Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 9

Chapter 93,653 wordsPublic domain

Der Kellner klemmte seine Serviette unter den Arm, und während der Kavalier Jockele sich erhob und zu einem entfernten Tische schritt, starrten sie einander an -- Jockele als Hypnotiseur, der Kellner als zweifelndes Medium zwischen Lächeln und sachtem Verkommen des Bewußtseins. Am Gefrierpunkte der Sinne bäumte er sich auf.

»Ich dachte immer, Fräulein Vogelgesang wäre Ihre Braut ...«

»Das dachte ich auch,« sagte Jakobus; »aber nun bringen Sie mir mal schnell drei Zigaretten und eine Tasse Kaffee.«

»Sehr wohl, drei Zigaretten und 'ne Selters.«

»Kaffee!« brüllte Jockele. -- »Halt, kommen Sie mal her. Sie sind ein unverschämter Mensch! Da -- zwanzig Pfennig für die Beleidigung! Adieu!«

Er zog das Etui aus der Tasche, brannte sich eine Zigarette an und wirbelte sich hinter seinem zwischen den Fingern drehenden Spazierstock aus dem Gesichtskreise.

Die Sonne roch nach dem Staube, der unter dem enteilenden Wagen hervorbrach; der goldene Septemberwind machte sich ein billiges Vergnügen daraus, mit dem Geräusche rollender Räder und klapperndem Hufschlag die Dorfstraße entlangzuschlendern und Jockele zu fragen, ob er das hübsch finde; und der Himmel stand über dieser Erde, durchsichtig vor leuchtender Ahnungslosigkeit, und ein paar Engel guckten zum Fenster heraus und flatterten mit den Flügeln.

Jockele verfiel in ein stürmisches Dahinschreiten. Er dachte, er müsse mit erhobenen Armen und einem ungeheueren fanfarenden Schreien das Licht zerreißen. Aber es schoben sich da und dort Frauenköpfe mit neugierigen Augen durch niedere Fenster; es standen schwätzende Weiber hinter den Zäunen und sahen ihm nach; und wie die Gattertür vor der Auffahrt zum Schloßgarten hinter ihm zuschlug und Falterstille, mit großen stummen Augen auf den Schwingen, um ihn schwebte, schlug sich der Drang zu dem ungeheueren himmelzerreißenden Schrei nieder in Bitternis und Schweigen.

Er hatte den Rausch der vier Tage in windigen Kniehosen und in einer Gürteljoppe bestanden und hatte ausgesehen wie Samstag. Nun schmiegte sich freudiger Sommerstoff um ihn. Er hatte eine blaue Krawatte umgetan, die an Daseinslust mit der Seide des Himmels wetteiferte, und seine Augen liefen an der gepflegten Bügelfalte hinab, die in den Aufschlag der Hose versickerte; dazu hatte er chamoisfarbene Gamaschen über die gelben Schule gestreift -- -- die sehr frühe Stunde fiel ihm ein, in der er den langen Menschen Jakobus mit beseligter Hingabe für Gwendolin Vogelgesang bereitet hatte ...

Er suchte nach dem Winkel in seinem Herzen, in dem eine annähernd höllische Teufelei aufgehen könnte, und fand ihn nicht.

Oder war das Benehmen Gwendolins von der Verzweiflung des Augenblicks geboren? War es Verwirrung gewesen, die der Ueberfall angerichtet hatte? Oder war es die mädchenhafte Scheu, sich zu verraten?

Vielleicht, wenn er ihr morgen entgegenlief, breitete sie die Arme weit aus wie ein Sommertag, wenn er die Sonne kommen sieht!

Ueber diesem Gedanken stieß er alle Türen und Fenster seines Herzens weit auf -- aber der liebe glockenklare Morgenwind lief nicht hinein.

Da hatte er nun diese Lippen hingenommen wie der Frühling eine erwachende Blume! Und als Do ihren wissenden Finger erhob, der da fragte: »Sie denken wohl ...?« hatte er seine Empörung gegen diesen Finger geblasen.

