Part 10
»Dieses aber ist eine Komödie,« dozierte der Professor weiter; »denn warum? Ich betrachte sie aus dem vergnügten Gesichtswinkel des Weisen mit der himmlischen Liebe.« Salzer hatte heimlich auf den Klingelknopf gedrückt, der Diener trat herein. »Fritz, bringen Sie eine Flasche Johannisberger Schloßberg 1878,« befahl der Professor. Und Richard Schaffrath ging hin und her, als ginge ihn alles Lebendige nichts an. Dann aber setzte ihn Salzer neben sich an den Tisch, und sie tranken Johannisberger Schloßberg. Da fand der Schlachtenmaler seine Sprache wieder, und mit Gwendolins Worten sagte er: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«
»Mir scheint allerdings, als wäre das eine Sache für Frauen,« sagte Jockele ratlos.
»Je,« wunderte sich der Professor, »als Sie noch ›Jockele und die Mädchen‹ spielten, sind Sie nach allem, was man weiß, beherzter gewesen.«
»Ja,« bekannte Jockele und verfärbte sich in blutrotem Erinnern, »aber die Gwendolin kann einen mörderlich aufsitzen lassen!«
Darüber fiel der Schlachtenmaler vollends ins Dasein zurück. »Es ist eine peinliche Sache.«
»Ach wo!« sagte der Professor, »sehen Sie, meine Herren, so denk' ich mir das Spiel zwischen schönen Mädchen immer; denn an einem schönen Mädchen hängen die Augen vieler; und die schönen Mädel -- na, ich weiß nicht, ob die nur immer so geradeaus gucken! Wissen Sie, was ich machen würde? Ich riefe den Diener Fritz und ließe der Gwendolin mein Bewerbungsschreiben um die freigewordene Wohnung augenblicklich überbringen.«
»Ich aber werde den Diener Fritz rufen und augenblicklich meine Koffer packen lassen,« sagte Jockele.
»Doktor,« gebot Salzer, »machen Sie keine Späße!«
»Wollen Sie die Gwendolin denn ganz zerreißen?«
»Nun, es ist eine Gewaltkur,« sagte der Professor. »Vor reichlich drei Wochen haben wir uns die Sache in meiner Turmstube ausgedacht. Aber -- ist denn der steinerne Ritter Schaffrath zu einem Worte zu bewegen gewesen?«
»Die Würze des Lebens ist in solchen Dingen ahnungslos wie der Sommerhimmel,« sagte Schaffrath.
»Warum sind Sie denn dann zu mir gekommen? Und was hab' ich Ihnen gesagt? Schämen Sie sich, Schaffrath, so ein großer, schöner, tüchtiger Mensch ...«
»Als ob's bei den Mädchen darauf ankäme!« lächelte Schaffrath bitter, »hieß es nicht, Gwendolin hätte sich versprochen mit Henrik Tofte? Hieß es nicht, sie wäre heimlich verlobt mit dem Grafen Metting? Wollen Sie mich denn vor Gwendolin und der Welt zum Narren machen, indem Sie --«
»... mich auf das zwiefach verhürdete Schäflein loslassen!« vollendete der Professor die Rede des Schlachtenmalers. Er konnte sich nicht helfen -- für ihn war dieser Zusammenstoß der Ereignisse ein Quell erschütternder Heiterkeit. »Ich begreife nicht, warum Sie nicht lachen, meine Herren! So helfen Sie mir doch -- lachen wir, daß die Wände wackeln und in den Gemächern der Damen --«
»Hab' ich nicht gesagt: die Würze des Lebens ist ahnungslos wie der Sommerhimmel?« fragte Schaffrath. Darüber bekam Jockele das Laufen und stampfte nun seinerseits über den Teppich. Er rang mit beidem: mit dem Lachen und mit der Verzweiflung. Salzer aber begann ein Examen. »Ist Gwendolin verlobt?«
»Nein.«
»Ist sie verliebt?«
»Nein.«
»Würde sie den Grafen Metting heiraten?«
»Wahrscheinlich.«
»Würde sie Henrik Toften nehmen, wenn er heute um sie anhielte?«
»Möglich.«
»Na also,« wandte sich Salzer an Richard Schaffrath, »was steht Ihnen denn im Wege? Ein Vielleicht und ein Möglich! Und vor diesen beiden windigen Gespenstern fürchten Sie sich, Sie Ritter ohne Furcht und Tadel?«
»Eigentlich hat er recht,« erwog Jockele. »Aber, liebster Schaffrath, warum haben Sie denn den langen Winter vor ihr gestanden, als hätten sie ein neunmal gepanzertes Herz?«
»Es ist eine Eigentümlichkeit von mir,« sagte Schaffrath.
