Part 15
»Du bist auch ungerecht gegen dich selber,« sagte er, »denn Kämpfer sind wir alle beide -- nicht so: ›Mensch sein, heißt Kämpfer sein‹ ... sondern: wir zwei haben unser Lebtag weit weg gestanden vom Durchschnitt -- auch mit unserem Kampfe. Weiß Gott, es war ein steinichter Weg in den Tartarus und von da auf den Berg der Seligkeiten! Dann hab' ich den Berg mit dem Grabscheit zerhauen; dann hab' ich -- na, ich hab' etliches fertiggebracht in meinem Leben. Aber freilich: an den Laden hab' ich mich dazu nicht gelegt, und der Welt in die Ohren geschrien hab' ich's nicht: ›Seht mal her, solch ein Kerl bin ich nun!‹ Zuletzt -- das darf man wohl sagen: das Leben hat es gut gemeint mit mir. Aber etwa deswegen, weil ich ihm ein lammfrommer Zuschauer gewesen wäre?«
»War das bei mir anders?« fragte Gwendolin. Die Wehmut war weg. Es klang herausfordernd, es klang unzufrieden.
»Nein. Salzer hat einmal gesagt: ›Die Gwendolin Vogelgesang ist der weibliche Jakobus Sinsheimer.‹ Recht hat er. Aber nun, da du davorstehst, dir das Ehrendoktorat fürs Leben zu erwerben, liebe Gwendolin, nun kneifst du.«
Gwendolin lachte bitter und jäh auf.
»Ach papperlapapp!« rief Jockele. »Mit einem Munde voll Hohn schnellst du mir diesmal nicht aus den Händen!«
»Du hast ja keine Ahnung von der Ehe,« sagte Gwendolin.
»Nun, so ist mir das Talent, für und in Do zu leben, wahrscheinlich im Bergwald eingeboren worden,« sagte er ärgerlich. »Nein, liebste Gwendolin, ich habe mich gehörig in diese Sonne finden müssen! Und das will ich dir auch verraten: sie war im Vorfrühlinge mitunter eklig frostig -- man konnte sich das Herz daran erfrieren bei all dem hellen Scheinen. -- Warum hast du Erich Meyer nicht geheiratet?«
»Er ist mir zu sacht.«
»Warum hast du mich nicht genommen?«
»Du warst mir damals zu jung.«
»Mir war er nicht zu jung,« sagte Do sehr ernsthaft.
»Warum hast du Toften gehen heißen?«
»Er springt immer hin und her zwischen Himmel und Hölle.«
»Und James King und John Williams?«
»~They are Englishmen.~«
»Und den Grafen Metting?«
»Den hätt' ich beinahe genommen.«
»Wenn ich nicht dazwischengekommen wäre,« sagte Do.
»Und wenn er kein Windhund gewesen wäre,« ergänzte Jockele. »Wie sagte Gwendolin Vogelgesang? ›Die Ehe ist eine verdammte Kunst.‹ Meine Finger langen nicht mehr zu, dir herzuzählen, was du an jedem auszusetzen hattest. Du hättest auch zu keinem gepaßt.«
»Na also!«
»Aber Richard Schaffrath ...«
»Es scheint, den hab' ich mir vorbehalten, meiner Dummheit die Krone damit aufzusetzen. O!«
Im Märchenhause wußte man seit langem, daß die Herzen dieser beiden hochgemuten Menschen Miene machten, in Trotz und Selbstherrlichkeit Wege zu laufen, die sie voneinander fortführten. Es fehlte in diesem Hause nicht an Verständnis für die Art beider: die Schuld lag bei Gwendolin, und sie lag bei Schaffrath. Der war nun Professor geworden. Er war nicht frei von rücksichtslosem Ehrgeiz, aber er hatte nichts von einem Streber. Es war eine gesunde und männliche Kraft. Er stand fest auf sich selber, wie Gwendolin auch; und beide hatten den Sinn zur opferwilligen Zweisamkeit der Ehe darüber ein wenig verkümmern lassen. Nun, so etwas wächst in jedem Garten. Aber seit einiger Zeit fanden sie beide: es wüchse bloß bei ihnen. »Er ist ein Starrkopf und Egoist,« sagte Gwendolin. »Und sie ist unweiblich und rechthaberisch,« sagte Schaffrath.
