber du kommst nicht dazu, deinem Herzen eine Aufgabe zu stellen.«

»Ich werde mich daraufhin einmal ansehen,« hatte Gwendolin geantwortet und: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.« Nun sagte sie: »Ich wäre euch dankbar, wenn wir heute statt des musikalischen Tees einen Familienrat hielten.« Sie setzte sich in den Ledersessel und dachte, sie hätte ein gefaßtes Herz. »Ich sehe, daß ihr auf meine Kosten vergnügt seid.«

»Auf Kosten Fra Marianos,« sagte Jockele. Professor Salzer lächelte so in sich hinein; er hatte für Graf Metting nie viel übrig gehabt.

»Das kommt auf eins heraus. Wie steht es mit mir? Es steht so: Ehemals habe ich meine Freiheit und Selbständigkeit sehr hoch bewertet -- etwa wie ein reicher Mann seine Millionen; denn ich habe zu mir gesagt: dafür erstehe ich mir die halbe Welt. Dann kamt ihr und ließet mich mit euch ziehen. Ich bat euch damals halb wehmütig, halb lustig: eine schiefe Kammer werdet ihr in eurem großen Hause für Gwendolin, die Heimatlose, haben. Nun aber weiß ich: ich war in jener Stunde zum erstenmal ahnungslos. Ihr seid so lieb zu mir gewesen, und ihr habt das Leben angepackt mit euren guten und reichen Herzen, wie es mir nicht im Traume eingefallen wäre -- das Leben und mich selbst. Und nun steh' ich vor euch mit leeren Händen und habe nachdenkliche Stunden. O, manchmal bin ich sehr traurig: darf das denn so weitergehen aus einem Jahr ins andere?« Da merkten sie, daß sich Gwendolins Herz auflehnte gegen sich selber und daß ihre Stimme zitterte. »Ach nein, liebe Do, spare dir deine Worte! Wie es in euch aussieht, das weiß ich. Aber jetzt kommt's wieder einmal auf mich an -- endlich!« rief sie. »Mein Reichtum von einst -- meine Freiheit -- ist vertan. Ich mag ihn nicht wiedererwerben. Ihr habt mich ein Leben gelehrt, das ist schöner und beseelter ... Ich bin kein Kindskopf. Deshalb hab ich mir nicht geschworen: dies Leben mach' ich euch in allen Stücken nach; aber ich habe mir gelobt: in meiner Art will ich euch ähnlich werden. Nun kommt Graf Metting und sagt, er liebt mich. Ist das nicht der Augenblick, in dem ich meinem Herzen die Aufgabe zu stellen habe? Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«

Nach Gwendolins langer Rede mußte diese Frage kommen. Sie war peinlich -- nichts als »ungeheuer interessant« war sie nur für Cornelius. Da meldete der Diener Herrn Richard Schaffrath, den Schlachtenmaler. Der hatte wichtigen Atelierbesuch gehabt ...

Atelierbesuch? Ja. Nur: wie dieser Atelierbesuch ausgesehen hatte, das war nicht zu ahnen; denn der Maler, der nach fast den gleichen Maßen erbaut war wie Henrik Tofte, kam wirklich recht besuchsmäßig daher, feierlich und ungewöhnlich vorschriftsmäßig in Anzug und Behaben. Und so war seiner Aufmachung nicht anzusehen, daß er daheim im Malraum zwei Stunden lang einen Kampf ausgefochten hatte mit einem Menschen, der genau so groß und kräftig war wie er, der über genau einen so cholerischen Zorn verfügte wie er, und der gar noch Richard Schaffrath hieß! Nun kam dieser Herr so geruhig und blank gebürstet daher und sah aus, als wäre noch niemals ein Sturm durch ihn gefahren. Aber bis vor einer halben Stunde hatte er auf seinen Gegner einen heißen Zorn niedergehen lassen -- just als hieße dieser Graf Metting und hätte einen Eid geschworen, dem Maler Schaffrath bei der schönen, schlanken, heißen und klugen Gwendolin den Rang abzulaufen. »Siehst du, das kommt nun von deiner wortkargen Art! Jetzt hat sich der Windhund ihr ans Herz geschmeichelt ...« und so weiter -- aber solche häßlichen Gedanken waren ihm nicht mehr anzumerken. Sondern er trat mit einer sehr höflichen Verbeugung zu Frau Do und rettete sich die Verzeihung für sein Zuspätkommen. Gwendolin aber wartete noch auf Dos Antwort. Und so schlug sie in ihrer bangen Ungeduld eine Brücke ... »Wir spielen heut ein anderes Instrument, Herr Schaffrath,« sagte sie, »aber Sie dürfen zuhören.«

»Ah, ein neues Instrument?« -- »Ja ... meine verstimmte Seele,« sagte sie, »sie ist erstaunlich in Unordnung geraten ... Nun, liebe Schwester Do?«

»Du sollst deine Beziehungen zu Metting abbrechen; denn in diesem Falle wäre die Aufgabe, die du deinem Herzen zu stellen hättest, zu groß. Gwendolin, du stehst mit deinen herrlichen Gaben viel zu weit fort von ihm, und du würdest in diesem blitzenden, aber flachen Wasser verdürsten.«

Gwendolin schwieg. Sie schwiegen alle. Und sie sahen, es hing eine verräterische Träne an ihrer dunklen Wimper.

