Jockele und seine Frau

Part 6

Chapter 63,927 wordsPublic domain

Henrik Tofte aber sank in seinen Ecksitz und ließ den Rausch eines Kusses über seine Seele perlen wie schäumenden Wein über die dürstende Zunge. Diesen Kuß hatte er sich von Gwendolins Lippen genommen in der jähen Sekunde des Abschieds und in wildausbrechendem Glück. Nun schwieg er. Schweigend hob er die Finger zum Schwur und deutete auf seinen Mund. Das sollte heißen: »Ich werde fortan als stummer Mann durch meine Tage ziehen; denn ich darf den Kuß nicht zertrümmern, der mir auf den Lippen blüht.«

So sahen die Schwüre des »großen Lichts« aus. Keine wußte das besser als Gwendolin. Darum reiste Henrik Tofte nun in das neue Leben und -- sie war nicht dabei.

Doch, es gibt keinen Fleck Erde, über dem sich die schwarzen und die roten Fäden hastiger durcheinanderwerfen zu dem närrischen Gewebe des Lebens als über jener Stelle, auf der die Fünf von der Osterinsel dem wunderlichen Gesicht noch lustig und betroffen nachstarrten, das sie soeben gehabt hatten -- und schon pustete der erwartete Zug in die Halle. Deshalb lösten sich Rolf Krake und Hanna von den anderen ... Hanna, die Gwendolin und Do noch gerade von hinnen funkeln sahen; und Rolf in ehrlichem besinnlichem Frohsinn vor dem Bruder.

Und dann brachten sie ihn, den Doktor Woldemar Krake, der sein Herz voll heißer Liebestatkraft dem sausenden ~D~-Zug hatte voranfliegen lassen! Der andere hatte überwunden. Aber Do dachte auch jetzt: sie können wohl Stunden haben, in denen der eine sich mit dem anderen verwechselt.

Da war das gleiche schmale, bartlose, scharf modellierte Gesicht mit der auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach rückwärts gestrichen -- es wehte bei Rolf Krake vor jedem Sturme der Seele. Und die Augen lagen unter der kraftvollen Stirn, grau und groß, wie Nane Thords Augen, die das Wundern so gut verstanden. Woldemar ging auch ein wenig vornübergebeugt, genau wie Rolf. Er sah nicht geschmeidig aus; aber es stand der Jugend beider gut und vornehm. Es war fast so, als käme das Übergewicht der Besinnlichkeit in dieser Haltung zum Ausdruck. Die gleichen Kräfte des Geistes hatten sich die Krakestirnen geformt; die gleichen Kräfte des Gemüts stimmten sich diese Stimmen und Seelen. Aber der eine ging gern mit der Stunde, ob sie laut war oder leise. Der andere verhielt sich ihr zu aller Zeit.

In Hamburg machten sie sich einen vergnügten Tag, und es war ihnen wohl anzumerken, daß ihnen die Buntheit der großen Stadt nach der Ruhe ihres heimeligen Winkels im Fjord zu einem genußhaften Erleben wurde. Abends waren sie in St. Pauli. Als sie lange nach Mitternacht in ihr Gasthaus am Alsterbassin kamen, sagte Do:

»Mir ist, als müßte ich mich nun zum Trocknen auf die Leine hängen; denn wir sind immerfort durch bunte klingelnde Gewässer gehüpft, ich habe mich vollgeplätschert bis zu den Scheiteln.«

»O,« sagte Woldemar Krake, »wenn Sie gerade aus dem Examen kämen, klänge Ihnen das kecke Lied vom Brettl wie Engelsang, und die Spritzer aus flachen Wässern würden Ihnen zu einem Bade der Wiedergeburt. Es war ein feiner Tag. Gute Nacht.«

Danach schliefen sie einen fixen Schlaf; denn des Morgens halb fünf Uhr mußten sie schon auf dem Dampfer sein. Als sie hinkamen, hatten sie noch alle Nerven voll Klingeling und Gestern und die Lider voll zerbrochenem Schlaf und standen auf dem Deck herum und sahen, wie noch rasch letzte Lasten auf dem Dampfer verstaut wurden, und schwiegen sich an und dachten: es riecht nach Teer.