»Und Sie, Professor, hätten Sie sich nicht für Ihren Freund in die Schranken werfen können?«
»Na, ich bitt' Sie, ich habe doch kein Heiratsbureau!« schrie Salzer in heller Entrüstung.
So sprangen sie rings um den toten Punkt und bekamen das Wirbeln, aber vom Flecke kamen sie nicht.
»Hier muß etwas geschehen,« sagte der Professor. »Ich übernehme die Verantwortung!« Er drückte mit fester Hand auf die Klingel und nahm den Brief vom Tisch ...
»Ich betrete dies Haus drei Wochen nicht mehr!« rief Schaffrath.
Aber Salzer befahl: »Fritz, bringen Sie diesen Brief zu Fräulein Gwendolin Vogelgesang. Sagen Sie: eine Antwort würde vor Ablauf von drei Wochen nicht erwartet.« Fritz wiederholte den Befehl und verschwand. Salzer und Schaffrath verschwanden auch. »Wollen Sie mich nicht mitnehmen?« fragte Jockele. -- »Kommen Sie!«
So schritten sie hinaus in den stürmischen Abend. Peter Cornelius aber saß am Flügel und vergaß Zeit und Ewigkeit. Halb zehn Uhr spielte er immer noch. Da ging Do hinein zu ihm und sagte: »Möchten Sie nicht mit uns zur Nacht essen? Es ist zwar schon reichlich über die Stunde, und wir sind ganz allein ...«
Erich Meyer tat einen harten Fall auf die Erde -- was aber nicht wörtlich zu nehmen ist -- und erwachte aus tiefen Träumen; denn er erfuhr, daß die Herren mittlerweile im Rauchzimmer ein Gelage gehalten hätten und abhanden gekommen wären, und daß er seit länger als drei Stunden am Klavier gesessen.
Gwendolin war auch im Speisezimmer. »Sehen Sie, lieber Meyer, das ist Ihre Art, das Leben zu verpassen,« sagte sie mit einem fröhlichen und einem traurigen Auge. »Ich glaube, an diesem Punkt begegnen wir uns. Man wird darüber leicht zu einer komischen Figur, lieber Meyer.«
»Wohl, wohl,« sagte er, »aber das ist mir ganz egal. Ob der Mensch glücklich ist, darauf kommt's an! Und darin nehm' ich es mit ihnen allen auf, seit ich mein Landhaus besitze und meinen Stutzflügel.«
»O,« machte Gwendolin, »so ist auch das ins Wasser gefallen! Ich dachte schon: wenn Sie noch solch ein Ritter von der traurigen Gestalt wären, könnten wir zwei uns heiraten.«
»Ja, +wenn+ ich es wäre!« scherzte Cornelius, »aber jetzt bin ich ein feiner Herr.«
»Und ich? Ich wandele mich allgemach zu einem Narren,« sagte Gwendolin bitter, »aber wofür ist denn Fasching? Freilich, die Herren haben sich einen sehr schlimmen Spaß mit mir erlaubt. Doch warum beklag' ich mich darüber?« Cornelius sah Do an, und er sah Gwendolin an. Und weil die merkte, Meyer war schuldlos, so begann sie zu erzählen in herzhaftem Spott gegen sich selbst ... »Nun, wenn ich mich selber nicht mehr verhöhnen könnte, stünde es noch schlimmer mit mir.«
Aber Erich Meyer saß fast andächtig dabei.
