Part 13
»Na, Meyer?« fragte Henrik Tofte.
Da raffte sich Erich Meyer zusammen und sagte: »Mir scheint, die Gassenbuben werfen Ihnen die Fenster ein. O, ich kenne das -- diese Zeit hab' ich schon überwunden.« Dafür drückte ihm Gwendolin sein Glas in die Hand und klang das ihre herzhaft dagegen.
Aber mit Henrik Tofte war es an diesem Abend doch anders. Zu anderen Zeiten war er immer mit geschwungenem Becher hoch über der Freude dahingeschwankt. Heute saß er fromm in dem goldenen Lichte Dos. Und so oft ihm ein Stein ins Fenster flog, merkte er besinnlich auf. Gwendolin sagte: »Es geschehen Zeichen und Wunder, Cornelius! Komm, wir beide setzen uns zu Jockele und Kordula. Ich will euch eine schöne Rede halten über das Thema Henrik Tofte.« Sie faßte ihn unter, und nun gerieten sie im Besuchszimmer an dem »großen Licht« in Lust. Die beiden im Wintergarten hörten zu. Zuletzt sagte Tofte: »Liebste Frau Do, darf ich einen Monat in dem Märchenhause bleiben? Einen ganzen Monat?«
»Ja,« sagte sie, »Sie dürfen bleiben, solang es Ihnen Freude macht.«
Man ging auch an diesem Abend zur gewohnten Zeit schlafen. Halb elf Uhr; längstens elf Uhr wurde es, wenn Gäste da waren. Es hatte sich seit dem Winter manches geändert. Heidi verlangte früh am Tage nach Mama -- so ward der Tag länger. Und Jockele fand sich in das Wirken der neuen Zeit nur zäh und ungesammelt, wenn er die Mitternacht in Gesellschaft vorübergewacht hatte. Aber von dem Geheimnisse seines Schreibzimmers war nicht ein Zipflein gelüpft worden, trotz List und tastender Neugier. Und Gwendolin hatte in vier Wochen Hochzeit. So trugen die Tage für jeden ein gerüttelt Maß freudiger Mühen, die Abende Sehnsucht nach Schlummer.
Aber Henrik Tofte schlief nicht. Er saß an dem offenen Fenster, an dem noch im Frühlinge die hohen Maßholder und Sterne über Kordula aufgeblüht waren, ließ die Nacht um sein Herz wehen und erlebte das große Wunder. Nicht so, als ob er die Rede vom Segen dieses Hauses weitergedacht hätte, die er am Abend vor Gwendolin gehalten. Und nicht so, als ob er sich den Weg zu den kommenden Tagen mit guten und tüchtigen Vorsätzen gepflastert hätte, weil in der dunkelblauen Hochnacht so schön Zeit dazu war, die Gedanken auf einen Müßiggang zu schicken ...
Henrik Tofte stand am Anfang einer neuen hellen Straße und hub an zu wandern -- ganz ohne Rausch und Plausch, ganz ohne Traum und Schaum und ganz ohne Mahnung und Ahnung: es war das leibhaftige Wunder! Aber er wußte es nicht. Wußte nichts von dem neuen Wege, schwur keinen Eid und fühlte nicht, daß, der da saß vor der flimmernden Stille der Nacht, ein Mann war, der ihm zeit seines Lebens noch nicht vor die Augen gekommen: sondern er dachte: dieser Mann ist der blonde Skalde, Weber, Maler, Heilgymnastiker, Anstreicher, Zirkusclown und Gepäckträger, den ein verrückter Welscher sogar einmal für einen Erzieher gehalten hat ...
