Jockele und seine Frau

Part 7

Chapter 73,884 wordsPublic domain

»Nein,« sagte Hanna, »das finde ich doch unerhört! Woldemar hat versprochen, in einer halben Stunde wär' er da!«

Gwendolin rieb sich die Hände. »Die unglückliche Ehe ist schon in vollem Gange.«

Da zog Hanna die Do unter den Wiesenblumen hervor, zerträllerte ihr Unglück und sagte: »Na warte!« Das galt ihrem Liebsten; denn sie steuerte nun nach der Mühle und wollte Rechenschaft von ihm fordern.

»Ah, das Spiel schau' ich mir an,« lachte Gwendolin und lief hinterdrein.

In der Sägemühle fanden sie die Brüder nicht. Ein Arbeiter, der auf dem Holzplatz war, hatte den ~Dr.~ Krake vor gar nicht langer Zeit den schmalen Steig zum Fall schreiten sehen. Man konnte diesen Steig von der Mühle aus aber nur eine kleine Strecke weit überschauen, dann kroch er hinter Felsblöcke. Also gingen Do, Hanna und Gwendolin hinüber zum Skjold, und als sie durch den Spalt im Vorhang traten, lehnte Woldemar Krake dort sitzend gegen die nasse Bergwand und hatte das Gesicht so tief vornübergesenkt, daß ihm der Hut vom Kopfe gefallen war und auf seinen Knien lag. Die rechte Hand ruhte flach auf dem Moos und war wie ein welkes Laub, und es war Blut daran, das aus dem Rockärmel sickerte.

Zuerst standen sie mit ihrem Schreck nebeneinander wie Erscheinungen; denn sie schrien sich an und hörten sich doch nicht und warfen die Arme. Hanna nahm Woldemars Kopf in ihre Hände. Dann faßte ihn Do unter den Armen und Gwendolin an den Füßen, und sie trugen ihn hinaus an den Rasenrand in die Sonne. Nach einer Zeit erwachte er und lächelte, weil er die Freundinnen sah. Er hielt Gwendolin am Rocksaum fest und Hanna an der Hand und sagte: »Geh du auch nicht fort, liebe Do.« Seit dieser wilden Stunde nannten sie sich alle du. Aber er schloß die Augen gleich wieder. Da zogen sie ihm den Rock aus; denn sie sahen die Schußöffnungen in den Ärmeln. Darüber erwachte er abermals und merkte, daß Do noch hinter ihm stand und daß er an ihren Knien lehnte. »Sollen wir denn nicht Hilfe holen?« fragte Gwendolin.

»Nein, es ist schon vorbei.«

Da ließen sie ihn wieder auf den Rücken in das Mittagsgras gleiten; denn sie merkten, wie ihm die Sonne wohltat. »Es ist gut, daß wir an diesem Platze sind,« sagte er, »es kommt hierher oft tagelang kein Mensch. Gwendolin, möchtest du mir nicht ein Glas Sekt holen oder Kognak? Aber du mußt niemandem ein Wort sagen, wie es mit mir steht, hörst du?«

Während Gwendolin den Steig hinabeilte und hinüberruderte nach der Insel, fragte er: »Wo ist Rolf?«

»Wir haben ihn nicht gesehen. Hat er dich geschossen?«

Er nickte und schloß die Augen vor dem tiefen Schmerz, der über sein Gesicht fiel.

»Großer Gott, wie hat denn das geschehen können?« sagte Hanna. Do winkte ihr, daß sie alles Geschrei vermiede, legte sich den Finger auf den Mund und gab ihr ein Zeichen. Dann kam Gwendolin mit dem Sekt, und er trank ein Glas in der Gier eines Verdürstenden. Sie gaben ihm noch mehr, und danach verlangte er seinen Rock. Sie führten ihn zum Strand und kamen zur Insel.

