Jockele und seine Frau

Part 8

Chapter 83,709 wordsPublic domain

»Musik, gnädige Frau, ungeheuer viel Musik. Ich gebe Unterricht und wohne im Haus mit der Harfe -- das spricht sich bequemer, eigentlich ist es ja wohl eine Leier.«

»Und die haben sie sich als Wahrzeichen dahinaufsetzen lassen?«

»O nein, nicht ich!«

Zwei Herren schritten grüßend an dem fröhlichen Trüpplein vorüber: ein hochgewachsener junger Mann mit dunklem Vollbart und ernstem Gesicht war der eine. Es war ihm anzusehen: er war ein Künstler, wußte zu sinnen und wußte zu schweigen. Ein Licht ging an in seinen großen braunen Augen, als er Gwendolin erkannte. »Sagen Sie, Herr Meyer, war das nicht der Porträtmaler Schaffrath?« fragte Gwendolin mit leiser Verstellung; denn es lockte sie, zu erfahren, was aus diesem tüchtigen und strebsamen Menschen geworden wäre.

»Ja,« antwortete er, »der Schlachtenmaler. Er hat im Vorjahr ein Panorama gemalt, in Dresden oder Leipzig -- ich weiß es nicht mehr. Es heißt: er kann ungeheuer viel.«

»Und der ältere Herr, der bei ihm war?« fragte Jockele. -- »Ein Gelehrter, der Professor Salzer.« -- »Wahrhaftig, er war's,« sagte Jockele. »Ich habe ihn vor Jahren flüchtig kennengelernt und habe den Wunsch, diese Bekanntschaft zu erneuern. Der Professor ist der Mann für meine Frau,« setzte er scherzend hinzu. Und Meyer sagte: »Es wird nicht lange dauern, dann ist Schaffrath auch Professor, an der Kunstschule, und wohl gar Direktor.«

»Ich glaube, er hat sich einmal in meiner Jugend für mich interessiert,« sagte Gwendolin zu Do.

Darüber mußte Do lachen. »Du +glaubst+? So etwas weiß man doch, wenn man solch helle Augen hat.«

»O, bei Schaffrath weiß man das nie,« sagte Gwendolin. »Wenn ich mich recht erinnere, hat man ihn damals nie in Gemeinschaft anderer gesehen, er pflegte keine Freundschaften, und er war nie im Kaffee. Er hatte auch keine Erlebnisse mit Frauen -- trotz der Weisheit Jockeles.«

»Vielleicht ist er die Ausnahme von der Regel,« sagte Jockele. »Aber woher kam dir dann der Glaube, daß er sich für dich interessierte, teuerste Gwendolin?«

»Nun, er ging nie ohne Gruß an mir vorüber,« sagte sie. »Ich weiß, das ist damals von den Malmädchen und in der Stadt sehr beachtet und bemutmaßt worden.«

Sie fanden, daß die Straße zu so bedeutenden Gesprächen nicht der rechte Platz wäre. Deshalb reichte Gwendolin Herrn Meyer die Hand.

»In einigen Tagen hoffen wir auf Ihren nachbarlichen Besuch, lieber Meyer,« sagte Jockele.

»O,« sagte der in ehrlicher Bescheidenheit und deutete an seinem fadenscheinigen Rock hinab, »zuviel Ehre für einen armen Musikmeister.«

»Ach, dichten Sie keine Tragödien, Meyer,« sagte Gwendolin, »bei Jockeles sieht man das Herz an.«

Erich Meyer war erschüttert. In seiner Dachkammer sank er auf den Stuhl und dachte: vor ein paar Jahren war er mit diesem vornehmen Doktor Sinsheimer durch den Park gezogen -- damals war der ein schlechter Zigeuner gewesen ... »aber ein guter Musikant!« sagte Erich Meyer und holte einen tiefen Seufzer aus seiner Brust.

