Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 7

Chapter 73,873 wordsPublic domain

So hatte sich Fridolin Hartwig einen Weg gesucht, den Zehrpfennig für eine letzte Sommerfahrt zu erlangen, die ihn bis an die Pforte des Vergessens führen sollte! Er hatte das Vertrauen der alten Dame zu dem Jungen als Spieleinsatz darangewagt, und hatte sich nicht gescheut, sich diesen sträflichen Abgang aus dem Leben zu sichern, mit dem er niemals fertig geworden war; denn am Tage darauf, während Veronika schon längst wieder in ihrem Waldhäuslein saß, stürmte Doris Rinkhaus auf die Malwiese Jockeles und stieß einen Indianerschrei aus -- Herr Fridolin Hartwig wäre verschwunden und hätte seiner Frau einen Brief zurückgelassen, darin stand:

»Ich bin des aussichtslosen Kampfes mit der Welt müde -- in der Stille eines Klosters hoffe ich Rast und Sühne zu finden.«

Jockele besann sich in seiner Bestürzung auf kein Wort, das er ihr sagen sollte. Er legte sein Malzeug ins Gras und ging in das kleine Haus, das noch ganz voll war von dem hellen Scheine, den Tante Veronika gestern hindurchgeschienen hatte. Er setzte sich auf den Stuhl wie ein Reiter in den Sattel, kreuzte die Arme über der Lehne und legte das Kinn darauf. Er machte sich schwere Bedenken über die Menschen, mit denen er in diesen Monaten zusammengetroffen war. Darüber wurde es ganz finster in ihm, und in der Finsternis standen zwei sehr helle Sterne, die hießen Veronika und Doris; und es glimmten noch zwei kleinere in weiter Ferne herauf: das Zinzilein und Matthias Prinz.

Zum ersten Male kam ihm der Gedanke, der heimliche Friede des Frühlingshauses könnte daran schuld sein, und sein Leben wäre zu weit abgerückt gewesen von dem der anderen. Er saß eine Stunde und sann sich brunnentief in den Gedanken: er wäre wohl ein Mensch, der nicht zu anderen paßte; denn in Doris Rinkhaus war über der wilden Geschichte mit Hartwig nicht eine einzige Kerze verlöscht von den vielen, die in ihr leuchteten. Und in ihm sah es aus, als wäre er in ein Burgverließ gestoßen worden.

Da ging er wieder hinaus und nahm sein Malzeug auf und setzte einen Farbenfleck neben den andern. Aber es kam nichts zustande; denn seine Gedanken flogen umher wie Tauben, die sich nicht mehr zu ihrem Schlage finden.

Doris Rinkhaus kam, und er sagte zu ihr: »Es ist eine verrückte Sache, und ich bin darüber ganz von mir selber gekommen. Haben Sie Lust? Ich möchte mit Ihnen in die Welt laufen -- vielleicht entdecke ich da den Jockele Sinsheimer in irgendeinem Waldwinkel; denn der jetzt mit Ihnen redet, heißt etwa Emil Meyer.«

Da machten sie sich fertig und gingen durch die Pforte im Zaun über die Raine und kamen in den Kastanienwald, der an der Viehleite nach Oberweimar liegt.

»Warum sind wir eigentlich noch nie so miteinander gegangen?« fragte er. »Es sind doch Ferien, und es ist Sommer in der Welt.«

»Weil Sie immer fleißig gewesen sind und auch gar keine Wünsche hatten.«

»Es ist richtig -- ich habe kaum gemerkt, daß ich bis zum Rande voll Glück war. Aber durch die mancherlei Erlebnisse ist darüber vieles in den Sand geronnen.«

»Oder Sie waren von unnahbarer Unzufriedenheit; dann haben Sie menschenfresserische Gelüste. Aber die soll man Ihnen gern lassen; denn auch damit hat es bei Ihnen seine Richtigkeit!« neckte Doris Rinkhaus.