Die Einbildung, daß er sich in diesem Menschen zurechtfinden würde, hatte er schon längst aufgegeben, und damit mühte er sich nicht mehr ab. Stunden, wie diese -- dachte er -- hätte er schon tausendmal erlebt. Also: es wäre mit ihm wieder einmal alles in schönster Ordnung, und der kleine Gefühlsausbruch in Tugend und Reue, den er nach dem Nachtmahle gehabt, wäre glücklich überstanden. So dachte er. Und er gelobte nicht: »morgen oder übermorgen, oder wenn es paßt, werde ich der Welt mal zeigen, was eigentlich hinter mir steckt -- hah!«
Von all dem keine Spur. Es war das leibhaftige Wunder. Henrik Tofte wandelte rüstig auf der neuen hellen Straße und sah Do. Die kleine Heidi legte ihr Köpflein mit dem gesponnenen Golde lieblich an ihre Wange. Und hinter ihr stand breit und frühlingsoffen der Wildrosenbusch und blühte und blühte. »Madonna in Rosen! So will ich dich malen -- in dem kupferfarbigen Sommergewand und mit dem blauen Kinde!«
Wäre es nicht das leibhaftige Wunder gewesen, das in ihm wirkte, so wäre er nun in den Garten gestürmt, mitten in der Nacht, oder in den Park, und hätte nach dem Lichte des Morgens gerufen, um eine ungeheure Tat zu tun. Aber wenn er den Morgen dann erspäht hätte, wäre er müde gewesen, hätte sich hingelegt und geschlafen -- drei Tage, wenn's ihm gerade so paßte.
Das alles tat er nicht. Er legte sich zu Bett. Und am Morgen fand er sich pünktlich um acht Uhr an den Frühstückstisch, der so schmuck unter der Ulme stand. Ein breiter Strom von Sonne stürzte von rechts herein. Und Henrik Tofte sprach ruhevoll mit Jockele und Do über die Madonna in Rosen, und daß er in diesem wundertätigen Frühlichte malen wollte.
»Dies Licht ist nur eine halbe Stunde,« sagte Do.
»So werde ich Sie viele Tage und immer nur eine halbe Stunde bitten,« sagte er. »Wo ist Gwendolin?«
»Sie nimmt den Kaffee auf ihrem Zimmer. Früher ging sie dann malen, und wir sahen sie über Tag nicht. Sie wissen ja, wie sie es treibt. Nun aber hat sie freudige Sorgen und Pflichten, die alle in diesen vier Wochen erfüllt sein müssen. Für heut abend bittet sie Richard Schaffrath und den Professor zu uns.« Und Jockele sagte: »Über Tag richten Sie sich ganz nach Ihren Wünschen, lieber Tofte -- wie wir uns nach den unseren. Ich arbeite zwischen den Mahlzeiten auf meinem Zimmer. Wir wollen da nicht aufeinander angewiesen sein, nicht wahr?«
Abends waren sie im Garten unter stillen bunten Lampen. Schaffrath, Salzer und Tofte schritten hin und wieder in nachdenklichen Gesprächen um den großen Rasenplatz. Von der Gewaltsart, in der ihnen der Norweger vorgestellt worden, spürten sie nichts. Da wuchsen sie freimütig und männlich zueinander. Gwendolin merkte es, und die anderen merkten es auch: das Wunder war geschehen. Nur Tofte ging daran vorüber und war ahnungslos wie ein Kind. »Du hast dich an ihm verzeichnet,« sagte Schaffrath zu Gwendolin, »du hast uns einen Riesen mit einem Kindskopf gemalt und einen Seher mit einer Schellenkappe -- und nun ist er ein ganz gewöhnlicher und aufrechter Mensch.«
»Morgen werdet ihr ihn erkennen,« sagte Gwendolin.
Es vergingen Tage. Einmal wanderten Schaffrath, Meyer, der Professor und Tofte nach Ettersburg, ein andermal nach Belvedere. Sie waren fast an jedem Abend zusammen -- aber sie erkannten ihn nicht anders als in den ersten Stunden.
»Was ist das mit dem großen Licht?« fragte Gwendolin.
»Ich weiß es nicht,« sagte Do.
Wenn es des Morgens die Zeit war, daß er malte, war er mit ihr und Heidi allein im Garten. Es drängte sich niemand in diesem Haus um ein wachsendes Werk. Am Ende der zweiten Woche fragte Do die Gwendolin: »Hast du die Madonna gesehen?«
»Nein.«
Do blickte die Freundin aus ihren hochgemuten Augen an und sagte: »Dann laß sie dir zeigen. Ich glaube, das Bild ist sehr schön.«
»Hast du mit ihm davon gesprochen, Do?«
»Nein. Du weißt, er wartet nicht auf ein Lob. Und was ich zu sagen hätte, kam mir zu billig vor. Deshalb schwieg ich -- und weil es so unerhört, weil es über jedes Maß ist.«
»Es kann sein,« sagte Gwendolin.