Als sie nach Hause kamen, lag da ein Schreiben der Staatsanwaltschaft in Hamburg an Frau Doktor Doris Sinsheimer. Es war nach der Insel Nane Thords gerichtet gewesen und nachgesandt worden. Darin stand: Es befindet sich in Hamburg seit drei Wochen ein junger Mann namens Rolf Krake in Untersuchungshaft. Er hat sich der Polizei gestellt und behauptet: »Ich habe meinen Bruder, den Doktor Woldemar Krake, vor acht Tagen erschossen. Den Ort sage ich nicht: ich nehme an, die Bluttat ist der Bevölkerung verschwiegen worden, die ich durch eine Untersuchung an Ort und Stelle nicht beunruhigt sehen mag. Ich glaube auch nicht, daß außer mir ein Mensch von dem Verbrechen weiß, da mein Bruder im Augenblick seines Sterbens in eine unergründliche Tiefe versunken sein dürfte. Man wird ihn vermissen, aber man nimmt wohl an: er und ich haben sich heimlich von unserem damaligen Aufenthaltsort entfernt -- ich weiß es nicht. Ob ich die Tat mit Überlegung und bei vollem Bewußtsein vollbrachte, kann ich nicht genau sagen. Ich bin mit der Absicht zu dem Tatorte gekommen, mich selbst zu töten. Es ist wahrscheinlich, daß der Mord die Folge eines psychologischen Vorgangs ist, den ich nicht in vollem Umfange zu erklären vermag.« Weiter stand in dem Schreiben: Es stimmen alle Angaben Rolf Krakes über seine Herkunft und seinen Bildungsgang. In Kiel, wo er zuletzt Student war, ist er auf Reisen ins Ausland abgemeldet, ohne nähere Bezeichnung des Aufenthaltsortes. Er hat Frau Doris Sinsheimer angegeben als diejenige, welche den von ihm erwähnten »psychologischen Vorgang« mit größerer Sicherheit darstellen könnte als er selbst. -- Do wurde aufgefordert, aus dem Auslande zunächst einen schriftlichen Bericht an die Hamburger Staatsanwaltschaft zu senden.

Die Erregung über diese Botschaft glich einer totalen Sonnenfinsternis: sie brachte eine bleierne Schwere, die den Atem beengte, aber sie ging rasch vorüber. Sie wich der freudigen Genugtuung, daß dem unglücklichen Freund ein großer Dienst geleistet werden konnte.

»Wie hab' ich ihn gequält, damals, ehe ich dem Rätsel in ihm auf den Grund kam: dem Weg des Hasses gegen sich selbst, in dem eine Stelle ist, an der immer Woldemar Krake auftaucht und für ihn zum Träger des Hasses wird ...«

»Sage: ein Blitzableiter an der höchsten Stelle des Hauses, der den Funken auf sich zieht,« warf Jockele ein. Dann begab er sich in sein Arbeitszimmer, schrieb einen langen Bericht und nahm darin das eigentümliche Räderwerk dieser Seele auseinander und setzte es kunstgerecht wieder zusammen. Es wurde darüber Abend, es wurde Nacht, und es graute der andere Tag: es war ein Buch geworden, das Jockele verfaßt hatte. Darin fand sich alles geschildert, was sich am Skjold ereignet hatte, wie sie den Verletzten mit zwei Wunden gefunden, die so leicht gewesen waren, daß nicht einmal alle des kleinen Kreises Kenntnis von dem Vorfall erhielten. Es war die jetzige Wohnung Woldemar Krakes angegeben; es war das Verhältnis Rolfs zu den Freunden geschildert und die Eigenart seines wissenschaftlichen Interesses; es waren Auszüge aus seinem Tagebuch beigefügt, und es wurde der Tatort mit Anschaulichkeit gezeichnet, dessen Lage in Rolf Krake die Meinung erweckt hatte, der Bruder wäre in den schäumenden Wassern versunken. Über den seelischen Druck, unter dem Rolf seit den Tagen des Knaben gelebt hatte, über die Ursachen und das Wachstum dieses Druckes gelangte Jakobus zum Letzten und Schwersten: zu der Darstellung des psychologischen Vorgangs im Augenblick der Tat -- Rolf sieht sich von seinem Bruder verfolgt, wiewohl er es selbst ist, der sich verfolgt; im Grunde hat er die Liebe zu Hanna von Fellner längst überwunden -- zuletzt vielleicht, weil er sich sagte: sie wird sich ja doch für den Bruder entscheiden. Und dennoch benützt er diesen Verzicht als Vorwand zu seinem Selbstmord: er richtet die Waffe gegen sein Herz. Als er schon den Daumen um den Abzug krümmt, wird er von dem Bruder gestört. Wiederum von diesem Bruder, der ihm, seiner Meinung nach, den Weg zu Glück und Leben vermauert -- soll ihm von dem nun sogar der Weg zum Sterben verwehrt sein? ... Undurchdringlich sinkt die Finsternis des Hasses in ihn. Vier Kugeln sendet er nach dem Bruder und -- hat eigentlich auf sich geschossen: das mörderische Blei galt dem eigenen Spiegelbilde! Keine Eifersuchtstat, keine Rache, keine perverse Lust an fremdem Blut, nichts von Mordgier, nichts von Gemeingefährlichkeit -- sondern: ein »psychologischer Vorgang«, dessen Entschleierung die Aufgabe des Seelenarztes ist ...

