Part 2
Er ging ein wenig vornübergebeugt und sah aus, als wollte er dem Geheimnis Gott auf den Grund kommen; und so, als wüßte er, daß es nur noch eins gebe, das unergründlicher sei: nämlich er selbst. Aber das wußte er nicht. Er hatte ein schmales, bartloses, scharfmodelliertes Gesicht mit einer auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach rückwärts gestrichen. Es schien zu wehen, so oft er in innere Erregung geriet. Ein anderes Zeichen dafür gab es an diesem besinnlichen, etwas übermächtigen Kopfe nicht. Denn die Augen lagen ihm unter der kraftvollen Stirn -- grau und groß, und wer diese Augen zum erstenmal sah, der dachte, es gebe auf der Welt keine, die ruhevoller wären. Weit offen -- und dennoch Rätsel, die kein Mensch je gelöst hat ... wenn man nicht sagen will, daß dies dem Schwurgerichte gelungen sei, vor das Rolf Krake hernach gestellt wurde. Augen, wie diese, hatte niemand. Nicht einmal Nane Thord. Denn die von Nane Thord waren zwar auch grau, groß und ruhevoll, aber sie leuchteten jeden Tag über einen Wunderglauben. Deshalb konnte Nane Thord zuzeiten in die Welt schauen wie ein Kind, welches den lieben Gott sucht und meint, er stehe hinter der nächsten Ecke und spiele mit ihm Verstecken. -- Seine Lippen waren schmal, aber nicht verkniffen; sondern dieser Mund sah aus, als könnte er sich nur mit Rolf Krake unterhalten. Und doch hatte Rolf Krake keinen Feind auf der Welt als sich selber. Aber er war der Meinung: er selbst wäre sein bester Freund. In diesem Wahne litt er sich an den Rand des Verderbens; denn sein bester und edelster Freund war sein Bruder Woldemar. Der war aber noch niemals im Hardanger Fjord gewesen; denn Rolf Krake hatte ihm, in seiner Einbildung von der Feindschaft des Bruders, seinen Aufenthalt schon seit Jahr und Tag verschwiegen. Nur manchmal, manchmal bekam er eine so heftige Sehnsucht nach ihm, daß er Mister Johnnys Segelboot losmachte -- mitten in der Nacht -- und den ganzen Fjord lang segelte -- mitten in der Nacht -- bis hinaus gegen den Bömmelsund, wo das Meer offen wird. Das tat er, weil er auf diese Weise den großen und schnellen Dampfer erreichte, der im Morgengrauen von Norden kommt und nach Kiel fährt. Von dort aus reiste er seiner unheimlichen Sehnsucht nach, in einem fort bis Jena, wo sein Bruder Woldemar studierte. Aber wenn er ihm dann die Hände schüttelte, dachte Rolf Krake: »Es ist doch so -- dieser Mensch ist mein schlimmster Feind.« Und in der nächsten oder in der folgenden Nacht reiste er ohne Abschied wieder von ihm weg. -- Bei alledem hielt kein Mensch seine Sinne sorglicher zusammen als Rolf Krake.
Was die Leute von ihm wußten, und wie sie sich das Geheimnis Rolf Krake ausdeuteten -- das kannten Do und Jockele von Hanna. Es war vielerlei, aber es war nicht viel. Und die Deutung war flach.
Rolf Krake dichtete und malte. Rolf Krake studierte dickleibige theologische Schriften, aber mit gleichem Eifer Darwin, Büchner und Haeckel. Er hatte zwar den Anbau zu Nane Thords Fischerhütte errichten lassen, aber er wohnte in der Sägemühle am Eingange des Seitentales, hinter welcher der Skjoldefoß sechzig Fuß hoch über die Steilwand herabschießt. Es war dort so: der Wassersturz hing vor der Wand in der Luft. Wenn der Wind von Norden dagegenstieß, wehte er wie ein Schleier; denn der Felsen hatte oben eine Nase, die bei zehn Fuß hervorragte. Über diese Nase brauste die Flut hernieder. Deshalb konnte Rolf Krake zwischen der Bergwand und dem Falle stehen mit verschränkten Armen und konnte -- hinter sich den Fels und vor sich die brüllende Allmacht des Sturzes -- fürchterlich einsam sein.
