Part 16
Bis dahin war Henrik Tofte für Do und Jo verschollen gewesen. Das hing auch damit zusammen, daß er Tinte und Feder für minderwertige Werkzeuge hielt. Zwei Jahre lang hatte es ausgesehen, als wäre er gestorben. Zwei Jahre? Ach, noch länger, als Richard Schaffrath brauchte, seine schlanke Frau Professorin in gründliche Reparatur zu nehmen. Aber nun war sie wundervoll ausgeputzt, und beide gingen ausgezeichnet. Schaffrath hatte reden gelernt und werben, wie sie es gern hatte. Und sie warf ihm ihr funkelhelles Herz zu, wie er es gern wollte. Aber eigentlich in Weimar war das nicht so geworden, sondern in Dresden. Dort hatten sie bei Arnold eine Ausstellung ihrer Bilder, die sie zu bewundertem Erfolge führte. Beide. Und von der Elbe zogen sie heim als Hochzeitsreisende und standen in voller Blüte. So blieb das nun.
»Und Henrik Tofte?« fragte man im Märchenhause, »habt ihr nichts von Henrik Tofte gehört?«
»Nein.«
»Ach, Henrik Tofte!« lächelte Kordula Meyer. Merkwürdig -- seitdem das Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage in Rom zu verblüffender Tatsache geworden war, seitdem konnte Kordula den Namen Henrik Tofte nicht aussprechen ohne elektrische Zuckungen. Etwa so, als ob sie sagte: »Kladderadatsch.«
Zwei Jahre gingen dahin, beinahe drei -- Zeit genug, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: »Henrik Tofte ist versickert im Staube der großen Stadt.«
»Sturmschwalbe du!« sagte Frau Do voller Wehmut. Es war ihr um diese Fülle von Kraft doch leid.
»Nun, am Ende wäre durch Rolf Krake etwas zu erfahren?«
Aber Rolf Krake hatte nicht einmal auf den Brief Dos geantwortet, den sie damals mit der Madonna in Rosen gesandt hatte. Er hatte nicht das Bedürfnis gehabt, herüberzurufen in die Welt der Menschen, und nicht das Bedürfnis, vom Märchenhause zu hören. Verstürmt -- verschollen.
Einmal -- einmal waren zwei Schülerinnen Richard Schaffraths nach Norwegen gereist. Sie waren an den Hardanger Fjord gekommen und hatten die Insel der Auferstehung gesucht und gefunden. Sie waren im Boot um das Eiland gesegelt. Es hatte in Rosen gestanden, in Rosen. Eine Wolke von rosa und roten Blüten hatte darübergeweht, Mauern von Rosen waren rings um die Inselkanten gezogen, die Dächer des Blockhauses hatten ausgesehen wie Frühlingswiesen -- aber nur der liebe Gott hatte hineinzuschauen vermocht, Menschen nicht. Die beiden Malerinnen hatten versucht, vorn an der Stiege zu landen. Da stand es in den Stein gemeißelt: das Anlegen von Booten und das Betreten des Eilands wäre verboten! Nane Thord war herausgekommen und die blonde Marit. Sie hatten beide fremdartig gelächelt: Herr Krake? O nein, Herr Krake wäre für niemanden zu sprechen.
Und dann waren die Mädchen wieder nach Weimar gekommen. Einen Sommerabend lang erzählten sie unter der Ulme von der Roseninsel im Hardanger Fjord, und wie sie mit den spiegelnden Wassern so schön und zauberisch und traumhaft gewesen wäre. Man hätte zu atmen vergessen, solange man um dies blühende Wunder glitt ...
Das war das letzte. Auch Rolf Krake war für seine Freunde verschollen.
»Nun, einmal werden wir ihn zum Leben erwecken,« sagte Jockele. »Ich weiß eine blonde Frau, die ihn errufen kann.«
»Vielleicht,« lächelte Do, »aber die blonde Frau will nicht! Ach, dies kluge einsame Herz versteht keiner besser als sie! -- Rolf Krake ist gar nicht einsam,« sagte sie nach einer Weile, »für ihn ist das die Fülle des Lebens. Warum soll ich ihn aus seinem Rosengrab erwecken?«
Und Henrik Tofte?
