Jockele und seine Frau

Part 12

Chapter 123,902 wordsPublic domain

Kein Wunder, daß Gwendolin und Kordula in der Pflege um Do wetteiferten. Sie wechselten in den Tag- und Nachtwachen ab, und sie wußten nun alle drei, daß sie von dieser Woche noch zärtlicher aneinandergekettet worden und daß ihr Leben auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommen hatte. Die Herzen der Mädchen hatten heimgefunden und sahen eine schöne lichte Straße, von der sie nun sagten: hier müssen wir wandern. Und die gütige und weise Frau Do, die sich seit der Mitte des Winters in beseligtem Erwarten ein wenig zur Seite gestellt hatte, fühlte nun wieder inniger mit den Mädchen. So waren sie sich in vollerem Glücke nähergerückt. Es gab neue Pflichten im Hause für Kordula und Gwendolin, Pflichten, die sie heimlich ersehnt hatten, um Do und Jockele ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Und über allem schwebte die fröhliche und doch wehmütige Zuversicht: in ein paar Wochen wäre dies neue Leben schon wieder von einem noch neueren verdrängt. Danach würden sie zusammenkommen als drei junge Frauen, jung und glückselig und voller Erfüllungen und Geheimnisse ...

So lief die Zeit. Es war anders geworden in allen Dingen, seit Heidi das Frühlingskind Einzug gehalten hatte. Aber ein liebes heimeliges Märchen blieb's, ja, es war noch lieber und heimeliger als zuvor. Do fand das richtige Wort dafür und sagte:

»Es ist ein Sommer der gekrönten Sorgen. Wißt ihr noch, wie wir damals im Blockhaus auf der Osterinsel schon einmal an Hochzeit und kleinen Ausstattungen bauten? Es ist jetzt viel schöner. Es ist jetzt so, wie ich mir dachte, daß es sein müßte -- wir sind jetzt erst alle drei daheim,« setzte sie in ihrer goldenen Innigkeit hinzu.

Darüber wurden Sommer, Leben und Menschen immer fertiger und schöner.

Zuerst hielten Meyers Hochzeit. Es war im Juni. Sie mieteten das kleine Haus am Park, das vor Oberweimar an das Birkenwäldchen hingelehnt ist. Man muß nur immer die breite Straße weiter gehen, die an Goethes Gartenhause vorüberführt -- da ist es dann das erste linker Hand. Auch wenn man abends vorbeigeht, erkennt man es gleich: hinter zwei Fenstern des Oberstockwerks brennt eine grüne, hinter den zwei anderen eine rote Lampe. Bei der roten sitzt Erich Meyer und verdichtet sein junges Glück in Tönen. Kordula ist eine kluge, ruhsame und frohbewußte Frau. Deshalb steht Erich Meyer in voller Blüte. Er ist nun Lehrer für Komposition und Klavier an der Musikschule.

Na, und Schaffraths? Die warteten noch auf das Haus, das in dieser Zeit als Nummer 15 am Horn gebaut wurde. Sie wollten sich alle nahe bleiben und auch in der Nachbarschaft Goethes, damit die grüne leuchtende Parkstille ihnen durch Fenster und Herzen schiene und dazu die freudige Blüte des Lebens, die im Märchenhause gedieh.

So lebten sie bis tief in den Sommer hinein, und doch hatten die Tage schnellere Flügel als je zuvor. Wie sich einer an den anderen reihte in sommerlicher Helligkeit, waren Gwendolin und Do mit der kleinen Heidi schon von morgens an unter den Bäumen des Gartens, oder sie saßen auf dem Platze mit dem weichen geschorenen Rasen. Es war für jede Stunde des Tages eine Stelle gewählt, an der es ganz besonders herrlich war.

Jockele war nur mittags oder abends in ihrer Gesellschaft. Die Monographie über die Froschlurche hatte er nun fertig und einem Verleger übergeben. An dem Werk über die Flechten arbeitete er in dieser Zeit nicht; es brauchte dazu noch weiterer Forschungen.

