Jockele und seine Frau

Part 4

Chapter 43,761 wordsPublic domain

Darüber nahm er Stück für Stück der umherliegenden Fetzen auf und paßte sie mit Sorgfalt aneinander. So baute er den richtigen Henrik Tofte wieder zusammen. Zwar, die Risse konnte er nicht ungesehen machen. Aber er war froh, daß es ihm leidlich gelungen war, und kroch aus dem Rohre; denn er hörte das Fischerboot mit den Kindern inselwärts plätschern, die die Kränze und Ranken brachten.

Als die Fahrzeuge bunt und fröhlich geschmückt waren, trat er in den Saal, wo ihn die Sturmschwalben mit Jubel empfingen. Da jubelte er sich zwischen sie hin. Aber er dachte, seit dieser Nacht wäre er hier nicht mehr daheim. Es war ein wunderlicher Zustand. So, als wäre er nun von dem Schicksal an eine Wegscheide gesetzt.

Indessen bereiteten sich die anderen schon zur Fahrt. Gwendolin und Do blühten wie der junge Tag: Hanna von Fellner hatte geschrieben, sie wäre auf dem Wege nach dem Hardanger Fjord und hätte sich Do und ihrem Mann in Sehnsucht schon dreimal an die Herzen gestürzt; nachmittags käme sie mit dem Dampfer fjordaufwärts, und sie erwarte, daß an der Haltestelle alle Flaggen gehißt wären.

Deshalb war die Insel in so funkelndem Betriebe. Sogar Rolf Krake, der zu noch seltsameren Göttern betete als Gwendolin, schnalzte schon drunten auf dem Ufersande herum.

Daher kam es, daß Henrik Tofte bald allein am runden Tische saß und merkwürdige Gedanken in den Morgenkaffee hineinrührte. Es war ihm ums Herz, als geschähe alles zum letzten Male, was er in den vertrauten Räumen tat. Aber endlich stand er mit feuchten Augen vom Tisch auf, um hinabzugehen zu den anderen.

An der Schwelle traf er Nane Thord. Die hatte zur Feier des Tages eine blinksaubere Haube angetan. Sie wollte hinübersegeln an den Strand, einkaufen. Da bekam Toftes Herz die Dankbarkeit: er nahm Nane Thord auf den Arm wie ein dreijähriges Mägdlein und trug sie hinab in sein Boot und sagte, sie müßte mit nach Elde in den Zirkus. Als sie merkte, daß es ihm ernst damit war, trieben die Boote schon mit gefüllten Segeln vor dem Winde -- bunt wie fünf Sommerblumen, die dem Himmel aus den Händen gefallen waren. Und Henrik Tofte sang ein Scheidelied. Es klang, als würde er nie mehr einen Fuß auf das Eiland setzen.

Wo sich jener kurze Arm vom Hardanger Fjord nach Norden abzweigt, an dessen Ende die Fischerstadt Elde liegt, ist auch die Haltestelle des Dampfers. Dort machten sie ihre Boote fest, Hanna zu erwarten. Aber Henrik Tofte war ruhelos. Er reffte vor dem Eldefjord zwar das Segel; denn der Fjord ist nach Süden offen, und die Uferberge legen sich darum wie zwei Arme, die alle Sonne für ihn einfangen. Aber der Wind aus Morgen streicht an seinen Toren vorbei. Deshalb legte Tofte dort die Ruder ein und sagte: »Nane Thord will die Rundholmen besuchen, ihre Tochter, die auf Gaeslinggaard wohnt. Ich fahre also mit ihr voraus.«

Aber als die anderen Boote zwei Stunden danach an Gaeslinggaard vorüberkamen, lief Nane Thord aus dem Hofe und machte die Windmühle: Henrik Tofte hatte sie noch nicht wieder abgeholt.

Da stieg Nane Thord in Gwendolins Seelenverkäufer und nahm ihr die Ruder aus den Händen und forschte auf der Weiterfahrt an dem Mädchen herum, was es mit Henrik Tofte wäre.