Nun, der Herr Salzer verstand es schon, eine Zeitung zu lesen! Er saß an dem Fenster nach dem Garten hinaus, vor dem die »fliegenden Herzen« im Lenzwind schaukelten, und rückte die Hornbrille wiederholt sehr bedeutend. Tante Veronika saß an ihrem Nähfenster und hörte ihm zu: Henrik Tofte war nun nicht mehr das Genie, das dem lieben Gott aus der Hand gefallen, ehe es ganz fertig geworden war -- war nicht mehr das Genie, in das von allen Gaben des Lichts und der Finsternis ein wahllos Übermaß hineingepackt worden war, nein: Henrik Tofte war der größte Maler des Jahrhunderts! Es stand da: seine Kunst wäre seherhafte Physiognomik, und er wäre ein aufrichtender und ausgleichender Deuter aller Dinge. Er war nicht Impressionist, nicht Kubist, nicht Pleinairist -- es war nicht Raum für diesen Gewaltstrom zwischen Ufern, in denen sich die Wässerlein vom Berge recht hübsch ausschäumten oder zwischen denen sie recht wacker funkelten -- sondern: seine Kunst wäre das vertiefende Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, stand da zu lesen, und Henrik Tofte hätte sein Genie an den Alten gestärkt; in München zum ersten Male hätte er mit Eifer studiert -- was man so nennt -- und die skulpturale Abrundung seiner Figuren, das feinste Farbengefühl für die lebendige Masse und für die warmen Schwingungen der körperlichen Oberfläche -- all das wäre in dieser Vollkommenheit vor Henrik Tofte ein schöner Malertraum gewesen; in ihm aber wäre es Erfüllung geworden ...
Das war die kleine Auslese aus dem dicken Stoß Zeitungen. Herr Salzer gab sie der Tante Veronika zum besten. Bei manchen der randgefüllten Sätze konnten sie sich viel denken, bei manchem weniger -- was kam zuletzt darauf an? Das aber wußten sie beide: Henrik Tofte war ein ungeheures Ereignis geworden -- ungeheuer, wie die Manierlosigkeit seiner Schöpfungen. Riesenflächen von Leinwand hatte er bemalt mit Leben. Und wer seine Bilder sah, der mußte empfinden: der das gemacht, hatte die Kraft, Chronik und Spiegel seiner Zeit zu sein.
Das war umfassend. Und danach stellten sich die beiden Alten am Buchenwalde vor, wie das aussähe: Chronik und Spiegel seiner Zeit.
»Na, da muß er ja reinweg einen ganzen Himmel bemalt haben,« sagte Tante Veronika in ihrer bedachtsam-lustigen Art. Und sie gab damit des berühmten Mannes berühmtem Werke gleich die nötige Ausdehnung an Fläche. Herr Salzer hinwiederum sorgte für den Gehalt der Bilder. So betrachteten sie das Ereignis in ihrem Häuschen am Walde aus der Ferne; denn man hatte aus der kleinen Stube einen Rundblick über die Welt -- nicht zu sagen! Sie redeten von Henrik Tofte und seinem Leben; denn auch von diesem Leben stand in den Zeitungen: von dem Drama, das er einst selber gedichtet hatte; von seinen Eltern, die arme Webersleute gewesen; von seiner Lehrzeit als Anstreicher; von seinem Zwischenspiel als Zirkusclown; und von seinem Erlebnis mit King, Williams und Watson. Jawohl, Watson -- und das war ein feines Kapitel! Sie redeten von der Löwenballade und von der Zugspitzpartie des Mister Johnny und vom alten Käse ... es war nichts unwichtig auf der Bahn dieser neuen Sonne. Und sie redeten von der Frage: wo sie augenblicklich kreise. Die Zeitungen wußten es nicht und rieten.