So war es zwischen ihnen über Winter geworden. Gwendolin war in den vergangenen vierzehn Tagen in Ibenheim gewesen. Dann war sie ins Forsthaus am Hörselberg gewandert, hatte wütig darauflos gemalt und zwischendurch dem Zinzilein ihr Leid geklagt -- nicht kleinmütig, und wohl auch nicht mit vergiftetem Munde. Aber von dem »brutalen Egoismus der Männer« war doch mehrfach die Rede gewesen. Die Tante Veronika mischte sich ein für allemal nicht in derlei Dinge. Sie sagte: »Davon versteh' ich wohl nicht genug.«
Das Spiel stand bei den Freunden im Märchenhause, zu denen auch in diesem Falle Kordula und Erich Meyer und Professor Salzer gehörten, für Gwendolin und Schaffrath so, daß man Fehler gegen Fehler aufrechnete. Aber in jener Nacht unter der Ulme verlor Gwendolin die Partie. Man rückte auf der ganzen Linie geschlossen gegen sie an. Daran war das harte Wort von der Dummheit schuld, mit der sie ihr Leben gekrönt hätte.
Do sagte: »Wenn man nicht wüßte, daß du jetzt gallig und ungerecht bist, so würde man dich von nun ab zu jener kläglichen Sorte von Frauen rechnen, die immer auf dem Sprung ins Elternhaus sind, wenn ihnen in der Ehe mal eine Katze über den Weg läuft. Du solltest dich schämen, dieser jammervollen Art nahezurücken.«
Gwendolin war betroffen. Die hohe Stehlampe mit dem pfirsichroten Schirme machte diese Betroffenheit offenbar. Und Kordula sagte: »Mit meinem Mann habe ich wohl wenig Mühe ...«
»Nun ja, dieser Athlet des Herzens,« warf Gwendolin aufgewiegelt hin, »der paßt sich in dich wie der Kern in die Aprikose.«
Kordula griff dies Bild auf. »Ja, wenn die Aprikose fertig ist!« Dann sagte sie: »Es war auch für mich nicht so einfach, und es gab viel Falten und Knitter auszubügeln. Das gehört nun eben zur Ehe. Warum ist sie ein Vertrag auf Gegenseitigkeit?«
Darauf sagte Do: »Was könntest du denn dagegen haben, wenn er dich einfach für die Hauswirtschaft forderte?«
»Gilt nicht!« höhnte Gwendolin, »daß ich dazu nicht tauge, wußten wir im vorhinein.«
»Du sollst dir aber nicht einbilden, du könntest nun mit dem Malkasten unterm Arm in die Welt ziehen, so oft dir's paßt, und brauchtest zwei Wochen nicht heimzukommen aus Trotz und Kindsköpfigkeit, und könntest im Walde herumzigeunern und warten, ob er dich sucht. Wenn ich dein Mann wäre, liebe Gwendolin, ich würde sehr viel herzhafter mit dir reden.«
Gwendolin entschuldigte ihre Waldfahrt. »Na, das war doch bloß mal eine kleine Flucht zu mir selber.«
So standen sie mit spitzen Sinnen gegeneinander bis Mitternacht. Schwere Weisheiten förderten sie nicht zutage, aber wahr war's doch, was sie sagten. Gwendolin hatte einmal vorgehabt, der blonden Do in dem Verhältnisse zu ihrem Mann ähnlich zu werden. Und nun war +das+ daraus geworden!
Sie wäre in ihrer Hartmütigkeit am liebsten bis in den neuen Tag im Baumwinkel sitzengeblieben. Aber Kordula nahm ihren Arm, und von der Straße aus sahen sie noch Licht in Richards Zimmer. »Ich bringe dich nach Hause,« sagte Gwendolin. Da gingen sie ganz langsam unter den Sommerbäumen dahin. Das Mondsilber sickerte über sie. »Hast du denn gewußt, daß du so trotzköpfig bist?« fragte Kordula.
