Part 5
Um die gleiche Stunde befand sich sein Freund James in nicht minder heftiger Kurzweil. Einesteils hockte er in seinem Boot im Sommerrohr und strich mit einem großen Pinsel Zinkfarbe an die äußeren Bordwände. Anderenteils malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen Johnny dar in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße, nußbraune Gwendolin hatte James King unwiderstehlich gefunden. -- Es war sehr unterhaltsam. Denn: wo in aller Welt war ein Mensch auf die köstliche Idee verfallen, mit Hilfe eines Gespensterschiffes seiner Angebeteten eine nächtliche Aufwartung zu machen? Seiner Angebeteten? Nun, auf eine so romantische Gemütsverfassung zielte der Ehrgeiz eines richtigen Glasgowboys im Grunde genommen nicht. Aber etliches hatte er doch den Deutschen und Norwegern abgeguckt; und er war nicht umsonst der Schüler Henrik Toftes gewesen. So war seiner Weisheit letzter Schluß: mit einigem romantischen Behaben mußte der Gwendolin wohl beizukommen sein. Denn erstens würde ihr dabei das Herz erschauern: es war ja bekannt, daß auch Nane Thord nächtliche Zusammenkünfte mit ihrem Verstorbenen hatte. Zweitens: Gwendolin, deren Licht stets bis über die Mitternacht hinaus durch das Fenster schien, lebte in so später Stunde ein gesteigertes Leben: sie würde an Henrik Tofte denken, der in der Geisterzeit sehnsüchtig um die Insel strich ... Und drittens berechnete James das Einkommen, das sich aus Gwendolins Fleiß und Talent schlagen ließe.
Mister Johnny, weit, weit draußen vorm Zauberspiegel, stellte die gleiche Berechnung an. Im übrigen aber: auf die Hilfe der vierten Dimension verließ er sich nicht. Er wartete, bis Gwendolin so gegen drei Uhr ihre Brote auspackte, dann schritt er unternehmungsfroh die Hügellehne zu ihr hinan.
»Fertig!« sagte sie und biß in die Schinkenstulle, »ich schließe, daß es spät geworden ist, denn ich habe einen Mortshunger.«
»Well,« sagte Mister Johnny, »und ich habe Ihnen drei Eier aufgehoben.«
»Famos! Geben Sie her!«
Das ließ sich sehr hübsch und nüchtern an und stimmte mit der Rechnung Johnnys Punkt für Punkt. Er setzte sich zu ihren Füßen in das blühende Gras und half ihr bei der Betrachtung des Bildes. Sie kniff das linke Auge zu: »Da rechts, in den Firnenschnee, muß noch ein kobaltblaues Licht -- der Firn ist um sieben Grad Celsius zu warm,« sagte sie, sprang auf und strich die fehlende Kälte auf das Bild.
Über allem schien es dem langen Johnny: Gwendolin würde ihm nach dem Mahle nicht die nötige Muße zu seinem Vorhaben lassen.
»Sie, sind die Eier hart?«
»Hm,« sagte er. -- Es war nun doch ungeheuer schwierig. Gwendolin ballerte am Stein schon das zweite Solei auf. »Wie weit sind Sie gekommen?« fragte sie zwischendurch.
»Ah,« sagte er gefaßt, »bis zu dem Entschlusse, den Ruhm im Stiche zu lassen, der mir in meinem Vaterlande so unverdient zugefallen ist.«
»Und wie gedenken Sie das fertigzubringen?« forschte sie in belustigter Neugier.
»Ich will für einige Zeit mit Ihnen nach Deutschland gehen. Es wäre mir am liebsten ... ich meine: was sagen Sie dazu, wenn wir uns einander nahe blieben, so ganz nahe ... wenn wir gewissermaßen einen eigenen Herd gründeten?«
Gwendolin biß in das Ei. »Wir -- zwei? ... Mensch, hat Ihnen denn die Sonne das Hirn geröstet?«
Johnny schnellte mit einem Satze von dem blühenden Rasen zu seiner ganzen Länge empor -- es war zu vermuten, er hätte sich auf eine Giftschlange gesetzt. Gwendolin zuckte zusammen: er sah aus, als wollte er sich nun auf sie stürzen. Aber sein Herz war von einer unfaßbar versöhnlichen Stimmung. »Ich danke,« sagte er. »Es ist nicht nötig, daß Sie noch stärker gewappnet aus sich heraustreten; an einem Kampf bis zum sogenannten bitteren Ende liegt mir nicht das geringste.«
»Sie sind wohl nicht ganz glücklich in der Wahl des deutschen Ausdrucks gewesen, so daß ich Sie mißverstehen mußte?« fragte sie.