»Weißt du auch nicht, daß er sich über jedes Maß abmüht dabei, Gwendolin?«
»O, Henrik Tofte quält sich nie!« sagte sie.
»Mir scheint, er weiß es selbst nicht. Aber er ist froh, daß das Licht nur eine kurze halbe Stunde hält. Nur einmal sagte er, es läge wie Spinnengewebe in seinen Augen.«
»So wird er sich an deinem Lichte geblendet haben,« scherzte Gwendolin.
»Ja, das sagte er.«
Am Anfange der vierten Woche ließ Henrik Tofte das Bild auf der Staffelei im Garten stehen. »Nun -- darf man kommen?« fragte Gwendolin. »Fertig?«
»Ja.«
Da legte sie seinen Arm in den ihren und führte ihn hin. Wie sie davorstanden, war es, als schlüge Gwendolin Wurzeln; und die Augen liefen ihr über. »Tofte, Tofte!« sagte sie und legte ihre Hände auf seine Achsel und ihre Stirn an seine Brust. Dann sah sie ihn an und sagte:
»Ich habe zweimal geweint, daß ich es weiß: einmal -- nun: ein andermal ... und jetzt! Du stehst ja selbst davor und möchtest weinen!«
»O nein,« sagte er, »es ist fromm und freudig, ja, und es macht mich sehr glücklich.«
Dann wandten sie sich, und im Gehen sagte sie: »Ich habe recht gehabt: so kann nur Henrik Tofte malen und der liebe Gott. Laß das Bild dort stehen. Ich habe Richard und Salzer gebeten -- sie kommen vormittags.«
Und als sie gekommen waren, standen sie alle um die Madonna in Rosen. Gwendolin hatte nun einen ruhevollen Rahmen in altgoldener Tönung darum gelegt. Und alle sahen: es war ohnegleichen. Ohnegleichen in seiner Lebensfülle. Ohnegleichen in den warmen Schwingungen der Farben. Kein Farbenrausch, der die atmende Schönheit der Natur erstickte. Ohnegleichen in der schmuckhaften Anordnung. »Ein kostbarer Edelstein,« sagte Richard Schaffrath aus einer tiefen Künstlerandacht heraus, »vom Lichte des Gottes durchtränkt -- es ist ohnegleichen, ist ohnegleichen.«
Henrik Tofte löste sich hernach aus dem Ringe der Freunde und ging in sein Zimmer. Er dachte daran, daß die Zeit seiner Abreise nun nahe wäre.
Mit dem Lobe der Freunde war es, wie wenn ein Mann einen Becher füllt mit edelstem Weine, den er lange Jahre hindurch in seinem Keller aufbewahrt hat für einen Tag, der recht herrlich und königlich über alle seine Art hinauswächst. Und dies Lob dauerte auch genau so lange, wie jener Becher braucht, um einmal die Runde zu machen. Dann war es vorbei. Henrik Tofte hatte diese Menschen nicht zum ersten Male vor die Schätze geführt, die verschwenderisch in ihn geworfen waren. Man wußte: solches Verschwendertum ist eine Schöpferlaune. Aber es wiederholt sich darin die Geschichte vom Distelfinken, dem der liebe Gott aus jeder Farbschale den Rest auftupfte. Er verstaut an Gaben in einen einzigen, was in seiner Werkstatt herumliegt und ihm gerade in die Hände fällt. Und der Mensch, der also angefüllt ist, mag zuschauen, wie er damit fertig wird. »Ja, so ist der liebe Gott mit Henrik Tofte zu Werke gegangen,« sagte Gwendolin. »Es ist auch viel Sturm in ihn hineingepackt, und das große Licht blakt nun in diesem Sturme.« Jockele schupfte die Schultern: »Was wollt ihr? Es geht in dem reichsten Kopf und Herzen eine ganze Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind -- hat ein Dichter gesagt -- und selbst der liebe Gott kann nicht jedem Tag ein Gesicht geben: es hat eben nicht jeder eins.« -- »Ja,« sagte Schaffrath, »so ist es wohl. Aber das sollt ihr wissen: ich habe vor keinem Bilde die Schauer der Allmacht empfunden wie vor diesem.« Sie sahen immer nach der Madonna hin, während sie so redeten. Und Gwendolin sagte: »Ich mag dir diesmal nicht zustimmen, Jo; denn ich weiß, Henrik Tofte hätte die Kraft, jedem Tag ein Gesicht zu geben, wenn er nur wollte!«
Da hatte sie einen schweren Stand und kam sich vor wie ein kleiner Vogel, der in einen Flug Falken geraten ist. Aber sie wehrte sich mit Frauenhartnäckigkeit und sagte: »Ihr werdet mich doch nicht unterkriegen mit euren scharfen Schnäbeln! Es wäre besser, ihr fragtet: was ist es, das dem Henrik hier in eurem Hause diese Gnade schenkte?«
»Ho,« sagte der kluge Professor Salzer, »jetzt kommen wir dem Geheimnis auf die Spur! Es ist der Segen der schönen Frau Do; es ist der Segen des Vorbilds, das er sich diesmal wählte ...«
So rieten sie sich heiße Augen und Herzen. Sie errieten vieles, aber zum Kerne des Rätsels gelangten sie nicht; denn der Tag, der das letzte Licht brachte, war ein Tag tiefster Finsternis. Und dieser Tag war noch nicht gekommen.
