Jockele und seine Frau

Part 14

Chapter 143,863 wordsPublic domain

Es nahm nun alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf: das Rollfuhrwerk kam, der Käfig wurde aufgeladen, Mister Johnny ließ seine gepackten Koffer im Atelier, reiste dem Käfig nach und -- ward nicht mehr gesehen.

Die Koffer forderte er einige Tage später nach Glasgow -- woraus zu schließen war, daß er die Zugspitze erklommen und dort sein »Eigentumsrecht an dem Löwen geltend gemacht« hatte ... Nein, wieder kam er nicht -- aber sein Ruhm hält in München noch für hundert Jahre.

In diesen Tagen war es, daß Professor Salzer die Tante Veronika entdeckte. Er war auf einer Septemberwanderung im Thüringerwald. Damit hielt er es schon immer; denn dies Fahren in bunten Blättern und Träumen war für sein gesammeltes und weises Herz die Erfüllung des Jahres. Und vor allem der letzte Sommer hatte ihm Veranlassung gegeben zum Nachdenken über sich selbst. Ganz leise war die Jugend um ihn her in ihren Frühling geflogen -- Kordula, Cornelius, Gwendolin, Schaffrath, selbst Do und Jockele! Gott ja, sie waren ihm nicht abhanden gekommen. Aber ihr Leben hatte einen neuen kraftvollen Schoß getrieben, und Salzer war ein wenig aus dem Kurs gefallen. Nicht so, als wäre man seiner müde geworden, o nein. Er fand nur: es wäre für ihn in der Ordnung, ein bißchen zur Seite zu rücken. Manchmal, wenn er so droben über den Dächern zwischen Einsamkeit und aufglimmenden Sternen gesessen hatte, pochte es leis an sein Herz. »Herein!« Es war das Glück. »Herr Professor, ich wollte nur fragen, ob wir zwei uns im Leben vielleicht doch nicht so vollkommen eingerichtet haben, wie wir die Jahre her dachten.« -- »Je nun,« sagte er und strich die Asche seiner Importe ab, »im allgemeinen doch wohl ... trotz alledem! Etwas zu wünschen bleibt ja immer. Sollten wir es nicht genau so weiter treiben?«

Aber am nächsten Morgen, während das neue Licht einen herrlichen Kampf mit den Nebeln ausfocht, fuhr auch Salzer in seinen Frühling, fuhr stracks zu Tante Veronika. Er kam vor das Häuschen am Buchenschlag wie die Sonne selber; denn er hatte am Abend zuvor herausbekommen, daß auch die weise Frau vom Walde über den neuen Schossen, die das Jahr im Märchenhause getrieben hatte, ein wenig zur Seite gerückt war. Und Frau Do sollte ihn nicht umsonst die »Würze des Lebens« genannt haben!

Tante Veronika war gerade im Gärtlein und schnitt mit der kleinen Rosenschere ein bißchen am verblühenden Jahre herum. Sie hatte ein violettes Morgenhäubchen auf den schneeweißen Haaren. Da stiegen auf einmal zwei blanke Augen über den Zinseln des Zaunes hervor und darüber der hellgraue Künstlerhut, der stets aussah, als wär' er erst am Morgen aus dem Hutladen bezogen worden. Es gab eine große Freude; die sah zuletzt aus wie eine Malve, die vom Scheitel bis zur Sohle und ringsherum mit schönen rosa Blüten bedeckt ist; denn der Professor wackelte an dem Zauntürlein ... Und als Tante Veronika drinnen den Riegel zurückschob, feierten die beiden Leutchen das Wiedersehen so herzfröhlich -- es konnte kein Mensch glauben, sie wären einander in ihrem langen Leben nur ein einziges Mal auf fünf Minuten begegnet!