Aber Mister Johnnys Herz war von rassereinstem Gleichmut -- er ergriff nicht einmal dies rettende Seil. »Ach nein,« sagte er, »sondern mir scheint, ich bin nicht sehr geschickt zu Werke gegangen. Nun, so teil' ich das Schicksal mit Henrik Tofte, mit Jakobus, mit dem Mann aus dem deutschen Zwetschengarten und mit den anderen, die vor mir kamen und nach mir kommen.« Das kollerte er aus seinem breiten Britenmunde hervor wie eine Reihe Kegelkugeln. Sie gingen alle daneben.
Auf der Bootfahrt, die dreizehn Kilometer lang war, unterhielten sie sich noch über den Vorfall. Es war die vergnügteste Überraschung gewesen in Gwendolins Leben. Darum flatterte ihr Herz nun auch wie ein kleiner Wimpel im lustigen Sommerwind.
Unterwegs sahen sie Do und Rolf Krake. Die beiden spazierten die schöne Uferstraße lang und befanden sich offenbar in einem angelegentlichen Gespräche. Die Bergfahrt war also kurz gewesen; denn sie hatten sich schon umgekleidet. Do hatte den roten Sonnenschirm über die Achsel gelegt, als dürfe sie kein Wort von der Geschichte verlieren, die ihr Begleiter im weißen Strandanzuge berichtete. Darum hielten sie sich auch vor dem vorübergleitenden Boote nur für die Länge eines Freundesgrußes auf.
»Nun ja,« sagte Do im Weitergehen, »ich habe nicht umsonst an Ihnen herumgeforscht seit der Stunde, in der wir uns kennen lernten. Wenn ich nun gleichwohl anfange, Sie zu verstehen: das verzwickteste Kapitel Mensch, der mir je vorgekommen ist, bleiben Sie für mich trotzdem.«
»Darauf kommt es mir weniger an,« sagte Rolf Krake. »Getrauen Sie sich nun, meine Frage von heute vormittag zu beantworten?«
»Ob Hanna von Fellner mit Ihnen glücklich werden könnte? Nein, das zu entscheiden getraue ich mir nicht. Ich möchte Sie aber nicht mutlos machen, Rolf Krake, und nicht feindseliger gegen sich selbst. Es eilt ja damit auch nicht so sehr.«
»O, es eilt doch,« sagte er. »Wenn mein Bruder Woldemar kommt, so wird er sich in Hanna verlieben.« Do sah ihn befremdet an. »Weiß Gott, er wird sich in sie verlieben,« setzte er mit Nachdruck hinzu.
Darüber ward sie ganz besinnlich und sagte: »Nun, eigentlich müßten Sie ja recht haben. Was wir über Ihr Verhältnis zu diesem Woldemar wissen, ist doch mächtig sonderbar. Ich kann das nicht verstehen -- nein, ich kann es nicht! Das liegt auch daran, daß Sie alle Fäden Ihrer Jugendgeschichte an einer gewissen Stelle unvermutet abschneiden. Sie sagten: als Knaben wären Sie beide keine Ausnahmenaturen gewesen. Aber Sie, Rolf, dachten schon damals über leichtsinnige Streiche nach, die Sie gemeinsam begingen. Woldemar dagegen nahm sich und das Leben wie ein Junge. Die Mutter verstand Rolf nicht. Sie hält den nachdenklichen Knaben für ein Kind mit verstocktem Herzen -- und setzt ihn zurück. Darüber wird Rolf zu einem Grübler: er sieht in sich einen Menschen voller Fehler, die ihm dereinst den Weg ins Leben vermauern werden. Und er mag sich nicht mehr leiden. Er überträgt dieses Gefühl allgemach auf den Bruder Woldemar. Sie sind Studenten in Bonn. Da tritt Hanna von Fellner zum ersten Male zwischen sie. Aber sie verlieren sie wieder. Der eine studiert dann in Jena weiter, der andere in Kiel -- möglichst entfernt voneinander ...«
So ließ Do die Geschichte Rolf Krakes im Wandern noch einmal an ihnen vorüberziehen. Dabei knüpfte sie die Fäden just an der Stelle scheinbar absichtslos wieder zusammen, an der er sie zu zerreißen pflegte. Es war ganz offenbar: das tat er deshalb, weil er von da ab sich in sich selber nicht mehr zurechtfand.