Die zugeflogene Hanna saß in lauter Wiedersehensfreude im Boote von Do und Jockele. Rolf Krake aber fuhr mit diesem auf gleicher Höhe und ihm so dicht zur Seite, daß Do sehen konnte: er schien wie die Sonne.

In Elde war ein großes Leben. Die Fischer lehnten in ihren Sonntagskleidern breit und rauchend an den Steinen. Die Blockhäuser hatten helle Augen. Und die bunten blonden Mädchen und jungen Frauen wanderten Arm in Arm am Strande und hatten alle Fenster offen. Aber Henrik Tofte, den man sonst schon von weitem über allem Volk dahinsegeln sah, war nicht da. Nur sein Boot hatten sie im Hafen gesehen.

Im Zirkus saßen sie dann in der ersten Reihe, gleich neben den Borten des geharkten Sandes. Die Holzbänke füllten sich bis auf den letzten Platz und bis unter das Zeltdach hinan, das leis im Sonnenwinde flappte. Ein sehr kleiner Clown im weißen Linnenanzuge mit faustgroßen schwarzen Wollknöpfen ließ es sich angelegen sein, die Menge schon vor Beginn der Reitkünste und Akrobatenstücke neugierig zu machen. Dabei diente ihm seine zuckerhutförmige Filzmütze als Sitzgelegenheit und Schlafgemach: so bedeutend war diese Mütze, und so gering war das Männlein.

Aber Henrik Tofte war nicht da -- es war zum Lustigwerden.

Endlich kam er -- da war es zum Weinen.

Er trug die Drahtseiltänzerin Miß Millie auf der freien Hand herein und schwang sie auf das gespannte Seil. Er hatte das Kleid eines Hanswurstes an, genau wie der Zwerg, hatte eine weiße Riesenfilzmütze wie dieser, hatte sich das Gesicht gepudert und die Nasenspitze und jede Wange mit einem schwarzen Tupfe geziert. Mit der Mütze reichte er beinahe bis an das Zeltdach. Seine Einkleidung aber war ohne Wissen des kleinen Mitclowns vor sich gegangen. Deshalb staunte ihn keiner gewaltiger an als dieser. Er fand sich aber rasch in die Lage und stellte ihn den Zuschauern vor als seinen großen Bruder. Weil er immerzu schwätzte, und Miß Millie doch endlich ihre Kunststücke vorführen wollte, nahm der neue Clown ihm den Zuckerhut ab, klemmte ihn hinter ein Seil unterm Dache und steckte das Männlein einstweilen in seine Hosentasche ...

Es war überwältigend, und der Erfolg der Eröffnungsvorstellung war schon mit dieser Improvisation gerettet.

Der Kleine, den man nun in der Tasche der Pluderhose herumkrauchen sah, drohte die Hauptnummer der Seiltänzerin in Gefahr zu bringen; denn natürlich guckte er alsbald heraus wie aus einem Fenster. Es war so hinreißend, daß Henrik Tofte eine Zeit mit ihm aus der Arena verschwinden mußte, was dadurch glaubhaft gemacht wurde, daß ein Nachtwächter mit Spieß und Laterne kam und den geharkten Sand nach dem großen Bruder des kleinen Mannes ableuchtete. Als er ihn endlich gefunden hatte, verhaftete er ihn.

Als »letzte Nummer« aber trat Henrik Tofte wieder auf. Und zwar als Schnellmaler. Natürlich hatte er den Kleinen immer noch im Hosensack und tat, als hätte er das ganz vergessen. Damit ihn die geschwollene Tasche nicht beim Malen störe, entledigte er sich ihres Inhalts. Er zog ganze Steine bunter Kreiden hervor, eine Tabakspfeife und zwei Beutel -- in dem vollen war Tabak, in dem leeren kein Geld. Danach holte er die Rollen seines Malpapiers hervor und zuletzt den kleinen Mann, über dessen Vorhandensein er natürlich äußerst verblüfft war. Deshalb ließ er ihn an seinem freien Arm herumkrabbeln wie einen Käfer.