Danach schrieb Herr Salzer den Ertrag seiner Kunstbetrachtung mit Veronika in einem langen Brief an die Leute vom Märchenhaus. Und darunter schrieben sie: »Der Hügelmann und die Hügelfrau.« Und diese Namen verblieben den beiden Menschen für den fröhlichen Rest ihres Lebens.
Nachschrift: »Wo ist Henrik Tofte? Wißt ihr es nicht?« »Nein.«
Sein Ruhm war nicht über Nacht gekommen. Schon lange hatte er kleine Ringe geschlagen auf dem stillen Wasser seines Lebens. Tofte verkaufte ein Bild, wenn er Geld brauchte. Dann wurden die Leiter der großen und staatlichen Sammlungen auf ihn aufmerksam. Er verkaufte. Aber er blieb in der Stille seiner Werkstatt. Die Freunde vom Zigeunerbummel vergaßen ihn; die Helden der Löwenballade wurden berühmt oder verkamen -- Tofte wußte es kaum. Er hatte keine Zeit. Denn was er erkannte, maß er, und es maß drei Jahre ... Drei Jahre?
»Wo ist Henrik Tofte, wißt ihr es nicht?« fragten die Leute vom Märchenhaus Richard Schaffrath und seine Frau. »Nein.«
Die Ringe, die seine Würfe zogen, wurden größer. Immer mehr malte er und staffelte seine Werke vor die Wände seiner Wohnung. Er trachtete nicht nach Verkauf; denn er wußte: wenn er Geld hatte, mußte er dies Geld umbringen -- und seine Frist maß drei Jahre!
Nach einigen Wochen erzählte eine Zeitung, Henrik Tofte wäre in Rom. Eine andere wußte es besser: er wäre in einer einsamen Alpenklause zwischen grünen Sommermatten, um seinen Augen Ruhe zu gönnen. Eine dritte sagte gar: er hätte in jungen Jahren zu rasch gelebt und wäre in einer Nervenheilanstalt. Eine vierte meinte, sie hätte den Stein der Weisen gefunden: Henrik Tofte hätte die große Ausstellung im Münchener Glaspalaste noch geordnet, die drei Säle füllte, und dann wäre er geflohen vor den Bedrängnissen seines riesenwüchsigen Ruhms ...
Sie wußten es alle nicht. Henrik Tofte saß in der Augenklinik des Doktors Pagenstecher in Wiesbaden. Saß in einem halbfinsteren Raume. Trug einen grünen Schirm auf der Stirn. Und ward blind. Ganz langsam fiel Finsternis in die hellen Brunnen seiner Augen. Ein Himmelswunder war das Licht für sie gewesen. An diesem Himmelswunder hatten sie sich zersehen. Noch war es nicht Nacht. Aber Henrik Tofte hatte gemalt bis in die späte Dämmerung. Und nun saß er in dem halben Düster seiner Krankenstube und sagte: »Doktor, warum fürchten Sie sich vor dem letzten Worte? Wissen Sie nicht, daß mir mein Freund, das Schicksal, dies letzte Wort schon im Garten des Märchenhauses von Weimar verraten hat, zu dem Sie nun nicht den Mut aufbringen? Wissen Sie nicht, daß in jenem Märchenhaus ein Vorhang von meinem ganzen rückwärtigen Leben dahinsank und daß ich von Stund an in dies Leben blicken konnte, solang ich es gelebt hatte, und daß ich erkannte: in meinen +Augen+ liegt die Lösung des wunderlichen Rätsels, das Henrik Tofte heißt? O, ich bin nicht traurig, Doktor! Es haben sich alle Wunder der Erde und des Himmels in diesen hellen Brunnen gespiegelt in unerhörtem Glanze. Nun steh' ich dort, wo die Millionen der anderen stehen -- was ist dabei traurig zu sein? Drei Jahre, oder sagen Sie: an jedem Tag, an dem ich malte, war ich begnadet wie keiner der Menschen. Soll ich nun traurig sein? Ich habe mein Werk getan, und, weiß Gott, ich war ein frommer und getreuer Knecht -- mögen's die Menschen glauben oder nicht! Warum sitz' ich hier und lasse mir vorreden, ich sei krank?« Henrik Tofte war aufgestanden; er riß den Schirm von der Stirn und schritt nach den dunkelblauen Vorhängen der Fenster und riß sie zurück. »Noch find' ich den Weg heim,« sagte er, »so lassen Sie mich gehen!«
In jenem Mai war das, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahre alt wurde.