»Eigentlich -- nein. Hartnäckig war ich stets, aber ich hatte dazu niemanden als mich.«
»Dann würde ich mir auch fürderhin an mir selber den Kopf einrennen,« spottete Kordula, »du hast dich ja damals ganz gut dabei gestanden. Warum suchst du dir nun deinen Mann dazu aus?«
Gwendolin lachte. Aber nur mit einem Auge; denn sie mußte an Salzers Wort denken: »Er ist ja wohl der nächste dazu.«
Endlich kamen sie doch vor das Häuschen in Oberweimar, und Gwendolin mußte mit sich nach Hause wandern. Sie schritt mitten auf der mondhellen Parkstraße von Oberweimar her, kam an Goethes Gartenhause vorüber und stieg die Stufen beim Euphrosyne-Denkmal herauf, die zwischen dem Märchenhaus und Schaffraths Wohnung ins Horn münden. Von den Türmen der Stadt rief es ein Uhr. Richards späte Lampe brannte noch immer.
Es war eine schmerzliche Niederlage, die Gwendolin in dieser Nacht erlitten hatte. Ihr Herz, dies funkelnde, lichtselige Künstlerherz, war angelaufen wie ein Morgenfenster von der Oktoberkälte.
Am Kopfe des Stufenweges lehnte sie sich gegen das Geländer. Der Schatten einer Ohreule zog über den Mond. Gwendolin suchte nach einem Licht im Märchenhaus. Es war keins mehr da. Und die Lampe, die in Richards Zimmer wachte, war so peinlich beredt! »Warum könnt ihr beide nicht schlafen?« fragte sie, und: »Stehst du nun nicht da draußen unter den Sommerbäumen wie eine Abenteurerin?« Jetzt fingen auch die stillen Fenster des Märchenhauses an zu reden. Es war ein heimliches Flüstern vom Glück ... Man konnte neidisch werden. Sogar aus den Tiefen der Nacht heraus betörte die Sonne von dort her das Herz! Waren denn Frau Do und Jockele nicht auch aus dem Edelstahle, der stets wieder zu seiner blanken Geradheit zurückschnellte, wenn man ihn bog? Zu allem war Do noch zwei Jahre älter als ihr Mann -- und es ging doch? War nun dort die Weisheit, von der Henrik Tofte gesagt hatte: sie allein brächte das Wunder einer Blüte zur Entfaltung? Aber im Zwielicht des Durchschnitts oder des Narrentums kümmere dies Wunder? ...
Es war eine heilsame Einkehr, die Gwendolin der blonden Do dankte. Dann ging sie den Gartenweg zwischen den Hecken entlang und trat in ihr Haus. Als sie im ersten Stock am Zimmer ihres Mannes vorüberkam, blieb sie nicht stehen; sie ging auch mit ihrem herausfordernden Schritt und legte den Hut ab und das Schultertuch. Aber dann kam sie doch zurück, trat in Richards Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl, der gleich links neben der Tür stand. Eigentlich wollte sie etwas sagen. Aber nun ging das nicht. Das Wort vertrocknete ihr auf den Lippen. Und man kann sich doch auch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes. Also!
Schaffrath saß am Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Die kleine Lampe mit dem roten Schirme stand links vor ihm. Und wenn man ihn so von rückwärts betrachtete, war er in das rote Licht gemeißelt wie ein Riese aus schwarzem Gestein. Eigentlich wollte er etwas sagen. Aber es ging nicht. Man kann sich doch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes.
So saßen sie eine Weile. Die Zeit lief zwischen ihnen dahin -- mit jedem Pendelschlag der Standuhr tat sie einen Schritt -- ein unsichtbares Gespenst. Einmal zog Gwendolin den Atem ein; es war, als fiel ein Tropfen auf eine heiße Herdplatte. Da stand Schaffrath auf, hob die Lampe hoch und leuchtete damit gegen die trotzige verführerische Frau. Sie sah ihn mit versteinten Augen an.