So saßen sie auch einmal nach Tisch im Garten zusammen: Do, Jo und Gwendolin, die die kleine Heidi auf dem Schoße hatte. Da planten sie die »Flechtenreise«, die recht breit und besonnen sein sollte wie ihr Leben. Jockele wollte nämlich mit Do und seiner Tochter in einem Kutschwagen in das Fichtelgebirge reisen, dann die Kammstraße des Erzgebirges entlang fahren, an den Hochmooren zwischen Böhmen und Sachsen dahin, und so immerfort nach Osten bis in das Riesengebirge. Sie dachten, es könne ein ganzer Sommer über jener Wagenfahrt dahingehen; aber in dieser Zeit fingen sie die Reise in ihren fröhlichen Gedanken schon an. Sie sprachen davon, was sie mitnehmen müßten, wiewohl es bis dahin noch vier oder fünf Jahre dauern würde, und sie malten sich aus, wie sie zu dritt ganz langsam durch die Herrlichkeit der Bergwälder rollen wollten. Das wäre dann eine sehr neumodische Art zu reisen; und eine neumodische Art, wieder zu dem Genuß einer Reise zu gelangen und nicht nur zum Behagen am Ziele. »Es gehört Zeit dazu,« sagte Jockele, »es gehört auch Zeit zum Leben. Die Menschen haben diese fröhliche Muße verloren, aber ich will sie für euch und mich erringen, selbst auf die Gefahr hin, vor der Welt ein Narr zu heißen.«

Do sah Gwendolin an. »Merkst du, wer ihm das eingegeben?«

»Aha,« machte Gwendolin und tat den Jasminbusch ein wenig auseinander, »schaut da nicht die Tante Veronika heraus?«

»Natürlich,« lachte Do.

»Und gleich neben ihr der Zigeuner,« sagte Jockele. »Wißt ihr: den Kunstzigeuner hab' ich immer ein bißchen verächtlich angesehen -- auch wenn er wirklich mal ein Genie war wie Henrik Tofte; die Gwendolin ist ja ihr Lebtag viel zu besonnen dazu gewesen -- aber das Gottesgeschenk der echten Zigeunerseele, das will ich mir wohl wahren! Denn es ist eine Gnade, die ich vor anderen Menschen habe -- ich ganz allein. Ganz richtig zu leben verstehen eigentlich nur die Zigeuner,« scherzte er. »Aber zu solch einem Auserwählten hat's bei mir nicht gelangt. Die Maljahre waren eine Hatz. Dabei wär' ich um mich selber gekommen -- es war ein Irrtum aus lauter Sehnsucht! Na, und dann tat Do ihre Segenshände auf und erschuf mich vollends zum Menschen. Da wurde der Naturforscher aus mir -- es war wieder ein Irrtum aus Sehnsucht. Aber er war heilsamer. Und nun kommt das letzte: dies letzte ist der Dichter. Es ist die Sehnsucht, jeden Tag dem lieben Gott einmal mitten hineinzusehen ins Herz! Wem anders könnte diese Sehnsucht Erfüllung werden als dem Dichter? ... So ist ein gerader Weg von dem Findling auf der Schwelle des Frühlingshauses am Walde über den Malmenschen mit seiner Unrast, dann über den Naturforscher, der in das Räderwerk der Schöpfung eindringt -- ein gerader Weg bis hin zum Dichter. Und es ist ein gerader Weg von dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika über das Herz Dos an das Herz Gottes -- hinter dieses Geheimnis bin ich heute gelangt. So. Und da habt ihr die viererlei Gnaden meines Daseins! Aber die Zigeunerseele, das Herz Dos und Heidi das Frühlingskind fahren wir mal ins Riesengebirge spazieren.«

Danach schlug sich Jockele in die Büsche gegen das Haus hin. Er wollte wieder in sein Arbeitszimmer gehen. Auf der Straße flimmerte die Sommerluft, die Frösche saßen am Teichrand und plumpten schon längst nicht mehr ins Wasser, wenn Jockele vorüberschritt. Da tauchte auf einmal ein Mensch über den Zaunlatten empor und warf ein paar machtvolle Arme in die Luft ...

