Part 3
James und Johnny vernahmen schlürfende Schritte; und als sie wieder in den Saal traten, stand Nane Thord am Tisch und schaute sie aus ihren großen grauen Augen an. »Ich wunderte mich, daß Sie weggegangen sein sollten -- und hätten doch das Licht brennen lassen?« sagte sie.
»Kommen Sie eben von draußen?« fragte Mister Johnny mit erzwungener Ruhe.
Da strich sich Nane Thord mit der Hand über die Stirn. »Ja -- ich bin wohl einmal hinaus gewesen,« sagte sie in ihrer trockenen nordischen Art.
So hatte Gwendolin nun doch richtig gesehen: Nane Thord hatte ihren Wunderschlaf und ihre nächtlichen Erlebnisse! Und als James und Johnny wieder allein waren, wußten sie: sie würde sich jetzt zu Bett legen zu einem tiefen, traumlosen Schlafe.
Johnny war über all dem stark aus dem Gleichgange gekommen. Aber Mister James rieb sich die Hände und rief: »Welch eine lächerliche Komödie!« Er meinte damit: die Komödie wäre großartig und gefiele ihm ausgezeichnet; denn sie hatte ihn auf einen leuchtenden Einfall gebracht. Er trug nämlich seit einer Woche den Brief eines Londoner Kunsthändlers Watson in seiner Tasche, der an ihn und John Williams gerichtet war und ihnen den Besuch des Herrn Watson ankündigte. Aber diesen Brief hatte er seinem Freund Johnny verschwiegen; denn er hatte geglaubt, Johnny würde an der Malfahrt der anderen teilnehmen -- der Besuch des Händlers wäre ihm also nicht von Nutzen gewesen. Nun aber lag nur noch eine halbe Nacht zwischen ihm und der Gefahr, und in höchster Not sprang er mit Hilfe von Nane Thords Schlafwandel gleich mitten hinein in die Verwicklung.
»Sie hat recht mit dem seltsamen Besuche,« begann er, »da, lies!«
»Warum hast du die Sache hinhängen lassen?« fragte Johnny mißvergnügt.
»Ich wollte dir einen Ärger ersparen,« sagte James. »Henrik Tofte hat ein halb Dutzend Skizzen in seiner Kammer -- das ist alles. Was sollen wir damit beginnen? Ich habe auf Rettung gesonnen, aber es ist mir nichts eingefallen.«
Es war eine verzweifelte Sache. Und wenn Henrik und Gwendolin gar als Verlobte von der Bergfahrt zurückkehrten, dann konnte es nicht mehr lange dauern mit den Staatsstipendien und dem leicht erworbenen Künstlerruhme! Eine Art Rettung gab es freilich noch. Aber die war bescheiden genug. Henrik hatte nämlich drüben in Krokengaard ein Bild hängen -- dort hatte er im vorigen Sommer gewohnt und damit einen Teil seiner Rechnung beglichen. Aus dem gleichen Grunde hing eine Fjordlandschaft Toftes in dem Gasthause, in dem er seine Mahlzeiten genommen. Nun, beide ließen sich wohl ohne ein großes Aufgebot von Silberkronen erstehen; und beide waren zum Glück nicht mit dem Namen ihres Schöpfers gezeichnet: man brauchte nach langen Jahren nicht zu wissen, wer einst sein Schlafgeld auf diese Weise bezahlt hatte. Aber der Händler wollte einen Abschluß auf die Gesamtproduktion der beiden Jötter für eine bestimmte Frist machen und hatte eine reichliche Anzahlung in Aussicht gestellt. Er dachte wohl daran, die Ateliers der beiden neuen Sterne am britischen Kunsthimmel einfach auszukaufen. Sie aber hatten nichts als hartgekrustete Farben auf ihren Paletten ...
