Jockele und seine Frau

Part 17

Chapter 173,776 wordsPublic domain

An diesem Abende saßen sie im Wintergarten des Märchenhauses -- Do und Jo, Schaffrath und Gwendolin, Kordula und Cornelius -- saßen um den plätschernden Springbrunnen und lasen bis weit über die Mitternacht. Am anderen Tage riefen sie Tante Veronika und Herrn Salzer. Aber der Hügelmann kam allein, denn um die Tore des Waldes fuhr ein harter Wind und säete Novemberschnee.

Herr Salzer, der einige Verbindungen mit großen Zeitungen besaß, berichtete des Rätsels Lösung augenblicklich in die Welt. So jäh fiel die Nachricht auch in ihn, daß er gleich am Pulte Jockeles ins Schreiben geriet; »denn«, sagte er, »ich habe daheim mein Tintenfaß noch in der Sommerfrische.« Und nun erfuhr man draußen, daß Henrik Tofte nie mehr ein Bild malen würde. Damit leistete er dem blinden Mann im Fjord einen großen Dienst, denn das Wenige, was noch von ihm im Glaspalast hing, wuchs im Preise, wuchs, wuchs. Als es Henrik Tofte erfuhr, fragte er allen Ernstes: ob er sich denn nicht schämen müßte, dies sündhafte Geld anzunehmen für Dinge, die schon weit dahinten lägen in dem vergangenen Leben! Er hatte seintag keine Wage gehabt für das Gewicht des Goldes. Und nun, da andere für ihn rechneten, und da er nicht einmal mehr in seine Tasche langte, um ein Tüblein Farbe oder einen Apfel zu erstehen, nun war ihm auch der +Gedanke+ an das Geld abhanden gekommen. Ja, solch ein König war er geworden!

Im Ausgange jenes Winters beendete Jakobus seinen Roman.

Aber wie er während der langen Zeit kaum einmal vor den Freunden von den Gedanken gesprochen hatte, die ihn bewegten, so blieb es auch jetzt. Märchen und Kinderverse für Heidi hatte er viele gedichtet, und die kannten sie alle; denn er hatte auch Zeichnungen oder gar bunte Bilder dazu gemacht, und das Kind hatte das meiste in seinem Gedächtnisse behalten. Es erzählte Mama die schönen Geschichten, wenn sie mit ihr im Garten saß. Oder es dichtete den Wintergarten in der rauhen Jahreszeit schon selbst zu einem tiefen Wald und die Blumenbänke zu dem Hexenhause der Buschgroßmutter.

So hatte Jakobus in den erblühenden Geist eine Fülle köstlichen Samens gelegt, und es war zu sehen, wie herrlich dieser in dem Segen wuchs, der ihn umschien. --

Ob Do, die Vertraute seines Herzens und seiner Pläne, von dem großen Dichtwerke ihres Mannes mehr wußte als die Freunde, ließ sich von diesen nicht erraten. Jedenfalls drang sie nie in ihn. Sie dachte, es wäre wohl die rätselvolle Seele des Rolf Krake, die ihn beschäftigte, oder das traurig-glückselige Los des blinden Königs Henrik Tofte, das ihn zu dichterischer Gestaltung verlockt hätte. Sicher wußte sie nur, daß auch sein eigenes Leben für ihn nun ein rechter Dichtertraum geworden war; denn er sprach mit ihr in jener Zeit mehr davon als je. Vor allem die Waldjahre von Ibenheim hatten sich für ihn schon mit dem Funkelglanze der Phantasie umwoben. Oft schien es, als wisse er kaum noch, was an ihnen gesehen oder Gesicht war; und seine Erzählungen glichen der Wirklichkeit wie ein brennender Weihnachtsbaum einem Tännlein im Walde.

Wenn er dann an den musikalischen Donnerstagen nach der Abendmahlzeit berichtete, so erkannten sie alle, wie heimisch sein Herz in den Gärten der Dichtung geworden war, und in wie tiefer Glückseligkeit es darin blühte.