»Und da lachen Sie nicht, Cornelius?«
»Nein,« sagte er, »denn ich warte auf die Geschichte von dem schlimmen Spaß.«
»Mensch, die hab' ich Ihnen ja soeben haarklein erzählt!«
»Ach so,« staunte Meyer, »und das nennen Sie Spaß?« Do begann zu begreifen. »Ein Spaß ist das ganz und gar nicht, Fräulein Gwendolin; denn der Brief Schaffraths ist schon seit drei Wochen geschrieben, nämlich: der Schlachtenmaler liebt Sie bis zur Selbstverlorenheit.« Und Peter Cornelius setzte neckisch hinzu: »Sehen Sie, darum hab' ich vorhin Ihrer freundlichen Aufforderung, Sie zu heiraten, nicht gleich Folge geleistet.«
Es kam nun eine Stille -- die Uhrenpendel hörte man darin schlagen und die Herzen. Do aber legte die Gabel fort und faltete ihre beiden Hände im Schoße ... »Sturmschwalben, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?« Die Uhren tickten wieder und die Herzen. Gwendolin war aufgestanden und hinter Frau Dos Stuhl getreten. Sie neigte die Stirn auf Dos Schulter und umfaßte sie und sagte: »Ist es nicht gräßlich mit mir, Do? Die erste tiefe Liebe, die mir begegnet, halt' ich für einen schlimmen Spaß ... Ist es nicht gräßlich?« Und Gwendolin weinte bitterlich.
Wäre diese Geschichte nicht wahr, sondern ein Roman, so würde es nun weiter heißen: »Drei Wochen später wurde die Verlobung mit großer Pracht gefeiert.« Dem war aber nicht so; denn als man Verlobung feierte, war man nur selbdritt beieinander: Gwendolin und Richard und eine zeitlose Frühlingsnacht, die lag so schmeichelnd, veilchenduftig und sammetschwarz über dem Weimarer Park, daß sie James King kurz und bündig »lächerlich« genannt hätte. Und wenn etwa einer nachträglich kommt und erzählt: es wäre bei Sinsheimers im Haus am Horn gewesen, und es hätte eine große Aufmachung von Licht, Kuchen, Wein und Musik gegeben, so ist das einfach nicht wahr. Sondern: wenn man von Goethes Gartenhause den Wiesenweg nach der Ilm geht und an der Ilm links weiter, so kommt man nach zweihundert Schritten an einen Wildapfelbaum mit tief herabhängenden Ästen. Unter dem Apfelbaume steht eine Bank. Auf dieser Bank war es. Und es gab weder Kuchen noch Wein noch große Festmusik, bloß Lieder ohne Worte und Süßigkeiten ... Ferner: es war auch gar nicht drei Wochen später; denn Richard Schaffrath war ja schon beim nächsten musikalischen Tee wieder bei Sinsheimers, es war da sehr fein, und ein Narr wäre gewesen, wer behauptet hätte: am Donnerstag zuvor hätte Gwendolin Frau Do ihren heißen Schmerz auf die Achsel geweint und hätte gesagt: mit ihr wäre es gräßlich. Nein, nein. Die Geschichte unter dem Apfelbaum geschah in Wahrheit am darauffolgenden Samstag, abends von neun bis elf Uhr; und zwischen dort und jenem Donnerstag im Leid lagen zweimal die hundertneununddreißig Stufen der Weimarer Hofkirche am alten Friedhof, die Gwendolin zu dem Herrn Professor Salzer emporgestiegen war. Daraus ist zu ersehen, daß es sich für sie um einen ernsten und wichtigen Fall handelte; denn weder wegen James King noch wegen Mister Johnny, noch wegen Henrik Tofte hatte sie einen Fuß gerührt -- des Jockele und des Unbekannten aus dem Ettersburger Zwetschengarten gar nicht zu gedenken! Fra Mariano aber stand in der Mitte zwischen Richard Schaffrath und der langen Reihe, von der ihr jeder den Jungfernkranz winden lassen wollte; denn wegen Fra Mariano war sie wenigstens in ihre Zimmer gestiegen, und Fra Mariano muß hier erwähnt werden, weil er schon auf dem Weg unter den Wildapfelbaum war und zu dem Fest als ungeladener Gast kam ... Aber es war sehr finster im Park, und es sind viele Bänke dort; nach der richtigen mußte er erst eine Weile suchen. Er war noch an kein Vorhaben mit gleicher Unentwegtheit herangetreten; denn er wollte diesen Porträtmaler auf frischer Tat ertappen.