So stiegen sie hinein in späte Aehrenfelder und Sommerlicht, und dieser Tag ward ein Meilenstein am Weg ihres Lebens, und sie wußten es nicht. Doris Rinkhaus hatte gedacht: »Ich will ihm alle Schatten hinweglachen,« aber nun, da sie erkannte, daß er in eifriger Arbeit an sich selber war, blieb sie bei ihm, wie er sie haben wollte. Einmal schritten sie zwischen hohem Hafer; es war ganz still, nur der Sang einer Sommerlerche war noch da und sehr viel Sonne. Da lachte Doris Rinkhaus und sagte: »Ich dachte daran, daß junge Männer in der Regel neben jungen Mädchen herlaufen wie Hunde, die ihnen die Zeit vertreiben; es sieht aus, als wollten sie immer etwas apportieren, was ihnen die Laune auf den Weg wirft; dann werden sie müde aneinander und langweilen sich heimwärts.« Sie wanderten danach ein Stück durch das Wäldchen, das das Webicht heißt -- »Hoffmann von Fallersleben hat in den Erinnerungen aus seinem Leben manches hübsche dichterische Bild aus diesem Walde aufbewahrt,« sagte sie, »es müssen zu jener Zeit hier noch Schneeglöckchen gewachsen sein; denn er sagt einmal: ›Diese sprossenden Frühlingskinder strecken im Webicht dem besiegten Winter schon die Zünglein heraus.‹ Und Musäus hat auf seinen Gängen hier Märchen blühen sehen ...«

»Das wissen Sie alles?«

»Hm,« sagte sie, »ich bin in diesen zwei Jahren ja fast stets allein mit mir selber gewesen, da hab' ich mir dann immer einen Dichter zur Begleitung gebeten.«

»Und wollen Sie nun alle diese Schätze für mich aufbauen?«

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so oft und so viel Sie wollen.«

Sie kamen nach Tiefurt und gingen durch das alte Schloß, das einst ein Bauernhaus gewesen ist, und gelangten in schauerndem Erleben hinein in die Tage, da sich in diesen Räumen der Teekreis mit Goethe, Herder und Wieland, mit Anna Amalia, der Göchhausen und Corona Schröter bildete, der zu einem Zauberringe geworden ist, in dem Lust, Genie und Freundschaft vermoderter Zeiten neu werden jedem sehenden Auge und sich hinüberleben aus einem Jahrhundert in das andere.

Es war um diese Mittagszeit niemand auf den Wegen des Parks, auf denen sonst die Allzuvielen dahinwandeln in der Ahnungslosigkeit ihres Schauens und meinen, was sie mit ihren Augen sehen, das wäre es. Aber Weimar -- das Unsichtbare -- ist tiefe, tiefe Ewigkeit, und Ewigkeit ist lebendig, und darum ist Weimar die Seele Deutschlands. Vielleicht ist es die Seele der Welt.

»Ich bin einmal durchgelaufen, wie die Neugier hier durchläuft,« sagte Jakobus, »und ich habe damals einige Scherze Goethes gesehen, wie sie die Neugier sich ansieht.«

»Dachten Sie dabei nicht, was es wäre, das selbst diese Scherze auf die Schwelle der Unsterblichkeit versetzt hat?« fragte sie.

»Nein,« sagte er, »ich hatte damals noch nicht gelernt, vor dem Ewigen zu erschauern; denn ich dachte, es gäbe keine Rede, die nicht mit den Ohren zu hören wäre. Aber vorhin, als ich Sie ganz vergessen hatte, wie wir so zwischen dem kleinen Gartentempel der Anna Amalia und dem Ufer der Ilm dahinschritten -- vorhin hab' ich einer Aufführung der ›Fischerin‹ beigewohnt -- ich danke Ihnen viele tausend Mal, Fräulein Rinkhaus!«