Er sagte, er wohne in der Sägemühle, weil er dort an seiner Drehbank drechseln könne, ohne daß er mit seiner Liebhaberei jemandem auf die Nerven falle. Aber es geschah auch deshalb, weil die Sägen, Räder und aufgeregten Wasser lauter redeten als die vielen Stimmen, die in ihm waren.
Nach alledem könnte man denken, Rolf Krake wäre feindselig gegen seine Mitmenschen gewesen. Aber auch das traf nicht zu; ja es läßt sich sagen, daß er von allen Sturmschwalben der Wohltemperierteste und in seiner Art Liebenswürdigste war. Und der Rücksichtsvollste. Das ließ sich schon daran erkennen: er hatte an diesem Vormittage den Gesellschaftsrock angelegt. Es hatte sich in den Strandhäusern wohl herumgesprochen, daß die schöne lichte Frau Do nach der Insel gesegelt sei.
Do hatte mancherlei Aufträge von Hanna für ihn. Sie spazierte also im Saale mit ihm hin und her. Henrik Tofte trank indessen sehr viel Sekt. Darüber wurde er aber nicht lauter als sonst, und seine Augen verloren nichts von ihrer stahlblauen Klarheit. Wenn er früh zu trinken begann, trank er in der Regel bis in die Nacht, ohne daß seine Hünenkraft erkennbar erschüttert wurde.
Dieser Vollnatur gab sich Jockele in heller Aufgetanheit hin. Es gab an ihr nichts zu raten. Do aber wurde von Rolf Krakes rätselhaften Dämmerungen aufs tiefste gefesselt. Sie dachte: weder Hanna noch irgendeiner aus diesem Tal ahnt sich heran an seine Seele -- und Rolf Krake stand in der Fülle des Lichts, das von ihr ausging, und vergaß darüber die Welt und sich selber.
Nach einer Weile kamen Mister Johnny und Mister James. Beide in großkarierten hellen Anzügen und in gelben Kalblederschuhen mit dicken Sohlen. Beide in Sportmützen, beide gleich hochaufgeschossen und beide gleich blond und tadellos in der Aufmachung. An dem Malzeug, das sie bei der Tür ablegten, war zu sehen, daß sie Künstler waren oder werden wollten. Zu dieser Zeit waren sie englische Staatsstipendiaten, die von Henrik Tofte jedes Bild von der Staffelei weg erstanden, vorausgesetzt, daß er es nicht mit seinem Namen zeichnete. Mit dem reichlichen Gelde, das sie ihm dafür bezahlten, erwarben sie das Recht, die Bilder als ihre eigenen auszugeben und als Belege ihres Fleißes und Könnens nach England zu senden.
Dieser Brauch hatte sich aus ihrer Bequemlichkeit einerseits, aus dem andauernden Geldbedarfe Henrik Toftes andererseits entwickelt. Beide Teile fanden ihn angenehm. Aber es war eines der Wasser, die zwischen Gwendolin und Tofte rannen, und über die Gwendolin nicht zu ihm kommen konnte.
Ihre Shagpfeifen legten sie an diesem Tag auf dem kleinen Tische neben dem Eingang ab.
»Es ist ein lächerlich schöner Morgen gewesen,« sagte James King, »ein Morgen mit einer lächerlichen Fülle von Farben.«
Do und Rolf hatten sich wieder zu dem runden Tische gesetzt; und der Doktor hatte Mühe, sich nicht ausgelassen zu wundern, weil Mister James den Tag und seine Farbenfülle lächerlich fand.
»Sie malen also eine Nebelstimmung?« fragte er.
»Im Gegenteil,« behauptete James, »dieser lächerliche Reichtum von Licht ist mir erwünscht.«
»Lächerlich ist das einzige schmückende Beiwort, dessen sich Mister James bedient,« erklärte Henrik Tofte.