Es ist auch nicht bei der Wahrheit geblieben, wenn man wissen will: Gwendolin wäre in tiefer Zerknirschung und mit vom Weinen geröteten Augen unter dem Apfelbaum erschienen; denn zweimal hundertneununddreißig Turmstufen sind so lang wie zweimal hundertneununddreißig Jahre. Und Gwendolin, die weitoffene und gescheite Gwendolin, war viel zu ehrlich, als daß sie aus ihrem Herzen eine Mördergrube gemacht hätte. Weitoffen, klar und gescheit stieg sie gleich am Freitag früh nach dem verweinten Donnerstag zu Salzer, dem Turmwart, und sagte: »Ich wollte nur sehen, ob Sie über Nacht wieder herzugekommen sind.«
»O ja,« sagte der Professor, »Jockele, Schaffrath und ich haben bis gegen morgen im Turm einen respektablen Trunk getan. Aber: wollten Sie wirklich nur nachsehen, ob --?«
»Sie sind sehr neugierig,« sagte Gwendolin.
»Das kommt daher, weil ich für den Brief die Verantwortung übernommen habe.«
»Es war tapfer von Ihnen,« lobte sie, »mit den jungen Leuten hat man seine liebe Not.«
»Ja,« sagte der Professor.
»Morgen komm' ich noch einmal,« sagte Gwendolin, »ich möchte da Richard Schaffrath hier sehen. Übernehmen Sie die Verantwortung?«
»Ja,« sagte der Professor.
Am Samstag kam sie erst gegen Abend. Schaffrath aber hatte schon seit dem frühen Vormittag auf sie gewartet. »Sie müßten Engelein heißen,« sagte der Professor zu ihm. Es war Schaffrath sehr bange; denn er dachte: »Dies fixe wackere Mädchen wird meine Vorsicht als Feigheit ansehen.« Aber das tat sie nicht; sondern sie sagte sehr milde: »Nun, ich hätte es mit der Gwendolin wahrscheinlich anders gemacht. Wußten Sie denn nicht, daß ich in einer großen Gefahr schwebte?«
»Nein,« sagte er, »Sie konnten es auch für ein großes Glück halten.«
Sie war ans Fenster getreten. Es lag über den Dächern ein feiner grauer Nebel. Nur die Firste und Schornsteine guckten oben darüber heraus, und am Himmel gingen verheißungsfroh die ersten Sterne an. »Der Frühlingsmantel, den sich die Erde umlegt! Kommen Sie, wir wandern zusammen hinab ins Tal!«
»Nein, auf einen hohen Berg.«
Da gingen sie miteinander. Und nach einer Stunde kamen sie unter den Wildapfelbaum. Ein ganz dünner Streif Mond lag nun auf der Ilm als ein silberner Kahn. Darüber fiel Gwendolin James Kings Gespensterschiff ein, und sie erzählte dem Manne, der nun neben ihr saß, alle Liebschaften, die sie gehabt hatte in den acht Jahren, seit ihrem fünfzehnten, und wie sie umworben worden -- von lange vor Jockele bis zu dem Grafen Metting. »In fast allen Fällen konnte ich gar nichts dafür -- bloß die zwei Sachen in Ettersburg, die stehen auch mit auf meiner Rechnung. Aber du mußt nun alles wissen; mein Herz sagt einfach: es ist so in der Ordnung! Ach du, mein Herz ist ein so natürliche ungefaltetes Ding -- rein zum Bangewerden! Wird dir nun bange davor?«
»Nein,« sagte er und wunderte sich, daß sie auch für das Erlebnis mit Henrik Tofte die Verantwortung ablehnte. Aber er redete nicht davon.
Da zog Fra Mariano des Weges. Er hatte sich in seinen Sommerüberzieher verkrochen und den Kragen hochgeschlagen und trug den Gehstock steil in der Rocktasche. Weil er am Apfelbaum so kecklich vor sich hinhüstelte, sagte Gwendolin: »Wenn Sie Lust haben, sich ein wenig zu uns zu setzen, Graf Metting -- es steht Ihnen ganz und gar nichts im Wege.«
Es war zu merken: die da sprach, war die alte Gwendolin. Von ihr hat einer gesagt: sie hätte Stunden, in denen sie den lieben Gott besiegen könnte. Ja, so war das mit ihr. Metting hatte vorgehabt, den Überraschten zu spielen und beide zur Rechenschaft zu ziehen, aber »zu spielen« brauchte er nun nicht; denn das hier war keine Komödie -- das war das Leben selber und forderte ihn auf den Plan. Und davor stand er, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich auf die Bank, rechts neben Gwendolin, und verkroch sich noch tiefer in seinen Überrock.