Natürlich lugte das Mädchen Mali im Eckzimmer gleich ein bißchen durch den Vorhang -- was es da draußen für einen Spektakel gäbe. Und wie sie Herrn Salzer erkannte, der damals im Märchenhaus auch an ihr vorübergestrichen war, und wie die Frühsonne so um die beiden herumjauchzte, dachte sie: »Die Weisen aus dem Morgenlande!« So war nun das Mädchen Mali! Die Malve wuchs indes immer weiter, und zuletzt ward ein richtiges Feuerwerk daraus; denn der Professor wollte zwei bis drei Wochen im Frühlingshause zu Gast sein -- der erste Herr, der darin »Logierbesuch« war, wenn man das Zigeunerbüblein nicht rechnete. Man denke!

Die Mali lief im Haus herum, als wäre sie frisch geölt, und flitzte über die Stiegen wie siebzehn Jahre. Und die Glocke über der Haustür läutete in einemfort, geriet außer Atem und mußte abgestellt werden; denn die Leute im Dorfe hätten ja gedacht, bei Fräulein Sinsheimer wär' Feuer ausgekommen.

Die Mali rückte gleich das ganze Häuschen in die neue Sonne. Nach ein paar Stunden funkelte es bis ins Herz hinein. Nicht etwa, als ob sie nun alle Winkel ausgestaubt hatte -- ach nein, Winkel gab's hier nicht für solch beschauliches graues Dasein; sondern es war eine lichte Gelegenheit, alle Fenster aufzustoßen an den beiden alten Frauenherzen, und der Himmel fanfarte hinein mit schmetternden Trompeten; denn auch der Tante Veronika war anzusehen, wie glückselig sie war.

Den ganzen Nachmittag saßen die alten Herrschaften in dem Eckzimmer, durch dessen Scheiben damals das Zinzilein nach dem Herrn Prinz geschaut hatte, weil sie ahnte, daß sie nun eine Prinzessin würde -- saßen dort nach Tisch vor den Meißener Schälchen beim Kaffee, und saßen dort beim Tee, als schon die Sonne ihr Königskleid über den Wipfeln des Waldes raffte. Das Leben aber fügte in diesen klaren und köstlichen Herbsttagen dem leuchtenden Sommerschlößlein, das den Namen Veronika Sinsheimer führte, den Schlußstein ein. Um diese Zeit wurde es fertig. Ja, es hatte lange gebraucht dazu, aber nun war es auch etwas prachtvoll Schönes geworden und war ausgerüstet mit allen Kleinodien, die auf dem Wege vom Auszug aus dem Himmel bis zur Heimkehr in ein Menschenherz gelegt werden können. Zuerst hatte es fast so ausgesehen, als wollte dies Leben dem Fräulein Sinsheimer seine Kargheit zeigen und ein Weiblein aus ihr machen, wie sie da und dort an den Rändern stehen. Nun hatte sie Kinder gehabt und hatte Enkel, ihr Herz hatte alles Glück der Welt hundertfältig gespiegelt, und nun hatte sie auch den weisen und fröhlichen Freund, der neben den herrlichen Blüten ihres Geistes und Herzens bestehen konnte.

Deshalb trugen die Stunden im Frühlingshaus Festkleider. Die gläsernen Schränke und die Mahagonimöbel funkelten so, wenn Tante Veronika mit ihrem Freunde vor den Meißener Tassen saß ... »Ja, ja,« sagte der alte Herr, »mit dem Jockele sind wir noch nicht am Ende! Ich glaube, da kommt noch einmal etwas zutage, das keinem von uns im Traum eingefallen ist. Er hat sich dazu so herrlich auf sich selber gestellt, und uns -- läßt er nicht einmal durch das Schlüsselloch gucken.«

Tante Veronika spielte mit ihren Händen auf dem Rande des Tischleins wohl ein schönes leises Lied. Und ihr Gegenüber, der Herr Salzer, führte sie an seiner sicheren Freundeshand den Weg der Wunder: aus dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika ans Herz der Frau Do zum Herzen des lieben Gottes ...

Es war ein feines besinnliches Hinschauen.

Dann redeten sie von weiser Frauenliebe und von dem Segen, der in ihr ist. Von dem Fluche sprachen sie nicht; denn Fluch wächst nur aus Leidenschaft. Liebe aber ist Weisheit ohn' Unterlaß und Einschränkung; denn das Weiseste, was es gibt, ist der Verstand Gottes; und dieser ist Liebe.