»Henrik Tofte!«

Dieser Name stürzte in den Mittagstraum unter den Bäumen wie ein Stück Fels. Do sprang auf. Gwendolin duckte sich ein wenig, dann preßte sie Heidi fest ans Herz und lief Do nach. Wahrhaftig! Im Torweg standen sie: Henrik Tofte und Jockele. Und der Besitzer des »Instituts für schwedische Heilgymnastik und Massage« in Rom schwenkte seinen echten Panama, sah aus wie der liebe Gott, als er dreißig Jahre alt war und noch den blonden Vollbart trug, und hatte sich zu diesem Besuch im Märchenhaus einen nagelneuen Sommeranzug machen lassen.

Aber es war zu merken: auch ohne diese Nagelneuheit hätte er vollwertig ausgesehen. Ein Mensch, um den die Mädchenaugen flogen wie Sommervögel, war er schon immer. Selbst die rote Mütze des welschen Gepäckträgers hatte dem wenig Eintrag getan.

Und nun war es Heidi das Frühlingskind, das den drei Erwachsenen über das Herzbeben hinweghalf. Sie saß da auf Gwendolins Arm in ihrem himmelblauen Kleidchen, streckte dem machtvollen Manne die Ärmchen entgegen und jubelte ein helles Lachen um ihn. Das hatte sie vor einem Fremden noch nie getan. Und sie machte das so reizend -- was ringsum lebte, jauchzte mit. Da kriegte Tofte das himmelblaue Menschlein zu packen, und es hing an seinem Herzen wie ein kleiner blauer Schmetterling an einem Eichstamm und schlug vor lauter Sonnenfreude mit den Flügeln. Es faßte ihm in den Nordlandbart und patschte ihm ins Gesicht, und dem blonden Riesen liefen die Augen an vor einer Handvoll Kleinkinderglück.

Gwendolin lockte Heidi und wollte ihn von ihr erlösen; Mama wandte ihre süßesten Liebkosungen an, aber Heidi blieb für alle verloren. Sie hatte ihre Ärmchen auf Toftes Achsel gelegt und sah aus, als wollte sie, vereint mit ihm, ihr Jahrhundert in die Schranken fordern.

Dem Henrik Tofte gefiel dies holdselige Wunder ungemein. Ein bißchen bänglich war ihm aber doch, und er fragte, ob er an dem Kleinen etwas entzweimachen könnte ...

Das war wieder einmal so bärenmäßig lieb von ihm, daß er für die Damen zu seiner vollen Siegergröße emporwuchs. Und beruhigt setzte er sich mit Heidi in Bewegung nach dem Schattenplatz unter der Ulme, wo schon die Wildrose die Hagebutten aufsteckte. Heidi aber blieb bei ihm, bis sie sich müde staunte an seinen Übermaßen. Gegen seine sichere Brust gelehnt, schlief sie ein. Da legte man sie in den Wagen und fuhr sie ein bißchen seitab unter die Bäume; denn Henrik Toftes Stimme dröhnte wie der Skjold.

Gwendolin war rasch einmal ins Haus gesprungen -- einer Erfrischung wegen, die Fritz alsbald auftrug. Aber sie hatte ihm auch befohlen, danach gleich zu Frau Kordula zu laufen -- Gwendolin brauchte durchaus eine Seele, die sie von der elektrischen Spannung befreite. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander wie Herbstlaub, und in ihrer Not verfiel sie auf Kordula. Unter dem Blätterfalle fand sie sich wieder zur Ulme.

Sie fand Jockele und Do fröhlich und gefaßt. Da wollte sie nicht zurückstehen. Henrik Tofte saß in himmelheller Aufgetanheit dabei, rauchte eine Zigarette und erzählte.

Gwendolin sagte:

»Ich glaube, es kommt vor Abend ein Gewitter -- die Frösche hupfen.«

Dazu schwieg Do. Aber Jockele lachte die Gwendolin ahnungslos aus und sagte, vor Witterungsverhältnissen ginge alle Frauenweisheit in die Brüche.