Danach lief der Kleine nach einem Rahmengestell. Daran hefteten sie das Zeichenpapier. Der große Bruder begann sein Werk. Zuerst zeichnete er Gwendolin Vogelgesang -- eins, zwei, drei ... und schon war sie fertig. Jedermann sah, daß sie es war. Er überreichte ihr das Bild mit komischer Eleganz. Er zeichnete schöne Mädchen und alte Fischer, wie sie da umhersaßen. Und zuletzt brachte der Kleine einen Riesenrahmen geschleppt, den stellte er vor dem Eingange der Sandbahn auf und rief: »Ha, du bist ein großer Maler, mein Bruder -- du bist ein so großer Maler, daß ich deine Hosentasche als Schlafstelle gemietet habe! Aber du kannst nicht das große Meer malen.«

»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte.

»Das ganze Meer? Mit dem Sturme? Und mit Schiffen in Not? Und alles auf dies kleine Papier? Ha!«

»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte und begann zu malen. Die Fläche maß zehn Geviertmeter. Er sprang um das Papier, als wäre er aus Gummi: bald kroch er in sich zusammen, bald schnellte er empor, als hätte er eine Feder aus Stahl im Leibe. Und aus seinen bunten Kreiden schuf er das Meer. Wozu der liebe Gott einen Tag gebraucht hatte -- oder tausend Jahre ... Henrik Tofte machte das in sieben Minuten. Und der kleine Bruder saß auf dem Sand und heulte den Sturmwind darüber.

»Fertig!« schrie der Kleine.

Henrik Tofte aber lief an die andere Seite der Arena, als wolle er sich die Sache aus der Ferne betrachten -- da! Mit ungeheuerem Anlauf flog er über den Sand, mit einem Gewaltschwung sprang er mitten hinein in das gemalte Meer. Und blieb verschwunden.

»Oh,« sagte der Kleine -- »jetzt ist er ertrunken!«

Die Menge tobte. Aber Henrik Tofte kam nicht mehr.

Drei Minuten später schaukelte der »Seelenverkäufer« mit Gwendolin und Nane Thord aus dem Hafen von Elde. Die anderen suchten nach Henrik Tofte bis gegen Abend. Sie fanden ihn nicht.

Da zogen sie mit raschen Ruderschlägen Gwendolin nach. »Was nützt es uns, wenn wir uns um ihn sorgen oder uns grämen?« fragte sie. »Auf dies Herz kann man nun einmal keine Häuser bauen -- und er selbst getraut sich das am wenigsten.«

Hanna von Fellner wohnte nun im Turm -- es war ein lustiger Name für den kleinen Aufbau, auf dessen Dache der Sommerrasen schon wieder blühte.

»Eure Tage in diesem abwendigen Weltwinkel sind ewig bewegt wie die hohe See,« sagte Hanna.

»Es ist in der Tat so,« bestätigte Do, »wir haben genau die gleiche Wahrnehmung gemacht: als wir nach unserer Ankunft kaum zwei Stunden am runden Tische gesessen hatten, war uns, wir wären durch die Erlebnisse aufgeregter Wochen gewirbelt.«

Seit Henrik Toftes Verschwinden war fast ein Monat verstrichen. Der Wanderzirkus war längst fortgezogen.

Einmal segelten die von der Insel nach Elde, um über den Freund etwas zu erfahren. Da hörten sie viele widersprechende Meinungen über das Reiseziel der Truppe -- es lag offenbar eine Verabredung vor, die Neugier irrezuführen. Henrik Tofte wollte seine Spur für die Sturmschwalben verwischt sehen. Nur das eine ward ihnen zur Gewißheit: sein Boot hatte er in Elde verkauft. Daraus war zu schließen, daß er sich nicht mit der Absicht einer baldigen Rückkehr trug.

»Er will dich durch dies Mittel reuig und gefüge machen,« sagte Hanna zu Gwendolin. »Ich denke, in ein paar Tagen geht das große Licht uns wieder auf.«

Über das »große Licht« lachten sie. Und damit war ein Name für Henrik Tofte gefunden, der nun unter ihnen blieb, wie das freundliche und sorgende Gedenken, das sie ihm bewahrten.