Henrik Tofte kümmerte das alles nicht. Er kümmerte sich auch nicht um sich selber. Und er konnte nicht begreifen, daß die Menschen sich um ihn stritten. Heute hatte er Lust, in einem offenen Wagen hinauszufahren in die Wälder. Also rief er aus dem Fenster, ob sie dabei sein wollten. Und dann bestellte er für nach Tisch drei Wagen aus der Stadt. Die Madonna in Rosen schien über dem neuen Plan in ihm schon in ewiges Vergessen gesunken zu sein; Gwendolin mußte Sorge tragen, daß das Bild ins Haus kam und gefahrlos trocknete.
Daß Henrik von einer Sehnsucht nach der grünen Stille der Wälder und den sanften Farben der Erde in diesen späten Sommertagen geleitet wurde, daran dachte er nicht. Er »beschloß« die Fahrt -- das war seine Erklärung. Die stillen Stimmen, die sie ihm geboten, vernahm er nicht. Das waren in diesem Falle seine Augen. Und in diesen hellen Brunnen, die das Wunder des Lichts auf all seinen Glanz und seine Geheimnisse durchspürten, lag zuletzt das Rätsel begriffen, das Henrik Tofte hieß. Aber er wußte es nicht. Niemand wußte es. Deshalb hatte er zu Frau Do gelacht über das Spinnengewebe, das in diese Augen fiele.
Nun hatte er vier Wochen gemalt -- durch dreißig Jahre hatte er sich nicht zu einem solchen Aufgebot an Kraft zwingen können. Er hatte vier Wochen gemalt, und nun sahen seine Augen die Welt wie die Augen eines Kindes, das fürwitzig ins Gesicht der Sonne geschaut hat: es hing für sie ein leiser grauer Schleier um alle Dinge. Der war unendlich fein, aber er war da. Und Henrik Tofte wußte es nicht; denn so war es für ihn gewesen, solange er denken konnte. Es war eine Selbstverständlichkeit -- wie es für die Sterne eine Selbstverständlichkeit ist, daß sie nicht in ihrem Glanze sind, wenn sie der Himmel nicht mehr braucht.
Einmal im Hardangerfjord, ein einziges Mal, hatte er daran gerührt. Das war, als ihm Gwendolin vorwarf: »Faulheit bei einem gewöhnlichen Menschen ist ein Laster -- aber bei Ihnen, Tofte, ist sie eine Gotteslästerung.«
Da hatte er gesagt: »Diese Faulheit liegt in meinen Augen -- nur wenn ich alle Wunder mit ihnen erringe, die im Lichte sind, dann will ich malen. Ihr anderen, die ihr blind geboren seid, mögt das halten, wie ihr wollt. +Mir+ sind die Augen an manchem Tag ausgegangen -- je nun: die Sonne geht dem lieben Gott ja auch mal für ein paar Wochen aus!« Da sagte Gwendolin: »Mit so schönen Worten deckt Henrik Tofte seine Faulheit zu.« Weiter fiel dem feinhörigen Mädchen dabei nichts ein.