»... ja,« fuhr Henrik Tofte fort, »so war Angelina Fabbro ein etwas wunderliches Erlebnis: ich machte mit ein paar Leuten Heilgymnastik und sie nahm das Geld dafür ein, kaufte sich Spitzen und Süßigkeiten. Aber was wollen Sie: Angela Fabbro war eine Römerin! Da hab' ich mich von ihr fortgemalt. Mit dem Frühling bin ich losgezogen: er und ich, wir nahmen unser Malzeug untern Arm, einer so reich an Geld wie der andere, und im Mai gelangten wir in die Bäder von Lucca. Dort setzte ich mich instand, so gut es nach zwei Monaten meiner Wanderfahrt in welschem Straßenstaube ging. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ich malte da ein Fischermädchen am Strand -- vielleicht hatt' ich einen guten Tag, vielleicht warf mir das Schicksal einen Dummen zu: eines Morgens stand in der Bäderzeitung ein Aufsatz ›Henrik Tofte als Erzieher‹ ...«

Es trat eine Unterbrechung ein: stürmischer Beifall auf offener Szene; denn »Tofte« und »Erzieher« waren Begriffe -- klafften da nicht Himmel und Hölle dazwischen?

Nach einer Weile fuhr Tofte fort: »Es wäre ein neuer Stern am Himmel Italien aufgegangen, eine unerhörte Begabung säße am Strande, ein Porträtmaler, dessen machtvolle Kunst wert wäre, vorbildlich zu sein für die Welschen« ... Tofte sprach mit den Worten der Zeitung. Weiter aber führte er nichts zu seinem Ruhm an; und es war zu sehen: selbst das kostete ihm einen Aufwand an Kraft; denn Henrik Tofte hatte nicht zwei Vergrößerungsgläser im Kopfe, wenn er sich selbst betrachtete. »Nun, ich kannte weder den Aufsatz noch seinen Schreiber. Und als ich davon erfuhr, dacht' ich: es ist ein Reklametrick der Bäderverwaltung -- ähnlich wird sie es jedes Jahr machen. Fortan war ich umdrängt. Was ich in Lucca gemalt hatte, verwandelte sich in ein paar Stunden in Gold. Nach drei Wochen besaß ich siebentausend Lire. Vielleicht hätt' ich siebzigtausend machen können. Aber die Luft von Lucca ist gefährlicher als die von Rom, und das Malen ist eine verdammte Kunst. Nach drei Wochen hatt' ich es satt. Ich wollte einfach nicht mehr, nein, ich wollte nicht! Was kann man da machen? Es kam eine kleine Modellgeschichte dazu, aus der ein großer Skandal wurde. Ich schwur einen Eid, nie mehr im Leben einen Pinsel anzufassen, warf meinen Malkasten ins Meer und verschwand. Diesmal per Bahn. Ich hatte gedacht: reich sein wäre schön. Nun war ich reich, fünf Wochen lang unbändig reich; denn ich kam mit annähernd dreitausend Lire nach München und lebte meinem Freunde Johnny mal was vor. Johnny befleißigt sich nämlich an der Isar der Bildhauerei; neuerdings modelliert er eine Giraffe; er träumt aber von einem Löwen ... Und wie ich so im besten Leben bin, da wählt sich das Schicksal den Rolf Krake aus! Er schreibt mir einen Brief und fordert mich auf: Tofte, fahren Sie nach Weimar und malen Sie Frau Do für mein Haus auf der Insel! Ich schrieb ihm: Lieber Krake, mit dem Malen ist es vorbei. Aber hartnäckig wie das Schicksal ist, läßt es ihn wieder auf mich los. Da ist der Brief -- Rolf Krake mag reden, verehrungswürdige Frau Do! Er ist der Mund meines Schicksals, und dies Schicksal spricht:

›Mit Ihrer Nachricht von dem jüngsten Eide, durch den Sie sich der Malerei abgeschworen, teuerster Tofte, haben Sie den stärksten Heiterkeitserfolg gehabt. Die Augen müßten Ihnen ja auslöschen, Genie, wenn Sie Ihren Schwur halten wollten! Ich brauche das Bild der blonden Frau Do in jedem Fall, und ich weiß, sie wird ihrem wunderlichen Freunde von der Insel der Auferstehung diesen Wunsch nicht versagen. Das Bild ist für die Nordwand im Krakesaal bestimmt. Ich habe dort zwischen den beiden Mittelfenstern dunkelblauen Samt anschlagen lassen. Es ist auch ein Vorhang aus dunkelblauem Samt angebracht worden, der in schwerem Faltenwurfe über das Kunstwerk gezogen werden kann; denn kein fremdes Auge soll dies Bild erschauen. Ich selbst aber will des Tages eine Stunde davorsitzen, und dann soll der blaue Samt es mir nicht verhüllen. Ich habe alle Götter abgesetzt, um die ich mich dereinst bemüht habe. Aber zu jener blonden Frau Do kann ich noch beten.