Aber es war ein schöner Morgen. Dünne Nebel streiften seehin wie der Rauch einer feinen Zigarette; und aus der Kajüte stieg Duft von Kaffee und schmeichelte um ihre Sinne eine liebe Verheißung. Die ward Erfüllung. Darüber gerieten sie von dem taukühlen Rande des Tages gleich tief in ihre Freude. Und als sie wieder auf Deck kamen, zerstießen die Türme Hamburgs die gelbgraue Hülle, in der die Stadt versunken war. --

Am anderen Nachmittage überraschte sie James King an den Toren des Eldefjords mit den Booten. Es stand ein kleiner Wind aus Westen, mit dem konnten sie heimsegeln. Gwendolins »Seelenverkäufer« aber hatte James nicht mitgebracht, und auch nicht sein eigenes Boot. Er sagte, es wäre leck, deshalb hätte er sich das von Nane Thord ausgeliehen, und nahm Gwendolin mit zu sich hinein. Nane Thord aber hatte sich indessen um ein feines Mahl bemüht. So konnte die Ankunft des Doktors Woldemar mit Nachdruck gefeiert werden ...

Es machte danach einige Mühe, das durcheinandergeratene Werk wieder so in Gang zu setzen, daß es den alten schönen Schlag der Stunden fand.

Woldemar wohnte nun in dem Zimmer Henrik Toftes. Und mit Ausnahme von Rolf Krake in der Sägemühle und von James King, der noch in dem Fischerhaus drüben am Festland saß, hatten sie alle ihr Nest auf Nane Thords Insel. Da die Nächte früher einfielen, die Nebel dichter wurden, und das Feuer an den Abenden schon wieder glomm, rückten sie gern um die Herdstatt zu traulichen Gesprächen.

In dieser Zeit, als der Herbst sich heimlich über die Welt legte, arbeitete Jockele scharf an seinem Werk über die Flechten und kam über Tag oft kaum von seinen Mikroskopen. Deshalb fiel ihm die Wandlung, die sich mit Rolf Krake in jenen Wochen vollzog, stärker auf als den anderen. Rolf schied sich auch wieder mehr von ihnen ab. Aber wenn sie zu ihm in ihrer weitoffenen Art davon sprachen, schob er sein Einsamkeitsbedürfnis auf seine theologischen Studien und Haeckel. »Es macht mir ein sonderliches Vergnügen, mich darüber hin und wieder mitten entzweizureißen. Mit dreiundzwanzig Jahren ist der Mensch nun einmal ein Philosoph.«

»Man muß aber nicht auch die Nächte hindurch philosophieren,« wendete Do ihm ein, »und es ist zum mindesten nicht notwendig, daß Ihre Lampe dem Morgen ins Gesicht scheint.«

Eines Abends blieb er länger als sonst. »Ich setze mich neuerdings mit dem Glauben an die Seelenwanderung auseinander,« sagte er.

»Eine Sache, die Ihnen unbedingt noch gefehlt hat,« scherzte Gwendolin.

»Spaß beiseite,« sagte Hanna, »du hast zweifellos zuvor als Kröte unter dem Skjoldefoß gesessen oder als Steinkauz in einer der benachbarten Klippen. Ich habe das neulich ganz genau bemerkt, als wir zu dem Falle gingen: dein Eulenschrei hui -- huiiihihi war mehr als eine bloße Nachahmung.«