Im Oktober reiste Do mit ihrem Manne zur Verhandlung vor dem Schwurgericht nach Hamburg. Woldemar hatte die Aussage verweigert, er war nicht da. Die Begegnung mit seinem Bruder sollte vermieden werden. Do wiederholte in ihrer klaren klugen Art, was sie von Rolf Krake wußte.

Die Volksrichter sprachen ihn frei.

Er verließ das Gerichtsgebäude mit Do und Jockele, war nicht fröhlich, war nicht traurig, und sagte: »Die große Einsamkeit, die in diesen Wochen um mich gewesen ist, war sehr wohltätig. Kommt, wir wollen unter viele fremde Menschen gehen, wo es einsam ist. Und wir wollen nicht von gestern reden, sondern von morgen.«

»Was wollen Sie denn morgen tun?« fragte Do.

»Ich will in den Hardanger Fjord reisen und auf Nane Thords Insel wohnen,« sagte er.

Es wollte Abend werden. Oktoberabend. Der Sommer hauchte von irgendwoher in die Dämmerung unter den Bäumen am Horn, und aus dem gefallenen Laube dufteten Veilchen. Da gingen Do, Gwendolin und Jockele mit verschränkten Armen auf den Wegen des alten Gartens. »Mir ist, als wäre die Geschichte der Sturmschwalben noch nicht zu Ende,« sagte Gwendolin. »Es ist da wohl noch ein langes merkwürdiges Kapitel, das heißt ›Rolf Krake‹ ...«

»Und du wärest darauf gespannt?« fragte Do.

»Vielleicht war es nur eine Überleitung von mir,« gestand Gwendolin, »es sind ja auch drei Sturmschwalben nach Rom verschlagen worden. Ich denke mehr an die, als mir lieb ist. Ich habe merkwürdige Ahnungen.«

»Ahnungen!« sagte Jockele, »Henrik Tofte ist ein Mensch, an dem jede Berechnung zerschellt und vor dem auch jede Ahnung in tiefe Finsternis gerät.«

»Darum flattern die meinen wie Fledermäuse. Ich glaube, es geht ihm nicht gut.«

»Natürlich wird es ihm nicht gut gehen. Pah, was gilt das ihm! Fällt ihn heute der Teufel an, so stellt er ihn auf den Kopf, und es wird morgen der liebe Gott daraus. Er mißt sein Schicksal immer so, daß nie ein richtiges Unglück herauskommt. Na und schließlich: er weiß uns ja zu finden.«