Er reiste nordwärts und reiste in der Nacht. Des Tages schlief er in einem Gasthaus. Mit der Nacht zog er wieder aus. Am vierten Morgen kam er in den Hardanger Fjord. Da scheute er das Licht nicht mehr. An jener Haltestelle, wo der Arm nach Elde gegen Norden abzweigt, kannte man ihn. Er erzählte den Schiffern, wie es mit ihm wäre, lieh sich ein Boot, ließ sich hineingeleiten und ruderte auf den Wassern des heimatlichen Landes gegen Morgen. Er kam an Eilanden vorüber, er rief Schiffer an und fragte nach der Insel Rolf Krakes, wie weit es noch wäre. Und als er den Folgefond scheinen sah, wenn er das Antlitz gegen den Himmel bog, als könne nur so der volle Strom des Lichts in seine Augen sinken, da lauschte er, ob ein Rauschen in der Luft wäre. Denn jenen dumpfen Klang der Allmacht hatte er mit hinausgetragen über die Alpen und in seinen Ohren wieder zurückgebracht an die Isar: das Rauschen des Skjold.
So glitt er die Bahn der dunklen Wasser und kam vor die Roseninsel.
Es war die Zeit, in der sich die ersten Blüten erschlossen. Er sah sie nicht mehr, aber aus der Schründe rauschte der Fall des Bergstroms, und in der Luft hing der Atem der Rosen. Darum rief er Nane Thord. Er stand im Boot und hatte die Hände um den Mund gelegt. »Nane Thord!« O, das war nicht die Stimme des Schmerzes; denn an den Hängen lief der Ruf hin als ein Jauchzen. »Nane Thord!«
Da trat sie aus dem Haus und baute mit der Hand ein Dächlein über ihre staunenden Augen gegen die Nachmittagssonne, daß sie das Wunder besser betrachten könne. Das merkte sie gleich: Henrik Toftes Ruf war voll von Heimatglück -- es brach aus seinem Munde als ein Sturm. Aber wie er sich in dem Boote zurechtsetzte, wie er nach den Rudern griff und so langsam dem Klange von Nane Thords Stimme nachtrieb, das war tastend und war, als ob er nicht mit den Augen, sondern mit den anderen Sinnen sehe. Er bat sie, sie sollte herunterkommen auf die letzte Stufe und sollte reden; denn er müßte sie hören. Dann sagte er, sie sollte das Boot vollends heranziehen und an dem Pfosten festmachen und ihm die Hand herüberreichen -- es fiele vom Tage nur ein mühseliger Schimmer in seine Augen. Und doch war er froh, so froh! »Nane Thord,« rief er und riß die alte Frau in seine Arme, »liebe Mutter Thord, wissen Sie auch, daß Sie nun nicht sterben dürfen, weil ich Sie immer um mich haben muß? Liebe, treue Mutter Thord!«
»Heiliger Gott,« sagte sie, »was ist da geschehen?« Sie sah ihn an: in seinen Augen waren die blauen Reifen der Iris noch blank wie Sommerhimmel. Aber die Pupillen lagen nicht mehr darin wie funkelndes Glas, in dem das große Strahlenmeer des Lichtes zusammenrinnt, sondern sie lagen dort wie schwarzer Sammet, matt und still und ohne Glanz. Sie waren auch größer als andere, die vor den ungedämmten Schein des Sonnenmittags gestellt sind; und es sah aus, als hätten sie sich geweitet in Sehnsucht, von dem Bilde der Heimatscholle so viel in sich zu trinken, wie sie vermochten.
Er hatte Nane Thords Hand gefaßt und ließ sich von ihr die schmale Treppe emporleiten. Da quollen Nane Thords Augen über in heißem Schmerz und in mütterlichem Glück.