Je nun, die Nacht war lang genug, einen listigen Plan zu schmieden. Um Sonnenaufgang fuhr Johnny im Boot, die beiden Bilder zu erstehen. James ließ indessen von dem Mädchen Marit die Kammer Toftes in Ordnung bringen, suchte darin zusammen, was als Bild oder Skizze gelten konnte, und als Johnny triumphierend zurückkehrte, stellte er die Fjordlandschaft auf die Staffelei und überzog sie mit Firnis. So wollten sie die Kammer Toftes als ihr Atelier vorstellen -- lieber Gott, zu einem besseren langte es einstweilen eben nicht. Und übrigens malten sie stets in freiem Lichte. Ja. Johnny aber getraute sich nicht, den verbrecherischen Gleichmut des Mister James aufzubringen. Er wollte sagen: ein dänischer Kunstfreund habe ihn just einen Tag vor Empfang des Briefes ausverkauft.
So erwarteten sie den Mann aus London. Und Mister Watson kam. Kein anderer als Henrik Tofte ruderte ihn zur Insel der Auferstehung. Er und Gwendolin, die mit im Boote war, verstanden zwar kein Wort Englisch und Watson kein Wort Norwegisch oder Deutsch. Aber an der Haltestelle des Dampfers hatte man sie zueinandergeführt. Und Gwendolin, die Ahnungsreiche, hatte dem kindlichen Gemüte Toftes auseinandergesetzt, um was es sich dabei handelte; denn Herr Watson hatte ihnen die Namen James King und John Williams als den jüngsten Stolz Britanniens genannt.
Und in der Tat: man fand die beiden in heißem Bemühen in Toftes Kämmerlein. James war angetan mit Henriks Malkittel und gerade dabei, den letzten Strich Firnis auf das »neue« Bild zu setzen, dem er bereits seinen Namen verliehen hatte. Johnny aber rieb Farben für künftige Wunder.
Das ging dem guten Tofte nun doch über die Hutschnur! Er verfiel also in ein so männliches Schimpfen, daß Mister Watson wie angedonnert dastand; denn das merkte er wohl: Liebenswürdigkeiten klingen anders, selbst in einer der unmöglichen Sprachen außerhalb Englands.
Der erfinderische James aber besann sich augenblicklich auf eine kühne Geschichte: dieser lange Mensch, der sich Henrik Tofte nenne, wäre ein Neiding. Er ärgere sich, wenn James und Johnny ihre Bilder verkauften. Und zu alledem hätte das Mädchen Marit in seiner Abwesenheit eine fürchterliche Dummheit gemacht ...
Das leuchtete Herrn Watson auch vollkommen ein; denn draußen im Flur lehnte die zerbrochene Marit und bangte vor dem Zorne Toftes, weil sie den Einbruch in sein Gemach nicht verhindert hatte.
Zuletzt waren es doch nur diese Tränen, die den starken Henrik ins Poltern gebracht hatten. Das Weinen anderer wendete ihm nun einmal das Herz um. Und zu einem Lawinensturz kam es diesmal nicht; denn dieser Gewaltmensch hätte nicht Henrik Tofte zu heißen brauchen, um die lustige Seite der lächerlich frechen Komödie dennoch genialisch zu finden, die die »Jötter« in seiner Stube aufführten. Er begann also, auf sanfteren Saiten zu spielen, und sagte: »Wenn es nicht ein Kunsthändler wäre, den ihr da foppt, so ließe ich jetzt den Vorhang erbarmungslos über eurer Gaunerposse heruntergehen.«
»Was sagt er?« fragte Mister Watson.
»Oh, er sagt: unseren Ruhm verdienten wir ja, aber zu beneiden blieben wir trotzalledem. Er selbst hätte doch auch eine Ahnung vom Malen -- nur eine Ahnung vom Geschäft hätte er nicht.«
Da schupfte Mister Watson hochmütig die Schultern: »~He's no Englishman.~«
Danach kamen für Henrik Tofte Tage voll Finsternis: Gwendolin verachtete ihn. Sie tat nicht nur so; sie setzte sich nicht in den Schmollwinkel wie eine gekränkte Liebste; sie wich ihm nicht einmal aus, sondern redete sogar mit ihm, aber alle Herzlichkeit und Teilnahme für ihn war verweht. Das dauerte bis zur Einweihung des Neubaus. Da waren alle im Saale versammelt, und es gab ein Fest, wie es nur Künstlerjugend feiern kann, die zuletzt doch ein Reich regiert, in dem die Sonne nicht untergeht. Für diesen Abend hatte Henrik Tofte eine Überraschung vorbereitet ...