»Do, ich wußte: so mußtest du antworten. Und dennoch hab' ich dich gefragt. Soll ich dir nun an den Fingern herzählen, was ich damit aufgebe?«

»Nein,« sagte Do, »das wissen wir. Aber ich will dir nennen, was du dir ersparst: die trostlose Mühe, die Kunst einer solchen Ehe zu erlernen. Fürchte dich davor, Gwendolin, fürchte dich vor der Reue ohne Ende!«

Da ging Gwendolin in ihre Zimmer und warf sich auf ihr Bett und weinte.

Die anderen saßen im Wintergarten noch lange beisammen. Schaffrath war noch schweigsamer als sonst. Jockele allein schupfte die Schultern. Er konnte zum erstenmal nicht ganz mit Do übereinstimmen. »Nun, es ist ja nicht das letzte Wort,« sagte sie, »Gwendolin wird ihre freudige Klarheit wiederfinden und mit sich selbst zu Rate gehen.«

»Ja,« sagte Jockele, »und es ist gut so. Es kommt mir vor, als entschieden wir ein bißchen selbstherrlich -- schließlich: Fra Mariano bewirbt sich doch nicht um jeden von uns, sondern um Gwendolin.«

Danach ging Do zu ihr. Cornelius blieb am Flügel und träumte wunderliche Fantasien. Jakobus, Salzer und Schaffrath begaben sich in das Rauchzimmer. Der Doktor schickte seine Gedanken den blauen Ringen nach. »Die Sache ist qualvoller für uns als Sie denken, lieber Schaffrath,« sagte er. »Und was halten Sie davon, Professor?«

»Je nun, es überfällt Sie ja nicht,« antwortete er. Es war nicht ohne Spott.

»Eigentlich nicht,« sagte Jockele, »wir haben es gefürchtet. Aber Do will es durchaus nicht zum äußersten kommen lassen. Wenn Metting erst um Gwendolin wirbt, wird sie ihn nicht abweisen -- verlassen Sie sich darauf, und dann ist das Unglück fertig! Es ist nicht zu glauben, wie erstaunlich die Unordnung ist, in die sie geraten. Bedenken Sie doch: dies kluge und aufrechte Mädel!«

Hm. Es war wirklich eine höchst unangenehme Geschichte.

Schaffrath konnte sehr undurchsichtig sein; er war es heute doppelt. Jockele ärgerte sich darüber und sagte: »Richard Schaffrath, Sie sehen aus wie ein Bräutigam auf dem Wege von der Kirchtür zum Altar.«

»Wie sieht denn der aus?«

»Versteinert.«

Der Professor prüfte ihn daraufhin. Seit die Herren unter sich waren, zuckte es ihm unausgesetzt um die Lippen wie Spott und Schadenfreude ... »Und Sie, Professor,« sagte Jockele, »Sie sehen aus, als sezierten Sie ein Drama von Maeterlinck.«

»O nein,« sagte er, »mein Vergnügen ist viel größer.«

»Es wäre besser, Sie machten sich um uns ein bißchen nützlich,« scherzte Jockele, aber er sprach nicht ohne Bitterkeit. Der Schlachtenmaler schritt indes auf dem Teppich hin und her wie ein Löwe im Käfig. Der Lösung seiner schwierigen Frage kam er nicht näher. Und die Augen Salzers liefen funkelnd hinter ihm drein. Endlich lehnte der Professor sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände über der Uhrkette und verfiel in ein ungeheueres Lachen. Jockele stand hilflos am Tisch, Salzer lachte in einemfort, und Schaffrath tat, als wäre dieser Ausbruch des Vergnügens eine Selbstverständlichkeit: er kümmerte sich nicht darum.

»Zum Teufel,« rief Jockele, »was soll denn das heißen?«

»Großartig, ach großartig! Es ist eine Komödie! Doktor, muten Sie mir denn zu, daß ich in einer Komödie sitze wie ein Ölgötze? Der Schlachtenmaler, hurrjeh, der Schlachtenmaler hat nämlich den Brief im Sack, mit dem er sich um Gwendolin bewirbt! Hahahahaha.«

»Und das nennen Sie Komödie?« platzte Jockele heraus. »Herr, das ist eine Tragikomödie!«

»Gibt es nicht,« sagte der Professor. »Eine Geschichte endet mit unglücklichem Ausgang und ist eine Tragödie. Oder sie endet mit vergnüglichem Ausgang, dann ist sie eine Komödie. Oder wollen Sie etwa den Mut aufbringen, einen Stoff zu gleicher Zeit aus einem ernsten und aus einem lustigen Gesichtswinkel zu betrachten? Bedenken Sie doch bloß den Unsinn: ein heiteres Trauerspiel, oder ein trauriges Lustspiel! Mit der Bezeichnung Tragikomödie hat Plautus ursprünglich einen Scherz ...«

»Himmeldonnerwetter!« schrie der Doktor, »ist denn die Welt aus den Fugen? Und was gehen uns augenblicklich Plautussen seine Witze an?«