Da machte sie wieder ihre Siegeraugen und sagte: »Kommen Sie, jetzt müssen wir zu Tisch.« Sie waren auch da allein und so voll freudiger Weihe, daß Doris Rinkhaus den Platz mit ihm wechselte. »Sie müssen in den Gutshof gucken,« sagte sie, »sonst kommen Sie mir abhanden. -- So haben Sie heute also doch noch den Namen Goethes leuchten sehen, den der Genius an jenem Abend in die Wolken schrieb und um den Minerva ihre Kränze flocht -- ob man damals ahnte, daß er für Deutschland ein Flammenzeichen würde? Es war ein Spiel und hieß ›Minervens Geburt, Leben und Taten‹. -- Seckendorff hatte Reime und Musik geschrieben und Karl August stellte den Vulkan dar.« Doris Rinkhaus sprach das alles von der Pforte der Unsterblichkeit herüber, das Herz leuchtete ihr dabei in die Augen. Aber so oft sie merkte, daß sie über ihn hinwegwuchs, pflanzte sie ein Wort fröhlichen Mutwillens daneben ... »Hätschelhans!« sagte sie jetzt -- »so hat die Herzogin Anna Amalia in einem Brief an seine Mutter Goethen genannt, als sie ihr berichtete, daß das Tiefurter Journal immer noch in Blüte stehe. Vielleicht ist ihr der Gedanke, es zu gründen, an dieser Stelle eingefallen ... Jawohl, Hätschelhans -- ich bin Ihnen nicht einmal diesen Schnipp mit Daumen und Zeigefinger schuldig, und tue doch gerade, als wär' ich dazu auf die Welt gekommen, Sie weise zu machen. Was gehen Sie mich eigentlich an? ... Hätschelhans ist eine feine Bezeichnung für Sie ... Erst das Fräulein Sinsheimer, dann das Zinzilein, dann die Doris Rinkhaus, dann ... und dann ... na, und dann ... Die Gurke ist einfach erhaben die müssen Sie probieren!« Dabei schaute sie sich aber schon wieder in ihr Herz: »Vielleicht bin ich Ihnen doch etwas schuldig geworden,« und legte gleich einen neuen Pfeil auf, den wollte sie verschießen, wenn er sich einfallen ließ, zu fragen, was das heißen solle. Aber er fragte nicht, sondern sagte: »Wohin gehen wir morgen?« -- »Auf die Entdeckung Weimars!« lachte sie. Und weil sie nun lustig waren, sagte er: »Mit Ihnen wag' ich mich auch nach Ibenheim.«

Abends saß er allein auf der Wildenbruchbank, die am Ende des Walles vom alten Schießstande steht, und sah den Tag über dem Silberblick in sein blutrotes Sterben sinken und erkannte, daß er das nun ganz anders sah als damals, da er mit seiner neuentdeckten Seele aus dem ›Laboratorium‹ in die Gefilde Walhalls flog. Da wuchtete, meermäßig, aber unverstürmt, eine korpulente Dame den Wall daher, den Panama romantisch aufgestülpt ... »Die sieht stets aus, als regnete es,« dachte er und lachte so in sich hinein; denn es fiel ihm ein, daß er sich bei ihrem Anblick immer auf dem gleichen Gedanken ertappte. Er kannte sie nicht. Sie redete mit ihm, und ihre Stimme und ihre Worte waren auf einem behaglichen Selbstbewußtsein erbaut ... »Was wissen Sie von Wildenbruch?« fragte sie im Laufe der Unterhaltung. Diese Frage fiel ihn ein bißchen an, aber er hatte eine Erleuchtung und sagte: »Daß er dem deutschen Volke zwanzig Jahre zu früh gestorben ist.«

Diesen langen Sommertag hindurch hatte das Leben an ihm herumgefragt -- zuerst: Was wissen Sie von den Menschen? Was wissen Sie von Goethe, Herder, Wieland, was von Weimar und was von Wildenbruch? Er ging noch einmal unter den Fenstern des Gartenhauses vorüber, zu sehen, ob Do noch in der Weinlaube säße. Da rief sie von oben: »Was treiben Sie denn da, Jo?« -- »Ich ästimiere mein Gehirn für die Wüste Sahara,« sagte er. -- »Da suchen Sie gleich mal nach einer Oase!« -- »Die einzige, die da ist, hab' ich schon gefunden,« sagte er aus unverhohlener Bitternis, »sie ist voll von Versteinerungen, Kräutern, Moosen und Schmetterlingen, wie sie in Ibenheim im Thüringer Walde wachsen. Aber lassen Sie mir doch eine Kerze und ein Stück Wildenbruch an einem Faden herunter -- ich will mich bilden!«