Sie aber wollte ihn von sich selber erlösen. Daher mußte er über diese Stelle hinwegkommen. Sie sah: es war der verwickeltste Prozeß eines innersten Gefühlslebens, den Rolf Krake sich selbst nicht klar aufzeigen konnte, geschweige denn einem anderen. Aber so viel Licht, als in das Geheimnis dieser verschnörkelten Seele zu werfen war, wollte sie für ihre Erkenntnis doch erringen -- nicht allein, weil sie dies verschleierte Bild lockte, sondern -- wie es häufig geschieht, daß feinfühlige Frauen sich von Ahnungen leiten lassen: weil sie dachte, sie könnte dem wunderlichen Freunde mit dieser Erkenntnis einmal von Nutzen sein.
Erst in der sinkenden Nacht kamen sie nach Hause. Do saß danach mit ihrem Manne noch lange wach. Sie sprachen von Rolf Krake.
»Es ist so mit ihm,« sagte Do, »als Kind hat er gelernt, sich zu hassen. Dieser Haß blieb ihm und wuchs in dem Jüngling weiter ...«
»Aber, ich bitte dich, Do, wie ist denn so etwas möglich? Es kann sich ein Mensch über sich ärgern, oder es kann ein Mensch das Vertrauen zu sich selber verlieren -- aber er kann sich doch nicht durch eine Reihe von Jahren unausgesetzt hassen! Das wäre für ihn einfach nicht zu ertragen und müßte ja zum Selbstmord führen!«
»Ganz richtig,« sagte Do, »und das ist auch die Stelle, an der der Schlüssel zu dem Rätsel vergraben liegt: die Eigenliebe Rolf Krakes hieß ihn, den Haß gegen sich selbst auf sein Ebenbild zu übertragen -- auf seinen Bruder Woldemar! Alles, was er an sich selber nicht leiden mag, das kommt ihm im Bruder doppelt und dreifach und peinigend verzerrt zum Bewußtsein. Er sehnt sich nach ihm, er reist in dieser brüderlichen Sehnsucht sogar über viele Meilen zu ihm -- aber dann ist es, als begegne er seinem Bilde, und der Haß gegen dies Bild ist ihm geläufiger; denn die Selbstliebe dämmt ihn nicht ein.«
»Ich werde ihn in der kommenden Zeit mitnehmen an den Karauschenteich,« sagte Jakobus. »Du und Hanna, ihr sollt mehr um ihn sein als bisher. Während ich arbeite, lustiert ihr euch in der blühenden Heide.«
Am anderen Morgen zogen sie zusammen aus. Auch in den folgenden Tagen. Rolf Krake war gerne dabei. Aber die funkelnde Helligkeit, mit der er Hanna damals am Eldetag umleuchtet hatte, war nicht mehr in ihm.
Darüber ward das Verhältnis der beiden zueinander freier, erlöster. Von Stund' an konnten sie in der hohen Sommerwelt miteinander spielen wie Kinder, die sich heute bis zur Ausgelassenheit aneinander freuen und sich morgen vergessen. »Ich habe mich immer ein bißchen vor Ihnen gefürchtet, Rolf Krake,« sagte Hanna. »Nun haben Sie den Plan der Verlobung ja aufgegeben. Das ist vernünftig. Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hände -- von jetzt ab sagen wir ›du‹ zueinander. Und nun geben Sie mir auch einen brüderlichen Kuß!«
Jockele lachte. »Hanna küßt immer erst fröhlich drauflos, wenn die Gefahr vorüber ist; dann aber mit Vorliebe. Ich kenne das.«
»Du, du!« drohte das aufgeblühte Mädchen. »Nimm dich vor mir in acht! Dich möcht' ich doch gerade erst in Gefahr +bringen+ -- es ist aber furchtbar schwer.«
»Ach nein,« scherzte Do.