Jockele war tief betrübt über den zwar nicht ruhmlosen, aber unwürdigen Abgang, den sich Tofte gesichert hatte. »Vielleicht hätte ich mich mehr um ihn kümmern sollen,« sagte er.

»Nein,« sagte Gwendolin, »denn dann hätte ich gegen euch beide kämpfen müssen und wäre wohl besiegt worden. Möchtest du, daß es so gekommen wäre?«

Jo zog die Achseln: »Es ist eine zu ungewöhnliche Sache gewesen mit euch. Und Do und ich, wir haben uns gesagt: wir wollen uns da nicht hineinmischen. Du hast so klare Augen, Gwendolin, und du hast ein so aufrechtes Herz -- einem Menschen, der nicht aus eigener Klugheit erwägen kann, was er wagen darf, wird auch durch den Rat anderer nicht geholfen. Aber es wäre mir doch leid um das große Licht, wenn er sich selbst aus den Händen fiele.«

Den tiefsten Eingriff bewirkte Toftes Flucht in das Leben der »Glasgow Boys« James und Johnny. Auch dieser Name stammte von der erfinderischen Hanna. Doch brachte sie ihn der Kürze halber nur zur Anwendung, wenn sie von beiden sprach. Meinte sie nur James, so nannte sie ihn den »Karauschenteich« -- nach einem Wasser auf dem Fjeld, zu dem sie mit Jakobus Sinsheimer um diese Zeit manchmal auszog. Es war wegen der grünen Wasserfrösche. Der Karauschenteich war ein Tümpel wunderlich verhaltenen Lebens. Algen wuchsen drin; Moosinseln trieben auf seinem Spiegel; er wimmelte von Molchen, Fröschen und Wasserkäfern; und es standen ein paar würdige Karauschen in der Nacht seiner Gründe, die hatten sich bereits Mooshauben angeschafft. Es konnte kein Blick recht erspähen, was in diesem Auge zwischen den Bergen sein verschwiegenes Dasein pflog -- genau so ging es dem forschenden Blicke Hannas vor Mister James King; da erfand sie für ihn den Namen: der Karauschenteich. Aber weder das eine noch das andere Kosewort hatte seine Ursache in einer besonderen Hochachtung Hannas vor James und Johnny. Doch -- sie unterschätzte die beiden; und Jockele mußte sie eines Tages belehren, daß die »Glasgow Boys« ihre Staatsstipendien keineswegs zur Pflege ihrer Talentlosigkeit empfangen hätten. Sondern die Dinge lagen so: Henrik Tofte war im Vergleich zu ihnen allerdings ein Genie -- aber das war er gegenüber jedem anderen Malmenschen auch. Und da hatte die Gelegenheit Diebe gemacht: James und Johnny waren seine Schüler, sie kopierten ihn, sie übernahmen seine Malweise, und über allem war dann der große Bluff zustande gekommen: aus einer weitgehenden Bequemlichkeit und Leichtherzigkeit auf beiden Seiten.

Nun saßen James und Johnny am Rande des Verderbens. Oder sie mußten sich den Ruhm, den sie im Traum errungen hatten, erwerben, um ihn zu besitzen.

Johnny hatte dazu die ernstliche Absicht. Er ging also ans Werk; aber er schleppte Lasten. Zu allem erfuhr er von dem Kunsthändler Watson, daß nach seinen Bildern eine noch größere Nachfrage wäre als nach denen von James King ... Das war eine neue unfaßbare Überraschung; denn Henrik Tofte hatte für Johnny nicht etwas Ausgezeichneteres gemalt als für James. Einige Tage später stellte es sich heraus, daß dies auf die Meinung Watsons zurückzuführen war: weil Johnny ihn damals angelogen hatte, ein dänischer Kunstfreund habe seinen gesamten Bestand an Bildern ausgekauft, war Herrn Watson das Licht aufgegangen, John Williams wäre der stärkere von den beiden »Jöttern«.