Nicht lange danach pendelte ein Pack durch die sammetweiche Dunkelheit, und Do's Augen leuchteten ihr Vergnügen darauf hernieder. »Es sind die Gedichte, und es ist die ›Rabensteinerin‹,« sagte sie. »Sie sollen nicht gleich in die Königsdramen springen, und die Romane dürfen Sie sich ganz schenken.« Weil der Faden nicht lang genug war und der Pack vor der Mitte des Fensters in neckische Schwingungen geriet, mußte Jockele ein paarmal danach springen. Da scherzte Doris Rinkhaus: »Sehen Sie, jetzt malen Sie nicht und haben doch eine Illustration geliefert: ›Jakobus Sinsheimer und die deutsche Dichtung‹.«

Sie hatten über dem Mittagsmahle von Tiefurt beschlossen, sich der Kürze halber Do und Jo zu nennen. Das Fenster ging wieder zu. Fräulein Rinkhaus ließ sich nie auf abendliche Gartengespräche mit ihm ein, und auf geflüstertes Fensterln nun mal gar nicht. Seit sie allein war, rückte sie mit Eintritt der Dämmerung für Jakobus in befremdende Fernen.

Aber nun setzte er sich doch in Dos Weinlaube, träufelte Stearin auf die Tischplatte, stellt die Kerze hinein und las sich über der ›Rabensteinerin‹ ein fliegendes Herz. Manchmal stolperte er und rückte mit dem Schnitt des Buches ganz dicht unter das Licht ... »Es liegen Feldsteine in dieser Sprache,« dachte er und wunderte sich über diese holprige Absichtlichkeit und konnte sie sich nicht erklären. Als er das Buch zugeklappt hatte, griff er nach den Gedichten -- es war nur noch ein winziger Stumpf Stearin da -- und fand das ›Hexenlied‹ und ließ die heißen leuchtenden Verse über sich kommen wie ein Gewitter, das auf dürstende Sommerwiesen fällt. Und wie ein Gebet. Er fühlte das Blut schäumen in seinen Adern und hielt den Band in den Händen, daß er in den Heften knarrte, und seine Sinne gerieten darüber in eine heilige Not. Er atmete über die Seiten wie heiße Nacht und las laut in die dunkelblaue Einsamkeit und wußte es nicht. Da fiel der Docht in den flüssigen Talg, und er ließ sich von der Benzinflamme seiner Feuermaschine leuchten.

Doris Rinkhaus, die schon im Bett gewesen war, öffnete droben ganz leise das Fenster und hörte, daß er mit sich allein sprach. Dann versickerte auch das kleine Licht, da lief er in das Gras unter den Bäumen und wunderte sich, daß nun doch gar kein Sturm in den Kronen flog. Die Sterne hingen darin, und aus dem Herrenhause zog weich und sehnsüchtig das Spiel einer Geige. Er wußte von Do: es war eine Frauenhand, die diese Fülle klarer Schönheit aus den Saiten strich, und die silberne Exzellenz saß am Flügel und begleitete. Verspätete Leuchtkäfer zogen zwischen den klingenden Bändern der Geige ihre goldene Bahn.

Als alles in dunkelblaue Finsternis versickert war, dachte er: »Ich weiß auch von Klavier und Geige nicht mehr, als daß sie da sind. Sahara! Sie sagen: die Zigeuner geigen sich aus dem Mutterleib hinein in ihr Leben, und ihr Herz ist ein Saitenspiel, das zu klingen beginnt, wenn man es in Wind oder Sonne stellt ... Warum hab ich nicht solch ein Herz? ... Oha,« lachte er ingrimmig -- »wenn das Mädchen Mali in der Sandkuhle zu singen anhub, da war es, als probiere sie einen Kieselstein auf einem Reibeisen, und das nannte sie dann Musik. Darüber ist alles, was in mir klingen konnte, zuschanden gesungen worden.«

Auf einmal stand im Fenster des Gartenhauses ein Licht und war, als ob es ihn riefe.

