Jockele und seine Frau

Part 11

Chapter 113,765 wordsPublic domain

»Ich kann nicht sagen, daß ich darüber traurig geworden wäre. O nein, Henrik Tofte ist nicht ein Mensch, vor dem man so leicht traurig werden kann -- höchstens ein bißchen wehmütig wird einem ums Herz, wenn man sieht, wie diese Fülle glänzender Gaben in den Staub fällt ...«

Gwendolin sprang ihr mitten hinein in die Rede: »Das macht, man kann keinen Glauben an ihn aufbringen, nicht einmal den Glauben daran, daß seine unerhörten Gaben im Staube liegen bleiben könnten.«

»Ja, so ist es wohl mit ihm,« sagte Kordula, »denn als ich damals in Rom hinaus zum Bahnhofe ging und dachte: ›Nun sollst du diesen schönen und bedeutenden Menschen an der Ecke stehen sehen als einen Paria des Lebens,‹ da war mir, als hätte der Blitz in mein Herz geschlagen. Aber hernach? Es war eine fast gleichgültige Begegnung und war kaum anders, als wenn ich den Dienstmann Nummer 17 einen Weg schickte.«

Gwendolin hatte noch keinem Erzähler mit tieferer Hingabe gelauscht. Es war ihr -- und so war es auch Do und Jockele -- als reiche ihr nun das Leben die Bestätigung ihrer Klugheit von einst. Und sie sagte: »Das ist der Schadenersatz, den das ›Schicksal‹ dem Henrik gewährt für das, was es ihm vorenthält: man kann kein Mitleid mit ihm haben! Deshalb ist es ihm versagt, andere unglücklich an ihm zu machen. In dem Augenblick, in dem er auch das noch fertigbringt, wird er zum ersten Male an sich selber unglücklich sein.«

»Du kennst ihn sehr gut,« sagte Kordula; »denn als ich aus der Gregoriana fortgezogen war und in der Via Parma wohnte, war es mir, als wär' ich einem finsteren Verhängnis entronnen: ich war seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr frohherzig gewesen, nun aber war ich's wieder. Es war zwar ein wunderliches Vergnügen, dem ich mich hingab, aber es war doch eins: ich baute mir in Gedanken das Leben Henrik Toftes aus den Stücken zusammen, die von ihm in der Welt herumlagen. Kinder, was wurde da für eine barocke Unmöglichkeit daraus! Alle Narrheit und Weisheit, alles Licht und alle Finsternis, aller Ernst und alle Kindsköpfigkeit, die je aus den Gedanken des großen Weltenbaumeisters hervorgegangen sind, hat er in diesen Überschwung hineingepaßt, der nun Henrik Tofte heißt! ... Neugierig ging ich nach ein paar Wochen durch die Gregoriana -- da war drunten am Torstein des Hauses Nummer 5 ein Schild in vier Sprachen angebracht: ›Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage von Henrik Tofte.‹« ...

Die Standuhr schlug Eins. Sie schlug in die verblüffte Stille, die genau so lang war wie der Uhrenschlag. Dann brach das Lachen los.

Frau Do aber ging hinaus und kam nicht wieder.

So drängte sich das Leben mit Ungestüm im Haus am Horn. »Das Dasein hat um Jockele und Frau Do ein ganz anderes Gesicht wie um andere,« bemerkte Cornelius mit einem Aufgebot von Wichtigkeit. Sie saßen in dieser Frühlingsnacht, bis der Morgen heimlich an die Fenster klopfte, und waren doch nur vier junge Menschen, die sich nicht einmal von anregendem Trunke locken ließen. Dann verfielen sie in ein lustiges Raten, woher das käme. »Es ist die Nachbarschaft Goethes,« sagte Jockele, und er hielt eine schöne Rede. Daran war zu merken, daß er vor der peinlichen Frage: »Was wissen Sie von Goethe?« längst nicht mehr zag zu sein brauchte. »Wer in Weimar lebt, hat die Pflicht, in jeder Woche einmal nachdenklich daran zu werden, daß Weimar das Herz der Welt ist -- diese Erkenntnis wirkt auf die Seele wie ein Sonnenbad auf den Körper.«