»Hm,« machte er aus einem lustigen Nachdenken heraus, »die Wanderung durch den philosophischen Steinkauz fesselt mich gegenwärtig weniger, sondern vielmehr die Anschauung: die Seelen fliegen nach dem Tode des Körpers auf den Mond. Dort wohnen sie während des zunehmenden Mondes, aber bei abnehmendem steigen sie mit dem Regen herab und gehen je nach ihren Taten in höhere oder niedere tierische Körper ein oder sogar in Pflanzen.« Solcherart waren die Gespräche, die sie über das Herz der Nacht hinweg am Herdfeuer auf der Insel führten. James King aber saß dabei und wunderte sich und sagte: »Vom Geschäft reden die jungen Deutschen niemals. In England lacht man über sie, und in Amerika nennt man sie ›~the greenhorns~‹ und füllt das Wort ›~dutch~‹ bis obenhin mit Verachtung. Ich glaube, es kommt die Zeit, da werden sie es spüren.« An diesem Abend erfuhr er auch, daß Gwendolin eine Böhmin wäre, und es kam heraus, daß der gescheite James sich Böhmen als eine Insel im Ozean dachte. Doch -- er berief sich dabei auf Shakespeare. Gwendolin nahm sich den Mister James daraufhin in ihrer witzigen und leuchtenden Art vor. Es wurde so launig, daß sogar Rolf Krake vor Vergnügen seine Schenkel schlug und Mister James auf allen vieren um den runden Tisch galoppierte. Er hatte den grauen Anzug an.

Dieses Schauspiel verpaßten Hanna und Woldemar. Gleich nach Rolfs Mondfahrt waren sie hinausgegangen in die Nacht: sie wollten hören, ob die Käuze riefen -- dann gäbe es anderes Wetter, und sie müßten die Kletterpartie auf den Folgefond verschieben ...

Es war eine Neumondnacht voll Klarheit und stiller Sterne und doch so finster im Schatten der Berge, daß sie sich ganz fest umschlangen. Zu der Bank im Rohre fanden sie sich aber doch.

»Holla,« rief Woldemar, »es liegt schon einer da!«

Da verfiel Hanna in ein schütteres Lachen. »Ach wo,« sagte sie, »ich habe vor dem Essen rasch meinen Mantel und das dicke Umschlagtuch hergetragen. Man konnte doch nicht wissen, ob die Hüllen nötig wären. Nun, eigentlich brauchten Sie es nicht gleich zu merken.«

Das war das letztemal, daß sie das fremde »Sie« gegen ihn gebrauchte; denn nun kam eine Stunde ohne Worte. Die war so leise -- das Rohr hätten sie atmen hören können! Aber sie horchten nicht hin.

Auf einmal knirschte der Kies hinter ihnen. Da wurden ihre betörten Sinne steil. Dann strich etwas in die Schilfhalme hinein -- aber das war schon einen kleinen Steinwurf weit weg von ihnen und war dort, wo das Rohr so dicht stand, daß man ein brennendes Licht hinter dem grünen Gewebe nicht gesehen hätte. Dann folgte ein leichter Sprung und ein langes heimliches Gleiten ... Aber auch darüber fiel gleich wieder die dunkelblaue Stille.

»Du,« flüsterte Hanna, »meinst du, daß Rolf nächtlicherweile Gespenster suchen geht?«

Da stieg Woldemar auf die Bank, um gegen das Haus zu schauen, und sagte: »Das Licht im Saal ist ausgetan.« Dann wollten sie von neuem in ihre liebe purpurne Finsternis versinken. Aber es kam nicht mehr zu einem tiefen Untergange; denn der Gedanke an den nächtlichen Wanderer drängte sich zwischen sie. Da brachen sie auf. Und als sie über das Riff gingen, sahen sie einen leuchtenden Kahn über die Sterne ziehen, die im Fjord lagen, der wurde von zwei leisen Rudern getrieben. Aber es war kein Fährmann im Boot.

Es war unheimlich. Da blieb den beiden der Atem stehen, und sie legten sich der Länge nach auf den Stein und lugten aus. So blieben sie, und das Gespensterschiff zog her und hin ...

Um diese Zeit klopfte Nane Thord an Gwendolins Tür; denn Gwendolin schlief Wand an Wand mit ihr. Als sie herauskam, sah sie: die Kerze zitterte in Nane Thords Hand. »Kommen Sie,« sagte Nane Thord, blies das Licht aus und führte sie in ihre finstere Stube ... »Da! Da ist das feurige Boot! Sehen Sie es auch?«

»Ja,« sagte Gwendolin.