Nach Mittag fuhren sie in die Welt. Auch Kordula und Erich Meyer waren dabei, und es war noch Platz in jedem Wagen für ihre Freude. Jockele, Do und Tofte saßen zusammen. In allen drei Wagen sprach man von Henrik oder von der Madonna. Das Bild war ein Erlebnis. Aber im vorderen, in dem Henrik saß, redete man auch von seiner Abreise und von seiner Wiederkehr; die eine sollte morgen geschehen, die andere in ein oder zwei Jahren. So fuhren sie durch die Ettersburger Wälder und am Abend über Tiefurt heim. Für Gwendolin und Schaffrath gab es an diesem Tage noch andere wichtige Dinge zu reden; denn übermorgen hatten sie Hochzeit. Es war gar nicht zu verkennen: Tofte wollte diesem Tag ausweichen. Gwendolin fand das seltsam, die anderen nicht. Aber er hatte es so eilig, daß ihm Do die Sorge um die Madonna abnahm -- sie wollte dafür tun, daß sie in Rolf Krakes Hände käme, wenn die Zeit da war.
Am anderen Tage schied Henrik aus dem Haus am Horn und ging wieder nach München. Er mietete sich ein Atelier in Altschwabing -- das gab eine Aufregung unter den Malern, die er kannte. Mister Johnny, der nun wieder sein Nachbar war, hatte die Giraffe vollendet. »Ein dusterer Einfall,« sagte Tofte.
»Noch dusterer scheint mir Ihr Vorhaben,« lachte Johnny, »wozu in aller Welt brauchen Sie einen Malraum?«
»Arbeiten will ich.«
»Haben Sie das in Weimar gelernt? Und ist aus dem Bild etwas geworden?«
»In ein paar Jahren will ich es mir darauf ansehen. Bis dahin hab' ich zu tun -- es ist die höchste Zeit.«
Mister Johnny wunderte sich selten; aber Tofte sprach diesmal so, als gäb' es kein Ausweichen vor sich selber. Zu anderen Zeiten hätte das anders geklungen. »Ich modelliere jetzt einen Löwen,« sagte Johnny. Dann führte er Henrik hinaus in den Garten. Dort stand ein Käfig, wie ihn die Leute aus den Tierbuden von Jahrmarkt zu Jahrmarkt senden, und ein leibhaftiger Löwe saß darin ... Nun ja, auch Mister Johnny hatte seinen sanften Sparren. »Ich habe ihn von einem Menageriebesitzer gemietet bis zum Oktoberfest,« sagte er. »Und gleich morgen wollen Sie anfangen zu arbeiten? Ach, kommen Sie doch heute mit mir nach Dachau! Morgen mittag sind wir wieder daheim, und Sie haben bis zum Abend noch Zeit zur Übersiedlung.«
Aber Tofte schlug es ihm ab; er hatte einen Einfall, der wog ihm heute so viel wie eine Tonne Gold; gerade heute; denn gänzlich hatte er den alten Henrik in Weimar nicht umgebracht. Er redete aber nicht davon.
Abends, als Johnny schon längst weggefahren war, erschien Henrik mit einigen Freunden und einem Löwenkäfig im Garten von Altschwabing. Sie ließen den Löwen aus dem einen Käfig in den anderen spazieren und entführten ihn so im Dunkel der Nacht. Am anderen Vormittage, kurz vor der Heimkehr Johnnys, kam Tofte noch einmal und markierte in dem geschorenen Rasen eine Löwenfährte. Er wurde damit fertig, und es war nun sehr gut zu sehen, wie das Tier ausgebrochen und über den Rasen gestapft war, wie es vor dem Zaun zum Sprung angesetzt und den Sand mit den Klauen geschlagen hatte, ehe es in den Englischen Garten entwich.
Nicht lange, so sprang Mister Johnny die Stiege im Nachbarhause zu Toftes Malraum in langen Sätzen empor. Er riß die Tür auf und berichtete, der Löwe wäre ihm davongelaufen.
»Unmöglich!«
Dann eilten sie miteinander hinab und sahen die Spuren im Gras und im Sande der Wege. »Ha!« stöhnte Mister Johnny.
»Man wird Ihnen einen Schabernack gespielt haben,« sagte Tofte.