»Alle Sinne werden wach, wenn man in das Reich der Frau Do tritt,« sagte Cornelius -- »was ich bin und habe, dank' ich ihr allein,« setzte er hinzu. Er hatte leuchtende Augen. Und Kordula Gunkel war auf die Schwelle des Musikzimmers getreten und ließ ihre Blicke wandern. Es hingen da schöne und wuchtige Gemälde an den Wänden: der Folgefond, wie er sich spiegelte in den dunklen Wassern des Hardangerfjords -- von Henrik Tofte. Es war ein königliches Bild. Es hing an der Wand im Speisezimmer der Skjoldefoß mit der Sägemühle -- auch von Henrik Tofte. Groß und gewaltig in Farben und Auffassung. Es waren da Bilder von Gwendolin aus den Schären und Holmen; dann die Insel der Auferstehung, und der Anger im Walde von Ettersburg, den sie damals gemalt hatte, als Jockele vor ihr erkennen wollte, wie viel weniger er könnte. Und über den Flügel hin, als das einzige an dieser Wand, war ein Kopf Beethovens, gemalt von Richard Schaffrath -- stark und tiefbeseelt hingestrichen, ward er zu einem Erlebnis.

O ja, es atmeten in diesem Hause Tat, Kraft und Wille zu Leben und Schönheit. Und Kordula Gunkel hatte nun fünf Jahre an sich vorüberstreichen sehen, fünf Jahre voller Dinge, die außer ihr lagen wie ein Film. Das Herz war ihr müde daran geworden und das Auge flimmrig. Darum lehnte nun Kordula an dem Pfosten der Tür und sagte: »Es ist schön und wunderbar -- es ist ein Märchen.« Gwendolin aber schenkte die Reste des Sekts aus den Flaschen in ihr Glas und setzte sich samt dem Glas mit dem schäumenden Mützlein an die Spitze eines Zuges; denn die anderen marschierten hinter ihr drein und legten einander die Hände auf die Hüften. So schritten sie hinaus in das Zwielicht des Vorgartens. Die Luft war weich und voller Verheißungen; die Tulpen stiegen aus dem Rasen. So kamen sie bis vor den Erker mit dem grünen Kupferdach, der aus der Stirnseite des Hauses springt. Und Gwendolin hob das Glas und rief: »Schön und wunderbar bist du, du Reich der goldenen Do! Wunderbar bist du und schön wie ein Märchen, du Märchenhaus!« Und sie warf das Glas gegen den Stein, daß es jauchzend zersprang.

Da hatte das Haus den Namen, den es seit jener Stunde in der Stadt trägt und im Reiche und darüber hinaus; denn wo Do und Jockele regieren als König und Königin, das weiß die Welt.

Aber der irrt sich, der da meint: nun wäre die Geschichte alle, und Frau Do hätte doch nicht ganz recht gehabt, als sie sagte: es wäre bei ihnen immer schrecklich viel los; denn eine Woche danach -- der Frühling brannte zeitlos gerade sein Eröffnungsfeuerwerk ab -- hurra! da hatten sie im Märchenhaus ein kleines Mädchen. Das kleine Ding hatte es nicht erwarten können! Kunststück -- wenn in der Welt an jedem Baum ein grüner Zettel angeschlagen ist: »Heute Einzug Sr. Kgl. Hoheit des Frühlings!« und wenn die bunten Fähnlein um alle Steine wehen und über dem Rasen flattern -- ha, Kunststück! Und so war sie denn gekommen. Gwendolin, die als die einzige dabei war -- denn Jockele rasselte in einem gefährlich fixen Auto durch die Stadt, und sein überfallenes Herz schrie um Hilfe -- die Allerwelts-Gwendolin sagte hernach: »Du hättest dich gar nicht zu eilen brauchen, die Erbprinzessin sprang so vergnügt in die Welt -- es fehlte bloß noch, daß sie heidi! rief.« Damit gab sie auch Dos Kindlein den Namen -- in diesem Falle warf sie aber kein Sektglas nach ihm. Sondern das war ein lustiger Zufall; und es lag in diesem Namen ein so köstliches Befreien von der Überrumplung, die sich die kleine Heidi geleistet hatte. -- Eine ähnliche Sache hatte sie sich auch für späterhin vorbehalten, als sie die Buschgroßmutter besuchen ging ... Das war ein sehr aufregendes Unternehmen.