Nun waren die Küsse der vier Tage, die ihm auf dem morgendlichen Waldgange erdbeerfrisch noch auf dem Munde gelegen hatten, am Wegrande gewachsen!

Er wischte sie mit dem Taschentuche fort und dachte: ein Mädchenmund voll so staubiger Süßigkeiten müßte von Rechts wegen gekennzeichnet sein -- und nörgelte eine Stunde lang an der Weltordnung herum.

Es tauchten da und dort morgenlichte Kleider auf, und es blühten da und dort auf umschatteten Wegen junge Stimmen. Da setzte er sich auf eine Bank und saß bis an den Mittag und warf seine Blicke auf jeden Frauenmund -- ob er sich an ihm vorüberlachte in der Freude am Licht, ob er voll sehnsüchtigem oder besinnlichem oder dankbarem Traum am Glück sei, oder ob er blühe wie ein Mohnfeld, lichterloh und in seelenzehrendem Brand ...

Es war ein qualvolles Studium, und der Teufel half ihm die Küsse zählen, die verschwenderisch auf diese roten Blumen hingedrückt worden, und rieb sich die Hände.

So ließ er an dem Grab, an dem er stand, ›die Schmerzen in Betrachtung übergehn‹ ... Er wußte nicht, daß er damit heimlich in die Gärten Goethes getreten war, der also dichtend überwand, was Bitternis auf seine Sonnenwege schattete. Aber nur ein paar Schritte weiter am Wege durch den Schloßgarten wartete ein Erlebnis auf ihn.

Der Traum des Mittags war aufgestanden und wandelte mit erhobenen Händen, unter denen es sonnenstill wird. Die goldenen Netze der Luft fielen über das Atmen der Blumen; helle Menschensinne begegnen in dieser Stunde den Seelen der Bäume ...

Als die Dame, mit der Jakobus an diesem Tag in ein Gespräch kam, solche Worte aus einer seherischen Erschütterung ihres Herzens zu ihm redete, wunderte er sich; denn es war eine fremde Art. Die Frauen, die seither um ihn gewesen waren, begriffen die Welt in heiterer Sinnlichkeit -- vor allem Gwendolin die Sonnenseitige. Und Doris Rinkhaus war oktoberklar, oder sie war voll Märzenlicht ... Er lächelte sich in ein heimliches Vergleichen hinein und merkte, daß Do ihm ihre Siegeraugen machte. Aber sie lachte nicht das Lachen, in dem die Engel Feste feierten und grüne Gläser mit sachte spritzendem Moselwein aneinanderklangen, sondern sie sagte: »Na, Herr Jakobus Sinsheimer?« Damit verbriefte sie ihm ihr Recht, wenn er ihr einmal unter die Füße gekommen war. Aber er dachte, jener unter die Füße zu kommen wäre besser, als der Gwendolin unter die Lippen -- zwar ...

Dies Zwar war eine Schwelle. Seine Gedanken stolperten darüber und stolperten zu einem gelben Buch, das auf der Bank unter der Hängebuche lag. Es lag auf der Nase und Jockele setzte sich daneben und las so von oben herunter: ›Reclams Klassikerausgaben. Gedichte von Wolfgang von Goethe.‹

Er ließ die Seiten durch seine Finger laufen -- der ganze zwanzig Bogen umfassende Band, von der ›Zueignung‹ bis zu den Noten am Schluß, war Zeile für Zeile grüblerisch durchgearbeitet. Unbeirrbare Sehnsucht, alles zu wissen, war hier am Werke gewesen. Schon hinter der ersten Ueberschrift »Zueignung« stand geschrieben: ›August 1784 auf einer Reise nach Braunschweig, ursprüngl. f. d. Geheimnisse‹. Die zweite Strophe des Gedichts beginnt: »Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen ein Nebel sich in Streifen sacht hervor,« daneben in Blei und emsig schülerhaft: ›Goethe interessierte sich sehr für Wolken.‹ Vor allem waren die Beziehungen zu Faust zweiter Teil mit beharrlichem Bemühen gesucht und vermerkt -- gleich zu Anfang der dritten Strophe der Zueignung: »Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn ...,« war notiert: ›Faust II, 1: Im Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen.‹

War das ein Philologe, der so nach Dichterschätzen grub?