Rings um die Insel lief eine Mauer aus rankenden Rosen. Die war drei Meter hoch und bildete am Kopfe der Stiege einen Torbogen, der schon ganz erblüht war, weil er gegen Süden lag. Unter diesem Bogen hätte Henrik Tofte sich ein wenig neigen müssen; denn das Tor aus Rosen war nicht bestimmt für das Maß eines so hohen Mannes. Er aber löste seine Hand aus der Hand der alten Frau, legte seine Arme über die Brust wie ein Kreuz und beugte sich sehr tief. »Ich grüße mein schönes Grab,« sagte er, »und ich grüße mein schönes neues Leben.«
Darüber trat Rolf Krake in einem Mantel aus roher gelber Seide in die Tür des Hauses; denn die fremde Stimme hatte ihn gelockt. Henrik Tofte streckte ihm beide Hände entgegen. »Das große Licht!« rief der Einsiedler von der Roseninsel, »das große Licht nun in Wahrheit! Was ist das für ein herrlicher Ruhm, den Sie heimbringen!« Denn er hatte in den Zeitungen gelesen, wie der Klang des Namens Henrik Tofte durch alle Länder lief.
»Lieber Bruder Krake,« sagte der Heimgekehrte, »das große Licht? Ich komme mit zwei armen Fünklein in diesem Haupte, so winzig wie das Verglimmen des Dochtes, auf dem gestern eine Flamme gestanden. Empfange mich nicht wie einen Fremden, lieber Bruder; denn ich bin da, um mit deinen Augen zu sehen.«
Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Tür, an die sich Rolf Krake bei der Nachricht gelehnt hatte. Es war ihm gewesen, als bräche das Verhängnis über seine gesicherten Grenzen, und er fand kein Wort, diesem Einsturz zu begegnen.
Aber es löste sich alle Dumpfheit des Augenblicks; denn Henrik Tofte kam als ein fröhlicher Sieger. »Warum bist du so schweigsam, mein Bruder?« fragte er. »Ist etwas weiser und gewaltiger im Himmel und auf Erden als mein Schicksal? Dies Schicksal allein hat gewußt, was mit mir war. Da hat es dir und mir den Weg zu dem Eilande gewiesen, und es hat dich gesandt, daß du aus Fels und Klippe blühende Gärten schufst. Und es hat durch deinen Mund zu mir geredet vor vier Jahren, daß du hier auf mich wartest. Ich aber, habe ich den Becher meines Lebens im Licht nicht ausgetrunken wie ein König? Ungeheuere Reichtümer habe ich in diesem Leben aufgestapelt; ich habe errungen, was zu erringen war -- und viel mehr. Und sollte nicht fröhlich sein?«
Henrik Tofte berichtete über die letzten Jahre. Er begann bei der Madonna in Rosen, und wie ihn die Erkenntnis der versickernden Brunnen in seinem Haupte so tief getroffen hatte, daß er dachte, er hätte die Sprache verloren und das Herz gefröre ihm in der Brust. Er berichtete alles bis zur Pforte des Eilands und sagte, wie wunderbar es wäre, daß Rolf Krake dafür vor Jahren den Namen der Auferstehungsinsel gefunden hätte; denn beiden wäre nun hier ein neues Leben geschenkt.