Nicht Nane Thord erfuhr von diesen Dingen und nicht James King; der war an diesem Tag malen gegangen. Sie aber wuschen Woldemars Wunden und verbanden sie aus ihren Reiseapotheken. Es waren Fleischwunden, die eine im rechten Unterarm, die andere im linken, oben nahe dem Schultergelenk. Danach lag er und schlief bis gegen Abend. Jockele aber war inzwischen in der Mühle gewesen und hatte nach Rolf Krake gesehen und sein Zimmer unverschlossen gefunden. Da sperrt er die Tür zu und steckte den Schlüssel zu sich.

Auch am Abend blieben sie im Saal unter sich, sie hatten James gebeten, sie dies eine Mal allein zu lassen. Do aber war nun auch in der Mühle gewesen und hatte über Rolf Krake nichts erfahren. Da ging sie in sein Zimmer; denn er hatte ihr in allen Stücken vertraut und viel mehr als sich selber. Auf dem Tische fand sie sein Tagebuch, das war bis zu dem Augenblicke geführt, in dem er von hinnen gegangen war. Den letzten Abschnitt las sie:

»Liebe liebste Frau Do -- wenn Sie mich suchen: ich bin die Straße gegangen, die tausend Jahre lang ist und noch viel länger. Darum werden Sie mich nie finden. Aber denken Sie einmal an mich, wenn im nächsten Jahre der Wildrosenbusch wieder so schön blüht ... wenn Seelen wandern, dann will ich Ihre Güte und Ihr liebes helles Licht umhauchen als der Duft von wilden Rosen. Aber auch wenn dieser Glaube närrisch ist, wie alles, was ich im Leben tat und träumte, und wenn im ewigen Wechsel des Stoffes die Lösung des Rätsels von der Unsterblichkeit liegt -- kehren Sie im blühenden Sommer einmal zurück zu dem Rosenstrauch am Skjoldefoß! Denn wenn er mit seinen Wurzeln aus dem Quell trinkt, der die Straße der tausend Jahre umspült, dann trinkt er einen Tropfen meines närrischen Lebens, und es wird ein Wildrosenduft daraus. Darum: denken Sie an mich, wenn Sie wilde Rosen sehen, Sie liebste Frau!

Geschrieben in dieser Stunde, da ich auf den Weg trat, der tausend Jahre lang ist.

Rolf Krake.«

»Was er nur mit dem Wege der tausend Jahre meint?« dachte Do. Sie nahm das Buch und verschloß die Tür. Als sie ein Stück den Hügel hinabgegangen war, blieb sie stehen und blickte hinüber nach dem Rosenstrauch; der klemmte in einem Felsenspalt, nahe dem Fall. Es wuchs graue Flechte an seinem alten Holz, und es war ein borstiges und rauhes Ding. Aber in jedem Jahr trieb er noch Schosse zu seiner Verjüngung, und so konnte er an diesem feuchten Standort schon älter geworden sein als Nane Thord und konnte seine Wurzeln wohl so tief in den steinichten Grund getrieben haben, daß sie aus dem Kessel der brodelnden Wasser tranken. »Rolf Krake hat sich in das wilde Bergwasser gestürzt,« sagte sie, und das Herz erschauerte ihr. Dann ruderte sie zur Insel. Aber in der sinkenden Nacht fuhr Jockele mit zwei Booten an den Strand und machte das eine dort fest und legte auch die Ruder hinein -- für Rolf Krake, wenn er in der Nacht käme und den Schlüssel haben wollte. Dort lag das Boot drei Wochen. Sie ließen in diesen drei Wochen alle Nacht ein Licht im Blockhaus auf der Insel brennen, bis in den Tag. Aber Rolf Krake sah es nicht, und er gebrauchte auch das Boot nicht.