»Die Gespenster kommen hier immer im neuen Mond.«

»Je nun, es hängt vielleicht mit Rolf Krakes neuer Erkenntnis zusammen.« Das verstand Nane Thord nicht; aber das merkte sie wohl: es lag in Gwendolins Worten ein Spott, der nicht recht zur Blüte kam. Eine wunderliche Sache war die Erscheinung nun doch. Gwendolin eilte indessen vor die Schlafzimmertür Dos und ihres Mannes. Die lagen im ersten Schlummer, und es verstrich eine Frist, bis man sich durch die Tür verständigt hatte. Jockele schlüpfte in den Kimono, Do warf sich das Morgenkleid über und ließ Gwendolin herein. Dann öffneten sie das Fenster, so lautlos es anging -- da sahen sie die Sterne still und traumhaft auf dem Grunde der Wasser funkeln, aber von dem Gespensterschiff keine Spur.

Jockele hatte den Revolver aus dem Nachttischkasten genommen und drehte die Trommel. Es klang ein wenig erregt, aber es gab die Gewißheit, daß er im Ernstfalle --

Da war's wieder! »Ho!« machte Jockele sehr bedeutend.

»Es ist jetzt anders geworden,« stellte Gwendolin fest, »vorhin war kein Fährmann darin.«

»Ein Mann ohne Kopf!« flüsterte Do. »Sagt, was ihr wollt -- die Sache ist nun doch unheimlich.«

Sie sahen den Mann ohne Kopf alle drei. Er saß dort in weißem Linnen; seine Arme unter der Hülle bewegten die Ruder in geräuschlos langem Schlag, und zwischen den Schultern konnte man genau die Stelle erkennen, an der der Kopf abgerissen war: es sah aus, als läge da noch der Rest eines Bartes, der bei Männern, die ihn tragen, die Schifferkrause heißt.

»Dies Spiel ist mir zu dumm,« sagte Jockele in einer Anwandlung von Mannesmut, »ich schieße dem Herrn eine Kugel achtern ins Boot.« Und »Bumm!« dröhnte der Knall in die schwarze Stille und rannte an den Bergen herum in hundertfacher Verstärkung. »Nicht getroffen! Noch einmal!« Bumm! Aber das gläserne Schiff klirrte auch diesmal nicht in Stücke. Sondern der Mann ohne Kopf schnellte von seinem Sitz in die Höhe und rief: »Doktor, machen Sie keinen Unsinn! Was soll denn diese lächerliche Schießerei?«

Natürlich liefen Jockele und Gwendolin nun hinaus und nahmen Nane Thord und ihre Windlaterne mit. Dann legte James King bei der Klippe an, in der Henrik Tofte in Stunden der Einkehr sein Frühstück zu verzehren pflegte, und kletterte am Gestein empor. Von der anderen Seite kamen Woldemar und Hanna, und Jockele leuchtete das Gespenst zwischen Lachen, Spott und Verwundern mit der Laterne an: Mister James hatte sich ein Bettuch über die Schultern geworfen und den Kopf mit einem Pudelfell verhängt, das war genau so schwarz wie Nacht und Flut und von beiden nicht zu unterscheiden.

»Ist das nicht ein lächerlicher Spaß?«

»Man kann es so nehmen -- aber auch anders,« sagte Gwendolin ein bißchen verstimmt. »Je nun: es ist der erste Sieg, den Sie in Ihrem Leben errungen haben -- lassen wir ihn gelten.«

Mister James gebärdete sich sehr lustig. Aber im Grunde: nach einem Siege sah die Sache für ihn ganz und gar nicht aus, sondern nach einer lächerlichen Niederlage; denn er hatte Gwendolin damit eine Gelegenheit geben wollen, ihn zu lieben. Und zwar hatte er sich den Gang der Dinge also gedacht: Gwendolins Licht war alle Nacht das letzte im Haus. Wenn sie es austat und das Fenster öffnete, ehe sie sich zu Bett legte, sollte sie die Erscheinung bemerken. Weil sie nun ein tapferes Herz hatte und eine Lust an kühnem Erleben, würde sie nicht schreien, sondern sie würde sich die Erscheinung mit Teilnahme näher betrachten. Auf dies »näher« kam es ihm an. Alles übrige gedachte der listige James der Gunst des Augenblickes zu überlassen ...