So war der Herr Professor Salzer dem Märchenhaus in jenen Tagen abhandengekommen. Niemand fand eine Spur von ihm. Auch Jockele nicht -- wiewohl er siebenmal die hundertneununddreißig Turmstufen emporzog. Cornelius komponierte die Märchenoper und war weg. Gwendolin feierte Hochzeit und war auch weg. Henrik Tofte? Ganz richtig -- zu ihm gehörte das Fragezeichen. Schreiben tat er nicht. Tinte und Feder waren für ihn sein Lebtag Dinge gewesen, die er scheute wie Gift. Seine »Korrespondenz« hatte er sogar einen Winter lang von Nane Thord besorgen lassen. Und das einzige Mal, wo er nachweislich geschrieben -- damals, als er unter die Dichter gegangen -- hatte er das Manuskript vor den Augen der Menschen verborgen. Er sagte: ums Leben könnte er sich auch bringen mit Pinsel und Farbe.

Da packte Frau Do mit dem Diener Fritz die »Madonna in Rosen« in eine flache Kiste und schickte sie an Rolf Krake. Natürlich durfte Fritz nicht sagen, was er dabei dachte -- aber auch für Do war es ein wehmütig Beginnen. Dann setzte sie sich hin und schrieb an Rolf Krake einen klugen und frohen Brief ...

Lieber Einsiedler!

Ihr Verlangen war seltsam. Aber wir dachten: Sie wollen einen Menschen um sich haben, über den Sie Ihre weisen und närrischen Gedanken hinausschicken können ins Leben, in das Sie nicht einmal mehr zu Gaste kommen mögen. Sie haben sich einen neuen Garten Eden geschaffen und fordern eine Gehilfin. Da ist sie! Gwendolin sagt: »Geschaffen von den Händen Gottes ...«

Sie haben sich nun an einen Platz gestellt, an dem für die Menschen das Narrentum angeht. Wir im Märchenhaus aber sagen: das Narrentum hört dort auf. Jeder soll es treiben, wie es sein Glück fordert; denn auf der Welt gehört nichts inniger zusammen als Leben und Glück. Vielleicht werden die Menschen nun Ihre Insel die »Narreninsel« nennen und sagen: »Es lebt dort einer mit einem Bilde!« Und sie wähnen, Sie wären der einzige.

Die so reden, haben es zwar nicht zu dem Kleinod einer Insel gebracht, aber zu Millionen leben sie sich an ihrem Dasein vorüber und leben -- einem Bilde! Meist einem, von dem sie nicht einmal eine klare Vorstellung haben. So kümmern sie sich ihre Straße dahin und kümmern sich ins Grab; aber den frohen Einsamen auf einer Insel nennen sie den Narren.

Sehen Sie, so verstehen wir im Märchenhause den Brief, den Sie an Henrik Tofte geschrieben haben. Er hat ihn uns gelassen als Gastgeschenk. Wir lesen ihn oft und halten unsere Herzen in sein warmes stilles Licht. Erkennen Sie nun: es war ein Traum vom Leben, der Ihnen eingab, das Eiland die »Insel der Auferstehung« zu taufen? Ein lieblicheres Ostern -- wer könnte sich vermessen, es zu feiern? Die Menschen sind Schiffer auf dem Ozean. Nach ihrer Insel steuern sie alle: der eine nennt sie die Insel der Auferstehung, der andere nennt sie Märchenhaus -- -- ihrer sieben gelangen in den Hafen, dreihundert Millionen treiben daran vorüber. »Die Insel finden!« stiller Freund, das ist die Weisheit, das ist die Kraft! Und nun messen Sie Ihr »Narrentum« an diesem Leitsatze des Lebens und sagen Sie getrost: »Es sei wie es sei -- meinen Himmel hab' ich mir errungen!«

Ich sage nicht: wenn Sie einmal Lust haben, in die Welt zu fahren, so kommen Sie zu uns! Nein, schlagen Sie Ihre Wurzeln frohgemut in Einsamkeit und Tiefe, und stehen Sie unerschütterlich auf Ihrem Gelöbnis. Aber wenn Sie einmal herüberzureden wünschen in die Welt der Menschen, so fragen Sie -- mein Mann und ich werden Ihnen von dieser Welt so viel erzählen, wie Sie hören wollen.