Er hatte mitten in die Sonne getroffen. Es wurde nach jenem Tage nicht mehr recht hell in Haus und Herzen. Auch Nane Thord hatte ihre Sorgen; denn sie fühlte: die leiseren Stimmen um sie her hatten ein Geheimnis. Die Wanderfreude von einst war nicht mehr da. Jockele arbeitete über Tag in seinem Zimmer, Do und Hanna saßen im Saal und nähten, Gwendolin war ganz gegen ihre Art versonnen. Und wenn sie sich einmal alle zusammenfanden, dann mußte Nane Thord an die Schwalben denken, die sich sammeln, um zu plaudern von dem großen Fluge, der Sonne nach. Auch James King war traurig. Gerade in den letzten Tagen hatte er einen Weg zu Rolf Krake gesehen -- es war durch das Gespensterboot gekommen, und weil er wußte, der Einsame aus der Sägemühle las in den Werken der Inder; vielleicht neigte er zu allerlei Geheimwissenschaft und Spiritismus! Das alles lag auch im Wesen des blonden Briten. Aber vorsichtig, wie er mit sich selber war, hatte er es vor den anderen verborgen. Von der Tat Rolfs ahnte James auch jetzt nichts. Aber das mußten sie ihm doch bekennen, daß sie dachten, der unglückliche Freund wäre im Skjold ertrunken. Eine Stunde danach hatten sie die Gewißheit: dies wäre nicht der Fall; denn Lona Steensgard hätte ihn gesehen auf der Wanderung ins Gebirge. Dadurch wurde der Vorgang vom Skjold noch finsterer. Und auch trostreicher wurde er nicht.

In jenen Tagen trat Kordula Gunkel in den kleinen Kreis. Sie war dunkel wie ihr Name; und auch ihre Stimme klang, als hätte sie an diesem Namen abgefärbt. Sie liebte die dunklen Farben in ihrer Kleidung und war am frohesten in Schwarz, das sie mit halbverdeckten gelben oder blauen Seidenbändern durchbrach. Fräulein Gunkel trug das Haar kurzgeschnitten. Sie hatte lange, schmale, sehr weiße Hände, mit denen sie sich die Locken lässig aus der Stirn zu streichen pflegte. Dann konnte sie aussehen wie eine Heilige aus der Legende.

Aber eine Heilige war sie eigentlich nicht.

Sie bezog das Zimmer auf Krokengaard, in dem John Williams gewohnt hatte, malte und komponierte Lieder zur Laute. Wenn ihre weiche Frauenstimme in Dämmerungen tief und dunkel durch den Krakesaal klang -- o ja, das war schön!

Und so war es kein Zufall, daß sie über Sommer in einem Waldhaus am düsteren Songefjord gewohnt hatte. Es war auch kein Zufall, daß sie nun hier war: Gwendolin kannte sie aus Weimar, wo Kordula Gunkel damals an der Musikschule studiert hatte. Auch Jockele erinnerte sich ihrer sehr wohl; aber sie hatte ihn damals besser gekannt als er sie, und sie hatte zu denen gehört, die die »Erziehung zum Manne«, welche Do dem Zigeuner Jockele angedeihen ließ, sonderbar fanden. Sie kannte diese Geschichte nur vom Hörensagen. Nun gehörte das Jockelebuch zu ihrer Reiseausrüstung -- denn eine Heilige war sie eigentlich nicht. Sie wollte die Gelegenheit nicht zum zweiten Male versäumen, die berühmte Do kennen zu lernen, die sich das Glück ihres Lebens baute nach ihrem Gefallen. Aber das Licht dieser Frau Do brannte nun unter dem Schleier einer sanften Trauer; und die Märzenklarheit ihrer Augen leuchtete um kleine Wäsche.

Kordula Gunkel hatte sich das anders gedacht.

»Du bist zu spät gekommen,« sagte Gwendolin.

»Ich komme stets zu spät -- es scheint eine meiner Eigenarten zu sein,« sagte Kordula. Sie wollte den Winter über in Rom leben oder auch für immer. Aber Pläne für weithinaus machte sie nicht. Vielleicht war an diesem Einfall Henrik Tofte schuld; denn Gwendolin redete mehr von ihm, als ihr lieb war. »Tofte und ich, wir mögen uns gern leiden, aber wir sind nicht füreinander geboren. Nein, nein. Mit dem gleichen Rechte könnte man behaupten, du und das große Licht paßten zueinander.«

»Man kann das nie wissen,« sagte Kordula. Sie war so gemessen in ihren Bewegungen und von so stilvoller Ruhe in ihrem Auftreten, aber ihre Wirkung auf Gwendolin war ganz anders: Gwendolin wurde manchmal heimlich lustig vor ihr. Doch ließ sie sich das nicht anmerken, auch nicht nach dem deutsamen: »Man kann das nie wissen«. Sie wurde darüber so vergnügt, daß sie nicht übel Lust hatte, mit Kordula an den Tiber zu reisen. Aber -- dann wäre die Posse ja gar nicht zur Aufführung gelangt! Nun, vielleicht ging es so: wenn man dem Henrik den Aufenthalt Gwendolins in Rom verschwiege, bis der Vorhang über dem Spiel zwischen ihm und Kordula gefallen war?