So war seine Berechnung. Es war eine umständliche Sache. Aber -- nun ja, er hatte seit der Flucht Toftes tausendmal vergeblich nach einem geraderen Wege zu dem wachen Mädchen gesucht: es gab für ihn keinen.

»Mister James,« rief Do aus dem Fenster herab, »wäre es nicht einfacher gewesen, Sie hätten an Gwendolins Scheibe geklopft?«

»Hm,« sagte er, »da hätte sie mir einen Krug Wasser über den Kopf geschüttet.«

Dos Frage war keck und hellsichtig. Und das Geständnis des James war verblüffend. Danach hätte er im Reste der Nacht seine Koffer packen können. Das tat er aber nicht; sondern am anderen Morgen fand er sich im Krakesaal zum Frühstück ein und sah aus, als hätt' er nie im Leben eine Dummheit gemacht. Der begehrten Gwendolin aber schlug das Herz fortan in schöner Sicherheit, und Hanna und Do lächelten sich so um den geschlagenen König herum. Der aber streckte die langen Glieder von sich, zeigte eine lächerliche Wurstigkeit und rauchte Shagtabak.

Einige Tage danach waren Do, Gwendolin und Hanna an Land gefahren und wanderten mit verschränkten Armen am Ufersaum entlang und sprachen vom Leben. Sie mußten heute dazu unter sich sein. Do war für Hanna in der letzten Zeit in allen Stücken die liebe weise Beraterin geworden, und Gwendolin hörte ihnen in nachdenklichem Frohsinn zu. »Sie reden von meinem fernen Lande,« dachte sie. Seit der Kunstschule in Weimar war ihr der Anblick solch einer hoffenden, drängenden und geheimnisvollen Frauenjugend ganz verlorengegangen. Und auch damals hatte sie abseits gestanden mit ihrer größeren Begabung und ihrer gefestigten Art; denn was da in den Malsälen gesessen hatte aus Liebhaberei oder in der Absicht, sich zu beschäftigen, das hatte Augen, denen das Lebensziel im Nebel verschwamm. Eine wie Hanna von Fellner war ihr nie begegnet: die wollte das ganze Reich, in dem sie einmal als Frau einzog, aus ihren fixen weißen Händen zaubern -- wenigstens alle Feinarbeit daran. Nun empfing sie Packen weißen Linnens und spiegelnden Batist und weiße Seide. Sie hatte sogar eine Nähmaschine kommen lassen. Im Haus auf der Insel klangen die Nadeln stundenlang durch gespannte Tücher im Stickrahmen; das Wort »Dutzend« spielte eine mächtige Rolle, und Nane Thord betastete mit Augen und Händen den schneeigen Reichtum und wunderte sich stumm vor den Herrlichkeiten, die da mit blauen Seidenbändern zu Türmlein geschichtet wurden.

Aber es war nun einmal so; und die Hanna, die sich immer ein bißchen obenhin durch ihren Vorfrühling geträllert hatte, rüstete für ihr Ostern mit einer Tiefgewalt, die altmodisch ausgesehen hätte, wäre sie nicht so voller Innigkeit gewesen. Deshalb wurde sie einzig in ihrer Art. Sogar die zärtlichen Jung-Frauenträume der »kleinen Wäsche« vergaßen sie nicht -- es war ein schweres Exempel. Aber mit vereintem Scharfsinn bekamen sie auch das heraus und dichteten es gleich für zwei.

Darüber bekam Gwendolin das lange Sehen. Sie mußte schon wieder an das »ferne Land« denken und sagte: »Ich habe mir ein feines Leben gemacht; es ist voll Schönheit und Fülle und Freiheit bis oben. Und zuletzt? Zuletzt gehör' ich doch zu den Menschen, die den Weg verloren.«

»O nein,« sagte Do, »aber du könntest wohl dahin kommen.«

»Liegt das an mir?« fragte Gwendolin.