»Es ist mit dir immer das gleiche,« sagte er und stellte die Lampe auf den Schreibtisch. Dann schritt er hin und her, und sein Gang ward heftiger, wie eines Mannes, der gegen den Sturm läuft. Und dann barst die gefesselte Stille, und seine machtvolle Stimme gewitterte dahin über beide. »Bilde dir nicht ein, daß das sieben Jahre zu tragen wäre! Es ist ein klägliches Leben, und es geht darüber alles in die Brüche: unsere Freundschaften, unser Ruf, unser Werk und wir selber. Vier Wochen war es ein Schäferspiel, vier Wochen war es eine Komödie, seit vier Monaten ist es ein Trutzspiel, und nun wird gleich eine Tragödie daraus. -- Wo bist du heute abend gewesen?« Sie schwieg. »Es ist gut, daß du dich scheust, es zu gestehen! Das heißt, Sinsheimers wissen längst, wie es um uns steht. Sie haben es seit vier Monaten gewußt. Aber sie sind still gewesen aus Mitleid. Aus Mitleid! Verstehst du, was das sagen will?«
Über diesem Worte wand sich Gwendolin in ihrem Stuhl. »Nicht aus Mitleid! Ich glaube, es ist noch ärger. Vielleicht ist es auch schon Verachtung. Sie sagen: es fehlt uns an gutem Willen.«
»Dir!« schrie er.
»Natürlich,« höhnte sie, »immer mir!«
Da rückte er seinen Schreibsessel in die Mitte des Zimmers und schaltete das Deckenlicht ein und warf sich in den Stuhl. Gwendolin aber war aufgesprungen und lief vor der Türwand hin und her.
»Es liegt doch an dir, Richard! Hast du in den letzten vier Monaten einmal um mich geworben wie jetzt?«
»Werben nennst du das?«
Nun mußte sie doch ein wenig lachen. »Jawohl -- werben! Vier Monate hast du gebraucht zu diesem erlösenden Wetter! ... Es hätte sich wohl auch anders denken lassen. Aber es war doch mal ein Losbruch, es war ein Zerdonnern dieser grauenhaften Verschlossenheit. Du hast dann alle Fenster an dir verhängt, und es ist mir nicht gegeben, da einen Einschlupf zu suchen. Ich habe mit mir selber genug zu tun.«
»Es ist so meine Art,« sagte er. »Ich brauche vier Wochen, ich brauch' ein Vierteljahr lang mit keinem Menschen zu reden, weder von Leid noch von Liebe.«
»So rede wenigstens mit deiner Frau. Aber du sitzt dann im Haus und im Leben als ein steinerner Gast. Es ist zum Verzweifeln. Und am Ende versteinere ich auch.«
»Jawohl, an deinem schlimmen und trotzigen Willen!«
»Nein, Richard, nein, ich bin ein Weib und bin gewöhnt, umworben zu werden im Guten und Bösen. Meinetwegen donnere durch die Tage; das ist mir ganz egal ... oder: es ist mir lieber, als wenn du dich zumauerst mit dieser wortlosen Kargheit. Damit weiß ich nichts anzufangen. Und dann lauf' ich fort und mach' es wie in der anderen Zeit, in der ich glücklich gewesen bin mit mir selber und hell und aufgetan ...«
Da lief sie hinaus. Es sah aus, als wollte sie nun den Hut nehmen und das rettende Malzeug und hinfliehen in die Nacht. Aber das tat sie nicht; sondern sie ging mit ihren heißen und trockenen Augen in das Schlafzimmer. Sie hatte ihm alles gesagt, was ihr Herz in dieser jähen Stunde hergeben mochte. Es war nicht über ihre Kraft gegangen, wie damals im Märchenhaus, als sie sich ausweinend über das Bett warf, aber sie dachte: was sie ihm gesagt hätte, wäre viel mehr gewesen, als sie sich je zugemutet hätte.
So war nun dies lichte klingende Herz: es mußte durchaus umworben werden, wenn es blühen sollte. Und so war es mit ihm gewesen seit den frühesten Mädchentagen. Zehn Jahre hatte sie es so mit diesem Herzen gehalten; denn es war eine große Gefahr für sie. Viele Mädchen haben solche Herzen und nehmen sie nicht in acht und kommen darüber von sich selber und von allem tapferen Willen für ein gutes und züchtiges Leben. Vor Gott und der Welt hatte sich Gwendolin nicht gefürchtet, seit sie sich verstand; aber vor ihrem Herzen war ihr bange gewesen. Nun war das so geworden; und als ihr Mann wartete, daß sie es ihm wie einen goldenen Ball zuwerfen sollte, konnte sie es nicht; denn dies Spiel hatte sie dereinst mit aller Kraft und Selbstzucht verlernen müssen.