Frau Do.

Nichts als ein Brief! Und in den ersten Worten nicht einmal ganz frei und nicht ohne die Sorge des Weibes, das eines anderen ist. Aber nur in den ersten Worten. Die sollten dem Robinson sagen: »Siehe, so ist mein Bild gemeint! Und weil wir es so meinten, hast du es mit Freuden bekommen.« Aber dann war alle Befangenheit von ihr abgefallen. Sie erinnerte ihn nicht pharisäisch an die große Dummheit seines Lebens und sagte: »Das werden Sie nicht wieder tun« -- sondern sie krönte seinen Sieg. Und sie sagte ihm: »Es gibt von alters her auf Erden sieben Weise; sie sterben nicht aus; darum ist ihr Sinnbild zu den Gestirnen des Himmels erhoben. Es sind nicht Sterne erster Größe, aber siehe, du bist einer dieser glückseligen Sieben. Freue dich!«

Von sich selber sprach sie kein Wort. Aber sie ließ ihn ahnen: dein Leben ist nun klug und klar, und es ist ein Leben der Fülle -- trotz alledem! Es ist ein Sinnbild für die dreihundert Millionen Toren, die jeden einen Narren heißen, der nicht die Schellenkappe trägt wie sie ...

Jockele war zu ihr an den Schreibtisch getreten; das Fenster stand offen, die kleine Heidi lag drunten im Garten in ihrem Wagen und schlief.

Nun sprachen sie von Rolf Krake aus ihren hochgemuten Herzen. Do lächelte und sagte: »Haben wir es denn anders gemacht als er?«

Da sah er sie erstaunt an. »Ganz anders.«

Sie aber machte ihre Siegeraugen. Und er sagte: »So hast du mich nicht mehr angesehen, seit -- ich glaube seit damals, als ich die Gwendolin heiraten wollte.« Es war sehr lustig.

»Dann hast du wahrscheinlich in all den Jahren keine so vollendete Dummheit in die Welt gesetzt, liebster Jo.«

»Vor den Siegeraugen hab' ich noch den gleichen Respekt wie damals,« sagte er. Dann zog er sie aus ihrem Schreibsessel empor und führte sie in den Garten, und sie spazierten Arm in Arm unter den schönen alten Bäumen. Es war eine heimelige Stunde, leise und voll von dem warmen Lichte des Mittags.

»Nichts als ein Brief,« sagte er, »aber du hast damit wieder einmal einen Wegstein aufgerichtet für Rolf Krake -- und auch für uns. Der Sommer im Fjord war der Reisesommer: es flimmerte fremde Sonne hinein. Dann kam der Winter der Freunde oder der Gesellschaften. Im neuen Frühling fühlte man so sachte vor nach sich selber. Und nun will alles schön und klar werden ...«

»Nun haben wir unsere Insel,« sagte sie, und wieder blühten ihre Siegeraugen. »Nun, es ist wohl die Art ernster Frauen, daß sie ihr Leben früher anfangen, bewußt zu leben, früher als die Männer. Vielleicht kommt das daher, daß sie die Grenzen ihres kleineren Reiches besser übersehen.«

»Es ist bei uns Männern das heiße Begehren nach der Tat, oft nach einer unerhörten Tat. Darüber stellen wir uns in Sturm und werden getrieben und bilden uns ein, wir wären der Sturm selber. Es ist bei euch Frauen einfacher.«

»Es ist gar nicht einfacher. Von den Frauen verstehst du noch immer herzlich wenig, lieber Jockele -- trotz deiner umfangreichen Sammlung von Erfahrungen,« setzte sie lächelnd hinzu. »Wir geraten in unserer Mädchenzeit an Knaben, von denen wir uns vorreden, sie wären Männer. Und wir werden spielerisch. Zuerst fangen wir an, uns mit äußerlichem Kram zu behängen -- und von Stund an ist die Mehrzahl der jungen Mädchen ruiniert fürs Leben. Aller Sinn für den wahrhaften Schmuck des Daseins geht ihnen verloren. Aber der für den Jahrmarktströdel bleibt, wächst, wuchert und verqueckt uns das Herz.«