Jockele, Do und Gwendolin waren nämlich wieder einmal vier Tage auswärts gewesen. Mit Rucksack, Pickel und Nagelschuhen waren sie den Flechten nachgeklettert bis an die Ränder des Folgefondgletschers; denn den Doktor drängte es zu Forschungsreisen dorthin, wo das Geschlecht der Flechten noch den einzigen Pflanzenschmuck liefert an verschmähten und gefrorenen Hochlandzinnen; oder dorthin, wo im glühenden Sonnenbrande jedes andere Pflänzchen verdorrend stirbt. Hundert Arten von Strauch- und Laubflechten hatte er vorher eingetragen. Nun kämpfte er an den letzten Steilhängen der Erde um Krustenflechten, die oft so innig mit ihrer Unterlage verschmolzen waren, daß er sie nur durch Auflösung des Gesteins mit Säuren befreien konnte. So führte er Do und Gwendolin vor ungeahnte Geheimnisse.
Als sie heimkehrten, war Henrik Tofte verschwunden. Mit ihm Nane Thord. Aber in einem Winkel des Krakesaales war ein Webstuhl aufgeschlagen, und ringsherum sah es aus wie in einer Armeleutstube. Die blonde Marit lief umher mit wissenden Augen; an der Bedeutung des Winkels mit dem Webstuhle schwieg sie sich vorbei.
Abends jedoch, als alle schon um den runden Tisch saßen, tat sich die Tür auf, und Henrik Tofte kam herein als ein Mann von fünfzig Jahren. Nane Thord aber war sein Weib geworden. Und die beiden hatten sieben Kinder, fünf Buben und zwei Mädel. Der älteste mit seinen sechzehn Jahren stellte den Henrik Tofte dar ... Das Spiel begann. Es hieß »Der verlorene Sohn«.
Zuerst sprach der wirkliche Henrik einen Vorspruch in machtvoll gestaltenden harten Versen: er wäre der Weber Skule Tofte, der mit seiner Familie aus dem Aardal käme, wo ihnen alles verbrannt wäre -- deshalb wollten sie hier in dem Winkel mit dem Webstuhl ihr Leben der Armut von vorn anfangen. Darauf setzte sich der alte Skule Tofte an den Stuhl, und das Webeschifflein begann seine Arbeit ...
Das Spiel stellte jenen Tag aus dem Leben des Henrik Tofte dar, an dem er gegen Abend ausgezogen war aus der Kümmerlichkeit der väterlichen Mietstube, um sich sein Brot als Anstreicher zu verdienen.
Es war ein Spiel, und es wuchs zu einem gewaltigen Erlebnis. Es war in zwei Stunden von Henrik Tofte herausgeschrieben aus einem Jahre seiner Vergangenheit. Und es war durch vier Tage gelernt worden von Weberkindern und Nane Thord, die sich dabei nicht in eine fremde Welt hineinzudenken brauchten. Und es waren harte und schmucklose Worte, die sie sprachen. Vater Skule Tofte aber war ein Philosoph im Weberkittel, der es sich angelegen sein ließ, dem langen Sohne Henrik die Lehre von der Allmacht des Schicksals ohne Mitleid ins Herz zu hämmern:
Das sollst du nicht vergessen: Armut stand Gevatterin, als dich das Leben fand. Mit Plack und Sorge salzt es uns das Brot, Und was es draufstreicht, schmeckt nach Schweiß und Not. Das Schicksal spinnt in weiße Seide ein, Die's heimlich hätschelt, sanft wie Mondenschein. Der Graben ist dein Grab; Staub ist dein Lohn: Du bist des lieben Gotts verlorener Sohn.
So sah die Tröstung aus, die Skule Tofte seinem Ältesten Henrik mit auf den Weg gab.
Da es aber doch ein Spiel sein sollte, was man hier trieb, war es von dem Dichter nicht uneben erdacht, daß er am Ende die Schauspieler um einen Tisch gesetzt hatte, während die Mutter in einem Schrank nach Brot suchte und sprach:
Das Fach fast leer -- wie ist das Herz mir schwer! Wo nehm' ich morgen nur Kartoffeln her?