Da ging er hin. Aber der blaue Vorhang war fest geschlossen, es war der Schein einer Laterne, der sich durch die Hecke und das weite Dunkel des Gartens gefunden hatte und sich nun im Fenster brach.

Es war aber ein wilder Wille in ihm, Doris Rinkhaus in dieser Stunde bei sich zu haben -- wenn sie jetzt da wäre, würde er ihr alle Türen seines Herzens aufreißen, und es müßten brausende Ströme von Gold über sie schießen ... Morgen früh? Ach, morgen früh ist das schöne wilde Feuer darnieder!

Da lief er an den Schuppen, nahm die Leiter herab, und lehnte sie an die Mauer unter Dos Fenster und stieg empor. Das Feuerzeug raffte sich noch auf zu einem halbverlorenen Flämmlein -- er schrieb auf ein Stück Papier:

»Do -- wenn Sie wüßten, wie ich brenne, Sie könnten nicht schlafen! Ich bin voll Licht wie blühende Kastanien im Frühling -- nein: ich bin voller Sterne wie die Sommernacht, der der Mond aus den Händen gefallen ist.«

Dann steckte er den Zettel mit zwei Nadeln an den Rahmen, damit sie ihn lesen mußte, wenn sie morgens den Vorhang aufzog. Er kletterte die Leiter wieder hinab und wunderte sich, daß er nicht sprang.

Früh war er aber doch noch voll nachzitternder Erinnerungen und kam sich nicht entfernt vor wie eine Brandstätte.

Er hatte vor dem Gange mit Doris Rinkhaus noch ein paar Besorgungen in der Stadt machen wollen, und weil es ein Markttag war, war die Luft in der Nähe der Sternbrücke auch schon voll von Umgegend, und das andere Leben plätscherte bis über die Ilm. Als er die Straße Am Horn herabkam, sah er an der Quelle, die in sanftem Wall den Spiegel des flachen Beckens zerbricht, den Musikstudierenden Erich Meyer. Er hatte ihn gleich in den ersten Wochen seines Weimarer Aufenthaltes kennen gelernt; er war der ärmste aller Akademiker, ein vorgeschrittenes Semester und von durchschnittlichem Talente. Von diesen dreien sind Armut und mäßiges Alter hinwegzusingen oder zu vergeigen, aber das Teufelsgeschenk einer Durchschnittsbegabung kann es fertigbringen, den Betroffenen um Leben, Ehr' und Seligkeit zu betrügen. Zu allem besaß Erich Meyer noch ein Herz von Gold in kaum je dagewesener Echtheit. So war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite hin fast lebensgefährlich.

Als Jakobus Sinsheimer ihn da unten in sinnender Betrachtung entdeckt hatte, sprang er gleich den Hang hinab und setzte über die Leutra und erfuhr, daß Erich Meyer in dieser Zeit aus irgendeinem Weltwinkel ein bescheidenes Stipendium erhalten hatte -- dreihundert Mark, die ihm von einer mitleidigen Fürsprache unter dreifachem Hinweis auf seine Entsagungs- und Gemütskraft ausgewirkt worden waren. Nun stand Erich Meyer mit dem goldenen Herzen zwischen Sphinx und Brunnen, und Jockele sagte zu ihm: »Sie sehen aus, als setzten Sie flackerndes Sonnenlicht im Spiele mit den Wassern in Töne um!«

»Fällt mir ja gar nicht ein,« lachte der blonde Erich, »sondern ich freute mich gerade darüber, daß ich über jene dreihundert Mark mit einer Genialität verfügt habe, die mir die Frage nahelegt, ob ich nicht doch noch umsattele und mich dem Bankfache widme.«

»Es wäre zu erwägen,« sagte Jockele mit komischem Ernst.