So war Heidi das Frühlingskind das wichtigste Ereignis seit der Taufe des Märchenhauses. Die ruhevolle Kordula Gunkel erklärte: »Es ist nicht nur ungeheuer viel los bei euch, nein, die Tage schießen in Kopfstürzen über eure Stiegen.« Und damit hatte sie recht. Um so mehr wunderte sie sich, daß von einem Jahrmarktsrummel in diesem Hause beim besten Willen nicht geredet werden konnte; denn es wohnte besinnliche und gesammelte Freude am Dasein darin; und die ist immer leise -- zum Unterschiede vom Haus mit der Harfe, wo man zu den Fenstern heraussang, und wo der Knabe mit der roten Zipfelmütze sogar an einem Wintertage mit verbürgten 17 Grad Kälte vorm Gartentore an seinen Liedern in die Luft kletterte.

Der ganze römische Winter war für Kordula nicht so voller Ereignisse gewesen wie die erste Woche im Märchenhaus: Gwendolin verlobte sich; Jockele arbeitete mit geheimnisvoller Hingabe an seinem Werk über die Flechten -- so hieß es. Dann aber stellte sich's heraus: er hatte einen Roman begonnen. Man riet sich über dem Titel und über seinem Stoff leuchtende Augen und Herzen und riet daneben. An den Abenden fehlte zwar die Märchenkönigin Do; aber Cornelius, Schaffrath und der Professor Salzer waren dreimal da, und man sprach von der Nachbarschaft. Es gab für die Leute im Märchenhause nur einen Nachbar: Goethe. Man brauchte ja bloß zum Fenster hinauszulugen, da blinzelte das heimelige Schindeldach durch Busch und Hecken ... An einem dieser Abende war auch Erika Flucht da; denn auf den Spuren der endgültigen Fassung des »Faust«, die Goethe im benachbarten Gartenhang vergraben haben sollte, erschien mit jedem jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen schwirrten, dies Mädchen schön und wunderbar. Kordula wußte aus dem Jockelebuch, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Und Fräulein Flucht war noch immer nett und so überzeugt von ihrer literarischen Sendung wie vor Jahren. Die kluge Do aber blieb diesmal für sie verschollen. Dagegen fand Erika Flucht in Salzer einen geistvollen und launigen Zweifler. An ihrer Unentwegtheit änderte das nichts. Aber die Menschen im Märchenhause waren so, daß auch das Mädchen aus der Fremde ein Ereignis unverkümmerter Freude blieb. -- Dann wachten die grünen Wasserfrösche auf, die Jockele noch am letzten sonnigen Herbsttag in Belvedere gefangen und in seinem Gartenteich angesiedelt hatte. Alle Bewohner und Freunde des Hauses versammelten sich dazu. Nur Jockele war nicht mehr so bei der Sache wie am Karauschenteich in Norwegen -- nun ja, es gab in dieser Woche für ihn mancherlei Ablenkung. Aber es half ihm nichts: der ansehnliche Stoß Papier, den er den Froschlurchen zuliebe vollgeschrieben hatte in naturforscherischem Bemühen, durfte nicht unter den Tisch fallen. So nahm er Messungen über den Ernährungszustand des grünen Teichvolks vor: es war genau so dick in den fünfmonatigen Winterschlaf gegangen! Er fütterte sie mit Regenwürmern, sogar kleine Molche ließ er sie vertilgen; und als sie am dritten Tage Jockeles Schritt auf dem Gartensand hörten, hüpften sie ihm entgegen und nahmen die Würmer aus seiner Hand. Nicht zu glauben -- und dennoch eine Entdeckung rührender Intelligenz der grünen Teichmänner, von der die gesamte Literatur keine Ahnung hatte! Jockele war davon so überrascht, daß er die wonnevollen Frühlingsmittage dieser Woche in forschendem Spiel am kleinen Gartenteich verbrachte. Darüber mußte der Rausch des Dichtens in die Einsamkeit der Nächte verlegt werden. Und es hätte niemand so leicht davon erfahren, hätte nicht Kordula Gunkel das Geheimnis erspäht ...