»Niemals!« sagte Gwendolin. Dann verscheuchten ihr Do und Jockele die Fledermäuse und wurden alle drei lustig an Henrik Tofte, der so lang war, daß er immer ganz vergnügt oben herausragte, wenn ihn sein Schicksal gleich einmal in recht tiefes Wasser warf. »Er hilft sich selbst,« sagte Jockele, »und Rolf Krake hilft sich auch selbst, man muß ihn allein lassen -- lebensgefährlich ist das Leben nur für Erich Meyer. Erich Meyer ist ein Mensch, der sich seit zehn Jahren in einemfort aufrichtet. Aber er hat gleich eine Waffe zur Hand, mit der er sich ebenso unausgesetzt niederschlägt: sein goldenes Herz. Ich wette, ehe er in die Dachkammer dieses Erholungsheims geraten ist, hat er dreimal sein Bett verschenkt. Und den Stuhl, für den er einmal das Geld besaß und verschenkte, den hat er sich bis heute nicht angeschafft. Aus lauter Bescheidenheit geht er jetzt einen anderen Weg zur Stadt, nur damit er nicht durch unsere Tür gerät. Do, liebste Do, dieses Märchen mit dem Goldherzen könntest du zu einem vernünftigen Ende dichten!«

»Nun, und du?« fragte Gwendolin. Da setzte Jockele ein geheimnisvolles Gesicht auf. »Ha!« sagte er, »ich glaube, ich bin durch die Erlebnisse des Sommers ein bißchen aus dem Sattel gekommen« -- er klopfte Gwendolin sanft auf die Achsel -- »du, mir scheint, ich stehe wieder einmal am Zaune des Tartarus, um auf den Berg der Seligkeiten zu steigen! Seit ich mich schreibenderweise in die Rätselseele Rolf Krakes vertieft habe, sind mir Flechten und Frösche eine etwas trockene Materie geworden.«

Gwendolin schloß ihn in komischer Rührung in ihre Arme. »Hurra! Meine Ahnungen! Meine Ahnungen!«

»Es ist wahrhaftig so,« sagte er, »das Beste hab' ich dem Hamburger Gericht nämlich gar nicht aufschreiben können -- na, nennen wir es mal: den Ertrag des spekulativen Denkens. Es sind seit jenen Tagen allerhand Lockungen da, zum Beispiel Henrik Tofte. Seht, diesen Menschen möcht' ich mal aufschreiben; den möcht' ich mal auf einem Haufen Papier zum Bilde Gottes erschaffen, zu dem er sich selbst nie erschaffen kann! Ich gehe seit einigen Tagen in einem wunderlichen Zustand umher: als Gelehrter dacht' +ich+ -- jetzt denkt es in mir; als Gelehrter schrieb +ich+ -- jetzt aber fängt es in mir an zu schreiben ...«

»Wie es in mir malt,« unterbrach ihn Gwendolin lachend.

»Ja, so wird es wohl sein.«

»Ich finde, es ist bei uns immer ungeheuer viel los,« sagte Do, »Gesellschaften will er geben, dichten will er, Erich Meyern wollen wir einrichten, die Tante Veronika soll kommen ...«

»Ach, Teufel,« machte Jockele, »da müssen wir das Dichten und den ersten Gesellschaftsabend doch noch aufschieben! Aber bereiten werden wir Haus und Herzen für beides; denn das mag Tante Veronika gern leiden.«

Also gingen sie ans Werk und sannen ein Zimmer nach dem anderen, sannen das ganze Haus in seiner Einrichtung um, wie es ihrem Wohlbefinden und ihrem anderen Geschmack entsprach. Das hatte gleich in den ersten Tagen geschehen sollen, aber die waren ja voll gewesen bis zum Rande. Doch nun waren sie in Schwung, stellten einen großen Rumor an, wirbelten zwischen dem Diener Fritz und einigen Handwerkern, wirbelten zwischen der Köchin und dem Zimmermädchen herum und fanden das nach den mannigfachen Erschütterungen der Gemüter äußerst beruhigend. Zuletzt kamen der Wintergarten auf der einen und die Vorhalle mit dem Treppenaufgange an der anderen Seite daran. Im Wintergarten hinter den doppelten Scheiben wirkte Do. Sie schuf ein liebliches Wunder aus Palmen, Grün und Blumen und dem Strahle des Springbrunnens, der nun klingend über Kristall fiel. In der Vorhalle ließen Jockele und Gwendolin schön geschnittene Säulen aus Lorbeer wachsen, und auf den Trägern vor der Treppe glühte das Licht in Schalen aus buntgewürfeltem Glas. Es war schön und heimelig -- beides.