Sie fragen nach mir. Ja, ich bin gesund wie je, wenn ich allein war. Nur vor Menschen wurde ich krank; deshalb gehe ich nicht mehr zu ihnen -- nie, nie, nie! Ich habe seit dem Tage meiner Rückkehr aus Hamburg die Insel nicht mehr verlassen und werde sie nicht mehr verlassen. Ich habe sie von Nane Thord erworben. Die soll hier wohnen bleiben bis an ihr Ende. Das Mädchen Marit habe ich zurückgerufen -- wenn es einmal käme, daß Nane Thord einer Pflege bedarf. Der große Anbau ist nun mein Büchersaal. In Gwendolins Zimmer steht die Drechselbank, aber ich brauche sie fast nie mehr, vielleicht im Winter. Ich benütze alle Räume für mich. Nur in jenem, in dem Sie gelebt haben, teuerster Tofte, ist alles unberührt geblieben. Oft, wenn ich an der verschlossenen Tür vorübergehe, muß ich denken: es wartet dahinter auf Ihre Rückkehr. Ich habe Marit Anweisung gegeben, daß Sie zu aller Zeit Zutritt zur Insel haben. Der Schlüssel hängt im Turmzimmer am rechten Fensterpfosten.

Gleich nach meiner Ankunft im Herbst habe ich in Schiffen beste Walderde auf die Insel bringen lassen. Ich habe diese Erde ausgebreitet. Ich habe durch Maurer alle Rinnen in den Klippen schließen lassen, durch die sie hinabrinnen könnte. Und ich habe ein heizbares Glashaus gebaut, in dem ich die betörenden Wunder der Orchideen züchte. Über Winter hatte ich mir den Plan für die gärtnerischen Anlagen der Insel gemacht. Es war kurzweilig und schön; denn ich war darauf bedacht, den landschaftlichen Reiz des Eilands zu erhöhen und ihn einzustimmen in den vollen und heiteren Zusammenklang der Umgebung. Nun treiben die Rosen, wo vordem das Strandgras klirrte. Nun stehen die silbernen Säulen der Birken, wo vordem wilde Halme schossen, und nun grünen die Fichten in verschwiegenen Gruppen, und die Krüppelweiden machen Köpfe und werden in nicht zu langer Zeit Höhlen in ihren Stämmen bilden, damit die bunten Mandarinenenten darin nisten können, die ich bezogen habe. Sie sind sehr zutraulich geworden.

So treib' ich es, Meister Henrik! Des Morgens bad' ich im Fjord, auch im Winter; denn ich fühle mich sehr wohl dabei. Die gärtnerische Anlage ist so, daß ich stundenlang auf meiner kleinen Insel umherspazieren kann und vom Strand aus in ein paar Jahren doch nicht gesehen zu werden brauche, wenn ich nicht will. Nur den Himmel laß ich hereinschauen, wo er mag. Ich glaube nicht, daß er einen Winkel in der Welt weiß, der inniger ist als der meine, und ich glaube nicht, daß er je einen Menschen sah, der glücklicher ist als ich‹.«

»Schlicht und wunderlich ist Rolf Krake,« sagte Do, »und doch ist zu erkennen: er lebt ein glückseliges Leben.«

»Wollen Sie ihm seinen Wunsch erfüllen?« fragte Tofte.

»Ja,« sagte sie, »aber es ist gut, daß Sie uns den Brief mitgebracht haben; sonst hätte ich mich wohl nicht entschließen können.«

»Warum denn nicht?« fragte Jockele befremdet.