»Denken Sie denn, ich kenne die Löwenfährte nicht?« schrie Johnny. »Halten Sie mich für einen Dummkopf?«
»Im allgemeinen nicht.«
»Und meinen Sie, ich hätte nicht einmal das bei meinen afrikanischen Jagderlebnissen gelernt?« Dabei führte er Toften noch einmal auf der Spur durch den Garten. »Er hat sich keinen Augenblick besonnen -- auf dem kürzesten Weg ist die Bestie entronnen.«
»Zu dichten brauchen Sie deshalb nicht -- sondern Sie müssen sofort die Polizei benachrichtigen,« sagte Henrik; »mir schwant ein fürchterliches Unglück.«
Johnny enteilte. Er warf sich in ein Auto und fuhr zum nächsten Polizeiamt. Dort wußte man nichts von dem Ausbruch eines Löwen. »Nun ja. Vielleicht ist es erst vor einer Viertelstunde geschehen; denn die Fährte war frisch.« Heimlich erwog Johnny, ob er nicht auch ausbrechen und nach England entweichen sollte auf Nimmerwiedersehen. Finsternis fiel über ihn bei dem Gedanken an das Unglück, das da drohte, und bei dem Gedanken an die Rechenschaft, die man von ihm fordern könnte. In rauchendem Wagen kehrte er nach Hause zurück. Es fiel ihm nichts dabei ein, daß er Tofte in seinem Atelier fand und daß dieser sagte: »Ich habe alle Polizeireviere Münchens und die Ortschaften über den Englischen Garten hin angerufen und geboten, das Vieh zu erschießen, wo es sich sehen läßt.«
»Machen Sie, was Sie wollen!« brüllte Johnny, »ich reiße aus.«
Das hatte Tofte geahnt.
Und keine fünf Minuten vergingen, da rasselte der Wecker des Fernsprechers ...
»Hier John Williams.«
»Hier Stationsvorsteher von Pasing. Es steht ein Löwe auf der Strecke kurz vor Pasing, der Zug kann nicht einfahren -- ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Ach wo! Wie kommen Sie darauf?«
»Ein Reisender sagt, Sie hätten Ihren Löwen als vermißt bei der Polizei gemeldet.«
»Fällt mir ja gar nicht ein!«
»Um so besser. So werden wir ihn erschießen.«
Johnny erbleichte. »Um Gottes willen ... Nicht erschießen! Ja, ja, es ist mein Löwe! Er ist es -- mit größter Wahrscheinlichkeit. Aber nicht erschießen -- der Spaß würde mich zehntausend Mark kosten!«
»Gut. Wir wollen also sehen, was sich tun läßt. Schluß.«
Tofte hatte das Kursbuch einstweilen in seiner Brusttasche geborgen, in dem Johnny zuvor hastig geblättert hatte. »Der erste Akt!« sagte Johnny zerknirscht und hing den Hörer an. Dann warf er die tausend Dinge herum, die er auf den Tisch gestapelt hatte, warf sie in die Koffer, warf sie wieder heraus und suchte das Fahrbuch und wußte es kaum. Wieder rief das Telephon ...
»Hier Erholungsheim Waldhaus.«
»Wer?«
»Wald -- haus, eine halbe Stunde hinter Pasing. Es steht hier ein Löwe vor der Gartentüre ... Ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Wie kann ich das wissen?« brüllte Johnny.
»Wie, bitte?«
»Lauter, lauter!« mahnte Tofte.
»Teufel,« knirschte Johnny, »Teufel!«
»Nein, ein Lö -- we, ein Lö -- we! Wir müssen ihn erschießen, wenn Sie nicht augenblicklich Abhilfe schaffen.«
Mit triefender Stirn sank Mister Johnny in den Stuhl. »Wollen Sie nicht in einem Auto nachfahren?« rief Tofte.
»Zum Donnerwetter, was soll ich denn dabei tun?«
Und wieder gellte der Wecker, jäh, jäh und schüttete einen Haufen Entsetzen aus ...
»Hallo! Hier Hotel ›Zur Post‹ in Garmisch. Eben ist ein Löwe in unseren Speisesaal eingebrochen. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Herr -- gott!« stöhnte Johnny.