Dies alles fiel in die Woche vor Heidis Sprung in die Welt -- der Gwendolin und ihres Schlachtenmalers gar nicht zu gedenken! Zu allem: Kordula Gunkel war mit ihren Freuden seit ihrem Auftauchen im Märchenhause keineswegs bloß neben die anderen gestellt -- nein, nein, die fünf Jahre waren für sie vorbei, die ihr Augen und Herz flimmrig gemacht hatten, weil sie immer nur zugucken durfte!

Daran war Erich Meyer schuld. Auch an dem Hausschlüssel, den die dunkele Kordula besaß. Jockele hatte ihr verständnisvoll seinen eigenen gegeben. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der blonde Erich mit Eintritt der Dunkelheit von einer Schaffenslust befallen wurde, die er am Tage nicht ahnen ließ ... Das kann hier nicht verschwiegen werden, verwahrt sich aber im vorhinein gegen jede lästerliche Deutung; denn im Grunde genommen war diese Eigentümlichkeit Meyers im Märchenhause längst bekannt.

Auf Katersteigen ging er nicht, o nein, er komponierte. Schon vor Jahren, als er noch im Brückenhause wohnte, wo das Ilmwehr über seine Einsamkeiten rauschte, hatte er des Nachts schöpferische Bedrängnisse. Doch in jener Zeit wußte er sich nicht zu deuten, was nach Leben in ihm rang. Da mutmaßte er, und er kam auf wunderliche Gedanken. Aber dann später, im Haus mit der Harfe, wenn die drei Jungen, die neben seiner Kammer schliefen, sich des Abends ausgetobt hatten, da hörte er schöne lockende Saiten tönen über das Herz der Nacht hinweg. Als ihm dies zum ersten Male geschah, dachte er, es wäre die Leier auf dem Dache, an der sich der Sommerwind im Wandern vorübergriff. Da schrieb er auf Notenpapier, was durch seine Seele zog. Und am Morgen dachte er, er hätte geträumt. Aber das mit Noten bedichtete Blatt auf dem Tische belehrte ihn anders.

Seit er im Häuschen im Apfelgarten wohnte, und seit er den Flügel besaß, wußte er: die Nacht war für ihn die schöpferische Zeit. Danach richtete er fortan sein Leben: er komponierte an seiner Märchenoper; oder in einem goldenen Meer von Tönen badete er sich durch Mitternächte die Seele rein von dem Staube, der sich über den Klavierstunden am Tage darauf gelagert hatte. Unterricht gab er nur noch nachmittags -- auch das dankte er Do und dem Märchenhaus.

Und zuletzt dankte er diesem Hause auch Kordula Gunkel. Ja, es war Himmel um ihn, Himmel, wohin er griff! Nicht die Laute war es gewesen, die ihn bestrickt, sondern er hatte noch nie ein Mädchen gesehen, das den Kranz ihres schwarzen Haars so fromm um die weiße Stirne trug. Er hatte noch nie eine so weiche dunkle Frauenstimme gehört, die sich ins Herz schmeichelte wie diese und die so warm zu ihm sprach. Gleich am ersten Abend, als Kordula auf der Schwelle stand und einkehrfroh war, da hatte er an die heilige Cäcilie gedacht. Nun, eigentlich eine Heilige war Kordula Gunkel nicht. Aber auch das fand Erich Meyer wunderwunderschön an ihr.

Kordula merkte schon am dritten Tage, wie das mit ihm stand. Alle merkten es. Bloß: Erich Meyer wußte nicht, wie er so etwas machen sollte ...