Erich Meyer war der erste, der kam -- glücklich und unglücklich wie stets im Leben. Vor dieser neuerschaffenen Welt verzagte ihm das Herz. Zum Glück hatte Gwendolin seinen Schatten in der Dämmerung durch die Gartenpforte huschen sehen; weil sie danach im Hause nichts von ihm hörte, ward sie von einer Ahnung getrieben -- und wahrhaftig: da stand Herr Meyer in der Vorhalle zwischen den Lorbeersäulen und den stillen dunklen Bildern der Wände und den Glasschalen, die aussahen, als wären sie mit leuchtenden Steinen gefüllt bis oben hin -- ja, da stand Erich Meyer, hatte beide Hände auf sein goldenes Herz gepreßt und träumte, er erlebe ein Märchen ... denn über den Hintergrund seiner Erinnerung zog er selber mit Jockele dem Zigeuner.

»Na, Meyer!« sagte Gwendolin in ihrer lustigen Art.

»Ach, Fräulein Gwendolin, Fräulein Gwendolin ... kann ich denn da -- --«

»Natürlich können Sie! Kommen Sie nur.«

»Wie glücklich, daß ich gerade Sie hier treffe! Man ist doch gleich viel mutiger.«

Dann saßen sie in dem Zimmer mit den braunen Ledersesseln -- Do, Jo, Gwendolin und Erich Meyer -- und tranken Tee. Erich Meyer brauchte zwar geraume Zeit, sich an dem Gedanken aufzurichten, daß diese lichten frohen Menschen das Herz ansähen; dann aber beteuerte er: diese Stunde wäre das tiefste Erlebnis in seinem Dasein. Das kam auch daher, weil sie ihn alle drei gleich in Reparatur nahmen. »Wir wollen durchaus einen richtigen jungen Mann aus Ihnen machen, Herr Meyer,« gestand Gwendolin.

»O,« sagte er. Es klang dankbar und wehmütig.

Und Do dachte: die Zahl der Sturmschwalben unter den Menschen ist nicht zu zählen -- der eine treibt's so, der andere anders -- aber Sturmschwalben sind sie fast alle ... zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?

Gwendolin schoß Leuten gegenüber, wie Meyer, gern ein bißchen über das Ziel. Sie konnte sich nicht helfen: sie fand ihn komisch. Und wenn sie gleich jeden Satz mit »lieber Meyer« begann, so lag darin zwar ein bißchen warmes Mitleid, aber der Spott schwamm oben darauf und deckte das Mitgefühl zu.

Der Musikant war empfindsam, aber die Empfindlichkeit hatte er vor der Welt verlernt; denn mit Spott begegneten ihm sogar Menschen, gegen die er in jeder Beziehung ein bedeutendes Licht war. Wie eine Blume, die im Schatten blüht, wandte er sich Do zu. Da merkte Gwendolin, daß sie und auch Jockele in dieser Stunde nicht am rechten Platze wären, und sie sagte: »Lieber Meyer, den Doktor und mich beurlauben Sie wohl für heute; wir haben im Büchersaal noch alle Hände voll zu tun.« Damit preßte ihn Gwendolin mit sanftem Druck in seinen Sitz zurück; denn der arme Musikant schickte sich gleich in tiefer Betretenheit zur Flucht.

»Gnädige Frau, ist es wirklich wahr, daß ich gern bei Ihnen gesehen bin?« fragte er, als er mit Do allein war.