Und gleich rief das jüngste Töchterlein das Schlußwort:
Es kommt die Nacht, die keine Not bedrängt, Weil da der Himmel ganz voll Talern hängt; Leicht fällt den lieben Gott im Traum was an, Wie er aus Steinen Semmeln machen kann.
Das war für die Zuschauer der gegebene Augenblick zum Mitspielen: im Nu war den Webersleuten der Tisch gedeckt, und auch der lange Henrik durfte umkehren und den Lohn für seine Mühe in Empfang nehmen. Henrik Tofte aber, der richtige, wollte auch nicht zu kurz kommen. Erst überzeugte er sich von der versöhnlichen Stimmung Gwendolins, dann trank er ein Glas Sekt.
So hatte der Abend mit einer ernsten Rückschau begonnen. Vor allem waren James und Johnny an dem Aktus nachdenklich geworden; denn ihnen war die Herkunft ihres jugendlichen Meisters noch ganz unbekannt gewesen.
»Oh, er hat kein Staatsstipendium gehabt!« flüsterte Johnny Gwendolin in reuevoller Einkehr zu.
Da sagte Gwendolin nicht ohne Härte: »Aber er hat ein Stipendium von Gott: sein Genie. Wendet er es etwa besser an als Sie das Ihre?«
Doch -- das hörte niemand; denn die vollen Gläser klangen aneinander, und Henrik Tofte klimperte zum Überfluß auf der Gitarre, die er einstweilen unter den linken Arm geklemmt hatte. Es war ihm ein Lied eingefallen, das er nun singen wollte. Jawohl, auch singen konnte er -- furchtbar komisch und mit wunderlichen Gebärden. Wie die Bänkelsänger singen auf den Jahrmärkten vor einer bemalten Leinwand. Er aber hatte diese Leinwand nicht und deutete doch mit dem spanischen Rohre, als ob sie da wäre. Mit der Zunge ahmte er das Klatschen des Stockes gegen die Bilder nach und malte sie mit seinen Worten, grausig und volksmäßig. Oder er sang edle alte Balladen. Seine Stimme konnte dabei klingen wie geschlagene Glocken oder wie die See, die vor dem Sturmwind in Klippen zerschellt ...
War es nicht so, als hätte der liebe Gott alle Stipendien, die er für diese Zeit zu vergeben gehabt, in einem Schöpferrausch an diesen einen verschwendet? ...
Wenn er annahm, daß man in seiner Abwesenheit von ihm gesprochen hatte, ärgerte er sich. Aber nicht, weil er fürchtete, man verlästere ihn. Sondern er sagte: »Ich bin ein Mensch, der sich nicht auskennt in sich selber. Lobt oder lästert ihr mich, wenn ich nicht dabei bin, so nützt mir das nichts. Also ist es besser, ihr schmäht mich oder huldigt mir ins Angesicht. Ich mache es euch ja so leicht und sage nie ein Wort dazu, wenn es mich angeht.«
Als er eine schöne und machtvolle Ballade über Harald Harfager gesungen hatte, waren alle ganz in der Gewalt seiner stolzen Begabung, die er gar nicht achtete, weil er nur in die Luft zu greifen brauchte wie ein Zauberkünstler, der ringsum Wunder fängt.
Da fragte der nachdenkliche Rolf Krake: »Sagen Sie, Tofte, sind Sie eigentlich ein verbummeltes Genie?«
Henrik schlug ein paar Akkorde aus den Saiten und schaute sich im Kreise um. Es sollte jemand an seiner Statt antworten, weil er sich selber dazu nicht wichtig genug nahm. An Gwendolin blieben seine Augen hängen.
»Ach nein,« sagte sie, »verbummelt ist er nicht. Und er wird auch nie dahin kommen. So oft er an die Dürftigkeit streift -- was er so Dürftigkeit nennt -- wird er etwas ganz Großes aus sich herausschlagen.«
»Warum heiraten Sie ihn dann nicht?« fragte Rolf Krake.