»Ist dir das alles über dem Brief an Rolf Krake eingefallen?«

»Warum?«

»Du hast noch nie so hart geredet.«

»O ja,« sagte sie, »aber nicht oft, und du hast auch wohl nie mit so willigen Ohren zugehört. Oder denkst du, ich wäre damals aus dem reichen Hause meines Vaters in das Gartenhüttchen am Horn geflohen und hätte mein Leben auf Biegen oder Brechen gestellt, wenn ich das nicht gewußt hätte?«

Sie hatten ihre Arme fest ineinandergelegt und wanderten zurück bis in jenen Tag, an dem sie einander im Apfelgarten zum ersten Male begegnet waren. Und sahen ihr Leben an. Es stand vor ihnen wie in der Kristallkugel der Buschgroßmutter.

Davon sprachen sie nun. Jockele kannte dies schöne Märchen von Tante Veronika. Er hatte es lange, lange nicht mehr erzählt -- zuletzt wohl droben im Hardanger Fjord am Herdfeuer. Da hatten sie alle zugehört, und Gwendolin hatte gesagt: »Paßt auf, wir erleben es doch noch, daß aus dem Naturforscher der Dichter wird.«

Durch das grüne Dämmerlicht unter den hohen Bäumen sah Jockele die Bilder in der Kristallkugel aufgehen und merkte gar nicht, daß er zu atmen vergaß -- genau wie damals, als ihn die Tante Veronika zum ersten Male vor das Haus der Buschgroßmutter geführt hatte. Es war ein Novemberabend gewesen, und der Bergwind lief ums Haus und sang. Als ihn das Mädchen Mali dann zu Bett brachte, hatte er zu ihr gesagt: »Wenn es wieder Frühling ist, wollen wir die Buschgroßmutter besuchen. Ich nehme meinen Schirm und fort geht's!« -- »Na ja,« hatte ihn die Mali vertröstet, »vielleicht im Frühling. Aber das Gebirge der Riesen ist schwer zu besteigen, und die Riesen sind auch keine netten Leute.« Dies Zwiegespräch hatte Mali der Tante Veronika berichtet; denn das sollte sie. Und Fräulein Sinsheimer sagte: »Sooo! Dann müssen wir das in den nächsten Tagen reparieren; denn fürchten darf er sich nicht.« -- »Überhaupt diese Schauergeschichten ...,« warf Mali ein. »O, die sind herrlich,« behauptete Tante Veronika. »Ich besitze gar nichts Schöneres, was ich in den Jungen hineinspeichern könnte; aber ich habe es wohl nicht richtig gemacht.« Und gleich am nächsten Abend erzählte sie wieder. Das Mädchen Mali durfte zuhören, und es war so schauerlich, daß sie ganz heimlich die Füße unter ihren Sitz zog, weil sie merkte: die große Kreuzspinne spann sie ein, die sich die Buschgroßmutter als Haustier hielt. Dem Zigeunerbuben aber legten sich die blanken Fäden dieser Phantasien schimmernd um das Herz.

Wie viele Jahre waren seitdem vergangen! Und nun stand ein Mann vor der Kristallkugel der Hexe im Baumgarten am Horn, sah die Bilder seines Lebens darin und sagte: »Es ist gar kein Märchen!«

Nein, es war das Leben! Und der Sinn der Rede, daß es ein Aber habe mit Männern, in deren Leben die Frauen nicht eine ungeheure Rolle spielen, ging ihm erst auf in dieser Stunde. Vor anderthalb Jahren an der Hochzeitstafel hatte er das so hinausgeschmettert aus seinem ungestümen Herzen. Es war nicht darin gewachsen. Darum hatte er es auch in seiner Art verstanden -- nicht so wie die ältere Dame, die »O« sagte, aber auch nicht viel tiefer als die anderen. Freilich hatte er hinzugesetzt: »Was mich betrifft, so werde ich mich in die Sonne meiner Frau stellen, wie sich die Erde stellt in das Licht des Frühlingshimmels.« Nun ja, das hatte einen ergebungsvollen Klang gehabt und war auch vorsatzfroh gewesen. Aber man kennt das; und beides war nicht ungewöhnlich für einen jungen Hochzeiter, dem das Zigeunertum nur so aus den Augen blühte. Aber verstanden? Verstanden hatte er es nach seiner Kraft, und etwa wie Hanna von Fellner, die daraufhin mit ihm wettete.