Darüber spähten sie nach dem Wege aus, den sie nehmen wollten, und kamen ins Wippen. Der lange Meyer wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen, stracken, blonden Haare über dem Rockkragen von links und rechts. Meyer hatte einmal eine unmöblierte Stube bei Hartwig innegehabt und besaß außer einem Bett und dem, was er auf dem Leibe trug, kaum etwas. Eine leere Kiste, von der er behauptete, er brauche sie zu Umzügen, benutzte er als Tisch, und einen Stuhl hatte er nicht. Sie gingen an der Ilm entlang und über die Kegelbrücke zur Stadt. In dem Brückenhäuschen, um das immerwährendes Rauschen des Wassers und der Bäume ist, hatte er eine Stube ermietet, und die fünf hellhaarigen Mädel des Brückenmannes waren seine treuen Gesellen durch die Mühsal seiner Tage, von der er aber keine richtige Ahnung hatte. Die älteste bereitete er für die Musikschule vor, natürlich umsonst, und war nun in eine Gesprächigkeit verfallen, die seinem Wesen ganz fremd war. Er sagte, er hätte in diesen Tagen alle seine Rechnungen beglichen, auch die des Schneiders, und das Mittagessen hatte er sogar auf sechs Wochen im voraus bezahlt. Das war die Hauptursache seines hochgehenden Glücks. »Und jetzt hab' ich noch zehn Mark und gehe, einen Stuhl zu erstehen! So wird meine Einrichtung allmählich komplett, und es wird ganz unbeschreiblich wohnlich werden. Kommen Sie, helfen Sie mir beim Einkauf!«

Als sie aus der Vorwerksgasse auf den Herderplatz schritten, kreuzte eine Frau mit versorgtem Gesicht ihren Weg. Es war Therese Hartwig. Niedergegangenes Weinen hatte Gräben um ihren Mund gewaschen, und was in diesem Gesicht vor Jahren in Blüte gestanden, war von den Gewittern des Lebens zerschlagen. Es war alles hausmachen an ihr. Sie fing gleich an, ihr Klagelied zu singen; denn sie hatte sich Erich Meyer schon in besseren Tagen anvertraut, und sein Herz geriet darüber in mitleidvolles Schwingen. Als sie durch die Rittergasse auf den stillen Zeughof gekommen waren, läutete es so feierlich, daß er in die rechte Westentasche griff und darin etwas losmachte. »Es fällt mir eben ein,« sagte er -- »Fridolin Hartwig hat mir vor langer Zeit zehn Mark geliehen. Ich konnte ihm das Geld nicht zurückgeben. So nehmen Sie es als seine Hinterlassenschaft.« Als sie wieder allein waren, sagte Meyer: »Alle diese Leute haben kein Geschick zum Glücklichsein. Erst ist sie die Frau eines anderen gewesen und hat Kinder gehabt. Dann ist sie jenem mit Fridolin Hartwig davongelaufen -- und nun hat ihr der Mann auch diese Kinder genommen und hat sie sitzen lassen.«

Jockele aber sagte: »Ich denke, Sie haben weiter gar nichts besessen als diese zehn Mark?«

»Natürlich nicht.«

»Und am Ende sind sie jenem Hartwig gar nichts schuldig geworden?«

»Ach Unsinn! Niemals einen Pfennig! Aber die Frau ist damals doch immer so freundlich zu mir gewesen, und solch eine tiefe Not kann ich nicht mitansehen.«

»Den Plan mit dem Finanzminister geben Sie mal auf,« sagte Jockele, »ich glaube, Sie passen nicht recht für einen solchen Posten. Was soll denn nun mit Ihnen werden?«

»Ach, der liebe Gott und meine fünf Brückenmädel lassen mich nicht verderben.«

Vor dem Theater gingen sie auseinander, und als Jakobus einige Tuben Farben erstanden, eilte er nach Hause. Doris Rinkhaus sah ihn den hohen Wall des Schießstands daherkommen --

»Sie haben die Augen schon wieder voll Erlebnisse!« sagte sie.

»Mir begegnet auf allen Wegen ein Wunder! Dieser Erich Meyer ist ein Genie des Herzens ... Hören Sie!« Und als sie gehört hatte, sagte sie: »Genie des Herzens! Er liegt unter den Rädern des Lebens und macht aus seinem Dasein ein Fastnachtsspiel! Aber ein Mann muß Stahl im Herzen haben.«

Dann gingen sie um die Stadt herum und wanderten nach dem Ettersberg. Erich Meyers gigantische Gemütskraft in ihrem Verhältnis zum Dasein wurde erörtert und schlug heftige Reden aus ihnen.