Aber das Geschriebene den Freunden vorzulesen, dazu brachten sie ihn nicht. Fast sah es aus, als hätte er eine Scheu, sich ihnen auf den neuen Bahnen zu offenbaren -- entweder weil die wissenschaftlichen Werke noch hüben und drüben wuchsen, oder weil er sich selbst noch für zu jung hielt, als Dichter etwas leidlich Vollendetes zu schaffen; oder auch, weil er den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, die sich im Leben der Freunde vom Hardanger Fjord vor seinen Augen erfüllten.

So verschloß er dies Werk in sich, ganz gegen seine Art. Und als Salzer eines Abends im Märchenhause zu Gast war und mit Gwendolin ihn um sein Geheimnis bestürmte, entwischte er doch und sagte: »Es muß erst auf der schönen Frühlingsfahrt ins Riesengebirge vor mir selber die Probe bestehen.«

Ja, die Wagenfahrt über die hundert Meilen! Das war der Traum, der von ihm durch Jahre geträumt war und der lieblicher wurde, je länger er sich dahinspann.

Es waren dazu aber auch sehr umfassende Vorbereitungen nötig -- nicht an jenen Dingen, die sie mitnehmen wollten in ihren Koffern. Die waren an einem Tage geordnet. Sondern es war Klein Heidi, ohne die der strahlende Vater durchaus nicht reisen wollte. Es war lustig anzusehen, mit welchem Eifer er das kleine goldhaarige Menschenkind für die lange Waldfahrt an Herz und Verstand ausrüstete.

Professor Salzer, der Herr nach der Mode, neckte ihn mit dieser Reise weidlich; denn er begriff nicht, warum ein Mensch von so leuchtenden Gaben mit dem Aufgebot aller Kraft in die Gebräuche des Mittelalters zurücksegeln wollte. Herr Salzer konnte in solchen Augenblicken wissenschaftliche Vorträge halten! Er hatte das mehrfach bewiesen -- auch damals, als Gwendolin in der Bedrängnis ihres Herzens auf dem Bette lag und weinte und der Herr Richard Schaffrath den Werbebrief in der Brusttasche trug. Das hatte Herrn Salzer Gelegenheit gegeben zu einer Erörterung über den Begriff Tragikomödie und über einen lustigen Einfall des Plautus ...

Vor der Hochwaldfahrt in der Kutsche schnitt ihm Jockele den Faden seiner Rede aber kurzerhand ab. Er behauptete: der Herr Salzer wäre gar nicht der einzige, der eine solche Reise für hervorragend hirnverbrannt und altmodisch hielte. Aber sie wären alle auf falschen Wegen; denn die Jockelereise wäre das neueste und wäre so neumodisch, daß sie für diese Zeit überhaupt noch um reichlich fünf Jahrzehnte verfrüht wäre! Erstens müßte das Automobil für Vergnügungsreisen überwunden werden. Nun, das würde in einer kleinen Frist Tatsache geworden sein. Es könnte doch kein vernünftiger Mensch meinen, daß eine Fixfahrt zwischen Staub, Stank und Sturm zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehöre.

Hm. Herr Salzer konnte dagegen nicht viel vorbringen. Er hatte sich dies Vergnügen einige Male geleistet. Aber als er mit einer mächtigen Panne sieben Stunden im Regen auf dem Thüringer Walde gelegen hatte, fern von jeder menschlichen Siedlung, hatte das Automobil als Lustfahrzeug wesentlich für ihn eingebüßt. Nach dem Automobil käme die Flugmaschine. Auch darin würde man spazierenfahren -- natürlich. Aber so um 1940 herum -- ermaß Jakobus -- würde das friedliche Zweigespann mit behaglichem Polstersitz zu den Gepflogenheiten aller jener Menschen gehören, die es verstünden, in weisem Behagen wohlhabend zu sein. Zu solch einer neumodischen Sache gehörten freilich vier Dinge, sagte Jakobus: Zeit, Gemüt, Weisheit und Geld. Da diese vier Brüder aber nicht leicht in einem Wagen zusammenzubringen wären, bespöttelten die Menschen mit Zeit und Geld das »vorsintflutliche Vehikel«. Jockele aber hielt es mit dieser »Dichterkutsche« und sagte, schon der Gedanke an solch eine Reise beselige ihn wie die Maiensonne die Felder. Wenn er dichte, brauche er sich nur vorzustellen, er schaukele in einem weichen Wagen hinter zwei trabenden Pferden durch einen Bergwald ...