»Ganz gewiß,« sagte sie in ihrer leuchtenden Art, »und nicht nur, weil wir nebenan einen sehr schönen Blüthner stehen haben, für den wir drei viel zu unmusikalisch sind.«

»O, wenn ich Ihnen mit meiner bescheidenen Begabung Freude machen könnte ...«

»Ja, das können Sie,« lächelte Do. »Was meinen Sie zu einem kleinen musikalischen Tee, immer an Donnerstagen von Fünf bis halb Sieben?«

Es fiel ein Sonnenregen über Erich Meyers Herz. Dann saß er draußen an dem Blüthner, nur für zwei dankbare flüchtige Minuten -- da regnete es immer weiter, und es war zu sehen und zu hören, welch selige Erquickung diesen armen Menschen segnete. Er dachte, er wäre zu schlecht, der schlanken lichten Frau die Hand zum Abschiede zu bieten. Da reichte sie ihm alle beide und sonnte ihre Güte noch einmal über den Rausch seines Glückes. Und dann stand draußen in der Vorhalle der Diener Fritz und öffnete ihm die Haustür und hatte eine herrlich weiße Krawatte vor -- »So lange haben Sie auf mich gewartet?«

»O nein,« lächelte Fritz und machte eine tiefe Verbeugung vor dem armen Musikanten. Der aber flog auf breiten Flügeln davon und flog in den abenddunklen Park, in dem die Herbstnebel schwammen. Wunder Gottes, Wunder Gottes, es wurde immer heller um ihn. Juhu! --

Wieder nach ein paar Tagen waren Haus und Herzen fertig. Da kam Tante Veronika aus Ibenheim am Walde. Aber diesmal kam sie im Wagen, und Do, Jockele und Gwendolin hatten sie am Bahnhof erwartet. Sie ging noch immer an dem gleichen gelben Krückstock, und sie trug noch immer einen Kapotthut mit veilchenfarbenen Bindebändern und trug die cremefarbenen Handschuh. Und sie hatte den Umhang mit sanft flimmerndem Jett über den Achseln, hatte noch die klaren Augen, und die weichen Wellen des Haars um Stirn und Schläfen, und sie sah noch immer so schmuck und fein aus, als hätte sie der liebe Gott aus seinen Sonntagshänden gerade erst auf die Erde gesetzt. Ihre Seele tat einen Rundblick aus den blankgeputzten Fensterlein unter der Stirn und erkannte: es ist alles gut. Aber Do mußte ihr schon im Wagen gegenüber sitzen; denn die Do war ihres Glückes Erfüllung. Und ihr mußte sie immer einmal aus dem heimeligsten Winkel ihres Herzens zublinzeln; das hieß: »Wir zwei, wir haben ihn aus dem Walde gezogen.«

So kamen sie heim. Erich Meyer war ein Fremdling in diesem Hause gewesen -- Tante Veronika paßte allenthalben: wie eine blühende Pflanze auf den Geburtstagstisch oder an das helle Fenster. Aber als sie durch die schönen ruhevollen Zimmer geschritten war, in der die Jugend einer anderen Zeit mit so viel Klugheit und Hingebung gewaltet hatte, da war ihr doch: der liebe Gott stünde an der letzten Türe, lachte sie aus seinen Himmelsaugen an und reichte ihr einen schönen Strauß aus gelben Rosen, die sie vor allen liebte; und sie machte ihm einen respektvollen Knicks. Dann aber preßte sie Do gleich ihr liebes gerührtes Gesicht ans Herz --: »O, laßt mich nur weinen; gäbe es denn ein reineres Glück, als in Freude zu weinen über seine Kinder?«

So waren sie durch innige und frohe Stunden beieinander, diese drei Menschen, von denen Henrik Tofte gesagt haben würde: »Es ist unheimlich, an ihnen der Besinnlichkeit des Schicksal nachzuspüren, das man gemeinhin gedankenlos nennt.«

Daran dachten sie und belustigten sich über die Maßen, denn es lag auf dem weiten klaren Wege, von der Schwelle des Zigeunerfindlings an bis zu dieser Stunde, nichts, als was von tüchtigem und klugem Menschenwillen an seine Stelle geleitet worden war.