Gwendolin verwarf auch diesen Gedanken; denn eigentlich war er eine Nichtswürdigkeit gegen die dunkle Kordula, und am Ende: man konnte doch vielleicht nicht wissen ... Im Falle Tofte geriet ihr felsenfestes Vertrauen zu sich selber immer ins Wanken. »Ach, Unsinn,« sagte sie und lachte, »was will ich denn in Rom, was will ich in Italien? Sie haben ja keine Luft dort! Sie haben bloß Äther. Es steht da jede Mauer und jeder Baum so hart darin, daß man sich die Augen wund daran stößt. Nein, ich kann in Italien nicht malen.«

Kordula sah das gern ein. Auch überzeugte sie sich weiter davon, daß Henrik Tofte der interessanteste, genialste und schönste Mann war, der sich denken ließ ...

Einmal nach dem Zwölf-Uhr-Frühstück ging Kordula mit James King zu der Bank im Rohr. Es schien eine märchengoldene Septembersonne. Sie sprachen davon, daß Sinsheimers in den nächsten Tagen nach Weimar, der Doktor Krake und Hanna nach Bonn reisen wollten. Nane Thord hatte der blonden Marit daraufhin schon den Dienst gekündigt.

Mit Gwendolin hatte James seine Partie verloren -- dabei war ihm passiert, was man im Schachspiel den »Kälberstich« nennt. Es war blamabel, es war durchaus blamabel. Deshalb liebte James King nun die dunkle Kordula -- einesteils um die Scharte mit Gwendolin wieder auszuwetzen und um den Freunden zu zeigen, was er könne; andernteils, weil ihm vor der Einsamkeit des Winters graute; und zum dritten: weil Kordula von dem Gedanken gelockt wurde, Nane Thord als Medium bei spiritistischen Sitzungen zu benutzen. Nun, dazu gab es an den langen Winterabenden auf dem Eiland im Fjord ja ausgiebig Gelegenheit. Er erwog noch einmal die drei Gründe, dann erklärte er Kordula seine Liebe.

Kordula pflegte Lagen, wie diese, gemeinhin ernst zu nehmen, sehr ernst. Sie zählte vierundzwanzig Jahre, mochte hohe blonde Jünglinge gern sehen, na und schließlich -- reich war sie nicht, aber sie brauchte sich für ein Leben, wie sie sich's dachte, auch nicht gerade etwas zu versagen. Selbst der Weisheit war sie nicht abhold, daß die Liebe mit der Ehe wüchse. Nur von der freien Liebe schwärmte sie nicht mehr -- das lag für sie schon weit dahinten und war eine Übergangsanschauung gewesen.

Den listigen James gereuten die umständlichen Vorbereitungen, die er an Gwendolin verschwendet hatte. Deshalb sprang er diesmal gleich mittenhinein in die Sache. Daß ihm die Worte ein bißchen im Munde lagen wie gequellte Erdäpfel, das inkommodierte Kordula nicht weiter. Auch seinen eigentümlichen Gebrauch des Wortes »lächerlich« kannte sie, und sie wandelte es um zu der landläufigen Bedeutung. Und also sprach James King:

»Well. Ich nehme die lächerliche Gelegenheit wahr, Sie auf den Reiz des Wintersports aufmerksam zu machen -- er ist in der Umgebung des Fjords von unausstaunbarem Zauber ...«