So kam es, daß Johnny für die Leute auf der Insel nahezu unsichtbar ward. Es hieß, er feiere seine Auferstehung in der Romantik der Berge. Mister James dagegen hatte nach dem Vorbilde seines entschwundenen Meisters ein weit größeres Vertrauen zu seinem guten Stern als zu seiner Arbeit und Mühe. Ganz im geheimen erwog er, ob es nicht ratsamer sei, die sonnige Hanna von Fellner und ihre Wohlhabenheit sich gewogen zu machen -- trotz dem »Karauschenteich«. Diesen Traum träumte er bald aus und zog der Leuchte Gwendolins nach. Aber auch das war ein Irrlicht.

Do hatte sich über allem mit heißem Eifer in das Studium der norwegischen Sprache gestürzt. Eines Tages fand sie bei Ibsen das Gedicht von der »Sturmschwalbe«. Dabei hatte sie eine Offenbarung. Sie übersetzte es in ihrer klaren Einfühlungskraft und ihrer freien Art:

Draußen, wo sich den Klippen die Wildsee vermählt, Wohnt die Sturmschwalbe. Ein Seemann hat mir erzählt: Sie schneidet den Schaum der Wogen, ein geflügeltes Schiff, Sie tritt das brandende Meer und zerschellt nicht am Riff. Mit den Wellen sinkt sie, mit den Wellen steigt sie zur Höh', Mit der Stille schweigt sie, und sie schreit mit der kreischenden Bö. Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht: wo Himmel und See sich mischt, Geht ihre Fahrt, zwischen Sonne und wogendem Gischt. Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer -- Sturmschwalbe, wo nahmst du den Mut zum Leben her?

Do wollte weder aus dem Gedichte noch aus der Offenbarung, die sie davor gehabt hatte, ein Geheimnis machen. Sie kannte nun die Leute alle bis auf die letzten Kammern ihrer Herzen, die sich die Sturmschwalben nannten. Rolf Krake hatte mit jenem Namen ihren stolzen Flug zu den Höhen des Lebens kennzeichnen wollen, zu denen nur seltene Menschen den Aufschwung probieren. Er war ihm eingefallen in beglückter jugendlicher Überhebung und in einer Stunde, in der er die Maße zu sich und der Erde wohl einmal nicht bei der Hand hatte. Aber nun wußte Do: Rolf Krake war auch mit der Naturgeschichte der Sturmschwalbe nicht vertraut gewesen, sonst hätte er zu erhabenem Sinnbild nicht dies Geschöpf gewählt, das, nach alter Seemannsmär, weder fliegen noch schwimmen kann, sondern in ewigem Wechsel bald das eine versucht, bald das andere, und sein Element doch niemals findet. »Sturmvögel« hatte Rolf Krake sagen wollen; denn in dem Namen sollte das Symbol des Kampfes einer hochgemuten Jugend mit den Stürmen des Lebens aufgestellt werden.

Nun sprachen sie darüber. Es war abends an dem runden Tisch im Saal. Do dachte zwar, daß ihm das aus mangelnder Naturgeschichte passiert wäre -- aber: es konnte auch aus überlegen spottender Erkenntnis gewesen sein.

»Nein,« gestand er, »es ist eine Dummheit gewesen ... Je nun, vielleicht war es das Gescheiteste, was mir je eingefallen ist; denn wir alle -- mit Ausnahme von Jakobus und Doris -- sind wir nicht die leibhaftigen Sturmschwalben der Seemannsmär? Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer?«

Sie saßen bis gegen Mitternacht. Und weil sie sich voreinander nicht versteckten, war dies Gespräch für alle voller Erkenntnis und Gewinn.