Natürlich bemerkte Herr Salzer: schade, daß er das nicht früher gewußt hätte. Das Dichten wäre danach eine sehr einfache Sache, und er hätte wohl selber --

So spottete man weidlich. Aber es war nicht unzeitgemäß; denn das Märchenhaus ward getauft in jenen Jahren, in denen das Leben, das man darin führte, vor der Welt rar war wie Erdbeeren im Winter.

Das konnte selbst der neumodische Herr Salzer nicht von der Hand weisen. Und Jockele blieb der Sieger im Kampf.

Herr Salzer kam immer ein bißchen nachdenklich aus dem Märchenhaus vor die Tore des Waldes. Diesmal aber hatte er so viel erlebt, daß er der Tante Veronika gelobte, er wolle ein besserer Mensch werden, und er hätte das unfehlbare Rezept dazu gefunden.

Ob er es ihr nicht verraten wollte, fragte Fräulein Sinsheimer.

»O,« sagte er, »man knetet Gemüt, Geld, Zeit und Weisheit gut durcheinander und bäckt sie in einer Dichterkutsche bei mäßiger Sonne.«

»Ach,« lächelte Tante Veronika, »das hab' ich schon längst gewußt; denn danach hab' ich den Jakobus für sein Dasein zurechtgemacht.«

Fast die ganze nächste Woche hindurch erzählte Herr Salzer von Heidi dem Frühlingskind. Es wäre ganz unbeschreiblich, welch ein liebes herziges Wunder solch ein kleines Mädel ist ...

Und in diesem Fall erlitt der alte Herr keine Abfuhr; denn Heidi war in der Sonne des Märchenhauses gewachsen wie ein schöner Frühlingstag im Herzen des lieben Gottes. Ihretwegen war die Wagenfahrt solange hinausgeschoben worden; Heidi sollte aufgeschlossen und mit der beseligenden Gabe vor die Welt treten, sich an allem zu wundern; denn es gibt nichts Kurzweiligeres im Leben, als sich zu wundern.

Eine Woche danach jubelten Himmel und Erde. Da ging die Sache los.

Hinter dem Wagen war eine Gepäckraufe angelegt für einen einzigen Koffer. Weiteres Gepäck war an bestimmte Haltestellen auf dem Reiseweg vorausgesandt. An diesen Stellen wurden alle verbrauchten Stücke aus dem Koffer ausgewechselt und liefen von dort ab zurück in die Heimat. So wurde die Reise selbst zu einer breiten Behaglichkeit -- man denke: die Reise selbst! Aus der Last wurde eine Lust, aus der Hatz ein fröhliches Rasten, fast ununterbrochen in stilldurchsonnten Bergforsten. Regnete es einmal, so ward der Wagen zu einem heimeligen Stübchen, an dessen Fenstern die Tropfen spielten. Hatte man Lust zu wandern, so ließ man die Pferde des Weges trotten, schlug sich hinüber auf einen freundlichen Pfad im Hochwald, und Klein Heidi konnte den Frühling in beiden Fäusten halten. Ward sie über Tag müde, so schlief sich's daheim in ihrem Bettchen nicht halb so schön wie in den sanft dahingleitenden Polstern, über die sich die blaue Seide des Himmels deckte. Und wenn der Abend dämmerte, kam man zu dem im vorhinein bestimmten Gasthause. Da standen die Zimmer blank und gerüstet, da wartete ein Mahl, und da wartete die Genugtuung über den herrlich hinabgeblühten Reisetag; denn es wickelt sich auf der ganzen Welt nichts behaglicher und mit schönerer Pünktlichkeit ab als die wohlbedachte Fahrt in solch einer Dichterkutsche.

Das ist ein Ding, von dem die fixe Zeit und das jappende Menschenherz seit anderthalbhundert Jahren die Wissenschaft verloren haben.