Wieder hörte er die graue Frage: »Was wissen Sie von Goethe, Herr Jo?« hinter der damals im Tiefurter Park seine Jugend in so beängstigender Finsternis gestanden hatte. Es war ihm, als wäre von unsichtbaren Händen ein Tor angelweit aufgeschlagen worden -- und nun sollte er nicht eintreten dürfen in dies Licht, das über ihn fiel? Ein unersetzbarer Schatz!

Er schaute um sich ... rings waren die schirmenden Aeste der Buche ... vielleicht hatte einer den Band zum Finden dahingelegt ... ›Zigeuner!‹ sagte er laut und bitter.

Aber fortgehen konnte er nicht. Er ergriff es abermals, las sich das Herz heiß und dachte: »Ich will es dem Kastellan bringen und will mein Besitzrecht geltend machen für den Fall, daß sich der Verlierer nicht meldet. Oder -- ich will mir die gleiche Ausgabe kaufen und will jeden Tag herausgehen und diese Anmerkungen abschreiben ...« Er dachte sich ganz wirbelig, und dann schritt er den Gartenweg entlang.

Da begegnete ihm eine Dame --

»Verzeihung,« sagte sie, »Sie haben meinen Band Goethe auf der Bank unter jener Buche gefunden ...«

»Jawohl,« sagte er verbindlich und hielt den Hut dabei in der Hand, »ich wollte ihn dem Kastellan übergeben; denn ich sah, daß der Eigentümer den Verlust sehr schmerzlich empfinden würde.«

»Ich danke Ihnen tausendmal,« sagte das ältliche Fräulein mit jenem norddeutschen Ausdrucke, den er selbst von Tante Veronika angenommen hatte. Da faßte er Mut --

»Darf ich mir als Finderlohn die Erlaubnis ausbitten, alle Anmerkungen in einen eigenen Band zu übertragen?«

»Gerne, wenn wir einen Weg dazu finden,« antwortete sie. »Ich komme von weit her -- ich bin eine Sucherin nach herrlichen Schätzen, mein Herr -- eine Schatzgräberin in des Wortes ursprünglichster Bedeutung: ich werde den Faust finden, von dem Goethe in seinen Tagebüchern redet als von dem ›Hauptgeschäft‹. Diese letzte Fassung ist der Welt noch vorenthalten; er selbst redet von einem Schelmenstück, das er damit beabsichtigte -- bis ins Jahr 1775 zurück läßt sich das Vorhaben verfolgen, dies Werk den Augen der Menschen zu entziehen -- und er ist hingegangen in den Garten Am Horn zu Weimar und hat während der letzten Jahre seines Lebens die Vorbereitungen getroffen. In jenem Garten, in den er seinen ewigen Tempel baute, hat er am 16. August 1831 die Handschrift vergraben.«

Das alles kam aus einem lodenen Fräulein und unter einem Jägerhütchen hervor und stürmte auf ihn ein mit kühn vorgehaltenem Fahnenschafte.

»Ah,« sagte er, »und wenn ich recht verstanden habe, so wollen Sie diese endgültige Fassung des ›Faust‹ im Garten des kleinen Hauses entdecken?«

»Ich +werde+ sie entdecken!«

»Dann -- dann müßten Sie aber wohl den ganzen Garten umwühlen?«

»Oh, ich werde die Stellen zu bezeichnen wissen!«

»Das ist ja ein Fund, der die Welt erschüttern wird!« stammelte Jakobus. »Ich fange an, die Hand einer gütigen Vorsehung zu erkennen,« sagte er, schon mit allen Sinnen hineingebettet in den schwärmerischen Ton des Fräuleins Erika Flucht -- »mein Weg führt mich täglich an jenem Garten Goethes vorüber ... Haben Sie ihn vorhin nicht den ewigen Tempel genannt? Auch ich wohne in einem Gartenhäuschen am Horn.«