Tante Veronika blieb drei Tage, blieb genau so lange, daß sie sagen konnte: »Nun hab ich auch diesem Abschnitt eures Lebens kennengelernt, und es ist mir, als wäre ich stets um euch gewesen.« Gleich an dem Abend, an dem sie wieder in ihrem Ibenheimer Stübchen saß, geleitete Mali den Herrn Peter Squenz herein, den früheren Gemeindevorsteher, der nun ein sehr alter Mann geworden war; denn Herr Peter Squenz verlebte seine Ruhejahre in dem »Wunder«, das an dem kleinen Zigeunerjungen geschah. Er sagte, es wäre unausstaunlich -- hätte er denn sonst seine schwarze Schirmmütze in der Hand behalten, während er mit dem Doktor Sinsheimer gesprochen, als sie damals alle nach Bonn reisten? Tante Veronika und Herr Peter Squenz waren gute Freunde geworden, o ja, aber vor seinem Wunderglauben funkelte sich die alte Dame in einen lustigen Spott.

Doch Herr Peter Squenz war nicht der einzige, der sich an dem Märchen ergötzte, das sich da durch die nüchterne Gegenwart lebte. Es waren noch die hundert Leute um ihn her, die der Tante Veronika vor etlichen zwanzig Jahren hatten weismachen wollen: wenn der kleine Zigeuner erst mal ein großer Zigeuner geworden, dann würde er im Walde von Ibenheim ein Räubergeschäft aufmachen!

Und da war auch noch das Zinzilein im Forsthause weit draußen vorm Berge der Frau Venus. Das Zinzilein hatte dem Jockele an seinem ersten Lebenstage das samtige Fellchen auf seinem Kopfe gebürstet und den kleinen Menschen im Puppenwagen spazierenfahren wollen. Nun war eine blonde hüftenfeste Frau Försterin daraus geworden, die selber ein ganzes Haus voll lebendiger Puppen hatte. Daneben hätschelte sie die liebe Frage: ob der Jockele mit seiner lichten Frau Do wohl einmal leibhaftig in ihr sehnsüchtiges Herz scheinen würde? O, das gäbe für dies Herz und seine Waldeinsamkeit einen großen Tag!

Und da waren noch andere, die mit ihren Gedanken die hochgemuten Menschen suchten, die sich unter den alten Bäumen am Horn so wegsicher vorwärtslebten ins Leben; denn Jockeles »Mädchenzeit« kannten sie nun alle. Und in ihrer Geschäftigkeit dichteten sie das kleine rote Jockelebuch auf eigene Faust weiter zu einem dickleibigen Lexikon; denn sie wußten ganz genau: es wäre ihnen in dem kleinen Buche aus triftigen Gründen manches verschwiegen worden, und just das wäre das Interessanteste. Was darüber hinaus passierte, wollten sie nun auch wissen; denn sie meinten, das wäre genau so bunt und springlebendig und schmeckte so nach Champagner wie die Geschichten aus dem Pflaumenwinkel. Deshalb war der Stufensteig, der vom Horn an Goethes Gartenhaus vorüber hinabführt in den Park, seit dem Tage ein heftig gesuchter Spaziergang für die Weimaraner, an dem es ruchbar wurde, Sinsheimers wären wieder im Lande. Die Gymnasiasten, die am Zaune vorübergingen, hinter dem der Jockele dem geheimnisvollen Augenaufschlag seiner Dichterseele zuschaute, erzählten sich von ihm und sagten: »Es ist eine großartige Sache!« Und damit fanden sie genau die gleichen Worte, die dem Zinzilein vor dreiundzwanzig Jahren aus seinem kleinen Munde gestolpert waren, als es dem Herrn Peter Squenz berichten sollte: droben bei der Tante Veronika wäre ein kleiner Jockele angekommen.

Etliche von diesen vielen waren in der sehr freundlichen Lage, die Geschichte mitzuerleben, die sie »Jockele und seine Frau« nannten, schon lange bevor sie aufgeschrieben wurde. Es war aber nicht ganz leicht, in diese freundliche Lage zu kommen. Man durfte nun nicht mehr durch die Türen fahren wie vor ein paar Jahren im Pflaumenwinkel -- nein, denn schon die eiserne Gartenpforte war verschlossen. Das deutete weder auf einsiedlerische noch auf menschenfeindliche Neigungen, sondern es hing mit jenem Augenaufschlag der Dichterseele zusammen. Das schien ein äußerst geheimnisreicher Vorgang zu sein. Ja.