So kamen sie in die Waldstille des Fichtelgebirges. Sie kamen am fünften Tage zwischen Keilberg und Fichtelberg auf die Kammstraße des hohen Erzgebirges, und die Rösser traten auf der breiten Bahn in Sonne und Bergwind. Wieder fünf Tage -- da durchquerte man das Elbsandsteingebirge mit seinen zerklüfteten Felsen und setzte bei Herrnskretschen über den Strom. Man gelangte ins Zittauergebirge, ins Isergebirge, ins Riesengebirge. Sie kamen am Hohen Rad vorbei und sahen die Elbquellen. Sie standen auf der Schneekoppe und kamen durch finstere Forsten, in denen die Fichten so wohlbetagt sind, daß sie ihre Bärte auf der Erde schleppen. Sie strichen vorüber an der »Kanzel Rübezahls« bei der Schneegrubenbaude; und weiter ging es die Kammstraße lang nach dem Zackenfall. Ihre Herzen wurden Säle, und diese Säle füllten sich mit schönen lichten Bildern, vor deren jedem man ruhen konnte, wie Rolf Krake ruhte vor der Madonna in Rosen. Sie rasteten noch einmal zur Nacht in dem Städtchen Freiheit, wie es vorausbestimmt war -- es war nur eine halbe Stunde von ihrem Reiseziel Johannisbad entfernt. Aber sie rasteten und gelangten ins Johannisbad so sauber, so froh, so erdselig, als wenn sie sich daheim im Märchengarten nach süßestem Schlummer an den funkelnden Frühstückstisch setzten. Und Johannisbad war in den Bergwald gefallen wie das Bild eines Sterns in einen dunkelgrünen See.

Ja, so war diese Fahrt in der Dichterkutsche.

Sie dauerte fast den lieben fröhlichen Mai hindurch. Aber es war der köstlichste Frühling, und war so köstlich, daß kein Dichtertraum hinreicht, dieses Erleben zu schildern.

Sie hätten in ihrem Reisewagen auch in der halben Zeit am Ziele sein können, ohne die Pferde zu wechseln. Aber Jockeles Zigeunerherz hatte sich vorgesetzt, drei Monate also durch die Welt zu gleiten, den Frühling erblühen und vergehen, den Sommer heraufkommen und reifen zu sehen geradeswegs aus der Hand Gottes und in langsamen bunten Bildern ...

Die Menschen, die von dieser Reise lesen, meinen: so etwas wäre nicht auszuhalten; in solch einer Dichterkutsche müßte man ja vor Langeweile sterben! Aber: sst, lieber Leser und geliebte Leserin -- wie furchtbar altmodisch ist solch eine Anrede wieder mal mitten in der Erzählung, gelt? -- sst, sag' du das nicht, lieber Leser! Denn du möchtest doch zum mindesten jenen Menschen ähnlich werden, die mit den vornehmen Herrschaften Zeit, Geld, Gemüt und Weisheit durchs Leben fahren; aber solche Menschen haben nie Langeweile -- Langeweile haben nur Dummköpfe ...

Es war Ende Mai geworden. Aber die Tage im Wagen waren nun doch rasch vergangen; denn Klein Heidi riet an Gott und der Welt herum und tat, als müßte sie alle Rätsel des Daseins lösen. Sie wollte wissen, wie lang die Wälder wären, und was hinter dem blauen Tuche des Himmels ist, und wie die Wege über den Sternen aussehen, und ob der liebe Gott auch eine Dichterkutsche hätte, und ob die kleinen Engel mit den Sternen Fußball spielten oder Wurfball, und ob sie auch so schöne Musik machen könnten wie die Kurmusikanten von Johannisbad, und ob Rübezahl auf der Kanzel bei der Schneegrube Sonntags eine Predigt hielt, und ob dann die Riesen kämen und ihm zuhörten ...

Manchmal mußte Do diese Fragen beantworten, und manchmal Jockele. Und es kam dabei heraus, daß Eltern furchtbar gescheite Leute sein müssen, wenn sie solch ein kleines Menschenwunder nicht heißhungrig vom Tisch ihrer Weisheit aufstehen lassen mögen.

Aber sie standen beide ihren Mann. Frau Do kam dabei meist mit ihrem natürlichen Verstand aus -- der Herr Doktor aber mußte eine geradezu unnatürliche Findigkeit aufbieten.