Einmal ging Kordula mit Gwendolin im Garten spazieren. Sie sprachen von Erich, und Gwendolin war von einer bedeutenden Lustigkeit -- natürlich ganz heimlich. Da fanden sie Jo am Froschteich.

»Er ist bei der Dressur,« sagte Kordula.

»Jockele,« rief Gwendolin, »du mußt der Kordula deinen Hausschlüssel geben!«

Kordula war entrüstet. »Willst du mich hier etwa in ein verdächtiges Licht setzen? Und meinst du, daß ich Meyern damit pfeifen soll?« sagte sie leise zu Gwendolin.

»Ja,« sagte die -- »so ähnlich; die Liebe ist ein Geist; sie lernt erst reden, wenn du ihr ein Zeichen gibst.«

Es ist nicht festgestellt worden, ob die gefährliche Gwendolin dem Jockele eine Andeutung gemacht hat -- der Hausschlüssel lag gleich danach auf dem Tisch in Kordulas Zimmer.

Es war zwischen den Mädchen nicht mehr von dieser Sache gesprochen worden. Aber Kordula dachte darüber nach. Gwendolins Weisheit von der Abenteurerin fiel ihr ein -- die Gwendolin war doch ein mortsgescheites Mädel!

In der Dämmerung saß Kordula am geöffneten Fenster und ließ die hohen Maßholder und die ersten Sterne sacht über sich aufblühen. Es knirschten Tritte im Wegsand unter den alten Bäumen. Da steckte Kordula Gunkel den Hausschlüssel in die Tasche, nahm ein Schultertuch und ging ein bißchen in den Garten.

»Sieh da, Herr Meyer! Gehen Sie oft hier ums Märchenhaus spazieren?«

»O nein. Ich dachte, vielleicht träfe ich Jo oder Gwendolin oder sonst einen lieben Menschen. Man hat sich schon so daran gewöhnt. Früher hab' ich nach niemandem Sehnsucht gehabt.«

Kordula blickte ringsum und sah die Kastanien des alten Schießstands. »Sagen Sie, Herr Meyer, was ist denn eigentlich da oben? Es ist da eine Reihe so schöner Kastanien.«

»O,« sagte Meyer, »man kann von da aus recht gut in mein ›Landhaus‹ gelangen, wenn man nämlich durch die Schlüpfe im Zaune geht, wissen Sie -- wo Minchen Herzlieb aus dem Jockelebuch den blühenden Mandelzweig zwischen den Zinseln hindurchgesteckt hat, und wo die Kastanie steht, in die Jockele damals seine Liebe eingeschnitten.«

»Aha,« sagte Kordula, »wollen Sie mich da nicht einmal hinführen?«

»Wenn es Ihnen nicht zu dunkel wird, Fräulein Kordula?«

»Ach Unsinn!«

Da wanderten sie miteinander ein Stück das Horn entlang und bogen dann rechts in den Pfad zwischen den Gärten, der unter die Kastanien des alten Schießstandes führt. Es war nun schon recht finster geworden unter dem tiefhängenden Frühlingslaube. Kordula stieß an einen Stein.

»Es sind wohl gar Stiegen in diesem Wege?«

»Ja,« sagte Meyer, »wenn Sie erlauben, könnte ich Sie vielleicht führen?«

»Wenigstens über diese holperige Stelle.«

»O, holperig sind hier alle Stellen,« sagte er.