»Oh,« sagte Kordula, »im Winter bin ich ja in Rom.«

»Das ist aber kein guter Einfall. Ich habe die lächerliche Hoffnung, daß Sie das aufgeben; denn ich habe noch kein Frauenhaar gesehen von dem matten Glanze des ... des ... ~ebony~ ... Na, wie heißt doch gleich das Holz, das von weit, weit hinter Hindostan herkommt?«

»Von weit, weit hinter Hindostan?« fragte Kordula. Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten Kings, mit dieser geographischen Bezeichnung eine übergroße Ferne anzudeuten. »Ah, Sie meinen Ebenholz?«

»... des Ebenholzes!« rief er erlöst. »Und Sie haben Augen, schön wie die Fjordnacht, Kordula Gunkel. Oh, ich liebe diese dunkle Schönheit an Frauen. Ich denke es mir lächerlich, wenn wir zwei die nordischen Nächte verleben könnten auf dieser einsamen Insel als Mann und Weib, von keinem Menschen gestört in unserer Liebe. Und wenn Sie dann sängen, wissen Sie, und draußen brauste der Sturm, und Ihre lächerlichen Hände griffen dabei die Saiten der Laute ...«

Eine Heilige war Kordula nicht, ja, sie war so erfahren, daß sie merkte: diese gefühlvolle Rede hatte sich der listige James in der letzten Nacht auswendig gelernt. Sie hatte sogar an die Holzwand klopfen wollen zwischen ihren Zimmern drüben auf Krokengaard; denn James war bis weit über die Mitternacht auf ihrem Schlaf herumgestampft in seinen geräumigen Bergsteigstiefeln.

Nun braucht heimliches Erlernen einer solchen Rolle nicht auf eine Komödie der Liebe zu deuten -- o nein! Und Kordula war ein Mädchen: sie trat also ihren Glauben, geliebt zu werden, niemals mutwillig darnieder. Aber vor der gleichmütigen Semmelblondheit, die neben ihr saß, konnte sie diesen Glauben nicht aufbringen. Deshalb lächelte sie -- sie lächelte sogar ein bißchen impertinent, lächelte aus der Genugtuung, daß diesmal nicht sie es war, die zu spät kam. Übrigens war Gwendolin nicht ganz verschwiegen gewesen, hinsichtlich ihres Erlebnisses mit dem listigen James. Also nahm Kordula Gunkel einen Vorschuß auf ihre römische Liebe und sagte: »Es tut mir ehrlich leid, mein Herr -- aber über mein Herz habe ich nicht mehr zu verfügen.«

»Schade,« sagte Mister James, »ich glaube, es wäre ein sehr netter Winter geworden.«

Damit waren die letzten Früchte des lieblichen Sommers im Fjord fallreif geworden. Oder: die Schwalben, die sich in der Mittagssonne vor der Südwand des Inselhauses versammelten, konnten nun die große Reise antreten. Nur Gwendolin erwog, ob sie vor den Frost der Julzeit hinstehen wollte, um der gefrorenen Welt in Filzstiefeln, Pelzen und Einsamkeit ihren flimmernden Zauber mit raschem Pinsel zu stehlen. Auch dachte sie, sie könnte sich in diesen stillen Wochen auf mancherlei Erkenntnisse ein wenig näher ansehen.

Zuerst entflogen Hanna und der Doktor Krake nach Bonn. Im letzten Augenblick schloß sich ihnen Kordula mit der Laute an. Sie gab ihnen bis Hamburg Geleite. Am anderen Tage reiste James King -- schach und matt. Und als auch Do und Jockele ihre Koffer packten, die blonde Marit mit geröteten Augen half, und Nane Thord mit bitterem Munde sagte, nun könne sie sich ja schön mit Lars Thord unterhalten -- da sang der Wind bei Gwendolin um alle Fenster ein Lied, das war sterbenstraurig. Und weil Jockele und Do so dicht beieinander standen, warf Gwendolin ihre Arme um beide und sagte: »Kinder, es geht nicht! Ich bin schon über manch gefährlich finsteren Steg geschritten, aber über diesen find' ich mich nicht hinweg. In eurem großen Haus am Horn werdet ihr ein Kämmerlein für mich finden. Oder ich will dicht daneben in dem Gartenhause wohnen, aus dem der Jockele den Flug in die Sonne getan hat ... Kinder, laßt mich mit euch ziehen!«

Ja, es war Herbst geworden. Auf den Wassern des Fjords schwamm das Birkenlaub und war goldgelb. In der Schärenflur saßen die Nebelfrauen und spannen. Es war Herbst.