Es gelang ihm betörend. Auch Mama hörte da gleich mit zu; und Heidi lehnte mit weitoffenen Augen zwischen Väterchens Knien und konnte gar nicht erwarten, bis die wunderschönen Weisheiten wohlbedachte Worte waren. Sie verstand alles herrlich, so herrlich, daß sie behauptete, Papa könnte ebensogut der liebe Gott sein und die Welt regieren. Dabei fiel ihr ein, wie das eigentlich gemacht würde, dies Regieren?

Man kann sich vorstellen, daß ein findiger Verlag auf den Einfall käme, ein hundertbändiges Lexikon herauszugeben, in dem immer nur vom Weltregieren die Rede wäre, und an dem die zehntausend besten Gelehrten der Welt hundert Jahre zu arbeiten hätten -- Jockele aber mußte diese Aufgabe in einem halben Nachmittage lösen! Es gelang; doch stand er hernach tief erschüttert und sagte: seine mündliche Doktorprüfung wäre dagegen ein Kinderspiel gewesen.

Schon allein daraus ist zu erkennen: langweilig ist es in einer Dichterkutsche keineswegs.

Aber Klein Heidi war nur ein Teil der Reisegesellschaft und Reiseaufgaben, wenn auch der lieblichste; denn da war noch das Werk über die Flechten; da war der Roman; da war wiederum Heidi, das Märchenkind; da waren der Hügelmann und die Hügelfrau, die im Geist an der Fahrt teilnehmen wollten; da waren ferner der Herr und die Frau Professor Schaffrath, Kordula und Erich Meyer, der blinde König und sein Freund Rolf Krake, die immerfort in der Auferstehung begriffen waren -- kurz: wenn die Reise nicht so lang gewesen, wäre es gar nicht gegangen.

Vier Stunden der Tagesfahrt brauchte Heidi allein zur Vervollkommnung der Wertschätzung ihres Papas. Wenn er ihr zwanzig Märchen erzählt hatte, wollte sie wissen, ob es tausend gäbe, und ob er sie nun alle erzählt hätte, und er sollte doch gleich noch mal von vorne anfangen, und bei jedem neuen wollte sie einen Knoten in die Schnur ihres Nastuchtäschleins knüpfen, damit kein Irrtum entstehe ...

So lief das weiter. Und so ging die Fahrt herum. Rübezahl und Papa traten für die Kleine allgemach an die Stelle des lieben Gottes.

Abends schrieb Jockele manchmal noch einen Brief in den Hardanger Fjord, ans Horn oder an die beiden Alten im Frühlingshause; denn eigentlich müde wurde man ja von diesem neumodischen Reisen nicht, sondern nur ungeheuer wohlig und ausgeruht. Was daher kam: man hatte sich ganz voller Himmel und Hochwald geatmet.

Da passierte etwas. Es passierte etwas ganz Unerhörtes.

Als die Dichterkutsche hinter Oberwiesenthal auf die Kammstraße des Erzgebirges rollte -- das war also am fünften Tage nach der Ausreise -- bekam Herr Salzer das Fieber.

Einen Tag lang trug er es schweratmend mit sich herum. Am nächsten Morgen fand es sich: auch die Tante Veronika war angesteckt worden. Salzer, der sogar einen grauen Zylinderhut riskiert hatte, wollte unter keinen Umständen hinter der Zeit dreinhinken. Er stellte also fest, daß ihre Krankheit das Reisefieber wäre. Das ließe sich nur heilen, wenn sie schnurstracks einen Wagen nähmen und hinterdrein führen.

Weiß Gott, die Sache wurde gemacht!

Als die Dichterkutsche ins Isergebirge einbog, setzten sich die Rösser vor der zweiten in Ibenheim am Walde in Bewegung. Tante Veronika diesmal in einem neuen grauseidenen Umhang, den ihr Herr Salzer gestiftet hatte, in einem silbergrauen Kapotthütchen mit veilchenfarbenen Bindebändern und mit dem gelben Krückstock. Und Herr Salzer im grauen Zylinderhut. Es war außerordentlich.