»Und finster ist es.«

»Für mich kann es gar nicht finster genug sein, Fräulein Kordula, ich lebe dann eine Art gesteigertes Dasein, und es fällt mir darüber furchtbar viel ein.«

»Ja? Ich habe gehört, Sie machen Ihre besten Sachen im Finstern, Herr Meyer.«

»Jawohl,« sagte er; »denn erstens spart man dabei Licht. Na, und überhaupt ...«

Sie gingen den ganzen Schießstand lang. Sie kamen auf einen Feldrain. Sie kamen in das Kastanienwäldchen. Und sie kamen nach Oberweimar. Da fand Kordula, daß es sehr weit wäre, bis zu Meyers Gartenhaus. »Ach,« sagte er, »da sind wir ja gleich anfangs vorbeigekommen! Doch -- es war so schön ... Ich habe ja noch nie das Glück gehabt, eine junge Dame zu führen, Fräulein Kordula.«

Da lachte sie. »Mein Gott, ich wollte aber Ihr Häuschen sehen! Und Sie sagten doch, in der Nacht fielen Ihnen immer die schönsten Dinge ein?«

»Erstaunlich schöne Dinge, Fräulein Kordula ...«

Bis dahin war es ein bißchen dürftig zwischen ihnen gewesen; denn Erich Meyer berührte die Erde nur mit den Fußspitzen. Kordula Gunkel dachte: »Was ist er für ein lieber unbeholfener Träumer! Er fällt immer tiefer hinein in den Himmel. Ich glaube, wenn ich ihn nicht festhalte, verläuft er sich hinter seinem Glücke her.« Darüber fiel es ihr auch ein: der Hausschlüssel wäre der Gwendolin wohl nun ein Sinnbild gewesen und Erich Meyer wüßte vor lauter Freude wirklich nicht, wie man so etwas mache.

Aber solch ein Unterricht ist furchtbar schwierig ...

»Es ist himmlisch, Fräulein Kordula.«

»Woran merken Sie denn das?«

»Es sind mir herrliche Dinge eingefallen auf diesem Wege.«

»Sie sind sehr selbstsüchtig, Herr Meyer -- nun ja, weil Sie all die schönen Sachen für sich behalten!«

»Es läßt sich gar nicht in Worten ausdrücken, Fräulein Kordula.«

»In Tönen etwa?« begann sie zu raten.

»In Tönen?« fragte er erstaunt. »Na ja, da ginge es auch. Aber daran dachte ich nicht. Ich dachte überhaupt nicht an Musik ...«

»Herrgott noch mal!« begehrte sie auf.

»Wie, bitte?«

»Lieber Cornelius, ich glaube, Sie müssen sich gewöhnen, die Welt herzhafter anzufassen.«

»Ja, das muß ich wohl. Aber ich habe nun mal so leise Hände, und ich habe doch ein so furchtbar heißes Herz. Sie ahnen gar nicht, Fräulein Kordula, was dies Herz alles anstellen möchte!«

»Ach, ahnen,« sagte sie, »natürlich ahn' ich es!«

Darüber waren sie durch die Finsternis wieder zur Wildenbruchbank gelangt, die auf dem Kopfe des alten Schießstands steht. Sie wußten beide die Verse auswendig, die Wildenbruch dafür gedichtet hatte und die in die Lehne eingegraben sind. »Weimar hat so viele Gaben ausgestreut, dir zur Rast ein Plätzchen, Wandrer, schenkt es heut.« Meyer sprach diese Verse in lockendem Tone vor sich hin.

»Jawohl,« sagte Kordula, »hier wollen wir uns niedersetzen. Und nun erzählen Sie mir mal ohne Scheu, was Ihr berüchtigtes Herz eigentlich möchte; denn wenn Sie Ihr ganzes Leben betreiben, wie die Wünsche dieses Abends, so werden Sie daran unselig. Wie ist denn das so mit Ihnen gekommen?«

Da war es, als täte er einen tiefen Griff in sein Herz und sagte: »Wenn die Menschen sich dereinst nicht mehr einbilden, daß sie das Recht besitzen, in dem Leben der anderen herumzuwühlen wie in ihrem eigenen, dann geht das Seligsein schon auf Erden los.« Er holte das weither. Aber er legte damit den Schlüssel zu seinem Wesen zum erstenmal in die Hand eines Menschen. Selbst Do gegenüber hatte er das nicht gewagt. »Ja, so ist es mit mir -- die Menschen sind von jeher um mich herumgelaufen wie Gassenbuben: jeder hat eins der kleinen Fenster an mir eingeworfen. Und ehe ich zu Sinsheimers kommen durfte, hab' ich wohl ausgesehen wie das Haus eines Lumpenmanns. Sie haben alle in meinem Leben herumgewühlt wie in einem lächerlichen Dinge. Deshalb ist es so mit mir geworden. Erst durch Frau Do hab' ich Lust bekommen, dies Haus des Lumpenmannes wieder ein wenig sonntäglich aufzuputzen. Und nun möcht' ich es so schön haben, daß es auch Ihnen gefällt, Fräulein Kordula. Meinen Sie, daß das ginge?«