»Das sagt sie heute, heute so leicht hin,« rief Jockele und warf seiner Frau einen lustigen Blick zu. Da sah ihn die frohe blonde Do an und wurde rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides; denn es fiel ihr ein: sie hatte einmal im Moose des Buchwaldes im fernen Thüringerlande gelegen, hatte ihr Gesicht mit dem Hute bedeckt, um den die Ranke aus kleinen Blumen geschlungen war, und hatte gedacht: »Am Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen -- dieser Jockele aber hat seine Augen noch nicht ein einziges Mal vor mich hingestellt, damit sie zu mir sagten: ›Do, Do, du bist auch hübsch, und du gefällst mir doch eigentlich sehr‹ ... Die Mädchen prickeln um seine vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. Warum prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte, wie vor Gwendolin -- man würde sich ja wohl helfen können ... Und wenn nicht? -- Na ...«
Ja, so war das damals gewesen. Und vor diesem Gedanken aus dem Thüringerwalde wurde die frohe blonde Frau auf dem nordischen Fjeld glückselig rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides. Aus der gesicherten Entfernung sah sich das alles nun furchtbar lustig an ... Aber damals?
So blühte sich die Jugend dieser Menschen durch den Glanz, der sie einwob. Und Rolf Krake fand sich für seine Art fröhlich und aufgetan zu ihren Sonnenseelen. »Es wäre wunderschön gewesen, wenn wir uns fürs Leben gefunden hätten,« sagte er zu Hanna; »aber ganz so wie Do bist du nun doch nicht ... Na, es ist auch so, wie es ist, wunderschön,« sagte er in sanfter Bescheidung. »Und dein Kuß hat mir sehr wohlgetan.«
»Da hast du noch einen, du wunderlicher Heiliger! Du kannst mitunter einen bekommen -- aber sauber, weißt du, und in Ehren! Ich glaube, man kann dich damit aus deinem dunklen Wasser ziehen ...«
»Rettungsringe!« lachte Jockele.
»Es ist ein feiner Einfall,« bestätigte Rolf Krake. »Mir scheint, ich werde bei euch noch ein ganz vernünftiger Mensch.«
»Das scheint mir auch so,« sagte Hanna, »nun, da du mich nicht mehr um jeden Preis heiraten willst, ist das Spiel für dich schon zur Hälfte gewonnen.«
So waren die Tage auf dem Fjeld lustig und hell bis ins Herz.
Einmal des Morgens, als man auf der Osterinsel wieder zum Aufbruch rüstete, trat Nane Thord herein und sagte: »Es ist in der Nacht ein Boot um die Insel gefahren. Es sah aus, als wär' es aus Glas. Und es schien wie ein erleuchtetes Fenster in der Nacht. Es hatte auch zwei leuchtende Ruder in den Halftern. Aber es war kein Fährmann dabei.«
Nane Thord machte ihre großen, grauen Augen.
Da sagte Gwendolin: »Wir haben Neumond.«
»Lars Thord wird wieder etwas auf dem Herzen haben,« setzte Jockele mit gut verhehltem Spotte hinzu.
»Ach nein,« antwortete Nane, »wenn Lars Thord kommt, so setzt er sich auf die Klippe und angelt Karauschen. Deshalb bin ich auch nicht hinaus gewesen in der Nacht. Es war mir unheimlich. Vor Lars Thord ist es mir nicht unheimlich.«
»Wir müssen da mal aufpassen,« beruhigte sie Jockele.
»Ja, das müssen wir wohl,« sagte Nane Thord.
John Williams war seit ein paar Tagen verreist, nach London. -- Gwendolin wußte: am zweiten Morgen nach dem Überfall hatte er die Fahrt angetreten.
In der Nacht, von der Nane Thord auf der Osterinsel erzählte, was sie darin gesehen haben wollte, schlenderte Johnny vom Hydepark her durch die Greenstreet seinem Gasthause zu. Es ist da an der Ecke ein Kaffeehaus, in dem man zu allen Zeiten Deutsche trifft. Als Johnny im Vorübergehen durch die große helle Scheibe blickte, stand er mit jähem Ruck still, als wäre er gegen ein Hindernis gestoßen. Denn da drinnen sah er einen hünenhaften Menschen sinnend hinter dem Stuhl eines Schachspielers stehen ... Jawohl, es war Henrik Tofte!
Da ging Johnny hinein. Aber Tofte bemerkte ihn nicht. Es wurden in dem Raume mehrere Partien ausgetragen, und es wurde kein Wort gesprochen. Deshalb setzte sich John Williams an einen der kleinen Tische, die hinter Henrik frei waren, bestellte sich ein Glas Tee, rauchte die Pfeife und wartete. Wartete zwei Stunden, ohne daß er von dem »großen Lichte« bemerkt wurde; denn Tofte war ganz vertieft in die Partie, der er zuschaute. Während nun da und dort ein Spiel mit dem Siege ausging oder remis wurde, erkannte Johnny: man spielte in diesem Kaffeehaus die Partie um die Zehnpfundnote. Um so merkwürdiger war die Anwesenheit des Malers. Zuletzt lief nur noch jene, bei der sich Henrik als Zuschauer aufgestellt hatte. Da wurde der schwarze Turm geschlagen. »Ich gebe das Spiel auf!« rief der Verlustträger seinem Partner zu, »Sie haben Ihre zehn Pfund gewonnen.« -- »Geben Sie sich nicht verloren, Herr!« sagte Henrik Tofte. »Doch? Nun, wenn Sie erlauben, spiele ich die Partie für Sie zu Ende und -- wenn Sie mir im Gewinnfalle fünf Pfund abgeben.« -- »Mit Vergnügen, mein Herr,« sagte der Deutsche und schaute verwundert an dem Riesen empor. Der setzte sich ans Brett und gewann mit dem siebenten Zuge. Eine freudige Erregung unter den Anwesenden war die Folge. Währenddessen schob Tofte die verdienten hundert Mark in die Tasche.
»Nun darf ich Sie wohl auch zu dem famosen Spiel beglückwünschen, Meister!« sagte in diesem Augenblick John Williams.
»Johnny!!«
»Ich bin's leibhaftig!«
»Kommen Sie, trinken wir eine Flasche Sekt!« sagte Tofte in alter Gewohnheit, faßte seinen Schüler unter und verließ mit ihm das Schachzimmer. Draußen in dem Erfrischungsraum, in sicherem Winkel, setzten sie sich fest. »So treib' ich es seit einer Woche, mein lieber Johnny,« erzählte das große Licht.
»Und haben sich dabei einen häßlichen Augenkatarrh geholt,« warf John halb im Scherz, halb im Ernst ein.
»Weiß der Teufel,« entgegnete Tofte, »ist das schon so sichtbar? Im Zirkus hat es angefangen. Es war ein Hundeleben, sag' ich Ihnen. Seit fünf Wochen bin ich nun in London. Ich habe gemalt wie nie zuvor: beim Schifferfeuer an der Themse, im Mondschein an der See und im Hafen, bei lumpigem Tranlicht in Armeleutkneipen und im Staube der Straßen. So an die vierzig Bilder. Bei dieser wilden Fahrt haben meine Augen nachgegeben -- wie ein Pferd beim Rennen um den Goldpokal ... Schicksal, Schicksal, Mister Johnny!«
»Vierzig Bilder!« rief Williams wie im Traume.