Am anderen Tage fuhren sie nach Kiel, von da nach Weimar. Dort hatten sie das schöne Haus am Horn Nummer 17 A gemietet, das in dem Garten mit den herrlichen alten Bäumen sieht. Sommer und Winter träumen ringsum traute Märchen, und die Wege sind von silbernem Sand. Dort war der Jockele vorbeigerannt und hatte sich die Krawatte geknüpft im Sturmschritt -- damals, als er mit der schlanken Felidora im Puppenheim des Apfelgartens Geburtstag feierte und darüber ganz vergaß, daß er des Morgens um acht Uhr vor dem Herrn Professor Redslob die Einjährigenprüfung ablegen wollte ... Jawohl, dort war er krawattenknüpfend vorbeigestürmt, und die Frau Stadtrat Meyer stand in ihrem Wintergarten und sah ihn vorüberflitzen und dachte, der Jockele hätte eine neue Methode erfunden, sich vom Leben zum Tode zu bringen; denn daß sich einer im Zweimeterschritt aufhängt, war ihr noch nicht vorgekommen. Nun, solche und ähnliche Dinge hatte der Jockele in seiner »Mädchenzeit« angestellt. Aber er brauchte sein Schuldbuch von damals nicht mit ängstlichen Augen zu durchblättern -- es stand kein Posten darin, deswillen er die Nachbarschaft aus seinen Frühlingstagen hätte meiden müssen. Darum war es den Dreien nun auch so heimatlich und tiefbeglückt um die Herzen, als sie durch die Dämmerung des Septembertages im offenen Wagen ans Horn fuhren. Langsam, langsam mußten die Pferde treten. Das gelbe Maßholderlaub raschelte um die Hufe, das Ilmwehr rauschte, die Leutra plätscherte unter der Sphinx hervor, hinter den Fenstern am Hange waren die Lichter angetan, und alle Häuslein guckten so lieb mit den hellen Augen zu ihnen herunter ... »Na, Gott sei Dank, daß ihr endlich wieder im Lande seid!«

Am anderen Morgen stand der Herr Doktor Jakobus Sinsheimer schon im werdenden Licht am Fenster und schaute über die Wipfel des Weimarer Parks. Sein Glück konnte den Tag nicht erwarten. Er sah Goethes Gartenhaus durch die herbstlaubigen Hecken lugen -- weiß Gott, dies ehrwürdige Stück Literaturgeschichte zwinkerte ihm vergnügt zu! Es kam ein Zug fröhlicher Gestalten klingelnd und doch traumhaft über Anger und Hecken, alle bunt angetan; und es guckten blanke Augen hinter jedem Baumstamm hervor. Alles, was ringsum war, kniff die Augen zusammen und lachte. Da riß der Doktor Sinsheimer die Fenster auf, das Wunder zu betrachten -- und auf einmal war er wieder der Jockele. Der hob Doris Rinkhaus auf seine Arme und drehte sich mit ihr herum wie ein Kreisel und machte holdrio hoho ... »Mensch, Mensch,« sagte die Do -- denn es war noch ein bißchen morgenkühl um sie; aber innig festhalten an ihm mußte sie sich doch, sonst hätte er sie zum Fenster hinausgewirbelt -- »Mensch, du bist ja lebensgefährlich, aber du bist doch nun etliche Jahre älter geworden!« ...