»Ja,« sagte Do, »in der Fremde an deinem hellen Licht siehst du als Dämmerung und Nacht, was außer dir ist. Es ist kein Mädchen umworbener als du. Und ich weiß auch kein Herz, das heißer und genußfroher wäre als deins. Aber du probierst es nicht, diesem Herzen seine Aufgabe zu stellen.«

»Das ist wieder einmal eine richtige Do-Rede gewesen,« lachte Gwendolin, »nun ja, du bist nach Rolf Krake in dem Alter, in dem die Menschen Philosophen sind. Oder hast du das bei Ibsen entdeckt?«

»Nein,« sagte Do. »Ibsen würde sagen: ›Die Frau soll dem Manne bei seiner Arbeit und bei seinem Leben helfen, indem sie ihm Arbeit und Leben leichter macht und indem sie um ihn ist und ihn pflegt‹.«

»So ist es mir handlicher,« sagte Gwendolin. »Ich werde mich daraufhin einmal ansehen müssen.«

»Ja, tue das,« sagte Do, »es wird dir nicht schaden. Ein Mann ohne Frau ist ein Halbnarr. Mit einer Frau ohne Mann steht es nicht so schlimm; aber die Weisheit, daß wir ja doch nicht alle heiraten können, ist ein windiger Trost, und sie ist von alten Jungfern erdacht als Decke für ihre greuliche Erkenntnis: ich bin durchs Examen gefallen.«

»Paßt nicht für mich!« erriet Gwendolin.

»Aber du hast auch keinen gefunden, der dich hätte deinem Trotz abringen wollen. Zuletzt traut dir keiner zu, daß du ihm zuliebe ein Stück von dir selbst aufgeben könntest.«

Gwendolin dachte an Henrik Tofte und an sein Wort von der Malerei. Das wandelte sie nun ab und sagte: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.«

So schritten sie froh, nachdenklich und wachsam gegen sich selbst in Sonne.

Hanna hatte schon wiederholt gegen die Sägemühle geschaut, ob Woldemar nicht käme. »Ich weiß nicht, warum er uns warten läßt,« sagte sie.

»Nun, er wird eine kleine Ausstaubung an Rolf Krake vornehmen,« meinte Do, »man wird damit nicht so rasch fertig, wie man denkt. Ich kenne das. Es gibt in dieser Seele Winkel voll Dämmerungen. Rolf Krake ist wie eine alte Burg, vollkommen eingerichtet, aber es wohnt ein Sonderling darin, und neben ihm ein Haufen wunderlich Wesen, wie es sich in solch einem abseitigen Bauwerk festsetzt ...«

Wenn sie von Rolf Krake redeten, kamen sie so bald nicht los. Es wurden da immer neue Entdeckungen gemacht, und man gelangte doch zu keiner Lösung.

»Dazu müßte man Seelenarzt sein oder Schriftsteller, hat mein Jockele gestern abend zu mir gesagt,« erzählte Do.

»Na ja,« warf Gwendolin ein, »ich sehe Jockele doch noch als Dichter! Ich kann mir gar nicht denken, daß die trockene Wissenschaft ihn zeit seines Lebens fesselt.«

»Vielleicht habilitiert er sich einmal in Jena,« sagte Do.

»Aber wenn er des Abends erzählt, dann höre ich doch immerfort den Dichter,« redete Gwendolin hartnäckig dagegen. »Ich glaube, wenn er seine Abhandlungen über die Flechten und über die lächerlichen Frösche geschrieben hat, wird er mal halb wachend, halb träumend zu einem Romane kommen, etwa mit dem Romfahrer Henrik Tofte als Helden oder mit Rolf Krake, der Zauberburg. Über die Flechten und Frösche wird er sich noch zu den Menschen finden ...«

»Jockele auf Seelenwanderung!« sagte Hanna. Sie setzten sich in den blühenden Rasen und plauderten sich in Ausblicke und Einblicke. Sie hörten in ihrem Sonnenwinkel an der Hügellehne den Skjoldefoß rauschen und ahnten sich tief ins Leben. Aber das Entsetzliche, was sich in diesen Minuten am Fall ereignete, das ahnten sie nicht.