»Ah soo!«
»Treten Sie mit ihm in den Metzgerladen, so fragt er: Was kostet diese lächerliche Wurst? Machen Sie mit ihm eine Hochtour, so redet er von lächerlichen Gletschern und Schründen und von einer lächerlichen Herrlichkeit in dem Augenblick, in dem er überwältigt vor der Welt steht. Er hat die Bedeutung dieses Wortes zu eigenem Gebrauch umgeprägt, und es ist für ihn zu einem Universalausdruck seines uneingeschränkten Wohlgefallens geworden. -- Dies ist die einzige nennenswerte Eigentümlichkeit an dem großen Künstler James King.«
Henrik Tofte allein durfte sich eine solche Erklärung erlauben. Er trieb es mit den Menschen, wie er wollte; und man ertrug seine Allmacht. Nur in Gwendolin war eine Kraft über ihn gekommen, vor der diese Allmacht versagte.
Mister Johnny dagegen fürchtete den starken Henrik noch aus einem anderen selbstsüchtigen Grunde: der Liebe zu Gwendolin. Nun ja, die Bilder des Norwegers waren wohl zu allen Zeiten mit Geld zu erkaufen. Und selbst, wenn Tofte der Wandertrieb überkäme, oder wenn er -- was noch schlimmer war -- sich eines Tages von Gwendolin bereden ließe, seine Lieferungen einzustellen: in einem nahen Augenblick würde er doch an seinen leeren Geldbeutel fassen. Und dann konnte für Tofte und seine beiden »Schüler« die Sache wieder von vorn anfangen. Aber die lächerlich hübsche, die lächerlich gescheite und die lächerlich mächtige Gwendolin hatte das Schicksal von James und Johnny in der Hand, wenn es ihr einfiel, den genialen Henrik eines Tages zu heiraten!
Am einfachsten wäre es gewesen, Gwendolin hätte ihre Bilder mit der gleichen stillschweigenden Abmachung dem James und dem Johnny überlassen. Aber die hatte vortreffliche Beziehungen in Deutschland, sie behielt keine fertige Tafel lange im Hause; und zweitens brauchte sie lächerlich wenig Geld.
Heute morgen hatten James und Johnny droben auf dem Fjeld gelegen, angeblich malenshalber, und hatten sich gesonnt. Dabei hatten sie erwogen, daß sie das mühselige Werken mit Pinsel und Farbe aufgeben und dennoch die berühmtesten Maler Englands werden könnten -- nämlich: wenn der starke Henrik ihnen für ein paar Jahre sein Genie verkaufte. Und wenn es nur das war, was er leichtherzig »Kitsch« nannte ... Seiner Ansicht nach malte Henrik Tofte -- wenigstens in dieser Zeit und für James und Johnny -- überhaupt nur Kitsch. Er prahlte nie mit seiner Kunst. Aber Gwendolin versicherte den Sturmschwalben: was Henrik eigentlich könne, das wisse kein Mensch, und auch er selbst nicht ... Nun, die Gefahr, daß es die Menschen so bald erführen, war nicht groß; denn was er aus seinem genialen Pinsel strich, das trug einstweilen die Namen John Williams oder James King. Haha! Die beiden hatten in London eine Ausstellung gehabt von »ihren« Bildern, waren daran zu großem Ruhme gelangt und waren mit einem Schlage die gesuchtesten Maler ihres Landes geworden. Davon erzählten sie natürlich im Fjord kein Sterbenswörtchen; und es schien, als ob der geniale Henrik nicht einmal die richtige Verachtung für sie aufbrächte.
Es war ein fabelhafter Bluff. Aber er war lächerlich ungefährlich, solange James und Johnny das Meer zwischen sich und die gläubige Heimat legten und -- solange diese Gwendolin Vogelgesang den schönen Pott nicht in Scherben schlug. -- Da mußte etwas geschehen.
Jockele und Do, Henrik Tofte und Gwendolin verließen die erlebnisreiche Tafelrunde schon gegen Mittag; denn Sinsheimers wollten ein Boot kaufen. Die Lockungen des Fjords waren mit unwiderstehlicher Macht über sie gekommen. Aber sie wollten auch nicht immer abhängig bleiben von Nane Thords Fahrzeug, so oft ihnen der Sinn nach der Insel stehen würde.