»Du solltest das doch verstehen.«

»Nein.«

Do blickte hinab auf ihre weißen Hände und schwieg. Da rekelte sich Heidi im Wagen, und Mama war froh, daß sie zu ihr eilen konnte. Gwendolin aber sagte zu Jockele: »Erich Meyers und Salzers himmlische Liebe haben für Do nichts Aufregendes; aber bei Rolf Krake -- es ist ja der reine Götzendienst! Ich glaube, seit den Abschiedsworten Krakes, die er damals in sein Tagebuch geschrieben, hat Do öfter an ihn gedacht, als wir ahnen. Sie ist sehr froh gewesen, daß sie ihm damals in Hamburg helfen konnte. Und sie ist auch in diesem Augenblick froh, weil sie weiß: sie hat ihn zu sich selber zurückfinden lassen.«

Das Wort Gwendolins vom Götzendienst griff Henrik Tofte gleich auf; denn Do kam mit Heidi zurück, und das Kleine lehnte sein goldenes Köpfchen an Mamas Wange und hatte die Augen noch ganz voll blankem Schlaf. So stand sie gerade vor dem Wildrosenbusch, der sich nun hochsommerlich mit Hagebutten geschmückt hatte. Aber vor Toftes Künstleraugen wuchs wieder das Wunder der rosa Blüte darüber. »Madonna in Rosen,« rief Tofte. »So will ich Sie malen!«

Da dachten sie alle an Rolf Krakes Tagebuch, und was er von den wilden Rosen hineingeschrieben hatte. -- Es war seltsam. Aber Henrik Tofte wußte es nicht.

Kordula kam. Still, blühend und mit forschenden Blicken. »Es ist gut, daß ich dich nicht geheiratet habe,« sagte Tofte zu ihr, »und es ist auch gut, daß +du+ mich nicht gewollt hast, Gwendolin.«

Kordula sagte: »Schön und begabt warst du immer, daß du nun aber auch vernünftig geworden bist, ist neu.«

»Vernünftig?« fragte er. »Nun, wie man's nimmt! Ich bin in meinem Leben einem einzigen Menschen begegnet, der annähernd so unvernünftig war wie ich: Angelina Fabbro. Und just an ihr bin ich bis zu einem gewissen Grade vernünftig geworden. Ich beschränke seitdem meine Dummheiten auf ein Mindestmaß ...«

»... das bei Ihren machtvollen Maßstäben immerhin noch riesenwüchsig sein wird,« sagte Gwendolin.

»Je nun,« machte Tofte, »zu einem Narren reicht's wohl noch! Und Narren sollen nicht heiraten. Die Ehe ist die Kunst der Weisen. Nur diese ziehen das Wunder einer Blüte daraus. Bei allen anderen kümmert sie.«

»Die Frösche hupfen nun nicht mehr,« sagte Gwendolin.

Das wußten sie alle: in der Kunst Henrik Toftes war der Mensch nicht zu erkennen; denn diese Kunst war die Stete -- der Mann, der dahinterstand, die Unstete. Der Mann huldigte Seiner Majestät dem Augenblick.

Darum war es klug und doch unvorsichtig von Gwendolin, daß sie gesagt hatte: »Die Frösche hupfen nun nicht mehr.« Als die Hochsommernacht zwischen den alten Bäumen herniederhing und die Silberbrünnlein der Sterne aus den blauen Gründen sickerten, war Gwendolin mit Henrik Tofte noch einmal in den Garten gegangen, gleich nach dem Nachtmahl. Es kam kein Gewitter, aber es wetterleuchtete doch ganz gefährlich.

»Hast du denn nicht gesagt, ich sollte sieben Jahre dienen um Rahel?« Das klang, als fiele in der Ferne ein Berg um.

»Wohl,« sagte sie; dabei fand sie zum ersten Male die brüderliche Anrede, aber er merkte es gar nicht; »hast du jemals daran gedacht?«

»Nein,« sagte er.