»So seien Sie mir gegrüßt!« rief sie, reichte ihm die Hand und versprach, ihm noch an diesem Abend die Bezeichnung ›der ewige Tempel‹ zu erläutern. Dann erhob sie ihre Stimme und sprach, mit einer großen Geste nach Weimar:

»Gab die liebende Natur, Gab der Geist Euch Flügel, Folget meiner leichten Spur -- Auf, zum Rosenhügel!«

Jakobus Sinsheimer ahnte eine Aufforderung zu sofortigem Aufbruche, und weil seine Augen dies Ahnen spiegelten, fragte sie: »Sie wissen wohl nicht, daß der Hang, an dem Goethes Gartenhaus liegt, der Rosenberg heißt?«

»Nein,« gestand er, »mir kommt es überhaupt vor, als wüßte ich gar nichts.«

»Sehen Sie -- und die Stelle, die ich Ihnen soeben vorsprach -- ist sie nicht ein Ruf des Meisters: ›Ihr, denen der Geist Flügel schenkte, folgt mir ... unter dem von Geisterstimmen umraunten Rasen des Rosenhügels findet Ihr des Rätsels Lösung!‹ Aber seine Dichtungen sind +voll+ von solchen Rufen und Lockungen nach dem Geheimnisse, das er schelmisch dort der Mutter Erde vertraute. Kommen Sie, sehen Sie mit Ihren Augen die Zauberkreise, die Goethes heitere Größe um das königliche Vermächtnis schlug!«

Es kam aus dieser seherischen Seele über ihn -- noch zitterte der Rausch durch seine aufgewühlten Sinne, den die Frühlingsgaben Gwendolins hindurchgejauchzt hatten, nun ruderte er schon wieder mit schwunghafter Leichtherzigkeit hinein ins Himmelblau ohne Grenzen und fühlte: die fruchtatmende Erde geriet ins Wogen.

Als sie an dem Hause Gwendolins vorübergingen, rief er der Frau hinein, er werde das Malzeug in den nächsten Tagen holen lassen.

Dann fanden sie sich im Zwetschengarten des Gasthofs über einem verspäteten Mahle zueinander: das Glück, aus gerütteltem Ueberflusse Weisheit zu spenden, führte Erika Flucht -- die Frage Dos: Was wissen Sie von Goethe? drängte ihn zu ihr ... Aber er selbst war viel zu sehr bedrängt vom Erleben. Er hörte mit Atemlosigkeit des Herzens zu und kam sich vor wie das Kind, das den himmelblauen Frühlingswind fangen wollte; da rettete der sich vor den tappenden Händen in einen blühenden Kirschbaum und wirbelte einen Haufen Silberzindel herab -- und der lange Mensch Jakobus stand mitten darin und ließ es schneien. Auch der gewärmte Kalbsbraten forderte ein Stück liebevolle Teilnahme.

Einmal hob er das Glas zum Trunke, aber es mußte auf halbem Wege warten; denn zwischen Lipp' und Kelchesrand warf Erika Fluchts stürmende Begeisterung den Peneios, den Olymp, Persephoneien und Orpheus und die ganze klassische Walpurgisnacht hindurch.

Das geschah an dem gleichen Tische, um den die Scherben der vor vier Stunden jäh zerbrochenen Liebe lagen.

Sollte er ihr gestehen, daß wenigstem Peneios und Persephoneia unentdeckte Welten für ihn waren? ...

Nachdem der Kellner abgetragen hatte, legte Jockele die Arme um die Kante des Tisches, als wären auf der Platte tausend surrende Firlchen losgelassen -- Knöpfe, die auf dem durchgesteckten Holze tanzen -- und gebärdete sich, als dürfe von dem närrischen Schwarme keines hinabschnorren in den Sand. Aber das war ein eitles Beginnen. Darum sann er auf Rettung und sagte: »Verehrtes Fräulein, bitte, nehmen Sie eine Zigarette.«

Er hatte gerechnet: sie ist von ganz anderer Art als Gwendolin Vogelgesang, die oft sogar beim Malen rauchte, und gedachte nun Feuer mit Feuer zu dämpfen; auch Maria Reh hatte sich vom Rauchen so hinnehmen lassen als von einem mühseligen Geschäft -- und mild lächelnd senkte sich die Ruhe über sie.