Jockele hatte das heilige Feuer der vorigen Nacht darüber fast vergessen. Auf einmal waren sie im Walde, und das sachte Rauschen der hohen Fichten lag um sie wie schwarzer Samt.

»Was hatte das Hexenlied in der Nacht für eine Verwirrung in Ihnen angerichtet?« fragte Do.

Es schoß eine heiße, heiße Welle Blutes in seine Stirn, aber er jauchzte sich darüber hinweg und breitete die Arme weit aus:

»Ich bin zu einem neuen Lande gefahren -- warum waren Sie nicht bei mir?«

Sie hatte sich vorgenommen, dies neue Land auszukundschaften, und zog alle Segel hoch --

»Nun, und wenn ich dagewesen wäre?«

»Dann -- -- ich glaube, es wäre für Sie sehr gefährlich geworden!«

»Donnerwetter!« lachte sie, »das heißt, Sie hätten mir eine Vorlesung über Wildenbruch gehalten?«

»Nein, nein -- ich hatte eine Sehnsucht ... Es war alles wild geworden in mir, ich dachte, ich müßte die Zähne in blühende Frühlingsgaben schlagen!«

»Das klingt allerdings genau wie der Zettel,« sagte sie ein bißchen verächtlich und merkte, daß sie den Ton getroffen hatte, nach dem sie suchen gegangen war.

»Sagen Sie mir die Worte -- sagen Sie sie mir!« bat er und stand schon wieder in hohem Feuer.

»Ich weiß sie nicht mehr, und den Zettel hab' ich in den Ofen gesteckt. So kleine Entgleisungen muß eine Freundschaft vergessen können.«

Das klang sehr wohltemperiert.

»Ach,« jubilierte er, »nennen Sie es tausendmal eine Entgleisung -- es war doch fein, und ich war voll purpurnem Lichte wie der Abendhimmel!«

»So etwas ist wahrscheinlich immer am feinsten allein,« sagte sie unwissend.

Aber er fragte fürwitzig: »Ist es Ihnen auch schon so ergangen?«

Da wäre sie am liebsten davongeflogen wie ein kleiner roter Luftballon. Sie strich sich mit beiden Händen über das Gesicht und sagte, die Sonne hätte sie verbrannt ... »Sie hören wohl nicht gut?« schalt sie, weil sie sich so in Not sah. »Ich sagte, wahrscheinlich!«

Da zwang er sie, in die dunklen Brunnen seiner Augen zu schauen und sie merkte: es standen Sterne darin, die vorher nicht dagewesen waren. Und sie versuchte ihre Siegeraugen; es war mühevoll und kam nicht weit über den Vorsatz hinaus. Aber sie war froh, daß ihm das Leben aufging, und daß sie nun auf einer Wacht sein mußte, die sie die Zeit her lächelnd für unnötig gehalten hatte. Frauen spielen gern mit Feuer und fangen an zu blasen, wenn sie eine Glut vermuten. Und als Doris Rinkhaus fühlte, daß ihre Bedrängnis fort war, blies sie ein bißchen.

Sie schritten nun auf dem Ettersberge an dem schönen Waldsaum nach dem Bismarck-Denkmale dahin. Rings lag die Erde in breiten, bunten Erntefarben, die im Tale zwischen den Häusern mit den funkelnden Fenstern versickerten.

Auf einmal stand ein gelbes Kleid im Walde hinter einer Staffelei, und obendarauf war ein breiter Sonnenhut mit einem Kranz aus wilden Rosen. Wilde Rosen waren auch über das Kleid gestreut.

»Jakobus Sinsheimer,« sagte Do und ging im Hinschauen unter, »das ist Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung! Kennen Sie die?«

»Nein,« sagte er, »aber sie scheint so lang zu sein wie ihr Name.«

»Die Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.«

»Einstweilen sieht man noch gar nicht, was unter dem Wildrosenhute steckt!«

»Kommen Sie, die führ' ich Ihnen vor!«