»Vielleicht hätten wir mit der Aussprache von gestern abend nicht so lange warten sollen,« sagte Jockele am anderen Morgen zu seiner Frau.
»Wir sind viel zu nachsichtig mit ihnen gewesen,« sagte sie, »wir haben uns in diese Angelegenheiten gar nicht zu mischen -- darum haben wir auch nicht zu lange gewartet. Ich weiß recht wohl, woran sie beide leiden. Deshalb weiß ich auch, wir hätten uns auf derlei Auseinandersetzungen gar nicht einlassen sollen. Aber dazu haben wir ein Recht -- ich will zu ihr sagen: Ihr zwei haltet es miteinander wie ihr es für gut findet; in unser Haus könnt ihr jedoch nur kommen, wenn ihr in dies Haus paßt.«
»Es ist wieder mal eklig kalt,« spottete Jockele.
»Ach nein,« sagte sie, »du hältst dein Herz nur immer in den Händen wie ein großes Licht und möchtest alle Finsternis der Welt damit hell machen. Trösten und Ehen flicken, liebster Jo, das sind zwei Dinge, mit denen schwer hantieren ist. Ich traue mir weder das eine zu noch das andere. Wenn du ihnen Moral predigen willst, so ist das deine Sache. Für mich gibt es in diesem Falle nur einen Weg: ich lasse in meine lichte Burg keine Narrheit von draußen hereinbrechen.«
Dagegen gab es kein Eifern. Und es war wohl auch in der Ordnung; denn die Moral hatte den beiden im Nachbarhause der Herr Professor Salzer schon zur Genüge gepaukt. Aber er hatte es aufgegeben. Nun hatte Schaffrath das Empfinden: es gehen über unserer Ehe zuerst unsere Freundschaften in die Brüche. Und daraus folgerte er: man gab die Schuld beiden, sonst hätte man sich ja auf seine oder auf die Seite Gwendolins schlagen können. -- Vor allem aber hatte Herr Salzer ihnen gegenüber einen schweren Stand; denn beide sagten zu ihm: »Sie mögen ja ein ganz guter Literarhistoriker sein, aber von einer Ehe verstehen Sie nicht das geringste.« Da hatte er's.
Schaffrath aber und auch Gwendolin wurden sehr nachdenklich an sich selber.
Um Herrn Salzer war es mit einem Male recht einsam geworden, schauerlich spätherbstlich, mitten im Sommer. Sein Turm gefiel ihm nicht mehr halb so gut. Das vornehme Mahl, das er im »Erbprinzen« zu halten pflegte, erfüllte alle Ansprüche des Feinschmeckers -- aber es mundete ihm nicht mehr recht. Mit der Literatur war das auch solch eine Sache -- man brauchte dazu nicht unbedingt auf einem Turme zu wohnen. Kurz: Herr Salzer hatte einmal wieder das dringende Bedürfnis, sein Glück aufzubügeln. Er kleidete sich unerhört vornehm. Er kaufte sich einen grauen Zylinderhut wie der Stadtrat Schniedewind. Er trug Schuhe mit einem Einsatz vom Stoffe seiner Kleider -- nun, einen Zigeuner oder gelehrten Tropf hatte man seinem äußeren Menschen nie angesehen. Und so furchtbar wichtig vermochte er diesen selbst nicht zu nehmen, nicht einmal jetzt; darum merkte er nach acht Tagen: auch das war kein Heilmittel für das geheimnisvolle Leiden. Er verfiel sogar auf den verrückten Gedanken, es wäre das Alter. Achtundfünfzig! Lieber Himmel, vor einem halben Jahre war er noch ein leibhaftiger Jüngling gewesen an seinem Herzen! Und nun wollte dies Herz über Nacht misepeterig geworden sein? Aber dennoch -- er rüstete sich mit der Ergebung des wahrhaft Weisen und bildete sich drei Tage lang ein, er wäre ein alter Mann.