Am anderen Tage war Jockele mit Hanna schon vor Sonnenaufgang zum Karauschenteiche hinan auf das Fjeld gewandert. Die neuesten Werke über die Froschlurche stimmten seltsamerweise darin überein, daß der grüne Wasserfrosch ein Schattentier wäre -- etwa wie die Kröte. Der Doktor aber hatte beobachtet, daß gerade dieser mit der Sonne an den Teichrand stieg und mit ihr um den Saum des Wassers wanderte, immer ängstlich darauf bedacht, in der vollen Bestrahlung zu sitzen. Auch anderen Irrtümern der neuesten Forschung war er auf der Spur. Sie betrafen alle die Lebensweise der Frösche und nicht die Kenntnisse, die man sich in den zoologischen Instituten der Hochschulen aneignen kann.

Johnny und Gwendolin waren ebenfalls schon mit dem Malzeug fjordaufwärts gefahren. Do hatte eine Bergwanderung mit Rolf Krake vor. So blieb James allein daheim. Aber auch er ward von Nane Thord kaum gesehen; denn er steckte den Tag über mit seinem Boote im Rohr am Ende der Insel und strich Schilf und Ruder mit Zinkfarbe an, die in der Nacht leuchtet. Dabei setzte er ein sehr geheimnisvolles Gesicht auf.

Es wurde wieder einmal ein ereignisvoller Tag.

Droben am Karauschenteiche, dem Auge der Bergheide, saßen Jockele und Hanna. Sie hatten nun das brüderliche Du füreinander erfunden, und Hanna nannte ihn im fröhlichen Sonnenrausch ihrer Hochwelteinsamkeit den »Mann mit den drei Frauen«.

»Na, hör mal!« sagte Jockele in lustiger Entrüstung.

»Es ist dennoch so! Du machst es der Gwendolin und mir furchtbar schwer, dich nicht über Gebühr liebzuhaben.«

»Das könnt ihr halten wie ihr wollt,« sagte Jockele.

Da legte sie ihm den Arm um den Nacken und drei schwesterliche Küsse auf den Mund. »Ist das nicht über Gebühr, mein Herr?«

»Ach Unsinn,« sagte er.

»Nun, so soll Do entscheiden!« antwortete sie ein bißchen ärgerlich; denn sie hatte aus den rückwärtigen Tagen die Überzeugung gewonnen: ihre Wette von der Hochzeitstafel würde für sie verloren. Da fiel es auch dem Jockele wieder ein, daß er damals in überschießender Lust dagegen gesetzt hatte. »Du hast Angst um deine Mark,« spottete er.

Da lachte sie: »Ach nein -- um die Richtigkeit meiner Ansicht! Entweder hab' ich damals Unsinn geredet oder -- Jakobus Sinsheimer ist eine Ausnahme von der Regel.«

»Nach so kurzer Zeit läßt sich das noch nicht mit Sicherheit feststellen,« scherzte er. »Wir müssen wohl warten bis zu meinem Tode.«

»Du hast fürchterliche Angst um deine Mark!« vergalt sie ihm nun. Sie küßte ihn in jähem Übermute noch dreimal und sagte: »So, nun hast du deine Wette verloren! Es ist rein zum Verzweifeln.«

»Ich finde: weder das eine noch das andere,« sagte er.

»Nun, wir werden ja hören, was Do dazu meint.«

Dann sprachen sie über Liebe und Ehe und auch von den Erlebnissen, die er in seiner jungen Zeit mit Gwendolin gehabt hatte. Es war Hanna furchtbar interessant, wiewohl Do und Gwendolin ihr das alles schon einmal erzählt hatten. »Wenn ich Do wäre, so litte ich nicht, daß Gwendolin und Hanna Fellner die gleiche Luft mit dir atmeten.«

»Ja, so halten es die Menschen,« sagte er, »weil sie einander nicht vertrauen bis zum nächsten Busche -- und weil sie ihre Liebe nicht reif werden lassen vor der Hochzeit.«

Dann schlich er wieder einmal auf den Zehen um den Karauschenteich. »Es sind annähernd dreihundert grüne Wasserfrösche da!«

Hanna betrieb inzwischen ein nachdenkliches Spiel mit Heidehalmen. Sooft er an ihr vorüber kam, warf er ihr ein kluges und schönes Wort von der Ehe hin oder von der Liebe. Das fing sie wie eine seltene Blume und schmückte sich das Herz damit -- das wirbelige törichte Herz, das einst gemeint hatte: es hätte die Liebe nach allen Himmelsrichtungen erprobt. --