»Nu passen Sie auf,« sagte Tofte. »Einmal hab' ich einen Stoß davon unter den Arm genommen, habe mir einen deutschen Matrosen als Dolmetsch gedingt, und so bin ich zu Mister Watson gezogen. »Kaufen Sie mir diese Bilder ab, Herr,« hab' ich zu ihm gesagt. »Well,« hat er gesagt, »lassen Sie sehen.« Und »Ah« hat er gesagt, »was soll mir so etwas nützen? Es ist nicht die Kunst, die ich brauche. Sehen Sie, dies hier -- dies wird bei mir gesucht!« Dabei führt mich der Kerl vor Bilder, die ich im Hardanger Fjord gemalt habe und die nun die Namen James King und John Williams tragen!«
Johnny erschrak. »Und was haben Sie ihm geantwortet?«
»Nun, ich war wohl um meinen Verstand gekommen,« sagte das große Licht, »sonst hätt' ich zu ihm gesagt: ›Mein Herr, entweder sind Sie ein Esel, oder Sie sind ein Verbrecher.‹ Aber ich sagte nur, ich glaubte, mit dieser Kunst könnte es die meine auch aufnehmen ... Ausgelacht hat er mich!«
»Und die Bilder?«
»O, die hab' ich aus alter Gewohnheit als Zahlungsmittel benützt. Für eins hab' ich ein Roastbeef eingetauscht, für ein anderes eine Flasche Kognak. Zwei hab' ich dem Dolmetscher gegeben. Den Rest hab' ich um einen Pappenstiel verkauft, so unter der Hand, wissen Sie, beim Tandler oder dem Antiquitätenhändler.«
»Wissen Sie noch einen von den Läden?«
»Wie soll ich?« rief er. »Sie, das Malen ist eine verdammte Kunst! Ich glaube, ich geb's auf. Prosit! Und es lebe die nußbraune Gwendolin!«
Johnny erhob zwar sein Glas, aber das Gespräch leitete er hartnäckig zurück zu Henrik Toftes Geschichte. »Sagen Sie, Meister, wie sind Sie eigentlich auf die Idee mit dem Schachspiel gekommen?«
»Schicksal!« sagte Tofte. »Ich kenne jetzt drei Kaffeehäuser, in dem Deutsche, Schweden oder Norweger die Partie um die Zehnpfundnote spielen. Da geh' ich abwechselnd vor Anker, verfolge Zug auf Zug, und auf dem toten Punkt springe ich ein. Immer geht das natürlich nicht, wissen Sie. Aber dreimal ist es mir geglückt in dieser Woche -- sind dreihundert Mark!« Er ließ noch eine Flasche Sekt kommen. »Ich spare nämlich jetzt, sag' ich Ihnen. Und wenn ich zwölfhundert Mark habe, schüttle ich den Staub Englands von den Füßen und gehe nach Rom. Jawohl, nach Rom.«
»Malen?«
»Das heißt: wenn ich es bis dahin fertiggebracht habe, meinen Schwur zu brechen, daß ich keinen Pinsel mehr anrühren wollte.«
»Aha,« sagte Johnny.
»Warum aha?«
»Weil Sie einer von denen sind, die -- wenn sie ohne Arme geboren -- dennoch Maler geworden wären ... Sehen Sie, von mir kann ich das nicht sagen.« John Williams hatte die Lider gesenkt und folgte mit den Augen der Spitze seines kleinen Fingers, die allerhand Figuren auf der Marmorplatte des Tisches beschrieb. Johnny war sehr nachdenklich.
»Haben Sie Ursache zur Reue?« fragte Tofte. »Haben Sie eine moralische Anwandlung? Bedrängt Ihr Herz eine große Tat? Lieben Sie unglücklich?« Er wartete aber nicht auf Antwort, sondern setzte hinzu: »Mit derlei Ballast schlepp' ich mich überhaupt nicht.«
»Ich finde, daß wir uns vortrefflich ergänzen, Meister.«
»Diese Wahrnehmung gehört für mich schon der Vergangenheit an!« lachte das »große Licht«. Dabei strahlte er, als wäre just er dazu ausersehen, der Erde den Frühling zu bringen.
»Übrigens: was hat Sie jetzt nach London geführt?« fragte Tofte unvermittelt.
»Ich bin auf dem Wege nach Glasgow. Je nun, man hat etliches zu bestellen, wenn man der Heimat voraussichtlich für lange den Rücken kehrt ...«
»Holla -- la -- la!« machte Tofte.