Danach ging er an der Hand des Freundes durchs Haus. Die Räume lagen zu ebener Erde, und die alten Gänge waren dem Heimgekehrten bald wieder vertraut. Sie schritten in den Saal -- Henrik, Rolf Krake, Nane Thord und die blonde Marit -- und es klang fremd und machte sie betroffen, wenn Henrik sagte: »Ich sehe ...« »Ich sehe, daß es hier ganz anders geworden ist: der Klang der Tritte und der Stimmen ist nicht mehr wie früher.«
»Nein,« sagte Rolf Krake, »die Wände sind mit einem grauen Wollstoff bespannt, und auch der Fußboden ist mit diesem weichen Überzuge belegt. Hier zwischen den Fenstern hat die Madonna in Rosen ihren Platz gefunden. Und rings an den Wänden sind auch die Regale mit den vielen Büchern.«
Henrik betastete den blauen Sammetgrund, auf dem das Bild hing, und betastete den schweren Vorhang und die Schnur, an dem sich jener zur Seite ziehen ließ. Sie traten hinaus in den Garten. Die Wege waren so breit, daß zwei Männer nebeneinander wandeln konnten, ohne an die grünen Mauern zu streifen, zwischen denen sie dahinliefen. Die kleinen Mandarinenenten schaukelten auf dem Wasser wie schwimmende Edelsteine, in denen die Sonne spielt; oder sie flogen empor, richteten sich zum Dreieckflug und stießen weit hinaus über den Fjord, bis man ihren Ruf nicht mehr hören konnte.
Rolf Krake malte ihm jedes Bild, das sich an einer Wegbiegung für seine Augen öffnete. Er wählte dazu Worte von weichem Klang und warmen Farben, die nur dem zu Gebote standen, der dies ganze bunte Wunder zwischen Berg und Wasser hingedichtet hatte in beglückter Einsamkeit.
Es kam der Sommer und wehte seinen Glanz um die Insel, und es war, als wäre das blaue Tuch des Himmels offen darüber, und Rosen würden hindurch geschüttet: weiß und gelb auf die Spitzbogen und Pfeiler eines kleinen Tempels, der in der Mitte des Gartens stand -- rot und rosa auf alle grünen Wände, daß sie aussahen, wie aus dem Purpur oder der Seide des vergehenden Tages gewoben.
Henrik Tofte lernte dies alles sehen durch die Augen des Freundes, wie er gesagt hatte.
Und in den einsamen Mann von der Insel, der nun im fünften Jahre mit keinem Schritt aus der freiwilligen Haft gewichen war, wuchs dies Erlebnis herrlicher hinein als er geahnt hatte. Damals aber, als Tofte kam, hing sich Rolf Krakes erster Gedanke wie ein neues Glied an jene Kette, mit der er vor langer Zeit gefesselt worden war. Er wähnte nämlich, von nun an müßte er die schwere Last von einst wieder aufnehmen, und er könnte, trotz allem, seinem dumpfen Geschicke nicht entfliehen, ob er gleich wiche an das Ende der Erde. Er hätte sich nun sein Leben so erlöst gestaltet -- da trete dieser unselige Fremde hinein und zertrümmere das beste Teil ...
Aber es kam anders; denn es war der alte Rolf Krake gewesen, der so zu ihm gesprochen -- jener alte, dem es immer gelungen war, niederträchtig zwischen ihn und das Glück zu treten und zu sagen: »Mann der Finsternis, was träumst du von einem sonnigen Leben?« Nun aber war es ihm zur Gewißheit geworden: jener Frühlingstag, mit dem Henrik Tofte kam, war seines Traumes Erfüllung geworden! In der Madonna in Rosen hatte er sich ein Sinnbild der schönen und heiteren Erde aufstellen wollen, die für ihn verschlossen war. Es war ein Bild gewesen, ein Bild. Nun aber hatte er einen Menschen gewonnen, der in Dankbarkeit und Freude um ihn war und der in ihm ebenfalls die Erfüllung erkannte. Für diesen Menschen war er der Brunnen des Lichts geworden in allerschöpfendem Sinne, denn er senkte mit seinen warmen gütigen Dichterworten nicht nur das Bild der Erde so lebendig in ihn hinein, daß es fast war, als tränken die erloschenen Sterne des Sehens das Leben wie einst -- sondern er schenkte dem sinnenden Geiste des Genossen auch das Licht seiner Klugheit und seiner Bücher; er schenkte der dürstenden Seele die Träume der Weisen und Dichter und gab zugleich die Deutung. Er hob die Hülle für den Blinden von einer Welt, an der dieser in den Tagen des Lichts scheu und fremd vorübergestrichen war, weil er meinte: die Armut und Unbildung seines Elternhauses wären schuld daran, daß er diese fremden Gärten nie betreten dürfe.