»Nun?« fragte sie, »was halten Sie von diesem Tatbestande, Graf?«
»Eins der vielen Abenteuer der Herzogin von Urbino,« sagte er sehr zugeknöpft. Er hätte sagen können, was er wollte -- sie faßte ihn sofort am Schopfe und beutelte ihn ... was wiederum nicht wörtlich zu nehmen ist.
»Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Herzogin von Urbino Abenteuer suchte in dem Sinne, in dem Sie das meinen, lieber Graf. Aber das sag' ich Ihnen: durch die Ungewißheit ihres Schicksal ist jede Frau von ihrem sechzehnten Lebensjahr ab eine Abenteurerin ...«
»Ha, es wäre schlimm!« unterbrach sie Metting.
»... nicht in ihren Taten, sondern in ihren Träumen! Sie läßt ihre Träume vom Leben ausfliegen wie Noah den Raben oder die Taube aus dem Kasten: sie finden nicht, da ihr Fuß ruhen kann. Aber einer bringt den Ölzweig. Und danach ist es gemeinhin vorbei mit dem abenteuerlichen Flug über den wogenden Wassern. Sehen Sie, so mein' ich das.«
»Nicht übel,« sagte er, »und recht spitzfindig ausgedacht. Nun, Frauen sind um eine Entschuldigung niemals verlegen.«
»Männer auch nicht,« sagte sie. »Aber ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich vor Ihnen zu entschuldigen; sondern die Dinge liegen einfach so: in dem Augenblick, in dem auch mein +Herz+ in die Lage kam, zu wählen zwischen Richard Schaffrath und dem Grafen Metting, entschied ich mich für Richard. Wir haben uns in der vorigen Stunde verlobt.«
»Hoh!«
»Ja. Die Liebe ist ein Geist; sie kann nicht reden, eh' ihr nicht ein Wort oder Zeichen gegeben wird. Die Liebe ist ein Geist; aber dieser Geist wird erlöst, wenn er weiß, man verlangt nach ihm.«
»Nun, ich habe Ihnen Zeichen genug gegeben, Gwendolin.«
»Aber als der andere die Sprache fand, blieb mir keine Wahl: mein Herz flog ihm in Seligkeit nach.«
»Hm. Dann wäre wohl meine Aufgabe unter diesem Baum erfüllt?«
»Ich glaube es,« sagte Gwendolin.
»Gute Nacht.«
Fra Mariano versickerte in der Finsternis.
Von den Türmen schlug es Elf, als Richard und Gwendolin unter den hohen Birken des Philosophenwegs hervortraten und nach dem Horn einbogen. Sie hatten keine Eile und sprachen leise. Auf der Höhe des Goethegartens sahen sie: bei Sinsheimers war noch das ganze Haus hell. Da wunderten sie sich. Es rasselte auch ein Wagen durch die Stille der Straße davon. Sollte Fra Mariano --?
Als Schaffrath sie verlassen und Gwendolin hineinkam, fragte sie den Diener. »Herr Meyer ist da«, sagte der, »und eine Dame: Fräulein Kordula Gunkel aus Rom. Fräulein Gunkel hat sich durch ein Telegramm angemeldet und ist vor kaum fünf Minuten angelangt.« Man hörte durch die Türen lachen, und Gwendolin funkelte in die erste Freude des Wiedersehens.