»Nein, ein Löwe ...«
»Was?«
»Ein Lö -- we!«
Der Hörer klirrte an den Haken. Mister Johnny preßte die Hände vor die Ohren und irrte mit seinem Entsetzen durch den Raum. Dann schlug er die Koffer zu, verschloß sie und zerrte sie zur Tür. »Es nützt Ihnen nichts,« sagte Tofte, »längstens in der Halle des Bahnhofs hat man Sie gehascht. Merken Sie denn nicht, daß Sie der Mann des Tages sind?«
Das Telephon!
Noch einmal wankte Johnny hinzu ...
»Hallo! Hier Berghaus Zugspitze.«
»Wer?«
»Berghaus Zugspitze -- dreitausend Meter über dem Meere.«
»Was gibt's?«
»Es ist hier ein Löwe zugelaufen. Wir haben die Bestie eingekäfigt. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«
»Ja,« gestand John Williams. Seine Kräfte gingen zu Ende. Aber Erlösung träufelte in sein Herz wie Mairegen.
»Sind Sie noch da? Wir fordern Sie auf, Ihr Eigentumsrecht ...«
»Was?«
»Ihr Eigentumsrecht geltend zu machen und das Tier spätestens morgen abzuholen!«
»Dem Himmel sei Dank,« sagte Mister Johnny, »das Leben wird mir in dieser Stunde zum zweiten Male geschenkt.«
»Das kann ich mir wohl denken,« begann Tofte nachdenklich. Es wollte ihm scheinen, als hätte das Spiel seinen Höhepunkt wohl für die Freunde, nicht aber für Mister Johnny bereits überschritten. Das ging eigentlich gegen den Plan. »Je nun, die Welt ist nicht reich an Humor, und wo er einmal wächst, soll man ihn nicht in der Blüte knicken,« sagte er zu sich. Daß es mit der Geographie Johnnys mangelhaft bestellt war, das wußte man -- o, Mister Johnny war ein Brite! Und so war es für ihn durchaus kein Wunder, daß der Löwe die Strecke Pasing, Garmisch, Zugspitze im Fluge weniger Minuten durchmessen. Die Freunde hatten ihre Rolle ausgezeichnet gespielt, und dem Johnny war über der raschen Folge der Ereignisse wirklich nicht der leiseste Verdacht aufgestiegen ...
Oder doch? Und suchte er nun schweigend die Fäden zu entwirren? Sann er darüber nach, wie die Lage für ihn zu retten wäre? Tofte wollte zur Klarheit gelangen. »Hm,« unterbrach er die Stille, »schleierhaft bleibt mir bei alledem, was das Vieh eigentlich auf der Zugspitze zu suchen hat?«
»Das ist mir ganz egal,« polterte Johnny los, »im Atlas klettern die Löwen auch auf die Berge! Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen darüber zu unterhalten, verstehen Sie? Die Frage ist jetzt: wie kriegen wir ihn herunter.«
»Nun, das ist doch sehr einfach: Sie telefonieren nach einem Rollfuhrwerk, lassen den leeren Käfig zur Bahn bringen, geben ihn als Passagiergut auf, und wenn es Mühe machen sollte, ihn auf den Gipfel der Zugspitze zu bringen -- nun, so kann man die Bestie vielleicht droben in ein Drahtgeflecht einnähen, anseilen und herunterlassen ... O, das läßt sich dann schon machen.«
»So!« brüllte Johnny, »und das nennen Sie einfach?«
Tofte zog die Achseln. »Tja -- der kürzeste Weg zum Ziele! Das ist stets der relativ einfachste ...«
Auf einmal erklangen Männerstimmen -- von drüben aus den Fenstern des Ateliers im Nachbarhause. Es waren die Maler, die an dem Scherze beteiligt waren und zuerst in Toftes Malraum die Gegend erkunden wollten. Tofte sah aus dem Fenster und rief hinüber: »Mister Johnny hat mir den ganzen Tag zerdonnert. Der Löwe ist los!«
»Der Löwe?«
Da eilten sie alle herüber, stießen ihre Arme und ihre entsetzten Stimmen in die Luft, und Johnny forderte sie auf, mit ihm die Zugspitze zu besteigen, um den Ausreißer im Triumphe heimzuführen. Aber sie lehnten ab. Tofte schützte Arbeit vor, die anderen vier fanden die Sache zwar eigenartig, aber auch gefährlich.