Und merkwürdig: die einhundertneununddreißig Stufen im Turm waren auf einmal erstaunlich schwer zu steigen. Am dritten Tage pustete er sich schon hörbar empor und rechnete aus: in vier Wochen könnte er sich die Welt überhaupt nur noch aus der Herrgottsperspektive betrachten. Peinlich, höchst peinlich! Und gerade jetzt hatte er Lust, mal durch einen Wald zu spazieren, den Gehstock zwischen den Fingern zu drehen wie ein Windrädchen und dabei vergnügt vor sich hin zu trudeln »Freut euch des Lebens«!
»Das Alter muß ich mir wieder abgewöhnen,« sagte er, »es ist unlustig. Ich muß mir überhaupt mein ganzes bisheriges Leben abgewöhnen. Zum Beispiel wäre es doch gar nicht übel ...«
Er dachte an den schönen Buchenwald bei Ibenheim. Dort hinauf brauchte man keine hundertneununddreißig Stufen zu klettern ...
Nein, übel wäre das ganz und gar nicht! Aber wenn man in das Haus der Tante Veronika ziehen wollte, so, so für immer, da mußte man zunächst mit Tante Veronika darüber reden. Das war schon wieder ein Stein des Anstoßes, gleich am Anfange des neuen Wegs. Seit jenen Septembertagen war er viermal zu Gast im Frühlingshause gewesen. Zuerst hatte er gesagt: es wäre der schöne Buchenwald, der ihn lockte, und die Stille auf dem Hügel, und die Champagnerluft, die so in die Lungen prickelte. Und später hatte er gemeint: es wäre doch ein herrliches Vergnügen, das Erwachen des Jahres so gleichsam aus der Hand des Weltenschöpfers heraus zu genießen. Und zuletzt? Da hatte er die Tante Veronika ganz vergnügt angeguckt: »Warum haben wir uns nicht ein Dutzend Jahre früher kennengelernt?«
Natürlich, die Tante Veronika verstand das vollkommen richtig, aber in ein silbernes Mädchenlachen verfiel sie doch; denn Tante Veronika war nun Siebzig!
Nein, nein, an Hochzeit dachte Herr Salzer nicht. Aber die blanken Augen taten ihm wohl wie der Mai; und wenn die leisen weißen Hände einmal etwas an ihm zurechtzurücken hatten, hielt er sehr stille -- ganz gegen seine Art. Es war so feiertäglich um diese klare alte Dame -- es war mit einem Worte: außerordentlich.
Darum packte er seine Koffer und fuhr nach Ibenheim. »Hallo! Sie müssen mich mal in die Kur nehmen, liebste Tante Veronika,« sagte er und schüttelte ihr die Hände, als wollt' er mit ihr zum Tanz antreten, »jawohl, in die Kur; denn sonst steh' ich für nichts!«
Nach einer halben Stunde kam er aus dem Gaststübchen wieder herunter. Die eine Ledertasche hatte er dem Mädchen Mali anvertraut. Es waren darin Schildkrötensuppen in Büchsen, Kaviar, Spickaal, allerhand Pasteten, gezuckerte Früchte ... es war eine Sammlung, die dem Herrn Salzer Ehre machte. »Es ist aber noch nicht alles,« sagte er geheimnisvoll, »das hab' ich nur so im Abreisen aufgerafft. Der Wein kommt aus dem ›Erbprinzen‹ und kommt von Krehan, eine ganze Kiste,« flüsterte er und sah das alte Mädchen dabei an ... tja, der Herr Salzer! Und ein Kochbuch hatte er ihr auch mitgebracht. Damit sie das aber nicht übelnähme, überreichte er ihr dazu ein Hausstandsportemonnaie, natürlich gefüllt. »Sehen Sie, das da, in dieser Abteilung, ist ganz allein für Sie.« Es war gut und reichlich ... tja, der Herr Salzer!