Gwendolin mußte mit. Das entsprach dem Wunsche Henriks. Wenn er sie nicht in seiner Nähe wußte, geriet er aus seiner »lächerlichen Wurstigkeit« -- wie James King den Normalzustand Henriks in tiefer Bewunderung nannte. Aber wenn er gar einmal nicht wußte, wo sie war, wurde er unfähig zum Schaffen. Dann war ihm sein guter Stern vom Himmel gefallen ... Die Leute wußten das von einem Ende des Fjords bis zum anderen. Sie wußten: dieser Mann, auf den sich die Augen aller richteten, weil er daherschritt wie ein Sieger, konnte Felsen zerdrücken in seinen Händen, und er konnte vor Gwendolin beten. Aber sie hörte ihn nicht. Es war das lauterste Verhältnis, das je zwischen zwei Menschen bestand, und doch wurde zu Land und zu Wasser kaum eines ohne das andere gesehen. Keines betrat die Stube des anderen, die ihnen Nane Thord von ihrem einsamen Fischerhäuschen vermietet hatte. James und Johnny konnten dieses Platzmangel wegen nicht auf dem Eilande wohnen. Die beiden hausten drüben am Festland unter dem Dache der alten Bolette Steensgard, die auch eine Fischerswitwe war. Sinsheimers behalfen sich einstweilen im Gehöft Krokengaard mit zwei kleinen Stuben, die nach dem Fjord hinauslagen. Und Rolf Krake sinnierte in der Sägemühle. --
Der Wind, der am Morgen die Flut gekräuselt hatte, lag irgendwo schlafen an sonnigem Hange. Deshalb mußten die Männer die Ruder gebrauchen. Es war eine feine Fahrt; denn der Schiffbauer wohnte zwei Stunden fjordabwärts. Darüber ließ sich Jockele von Henrik Tofte vollends in der Behandlung solch eines Fahrzeugs einweihen. Do und Gwendolin aber saßen in der Mitte gegen die rotgepolsterte Rückenlehne -- Do ganz in Weiß, Gwendolin in Gelb -- und brachten den Menschen, die sie vom Ufer aus sahen, den jauchzenden Glauben bei, daß nun der Frühling in vollem Gange wäre.
»Jockele,« sagte Gwendolin, »es ist furchtbar nett und delikat von euch, daß ihr vor der Mitwelt nicht ewig das Schauspiel der jungen Hochzeiter aufführt.«
»Der Mensch kann schließlich nicht alles auf einmal tun,« sagte Jockele. »Jetzt bin ich dabei, mir Quasen an die Hände zu rudern -- siehste nich?«
Und: »Was meinst du, Jo -- ist es nicht so herrlich und tatenreich hier, daß wir bis in den Herbst bleiben müssen?« fragte Frau Doris.
»Ich habe allbereits den gleichen Wunsch,« sagte Jo. »Es ist gut, daß ich meine Mikroskope eingepackt habe. Ich werde also versuchen, mein Werk über ›die Flechten‹ dem Abschluß nahezubringen. Später -- etwa im Riesengebirge -- will ich es vollenden. Und zweitens werde ich eine ›spezielle Naturgeschichte der europäischen Froschlurche‹ in Angriff nehmen. Es ist da eine Lücke in der Literatur.«
»Die Sache mit den Fröschen ist etwas Neues,« warf Do überrascht ein.
»Ja. Der Gedanke dazu ist mir in diesem Boote gewachsen.«
»Indes werde ich mich mit der speziellen Naturgeschichte der ›Sturmschwalben‹ beschäftigen,« sagte Do mit bedeutendem Lächeln.
»Hm,« scherzte Jockele, »hm -- ich werde also darüber nachdenken, ob sich eine so junge Frau dem praktischen Studium dieses Objektes ohne Gefahr aussetzen darf.«
»Nun,« rief Gwendolin in fröhlichem Verstehen, »man könnte ja im Notfalle dies gefährliche Studium durch eine jähe Abreise unterbrechen.«
Henrik Tofte wurde ganz still vor dem Glück, das mit ihm im Boote saß. Er dachte, es ahnte niemand, welch ungeheure Erlebnisse diese liebliche Fahrt in ihn warf.
Aber Gwendolin wußte es doch; denn Henrik Tofte war für sie nie beredter als in seinem Schweigen. Sie sah heimlich zu ihm hinüber und erkannte: das Glück dieser klaren und aufrechten Menschen nahm sein liebes und unstetes Herz in beide Hände und hielt es tief hinein in die Sonne. Und Henrik träumte das Märchen: es würde nie mehr ein Sturm durch dies Herz laufen. Ach, es war ein wunderschöner Traum!
»Weißt du, Jo,« begann Do nach einer Weile, »es wäre wohl gut, wir ließen uns zu unserem Vorhaben ein gemeinsames Laboratorium von drei kleinen Zimmern auf der Insel errichten.« Darüber zog der Doktor die Ruder ein, und Henrik Tofte trieb das Boot mit leisen Schlägen voran. »Nun, einesteils zum Arbeiten, andernteils zu unserer Bequemlichkeit; drittens als ein heimeliges Nest für ›Sturmschwalben‹, die nach uns auf der Osterinsel hausen möchten und unser dabei freundlich gedenken können; und viertens: wir verbessern damit der eifrigen Nane Thord ihre wirtschaftliche Lage. Was meinen Sie zu diesem Plane, lieber Doktor Jockele?« fragte Do.
Dem langen Henrik schauerte das Glück immer tiefer in sein grundgütiges Herz. Er ließ die Ruder aus den Händen gleiten und vergaß zu atmen -- wie Lottchen, als es den ersten Christbaum sah.
Er dachte nicht daran, daß man ihn auf solchen weichen Regungen des Gemüts ertappen könnte. Es focht ihn überhaupt nicht an, was man ihm bei seinem eichbaummäßigen Wuchs als Schwäche aufrechnete. Pah -- in diesem Hünenkörper flossen so viel Sanftmut und Gewaltart, so viel Allmacht und Unmacht, so viel Genie und Hilflosigkeit ineinander -- der Teufel mochte dies Wirrsal ausfitzen! Haha, der Teufel! Als ob der ein Interesse daran gehabt hätte, dies wunderliche Stück Dasein, das man Henrik Tofte nannte, anders zu machen! Just so, wie er war, war er ihm herrlich verfallen. »Auf meinen Feingehalt kannst nur du mich läutern, Gwendolin Vogelgesang!« hatte er an einem Winterabend zu ihr gesagt, als sie miteinander bei der Feuerstelle gesessen und dem Schneesturme gelauscht hatten.
Nun, die Gwendolin hatte schon vor vier Jahren felsensicher auf sich selber gestanden -- damals, als Jung-Jockele an ihr in den purpurroten Untergang geriet und am anderen Tage der Do gelobte: »Diese Gwendolin werde ich heiraten; sie ist ein süßes und heißes Mädel ...«
Aber im Falle Henrik Tofte fehlte ihr das Vertrauen zu ihrer Kraft.
Jockele, der sich die Quasen unter der ungewohnten Tätigkeit nun errungen hatte, stieg nach vorn und setzte sich den Damen gegenüber. Sie besprachen den Plan. Do hatte die Sache ausgezeichnet bedacht. Der kleine Neubau sollte an die Westseite der Fischerhütte kommen, dem Krakesaal entgegengesetzt. Auf ein paar Stiegen sollte man von außen hineingehen, aber man sollte durch Nane Thords Flur auch zum Saale gelangen können. Und es sollte alles stilecht aus Blockholz errichtet werden, und mit einem Rasendache.
Henrik Tofte ruderte sich darüber im Grunde genommen in tiefe Zwiespältigkeit. Aber er dachte, dieser Tag wäre die Glückseligkeit selber und wäre für ihn die Schwelle zu einem neuen Leben. Ja, solch ein Mensch war er nun.
Es fehlte auf der Leiter der Affekte, die die guten und schlimmen Mächte in ihn hineingestellt hatten, das Satansgeschenk des Neides. Dafür war bei den Übermaßen seiner sonstigen Gaben offenbar kein Platz mehr gewesen. Und nicht vergeblich hatte für ihn das Doppelgestirn Do und Jo lange Winternächte hindurch im Haus auf der Insel geschienen -- das hatte die berechnende Sorge Gwendolins getan. Nun fand er in diesen beiden alles, was ihm zu wünschen blieb.
Er fing das Wünschen auf dieser Bootfahrt überhaupt zum erstenmal an. Denn was er bis zur Stunde an anderen Menschen wahrgenommen, das besaß er selber in Hülle und Fülle. Sogar Geld, so viel er wollte. Früher hatte er sich auch darum den Teufel gekümmert. Aber seit ihm das Schicksal James und Johnny gesandt -- eine Berliner Sturmschwalbe hatte sie in scharfem Spotte »die beiden Jötter« genannt -- seitdem hatte er auch davon mehr, als nötig war. Er brauchte nur den Pinsel in sein Genie zu tunken und -- er vermöchte in einem Jahre die gesamte Kulturwelt mit Begeisterung für ihn zu übermalen, behauptete Gwendolin. Und die mußte das wissen. Sie war ihm eine strenge Richterin. Aber er fühlte dazu -- als ein richtiges Genie -- nicht das Bedürfnis. Na, und wenn schon! Was hätte denn das alles zu sagen gehabt gegen die Taten des einzigen Menschen Jockele? Was denn? Dieser Jockele hatte sich geboren werden lassen in eine Sommernacht mitten im thüringischen Bergwald. Dann hatte er sich von der Zigeunerin, die seine Mutter war, auf die Schwelle der gütigsten, sehnsüchtigsten und weisesten Tante Veronika legen lassen. Diese Tante setzte sich von Stund' an mit all ihrer Weisheit und ihrem Gelde für ihn ein. Und so früh es nur anging, nahm ihn das Schicksal auf wie einen goldenen Ball und warf ihn schönen oder klugen Mädchen zu, die ihn mit geschickten Händen fingen. Als die letzte hatte sich dies Schicksal Doris Rinkhaus aufgehoben. Die war ausgemachtermaßen so etwas wie die Krone unter den Frauen. Ja. War es denn anders möglich, als daß bei solch einem Lebenswandel der Zigeunerbub in ein paar Jahren sogar ein Doktor hieß? Und daß er nun -- acht Tage nach seiner Hochzeit mit der gescheitesten Frau der Welt -- im Boote den Hardanger Fjord entlangglitt und mit Do die Wohltaten erwog, die sie ihm und den Sturmschwalben angedeihen lassen wollte? Wenn diese beiden morgen nach Ägypten und in ein paar Tagen nach Hinterindien fahren wollten, so fuhren sie -- das Schicksal würde nicht das mindeste dagegen einwenden.
Jawohl, Rührung und Freude weinte das lange Genie über diesen Erwägungen an die Ränder seiner Augen. So sah es nun in Henrik Tofte aus! In jeden Gedanken drängte sich der Begriff des Schicksals. Schicksal war das einzige Ding, vor dem der Riese auf der Osterinsel Respekt hatte -- das heißt: wenn man Gwendolin Vogelgesang abrechnete. Schicksal -- damit ließ sich doch noch etwas anfangen! Aber bloß mit Genie? Pah! -- Henrik Tofte war ein Fatalist.
Das Leben der Sturmschwalben, die in jenem Frühling auf der Insel im Hardanger Fjord zusammengeflogen waren, war äußerlich wohl sehr arm an Ereignissen. Es war von der Art, welche Menschen aus dem Durchschnitt »gräßlich langweilig« finden. Wie es denn die einzige Eigentümlichkeit solcher Durchschnittsleute ist, jede Stunde fad und abgegriffen zu machen, in die sie treten. Von dieser Gattung kamen auch etliche. Sie flogen herzu, weil sie sich draußen in den Ländern hatten davon erzählen lassen. Genau so, wie Do und Jo durch Hanna von Fellner von der gastlichen Stätte erfahren hatten und neugierig geworden waren. Und da diese Wandervögel nicht fanden, was sie erwarteten, zogen sie rasch wieder fort. Für die anderen aber war jeder Tag eine schöne schimmernde Schale, voll bis zum Rande.