Wie es indessen um Gwendolin und den langen Mister Johnny aussah? Auf der Fahrt den Fjord hinauf war es morgendlich kühl in dem kleinen Schiffe. Als sie dann an ein sehr schönes Naturtheater kamen, auf dem sich die Kulissen sommerbunt und kühn durcheinanderschoben, sagte Gwendolin: »Sie, lassen Sie mich heraus -- das muß ich malen!« Sie war noch genau so wie damals in der wilden Jockele-Zeit: vor einer romantischen Aufführung der Natur konnte sie nicht vorübergehen. Das strich sie dann keck und aufgeblüht aus ihrem jauchzenden Herzen, und es wurde ein ungeheueres Farbenerlebnis daraus.

Sie hatte sich seit dem Tage, da ihr der Freund verlorengegangen war, nicht gewandelt. Nein, Gwendolin Vogelgesang war nicht von der Art jener, die die Tür unbedacht ins Schloß werfen und dann davorstehen mit Reu' und »Hätt' ich doch«. O, die Entgleisung Henriks war ihr nicht gleichgültig -- ihr am wenigsten. Aber sie hatte von allen die kräftigste Überlegenheit gegen das Leben.

Nachdem sie ihre Staffelei aufgestellt hatte, verfiel sie gleich mit Allgewalt ins Malen. Sie war dabei so rasch, daß sie nie zweimal zu einem Motive ging; denn sie kopierte nicht die Natur, sondern sie schuf das künstlerische Erlebnis, das sie davor hatte, in Form und Farbe. Ja, so war es um ihre Kunst; es wandelte sich auch darin nichts. Viele verstanden sie nicht, aber viele beglückte sie. Es kümmerte sie nicht, was sie damit für eine Wirkung erzielte.

Ob John Williams weiter fjordaufwärts gerudert war, oder ob er irgendwo hinter einer Kulisse steckt und sich in seiner veristischen Manier abmühte, wußte sie in ihrem himmlischen Untergange nicht. Er aber hatte zur Genüge erfahren: Gwendolin konnte jemandem Palette und Pinsel ins Gesicht werfen, dem es beikam, ihre Eingebungen zu stören. Sie mußte allein sein mit dem Gott, der in ihr schuf.

Wenn Johnny an diesem Tag nicht vorgehabt hätte, auf sie zu warten, so hätte er sie am Morgen nicht mit in sein Boot genommen.

Der Wandel der Lichter und Schatten, der um Mittag eintrat, verurteilte ihn zur Untätigkeit. Da legte er sich auf das kurze Gras eines Hügels und guckte in die spiegelnden Wasser. Bergkuppen standen darin, silberstämmige Birken, finstere Föhren, die sich an Zacken klammerten; und die flimmernden Eisströme vom Folgefond. Und alles blühte hinein in die seligen Himmel der Tiefe. Den »Malkasten des Herrgotts« hatte Gwendolin den Fjord genannt.

Johnny hatte seinen Platz so gewählt, daß er Gwendolins Wildrosenhut sehen konnte, wenn er sich ein wenig aufreckte. Diese Gelegenheit nahm er viel öfter wahr, als er dachte. Er sah sich an dem Zauberspiegel der Flut müde, aber an Gwendolin nicht. Nun ja -- Henrik Toftes Abreise mit unbekanntem Aufenthalt war ein harter Schlag für ihn gewesen. Aber die Sache hatte doch auch ihre gute Seite ...

Der lange Johnny hatte nie in seinem Leben eine so kurzweilige Sonnenruhe gehalten wie an diesem Tage. Ohne Pinsel und Farbe malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen James dar in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße nußbraune Gwendolin hatte John Williams unwiderstehlich gefunden. -- Es war sehr unterhaltsam. Ja. Und deshalb lugte Mister Johnny immer durch den Spalt zwischen den beiden Birkenstämmen.