»Lieber Meyer, wissen Sie, daß die dunkle Kordula eminent musikalisch ist?«
»Ja,« sagte er, »Sie selbst haben es mir erzählt, aus der Geschichte der Sturmschwalben.«
»Und wißt ihr, Kinder, daß ich mich verlobt habe?«
Da rissen sie Gwendolin der Reihe nach an ihr Herz -- zuerst Jockele. »Er tut das immer sehr ausgiebig,« sagte Do. »Ja,« erklärte Cornelius, »man kann da mittlerweile eine Partie Schach spielen oder Beethovens Neunte.« Dann kamen Do und Fräulein Gunkel an die Reihe. »Na, lieber Meyer?« jauchzte Gwendolin. Und weil er beschaulich am Flügel lehnte und Miene machte zu einem sanften Handkusse, griff sie ihn auf und wirbelte ihn ein paarmal herum. »Die Liebe ist ein Geist -- sie muß durch ein Zeichen erlöst werden!« rief sie. Cornelius ward von diesem Überfall reichlich betört; und als sie ihn wieder freigegeben hatte, war er blutrot geworden und gestand: »Jetzt hab' ich den ersten Kuß von einer Dame bekommen! ... Sie auch?« wandte er sich an Jockele.
»Ich -- --? -- Ja, natürlich.«
Darüber gerieten sie noch mehr in Lustigkeit. Erich Meyer aber hatte einen großen Tag und durfte hinausgehen und Wein kommen lassen, ganz nach seiner Wahl. Da entschied er sich für Sekt; denn Sekt hatte er in diesem Hause zum ersten Male getrunken, und Sekt stand obenan in der Reihe seiner unvergeßlichen Erlebnisse. Dann sanken sie in die braunen Ledersessel, und es war herzhaft und aufgetan wie in der Mädchenzeit.
Die Standuhr schlug die Mitternacht. Da horchten sie hin; denn es war ein schöner, weicher Klang und voller Andacht. »So ist es, wenn Kordula Gunkel zur Laute singt,« sagte Gwendolin und dachte an die Abende im Fjord. Sie dachte auch an Henrik Tofte; aber sie wollte nicht nach ihm fragen. War die dunkle Kordula damals nicht mit heimlichen Hoffnungen nach Rom gezogen? »Jede Frau ist eine Abenteurerin von ihrem sechzehnten Jahr ab.« Der Gedanke, den Gwendolin vor zwei Stunden dem Grafen Metting gegenüber ausgesprochen hatte, stand nun neben den vielen Lichtern, die in dieser Nacht ihre Seele hell machten, und sie fragte: »Kordula, warum bist du heute in unser Haus gekommen?«
»Daran ist dein glückseliger Brief schuld, Gwendolin.«
»Du, den hab' ich doch in der Woche vor Weihnachten geschrieben!«
»Jawohl,« sagte Kordula, »und es fehlte nicht viel, ich wäre gleich damals zu euch gekommen. Er war ein Stern in tiefer Finsternis. Ich habe nicht wieder geschrieben -- nun ja, ich habe gewartet, bis ich meiner Sehnsucht nachfahren könnte ...«
»Na, und Tofte?« fragte Jockele, »ist denn der nicht das große Licht in der Finsternis geworden?«
»Ja und nein,« sagte Kordula. »Ich war schon seit langem wandermüde, aber jetzt bin ich's doppelt. Gwendolin hat mir so strahlend vom Leben in diesem Haus erzählt, und das hübscheste war der Abschnitt ›Jockele und seine Frau‹. Seht, ich komm' auch aus einem solchen Hause! Als meine Eltern kurz hintereinander starben, wurde ich mit dem Haus abgefunden, mein Bruder empfing bares Geld, er ist Arzt in Bingen, und ich saß nun in Göttingen, und es kam mir vor, als wollte mich das Leben dort sitzen lassen. Da verkaufte ich meine steinerne Einsamkeit, kam nach Weimar und wurde Kordula mit der Laute. So lebt' ich mich zwei Jahre durchs Dasein. Ich ging an den düsteren Songefjord und ließ die traumhafte Herrlichkeit an meiner Seele abfärben. Als ich zu euch in den Hardanger Fjord geriet, da hatt' ich Heißhunger nach Sonne. Gwendolin hatte mir geschrieben: ›Wo Jockele und Do sind, da ist die Sonne.