Die Tante Veronika geriet an dem neuen Mietsherrn in herzenshelles Vergnügen. Und der Herr Professor merkte ihr an, wie es ihr ums Herz war. »Hähähä,« lachte er, »ich weiß alles: die Schwelle des Frühlingshauses ästimieren Sie als die reinste Fundgrube für Buben -- erst war es ein kleiner, nun ist es ein alter Junge, den Ihnen der Wind hergeweht hat, hähähä.«
Aber -- und das ist die Hauptsache -- die beiden Leutchen erschmunzelten sich darüber eine blühende Daseinsfreude. Das ist ein rares Gewächs auf den höchsten Höhen des Lebens, und es gibt keins, das köstlicher wäre. So schlossen sie einen Vertrag, der kaum zwischen ihnen besprochen und der jedenfalls nie geschrieben wurde: sie wollten sich gegenseitig in unwandelbarer Glückseligkeit hinauspflegen aus den grünen Gärten der Erde in die blauen Weiten des Himmels. Fräulein Sinsheimer dachte, nun würde sie das Häuschen am Walde nicht mehr verlassen, bis sie die Sternenreise anträte, die auch fröhlich werden sollte; denn an frohmütiger Weisheit schüttete das Leben in ihr Herz, was nur hineingehen wollte. Aber einmal zog sie doch noch hinüber ins Märchenhaus. Das war aber viel später. Ach ja, die Funkelwiesen, auf denen die Engel spazieren, mußten lange warten, ehe man im Frühlingshause die Wanderschuhe schnürte ...
Nach Weimar geriet der Herr Salzer hauptsächlich nur, wenn es galt, Küche, Keller und Vorratskammer von neuem auszurüsten. Dies Werk betrieb er fortan mit großem Eifer und ausgezeichnetem Feinsinn. Tante Veronika schalt immer ein bißchen über den sündhaften Aufwand, den er mit sich machte, nannte ihn einen Verschwender und behauptete, sie helfe ihm diese vornehmen Sachen nur essen, weil sie für ihn allein unbekömmlich wären. Aber schlimm war das nicht gemeint; denn beim Auspacken waren sie immer zu dritt und hüpften um die Herrlichkeiten herum wie Kinder um den Weihnachtsbaum. Es muß auch verraten werden, daß Fräulein Sinsheimer in dieser Zeit ein ganz kleines venezianisches Glas besaß. Das war nicht geräumiger als ein Daumen. Daraus half sie ihrem Freunde mittags und abends einen Fingerhut voll Wein trinken, oder gar Sekt. Sie fand, es bekäme ihr ausgezeichnet, und sie schlief danach wie eine Tulpe im Winter.
Ja, so trieben sie es. Es war eine Herrlichkeit. Und der Herr Salzer? So oft es Frühling wurde in der Welt, spazierte er an den Waldrand, kippte daselbst sein Tintenfaß um und tat ein Gelöbnis, daß es vor dem ersten November nicht wieder gefüllt würde; denn er hatte herausgefunden, Literaturgeschichte im Sommer säure das Herz an.
»Und zu dieser Entdeckung haben Sie sechzig Jahre gebraucht?« spottete Tante Veronika.
»Hm,« machte er. Aber gleich war er wieder vergnügt; denn er hatte auch herausbekommen, daß er an Frau Do und ihrem Jockele recht eigentlich zum Leben genesen wäre. Und doch, von wem sonst hatten jene beiden es gelernt als von Tante Veronika? Also war Fräulein Sinsheimer für ihn der Brunnen aller Freude! Die Sache war in schönster Ordnung, und die Tage flossen in Heiterkeit dahin. Aber einmal kam ein Ereignis voll herrlicher Allgewalt -- das hieß Henrik Tofte. Es kam nicht in eigener Person, wie man nach dem Ausdruck »Allgewalt« schließen könnte, sondern es kam in Gestalt von Zeitungsberichten, und kam aus dem Märchenhaus. Aber es wirkte, als stürmte der nordisch blonde Skalde selber ins Häuschen und wuchtete die oberen Türpfosten heraus, weil sie zu niedrig waren für sein Hünenmaß ...
Es war in jenem März, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahr alt wurde.