Daran dachten sie nun. Und sie wußten: Hanna hatte die Wette verloren! Jockele war ein Mann geworden mit allen Erkenntnissen. Und es kam eine Allgewalt über ihn -- da faßte er Do an den Hüften und hob sie empor und schmetterte einen Jauchzer über sie. Als sie wieder auf der Erde stand, preßte sie die Hände an die Schläfen, denn seine Wildheit brauste ihr durch die Adern. Er aber sagte ganz fromm zu ihr: »Du liebe Wundertäterin!«

Als es wieder Frühling wurde, ging Heidi im Rasen auf wie eine Tulpe. Sie trippelte von einer Blume zur anderen und trank die blühenden Wunder der Erde in ihre Augen. Jockele dachte: »Wenn sie im nächsten Jahre kommen, kann ich ihr die schöne Geschichte von der Buschgroßmutter erzählen.« Es war ein ungeduldiges Warten in ihm -- er wollte auch sein Teil an der Kleinen haben. Und die verfallende Hütte der Buschgroßmutter stand in seinem Herzen noch genau so, wie sie die Tante Veronika darin aufgebaut hatte. Sogar der Waldkauz brütete noch über dem Türpfosten, und kein Sturm, der in den Jahren durch Jockele gebraust war, hatte das Spinnennetz zerrissen, das vor dem windschiefen Fenster hing: die dicke Spinne mit dem blanken Kreuz auf dem Rücken lauerte noch darin -- genau wie damals.

Ach, vieles, vieles, wovon sich die Erziehungsfreude der Tante Veronika Wunder versprochen hatte, war verflogen -- dachte er. Aber die verstaubteste, hübscheste und geheimnisvollste Hexenhütte, die je ein Märchenmund gedichtet hatte, die war stehengeblieben. Und die wollte Jockele seinem Frühlingskinde mitten hineinbauen ins Herz; denn wie Papa sollte Heidi in jeder Woche einmal darin einziehen und ihr Zauberglück finden, weil es so wunderschön war.

Um diese Zeit begann er, für Heidi zu dichten: kleine Blumen, kleine Blätter, die er über sie warf und die sie mit ihrem jauchzenden Herzlein fing. Dazwischen führte er sein Werk über die Flechten nun doch zur Vollendung. Er reiste an die Hochmoore des Erzgebirges und Bayerns; er durchwanderte die Schründe der Sächsischen Schweiz, wo die Flechten um die Felsenzinnen blühen. Das Riesengebirge lag noch zu tief in den Jahren, und er fühlte, wie er der Naturwissenschaft aus den Händen wuchs. Alles drängte in ihm nach einem Abschluß; denn der hatte noch gut Platz in der Zeit, in der der Dichter in ihm nicht ganz daheim war.

Wie alle Dichter, so fing auch dieser mit sich selber an. »Die halben kommen nie darüber hinaus,« sagte er zu Do; »ich aber will mich weit dahinten lassen. Es soll nicht etwas Windiges werden, was ich da schreibe, und nicht ein kärglicher Abklatsch des Daseins. Es ist Schwachsinn, eine Dichtung über den Leisten des Lebens zu schlagen. Was soll dann weiter daraus werden als ein Schusterwerk? Nein, der Dichter muß sich den Weltplan vom lieben Gott dazu borgen. So etwa: ›Gib her, ich werde jetzt einen Roman schreiben und will darin erschaffen, was du mit der Welt mal vorgehabt hast; denn ich bin besser daran -- mir können die Menschen mein Werk nicht verpatzen, wie sie es dir täglich tun!‹ Wenn man von einem Romane nicht sagen kann: er ist ein schönes Märchen, dann ist er in der Regel miserabel.«

Das war das erste und letzte, was Jockele über sein Dichten zu Do und den anderen sagte, bis zu jener Wagenfahrt ins Riesengebirge. Aber das merkten sie wohl, daß er der Ansicht war: ein vollkommenes Märchen wäre die wahrhaftigste und wahrhafteste Dichtung, die sich ersinnen ließe; denn es steht darin: alle Schöpferweisheit und Teufelslist, alle Menschenklugheit und Torheit, alle Tücke und Liebe -- und das eindringlichste und beredteste Weltbild ist fertig. »Laß dir nicht in deinem Leben und Dichten herumwühlen von den Menschen!« sagte er.

»Mich deucht, das wäre ein gutes Nachtgebet,« sagte Salzer.

»Ja -- für alle; aber zumeist für die Dichter.«

So schwang sich aus den Frühlingswiesen des Lebens alles in die Bahnen, auf denen es dereinst schön und kraftvoll zu den Höhen des Daseins gelangen sollte. Aber stetig und unwandelbar in den wandelnden Jahren blieben Dos und ihres Mannes Herz: das eine in seinem stillen klaren Licht -- und war ein Segen für und für; das andere in seinem weltseligen Zigeunertum: ewig unrastig und voll stolzer Träume, dabei immer bedacht auf die ruhevolle Breite des Lebens -- und doch ohne Sturm; stets voller Blüten und voll der fröhlichen Weisheit des Glücks. »Es ist das Erbgut der Männer meines Volks,« sagte Jockele, »als Könige der Pußta tragen sie den Himmel in den Augen, und von dem Golde der Sterne -- den fliegenden Tropfen des großen Weltenozeans -- ist ein Glanz in unsere Herzen gespritzt.«

Gwendolin lächelte über diese Worte dahin. »Es scheint, den Pußtawanderer Adalbert Stifter trägst du stets auf der Brust.«

»Nein, mitten darin,« bekannte er.

Aber Gwendolins Rede war nicht mehr frei wie einst. In ihren Augen lag nicht mehr die stürmende Fülle. Und in den Klang ihrer Stimme fand sich die Wehmut.

In einer Juninacht saßen die drei Frauen und Jockele im Garten, unter der Ulme, und tranken Erdbeerbowle. Der Mond kämpfte sich blutrot hinter den Büschen herauf. Heuduft schwebte von den Parkwiesen hoch. Da erhob Gwendolin ihr Glas gegen den Mond und sagte: »Noch eine halbe Stunde, du lieber Nachtgesell, dann hast du gesiegt in deinem dumpfen Kampfe gegen den Dunst der Tiefe! Wo bleibe aber ich?«

»Unbegreiflich,« sagte Kordula, »wer hätte gedacht, daß eine Zeit käme, in der du zag würdest vor dem Leben? Du!«

»Es wundert mich gar nicht,« sagte Do, »Gwendolin ist eine von jenen, die mit siebzehn Jahren heiraten müssen. Es ist nun nicht leicht, ihr Mann zu sein.«

»Ihr habt beide gut reden,« sagte Gwendolin bitter, »du und Kordula.«

»Halt,« gebot Jockele, »ich arbeite nur noch nebenher in Flechten, Menschenherzen sind mir wertvoller, und Do sagt, von Frauen hätte ich keine Ahnung. Aber vielleicht von der Ehe?«

»Erst recht nicht,« behauptete Gwendolin, »denn du bist eines jener Hätschelkinder des Schicksals: laufe nur mit weit offenen Händen durchs Leben -- es fällt immer etwas Herrliches hinein!«

Nun, Jockele war diese Rede von den Menschen gewöhnt; sie wächst wild um alle Zäune. Ernst nahm er sie nicht. Da sie nun aber von Gwendolin kam, wurde er steil und blies zur Schlacht. »Du, seit wann bist du ungerecht?«

»Ich habe wohl schon an meinem Verstande gelitten,« bekannte sie.