Als der rote Bronnen der Weisheit gestopft war, lenkte er das Gespräch nicht ungeschickt auf ein Nebengeleis -- »Durch die Kronen der Bäume wehen Duftwogen aus der blütenbunten Stille des Schloßgartens,« sagte er, der Würde der Stunde entsprechend. Aber Erika Flucht warf sich gleich in diese Wogen hinein und sprach, als läse sie ihm vor: »In Ettersburg vollendete Stiller ›Maria Stuart‹, und hier wurde Goethes ›Iphigenie‹ zum erstenmal in geschlossenem Raum aufgeführt. Goethe spielte den Orest, und -- wenn ich nicht irre -- Karl August den Pylades.«

»So, so,« sagte Jockele aus seiner tiefen Zerschmetterung heraus und rang mit sich, ob er ihr erklären sollte, daß er für die nächste Stunde nicht mehr aufnahmefähig sei -- wegen des Erlebnisses vom Vormittag, oder weil das Feld seines Geistes, auf dem sie mit beglücktem Fleiße baute, noch zu wenig vorbereitet wäre?

Er entschied sich für das letztere und erzählte ihr den Roman seines Lebens. Darüber traten sie die Wanderung nach Weimar an, und der Bericht war auf eine Meile verteilt.

Als es dämmerig wurde, traten sie unter dem Gewölbe der Sternbrücke heraus in den weimarischen Park. Ein später Nebel spann aus dem abendruhigen Spiegel der Ilm, ganz dünn und zauberisch und von leisem Glanz: er hatte an den Kahn des Mondes gestreift, der auf dem Wasser lag.

Sie gingen an der Sphinx vorüber, und Erika Flucht sprach unter dem Silberschleier hervor, der sich auf ihre Seele gelegt hatte, sprach ein paar Verse Goethes -- »auch aus diesen Versen von der Sphinx ruft das Geheimnis von dem nahe verborgenen Schatze,« erläuterte sie.

Der Abend im Park war voll heimlicher Verheißungen. Und Jockele war gefaßt.

Auf dem Weg über den Stern nach Goethes Gartenhause fragte er: »Sie redeten von dem ewigen Tempel -- wo ist er?«

»Später, später!« sagte sie. »Jetzt von der klassischen Walpurgisnacht -- dies ist die Landschaft! Rechts die Ilm, die Goethe den Peneios nennt; links der Rosenberg oder das Horn, der ihm zum Olymp geworden. Und daß dies Reich in den ›Sand‹ versickert, ist ebenfalls dem Ilmtal entnommen; denn der Platz, in den dies Tal vor Oberweimar hinübermündet, hieß ›der Sand‹ und war ein Exerzierplatz. Sehen Sie -- so führt der Dichter selbst alle jene, denen der Geist Flügel gab, zu dem Schatze seines letzten, des wahren Faust! Jetzt verstehen Sie die Landschaft und Sie verstehen die Mahnung:

In des Olympus hohlem Fuß Lauscht sie (Persephoneia) geheim verbotenem Gruß; Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt; Benutz' es besser, frisch! beherzt!

Kann ein Dichter, der der Nachwelt ein Rätsel aufgeben wollte, unverschleierter andeuten, daß er die Handschrift, von der er als von dem ›Hauptgeschäfte‹ redet, in den Fuß dieses Hanges vergrub? Kann er klarer den Weg dazu weisen?«

Jakobus empfand ihre Worte wie liebevolle Umarmungen. Aber der Gedanke an den Reif, den der Herbstmorgen heut über die allzufreudige Hingabe seines Herzens gesprüht hatte, ließ seine Sinne steil und sein Herz lauschend werden, und er fragte aus leisem Zweifel heraus:

»Hat man diese letzte Niederschrift des Faust von Goethes Hand in der Tat nie gesehen?«

»Nie! Und doch ist sie beinahe in jeder Anmerkung seines Tagebuchs aus der Zeit kurz vor seinem Tode erwähnt.« Erika Flucht zitierte aus einem sicheren Gedächtnis alle Stellen dieses Tagebuchs mit den Daten. Sie hatte jede Zeile Goethes geprüft auf das Rätsel, dem sie in ahnender Erleuchtung nachzog.

Da waren sie an die untere Pforte des Gartens gelangt.

Erika Flucht öffnete sie und sagte: »Man hat mir den Schlüssel übergeben, damit ich des Traumes Deutung nachspüre, so oft mich der Geist ergreift. Sieben Stufen führen empor -- eine geheiligte Zahl!« Das silberne Dämmerlicht sickerte um die hohen Säulen der Bäume. --

»Blick auf, hier steht bedeutend nah Im Mondenschein der ewige Tempel da!

Wir schreiten in diesem Augenblicke hinein! Und niemand erriet, was mir die Seele dieses Ortes offenbarte! Zuerst fand ich unter Moos dies Mosaik, und eingelegt in das Gestein das Zeichen des Pentagrammas. Goethe setzte dies Ausrufezeichen an die Schwelle des Tempels -- aber die Menschen bedachten es nicht und schritten darüber ...«

»Und warum nennen Sie diesen Teil des Gartens immer ›Tempel‹, Fräulein Flucht?«

»Meine Entdeckung, Herr Sinsheimer! Die Gartenanlage trägt die Grundform eines altchristlichen Heiligtums -- dieser Weg nach Osten stellt das Hauptschiff dar, jener das Querschiff --, dort in der Verlängerung des Mittelschiffs sehen Sie den muschelförmigen Abschluß, Chor und Apsis, den Goethe durch die im Bogen gepflanzten Linden andeutete, und an der gleichen Stelle wie in der Basilika, der Hochaltar: das Allerheiligste mit dem Tisch aus Stein, um den Sie den welligen Saum des Altartuchs gemeißelt finden, und darüber das Altarbild, die Tafel mit den Versen:

Hier in Stille gedachte der liebende seiner Geliebten; Heiter sprach er zu mir: werde mir Zeuge, Du Stein!«

»Und der Faust?« fragte er erschüttert.

»Dieser wunderbare Naturtempel kann nichts anderes sein als die Folie zu dem tiefen, ernsten Vermächtnis -- ›blick auf, er steht bedeutend nah!‹ ruft der Dichter der Menschheit ins Herz -- aber sie versteht seine Mahnung nicht ... Hier, mein Herr, hat Goethe die Urschrift zu seinem Faust vergraben.«

Erika hatte alles zusammengetragen an Daten und Veränderungen, die in dem unteren Garten während der letzten Lebensjahre Goethes vorgenommen worden waren. Sie ließ in den folgenden Tagen an Stellen des umrauschten Hanges graben, von denen sie vermutete, daß sie des Rätsels Lösung brächten -- vergebens!

In Jakobus klang jedes ihrer Worte nach, als sie abgereist war.

Den Band Goethe ließ sie ihm zur Abschrift der Anmerkungen und sagte, wenn sie wiederkäme, würde sie der Enthüllung des Vermächtnisses, das ›in den Fuß des Olympus eingeschwärzt‹ sei, ein gut Stück näher sein. --

Seine Tage -- die letzten im lichten Scheinen des Jahres, die es im Scheiden abbrennt als ein königliches Feuerwerk, zogen dahin in tapferer Feindschaft gegen Doris Rinkhaus. Das hatte Gwendolin Vogelgesang getan! Do und Jo gingen aneinander grußlos vorüber, wenn es einmal kam, daß sie nicht ausweichen konnten.