Den Reiseweg wußten sie auswendig; denn so an die drei Jahre hatte Jockele den gelehrten Freund daran in Begeisterung gehüllt. Also.

Natürlich hatten die Drei in der ersten Dichterkutsche von der zweiten keine Ahnung. Sie fuhren dahin, als wäre die ihrige ganz allein auf der Welt. Die Alten hatten es ein bißchen eiliger, und auch sie fanden die Reise kurzweilig. »Herrlich, herrlich!« sagte Herr Salzer und rollte seine Augen auf dem grünen Tuche der Matten und Bergwälder und auf dem blauen des Himmels herum, als wären sie ein paar blanke Billardkugeln. Herrlich! Herrlich!

So langten sie auf dem gleichen Wege in Johannisbad bei Freiheit im Riesengebirge an. Es war ein großes Ereignis. Alle zweihundertzwanzig Einwohner des Ortes nahmen daran teil.

»Heidi! Heidi, die Großmama ist gekommen!«

Ja, lieber Gott, wo ist denn das Kind? Es flatterte doch so aufgetan um die Mittagsmusik am Kurbrunnen!

»Heidi! Heidi!«

Kein Mensch wußte, wo Heidi war. Aber ängstlich war man gar nicht; denn das kleine Fräulein im blauen Röckchen lächelte alle Finsternis der Erde hell.

Tante Veronika brauchte ein Viertelstündchen Mittagsschlaf. Und da es gerade ihre Zeit war, geleitete Frau Do sie auf ihr Zimmer und sagte, sie solle nur recht hübsch sorglos schlafen.

Als Do wieder herunterkam, war Heidi immer noch nicht da. Ein kleines Mädel sagte: »O, die Heidi ist vor einer Viertelstunde in den Wald gelaufen, dort beim hohen Steig hinan. Sie hat im Sommergrase gestanden und hat mit den Schmetterlingen geredet.«

In den Wald gelaufen? Na!

»Jo,« sagte Do, »ich werde nun doch ein bißchen ängstlich.«

»Ach lieber gar -- das gescheite Mädel.«

»Ich kenne das,« sagte Do. »Sie redet mit Schmetterlingen und Vögeln und mit blitzenden Bächlein; sie versteht ja all diese Sprachen von ihrem Papa her ...«

Keine drei Minuten vergingen, so hatte der Herr Salzer seinen grauen Zylinder aufgestülpt, griff in der Hast nach Tante Veronikas Krückstock, der da am Tisch im Kurgarten lehnte, und hüpfte hinter Do und Jo den hohen Steig entlang gegen den Waldrand.

Es schwammen Schmetterlinge in der Mittagssonne -- Heidi nicht.

Es sangen Drosseln, es sangen Grasmücken -- Heidi nicht.

Es plauderte ein Bächlein zwischen den Blütenköpfen dahin -- Heidi nicht.

»Heidi! Heid -- di! Heiei -- diih!«

Ja, vor einer kleinen Erdenfrist war die Heidi dort gewesen! Man konnte noch die Füßchen im Grase sehen. Aber da kam ein Schwalbenschwanz am Waldrande daher gesegelt -- es war, als schwämme er auf der Kurmusik, die man ganz traumhaft bis hier herauf hören konnte.

»Wo fliegst du denn hin?« fragte Heidi den Sommervogel in dem schönen gelben Kleidchen mit den schwarzen Streifen und blauen Tupfen darauf.

Der Schmetterling sagte nichts, bog in den Wald und winkte so mit den Flügeln. Da ging Heidi ein bißchen hinterdrein.

Auf einmal -- da zog ein Trauermantel um einen silbernen Birkenstamm. Der hatte ein Röckchen aus dunkelbraunem Sammet an, funkelnagelneu, und mit hellgelben Borten.

»Ei, du bist ein kleines Mädchen wie ich,« sagte das himmelblaue Menschenkind; »denn die Buben bei den Trauermänteln tragen Kleider aus schwarzem Sammet. Darf ich mitkommen?«

Der Trauermantel winkte mit den Flügeln und flog über den Bach.