So saßen sie in Zeiten, in denen der Regen über die Insel plätscherte, im Büchersaal und wanderten doch im Geiste weite Wege der Wissenschaft und wanderten durch ferne Länder: zwei Menschen, die gar nicht voneinander konnten, wenn sie nicht elend werden wollten. Oder sie saßen in lauen Sommernächten draußen unter den Rosen. Henrik nahm die Gitarre und sang, und wie einst traten die Menschen drüben aus ihren Häusern am Lande, schritten auf dem Uferweg und lauschten, wie schön es war. Die blonde Marit und Nane Thord saßen dann bei den Männern am Tisch und rasteten ihre Hände von der Arbeit des Tages.
Henrik Tofte schritt nun allein bis an die Kante der Flut an jenem Ende, an dem die Mandarinenenten im Röhricht schliefen. Auch bei Nacht. Er stieß an keine Ranke, er streifte an keinen Zweig. Und wenn er des Abends in den Garten kam, so sprach er von dem leisen Lichte der Mondsichel, die auf den Flutterwolken des Himmels schwamm, oder er sprach von der Fülle des Glanzes der vollen Scheibe, als ob er sie sähe.
Des Morgens fuhren die Frauen noch immer hinüber und kauften ein. Oder sie ließen sich an Speis' und Trank aus den Städten schicken, wonach die Männer Lust hatten. Ehe Henrik Tofte gekommen, war es karger in Keller und Küche gewesen; denn Rolf Krake hatte die Hälfte seines kleinen Vermögens zur Ausstattung des Hauses und zum Aufbau der Insel verwandt, die beide sehr schön geworden waren. Und er hatte durch drei Jahre so viele Bücher angeschafft, daß Nane Thord das Geld dafür mit schwerem und immer schwererem Herzen eingezahlt hatte.
An jenem Tag, an dem Henrik eintraf, hatte der gesagt: »Ungeheure Reichtümer hab' ich in meinem Leben aufgestapelt« -- er meinte aber nicht: an Geld. Daß er auch davon so viel besaß, um sich das Dasein äußerst behaglich zu gestalten, wußte er damals noch nicht. Zuerst war er eine Zeitlang verschollen gewesen. Nicht einmal der Leiter seiner Ausstellung in München konnte ihn finden. Aber als es klar war, daß die Insel im Fjord seine Heimat wäre für und für, sandte er Botschaft hinaus -- nur daß er blind wäre, sagte er nicht. Es fand sich, daß bei der Bayerischen Vereinsbank in München ein Betrag für ihn eingezahlt war, der zweimalhunderttausend Mark überstieg. Das war der Erlös aus seinen Bildern. Etliche große Gemälde waren noch im Glaspalast.
Als es gegen den Herbst ging, arbeitete er mit Rolf Krake im Inselgarten. Er löste die Weidenbänder von den Rosen und bog die Stämme an die Erde. Er schaufelte sie mit dem weichen Boden zu, gegen die Kälte des Winters. Oder er legte das Deckreisig darüber, das in Schiffen hergefahren worden war. Er grub die Erde, er tat alles, als ob er sähe. Und so ging durch die freudige Siedelei keine Stunde mit leeren Händen.
Der erste Schnee fiel.
Auf diese Zeit hatten sie gewartet. Da wollten sie für die Leute im Märchenhause die Frage lösen: Wo ist Henrik Tofte?
Als der Brief in Weimar eintraf, da war es, als träte Henrik Tofte selber herein mit seinen erloschenen Augen -- so erschraken die Freunde. Aber auch in ihnen löste sich die dumpfe Schwere der Stunde; denn es klang aus jeder Zeile der Ruf: »Sollen wir nun nicht fröhlich sein?« Ein Brief? Ach, es war ja kein Brief. Es war ein Buch, an dem Rolf Krake die erste weiße Woche des Winters geschrieben hatte; es war das Buch mit den Ereignissen von fünf Jahren. Nur Inseleinsamkeit, nur Auferstehungsglück -- aber gerade deshalb gehörte ein Buch dazu.