»Hm,« sagte Johnny und schaute nicht auf. »Ich muß loskommen von James King. Er ist kein unebenes Talent. Ich auch nicht. Aber wir sind beide nicht stark genug, um faul sein zu dürfen. Er ist ein Mensch, der seine Freunde mit in den Abgrund reißt. Meister, ich werde nicht mehr in den Hardanger Fjord zurückkehren. Ich möchte später einmal nach München. Was meinen Sie dazu, wenn ich vorerst mit Ihnen nach Rom ginge?«
»Hurra!«
»Ich bin von Haus aus nicht ohne Mittel,« fuhr John fort, »ich werde deshalb auf den Rest meines Stipendiums verzichten ...«
»Sie sind wohl wild geworden?«
»O, es ist nicht mehr viel. Und ich werde mich der Bildhauerei widmen.« Er lächelte. »Wir dürften für die Folge also noch enger zusammenstehen, aber die Firma ›Tofte, King und William‹ ist aufgelöst -- der Gesellschafter Williams ist ausgeschieden.«
Henrik Tofte schwenkte das Glas. »Sturmschwalben auf dem Fluge zum Süden!« Er hatte Dos Naturgeschichte der Sturmschwalben nicht mit erlebt.
Auf dem Hauptbahnhof in Hamburg standen an einem Augustmorgen Do, Gwendolin und Hanna, Jockele und Rolf Krake. Sie warteten auf die Ankunft des Zuges, der ihnen den vor wenigen Tagen fertig gewordenen ~Dr. phil.~ Woldemar Krake bringen sollte. Der Sommer des Fjords war an ihnen hängengeblieben, und namentlich den Damen war anzusehen, daß sie geradewegs aus des Herrgotts Malkasten kamen. Es war ein Bild von betörendem Reiz, wie die drei auf dem Bahnsteige wandelten: die Wildrose Gwendolin in der Mitte, natürlich in sanftem Gelb, Do in Weiß und Hanna in der Farbe des Morgenhimmels, wenn der hell um die Schneegefilde des Folgefonds weht. Es war die springlebendige Lieblichkeit, vor der der Herzschlag der Männer sieben Sekunden lang aussetzt, und nach der sich die Augen der Frauen in neidlos stiller Beglücktheit wenden. Selbst inmitten des losgelassenen Lebens auf einem Bahnhof.
Da schnitt auf einmal einer quer über die schaukelnden Wogen des bunten Sommergetriebes hinweg. In der Hand des hochgereckten linken Armes, der wie ein Mastbaum ragte, schwenkte er einen Rucksack, schmetterte einen jodelnden Ruf, trieb wie ein Schiff übers Meer vor dem Sturm seiner Freude und riß die Schwertlilien aus dem Hardanger Fjord alle drei auf einmal an sein Herz: Henrik Tofte auf dem Wege nach Rom!
Weiß Gott, jeder Tag im Leben des »großen Lichtes« sorgte für eine Stunde, die den Schicksalsglauben immer fester in ihn hineinhämmerte! -- Vor einer Minute hatte er gejauchzt »Nach Rom! Nach Rom!« nun aber war alles, was er vorgehabt hatte, in seiner himmellangen Freude ertrunken, und schon drehte er das Steuer gegen den Wartesaal, um dies Wiedersehen mit ungeheurer Hingabe zu feiern.
Sein Freund Johnny stand indessen hinter der rückwärtigen Scheibe des letzten Wagens im ~D~-Zug und merkte wohl, daß er und die Reise für den jubelnden Henrik ein verwehender Traum geworden waren. Johnny hatte sich aus einer vorgefaßten Meinung gegen Gwendolin nicht sehen lassen wollen; darüber hinaus aber hatte er das Geld für Toftes Fahrkarte -- und zwar bis nach Rom -- ausgelegt. Im Zuge wollten sie abrechnen ... Johnny schwang sich also aus dem Wagen und eilte dem Festzuge Toftes nach. So gelangte er in die Lage, sich noch ein Auge voll Gwendolin zu nehmen, riß das große Licht vom Himmel der Seligen herab und hinter sich drein -- Türen schlugen, Fertigrufe erschollen, die Lokomotive tat einen erlösten Atemzug, Henrik Tofte streckte seine Arme aus dem Fenster, Gwendolin blühte ihr Hochsommerglück über das Eisengeländer noch einmal zu ihm hin -- vorbei!
Vorbei war's, ehe sie recht erkannten, was ihnen da begegnet war.