»Und bist nun gekommen, Rechenschaft von mir zu fordern -- von mir?«

»Nein,« sagte er. »Aber es wäre doch lieb und gut von dir gewesen, wenn du dich für mich armen Menschen aufgehoben hättest.«

»Ah! Seit wann weißt du denn die Geschichte von deiner Armut?«

»Seit heute,« sagte er. »Damals, als ich der Kordula am Bahnhof in Rom den Gepäckschein aus der Hand nahm, war ich ein Millionär -- seit heute bin ich ein Bettelmann.«

»Du, das hört sich furchtbar tragisch an.«

»Es ist auch so, liebste Gwendolin -- es ist weiß Gott so! Sieh, ich bin zum erstenmal in meinem Leben in einem solchen Haus. Dazu hab' ich dreißig Jahre gebraucht. Dreißig Jahre lang bin ich auf den Schwellen herumgestanden und habe immer gedacht: es gäbe keinen König auf der Welt außer mir. Nun kam dies Heute und hat mich vor ein Leben geführt voller Liebe, Wohlhabenheit, Ordnung, gesammelter Kraft, Sonne und was weiß ich! Darum ist mir's vorhin bei Tisch so auf die Sprache gefallen: ein Rausch von Andacht vor diesem Unerhörten ... und deshalb hab' ich mich nun heimlich von den anderen fortgeschwiegen.«

»Ah pah, Räusche sind von kurzer Dauer,« sagte Gwendolin leichthin. »Du siehst, es ist mit meinem Glauben an dich noch immer wie einst. Das kommt daher, daß du nicht an dich selber glaubst.«

Da riß er sie an sein Herz und küßte sie -- dreimal -- siebenmal ...

»Siehst du,« sagte sie, »das ist alles, was du kannst: die Sekunde kannst du überwältigen; aber dein großes und starkes Leben in deine mächtigen Arme zwingen -- das kannst du nicht. Und willst du jetzt wieder mit hineingehen? Was hätten wir zwei uns Neues zu sagen, das die anderen nicht hören dürften?«

Da gingen sie. Cornelius saß am Flügel. Richard Schaffrath und Professor Salzer waren zusammen schon seit dem Morgen auswärts. Do und Jockele sahen Gwendolin und Henrik an, was sie draußen miteinander geredet hatten: es blieb immer das gleiche zwischen ihnen für und für. Und beide wollten auch gar nichts geheimhalten vor den Freunden.

Gwendolin sagte: »Es ist so, daß ich mich mit diesem gefühlvollen Musikanten lieber verlobt hätte als mit dir; denn wären wir zwei aneinander gefesselt gewesen -- wir hätten nach beiden Polen der Erde gedrängt und hätten uns mittenauseinandergerissen.«

»Jetzt aber dränge ich nach zwei Menschen: nach Richard Schaffrath und nach mir selber,« sagte Henrik. »Ich warte mit Ungeduld.« Darüber füllte er sich sein Glas von neuem und ging damit in den Wintergarten. Er setzte sich in den Rohrsessel, Do gegenüber. »Mich allein haben Sie am Rande stehenlassen, liebste Frau Do,« sagte er zu ihr. Es klang wehmütig.

Do wußte, wie es um solche Mollakkorde des Herzens bei Tofte stand. Sie scherzte selten. Aber diesmal griff sie die Sache doch lustig auf und sagte: »Wir Frauen haben mit den Männern unsere liebe Not. Die anderen konnten sich nicht selber helfen: Jockele, weil er zu jung war, und die übrigen, weil jeder einen sanften Sparren hatte -- wie unser Freund Cornelius.«

»Nun, einen sanften Sparren ...«

»O nein,« unterbrach ihn Do, »der Ihre geht über unsere Kraft! Ein Mensch wie Henrik Tofte hat auf sich selber zu stehen. Tofte, Sie sind von hundert Frauen geliebt worden ... nein, nein, zu rechnen brauchen Sie nicht! -- hat Sie eine repariert?«

»Jawohl,« sagte er.

»Nun, dann reisen Sie augenblicklich ab und fahren Sie zu ihr!«

»Ich bin schon da, sagte der Swinegel.« Tofte sprach es mit dunklem Klang der Stimme. Er hatte die Finger durcheinandergeschoben und senkte die Stirn. »Ich bin schon da.«

»Jockele,« rief Gwendolin, »komm doch mal in den Wintergarten! Vor fünf Minuten hat mich das große Licht siebenmal geküßt, und jetzt erklärt er deiner Frau seine ewige Liebe.«

»O,« lachte Jockele, »soll ich mich deswegen erst in Bewegung setzen?«

Aber Cornelius kam. Er rieb sich die Hände und schmunzelte. »Ich mag derlei Dinge furchtbar gern sehen.«