‹ Die Insel der Auferstehung lockte mich, dort wollt' ich mein Ostern feiern. Und als ich eintraf, hatte Rolf Krake die Kugel in die Sonne geschossen. Ich kam zu spät -- aber ich kam zu rechter Zeit nach Rom. Da fand ich Henrik Tofte. Er hatte einige Wochen mit Mister Johnny in dem deutschen Gasthause ›Zur Post‹ zu Mittag gegessen. Mister Johnny war noch dort, aber es hatte Auseinandersetzungen zwischen beiden gegeben, und nun begegneten sie einander mit stummem Gruß, und Henrik speiste nicht mehr in der Post. Er speiste überhaupt nicht mehr -- so schien's. Künstler, die ihn kannten, erzählten, er triebe sich in kleinen italienischen Weinhäusern herum; und einer wollte wissen: Henrik Tofte wäre Gepäckträger, und wenn ich ihn suchte -- draußen am Bahnhofe könnt' ich ihn treffen. ›Großer Gott,‹ sagte ich, ›dieser Henrik Tofte ist ja aber ein Genie!‹ Da lachte man mich aus -- Genies gäb's auf dem heißen Pflaster Roms massenhaft, aber die meisten bekämen das Fieber ... Ich ließ also meine Reisetasche im Handgepäckschalter niederlegen, und tags darauf ging ich vor der Ankunft des Berliner ~D~-Zugs zum Bahnhofe. Den Längsten unter den Gepäckträgern ersah ich mir. Er war blond und reckenhaft wie ein Skalde und trug die rote Mütze der Facchini. ›Wie heißen Sie?‹ fragte ich ihn auf norwegisch. Da zuckte er zusammen und schlug die Augen nieder. ›Tofte.‹ -- ›So besorgen Sie mir die Tasche auf diesen Gepäckschein nach Via Gregoriana Nummer 5.‹ Auf meinem Zimmer in der Gregoriana hab' ich dann versucht, ihn instandzusetzen. Kinder, diese Geschichte hättet ihr erleben sollen! Eine Wohnung hatte er nicht. Aber Angelina Fabbro, die Witwe eines Postschaffners, bei der ich wohnte, hatte eine große Küche. Sie war sehr einsam, sehr faul und sagte, sie trauerte sich um ihren Emilio einen grauen Kopf. Angelina Fabbro ist sechsunddreißig Jahre ... Nun: Kordula Gunkel stattete Henrik Toften aus, bis er wieder manierlich war an seinem langen Leibe. Schön und manierlich; aber Angelina liebte ihn, und er liebte sie. Sie ist rund an allen Enden, sie ist zierlich, und sie hat das Herz einer Römerin. Und Angelinas Küche ist groß, kühl und heimelig, wenn die grünen Sparrenläden vor den Fenstern liegen. In dieser Küche schliefen sie, in dieser Küche liebten sie einander und waren faul, wie man nur in Rom faul sein kann. Angelina Fabbro vermietet ihre Zimmer, hat ein kleines Witwengeld und führt ein gutes Regiment im Hause. Als ich mir über dies alles klar war, zog ich aus ...«
»Römische Schlendertage!« sagte Jockele. »Die Geschichte ist zu Ende.« Er klang sein Glas gegen das Glas Kordulas, und seine Stimme war von frohem Klang; denn es war zu sehen: Kordula Gunkel erzählte nicht aus schmerzlichem Verzicht. »Die Geschichte ist zu Ende!«
»Nein, ich möchte sagen: sie geht erst los.«
»Sekt, Sekt, Cornelius!« mahnte Gwendolin, »Herrgott, Sie sind sich ja abhanden gekommen!«
»Ich finde so was furchtbar interessant, Fräulein Gwendolin« -- das war Erich Meyers Erwachen -- »denken Sie mal: Rom, Angelina Fabbro, rund an allen Ecken ...« Cornelius merkte den lustigen Streich gar nicht, den ihm die gespitzten Lippen spielten ... »wenn ich daran denke ... nun: eigentlich dumm scheint Henrik Tofte nicht zu sein. Und diese famose Geschichte geht noch weiter, Fräulein Kordula?« Erich Meyer rieb sich die Hände. Dann goß er Kordula das Glas voll Sekt, ihr ganz allein. »Er will verhüten, daß dir die Lippen trocken werden,« bemerkte Gwendolin.
Ach ja, Cornelius war zum Ergötzen! Denn nun sprang er hinaus an den Flügel und griff leise, gebrochene Akkorde, wie aus einer Harfe, ehe das erwartete Lied ertönt ... Und Kordula Gunkel sprach: