Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 8

Chapter 83,895 wordsPublic domain

Sie hatte da ein Waldinneres mit breitem Pinsel etwas pastos auf die Leinwand gestrichen und ihm eine ganz wundervolle Durchleuchtung gegeben. Während sie mit Doris Rinkhaus redete, sah sich Jakobus an dem Bild in ein Sonnenglück hinein, das er gleich in lautem Lob über sie ausschüttete. Da hörte er, daß sie solches Malen förmlich mit auf die Welt gebracht hätte, daß sie aber am liebsten mit der kalten Nadel arbeitete und derlei Leinwanden nur zum Verkaufe bemalte. Sie hatte in Frankfurt und München Kunsthändler, die ihr diese Sachen bescheiden bezahlten, aber sie verkaufte und brachte sich mit dem Ertrage gut durchs Leben.

Sie stellten das Malzeug im Dorfe ein, streiften bis Abends im Walde herum und fanden nicht, daß der Spruch: ›~Two is company, three is none~‹ in allen Fällen wahr wäre. Einmal lagerten sie sich auf einem Anger, der ganz voll hoher Spätsommerblumen war, darüber schwammen die Schmetterlinge in breiten Flügen, und Jockele dachte, er möchte mit diesem langen, leuchtenden Mädchen auch in der Folge zusammensein. Darum sagte er:

»Gwendolin, wir wollen den Anger malen -- beide das gleiche Bild.«

»Warum?« fragte sie.

»Ich will sehen, wie viel weniger ich kann als Sie,« sagte er sehr ernsthaft, und Doris Rinkhaus saß dabei und bekam weite und kalte Augen.

Am anderen Tag, als Jockele daheim auszog, lief ihm das blaue Morgenkleid über den Weg zur Schlüpfe im Zaun -- Do ertappte sich auf dem mädchenhaften Gedanken, er hätte sie doch wenigstens auffordern können, mitzugehen. Aber es war morgendlich um ihn, und er sagte: »Ich werde mir heute eine Niederlage holen.« Da nahm sie ein herbes Wort in den Mund, ließ es aber nicht fliegen und sagte ohne Bitterkeit und ohne Teilnahme: »Es ist wahrscheinlich. Mag es nun so oder so kommen -- das Spiel wird nicht ohne Gewinn für Sie sein.«

Er hatte die Gedichte Wildenbruchs in der Tasche, und über dem weiten Wanderwege wurde ihm das Malzeug lästig. Da dachte er: »Ich hätte Do sagen können, daß ich heute vielleicht in Ettersburg schlafe ...« Mit diesem Gedanken lief er seine Straße, und es blühten um ihn noch andere blutrote heiße Blumen: Gwendolin hatte all die Tage her schon in Ettersburg gewohnt; er wollte ihr das Hexenlied vorlesen, wenn die Schatten auf den Anger traten wie die äugenden Rehe. Das mußte schön sein, so im Lichte der Blumen, die ihre schmeichelnden Seelen in den müden Tag strömten.

Ob Gwendolin auch wie Do nach Hause drängen würde, wenn die sachten Netze der Nacht fielen? Und ob ihre Augen auch Sterne würden, die immer als die ersten in der Nacht stünden wie die Augen Dos? Und ob ihre Stimme dann weicher würde und so sehnsüchtig, wie Dos Stimme einmal gewesen war, nur ein einziges Mal? Und ob sie wieder das Kleid mit den winden Rosen trüge? Auf einmal summte er das Heideröslein grausam unmusikalisch vor sich hin und kam auf den Anger und war enttäuscht, weil sie noch nicht da war.

Natürlich war sie noch nicht da; denn die Hälfte der Blumenwiese lag noch im Schatten. Ein paar Samenfahnen der ersten Weidenröschen schwebten als weiße, stille Flugzeuge vorüber.

Er stellte seine Staffelei aber nicht auf; denn er wollte Gwendolin ihren Platz zuerst wählen lassen. Da setzte er sich an den Waldgrund und las in den Gedichten. Er geriet wieder an das Hexenlied, und sein Herz blühte daran auf wie in der anderen Nacht.

Gwendolin kam mit den Schmetterlingen; sie hatte das Wildrosenkleid an und trug den Sonnenhut von gestern, und sah gerade so brünett und heiß aus wie gestern -- so an der Sonnenseite gewachsen. Aber sie redete genau so morgenkühl wie Do und fragte, ob er sich etwas zu essen mitgebracht hätte.

»Nein. Ich dachte, wir äßen gemeinsam im Dorfe.«

»Wahrscheinlich kommen wir vor drei Uhr nicht dazu -- es ist um Mittag so köstlich und leuchtend hier, daß einem das Ultramarin von der Palette läuft. Aber jetzt los!« sagte sie. Da ging es ans Malen. Es hing eine Waldstille ringsum, daß man die Pinsel streichen hörte, und der Himmel war über die Wipfel gestülpt wie eine Glocke aus blauem Glas, durch die die Welt von draußen hereinschauen mochte, wenn sie Lust hatte.

Da vergaßen sie, daß sie zwei junge Menschen waren, die sich beim ersten Sehen gefallen hatten, und schwiegen sich in eine tiefe Farbenfreude hinein und sagten sich bei drei Stunden kein Wort und hatten kaum einmal einen Blick. Anfangs dachte Jakobus: »Ich spiele da ein gefährliches Spiel mit mir selber. Es ist sehr ungeschickt gewesen, daß ich mich einem Vergleiche ausgesetzt habe, dem ich doch nicht standhalten kann.« Dann vergaß er auch das und vergaß, daß er in klingenden Farben alles so breit und voll hinstreichen wollte, wie er es gestern bei ihr gesehen hatte. Er malte, wie es ihm die Stunde gab, aus der strahlenden Beschwingtheit seiner Seele heraus, die dunkelrot vom Scheine des Feuers aus dem Hexenlied überglüht war. Sie hatten sich alle Neugier verbeten, hörten die Mittagsglocke aus dem Dorfe läuten, sahen, wie die Luft flimmrig wurde, als tropfe flüssiges Silber hindurch, und schwiegen.

Einmal legte Gwendolin die Palette in den Kasten und warf den Deckel zu und trat mit einem Pack raschelnder Papiere in den Schatten des Waldes. Als ihr Jakobus nachging, sagte sie: »Wenn sie nicht essen +müssen+, so arbeiten Sie. Ich lasse für Sie genug übrig. Natürlich habe ich gewußt, daß Sie auf alles vergessen, was der Mensch außer Pinsel und Farben nötig hat!« Dieses ›auf alles vergessen‹ klang österreichisch lustig in ihn hinein; es war viel Sonne in ihrer Stimme. Und er sagte: »Ich freue mich auf die Stunde, in der wir fertig sind; dann will ich Sie immer reden hören.«

»Ich bin fertig,« lachte sie. Da sprang er auf und lief zu ihrer Staffelei ... »Es ist ein grausames Bild,« sagte er; »es ist herrisch, und es kann dagegen kein anderes aufkommen. Aber es ist doch königlich.«

»Nun ja, es ist königlich. Sie mögen es immer so nennen. Wenn Sie mich einmal nicht leiden mögen, sagen Sie: es ist Theater! Dieses Wort hat mir die Freude an den Farben verdorben. Aber was kann ich dafür, daß sie mir so in die Augen stürzen, wohin ich sehe?«

»Es kommt auf das Herz an,« sagte er. »Sie streichen das in einer wilden Lichtlust daraus hervor, und jedes Ding stellt sich dagegen, wie sich die Wolken stellen gegen die Feuerfanfaren, die der Himmel über das Sterben des Tages bläst. Mir ist bange gewesen vor Ihnen, aber ich schäme mich nun nicht -- wenn Sie Wasser sehen, malen Sie Perlen, und wenn Sie Licht sehen, malen Sie Jauchzen. Ein Feld voll Blumen wird auf dem Wege durch Ihr Herz zu einem taumelnden Märchen oder zu einem himmlischen Farbenrausche. Aber ich male die Erde ...« So redete er sich in Flammen.

Gwendolin sagte: »Meine Bilder sind Lügen für jeden, der die Wirklichkeit nimmt und damit ein zentimetermäßiges Messen an ihnen beginnt. Aber für mich ist es Wahrhaftigkeit; denn es ist künstlerisches Erleben.«

Dann traten sie zur Staffelei Jockeles. Es stand ein Idyll darauf, das versickerte -- letzte Blütenfreude des Sommers -- in dunkelgrüne kühle Waldestiefe.

»Ich kann das nicht,« sagte sie -- »Sie suchen die Seele einer Handvoll Welt, und ich blase eine hinein, die mir gerade paßt.«

Da nahmen sie ihr Malzeug auf und trugen es ins Dorf, saßen in dem Baumgarten des Gasthofs und aßen Pflaumenkuchen.

»Wann gehen Sie?« fragte sie.

»Heute nicht,« sagte er und bestellte ein Zimmer für die Nacht.

»Das ist fein. Da machen wir eine Waldstreife. Also los!«

Den Band Gedichte nahm er mit. Im Ettersburger Schloßgarten fiel das Blühen über sie. »Ich kann mir denken, daß Ihre Lichtfreude hier wohnen muß, Gwendolin!« sagte er voll Innigkeit. Ueber die blaue Weltenwiese jauchzt die Sonne im goldenen Sechsergespann, aber im Garten von Ettersburg geht sie spazieren; draußen ist sie das große Licht, hier ist sie sanftes Leuchten; draußen ist sie Sieg, hier ist sie Liebe; und die Menschen werden leise auf diesen Wegen. Die Tage liegen darauf wie Falter mit breiten Schwingen -- der Schloßgarten von Ettersburg ist ein ewiges Ostern der Herzen ... Darüber gerieten Gwendolin und Jakobus immer tiefer in sich hinein.

Es war, als wären sie allein auf der Welt.

Sie gingen nun unter den hohen Buchen, die sich so sachte mit Himmel zudecken lassen. Aber unter den Wurzeln heraus atmete die Erde den berauschenden Herbstodem, der voll Traum heißer Auferstehungsfeste ist, und sie bekamen Augen wie der Hochwald, voll heimlicher Dämmerungen. Augen wie junge Menschen, die herumirren in den Rätseln ihres Frühlings. Augen wie junge Menschen, die über und über in Blüte stehen und die Seligkeit ihrer Seelen dahinströmen wie die Blumen und ihre klingende Helligkeit ineinandergießen wie die Quellen, wenn die Erde birst unter dem Jauchzen des Himmels.

An einem Hange, an dem die Sonne gelegen hatte, umarmte sie die heiße Dämmerung. Da sanken sie hinein, und das Moos war voll vom Dufte später Veilchen.

Gwendolin saß neben ihm.

»So war es schon einmal,« sagte er -- »damals mit Maria Reh! Da war ich ein kleiner Junge und hatte Sehnsucht nach ihren Händen.«

Da setzte sie den Hut ab und legte ihn über den Band Gedichte.

»Wie war das mit Maria Reh?« fragte sie und stemmte ihre Ellenbogen auf seine Brust.

»Rosenrot!« sagte er. Und ihre Augen waren einander nahe und kamen sich immer näher --

»Und jetzt?« fragte sie.

»Dunkelblau mit Sternen!« sagte er. »Aber was ist das für ein verrücktes Reden! Komm doch!«

»Komm doch!« lockte sie.

Da faßte er in ihr lose geschlungenes Haar und ergriff ihren roten, roten Mund mit den Zähnen -- der Vorhang im Tempel zerriß, und sie fanden sich mit geschlossenen Augen in das Allerheiligste des Lebens.

Dann fing sie an, den pressenden Armen zu trotzen, und wand sich über ihm und bekam ihre Lippen los aus der schmerzenden heißen Verheißung seines Mundes. »Du bist zu wild!« sagte sie.

»Ich habe zu lange gedürstet! Warum bist Du so heiß und schön geworden -- nun mußt Du das leiden.«

Da litt sie es. Sie küßten sich drei Meilen tief hinein in die kobaltblaue Spätsommernacht, und als einmal die Dorfuhr über die Sternenstraße rief, war den Glocken anzumerken, daß sie noch ganz allein wach wären. Im Walde lag eine schwere Finsternis. Da tasteten sie sich hindurch, und als sie vor dem kleinen Hause standen, in dem Gwendolin wohnte, wartete die Frau des Arbeiters drinnen bei dem Licht. Gwendolin fing an, sich das Haar noch einmal zu stecken, aber weil sie in der mitternächtigen Dunkelheit unter Küssen und Zwetschenbäumen doch nicht damit zurechtkam, sagte sie: »Es ist mir ganz egal! Doch morgen mußt Du warten, bis ich komme und Dich hole.«

Der Hausknecht ließ ihn ein, und er fiel gleich in einen abgrundtiefen Schlaf. Aber früh ärgerte er sich, daß er nicht mehr an Gwendolin gedacht hatte, und die Nüchternheit des fremden Zimmers verstimmte ihn. Gwendolin kam, als er drunten im Garten beim Morgenkaffee saß; ein Fink war auf seinen Tisch geflogen und pickte die Krumen auf.

Am vierten Tage malten sie wieder, und am vierten Tage kam Doris Rinkhaus. Sie hatte vormittags den Wald nach ihnen durchsucht, sagte das aber nicht, sondern spazierte zur Essenszeit wie von ungefähr durch den Garten des Gasthofs und setzte sich zu ihnen. Sie merkte den großen Wandel an Jakobus, aber sie war unbefangen und klug und klar wie der Tag. Deshalb ging er am Spätnachmittag mit ihr heim, aber das Malzeug ließ er bei Gwendolin. Sie machten einen weiten Umweg über das Rödchen und gelangten auf abgeernteten Feldern zu der großen Eiche, die im Webicht, nahe dem Goethe-Schiller-Archiv, steht. Es war schon Abend geworden. Doris hatte es auf dem langen Gange vermieden, an sein Verhältnis zu Gwendolin zu rühren. Sie hatten von der Sendung der Tante Veronika zu reden gehabt, die inzwischen für Jockele eingetroffen war -- »Die freundliche alte Dame überschüttet Sie in der Tat mit einer ganz unverdienten Güte --« sagte sie ... und da war der Stein durch das sorglich gehütete Fenster geflogen!

Er faßte ihre Worte gleich fest an: »Wenn Sie damit auf Gwendolin zielen, so finde ich das unbeschreiblich komisch: erst haben Sie mich auf sie losgelassen, und jetzt drohen Sie mir gouvernantenhaft mit dem Finger und spielen würdig die Mama gegen mich aus! Do, Do, fühlen Sie wirklich nicht, daß Sie da nach einer Rolle gegriffen haben, die Ihnen ganz und gar nicht auf den Leib geschrieben ist?«

Jawohl, sie fühlte das und pries ihre Klugheit, die sie damit hatte warten lassen, bis die Nacht um sie hing. Das Buschwerk zu beiden Seiten des Weges von der großen Eiche herauf half bei der gütigen Finsternis.

Darüber fand sie den gewohnten Ton wieder -- »So ist das gar nicht gemeint gewesen. Ich hätte wohl besser gesagt: Sie sind sehr keck geworden in diesen vier Tagen.« Sie suchte nach einer Schlüpfe, durch die sie in ihn hinein kommen konnte; der lange Weg, den sie berechnend gewählt, hatte ihn zu keinem Verrat an sich selbst geführt. Wollte er Gwendolin schonen? War er wieder in eine rosenrote Anbetung versunken wie damals vor Maria Reh, die noch heute lustig davon berichtete? ... Sie fing also an zu klopfen. -- »Ich meine, Sie gehen so aufgeblüht daher! So jungmänniglich, tapfer und weltumarmend!«

Nun schlug er alle Türen weit auf und trat heraus und sagte: »Es war fein! Gwendolin ist ein süßes, heißes Mädel.« Er wollte mit vollem Atem das Lied vom ersten Liebesrausche blasen, aber die Worte lagen neben dem Erleben wie welke Blüten. Da sagte er: »Ich will Gwendolin heiraten!« und hatte damit einen Heiterkeitserfolg. Es war schrecklich -- bei dem dramatischen Höhepunkte, bei der Stelle, die er mit wahrer Heldengröße herausgeschleudert hatte, bekam Doris Rinkhaus das ungeheure Lachen! Und der Vorhang mußte heruntergehen. Sie lachte sich auch durch die Pforte im Zaun und sagte: »Sie sind heute abend zu ulkig! Sie dürfen deshalb ausnahmsweise noch eine Stunde zu mir herüberkommen. Ich muß Ihnen eine Kerze geben; denn es sieht in Ihrer Wohnung aus wie in einem Lagerhause.«

Sie bereitete in der Küche das Nachtmahl; Jockele entzog ihr seine Mitarbeit und dachte in der dunklen Stube darüber nach, wie sich das Spiel für ihn gewinnen ließe.

Als sie gegessen hatten und der Samowar summte, setzte sie sich wieder in den vorigen Gang. »Haben Sie schon Bestimmungen über die Hochzeit getroffen?«

Da schwieg er sie gekränkt an; sie aber nahm noch mehr überhand. »Mein lieber Junge Jo, wenn Sie nicht so grausam lächerlich aus diesen ersten verliebten Stunden hervorgegangen wären, würde ich sagen: Mein werter Herr Jakobus Sinsheimer -- es senkt sich zwar schon der sachte Schatten eines Bartes auf Ihren verräterischen roten Mund, aber mit dem Gewaffen holder siebzehn Sommer läßt sich ein leidlich befestigtes Mädchen nicht fürs Leben erobern! Sind Sie denn wirklich so einfältig, zu meinen, eine Kette angereihter Küsse hielte über ein paar Meilen Zeit? Und glauben Sie, Sie wären der erste, der Gwendolin Vogelgesang hübsch findet? Und das ›süße heiße Mädel‹ hätten Sie entdeckt? Meinetwegen küssen Sie sie ab, soviel sie es verdient -- aber geraten Sie darüber nicht in Unordnung und reden Sie nicht ein tragisches Pathos übers Land.«

Er kreuzte die Arme vor der Brust, und auf seiner Stirne stand kalter Schweiß. »Was geht Sie denn das alles an, daß Sie so in Harnisch geraten?«

»Es täte mir leid, wenn Sie vor sich selbst lächerlich würden,« sagte sie. »Sehen Sie, wie Sie neulich aus dem wildgewordenen Herzen mit feurigen Buchstaben etwas von ihrem Frühlingssturm auf ein Stück Papier schrieben und es mir vors Fenster hingen, das war jung und gesund. Und jung und gesund ist es auch, wenn Sie mal über die lange Gwendolin kommen -- aber daß Sie jede Seifenblase für eine Weltkugel halten und den Eroberer spielen, das ist Ihr hartnäckiges Mißgeschick.« Sie steckte eine Kerze an und gab sie ihm in die Hand: »So, und nun leuchten Sie sich mal nach Hause.«

Da sagte er: »Wenn ich Sie nicht bis zu dieser Stunde für einen Ausbund von Klugheit gehalten und nicht allerlei Ursache zur Dankbarkeit gegen Sie hätte, würden wir uns morgen kaum noch kennen, Fräulein Rinkhaus!«

»Sie, das ist ein famoser Einfall,« lachte sie -- »betrachten wir diese Stunde als Mobilmachung zu einem achtwöchigen Kriege! Am ersten November wird Friede geschlossen.«

»Und wenn ich dann noch Krieg will?«

»Mir auch recht!« lachte Do.

»Ich gebe mein erlösendes Einverständnis. Gute Nacht.«

Sie drehte den Schlüssel schon feindlich im Schloß herum.

»Do hat ihre giftiggelbe Eifersucht vor mir verbergen wollen, und damit ich es nicht merkte, hat sie Esel zu mir gesagt,« dachte er. Aber nun, da er durch das Stück dunkelblaue Spätsommernacht stieg und die Linke vor das kärgliche Fünkchen Licht hielt, kam er sich wirklich sehr komisch vor -- diese Rolle mit der Hand vor dem bißchen Flamme hatte er den ganzen Abend gespielt. Und gestern -- vorgestern sicherlich! -- hatte er geglaubt, es wäre so etwas wie der große Brand in ihm, den der Sommer des Abends vor den Toren der Welt für Himmel und Erde aufführt.

Er leuchtete sich in einen mäßigen Schmerz hinein, der sich über dem Haufen mit Latten verschlagener Möbelstücke zu einer tiefen Verstimmung auswuchs. Die Liebe, mit welcher Tante Veronika und Mali diese Dinge ausgewählt und verpackt hatten, wollte sich heimlich an sein Herz schmeicheln, aber sie war ihm peinlich: die treuen alten Mädchen hatten das im Frühlingshause mit der Sonne ihres Vertrauens für ihn umschienen -- vielleicht in der gleichen Stunde, in der er sich draußen am Waldrande gewälzt hatte wie ein jähriger Hirsch ...

Er fuhr in ein Land tiefen Nebels hinein und verbiesterte sich ...

»Was ist das wieder mal für eine Sache, die Du da aufgemacht hast, Jakobus Sinsheimer! Es ist der niederträchtigste Vertrauensbruch, der einem Menschen je Scham auf die Stirn getrieben hat. Du kommst Deiner Tage zu nichts -- gib's auf, Jakobus Sinsheimer, Du bist ein Zigeuner. Wie ein Zigeuner hast Du den Wald zum Nachtquartier gemacht ...«

Er nahm wieder einmal Seifenblasen für Weltkugeln! Da schlug er mit der flachen Hand auf das Zünglein Licht und warf sich aufs Bett und wühlte sich in eine wilde Selbstverachtung hinein. Auf einmal hüpfte Gwendolin aus dem zähen Nebel und war vergnügt wie der Frühling. Das Wildrosenkleid war längst ausgeplättet, ihr Mund blühte wie roter Mohn, und die ganze Nacht wurde zu tausend feuerroten Blumen. Er lag mitten darin und schlief ein.

Am Morgen, als er sich in den Kleidern auf dem Bette fand, fiel ihn der Jammer an. Aber er raffte sich zusammen, zog andere Wäsche und Kleider an und begann auszupacken.

Tante Veronika und Mali, manchmal auch das Zinzilein, waren dabei immer um ihn, und er werkte sich in eine vergessende Freude.

Als er allen Unrat hinausgetragen hatte in den Schuppen, schloß er die Schubfächer des Schrankes auf und fand darin Vorhänge für drei Fenster, und in dem Kleiderschrank die drei Leisten dazu -- es war auch ein Kästchen mit Stecknadeln darangebunden; als er das erkannte, schauerte ihm die ferne sorgende Liebe durchs Herz, daß ihm ganz bange wurde.

Er wäre nun am liebsten zu Do geflogen und hätte mit allen Glocken Frieden geläutet -- nein, diesmal sollte sie gewiß nicht triumphieren! Wenn sie ihm jetzt ihre Siegeraugen gemacht hätte, jetzt hätte er sie gerne ertragen; aber am Ende sagte sie: »Lassen Sie sich das nur von Gwendolin machen.«

Da überlegte er sich, wie Mali dabei zu Werke gegangen war, damals, als er ihr die Stecknadeln gereicht hatte.

Er drehte eine der Leisten ein paarmal in den Händen und gewahrte die Bänder, die da angenagelt waren. Dann pfiff er seine Entdeckerfreude sachte vor sich hin und kam auch mit den Vorhängen zustande.

So ordnete sich jedes Ding an seinen Platz. Es war alles durch viele Jahre in einer schönen Sonne gewesen -- das ganze kleine Haus schien sich nun daran heimlich voll Gold bis zum Rande. Tante Veronika hatte ihm auch eine Erhöhung des Monatsgehalts von zehn Mark gewährt, dafür sollte er eine Frau bezahlen, die ihm die Wohnung säuberte. Ueber allem hatte er sich wieder zu sich selber gefunden, und weil er den Ueberschuß an Seligkeit merkte, packte er ihn in einen Brief und schickte ihn nach Ibenheim.

Da war der erste Tag nach der Mobilmachung herum, und als sein Verglimmen durch die neuen Vorhänge sickerte, gab er sich der Wohligkeit des Daheimseins hin. Es war, als legte die sorgte alte Tante Veronika ihre reinen Hände an seine Wangen und sagte wie einst: »Mein braver, lieber Junge.« Er saß zum ersten Mal bei der abendlichen Lampe in dem kleinen Haus; die warf die goldenen Fächer ihres Lichts über die bunte Tischdecke, und aus dem Bücherschranke blinzelten ihn die Aufschriften der Bücherrücken so traulich an wie in der anderen Zeit. Veronika hatte ihm alles geschickt, was sie an gedruckter Weisheit besaß -- die zweihundert Bände umfaßten die Welt; und es lag in der Uebergabe dieses Schatzes eine rührende Erklärung der Liebe ...

Wie ihm Fridolin Hartwig in den Weg gelaufen war, und wie dessen großsprecherische Schwächlichkeit strandete an einer Insel der Weltflucht, hatte er dies als ein Erlebnis erkannt; die Nacht im Jägerhaus am Hörselberg stand in seiner Jugend als eine bunte Lichtkugel, nach der er gern einmal zurückschaute, denn sie leuchtete noch immer; das Glück von Ettersburg war ein kristallener Becher, von dem er meinte, er wäre reich genug, sein ganzes Leben mit Glanz zu erfüllen ... So standen viele Tage in der vergangenen Zeit, von denen er sagte: ich werde sie immer sehen. Aber dies Heute, in dem ein Stück seiner waldherrlichen Knabenzeit sich wieder zu ihm gefunden hatte -- dies Heute erkannte er nicht. Es war für ihn eine liebe freundliche Begegnung von jener lächelnden Innigkeit, die ihn über dem Kommen Tante Veronikas berührte, als der gelbe Krückstock neben dem blauen Morgenkleide den breiten Gartenweg daherspaziert war. Und doch war dieser Tag eine Weiche, über die das Leben Jakobus Sinsheimers auf das Geleise lief, das er sich selbst in Spiel und Ernst seiner Frühlingsjahre gelegt hatte. Und er wußte es nicht; denn die Sinne der Jugend sind vorwitzig: sie sehen den Schaum als Trank, sie fühlen den Rausch als Glück, sie schmecken die Erde als Himmel, sie halten Dasein für Ewigkeit.

Am nächsten Morgen spazierte er sehr früh nach Ettersburg, äußerlich angetan wie ein junger Kavalier. Er wollte an diesem Tage nicht malen, aber er wollte sich auch gegen zigeunermäßiges Waldstreifen verwahren. Zudem war es am Anfange des Monats, und hundert Mark im Portemonnaie geben einem jungen Menschen Haltung.

Am Häuschen Gwendolins erfuhr er, sie habe Besuch, und die Herrschaften seien wahrscheinlich im Baumgarten des Gasthofs beim Frühstück.

Da fragte er sich ein wenig an der Frau zurecht, aber er wandelte noch auf Wegen aus Himmelblau seinen heißen Wünschen nach.

Als er das Wildrosenkleid und den blühenden Sonnenhut sah, ward er beschwingter Sommerwind und flog ihr entgegen. Der Herr, der mit Gwendolin an dem übersonnten Tische saß, nestelte ihr aus einem schäkernden Besitzrecht heraus an dem goldenen Halskettlein. Und als der lustige Sommerwind dazwischenflog, blies ihn eine morgenkühle Gleichgültigkeit an. Gwendolin tat sehr überrascht, den Herrn Sinsheimer zu sehen, und stellte ihn vor als einen Malschüler, mit dem sie gelegentlich eine Stunde da oben am Waldrande zusammen eine Farbenskizze gemacht habe.

»Und Sie wollen Ihre Staffelei holen?« fragte sie.

»Eigentlich nicht,« antwortete er und setzte sich steil in eine Art von Fassung.

Da kam der Kellner und meldete, der Wagen sei da.

»Wir fahren nach Belvedere,« sagte Gwendolin. »Wenn Sie Ihr Malzeug heute mitnehmen wollen -- meine Mietsfrau kennt Sie ja und wird Ihnen willig alles einhändigen. Adieu, Herr Sinsheimer.«

Sie legte die Spitzen ihrer Finger in seine Hand, und nach einer förmlichen Verbeugung ihres Begleiters hüpften die beiden durch den Sonnenschatten der Zwetschenbäume in klingender Unbekümmertheit dahin.