So darf sich die Wildenbruchbank am Horn rühmen, die wunderlichste Liebeserklärung gehört zu haben, die je losgelassen worden ist.

Kordula Gunkel war nicht schwerhörig. Sie sagte: »Wissen Sie was, lieber Cornelius? Wir werden die Sache miteinander versuchen ... denn das war es doch wohl, was ich ahnen sollte?«

»Ja, liebe Kordula, das war es.«

»Sie meinen, wir sollen uns heiraten, und dann ...«

»Dann, Kordula -- Kordula!«

Sie zogen nun die blaue Sammetdecke der Nacht ein wenig fester um sich zusammen ...

»Es ist alles gar nicht so furchtbar schwer, du, gelt?« lachte Kordula.

»Ja, nun ist es sehr süß und sehr einfach. -- Komm,« sagte er nach einer Weile, »ich zeige dir jetzt mein kleines Haus.«

Da gingen sie den Wall entlang in der holdseligen Finsternis und glitten durch die Schlüpfe im Zaun.

Es war recht jämmerlich in dem Häuschen. Aber Erich Meyer fand es herrlich. Es war viel jämmerlicher als in jenen Tagen, in denen Jockele dort gewohnt hatte. Was darin stand, hatte Meyer des Abends von Do herübergetragen. Der Stutzflügel füllte das Vorderzimmer, daß fast kein Platz mehr blieb. Aber mit einiger Mühe gelangte man zwischen Wand und Flügel hindurch in den Schlafraum. Da war neben dem Bett auch nur ein schmaler Gang, in dem aller möglicher Kram aufgestapelt lag. Erich Meyer hatte die kärgliche Stehlampe angebrannt und leuchtete an den Dingen verliebt herum.

So sah das Leben Erich Meyers aus. Es war ein Haufen Gerümpel, und mitten darin stand der glänzende kleine Flügel. Aber es war zu merken: eines Tages würde auch er untergegangen sein in den Dingen, die sich um ihn sammelten. Der Flügel stellte Meyers Herz dar, und das ganze kleine Haus Erich Meyers Leben.

Und doch wurde Kordula Gunkel sehr vergnügt an allem, was sie sah. Genau so hatte es ihr Gwendolin schon erzählt. Fünf Jahre lang hatte sie vor ihrem Leben gestanden, wie viele Mädchen, und hatte dies Leben gefragt: »Was soll ich denn nun tun?« Und dies Leben hatte vor ihr gestanden und die Schultern gezogen. Aber in dieser Nacht sagte es zu ihr: »Weißt du nun, was du tun sollst, Kordula Gunkel? Du bist vor einem halben Jahre nach Rom gefahren und hattest den Mut, etwas viel Schwereres zu vollbringen. Weißt du nun, was du tun sollst?«

Ja, sie wußte es. »Du,« sagte sie, »da müssen wir gleich beginnen, alles fest in die Hand zu nehmen.« Sie rückte den Stuhl neben den Klaviersessel Meyers, und sie fingen an zu rechnen und Pläne zu machen, und Kordula preßte die Pflugschar zur ersten Furche in das verqueckte Land.

Es war so, wie wenn ein Mann einen Acker gekauft hat, auf dem seit Menschengedenken Sommer und Winter wachsen und ruhen ließen, was Wind und Sonne an gutem und wildem Samen in die Scholle geworfen haben nach ihrer Wahl.

Und am Ende der Woche, in der dies alles geschah, kam Heidi das Frühlingskind.