Plötzlich konnte das Bächlein reden und sagte: »Guten Tag, Heidi Sinsheimer. Komm, spring ein bißchen mit mir den Berg hinunter. Wir laufen zur Buschgroßmutter!«

»Meinst du auch, daß ich mich wieder heimfinde von solch einer langen Reise? Du mußt doch bedenken, daß ich noch ein recht kleiner Mensch bin.«

»Haha,« lachte das Bächlein, »nichts leichter als das! Du brauchst nur immer an meinem Ufer zurückzulaufen, bis du zu der weißen Birke kommst; von dort führt das Pfädlein aus dem Walde.«

Ein Stückchen ging Heidi mit. Das Bächlein plätscherte so herrlich um die Steine. Da sangen sie ein Lied miteinander, und Heidi pflückte im Wandern und Singen ein Händchen voll Vergißmeinnicht. Und da sie an einen Mooshang gelangte, setzte sie sich hin und wollte ein Kränzlein winden ... winden ... la ... la ... l ...

Auf einmal guckte ein liebes kleines Gesicht über den Spiegel des Baches heraus. Das sah genau aus wie Heidis Gesicht, das sie vorhin darin gesehen hatte, und hatte so goldene Härchen und so zwei Augen voller Frühling.

»Heidi,« sagte das Kleine, das da über den Bachrand guckte, »paß auf, jetzt kommt gleich der Elfenzug durch den Wald!«

Und schon ging es los. Es war eine sehr merkwürdige Geschichte; denn es kam mitten auf der silbernen Straße des Bächleins daher: hundert Elfen, oder tausend, oder eine Million -- das wußte Heidi nicht so genau. Aber es waren lauter Elfen in herrlichen bunten Kleidchen. Hohe Stengel rosaroten Fingerhuts schwangen die ersten und klingelten damit, daß die Luft wackelte. Dunkelrotes Löwenmaul trugen die anderen und Mohnblumen, und dann kam ein schöner junger Elfenjunge mit braunen Locken, der spielte auf einer Hirtenflöte, wie sie jener Knabe beim Schneebruche geblasen hatte. Danach marschierten sie alle im Takt und marschierten hinüber auf die Waldwiese, die an dem Berghange lag. Viele winkten dem kleinen Mädchen am anderen Ufer: »Heidi! Heidi, komm mit! Weißt du denn nicht, daß Herr Rübezahl heute Hochzeit hält?«

»Ah,« sagte Heidi, »das trifft sich ja großartig! Natürlich komm' ich da mit. Aber ein bißchen will ich noch warten und dem langen Zuge zugucken -- es sind ja eine Million.«

Es kamen immer mehr, und sie schritten im Takte der Pfeife. In der Mitte des Zuges ging ein schönes weißes Pferd, und darauf saß ein wunderschönes Jungfräulein. Das war die Braut. Sie hatte ein seegrünes Schleierkleid an, und das Haar fiel ihr über die Schultern wie gesponnenes Mondlicht.

Ein Mann führte das Pferd am Zügel über alle Fährnisse. Der hatte einen so großen Bart, daß er ihm bis auf die Bergschuhe hinabfiel. Und in der Hand hatte er einen mäßigen Fichtenstamm als Spazierstock.

»Ist das der Herr Rübezahl?« fragte Heidi.

»Natürlich! Und du bist wohl gar ein richtiges Menschenkind, weil du den König der Berge nicht kennst?«

»O,« sagte Heidi, »kennen tu ich ihn schon. Ich kenn' ihn sogar sehr gut. Aber, nicht wahr -- wenn man einem Bergkönig zum ersten Male begegnet --«

»Komm mit, komm mit!« sagten die Elfen, und warfen ihr Blumen herüber; die sprangen dem kleinen Mädchen an die Nase oder auf die Stirn und waren kühl wie Morgentau.

Dann ging sie mit und ging richtig im Takte der Pfeife, die nun von ganz fern über den Hügel herüberklang. Sie lief auch rasch einmal zu dem weißen Pferd und warf der schönen jungen Elfenbraut ihre Vergißmeinnicht in den Schoß. Da nickte die sehr lieblich und königlich. Und Heidi machte ihr einen feinen Knicks.