Zwischen dem Fels und dem schäumenden Vorhange der Wasser stand Rolf Krake auf der moosgrünen Steinplatte und schaute in den Gischt, der um seine Füße kochte. Er stand dort wie einer, der auf der Wanderung ist in den Sommermorgen. Vielleicht war er auch von den Bergen gekommen. Unter ihm quoll es aus Tiefen herauf und brüllte. Vor ihm brach es aus Höhen herab und schnob. Hinter ihm ragte der tropfende Fels und barst nicht, und doch donnerte der Bergstrom seit tausend Jahren seine Allmacht darüber hin. Vor ihm in der Luft hing die zischende Flut, hing zwischen ihm und der Welt, rückte die Welt weit, weit hinaus: wenn er seine Füße hob und jetzt schnurgeradeaus wanderte durch diesen kochheißen eiskalten Vorhang hindurch -- die Welt war für ihn nicht zu erreichen, mochte er gleich tausend Jahre laufen! So weit weg war Rolf Krake von der Welt, und so fürchterlich hing die Einsamkeit um ihn. Er dachte: »Ich will den Weg, der tausend Jahre lang ist, jetzt wandern. Es wird mich von oben die Gewalt des Stromes fassen und in die Tiefe werfen. Und es wird mich das Brodeln der Tiefe greifen, wie der heulende Sturm ein Körnlein Sonnenstaub, und wird mich aus der brüllenden Finsternis heraufwirbeln und hinab, herauf und hinab. Hundert Schritte wird mein Herz mitrasen auf der Straße der tausend Jahre ... liebes Herz, so töricht bist du schon all die Zeit her gewesen -- ich will dir diesen letzten verrückten Wettlauf ersparen ...«

Rolf Krake redete das ganz laut in die fürchterliche Einsamkeit und zog den Revolver aus der Tasche.

Da trat Woldemar Krake über den Steig von links in den hohen Dom, der aus Fels und Flut, aus Donner und blauem Lichte gebaut war. Woldemar Krake sah die Waffe in seines Bruders Hand, und er sah auch den weiten Weg in seinen Augen, den er vorhatte.

Rolf Krake aber kniff die Lippen in unsäglichem Hasse zusammen -- die Felsplatte, auf der sie standen, war von Manneslänge und drei Fuß breit. Wie tief das Sterben war, das den Stein umbrandete, ermaß kein Menschenwitz. Und es gab kein Menschenwort, das den tosenden Schlag der Wasser überschrie -- keine Frage, keine Bitte. Deshalb riß sich Woldemar Krake zusammen wie ein Tiger zum Sprung: es durfte kein Ringen geben auf dieser Spanne Gestein, sondern nur ein gewaltiges Umschließen mit Armen, in denen der Wille des anderen augenblicklich zerbrach ...

Rolf Krake aber dachte: »Es ist doch kein Wahn, daß ich dich hasse! Wer hat mir das Leben vermauert von Kind an? Du! Wer hat mir den Traum der Liebe zerpflückt? Du! Wer hat mich vor der Welt und mir selbst zum Narren gemacht? Du! Und wer kommt jetzt und mengt sich auch in mein Sterben? Du! Du! Du -- der du ich bist, ich!« Und er warf den Arm mit der Waffe hoch. Der gekrümmte Finger riß den Abzug durch. Kein Knall war zu hören. Kein Wölklein Rauch war zu sehen ... Nach dem vierten Schuß schleuderte er die Handvoll mörderisches Eisen in den Schwall und sprang durch den Spalt des weißen Vorhangs hinaus. Durch diesen Spalt war der andere vor einer Minute hereingetreten ...

Noch einen jähen Blick warf er zurück -- das verhaßte Bild folgte ihm nicht. In einer Bergschrunde klomm er empor, in der im Frühling ein fußbreites Tauwasser über die Steinstufen sprang. Er rannte immerzu. Er zog sich an Krüppelkiefern empor. Er kam in eine sanfte Mulde zwischen den Wänden, da sah er Lona Steensgard, die Tochter der Fischerswitwe Bolette Steensgard. Sie stand dort in groben Schuhen und in ihrem schlechten Wollrock, brach Astholz und stapelte es in ihren Korb. Lona Steensgard lachte und sagte: »Sie können von hier aus gut wieder auf den Pfad kommen, Sie müssen nur immer ein bißchen links bleiben gegen den Skjold zu, dann sehen Sie alsbald den Bratthammer ...«

Danach sah ihn niemand mehr, der ihn kannte. --