Der Anbau, in dem Sinsheimers nisten wollten, wurde gleich in Angriff genommen. Er bekam, wegen der gefälligen Silhouette, auch noch ein Zimmer als Oberstock, das sich turmartig über denen zu ebener Erde erhob. Der Mai stand in goldener Fülle über der Welt. Die Stämme, die schon behauen bereitlagen, mußten nur auf die gegebenen Maße zugeschnitten werden. So war der Bau ein Werk von Tagen.
Do und Jockele, Henrik Tofte und Gwendolin und Krake waren um diese Zeit zu einer Mal- und Studienfahrt auf die Berge gezogen. Sie hatten sich für zwei Wochen ausgerüstet und wollten nordwärts bis zu dem großartig düsteren Songefjord. Nur James und Johnny waren daheimgeblieben, saßen im Krakesaal, blätterten in Zeitschriften und rauchten aus ihren Shagpfeifen. Draußen lag eine sehr finstere Neumondnacht.
»Meinst du, daß Gwendolin und Tofte heute zurückkommen?« fragte James.
Johnny zog die Uhr. »Es ist noch eine Stunde bis Mitternacht,« sagte er. »Ich glaube, wir fahren hinüber. Warum wartest du?«
»Weil Nane Thord noch nicht schlafengegangen ist und wohl auch wartet. Ich habe sie vor zwei Minuten hinausgehen hören.«
Da schritten sie durch die neue Tür in den Anbau, der schon überdacht war. Aber die Fenster waren noch nicht eingehängt. Sie sahen da und dort noch einen goldenen Stab Licht in dem schwarzen Wasser stehen wie Laternenträger. Die Flut flüsterte im Gestein.
»Nein, es ist ein Mensch,« sagte Johnny und lehnte sich auf den Fensterstock und hielt den Atem an.
Der Laden vor Nane Thords Stübchen war geschlossen. Es war aber ein Herz in jeden Flügel gesägt, so daß zwei Bündel Licht von Nanes Lampe in die Finsternis fielen. Die lagen nun draußen auf der Klippe wie zwei Augen. Und dazwischen stand eine Stranddistel oder eine kleine Birke oder sonst ein Gewächs, das von dem Schein ein wenig abbekam, ebenso wie der Zackenrand des Ufergesteins. Man konnte sich zwischen Traum und Wachen wohl ein wunderliches Bild von dieser Erscheinung machen.
James und Johnny rührten sich nicht. Aber so sehr sich ihre Augen nun an die Dunkelheit gewöhnt hatten, so konnten sie doch nichts weiter entdecken als das reglose Scheinen, das gespenstisch gewesen wäre, wenn sie nicht beide gewußt hätten, woher es kam.
Nane Thord sahen sie nicht. Weil sie aber gehört hatten, daß sie hinausgegangen war, erkannten sie ihre Stimme. Sie sagte: »Du kannst sehr ruhig schlafen, Lars Thord. Warum willst du nun in der Nacht hier sitzen und angeln? Mir scheint, du nimmst dir diese Arbeit nur zu einem Vorwande; denn das wissen wir wohl auch, daß sie dort keine Fische essen, wo du nun bist. Es war schon bei deiner Erdenzeit so: immer, wenn du Blockholz schichten oder eine Axt schlagen hörtest, mußtest du hin und sehen, was sie da treiben. Du darfst aber ruhig schlafen, Lars Thord. Es geschieht deinem kleinen Hause nichts. Oder willst du mir sagen, daß wir seltsamen Besuch erhalten? Du bist nun schon zum drittenmale da -- zuletzt war es, ehe Rolf Krake kam. Das ist, weil du dir einbildest, man könnte nicht ohne dich fertig werden, Lars Thord. Du mußt das aber nicht meinen. Es ist nun schon die vierte Nacht, daß ich den Schlaf nicht finden kann, weil ich dich um das Haus streichen höre ...«