Doch der Jockele hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; denn als ihm die weiße Do entschlüpft war, wippte einer draußen am Gartenzaun entlang ... Erich Meyer -- mit y, aber nicht verwandt mit der Frau Stadtrat Meyer ... Großer Gott, das war das einzige Erlebnis der Weimarer Tage, das dem Jockele durch ein Loch in seinem Gedächtnis gesickert war! Nicht im Traume war ihm Erich Meyer wieder eingefallen! Und nun war der der erste, der aus dem glückhaften Schiff leibhaftig an Jockeles neues Land stieg. Erich Meyer -- wie war denn das damals gleich? Er nahm das Jockelebuch ... Nein, Erich Meyer hatte sich nicht verändert: er wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen stracken blonden Haare über dem Rockkragen von links nach rechts. Er war Musikstudierender gewesen, von durchschnittlichem Talente, und weil er dazu noch ein Herz von Gold besaß, so war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite fast lebensgefährlich. Der blonde Erich hatte damals ein Stipendium von dreihundert Mark bekommen, deshalb erwog er die Frage, ob er nicht umsatteln und sich dem Bankfach widmen sollte ... Nun, Finanzminister schien Erich Meyer inzwischen ja nicht geworden zu sein. Aber den lieben weltfremden Idealisten mußte man sich wieder einmal bei Licht betrachten!

Ach ja, was mußte man sich in diesen neuen Tagen in der alten Heimat nicht alles betrachten: die Häuschen im Apfelgarten; den Zaun, wo der Maler Jockele aus dem Tartarus den Berg der Seligkeiten gemacht und hernach mit dem Grabscheit zertrümmert hatte! Es war seine letzte Missetat in Farben gewesen. Man ging zu dem Kastanienstamm, in dessen Rinde die Namen Do und Jo in schlichter, aber unlösbarer Verschlingung geschnitten waren. Frühling nach Frühling hatte die tiefen Spuren der Klinge fast zugezogen. Jede Seite des bunten Lebensbuches von damals blätterten sie um. Aus jeder stieg's wie der Klang einer silbernen Trompete und schmetterte ihnen in die Herzen -- Leben, o Leben! Liebe, o Liebe! Jugend, o Jugend! Welch ein herrlicher frohgemuter Kampf war das gewesen!

Es stand noch alles wie damals. Auch die alten Menschen standen noch. Die Dame mit den kraushaarigen grauen Hunden begegnete ihnen -- vor Zeiten waren es drei gewesen, jetzt waren's vier. Sie schlug noch immer die grüne Stille tot mit ihrem brutalen Pfiff, und sie wogte noch immer die gemütvolle Baumstraße lang wie ein neapolitanischer Schiffer; aber ihre Strickmütze war blau. Nur eins war neu geworden: »Haus in der Sonne« stand in schwarzer Schrift an der weißen Gartenpforte. Oben auf dem First dieses Hauses in der Sonne war eine Leier. Vor der Tür stand ein kleiner Junge mit einer roten Zipfelmütze und präsentierte seine Holzflinte. Und es sang jemand zum Fenster heraus. Hoh! -- Wegen der Leier und der dunklen Frauenstimme dachten sie an Kordula Gunkel, wie sie nun römische Schlendertage hielt und doch auf dem Kriegspfade war ... Und das kleine Haus neben dem mit der Harfe stand wie damals auf den Zehen, lugte rechts über die hohe Gartenmauer und duckte sich nach vorn hinter grüne Hecken. Und die beiden glückseligen Menschen, die darin wohnten, saßen in ihrem Fichtenwinkel und pfiffen noch immer ganz leise auf die Welt. Das mußte doch sehr unterhaltsam sein!

Und richtig, auf dem Heimweg vor der Wildenbruchmauer wippte Erich Meyer den Pfad entlang! Wie er Jockele und die leuchtende Do und die gescheite Gwendolin erkannte, erging er sich in einer ehrfürchtigen Verbeugung und trat hinab auf den Fahrdamm. Er hatte -- im Gegensatz zu seinen Nachbarn in dem kleinen Hause -- ungeheueren Respekt vor der Welt.

»Ah, sieh da, lieber Meyer! Wie steht's mit dem Finanzminister?« rief Jockele und faßte ihn an beiden Händen.

»O,« sagte er, »es war ein Plan Hansens im Glück. Aufgegeben, verehrter Herr Doktor! Was muß man nicht alles aufgeben in diesem Leben!«

»Na, und was machen Sie sonst, lieber Herr Meyer?« fragte Do.