Da hing oft mitternächtige Finsternis um ihn, und er rief sich den Geist Dos wie einer Abgeschiedenen und sagte zu ihm: »Wie denken Sie über die vergrabene Handschrift zum Faust?« Es war komisch -- er nannte das Bild mit den hellen Augen und der klaren Sichtigkeit des Märztages immer ›Sie‹. Und Do lehnte sich mit vor der Brust gekreuzten Armen rückwärts gegen das Fensterbrett, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie einen Angriff plante oder sich eine Stellung zu erfolgreicher Verteidigung eroberte --

»Hm,« sagte sie, »es wäre eine Roheit, diese wunderliche Idee vor der Welt ins Lächerliche zu ziehen. Da die Handschrift in der Tat fehlt und die Tagebuchaufzeichnungen Goethes den Schluß auf eine zurzeit verlorene Fassung des Dramas zulassen, so muß man wohl auch jeden Versuch, ihrer habhaft zu werden, achten. Aber ich halte die Kette der Schlüsse jenes Fräuleins doch für eine sehr phantastische Anreihung und glaube nicht, daß sie im Besitz der Wunderlampe ist, die zu dem Schatze leuchtet.«

Aber Jockele, der Dos Geist nun auf dies heimliche Zwiegespräch gefordert hatte, beschied sich damit nicht --

»Und warum sind Sie dieser Ansicht?«

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß mir die Beweisführung zu phantastisch erscheint -- vor allem aber: es gehört doch eine merkwürdige Auffassung von der Psyche eines ernsten und bedeutenden Mannes dazu, ihr ein derartiges Versteckspiel anzudichten, das ohne Zweifel kindsköpfisch aussieht.«

»Sie kennen die Beweisführung nicht in allen Stücken, Do!«

»Aber das Fundament ist für mich Luft! Es gehört der unbegreifliche Mut einer Frau dazu, darauf ein Gebäude zu errichten.«

Draußen ging ein langer spinnwebfeiner Septemberregen nieder.

Da wühlte sich Jakobus in dem sanft durchwärmten Gartenhäuschen tiefer in Goethe und die Gedankengänge Erika Fluchts hinein -- bis zu selbstvergessender Forscherfreude. Der zweite Teil des Faust wurde auch für ihn ein mächtiger Bund von Schlüsseln. Er probierte jeden an den vielen Türen, die der Dichter vor dem ›großen Schelmenstück‹ seines Lebens aufgerichtet hatte. Zu dem dunklen Gange, der den Schatz bewahrte und zu Persephoneien führte, sah er Wegzeichen --: ›Von der Erde muß das Heil uns kommen!‹ stand da geschrieben, und er fand die Verse, die Goethe mit Bezug auf den Hügel seines Gartens gedichtet haben mußte, wenn in der griechischen Landschaft des Peneios das Ilmtal dargestellt war:

Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel, Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen, Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen -- Das wäre hier für sie ein würdig Ziel!

Bei der Papiergeldszene, von der ihm Erika Flucht mit geheimnisreicher Inbrunst ihre Deutung gegeben, verweilte er lange. Ihre Fragen klangen ihm in den Ohren -- Glocken, die am längsten läuten: »Was soll diese Szene, wenn sie nicht ein Hinweis auf die vergrabene Handschrift wäre?«

Er las:

Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen; Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen. In Berges Adern, Mauergründen Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden; Und fragt Ihr mich, wer es zutage schafft? Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.

Und daneben stellte Goethe die anderen Worte des Mephistopheles:

Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer. Es liegt schon da, doch um es zu erlangen, Das ist die Kunst; wer weiß es anzufangen? Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften, Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften, Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte, Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte ...

Aber durch jedes Fenster, das er aufschlug, um Licht durch die zähe Dämmerung fluten zu lassen, steckte Doris Rinkhaus den Kopf mit den unbarmherzig hellen Augen und sagte: »Ich höre doppelt, was er spricht -- und dennoch überzeugt's mich nicht!«

Jockele hieß die Gelegenheit willkommen, mit dem ›Lichte von drüben‹ sich über den Fall auseinanderzusetzen -- es war kurzweiliger, als immerfort Erika Flucht im Geiste reden zu hören, die die ganze Papiergeldgeschichte auswendig wußte. --