»Weil ich zu fleißig bin,« sagte sie gefaßt. »Er würde dann nie in die tiefe Not geraten, vor der er sich fürchten muß. Eine kleine Malerin kann aber nicht sich und diesen Riesen und am Ende eine Familie erhalten mit ihrer Kunst. Trotz allem: ich mag ihn furchtbar gern leiden. Sehen Sie, das ist die Tragik meines Lebens. Aber ich werde daran nicht zugrundegehen.«
»Plumm plumm,« machte Toftes Gitarre. Er hatte sich an den Tisch gesetzt und folgte diesem Gespräche mit großer Aufmerksamkeit. Sie redeten von ihm, als wäre er gar nicht da.
»Liebe Gwendolin,« begann Rolf Krake wieder, »wäre es nicht die Aufgabe einer Frau, dieses Genie für immer in ihre Macht zu bringen, damit es ranke und blühe nach ihren Gedanken?«
»Man könnte das meinen,« entgegnete Gwendolin. »Aber dann kennt man Henrik Tofte flach. Auf die Dauer erkennt er nur einen einzigen Herrscher an über die Riesenmaße seiner Begabung; und dieser König ist der Augenblick.«
Es war ein Uhr geworden. Tofte hatte sich schon über Gebühr von dem Gericht über sich selbst fesseln lassen. Er hatte für die Mitternacht Leute auf die Insel bestellt, die an Drähten hunderte von Papierlaternen aufhingen ... So kommandierte er die Welt. Wohin er kam, regierte er und dachte doch nicht daran. Aber sich selbst konnte er kein anderes Gesetz schreiben als das von der rasenden Unbeständigkeit des Willens. Nur so vermochte er sich zu ertragen. »Meine Freunde,« sagte er nun, »die Nacht ist lieb und heiß wie Gwendolin, und sie ist schwer vom Dufte der Rosen, des Weins und der Berge ...«
»Plumm plumm!« Und Henrik Tofte sang das Lied vom Rattenfänger. Da mußten sie alle hinterdrein und zogen hinaus in die liebe heiße Sommernacht, wo die blonde Marit einen Tisch unter vielen stillen Lampen gedeckt hatte. Und weit drüben am Ufer standen die Menschen und sahen die Ranken der blühenden Lichter in der weichatmenden Nacht und in den weichatmenden Wassern und lauschten dem Sänger. Dann zischten von den Rändern des Fjords die goldenen Schlangen eines Feuerwerks empor -- oh, Henrik Tofte hatte heute »viel« Geld eingenommen von James und Johnny! Und Henrik Tofte stand nun auf dem Dache. Stand dort mit einem wallenden Barte und in einem langen wehenden Mantel, wie ein Geist, der aus dem Berge gestiegen, und sang zu geschlagenen Saiten. Es war immer so: seiner Kraft schienen keine Grenzen gezogen -- je mehr er von ihr forderte, desto mehr gab sie. Er hatte nie so übermächtig gesungen wie an den Säumen dieser Mitternacht. Es war ein Lied der Liebe. Er huldigte damit Gwendolin. Und so klang es aus:
Hell hauchte der Glanz des Nebelfalls In silbernes Herbstgespinn. Die weiße Hand strich der Stute den Hals Und sagt' ihr doch nicht, wohin. Am Waldbach perlte der Erlenbaum, In den Runsen rauschte das Wehr; Sie ritt vorüber, sie ritt im Traum, Und das Glück ritt nebenher. Heim ritt sie. Um die Hufe klang Der klingende Abendtau. Und wie sie aus dem Sattel sprang Da jauchzte die selige Frau.
Die bunten Lampen begannen zu verlöschen. Noch verabredete man für den Vormittag eine Lustfahrt in bekränzten Booten nach der Fjordstadt Elde, um die sich die Berge türmen und der Sommer blühte. Ein großer Zeltzirkus hatte dort Einzug gehalten. Dann geleitete man Do und Jockele wie ein Brautpaar zur Schwelle ihrer Kammer, in der sie zum ersten Male schliefen. Aber Henrik Tofte fand, das Fest wäre noch lange nicht zu Ende. Er ruderte Rolf Krake, James und Johnny hinüber ans Land. Und als er allein in Boot und Nacht war, streifte er darin um die Insel. Das Glück Jockeles und seiner Frau machte sein Herz sehnsüchtig -- er wußte nicht wie. Er glitt ein Stück hinaus in die Flut und verwandte kein Auge von dem einzigen Fenster, das noch hell war auf dem Eilande. Es war das Gwendolins. Dann trieb er das Boot an den Rand der Klippe, kletterte empor im Gestein und rief leise Gwendolins Namen. »Komm zu mir!« bat er.
Da dachte sie: es ist nicht ungefährlich. Aber sie ging doch. Es war fast, als hätte sie auf ihn gewartet. Darum war sie ungeheuer gewappnet. Und die Nacht war spät; es hauchte schon der Tag an die Zinnen des Gletschers.
Henrik legte seinen Arm in den ihren und zog sie ganz fest an sich. So schritten sie nach der Spitze des Eilands, die am weitesten von den Häusern entfernt lag. Es stand dort eine Bank ins Strandrohr geschmiegt, und große moosige Felsblöcke lagen darum her.
»Wußtest du, daß ich dich rufen würde?« fragte er froh.
»Ich dachte es,« sagte sie; »denn ich weiß: in Nächten, wie in dieser, nehmen Sie sich nicht erst die Zeit zum Schlafen. Warum sagen Sie übrigens »du« zu mir?«
»Ich habe das beschlossen,« sagte er.
In der Nähe der Bank fing sein Schritt auf einmal an zu zögern. Aber sie hüllte sich fester in das graue Schultertuch und sagte: »Kommen Sie nur. Es muß doch einmal klar werden zwischen uns -- für die nächste Zeit.«
Da hob er sie zärtlich über das Wässerlein, das einen Schuh breit quer vor der Bank lag. Dann krochen sie zwischen die hohen Halme wie Rohrhühner.
»Es war fein heute,« begann Gwendolin. »Sie waren wieder einmal einfach vollkommen; denn Sie waren nie unmäßig, wie das Ihre Art ist: unmäßig groß, unmäßig durstig, unmäßig grob und unmäßig sentimental. Deshalb bin ich jetzt auch gekommen.«
Er warf seine Arme um sie, daß sie hörte, wie ihr die Gelenke knackten. »Es ist dir doch nicht ernst gewesen mit dem, was du heut abend zu Rolf Krake gesagt hast?«
»Ich schwöre es Ihnen,« sagte sie. »Und wenn Sie mich jetzt küssen, dann lauf' ich nicht etwa weg -- oh nein! Aber das sag' ich Ihnen: Sie machen mich damit nur häßlich und aufgewiegelt. Ich habe gelernt, viel zu fest auf mir selber zu stehen, lieber Henrik Tofte, und mit einem Aufgebot Ihrer Kraft erobern Sie die Festung nicht.«
Gwendolin wußte genau, wie sie der Gefahr zu begegnen hatte, die sie in diesem Mann umlauerte. Ihr heißes jähes Herz hatte ihr in der anderen Zeit schon manchen Streich gespielt.
»Erkennst du denn nicht, daß du der einzige Mensch bist, der mich in Ketten legt?« fragte er.
»Sieben Tage, mein Freund!« lachte sie. »Oder siebenmal sieben Tage. Aber es müßten siebenmal sieben Jahre sein.«
»Das ist lange,« seufzte er.
»Billiger bin ich nicht zu haben,« sagte sie.
»Und wenn ich dir einen Vertrag unterschreibe mit meinem Blut auf siebenmal sieben Jahre?«
»Wie dem Herrn der Hölle, dem Sie verfallen sind,« lachte sie.
»Nun?«
»Dann glaub' ich Ihnen doch nicht, Henrik Tofte; denn ich glaube nur an mich und an meine Liebe. Und diese Liebe hat zu Ihnen nicht die Kraft des Vertrauens für einen Vertrag auf Lebenszeit.«
»Und das ist dein letztes Wort, du liebste Gwendolin?«
»Nein,« sagte sie. »So +dienen+ Sie um Rahel! Meinetwegen sieben Jahre. Es kann auch kürzer sein. Es braucht nur bis zu dem Tage zu sein, an dem wir beide wissen: wir können zu einer Zweieinigkeit gelangen wie Jockele und Do. Ich habe viel Leidenschaft und Liebe erfahren in meinem Leben, Henrik Tofte -- aber ich danke mir auf den Knien, daß ich daran nicht zur Närrin geworden bin wie Tausende. Oh, wir Mädchen tragen unser Herz in den Händen, und wenn ein Mann Blumen darüber wirft, bilden wir uns gleich ein, sie blühen ewig. Sehen Sie Do und Jockele an, mein Freund! Die haben sich errungen durch Jahre. Diese herrliche Do hat ihren Mann dem Leben abgekämpft in einem verschwiegenen Kampfe. Und er ahnte es nicht; sie selbst nicht -- niemand ahnte es. So selbstlos war der Kampf; und doch war er nicht minder schwer. Darum: reden Sie von diesen beiden nicht als von Hätschelkindern des Schicksals! Es gibt unter den Menschen keine, die sich ihr Glück köstlicher erzwungen haben als sie.« Jawohl, das Wort vom Schicksal hatte sich ihm schon auf die Lippen gedrängt. Da scheuchte es Gwendolin fort. »Gute Nacht, Henrik Tofte! Vielleicht gelangen auch wir über den Sonnensteg in das schöne ferne Land. Gute Nacht!«
Die Gletscherspitzen leuchteten nun in einem wundervollen Rot. Und auch die Worte Gwendolins waren voll von Verheißung gewesen für einen neuen Tag. Sie waren gewesen wie nie zuvor. Dennoch sah Henrik Tofte aus, als schrumpften seine mächtigen Glieder vor der Helligkeit ihrer Rede zusammen.
So hockte er im Schilfrohr und war ohne Hoffnung. Gwendolin hatte just das Werk für den neuen Herkules ausgesucht, das er unmöglich bewältigen konnte. Sie hatte seinen Gott, das Schicksal, gelästert und vom Sockel geworfen; sie hatte allen fröhlichen Glauben in ihm vernichtet; sie hatte seinen herrlichen Freibrief fürs Leben in tausend Stücke gerissen und in das Röhricht verstreut. »So +dienen+ Sie um Rahel!«
Es brach ein Lachen gewaltigen Schmerzes aus seiner Brust. Dann hob er den gestürzten Gott wieder an seine Stelle. -- O diese Narren! Warum mochten sie nicht an das einige Schicksal glauben, das die Welt regiert? War es denn nicht Schicksal, daß die drei Menschen, die Henrik Tofte am meisten liebte von allen, ihm den Weg zum Glück verwehrten? Gleich am ersten Mittag, an dem sie den Fjord entlang gerudert waren, waren seine Augen finster geworden über dem Blick in die Sonne Dos und Jockeles. »Nun,« tröstete er sich damals, »sie sind Hochzeiter!« Aber seither war alles Flittergold von ihrer Ehe abgefallen, und ein schönes klares Leuchten war geblieben, das sah aus, als wär' es für Zeit und Ewigkeit. Vor diese beiden Menschen führte ihn Gwendolin und sagte: »Sieh hin -- getraust du dir das auch? Was wäre es, wenn wir einen Bund schlössen, und er könnte nicht sein wie dieser? Was wäre es, wenn wir zueinanderliefen in einem kindsköpfigen Rausche, wie zwei aus der Herde? Und flickten an unserer Gemeinsamkeit herum, stächen die Löcher mühselig zusammen und schafften damit doch nichts weiter, als daß das Ding ganz morsch würde? Und zuletzt ließen wir's gehen und kümmerten uns nicht mehr um die getrennten Nähte, weil sie ja doch nicht halten! Henrik Tofte, was wäre das?«
Jawohl, es war eine ungeheuer freventliche Weltanschauung, die die Gwendolin da zum besten gegeben hatte! Bildete sie sich denn nicht ein, sie wäre der liebe Gott selber und könnte sich mit ihrer eigenen Kunstfertigkeit das Leben zimmern?